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Full text of "Ehejahre, 18401856"

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lara Sdjuntann 

<£itt Mnßlerlcben 

ttadj Cagebüdjern nttb Briefen 

non 

Bnlljultr lifjmamt 

Broeiter ßartö 

(& Ij t i a Ij r * 

1840-1856. 

4Htt jrott fiUöntffen. 

dritte butdigefeliene Huflage. 




Ceipjtg 

Druck nub Verlag uon ßrettkopf uitb gärtet 

1907. 



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Bxrrhwrt 



®aß ber jwcite ©anb fo lange auf ficß h at warten taffen, finbct 
feine ©rtlärung unb hoffentlich auch feine ©ntfcfjulbigung in ber 
teiber nicht aus bem SBege ju räumenben STatfad^e, baß mir für 
biefe Strbeit einzig unb allein bie SRuße meiner unb 

§erbftferien ju ©ebote ftanb unb fteljt. ®iefe ift alletbmgS faft 
reftloS bafür oerwenbet worben, unb nur baburd) war eS überhaupt 
möglich, jefct f<hott k' e Sortierung folgen ju laffen; bie fffortfefjung, 
nicht ben Schluß! ®iefen wirb erft ein britter ©anb bringen. 
®ie Überfülle beS Stoffes , bie fich in ihrer äftaffe unb in ihrer 
©igenart erft bei ber ^Durcharbeitung ber SDtaterialien be§ oor= 
liegenben ©anbcS, ber ja eigentlich eine 3)oppelbiographie ©obert 
unb ©lara Schumanns geworben ift, ergab, hui biefe Abweichung 
toont urfpriinglichen ^piau notwenbig gemacht. 

®en bisherigen greunben beS ©ucfjeS wirb bie gortfehtmg infofern 
eine Überrafchung unb oieHcicht eine gewiffe ©nttäufdhung bereiten, 
als im ^weiten ©aitbe bie unmittelbaren brieflichen Äußerungen 
fRobertS unb ElaraS, bie bem erften baS eigentümliche ©epräge 
gaben, feßr juriieftreten, unb an ihrer Stelle ber fchilbentbe ©io* 
graph faft auSfdjließlich ober hoch öorwiegenb 31t Sorte fonnnt. ®aß 
bieS aber eine fowohl burch bie ©erfchiebenheit beS für biefen 
fiebenSabfchnitt $u ©ebote ftehenben SJfaterialS wie burch ßigen» 
art ber hier ju löfenben fiinftlerifchen Aufgabe gebotene innere 9iot» 
Wenbigfeit war, wirb tritifchen Sefern nicht entgehen. 

3rür lefctere bebarf es auefj nicht ber ©erficherung, baß in bem 
noch auSftel)enben Schlußbanb. — ber einen Zeitraum non 40 Saljreu 



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ȧoEtPort. 



umfafjt — bie bisher befolgte fdjritttoeife ^Begleitung be8 ßebenSgangeS 
bet $elbin einer bie ©rlebniffe gruppettnieiä itt größeren Slbfdjnittcn 
jufammenfaffenben $arftellung ißla^ machen toirb. 

biefcm 93aitbe beigegebene fßorträt Stöbert ©djumaimS ift 
bie Sieprobuftion einer geidjnung Sbitarb Senbemannä au8 bent 3af)r 
1859 uad) ber ©. 208 ernannten Hamburger Saguerreotppie au§ 
bent ÜJtärg 1850. STitelbilb ift eine Steprobnftion be« ®e« 

mälbeä oon ©oljn, mit bem Slara SSeifjnadjten 1853 iljrett Sötann 
überragte. 



91m 65 jäftrigen §o(^jett8tage Stöbert unb Slara ©djumannS, 
bett 12. September 1905. 



Sttnggenberg am 8rienjer ©ce, 



Sert^olb ßifcraann. 



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1 n Ij a l f. 



CXilt 

Scrfflcrt 

<5t(te8 gapitel: griHitinflgtcflcn unb Sonncnjd)eiit '1840—44 1 

flroeiteg fiapittt: Stitteä Steifen il844 - 60) 91 

g>ritte3 Kapitel: Ser&ftfäbut (1850—64) 223 

8?ierte8 ftopitel: 9fad)t (1854) 294 

Sfinftcä ffaftitet: SBetfragenber fttanfl (1854—56) 335 



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(StfieS $apttet. 



grüßlittgaretjcn unb Sonnenfcßein. 

1840-1844. 

„9J?an wirb eS jugebcn miiffen", fcfjreibt ©cßumann im grriißling 
1840*, „in biefem üon ber 9?atur fo ftiefmiitterlid^ beßanbelten 
Seipjig blüßt bie beutfcße ÜJJufif, baß eS ficß, oßne für unbe» 
fcßeiben ju gelten, neben ben reichten unb größten ^rueßt* unb Slüten* 

gärten anberer ©täbte feßen laffen barf ©o wolle ber mufi« 

falifeße ©eniuS noeß lange fegnenb über biefer ©rbfcßotle waeßen, 
bie früßer ber 9?ame 93acß3 geweißt, je|t ber eine« bcrüßmteit jungen 
SDReifterS, welcßer lefctere, Wie Sille, bie ißm itaße fteßen, jum ©ebeißen 
waßrer $unft noeß Diele Saßre unter uns Derweilen möge!" 

@3 Hingt feßon wie eine leife S3eforgniS ber SSergänglicßfeit 
biefer SBlüte ßerein, bie ja in ber fjolge fieß als nur ju berechtigt 
erweifen füllte. Slber troßbem würbe ber Sunfcß, wenn aueß nur 
für eine furje ©panne $eit, ißm unb allen ©leießgefinnten wunber» 
bar unb ßerrlicß erfüllt, unb fdßöner noeß, als bie ©efeßeibenßeit 
beS ißropßeten Sort ßaben wollte. 

Senn bis ju jenem geitpunft SÖZenbelSfoßnS 9iame unb ißer» 
fönlicßleit allein unb auSfcßtießlicß bein Seipjiger SKufiflcben, jeben» 
falls in ben Slugen ber gtnicrfteßenben, ben Stempel aufgebriieft 
ßatte, fo würbe in ben Dier 3taßren, bie nun folgten, ber belebenbe 
Slnßaucß, ber Don fieipjig auSging, Derftärft unb Dcrtieft burtß bie 
in überrafeßenber SSielfeitigfeit unb fprubetnber fjrifcße Wie ein lange 

* 3JfufifIe&en in Seipjig wflljrenb be4 SB intern 1839/40. Steue .ßtfdjT. f. 
®tufil 1840. S?c. 35-40. ©ef. ©Triften 4. Stuß. II. ©. 242 ff. 

8t?mann, Slaca Schumann. II. X 



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1840—1844. 



fünftlidj gehemmter Strom fidj bafjnbredjenbe ©cfjöpfcrlraft ©d)u* 
mannS. 

Stm fdjroer erfämpften eigenen Herb, bcm ,Q' e t jahrelanger 
Sräunte, Warb Wirflidj unb enblicfj alles frei, was bis ba|in in ihm 
gebunben gewefcn. Unb wenn auch fcfjon in biefen erften Sahreit 
bereits h* n unb wieber Vorboten fpäterer Seiben ©orgen wedten 
unb ©chatten auf baS junge häusliche @tiid warfen, fo waren fie 
hoch cinftweilen, auch für bie 92äcl;ftbeteitigten, nicht mehr als ftüd)« 
tigeS, fchneU üergehenbeS SRittagSgewöl! an einem Waren ©ommer* 
tag. S)emt in ganzer güHe warb an ihm baS äSort wahr: 

„SSeglüdt, fficnt rufjig liebcnb ein frommes SBeib 
Stm eignen Jperb in frieblidjer Heimat lebt, 

@3 leuchtet über feftent SBobcn 
©djöner jein §immel bem fiebern ffltanne." 

Stm 13. ©eptember, bem erften Sag ihrer jungen (5 (je, überreichte 
©chumann feiner grau ein neues lagebuch, in baS er felbft bie 
erfte Gintragung machte. 

„$aS fflüdjlein, baS ich h cute eröffne", fchrieb er, „hat eine gar 
innige Vebeutung; eS foU ein Sagebuch werben, über SllleS, was 
unS gemeinfam berührt in unferem tpauS* unb Gheftanb; unfere 
Sßünfdje, unfere Hoffnungen füllen barin aufgcjeidjnct werben ; auch 
foU eS fein ein ©üdjlein ber Sitten, bie wir aneinanber ju ridjtevt 
haben, wenn baS ÜBort nidjt auSreicht; auch e 'oeS ber Vermittlung 
unb Verfolgung, wenn wir unS etwa oertannt hatten; furj ein guter, 
wahrer greunb foU eS uns fein, bem wir SllleS oertrauen, bem 
unfere Herren offen ftehen.“ .... „SWe acht Sage wechfeln wir ab 
in ber güljrung beS ©efretariats ; alle ©onntage . . . erfolgt bie 
Übergabe .... SaS ©efcfjriebene wirb aisbann gelefen, im ©tiHen, 
ober auch taut, je nadjbem ber gnljalt eS terlangt, VcrgeffeneS 
nachgetragen .... unb überhaupt ber ganje SebenStauf ber Sßodje 
forgfältig erwogen, ob eS auch ein wiirbiger unb tätiger war, ob wir 
unS nach tunen unb aufjen immer mehr im Söohlftanb befeftigt, ob 



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1840 - 1844 . 



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mir uns aud) in unferer geliebten Äunft immer meßr BerBoH* 
fommnet. 

Sie Sluf^etdinungen in einer Sßodje bürfeit nie unter einer 
Seite betragen; wer bagegen feßtt, befömmt eine Strafe, bie wir 
uns nod) auSfinnen wollen. 

©ne $ierbe unfereS SagcbüdjeldjenS foll wie gefagt bie Stritt! 
unferer fünftlerifdjen Seiftungen werben ; j. 33. fömmt genau hinein, 
maS Su eor^üglicf» ftubiert, was Su componiert, Was Su KeueS 
fennen gelernt l)aft, unb was Su baoon benlft; baSfelbe finbet bei mir 
Statt, ©ne anbere ^auptjierbe beS SudjeS bilben : Sßarafterfd)il* 
berungett 3 . S. bebeutenber Zünftler, bie wir in ber Käße gefeßen. 
Slnefboten, HumoriftifdjeS bleibt fcineSwegS auSgefdjloffen. 

SaS Sdjönfte unb ^erjigfte aber, was bas 83udj enthalten foll, 
will icß Sir, mein liebes SSBeib, nidfjt noch beim Kamen nennen; Seine 
unb meine frönen Hoffnungen, bie ber Himmel fegnen wolle, Seine 
unb meine ffleforgniffe, wie fie baS Seben in ber Sße mit fiel) 
bringt; fur^ aßen greuben unb Seiben beS eßelidjett ßebenS foll 
Hier eine treue ©efdjicßte gefdjrieben werben, bie uns noeß im 
fpäteren Sitter erfreuen wirb. 

33ift Su mit alle biefem einoerftanben, meinH«senSweib, fo fd^reibe 
Seinen Kamen unter meinen, unb laß uns als SatiSman noeß bie 
brei SBorte auSfprecßen, worauf alles ©liicf beS SebettS beruht: 

U tei§, Sparfamfeit unb Sreue." 

Unb unter KobertS Käme fteßt Bon ©araS H QI 1 b : „Sein Sir 
ton ganzer Seele ergebenes SBeib ©ara."' 

SKaitcße Bon ben ©ejeßen biefeS „SßeorbenS" finb im Saufe 
ber Srit übertreten unb Bcrgcffen worben, ber ©efeßgeber felbft 
ßat Bor allen Singen gegen baS erfte ©ebot ber gemeinfamen 
güßrung beS SagebucßeS in regelmäßigem SBecßjel gefreBelt unb, 
junädjft nur oorübergeljenb im feßöpferifeßen SlrbeitSbrang, ßemad) 
aber bauernb bie SBeridjterftattung über bie inneren unb äußeren 
©tebniffe ber grau allein überlaffen unb fo bem $udje beit 

l* 



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1840—1844. 



Gfjarafter einer fd^riftlic^eit gwiefpradje unter ben ©jjeleuten über 
fragen, bie fte im ©eräufcfje beS $ageS münbließ ju erörtern 
©djeu trugen, genommen; aber ber ©runbton, ber f)ier angefcßlageit 
Wirb, unb bie ffjauptjiele, bie t)ier, nicfjt fo feljr für ba§ gemeinfame 
Xagebucß als für bie gemeinfame SebenSwanberung, gefteHt werben, 
bie finb bis jum lebten Gnbe non beiben mit einer ’Jreue, einem 
©rnft unb einer fdjlicfjten ©röße feftgeßalten worben, wie fie woßl, 
unb 3 war nicfjt nur in einer SMnftleretje, $u ben größten ©eiten« 
ßeiten gehören. Unb bafi ein SebcnSbunb awifdjen zwei fo reidj 
begabten unb fo ftarf ausgeprägten fünftlerifcfjen Snbitibualitäten 
an fic^ jflippen unb fdjwere ©efaßren eigener Slrt in fidf) barg, 
barüber waren $war woljt bie beiben im Saufe ber langen fßrüfungS« 
jeit ficß flar geworben, aber bie ©röße ber baburdj gegeneinanbcr 
übernommenen fßflicfjten mußte bodj crft in einer feineSwegS immer 
leichten ©djule ber ©rfafjrung ton beiben nicfjt ofjnc innere Kämpfe 
erlentt werben. 

©S erfdjeint ja junädjft felbftterftänblidE), baß bei einer Slbwäguitg 
ber inS ©piel fommenben unb ifjr Stecht öerlangenben fünftlerifcfjen 
Begabungen, bem ©cljaffenben, in biefem gall alfo bem äftanit, unbe* 
bingt ber Borzug oor bem nur nadjfcßaffenben, reprobujierenben 
ffünftter — ßier ber g rau — eingeräumt Wirb. 

3n ber SBirflidjfeit aber war bie Söfung ber Aufgabe boefj 
nießt fo einfaeß, trofcbem ton beiben ©eiten gegenfeitige Siebe, an* 
geborene ^jergenSgüte unb ein überaus feines unb ftrengeS fünft» 
lerifcßeS ©ewiffen ton toraßerein jufammenwirften, um jebe mög« 
ließe ®iffonanj beim erften Ion in Harmonie aufeulöfen. 2 )enn 
als Slara SBiecf Stöbert ©cfjumaitn iljre ^anb reichte, fjatte für 
ben weiten ÄreiS ber ntufifalifcfj ©ebilbcten zweifellos ißr 9?ame 
einen ßeßeren unb tolleren ftlang in ber ßffentlicßfeit, als ber 
ißreS ÜJtanneS. ©ie ftanb, fo feßien eS bamals wenigftenS, troß 
ißrer Sugenb auf ber §öße ißrer Jfuuft, unb baS Berfdjroinben 
biefer jungfräulidjen, prieftcrlicßcn Srfcßeinung, bie wie ein aus 



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1840—1844. 



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reinerer Sltmofpßäre in rußiger, ftiHer Schönheit 2icßt oerbreitenbe« 
©eftirn Unzähligen bie Freube am eigenen 3)afein erhöht unb ben 
©tauben an reine« felbftlofe« Künfttertum geweift unb geftärft hatte, 
würbe allgemein al« ein niefjt ju. erfefcenber ©ertuft fcßmerzlich 
empfunben. Oenn nur bie wenigfteit Ratten eine Slßnung baüon, 
baß biefer jeitweitige ©erluft in SEirftictjteit für bie Kunft unb bie 
Künftlerin ben fjöc^ften ©ewirni bebeutete. 

^ebbet F)at einmal gejagt, Feber ber jur ©elbfterfenntni« unb 
Zum fixeren ©ebraudf) feiner Kräfte gelangen will, muß „in einem an* 
beren ©roßen erft einmal oötlig auf* unb untergeben . . . ©in ©rophet 
tauft ben ^weiten. Unb wem biefe Feuertaufe ba« |>aar fengt, 
ber war nicht berufen." 

Slber e« ift eben eine F eiter taufe, unb bem SSerbenben ift in 
biefen Slugenbticfen nicht nur willige Eingabe, fonbern auch uner* 
jcßütterlicher 2Jiut unb fefte« ©elbftoertrauen breifacb nötig, füll 
nicht ber 2eben«wecfer jum 3erftörer werben. 

Unb in biefer Söejiefjung warb Klara« Kraft auf bie höchfte ©robe 
geftellt. ©ie wußte ganz genau unb erfuhr e« täglich int 3 U * 
fammenteben mit ©chumann neu, baß er fchoit je^t, gerabe jejjt, 
Zum ©roßten herangereift war, baß er nicht nur für feine 2eben«ge* 
fährtin, fonbern auch für bie Künftlerin ber ÜKeifter war, bem fi<h 
hinzugeben unb in bem aufzugehen höchfte ©fließt unb höchfte« ©lücf 
Zugleich war; mochte auch bie Söelt, bi« in ben nädfjften Freunbe«* 
frei« hinein, geneigt fein, bie Offenbarungen feiner fpröben ©igen* 
art noch al« ©erfuclje eine« Stingepben, Kämpfenben aufjufaffen, 
bem bie harmonifcf) abgeflärte Künftterfchaft ber F rau in 'h rer 
Steife unb inneren ©efdjloffenheit al« ein, in ben ©rennen ihrer 
©egabung, ebenbürtige« ©lement minbeften« an bie ©eite ju 
ftellen fei. 

Stber, wenn fie auch fdjon in ben lebten Fahren ihre« ©raut* 
ftanbe« au« biefer ftaren perföttlidjen Überzeugung fjrrau« allen 
©hrgeij, al« ©chaffenbe neben ihm etwa« ©igenc« noch J u üiften. 



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1840—1844. 



begraben ßatte, fo war bod^ in ißrer bebinguitgSlofen Eingabe an 
ißn ein ißunft, bei bem inftinftiö uon Anfang an ißr Äünftler* 
gewiffen ißr fpalt gebot: Tie 2tuSübung ißrer ftunft. 

Taß Scßumann im Snnerften feines ^erjetiS eS am liebften ge* 
feßen ßätte, wenn fie in bem Slugenblicf, wo fie fein SEBeib mürbe, 
überhaupt auf fünftlerifdfje Tätigfeit naeß außen Derzicßtet ßätte, 
unterliegt feinem 3tueifet, war auefj oon feinem Stanbpunft woßl 
begreiflich, ba er, abgefeßen Don bem SButtjcß, bk fdjwer crfänipfte 
©eliebte für fieß ju befißen, meßr ober minber fiar jene Äonflifte 
DorauSaßnte, in bie bei feinem gefteigerten ©cßaffenStrieb mit ber 
cntfpredjcnben ©eßnfucßt nach bem füllen grieben ber $äu$li(ßfeit 
eine gleicßzeitig jur ^Betätigung nach außen brängenbe ßünftlerfcßaft 
ber grau fie beibe bringen mußte; fie war nur ju erfaufen ent» 
Weber bureß langwierige Trennungen ober öureß feine Teilnaßme 
an beu Reifen, bie, wie fie feine Sdjöpferarbeit aufs empfinblicßfte 
läßmte, jugteieß autß ißn als ^Begleiter ber gefeierten Sünftterin in 
Sagen unb Stellungen ßineinbringen fonnte, bie feinem bereeßtigten 
fünftierifeßen ©elbftgefiißl oft unerträglicß fein mußten. 

Sßenn troßbem bei ben 3«h*nftSptänen Don Dornßerein Claras 
gortfüßrung ißrer öffentlichen Tätigfeit Don beiben immer als etwas 
SelbftDerftänblicßeS beßanbett worben war, fo waren babei für ißn 
woßl an erfter ©teile finanzielle 9?üdficßten auSfcßlaggebenb, ba bie 
Cinnaßtnett barauS gegenüber ben büfteren ißropßejeiungen SBiecfS 
über baS DorauSficßtlicße ^ungerleibertum beS jungen ißaarcS mit 
frößliißem Slang ftßwer ins QSewicßt fielen. 

gür Clara aber ftanb Don Dornßerein Diel rneßt auf bem ©piele. 
SBoßl betonte aueß fie jeßt unb in ber gotge immer wieber bie 
SKotwenbigfeit, ißre CrwerbSfäßigfeit für bie waeßfenben SluSgaben 
beS §auSßaltS ju Derwerten; unb zwar war baS fein SBorwanb, benn 
fie forgte fieß tatfäcßlicß feßr um bie gufunft, i e nießr ißt ÜJiann 
berartige Sorgen Don fieß abjufeßieben liebte. Slber für fie fam 
an erfter Stelle boeß ganz etwas anbercS in Setracßt. ©ie wußte. 



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1840-1844. 



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ober dritte {ebenfalls, beutticß, baß in beni Slugenbticf, wo fie auf 
bie fünftlerifcße Xätigfeit nacß außen Dergicßtete, fie bamit gugleicß 
auf baS SRecßt Dergicßtete , bie pflege ißrer Äunft als einen ißrcn 
übrigen ißflicßten ebenbürtigen gaftor int täglichen Seben burdj« 
gufeßen. Unb wenn fie aucß Don bem Slugenblicf an, wo fie ficß 
Schumann gu eigen gegeben, ißm ißre befte Straft rücfßatt* unb 
bebiitgungSloS gu weißen entfcßloffen war, fo empfanb fie bodj 
Don Slnfang an, wenn aucß meßr inftinftiö als bewußt, baß 
bie ©orbebingung bafür bie ©rßaltung unb ©ntfattung ißrer 
©erfönticßfeit war, in ber baS SDlcnfcßlicße unb Stünftlerifcße rticfjt 
ooneinanber gu trennen war, oßnc einem Don beiben ben SebenS* 
nero gu treffen. 

SSie groß bie Stufgabe war, bie fie baburcß übernommen, baDon 
aßnte fie natürlich nicßtS in bem Slugenbtid, als fie ©cßumannS 
grau würbe, unb fcßwere ©tunben fiitb ißt namentlich in ben erften 
Saßren nicßt erfpart geblieben, als bie gang ungewoßntcn unb nocf) 
bagu Don gaßr gu gaßr wacßfenben ßäuSlicßen ißfticßten unb bie 
immer rcicßer unb imponiercnber fiel) entfaltenbe ©cßöpfertätigfeit 
ißreS 2J?anneS ißr perfönticßeS Sünftlertum Don Xag gu lag 
in immer befeßeibenere ©rengen einengten unb ©cßritt für ©cßritt 
meßr gurüefbrängten , wäßrenb gleichzeitig gerabe bureß baS 3»' 
fammenleben mit SRobert ißr fünftlerifcßeS ©erftänbnis reifte unb 
fieß Dertiefte. Slber wie alle Stuf gaben, Dor bie baS ©eßieffat 
im Saufe eines langen SebenS biefe große unb gute grau ftellte, 
fo ßat fie aueß biefe mit einer bewunberungSwürbigen ©ießerßeit, 
unfagbar feinem Xaft unb jener inneren ©laubenSguoerficßt, bie 
ben ©ieg Dcrleißt, in einer SBeife gelöft, bie eS begreifen läßt, wie 
bie 9?äße einer fünftlerifcß unb fittlicß fo rein geftimmten ©eele 
wieber für ©cßumannS feßöpferifeße Sätigfeit gu einer anfeuemben 
unb betebenben Äraft werben mußte. 

SSenn fo in neuen ©orgen unb neuen Hoffnungen, neuen 
Kämpfen unb neuen Siegen beiben aus bem gefcßloffeiten ©unbe ein 



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1840-1844. 



neues bollfommenereS bertiefteS Innenleben fic^ geftaltete unb in 
jebem bon ihnen burd) bie ©emeinfdjaft neue Iriebe jeitigte, bie j 
junächft ihrem bänglichen ©lücf, in naher unb ferner ljufuitft aber 
ber Stilgemeinheit gfrüdjtc tragen unb reiche ©rnte bringen füllten, j 
fo lag bodj oon bornherein über all biefer .ßufunftSarbeit ein 
Schatten auS ber Vergangenheit, ben auch b’ e fräftigfte unb freu» 
bigfte beWufjte Srfaffung beS ©lütfeS ber ©egenwart nicht ?u 
bannen bermochte, ber Schmerj ber Xocfjter über ben unberföhnlichen 
$afj beS Vaters. 

„feilte ift’S ein biertet Saljr, bafj wir berheiratet finb", fchreibt 
Klara am 5. ©ejembcr, „tuo^l mein gtücflidjfteS Vierteljahr, baS 
ich «och triebt. Sch ftelje täglich in neuer Siebe $u meinem Robert 
auf, unb jdjeine ich oudj manchmal trübe, faft unfreunblidj, fo finb eS 
nur Sorgen, beren Urfprang boch immer bie Siebe gu ihm ift. Sch 
hoffe, alle nächftfolgenben Vierteljahre füllen uns nicht weniger 
gtücftich finben als baS bergangene. Sann etwas mein ©lücf auf 
Stugenblicfe trüben, fo ift eS ber ©cbaitfe au meinen Vater, für 
ben ich baS tieffte SJiitleib fühle, baß er nicht .ßeuge unfcreS ©lücfeS 
fein fann, bafj ihm ber fpimtnel ein §erj berfagt hot, unb er für 
ein ©lücf wie baS unfrige unempfinblich ift. ©r hot boch leine 
greube jefct unb nicht nur mich fonbern auch ott feine greunbe, beren 
er fo nicht Viele bejah, burch fein Venchmen berloren. S)a3 ift 
traurig, unb für mich unt f° uce^r, als ich feine Hodjter bin. Sch 
hoffe, bah ©u, mein innigft geliebter Vobert, mir barum nicht jümft; 
baS finblidje ©efüfjl läßt fich nun einmal nicht ganj unterbriiefen, 
unb fo wirft bu mir auch meine trüben ©ebanfen an meinen Vater 
manchmal beleihen." 

Sn ben lefctcn SB orten ift fchon angebeutet unb auch «och ollem, 
was oorangegangen war, burchauS begreiflich, bah bieS zugleich ein 
Vunft war, ber unter Umftänben auch jmifchen beiben ©beleuten 
Cuctle bon Verftimmungcn unb Trübungen werben fonnte. Schwebte 
boch «« l biefe ßeit noch ber bon Schumann gegen SBiecf angeftrengte 



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1840-1844. 



9 



) ©eleibigungSprozefj, ber im 0rriif)ling 1841 mit einer ©erurteilung 
SBiedS enbigte, unb fanben bod) gleichzeitig unter äWojor SerreS 
' ©ermütelung fefjr peinliche ©erhanblungen gtoifchen ©ater unb 
’ .Hinbern über Slaras ©ermögen unb bie Auslieferung ihr gehöriger 
Sachen, bor altem it;reS gliigctS, ftatt. 3« lefoteren fetjrte bann 
freilich wieber SBied fo fetjr bie fleintid)eu unb gehäffigen Seiten 
feines SBefenS h cröor » bafi bie Weiche berföhntidje Stimmung Klaras 
fehr batb ins ©egenteil umfehtug unb infotgebeffen im griihling. 
1841 bie testen AuSfichten auf eine auch nur äußerliche Annähcntng 
auf abfehbare ßeit vernichtet fchieneit. 

SGBenn tro^bem ßtara einige SDtonate fpäter aus ber gütte il;reS 
©lüdS h erQuä burch einen ©lüdmuttfdj jum ©eburtStag bcS ©ater» 
roieber bie $anb bot, ben jerriffenen 3?abcn neu ju fnüpfen, fo 
mar baS felbftberftänblidj fein Reichen *>on Schwäche ober 9?eue 
über baS, was fie getan, darüber hot Weber jefct noch trgenbwie 

fpäter bei ihr unb ihrem SDtanne auch ber teifefte Zweifel unb 

Sfrupct beftanben. Sonbern fie folgte barin tebiglidj bem $ug 
ihres $erzenS ju bem einfamen Spanne, ben fie tro^ altem ©Öfen, 
waS er ihr zugefügt, nie als ®odjter zu lieben aufgehört. Unb eS 
war zugleich 0on ih reö SRanneS Seite ein nicht hoch genug anzu* 
f<hlagcnber ©eweiS bon $artfinn gegen fie unb bon bornehmer 
©efinnung, bafj er ihrem Sßunfdje gern willfahrte, freilich bei 
SBied fanb biefer AnnäherungSberfud) cbenfowenig ©erftänbnis, ge» 
[ fchweige benn ©rwibernng, wie bie wenige läge fpäter burch 

f Schumann an ihn gerichtete SDtitteilung, baf? ihm am 1. Sept. 

* ein ©nfelfinb geboren fei. 3a bieSmat erfolgte fogar herbe Ab« 
weifung in fchrofffter 3°rm. 

®anach War felbftoerftänblich für Schumanns jeber neue An* 

' näherungSoerfuch auSgefcf;loffen. Unb man hotte eS beiben nicht 
berbenfen fönnen, wenn fie, als plöhticf) im 3anuar 1843 bei SBied 
bie Stimmung umfdjlug unb er in einem teiber nur fragmentarifeh 
erhaltenen Schreiben eine Anfnttpfung feinerfeitS oerjudjte, minbeftenS 



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1840—1844. 



mit gögernber .guriicfhaltung erwibcrt gälten. 2lbet ein b «-artiges 
9Jedjten lag Weber in GlaraS nodj in 9?obertö Diatur. 

Sßielme^r erwiberte fie bem ©ater auf feine am 21. ganuar 1843 
an fie gerichteten Sßorte*: 

„Sch liebe bie Sunft immer noch aufrichtig unb ungetrübt; folg« 
lief) fofl auch jefet bie Sätigfeit Seines talentoollen SUtamteS nicht 
unbeachtet unb unerfannt Bon mir bleiben. SaS will ich ®ir ba« 
bnreh beweifen, baß ich ®id) bitte, mir üorfjer angugeigen, Wenn ich 
einige Bon Seines SJtanneS neuefteit, Biet Bon allen Kennern ge« 
rühmten Gonipofitionen öffentlich ^ören fann. Sdj fomme beswegen 
nach Sctpsig- 

Sein STOann unb ich, wir finb 2 hatte Söpfe — bie ntufe man 
gehen laffen, aber gefinuungSoolI finb wir. folglich fann eS ihn 
nicht wunbern, wenn ich inuner feinem gleiß unb feiner 
©djöpferfraft ©eredjtigfeit wiberfahren gu laffen Wünfche. Somme 
halb nadj SreSben unb führe hier Seines SRauneS Quintett auf" 
unbefangen unb herglich, bie Vergangenheit mit feinem SBortc be« 
rithretib : 

Seipgig b. 23./I. 1843.** 

Sieber Vater. 

Seiner freunblichen Ginlabung wäre ich am liebften gleich ge« 
folgt, aber Su weifet, man fann fiefe nicht immer loSreifeen, unb für 
utifere Steine ift auch bie SafereSgeit noch 3 U rauh- ©obalb es 
aber wieber wärmer wirb, fomme ich mit ihr, unb Su wirft Seine 

greube an ifer haben 3dj h°ff e aber hoch gewife, Sich Borfeer 

unb gwat hier gu fprccheu, bemt, bafe ich ntid) barnadj fcfjne, Sich 
halb gu fehen, wirft Su glauben. 

Vielleicht liefee fich bieS gugteich mit einem mufifalifchen (Senufe 
Bereinen: bie ©djlofe *** hat mich eingelaben in ihrem Gongert gu 



* $o3 oben mitgeteilte fgragntent ift (mit falfcfjem $atum) gebrudt bei 
ßoljut (3ft. SBiccf ©. 150), ber anjetjeinenb auS bem Original felber ober einer 
9lbj<f)tift fdjüpfte. ©ei ben im ©djumannfdien 9?ad)laB aufbetoafirten ©riefen 
SBiedS an feine Tochter finbet baS Schreiben fich nic^t. 

** §icr nacf> bem Original, ©ebrueft — mit StuSlaffungen — fd)on bei ßoljut, 
Sr. SBied ©. 150. 

*** ©ophie ©d)l°Ü auS ftötn , ©opranfängerin ber Seipjiger ©eioanbljauS» 



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1840-1844. 



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f 

i> fptelcrt, baä am 9. gebruar ftatt finbet; ich weif) nod) nicht, ob id) 

f baS Ouintett ober ein ßonjertfiiid mit Drd)efter oom Stöbert fpiele 

j — eines oon beiben aber gewifj ßannft ®u 3Md) fo ein- 

rieten, baff ®u um biefe $eit I)erfommft? 

ßu unferer SJtatinee fjätte id) 2)id) fjergem iinfcfft ! ®u wäreft 
gewiß bcfriebigt gewefen. StobertS Quartett unb Quintett erfreucten 
ftch eines ungeteilten Beifalls, was midj fefjr gliicflid; machte; bafj 
id) in biefer Stimmung aud) nidjt fdjlecfjt jpielte, wirft ®u gtaubcn. 
3<h fpielte eine, id) glaube, nod) nie öffentlich gehörte Sonate oon 
Beetljooen Dp. 101 (3)u fenuft fie redjt gut, benn, wo ich nic^t 
irre, l) Q ö e id) fie ich 0 » früher einmal bei ®ir gefpiclt), aufjerbem 
noch ^ebal'guge oon Bach unb 3uni @d)tufj baS Quintett. $ie 
Quartette oom Stöbert, brei finb eS, erfcheinen binnen einigen 
9Bocfjen bei $ärtelS. Bielleidjt trifft eS fid), bafj [®n] bodj noch bicfen 
SSinter ©neS ober baS Slnbere hören fannft, waS mir lieb Ware. 

$afj eS mit deiner ©efunbljeit wieber beffer geht, ift mir 
eine grojje Beruhigung, unb lieb ift eS mir, bafj id) oon deinem 
Unwohlfein nid)tS wufjte, als eS fchlimmer War. 2)er Sommer 
wirb $id) ganj gefuitb wieber machen. 

SBer t)°t ®>r aber nur gefagt, bafj ich träufle? id) fann 5Dir 

bie Berfid)erung geben, bafj bieS burchaitS nid)t ber galt ift 

SJtarie würbe ich »«<h freuen einmal ju hören; fie 

foü ja Wunberf)übfd) fpielen, and) Gäcilie * — ©riifje beibe fiiitber 
fowie bie ÜJtnttcr freunblid) oon mir, unb 2>u, mein lieber Bater, 
fchrcibe recht halb etwas StäljereS wegen unfereS SSieberfeljenS. 

®eiite Slara. 

®ie oornehnte Statur Schumanns oerfeugnete fid) aud) bieSmal 
nicht; obwohl biefer SluSföljnungSoerfuch beS BaterS fid) einftweilcn 
» nicht auf feine Berfon mit erftrecf te , jügerte er nicht einen Äugen« 

1 blicf, feiner $rau fo halb als möglich öie Gelegenheit $u oerfchaffen, 

ber ©nlabung nach ®reSben ju folgen. 

fonjerte »on 1839 — 43 unb 1846—48. „Die erfte Sängerin, bie ©djumann« 
f$e Sieber öffentlich öortrug." Sßgl. Sdjumann, ©cf. Schriften. 4. Stuft. II. 
®. 566. 

* ®ei fiobut, a. a. 0., ift bie auf bie Sdjtpeftcrn Glara§ bezügliche Stelle 
fälfdjticf) burcb gefperrten Xrud ffcroorgefobcn. 



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1840—1844. 



„Glara ift in ®reSben", fdjreibt er am 17. gebruar 1843, „bie < 
Sfjrigen ju befugen. $er ©inn beS SaterS f)at ficfj pCü^ltc^ 
gemenbet, unb midj freut eS in meiner Glara ©eele. Senn Gltern 
bleiben Gütern unb man hot fie nur einmal." 

ffragt man aber nach ben ©rünben biefer „plöfjlicfjen SBenbung", 
biefeS burcfj feine in^mii'djen oorgcgangene Seränberungen in bem | 
SScrljattea ber fönber gegen ben Sater erflärten UmfdjlagS ber 
©timmung, fo mirb man Sßiecf motjl fein Unrecht tun, mentt man 
fie, modjte audj baS $erj babei mitfprechen, toefentfid) auf Älug« 
IjeitSermägungen jurücffüfjrt. 

Unbefdjabet feiner frühen SBütbigung ber Sebeutung ©djumannS 
hatte iljnt bod) offenbar bisher ber eigentliche ©taube an. bie Gnt« 
roidfungSfähigfcit feines ©eniuS gefehlt, hotte er ifjm eine grofje 
3ufunft im ©inne einer fofortige allgemeine ©ettung beanfprudjenben 
fünftlerifdjen fßerfönlidjfeit nidjt jugetraut. Unb biefe Grmägung 
mar fieser auch mit einer ber ©riinbe feines hartnäefigen SSiber« 
ftanbeS gegen bie Serbinbung feiner lodjter gemefen. 3)ie 
fdjöpferifdje Sätigfeit aber, bie ©djumann in ben erften beiben 
fahren feiner ©he entfaltete, belehrte ihn eines Seffercn unb machte 
ihm jugleidj flar, bafj, motlte er feine burd) bie öffentliche Sc« 
fämpfung ber fßerfönlidjfeit ©<humannS ohnehin ferner erfd^ütterte 
autoritatioe ©tellung in ber SJfufifmelt behaupten, er ben nteufdj« 
liehen Serbrufj nicht ben fiegreid) fich Sahn bredjenben ftiinftler 
entgelten laffen burfte. $atte er fich ober einmal fomeit übermunbeit, 
fo mar gerabe bei feiner DZatur, bie oon jeher audj baS ^ßerfönlidjftc 
mit »oller SRaioität in ben ®ienft feiner äußeren Sntereffen jtt 
ftellen gemohnt mar, ber ©chritt $ur Serföhnung öerhältniSmäfjig 
leicht getan, benn bie Überminbung, bie eS feinen ©tolj »ielleicht 
foftete, marb reidjlid; aufgemogen burch ben IRimbuS, ben im 
Slugenbticf ber 9luSjöhnuitg feines ©djmiegerfofjneS auffteigeubeS 
©eftirn iljm felbcr unb feinen mufifalifdjen gufunftsplänen »er« 
leihen mujjte. 



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1840— 1844. 



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i SBenn aber trofc beit in biefer öejiehung fo djarafteriftifdjen 
Äußerungen über Schumann# fflebeutung in bem erften wieber an 
ßlara gerichteten ©riefe nodj Zweifel barüber obwalten foHtcn, ob 
biefe ©rwägungett im testen ©runbe für SBied# ptö^tic^e SSenbuitg 
bie auäjdjtaggebenben waren, fo miiffen fie fdjwinbcn, angefie^ts be# 
geitpuufte# unb ber Art unb SBeife, Wie SBied einige ÜJfonate 
fpäter, ttadjbem er mit ber lodjter fief) au#geföhnt, nun auch mit 
Schumann bie perfönlidje Süßung loiebcrher^ufteHen fuchte. 8m 
4. unb 11. Te^ember hatten in fleißig bie beiben erften Aufführungen 
ton „©arabie# unb ©eri" ftattgefunben, für beit 23. ftanb fie in 
T>re#bett beoor, ba fdjrieb SBied an Schumann am 15. Tejember 1843: 

Sieber Schumann, 

Tempora matantur et nos mutamur in eis. 

SBir fönnen un#, ber Clara unb ber ©Jett gegenüber, nicht mehr 
fern ftehen. Sie finb je^t auch Samilienüater — warum lange 
©rftärnng ? 

Sn ber Äunft waren wir immer einig — ich war fagar 3hr 
Seßrer — mein AuSfpruch entfehieb für 3h re jefetge Saufbahn, 
deiner Zeitnahme für 3h* latent unb 3h re frönen unb wahren 
©eftrebungen braudje ich @* e nidjt $u oerfidjent. 

SJlit greuben erwartet Sie iit ®re#ben 

3h* ©ater 
gr. SBied. 

nnb jwei Tage fpäter in einem ©riefe an ben gemeinfamen greunb 
©ergfdjreiber Seder: „Schumann h at &ei &er erften Aufführung 
j ber ©eri in Seipjig ungeheuren ©eifatt unb einen Sorbeerfranj 
eingeemtet, welcher teuerer ihn etwa# fonfu# gemacht haben mag. 
Snfotgebeffen wirb fie ben 23. im Abonnementäfon^ert ßiet iw 
| Theater unter ©einiger aufgeführt. Schumann will aber — unb 
mit 9iedjt — bei ben ©roben fein. @r fommt mit Clara ben 19. 
| an nnb bleibt ba. C# ift wahrfdjeinlich, baß er mich befueßt unb 
1 wohl bt# 25. ba bleibt." 

©lüdftraßlenb hatte Clara gleich nad) Cmpfang feine# ©riefe# 



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1840 - 1844 . 



an ihren SRann bem Vater getrieben: „Xaufenb $anf für ® einen 
Vricf unb inSbefonbere für bie Anlage, SDeitte frcunblidjcn feilen an 
meinen 3ttann, ber 2)ir in 2)reSben jelbft banfen wirb. 3dj bin fefjr 
gtüdtich bariiber unb wüßte nichts mel)r, baS mir baS §erg fdjwer raad)t . u 

@S Jam bann aud), wie SBietf an Veder gefdjrieben; baS Slje» 
paar traf am 19. ®ejember in $reSben ein unb feierte hier 
gemeinfam baS 2öei£)narf)t§feft in SlaraS Slternljaufe, pnt erften« 
mal feit fieben Sauren. 

3)amit war ber g riebe enblicf) wiebcrhergefteHt unb pgteid) ein für 
allemal biefe SDiffonanj aus bem Seben beS jungen ^ßaareS auSgetöfdjt. 
9?ie wieber ift feitbent — obwohl eS auch in ber golge an üoriibergcfjen* 
ben Reibungen unb Verftimmungen nicf)t gefeilt hat — baS ©itoer» 
neunten jwifdjeit Grttern unb Äinbcrn nadj außen eraftlid) geftört wor« 
ben. ®aß es fo würbe unb blieb, ift aber Wieber öor allem, wenn nidjt 
allein, baS SSerbienft GlaraS, bie mit großartiger SelbftiiberWinbung 
bott biefem Slugettblid an in bem Verlebt mit bem SBiedjdjen ,§aufe 
jeben, aud; ben leifeften Vadjllang ber erlittenen Dualen auSfdjaltete 
unb ihrer reinen §er$enSgiite cutfpred)cnb Sltern unb ©efdEjWiftem 
itidjtS anbereS fein wollte als gute Üodjter unb järtlidje Sdjwefter. 
3)aß aber burdj biefe $luSföf)nung Weber bei ihrem ÜJJaune noef) 
bei ißt bie (Erinnerung an bie Vergangenheit an fid; auSgctilgt 
würbe unb auch nicht tuetben tonnte, ift für jeben flar, ber fidj oer« 
gegenwärtigt, was man ihnen angetan hatte. (Es blieb ein ißietätS» 
unb SRcfpettberhältniS in freunb(i<hften, oft felbft Ijerslic^en äußeren 
formen, aber bie alte Unbefangenheit lehrte nie wieber. 

(Ef)e aber bie Sodjter nach langer Trennung ben ^lafc im (Eltern» 
häufe fid) wieber eroberte, ber ihr nicht nur um ihrer finblichen 
Siebe fonbern minbeftenS ebenfofefjr wegen ber Xreue gebührte, bie 
fie in beit fdjweren Kämpfen fid) felber unb bem ©eliebten ge» 
wahrt hatte, hatte fie als 3?rau in ben oier SSäitbeit bcS eigenen 
Kaufes fieß einen Sßlaß, einen Soben, auf bem bie .Qulunft auf» 
gebaut werben follte, erft fdjaffett müffen unb tatfadjlich auch 



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1840-1844. 



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gefdjaffen, unb jtuar, wie bereits angebeutet würbe, niefjt otjne baß 
babei SBiberftänbc, im eigenen Snnern wie üoit außen fommenbe, 
fämpfenb p iiberwinben gewefen wären. 

(Sin fcf»einbar ftifleS unb bodj innerlich uuenblidj bewegtes Seben 
war eS, baS fic^ in ben freunbüdjcit Säumen beS erften StocfwerfeS 
im £aufe Snfetftrafje Sr. 5 in ben erften Diesiger Sauren entfaltete. 
3wei Sünftter am SBerf, beibe einem 3' e ^ pftrebenb, ber 9tuS* 
bilbung ber in ihnen wirfeitben geiftigen unb fitttidjen Prüfte p 
fjödjftcr SSottenbung, unb baritt and; immer ben StuSgteid) finbenb 
für bie Meinen unb großen XHffonanjcn, bie bie 3 u f ain menftöße 
mit ben Sorgen unb fragen beS täglichen SebenS unb bie teifen 
gegenfeitigen 3 errun 9 cn jtoeier ßoeßgefpannter Fiinftfcrifcfjer Sn» 
bioibualitäten mit fidj bradjten. 3 we ' Stügel ftefjen im fpauS, aber 
fie bxirfen nidTjt pfamnten Hingen, unb im Xagebud) fehlt cS bann 
auch nidjt an tauten unb teifen Etagen über „baS Übet mit ben 
teilten SBänbcn." „SRein Staöierfpiel", tjeißt eS im Januar 1841, 
„fontmt wieber gan$ ßinteuan, waS immer ber galt ift, wenn 9? ober t 
componiert. Sicht ein Stiiitbdjen oom ganzen Stag finbet fid) für 
midj! wenn id) nur niefjt gar fo fef)r prüeffontme!" 

Sa noch mehr, wäßrenb eine gülte üon SBoßttauten in ßiebem 
unb ©pmpßonieit unter biefem Xadj pr ßödjfteu fünfttcrifdjen 
©eftattung fid) burdjringt, Hingt fein Xon baoon herüber in baS 
einfame 3*wmer ber jungen grau. „Sobert ift feit einigen Xagen 
fefjr fatt gegen mid)", ftagt baS Xagebudj*, „prnr ift wotjl ber 
@runb ein feßr erfreulicher, unb niemanb fann aufrichtiger teit* 
nehmen an altem, waS er unternimmt, als ich, tw<h juweiten fränft 
mich biefe Satte, bie id) ant atlertoenigften oerbiente." Sobert 
fetbft fpricht** üon ihren mit Schmerlen gemifdjten greuben an feinen 



* ©nbe ®ejcmb er 1840. ©r lefjtc bamaB bie lepte Jpanb an bie ,,3rüf)tingS» 
fpmpfionie." (B«$ur Dp. 38.) 

** @nbe 92o»ember 1840 nad) ®ottenbung beä ttcrncri'cfjcn üicberjtjftm?. 
(Op. 35.) 



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IG 1840-1844. 

Stopfungen : „beim fie muß meine Sieber nt oft burt StiQftWeigen 
unb Unfic^tbarfeit erfaufen." „So gefjt cS nun in ßünftlercfjen", 
fefet er ßingu, „unb wenn man fit tiebt, immer not gut genug." 

Crnfter aber unb tiefer auf beit ©runb ter 2)ingc ftauenb unb 
auS ifjtn guglekß ben öerfößnenben Mang ßerauäßcbenb ift eine 
SSetrattung au« bem gweiten Saßre ber Cße, im Dftober 1842, 
im Hnftlufj an baS erfte ©ewanbßauSlongert beS SBinterS, in bem 
Clara gefpielt batte : „fie fpielte gut unb ft btt, wie immer. 
Sorge matt mir oft, baß it Clara in ißren Stubien oft ßinbere, 
ba fie mit nußt > m Componieren ftören will. ®enn it weiß ja 
Woßl, baß ber iiffentlit auftretenbe fiünftler, unb wenn er ber 
größte, gewiffe metanifte Übungen nie gang imterlaffen, bie Stnelb 
fraft ber Ringer fo gu fagen immer in Übung galten muß. Unb 
bagu fefjtt eS meiner lieben Minftlcrin oft an ,ßeit. SBaS freitit 
bie tiefere mufifalifte ©Übung betrifft, fo ift Clara gewiß nitt 
fteßen geblieben, im ©egenteil öorgeftritten; fie lebt ja aut wir 
in guter SJtufif, unb fo ift ißr Spiet je§t gewifj nur not gefunber 
unb gugleitfj getftiger unb garter als friißer. Slber jene metanifte 
Siterßeit gur Unfeßlbarfeit gleitfam gu crßößen, bagu feßlt es ißr 
jejjt mantmat an $eit, unb baran bin it ©t u lb unb ?ann & 
bot nußt änbern, Clara fieljt baS aut ein, &aß it mein latent \ 
gu pflegen ßabe, unb baß it jefct in ber 4t ön ften Maft &in unb 
bie Sugcnb not niifcen muß. 9?uit fo geßt eS in Minftlereßen; eS I 
fann nitt alles beieinanber fein; unb bie $auptfate ift bot 
immer ba« übrige ©tiief, unb rett glütflit finb wir gewiß, bafj ] 
wir uns befißen unb öerfteßen, fo gut Derfteßen unb lieben üon 
gangen §ergen." 

Irojfbem ober oielmeßr gerabe beSßalb ift Claras ©enugtuung ' 
barüber, baß ißr bie SRüdfitten auf ißren Sßtann unb ißren förper» I 
liten ßuftanb ein regelmäßiges Spielen wieber geftatteten, nur gu 
begreifet, wenn fie einmal ftreibt: „it lege mit rußiger gu ©ett, 
wenn it biefe ©flkßt an mir felbft erfüllt ßabe. " 



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1840-1844. 



17 



®abei taufte fie ft cf) am allerwenigften barüber,wie recßt ißr SJtaitn 
mit feinen ©etnerfuttgett über ißr eigentlich inuftfatifc£;eS Reifen habe. 

SJtit ihm unb burch ihn wuchs fie erft in baS tiefere ©erftänb* 
itis ber ©eethoüenfcßen Orcßefterwerte unb oor allem auch Sachs 
hinein. 

SDtit bem gemeinfamen ©tubium beS wohltemperierten SlaoierS 
hatten fie gleich in ber zweiten SSocße ihres GßelebenS begonnen. 
„Stöbert", fdjreibt barüber ©lara, „bezeichnet bie ©teilen, wo baS 
2ßema immer wteber eintritt, eS ift boch ein gar intercffanteS ©tubium 
bie 3ugen, unb feßafft mir täglich wehr ©enufj. Stöbert gab mir 
einen ftarfen ©erweis; ich h atte eine ©teile in Cftaoen »erboppelt 
unb baburd) unerlaubt eine fünfte ©timme bem öierftimmigen ©aße 
beigefügt." „Unfer gugenftubium", heißt es 8 Sage fpäter, „feben wir 
fort; eS wirb mir mit jebem SJtal ©pielen intereffanter. ©ei biefem 
natürlichen gluß boch i>iefe große Ühuift, maS man bodj faft von jeber 
ber Sugen fagen fann. ®ie s HtenbelSfohnfd)en gugen fommen Gittern 
boch nach hen ©adjfdjen ärmlidj oor, man fußt auch fefjr, wie fie 
gemacht finb, unb eS ihm wohl manchmal feßroer geworben ift . . . 
3cß glaube übrigens gewiß, eS lebt jefct Seiner, ber folcße gugen 
fchreiben fönnte als ÜJtenbelSfoßn." („Sßerubini, ©pohr, Älengel", 
bemerft berichtigenb ©chumann ba^u am Staube!) 

®iefett ©tubien reihte fich im grüßling 1841 ein gemeinfanteS 
©tubium ffleetßovenfcßer ©pmphonien unb ÜJtozartfcßer unb ©eet» 
ßoVenfcßer Ouvertüren* aus ber Partitur an; „©lara ßat außerbem" 
ßeißt eS im Suli 1841, „fleißig an einigen ©eetßovenfdjen ©onaten 
ftubiert unb fie ganz eigentümlich gefaßt, oßne baS Original zu 
beeinträdjtigen. 3)ieS maeßt mir einen großen ©enufj." 

©or allem aber gingen ißr im ©tubium unb ©piet von 
©cßumannS eigenen Sompofitionen neue, ißrer fiinftlerifcßen Gigett-- 
art befonberS pfabwdfenbe Offenbarungen auf, bie im ©ereilt mit 

* Ähnlich mürben im Sommer 1842 bie $jat)bnfdjett unb 3Jtojartfcf)en 
Guartette ber Steife nach am fflaoier burdtgenommen. 

8i(*monn. Stata Schumann. □. 2 



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18 



1840 — 1844 . 



jenem Sidjoerienfen in bie Ätaffifer fte allmählich, aber »erhält* 
niSmäßig bod) fehr rajdj, t>on bett fjeffetn jener ßunftaüffaffung be« 
freiten, bie aud) baS priemte Stubium immer im $inblicf auf 
Äongertprogramme mehr ober mitiber bewußt beeinflußt. 

2Sie fc^ttell unb wie grünblich biefer SBanbcl fich üotljog, geigt 
feßon eine Äußerung SlaraS aus bem 3uli 1841: „3ch fpiette 
Sonntag nachmittag einige Sonaten öon ©eethoöen, hoch fanben 
toeber SSetfer noch Prägen ben ©enuß baran, ben uns fo eine 
SBeettjoüenfcfje Sonate »erfdjafft. 3f)re ©ilbung ift metjr auf baS 
©irtuofentum gerichtet als auf bie wahre Sftufif. Sine guge »oit 
©ach i- ö« langweilt fte, fie finb nicht fähig, bie Schönheit gu emp« 
finben, bie in bem »erfchiebenen Sintreten ber Stimmen mit bem 
Xhetna liegt, fie fönnen bem gar nicht folgen ... 3e weniger 
ich jefct öffentlich fpiefe, je mehr wirb mir baS gange mechanifche 
©irtuofentum öerljaßt. Jie Shmgertfompofitionen alS: Stäben oott 
£enfelt, ^h a,1 tafieen oott Ihatberg, fiifgt ufw. finb mir gang guwiber 
geworben . . . SllleS baS fann feinen bauernben ©enuß fchaffen." 

Sin ähnlicher Jon Hingt aud) aus bem Urteil über Ipenjelt, ber 
im September 1842 in Seipgig weilte unb fie gwar wie ehemals 
burch fein impofanteS, habet weiches Spiel entgiiefte, aber hoch etwas 
oermiffen lieg: „So herrlid) nun fein Spiel ift, fo beutlich jeber Jon, 
fo glaube id) hoch, baß burch öaS oiele mechanifche Stubium fein 
SlnfdEjlag an $artheit oerloren hat. So red)t hingehauefjt, poetifch 
fcheint er nicht fpielen gu fönnen. ... Sr hat mich übrigens burch 
fein Spiel wieber, wie »or 6 fahren, entmutigt, bann aber auch an« 
gefeuert. 3d) bin jeßt unoergeihlid) faul im ßlaoierfpiel gewefen, 
hoch ich will alles lieber gutmachen, fo»iel eS mir möglich ift" 
©laubt man aus biefen SBorten eine gewijfe 3 uöer fi<f)t IjerauSgu* 
hören, baß fie trofc allen immer mieberfehrenben Klagen, infolge 
ber geringen Übung alles gu »erlernen, jefct etwas DfeueS unb 
SigeneS bagegen eingufefcen habe, fo tritt bie ©erinnerlidjung ißreS 
fünftlerifchen SmpfinbenS oielleid)t noch ftärfer in einer ©emerfuug 



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1840-1844. 



19 



über baS Programm beroor, mit bem bie oon if)r als SOfettfcb mie 
als SHinftlerin gleich t>od) geftellte Routine Siarbot im Sluguft 1B43 
twr baS Seipgiger {ßublifutn trat, bem Sebauern, bafj „ein fo burd) 
unb burcf) mufifalifcf;e^ SBefeit , bie gewiß ben Sinn für wirf lief) 
gute ÜRufif bot", bod^ glaube, bem ©efdjmacf beS IßublifumS foöiel 
3ugeftänbniffe machen gu müffen. 

„Klara ftubiert", febreibt Schumann im üluguft 1841, „mit rechter 
Siebe öiel Seetf)otienfd)eS (auch Sdju* unb ®f)emännifd)e§}, Ijat mir 
»iel beigeftanben im Drbnen meiner ©pmpbonie, lieft nebenbei ©oetbeS 
Sieben, fdjneibet auch Sofjttcn, wenn’S fein muß ; bie SRufif gebt ibr 
aber über alles, unb baS ift eine greube für mich-" 

$afj aber neben bem mufifatifdjen auch ber übrige geiftige 
.fjorigont bureb Anregung unb Stnleitung gu eigener Seftürc er« 
erweitert würbe, baS würbe ton ibr befonberS in ben 3eiten, wo 
ihre ©efunbbeit ibr bie Ausübung ber geliebten Shmft nicht ge» 
ftattete, banfbar empfunben, um fo meßr ba fie ficb im täglichen 
Serfebr mit ber fo oiclfeitig burdbgebilbeten Ißerfönlicbfeit {Roberts 
beS SRangelS einer fbftematifcben ©eifteSbilbnng brücfenb bewußt 
würbe. Sernte fie boeb g. S. erft jefct in einer StuSgabe, bie 
ÜRenbclSfobn ibr febenfte, ©oetl)eS Hermann unb SJorotbea fennen! 

2Rit {Robert wagte fie fid) nun aud) an 3ean {ßaul, unb mit 
ibm Oerfenfte fie ficb üor allem in (S^afefpeare, beffen ©tubium geit* 
weilig bie tägliche Sefcbäftigung mit bem wohltemperierten JHaüier 
ablöftc*. „®ie ©tubien »on Sa<b", febreibt {Robert Knbe Cftober 
1840, „ruben febon feit 14 {Tagen ; bafür leS icb jeßt ©bafefpeare, um 
mir alles auf 2Rufi! Següglicbe angugeiebnen, was mir bann Klara in 
ein fcböiteS Sud) febreibt." ^ßlante er boeb einen Sluffaß über 
©bafefpeareS SerljältniS gur SRufif, „ein bas SRenbelSfobn 

bebanbeln foHte, wenn er auch ©cbriftfteller wäre." „KS ift nod) 
nichts Schöneres unb SebeutenbereS über SRufif gefaßt worben als 

* Klara am 6. Cftober: „$a§ erfte 33udj beS ttjofjlteniperirten StaDierä Ijaben 
wir Bergangene SBodje beenbet, unler Stubiunt int 2. 5tudje aber niefjt fortgefept. 
Stöbert roottte eine SBocfjc ruben." 

2 * 



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20 



1840—1844. 



»ott Sljafcfpeare, imb bieg in einer geh, jdo fte noch in bet Siege 
lag. §ier ^eigt fidj wieber einmal ber ©eniuS beS Sinter«, ber 
über aQe feiten ^inauSragt unb fieljt." 

50ian »erfteljt, wie unter bem ocrftärenben Schein folget @e* 
ftime, troff mannigfacher förpertic^cn Seiben, bie gerabe baS erfte 
Sa^r für bie junge fjrau mit fid) brachte, troff ber Slugenblide 
ber SBerjagtheit unb ber Schwermut, bie ber fiünftlerin in ihr bie 
„Äünftlereße" mit ben ©ntfagungen, ju beneit fie fte nötigte, be« 
reitete, immer wieber ein ganj reines ooflcS ©lücfSgefühl jum 2)ur<h= 
brudj fornmen mußte, baS ihr bisher fremb, faft unoerftänblidj 
gewefen war. ,,2Bir genießen ein ©lücf, baS idj früher nie gelaunt", 
fchreibt fie im gebruar 1841, — „ein fogenannteS häusliches 
©lücf öcrfpottete mein S3ater allezeit. Sie bebauere ich bie, bie 
baS nicht leimen! fie leben hoch nur halb*!“ — 25enn bei biefem 
„häuslichen ©lücf" war bie lanbläufige SJebemiorfteHung con ©nge 
unb S3ef<hränftf)eit auSgefchloffen; eS wurzelte in ber ©röße ber 
beiben Naturen, bie in jeber Umgebung ißr SBefteS unb ©igenfteS 
jur Entfaltung brachten, jenem „erhabenen Sinn", ber ihnen eigen, 
ber, mit Schiller ju reben, baS ©roße in baS Sebcn legt unb nicht 
barin fudjt. 

3n feinem „ißrojectenbudj", in baS Schumann feit bem 
®ejember 1840 Eintragungen Berfdjiebenfter Slrt, auf fein fünftlerifcfjeä 
Schaffen unb Streben bezüglich, gu machen pflegte, fteßt unter ber 
Dfubrif „Seipjiger ©omponiften", bie SKenbelSfohn eröffnet, auch 
ber 9?ame Glara Schumann. Ser Schumann fennt, weiß, baß 
baS feine mehr ober minber bewußte ©ourtoifie beS ©hemannS war. 
3)iefe ©inreihung beruhte auf einer rein fachlichen Sürbiguttg ihrer 
Begabung, bie er fidler nicht übcrfdjäfjte, bie er aber ebenfowenig 
unterfdjäfft ober gar unterbrücft fehen wollte, bie oielmeßr ju pflegen ! 

* $ieje SBortc finb im Xagetmcf) ber ®ant für bte unten 28 abgebrudicn j 
SBorte, bie Stöbert n ad) S3eenbigung ber grühlingSfompbonie an fie gerietet 
hatte. 



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1840—1844. 



21 



er für feine Pflicht f)ie(t, Wenn er aud) hier, äfjnlicfj wie bei ifjrcm 
Spiel, eine gcwijje SJiac^tlofigfeit gegenüber beit äufjeren SBer^ältniffen 
refigniert immer wieber zugeben mufjte. „ßlara", fdjreibt er im 
gebruar 1843 (währenb if)te8 5Befucf)eS in Bresben), „fjat eine SRcilje 
oon Heineren Stüdcn geschrieben, in ber ©rfinbung fo zart unb 
mufifreid), wie e8 ifjr früher noch nicht gelungen. 31 ber ftinber 
haben unb einen immer p^antafierenben 3Jiann unb compottieren, 
geht nicht jufammen. @S fehlt ihr bie anhaltenbe Übung, unb 
bieS rührt mich oft, ba fo mancher innige ©ebanfe oerloren geht, 
ben fie nicht auszuführen oermag." 

Smrner aber ging SCnregung unb Srmunterung oon ihm au«, 
3tnregung auch infofem, als er fie mit auf feine eigenen ififabe 
lodte. @o war e3 oon innen heraus eigentlich ganz felbftoer* 
ftänblidf, baff am SBcihnachtSabenb beä 3af)reS 1840, baS er felbft 
als „mein Sieberjahr" bezeichnet hatte, aud) Slaraä ©abe an ihn 
in brei Siebern beftanb, bie fie „in tieffter Sefdjeibenheit" ihrem 
geliebten SRobert wibmete. „3lm Straube" oon SumS („traurig 
fchau ich oon ber Klippe auf bie glut, bie unS getrennt"), „3hr 
©ilbniS" oon §eine* („Sch ftemb in bunflen träumen") unb 
„33oll8lieb" oon £eine („@S fiel ein Sieif in ber grühlingSnacht"). 

3n ihm aber erwedte biefer Siebergrufj wieber ben lebhaften 
SBunfch, mit ihr jufammen ein Sieberheft herauszugeben. „®ie 3bee 
mit ßlara ein Sieberheft herauSjugeben", Schreibt er Anfang 3anuar 
1841, „hat mich 3 ur 3lrbeit begeiftert. ®on SDiontag bis ÜDiontag 
ftnb fo 9 Sieber au8 bem Siebesfrühling oon SRüdert fertig 
geworben." Schwerer warb bie Slrbeit (Slara, bie acht 'Tage Später 
in ftiOer SBerjweiflung bem Hagebuche anoertraut: „3ch h a & e in <dj 
fchon einige 3)?ale an bie mir oon Robert aufgczeid)neten ©ebidjte oon 



* Später oeröf?entlid)t in ben „Secf|3 Siebern mit Begleitung be3 Biano« 
forte componiert unb ihrer ©tajeftät ber regierenben Königin Oon Mnemarf 
Earolin. Wmafie ehrfurcfjtSooH jugeeignet oon ßlara Sdjumaitn". Cp. 13. 
Seipjig bei Breittopf unb Jpärtel. 



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22 



1840-1844. 



9tiirfcrt gemodjt, bodj will e3 gar nidjt gelten — icf) l)abe gar fein 
Xalent jur Gompofition." 

®en 23eweiö biefer Xalentlofigfcit lieferte fie bann in ben — aller* 
bingä erft in ber erften Suntwodfje fomponierten — oier Siebern, bie fie 
SRobert am 8. 3uni auf feinen ©elmrtsftagetifd) legte: „SSarum roiUft 
®u anbre fragen?" „Gr ift gefommen in ©türm unb Stegen." „Sicbft 
®u um ©d)önf)eit, o nid)t mich liebe," „®ie gute Stacfjt, bie id) ®ir 
fage," tioit benen bie brei erften nidjt nur in bem gemetnfamen Sieber* 
lieft Ülufnaljntc fanben, fonbem and) einen 28ibertjall werten füllten, 
ber f)eute noch lebenbig ift. Unb wer eS nid^t wüfjte, würbe fdjwerlid) 
in ben leibeitfcfjaftlidjen ©turmfanfaren beö „(Sr ift gefommen" 
trofe be§ Xejteä gerabe bie grauenftimme l)erau3l)ören. @ben 
be£f)atb aber gebührte ber 5Danf für biefcS Sieberljeft,* beffen erfte« 
gebrucfteä (Sjemplar Stöbert Glara am 13. September 1841 befeuerte, 
beiben 311 gleichen Xeilen. ®er ®anf, ben hindert im 3al)r bar» 
auf im 2Rai 1842 fo munberooü in bie 28 orte fafjte:* 

Sang ift’S, lang, 

©eit id> meinen SiebeSfrüt)ling fang, 

9tu5 fperjenSbrang, 

SBie er entjprang, 

SSerftang in Sinjamfeit ber ftlang. 

3n>anjig 3al>r 

SBurben'S, ba tjört icfi t)ier unb bar 
®er SJogelfdiat 
©inen, ber tlar 

^Sfiff einen Ion, ber bortt)er mar. 



* S»ölf ©cbidjte aus g. SRiidertS SiebeSfrülfling für Oefang unb ^Jiano. 
forte oon Stöbert unb Stara ®d)umonn. Dp. 37/12. 3™« -'peftc. Seipjig bei 
Slreitfopf unb §ärtel. 

*•) „griebrid; Stüdert an Stöbert unb Slara ©djumann in ücipjig bantenb 
für ifjre lonfeßungen ju meinem £iebeeftüf)(ing." datiert: Steujefj bei ©oburg, 
im Quni 1842. „2lm 16. .Qfuni", fc^reibt Stöbert im lagebud) 1842, „Ijatten mir I 

eine große Jfreube. SBir Ratten Sb'idert unjere Sieber gefdjidt, ber uns nun mit 
einem SJteiftergebidjt antroortete.“ 



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1840 — 1844 . 



23 



Unb nun gar 

itommt im einunbjmanjigften ^apr 
Sin SBogelpaar, 

Kacpt erfl mir Mar, 

2)afs nicpt ein Üon »erloren mar. 

Keine Sieber 
©ingt ipr mieber, 

Kein Smpfinben 
filingt if|r mieber, 

Kein ©cfflpl 
SSefcproingt ipr mieber, 

Keinen grüpiing 
SB ringt ipr mieber, 

Kid), mie jtpön, 

Verjüngt iijr mieber: 

9?cpmt meinen $ant, menn euefj bie ©eit, 

©ie mir einft, ipren »oremfjält! 

Unb merbet ipr ben ®anf erlangen, 

©o pab i tp meinen mit empfangen. 

SRobertä greube an iprem Straffen war aber wopt ber |>aupt* 
fporn, in ber Äompofition oon Siebern fortjufapren. SD?it einziger 
9lu3napme einer au3 Slüegro unb Scperjo beftefjenbert Sonatine*, 
ifjrem SBcipnacptSgefcpenf 1841, beftept bie ©rnte ber fotgenben 
beiben Sapre nur au§ Siebern. Ser Sommer 1842 jeitigte ben 
„SiebeSjaubcr" oon ©eibet („Sie Siebe fajj at§ SRacptigall im Siofen* 
bufcp unb fang") unb .peitteS „Sie liebten fiep beibe, boep feiner 
Wollt eä bem anbent geftepn"** ju SRobertS ©eburtätag; „ba§ ge» 
lungenfte, wa§ fie bis jept überhaupt gefeprieben pat", bemerfte er 
bagu im Sagebucpe; unb ber Sommer 1843 feines „Soretep", 9?üdcrtä 
„3icp pab in Seinem Stuge ben Strapt ber ewigen Siebe gefepn"***, 
unb „D wep, be3 ScpeibettS, baä er tat." 



* Ungebrutft; etn ©(piufjfap tarn im Qanuar 1842 baju, ifl aber niept mit 
bem Kanujtript erpalten. 

** 93eibe »erüffentlicpt in ben „©etpS Siebern", ber Königin #on 2)änemarf 
gemibmet. 

*** 3n ben ,,©ecp8 Siebern". 



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24 



1840 - 1844 . 



fiäuSlidje Pflichten unb Vorbereitungen für bie Petersburger Steife 
{feinen in ber gweiten ipätfte beS ZaljreS 1843 bann aCerbingS bie 
©djaffenSlüft ju einem oortäufigen SUbfdjlufi gebracht gu haben, bocfj 
muß innerhalb biefeS Zeitraumes aud) noch bie Ä'ompofition ber beiben 
©eibetfdjen Sieber „$er SDtonb fommt ftitl gegangen" uitb „2)ie 
fülle SotoSblume* fallen, obgleich baS Xagebudj ihrer nidjt er» 
Wäf)nt. 

Stuf ben erften ©eiten iljreS gemeinfamen Tagebuches fpricfjt 
Clara fidf einmal über ifjre Sluffaffung beS beutfdjen Siebes aus, 
beranlaßt burcf) ben ©cfang einiger Sieber ihres ÜJtamteS burdj 
ihre greunbin Slije Sift, bie fie aber barin nicht befriebigte; währenb 
fie furj öorljer burdj ben Vortrag einer SRoffinifdjen 2lrie fie (jum 
erftenmal) Ijingeriffen : „mir fdjeint ju beutfdjen Siebern fehlt iljr 
eine tiefere Stegung, ein inniges Srfaffen beS TefteS, icf) fann mich 
barüber gar nid)t fo auSfpredjen, eS ift etwas, baS ich nid)t §u 
benennen weife. SS brängte fidj mir baSfelbe ©efii^t einmal auf, 
als idj ooit Pauline ©arcia baS ©retdjen oon ©Hubert hörte, was 
fie mel)t nadj ©ffeft hafdjenb »ertrug, als mit bicfer inneren ©lut, wie 
biefe SBorte fowie ©Huberts SDtufi! fo tjerrlid) eS auSfpredjen." 
SBaS ^ier anbeutenb über baS gbeal beS Vortrags beutfdjer 
Sieber gejagt ift, ift in bet Sluffaffung beS SßefenS beS bcutfdien 
Siebes, wie eS oon ©djubert juerft gefd^affeit, in Claras eigenen 
Siebern in ber Tat gelciftet. SS ift ein wunberbar inniges ftdj 
Sinfüfjlcn in ben Tcjt unb gugleid) ein wunberbar fixeres fperauS« 
Ijolen aller in biefent Tejrt noch eingefdjloffenen, gewiffermafeen unter 
ber Obcrfläcfje ber SBorte liegenben ©timmungS* unb SmpfinbungS» 
leime. Unb babei noc^ etwas SigeneS, baS aber eigentlich ungewollt 
ift: ber SBiberfdjein, ber SBiberflang jenes „häuslichen ©lücEeS" 
im haften ©iitn, in bem nadj fdjweren Prüfungen eine glüdlichc 
grau unb ÜDtutter ben Voben gefunben, in bem ihre Sünftlernatur 



* ®cibe in ben „£cd)3 Siebern". 



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1840-1844. 



25 



SSurjel faffen muß, um 3 U eigentlicher großer Sebengfraft 311 machen 
unb 311 erftarfen. 

SJfitte Dftober 1840 jdjreibt Schumann einmal über ßlarag 
Spiel, fie höbe mehrmalg in ber lebten geh gefpielt, „baß id) über 
ber SJfeiftcrin bie ffrau »ergaß unb fie fcf)r oft felbft »ot anberen 
gerabe 3 u ins ©efidjt loben muffte. ©0 fpielte fie »origen Sonntag 
früh C $ur«Sonate »on Seethooen, wie i<h e§ nod) nicht 
gehört." „So »iel ich über Glara 3 U fagen hätte", fährt er fort, 
„fo wenig fie über rnidj. Sei aller Slnftrengung 311 m Slrbeiten unb 
Schaffen jefct will mir nidjts gelingen, wag mirf; oft mit Schwermut 
erfüllt. SBofjer eg !ommt, weiß xd) wohl. Öati 3 müßig blieb ich 
bentiod) nicht unb fjabe midj auf ein ©ebiet gewagt, auf bem freilich 
nicht jeber erfte Sdjritt gelingt." 

$a berührt eg benn faft feltfam, wenn wir faft um bicfelbe 
3 eit ßtara im Jagebud; hell aufjubeln hören über bie fdjier un* 
erfchöpflidje Schaffcngfraft beg ©eliebten: „Sobcrt", hei&t in 
ber erften Sfooemberwoche, „componiert fleißig Sieber unb immer 
rnieber neu; wo fommen fte benn noch h cr / bie Junten!" unb 14 f£age 
fpäter: „ s Jiobert h at wieber 3 herrtidje Sieber componiert. Sie 
Sejte finb »on Suftinug ferner „Suft ber Sturmnacht" (0p. 35 
Sfr. 1), „Stirb Sieb unb ffreub" (0p. 35 Sfr. 2) unb „Sroft im 
©efang" (Dp. 142 Sfr. 1). @r faßt bie Sejte fo fchön auf, fo tief 
ergreift er fie, wie ich eg bei feinem anbern ©omponiften fenne, eg hot 
feiner bag ©emüt wie ©r!" So ift benn auch in beit brei tes- 
ten SJfonaten beg Saßreg nicht nur bie Sernerfdje* Sieber* 
reihe (Dp. 35) entftanben fonbern auch e * ne 9 an 3 e Seihe anberer: 
im Dftober bie brei 3 Weiftimmigcn Sieber Dp. 43** unb bag erfte 

* „©ctjnfudjt tiacf) ber SBalbgegenb" (Cp. 3ö 97r. 6) war baS 23eibnarf)tS* 
gef dient, unb in bet erften ^anuarmotfie entftanb ba? „Sknberlicb": „2?o^(auf 
noch getränten" (Op. 3ö 9tr. 3). ©djumann felbft gibt in ber l>anbfd)riftlicf)en 
Datierung in ber fjanbauigabe feiner Äompofitionen a!4 ®ntfte^ung4jeit 10. — 
t 24. fRouember 1840 an. 

** 3 n ber „brüten SBocfye" (27. Sept. — 4. Ctiobcr; fcfjreibt Schumann: „Swei 



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26 



1840-1844. 



Seft ber SRoman^en unb Sattaben Dp. 45 (Seine« „Sdfaßgräber", 
Gidjenborff« ,,grüf)Iing«faf)rt‘', Seine« „?lbenb am Stranb“), im 
SRoücmber au« bem 2. S e f* c 9ionne" üon größlid) unb maßr» 
fdjcintidj and) ba« ganje britte Seft. Slußerbem im Sanuar, mie 
mir fdjon miffen, bie 9 Sieber au« bem Stüdertfdjcn Siebe«früf)ting 
unb oorfjer nod) gmifdjenburdj (2. ERooember) bie ßompofition be« 
Setferfdjett SRßeinliebe« *. 

Drofcbem ift jene trübe Stimmung, mie fie Schumann« eigene 
Sorte au«fpred)en, mof)I toerftänblidj. Diefe immer nod) fprubelnbe 
SMobienfüße be« au«gefjenben Sieberjapre« bebeutete für tf)n eben 
nur ein ÄuSüingen oon fämingenben (Utocfen. Sa« aber in ifjrn 
an neuem Seben arbeitete unb jum Sid)t emporrang, ba« fünbete 



fid) in Sdjmerjen an. 

Snbe« füllten nodj brei 2Ronate öergetjen, eßc bie Stunbe ber Gr« 
löfung frf)Iug, menige Dage, nad)bem ba« lefcte Sieb au« bem Siebe«* 
früßling feinen Ion gefuitben unb ben anbem nadjgeftogen mar. 

Die neunje^nte Sodje ifjre« gemeinfamen Dagebudj« bom 
17. — 23. Januar beginnt Glara mit ben Sorten: „Siber bie Slbrebe 
ift e«, baß id) biefe Sod>e ba« Sud) füt)re, bod) menn ein SDZann eine 
®tjmpf)onie** componiert, ba fann man moljt nid)t bertangen, baß 
er fief) mit anbern Dingen abgibt, — muß fid) bod) fogar bie grau 
fjintenangefefct feljen! Die Spmpßonie ift batb fertig; idj fjabc 
jmar nod) gar nidjt« babon gehört, freue midj aber itnenblid), baß 
fidj Stöbert enbtid) auf ba« gelb begeben, mo er mit feiner großen 
tßfjantafie Ijingcßört." Unb am 25. Saitunr: „Seute, SRontag, f)at 

fleine 2)uetten madjtc id): „SBemt id) ein Söglein mär" unb „Sjerbftlieb" Bon 
9Kai)tmann („Sn« Saub fällt Bon ben Saunten"); in berfelben 3eit „bradjtedlara ein 
Satlabenf)cft (B. b. Sötoenbraut (atfo Cp. 31), ba« ©räfin Srneftine Bon Seit-' 
roib geb. Bon griden geioibmet mürbe) „in« Keine, tooburd) fie mir Biel faure 



Slrbeit abnimmt." 

* tpatriotifct)cS Sieb für eine ©ingftimme unb £f)or mit Segleitung be« 
Sianoforte („Seipjig bei griefe) [ otjne Cpu«jal)0; nach bem Sagebudt bi« Sejember ! 
in ca. löOO Sjemplaren abgefe&t. ( 

** Spmptjonic B«bur Dp. 38. J 



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1840—1844. 



27 



Sto&crt feine ©fjmpljonie jiemlich botknbet; fie ift wohl meiftetiä in 
ber Ißacht entftanben, — fdjon einige 92ärfjte braute mein armer 
Robert barübcr fdjtaflo« f)in. (Sr nennt fie „grü^ling^fljmpf^onie*“ 
. . . ffiin 3frül)lingägebicht Don ** war ber erfte Sntpul« ju bicfer 
©chöpfung." 

&n eigentümlicher gufatl wollte e« übrigen« , baff gerabe in 
biefen felben Sagen auch langgehegte Hoffnungen aitbrer Slrt beiben 
jur ©ewipheit würben. „Sch bin ganj glucflich", fchreibt Slara 
unb fährt bann fort: „Sienftag Dotlenbcte Robert feine <St)inp^onie ; 
alfo angefangen unb »ollenbet in Dier Sagen***. Hake mau nur 
gleich ein Crchefter ba! — Sch wup Sir, mein lieber ÜDianit, ge« 
ftehen, ich hätte Sir folch eine ©cwanbtheit nicht gugctraut — Su 
flö^t mir immer neue Sljrfurcht ein!!! — " 

Sl&er wenn auch gleich am 27. mit ber Snftrumenticnmg begonnen 



* Semen tjprechenb waren urjprünglich für bie Bier Säfte bie Überfdjrtflen : 
„gfriihlingSbeginn" ;9lnbante), „TOeiib" (Sarghetto), „grofte ©ejpielen" (©djerjo,', 
„Stolter grühling" in 9lu«ftcht genommen. 

** Ser fltame ift im Tagebuch nicht auägefüllt, ti mar nach „Qanfcn, XaBib«* 
bfinbler" ©. 244 Ülbolph SBöttgcr, ber nach berfelbcn Duelle als ba§ anregcnbe 
©ebidjt baS folgenbe bcjeidjnete: 

Su Seift ber Solle, trüb unb fchroer, 
giiegft brohenb über Sanb unb 90t e et, 

Sein grauer Schleier bedt im Dtu 
Seä Rimmels flareä 9luge ju, 

Sein fttebet mailt herauf non fern, 

Unb Stacht ocrhüHt ber Siebe Stern! 

Su ©eift ber SBolfe, trüb unb feucht, 

28a« haft bu all mein ©lüd Dcrfcfjeucfjt, 

23a« rufft bu Sränen in« ©eftcht 
Unb ©chatten in bet Seele Sicht? 

ß wenbe, menbe beinen Sauf, — 

3m Sale blüht ber grühling auf!" 

*«♦ „©liniert Born 23. bi« 26. Januar 1841" lautet Schumann« Stornier! in 
feinem §anbcjemplar. 



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28 



1840 - 1844 . 



nnirbe unb cS im „©turmfdjritt" weiter ging, bis fie einen Sou 
baöon $u fjören befam, war noef) eine fliemlidje ©ebulbSprobe er« 
forberlidj. ©ie patte jwar am ©nbe ber jwanjigften Sßodje fate« 
gorifd) erftärt: „92ädE)fte SBodje übcriaffe id) Sir nun baS Sagebucp — 
jefct «erlange idj Drbmtng opne SDJitleib." Slber fie mußte nid)t 
nur bie folgenbe, foubern aud) bie nädjftfolgenbe fid) „nodj in ®e* 
butb üben." 

©rft am 14. gebruar, einem ©onntag, warb baS Darren belohnt 
unb nad) Sifd) im ©eifein ber greunbe SBenjel unb ©funbt jum erften« 
mal bie grüfjlingSfpntpfjonie, „bie ©inen wafjrljaft früplingSwarm 
anwept", gefpielt. „3fdj möchte mid) wopt ein wenig . . . über bie 
©ßmpfjonie auSfpredjen, bod) id) würbe niept fertig, ju reben öon 
ben Shtöfpdjen, bem Suft ber ©eildjen, ben frifdjen grünen Slättem, 
ben ©ögeln in ber Suft, was man alles in jugenblicfjcr Sraft leben 
unb weben fiept", ^eißt eS im Sagebucp. „ßaepe miep nidjt 
auS, mein lieber SJiann! Äann id) miep aud) nidjt poetifcp auS* 
brütfett, fo ift bod) ber poetifdje .jpauep biefeS SBcrfeS tief in mein 
gnnerfteS gebrungen." 

SBenn fie aber jum ©djluf? ben SDfann uodj befonberS iprer 
„ liebet) otlften ©efinnungen" oerfiepert, „boep nidjt etwa bloß Seiner 
©ßmpponie wegen, fonbent auep beS ^jerjenS wegen, auS bem fie 
entfprungen", fo erntete fie ben fdjönften fiopit für ipr Entbehren 
in bem San!, mit bem SRobcrt nad) fünfwöcpcntlidjem ©Zweigen 
im Sagebucp ju ber lieben Seferin ^urücffefjrt. 9lu8 tiefen ?lbgrüitben, 
oon ©djöpferwomten unb Dualen auftauepenb, fdjreibt er: „Sie ©pm« 
pponie pat mir Diele glüdlicpe ©tunben bereitet; fie ift jiemlicp 
fertig; ganj wirb es fo ein Serf erft, wenn man es gehört. Sanf« 
bar bin idj oft bem guten ©eift, ber mir ein fo grojjeS 2Bcrl fo 
leiept, in fo furjer ßcit geraten läßt . . . 9hm aber, nad) oieten 
fcplaflofen 9!äd)ten fommt auep bie ©rfdjöpfung nad); mir gefjt eS, 
wie e§ einer jungen grau gepen mag, bie eben entbunben worben 
ift — fo leiept, glüdlid) unb bod) franf unb wepe. SaS weiß aud) j 



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1840-1844. 



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meine (Slara unb fcßmiegt ficfj nun hoppelt järtlidj an mid), wa$ 
idj ifjr fdjon aud) fpäter tiergelten will. Überhaupt fönxtte id) gar 
nidjt fertig werben, wollte id) tion allem Sieben erjagen, baS mir 
(Slara in bicfer 3 eit erwiefen, unb mit fo willigem $erjen. Unter 
SRiUionen tjätte icfj fudjen fönnen, bie mir, wie fie, fotiiel 9?ad)fid)t, 
fotiiel 5lufmertf amfeit fdjenft." 

3m ©turmfdjritt ging e§ nun and) weiter. 51m 20. gebrnar 
war bie Snftrumentierung ber ©pntpljome bcenbct, am 28. SJiärj 
würbe fie jum erftenmal probiert, „unb nafjm fid) jurn Snt^ücfen 
aller ber Slnwefenben tjerrlidj au£ . . . äJtenbclSfoljn war ganj er* 
freut unb birigiertc mit größter Siebe unb 51ufmer!famfeit", fdjreibt 
Slara im lagebnd). Unb brei Hage fpäter, am 31. SDiärj, in einem 
tion Slara ©dfjumann* jum SSefteit be8 0rdjefter*ißenfion8fonb8 ge* 
gebencn Sondert fanb im ©ewanbßaufe bie erfte 5luffüßrung ftatt. 

„?lm 31.", berichtet ©djumann felbft, „Äonjert be8 ©djumann* 
fdjett Stjcpaareä. @lücflid)er Slbenb, ber mir unoergeßlid) fein wirb. 
SJteine (Slara fpielte alles wie eine SfZeifterin unb in erfaßter ©tim« 
mung, baß alle SSelt entwirft war**. Stnc^ in meinem ftimftler leben 
tft ber Sag einer ber widjtigften. ®aä fa| and) meine ^rau ein 

* ©ie felbft fpielte borin mit SRenbeldjoßn jufamraen beffcn Suo für 
4 §änbe, außcrbem Stbagio unb SRonbo aud Kßoptnd 2. Äoitjert (F*motl!, Wttcgto 
non Schumann, rin Sieb oßne SS orte non äRenbeldjoßn, ein Sfloöierftücf t>on 
©carlatti unb Sßalbergd SJtofedpßantafie. Slußetbem fang ©opßie ©cßloß jroci 
Sieber Bon Siobert, Kßamiffod „Söroenbraut" unb IRücfertd „Su meine ©ecle, 
bu mein £>ctj" unb oon Klara „Äm ©tranbe" bon ©urnd. 

** Klara felbft fdjreibt baruber an Kmilie Sift : „Qd) mürbe empfangen mit 
einem fo anßaltenben Kntßuftadmud, baß icß blaß unb rot mürbe, ed bürte 
nicftt auf, felbft ald id) fdjon am Planier faß. (©o ßörtc id) noeß niemanb 
empfangen, felbft STßalberg .... nicht), baß bied mir SRut maeßte, tannfi Du 
Sir beuten, mie id) an allen ©liebern jitterte Bor Slngft; icß fpielte, mie id; 

mieß feiten erinnere gejpielt §u ßaben Strined SRanned Symphonie errang 

fteß einen ©ieg über alle Kabalen unb Intrigen nie ßörte id) eine 

©pmpßonie mit folcßem SrifaH aufneßmen S&enbeldfoßn birigiertc fie unb 

mar überhaupt bad ganje Konzert ßinbureß bet entjüctenbfte äJienfcß, bie größte 
ffreube ftraßlte aud feinen Slugeit. Sie Sieber maeßten aueß entfeßieben ©liid, 
unb bad leßte mußte bie ©eßloß mieberßolen." 



L 



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1840—1844. 



unb freute ficfj über beit ©rfolg ber ©pmphonie faft mehr als über 
fich feCbft. ©o benn mit ©ott auf biefcr Saßn meiter. ©21 fief)t 
ja jefct fo fjeiter in meinem ©emüte, baß ic£j noch manches an ben 
Jag ju förbent gebcitfe, baS bie Sperjen erfreuen foll." 

SBenige Jage juoor Ejatte er gefc^rieben; „SJtcine näcßfte ©pm» 
phonie foll „ßlara" heißen, unb ich miß fie barin abmalen mit 
flöten, $oboen unb Warfen." 

Jiefe „näcßfte" folgte nun jmar jener erften feßr fcßneß, aber 
bocß nicht auf bem 5t« bie grühlingSfhntpbonie reifte ficfj 

oiclmetjr gunächft bie „Cuöertiire, ©cßerjo unb finale für Drcfjefter". 
(Op. 52.) 

„Ütobert", fcßreibt ©lara Stfitte Stprit, „bat $u meiner großen 
$reube eine jarte burcßauS Weitere (feinen eigenen SluSbrucf $u ge» 
brauctjcn) firenenartige Duoertüre beenbet unb fißt nun über bem 
Snftrumcntieren, maS er mit einer roabren ißaffion treibt. 3cß freue 
mid) fo re^t innerlich bariiber unb münfehte nicht«, als ich Kirnte 
ihm nur ein Heine« Jeilcfjen fooiel greube machen als er mir." 
SKtach einigen Setrachtungen barüber, baß auch ber fc^affenbe 
Äiinftler bie Slnetfennung t>on außen nicht ganj entbehren fönne, fährt 
fie fort: „2>ie ©bmphonie mirb mit greube oott jebem, ber fie ge« 
hört, ermähnt, unb baS tßut mir immer ganj munberbar moht" unb 
fdjließt: „Sch h Q be ein bißchen nach meiner SBeife gefchmaßt — 



♦ 9?acp ber Sintragung in baö §anbejcmplar: „Duoertüre (fixiert b. 12. u. 
13. 2lpril, inftrumentiert b. 14.— 17. Scperjo unb legtet Sag feiert 19.— 22. 
inftrumentiert 0 . 25. Slpril— 8. ©tai." Urjpriingticp fepeinen aud), rate aus einer 
Äußerung ScpumarmS im Jagebud) peroorgept, Duoertüre einerfeit« unb Sdjcrjo 
unb ginnte anberjeit« aI5 je jroei getrennte Stampefitionen gebaept getuefen ju jein: 
„ Jie Duoertüre in F*J)ur in Oicr Jagen inftrumentiert, ein Stpetjo unb ein finale 
für Drtpefter in 4 Jagen fertig fixiert" Sfnfang ©tai jpriept ©lara »an bem 
„^weiten großen Drcpefterwerfe — wir miffen e« ttodj niept ju benennen — , c« be* 
ftept auä Duoertüre, Scperjo unb finale. " .turj barauf Scpumann: „Jic Spm« 
pponette iß fertig inftrumentiert". 911« „Duoertüre, Scpcrjo unb ginale für 
Orcpefter" jum erftenmal aufgefüprt im ©emanbßauS in Slara« fionjert am 
6. Jejember 1841 (jufammen mit ber jroeiten Spmpponie). 



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1840-1844. 



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SieS fyaft btt, mein liebet SHamt, mit fefjon jo oft mit einem mitben 
ßädjeln »erstehen — worum nicf)t anefj bieömal ! " ®on bet ge* 
hobetten, fchaffenSfreubigett Stimmung beS äReifterS jeugt aber 
ferner bie ebenfalls in ber erften Slprilwodje auftaudjenbe Sbee 
ju einet Sgmphonie für bie (Snthüflung beS Scan ®aul*Senfmal3 — 
am 15. 9?oüentber — unb mehr noch bie unmittelbar an bie 
„Stjmphonette" fiefj anfd)liejienbe Arbeit an einer „ißfjantafie für 
Älaüier unb Crcfiefter", bie Glara bereits Slnfang 3Rai erwähnt. 
@3 war baS ber erfte Saft beS nachmaligen Äon^erteS in A*moll, 
Cp. 54, ber als Stüd für fief) „als ißfjatttafie in A-moll" auch 
im Saufe beS Sommers uoßenbet würbe.* 

ßunächft aber muffte fie jurüeftreten hinter ber in ben lebten 
9Rai* unb erften Sunitagen mit äJtacht burchbrechcitben jweiten 
Symphonie’**. 

2lm 29., nach einem in GonneWijj unb Änautfjapn — SRobertS 
altbeliebtem SluSflugSort — in fchönftem ®chagett fröhlich »erbrachten 
Sag, an bem fie abenbs „wohlgemut unb jufrieben mit uns unb 
bem $immel" fjeimgetuanbert waren, begann am Sonnabenb oor 
fßfingften, am 30. 2Rai, bie geftaltcnbe Arbeit. 

„Sie geiertage“, jdfreibt ßlara am 31., „finb herrlich- SRobertS 



* Klara fpielte biefe „^fjantafie" jum erftenmal probeweife am 13. Auguft 
1841 im ©ewanbljauä, gelegentlich einer tJJrobe ber B*bur ©gmpbonic mit ben 
neuen, für ben $rucf Borgenommenen, 5tnberungen. „$ie 5]3f|antü[ic in A*mod", 
fchreibt fie, „fpielte ich auch; leiber nur hat ber Spieler felbfl im ©aale wenig 
©ennjj (einem leeren ©aale nämlich', er hört webet fich noch baä Crchcfter. Q'ch 
fpielte fie aber jweimal unb fanb fie tjerrlicb '• Sein einftubiert, muß fie ben 
fünften Senufj bem 3 u hörer bereiten. Xaä filaoier ift auf baä feinfte mit 
bem Drchefter oerwebt — man tann ftch baä eine nicht benten ohne baä 
anbere." 

** ©pmphonie in D»moll Cp. 120. 9lach ©chumannä gintragung: „©liniert 
Seipjig im 3(uni 1841. 9?eu inftrumentiert, $üffelborf 1851. grfte Aufführung 
in ber erften SBearbeitung in Seipjig unter $a»ibä Seitung im ©ewanbhauä 
6. 2>ej. 1841." 



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32 



1840 — 1844 . 



(Seift ift gegenwärtig in größter Sätigfeit; er ßat geftem eine 
©pmpßonie toieber begonnen, welche au« einem ©aße hefteten, je» 
boeß Slbagio unb ginale enthalten foH. Stodj ßörte idj nichts ba- 
oon, boeß feße idj au« Robert« Treiben, unb ßöre manchmal ba« 
D-moIl loitb au« ber gerne ßer tönen, baß idj feßon im eorau« 
weiß, e« ift bie« mieber ein SBerf au« tieffter ©eele gefdjaffen. 
2) er .fjimntel meint e« bod) gar gut mit un« — feliger tann Stöbert 
im ©cßaffen nießt fein, at« tcß e« bin, trenn er mir ein folcße« 
SBerf bann jeigt. ©laubft bu mir ba«, mein Stöbert? idj bädjte, 
bu fönnteft’«." 

Unb wenige 2age fpäter: „Stöbert componiert immerfort, ßat 
brei ©äße bereit« beenbet, unb idj ßoffe, e« wirb bi« ju feinem 
©eburt«tag fertig. @r fann mit Suft auf ba« oergangene 3 aßr 
unb fieß jurüdbliden, meine idj! man fiefjt, baß fief» bie @ße bodj 
nießt nachteilig gezeigt fjat — man fagt fo oft, fie töte ben (Seift, 
beneßme ißm bie jugenblicße grifdje! SJtein Stöbert liefert boch gewiß 
ben flarften ©egenbewei«!" 

©o fcßnetl, wie fie hoffte, rüdte freilich Sßerf nicht oor, 
ba „anbere Slrbeiten", wofjl für bie geitung, fi dj bajwifcßcn fdjoben 
unb eine im 3uli nadj 2)re«bcn unternommene Steife neue Unter- 
brechung braeßte. Unb fo fonnte e« fommen, baß ein anberer 
Älang efjcr ben Sewei« be« eßelidjen ©lüde« lieferte, ber 2 on einer 
fleinen SStenfcßenftimme, bie am 1. ©eptember an ben öier SBänben 
be« ©cßumannßaufe« ein Scßo wadjrief. 

Stad) ftunbenlanger ©orge fam „10 SDtinutcn tior 11 Uljr oor» 
mittag" ba« erfte Äittb biefer Sße, ein SDtäbcßen, jur SBelt, „unter 
33liß unb ®onner, ba gerabe ein ©ewitter am §immel ftanb. 
2)ie erften Baute aber — unb ba« Beben ftanb wieber ßeH unb 
liebenb oor un« — wir waren ganj felig oor ©lüd. SBie bin ich 
bodj ftolj, eine grau 31 t ßaben, bie mir außer ihrer Siebe, ißrer 
Äunft aueß foldj ein ©efeßeuf gemaeßt", feßreibt ber glüdlicße ®ater, 
inbent er „ba« erfte ©ßrenmitglieb unfere« fflunbe«", in bem er 



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1840—1844. 33 

bie 3üge ber 3}?uttcr miebererfentit, auf beit 93£ätterrt beg Jage« 
bucheg miUfommen Reifet. 

llnb alg am 13. September, Glarag ©eburtgtag, bie fteine 
SKarie getauft* mürbe, fonnte er bie geliebte grau nicht nur mit 
ben erften gebrühten Stimmen ber erften Symphonie utib ihrem 
gemeinfamcn SieberEjeft, fonbern aud) mit ber D»molt*Spmpf)onie, 
„bie ich im ftiHen fertig gemacht", überragen. „ 2 ßag fonnte idj 
if)r aud) fonft bieten aufjer meinem Streben in ber Kunft, 1111 b mie 
nimmt fie fo tiebeooll jtljeilnaljme baran", befennt er im Xagebuch unb 
fä^rt fort: „eineg beglütft mid), bag Sercujjtfein, itod) lange nicfjt 
am ßiei 3 U fein unb immer noch ®effere§ leiften 311 müffen, unb 
bann bag ©efüljl ber Kraft, ba£ ich eg erreichen fann. So beim 
mit 9Jtut, meine Slara, an meiner Seite immer oormärtg!" So 
flang bag crfte Saht in biefer Künftlerelje aug. 

2)ieg ©efüfjl oon Scfjaffenäfraft mar eg auch, 10(13 ihn in ben 
folgcnben SJtonaten, aufjer ber greube an Sßeib unb Kinb, in meid) 
lefcterem er natürlich auch fth on mufifalifchen Sinn entbecfte — 
„menn fie mal unruhig ift, fpielt ihr ßlara oor, mag fie gleich 
befänftigt unb einfchläfert" — über machfenbe Sorgen unb 58er« 
ftimmungen hmmegtrug, bie fid) aug feinen immer mcniger ihm 311 = 
fagenben literarifchen unb fiinftlcrifchen 93erf)ältniffen ergaben. 
Cpernpläne begannen ihn fdjon im Sluguft 31 t befdjäftigen — er 
bad)te an Salberong „Sriide oon 2 J?antible“ unb ben „munbertätigeu 
SJtagug", unb in biefelbc $eit fällt bie crfte ISefdjäftigung mit bem 
5ßeri*Stoff. „3e£t hat mich", fchreibt er Anfang Stuguft, „Jh- SRooreg 
„jßarabieg unb bie ißeri" gait 3 gliicflich gemacht — eg lägt fid) 
oielleicht etmag Schöneg baraug machen für ÜDtufif." 

2 )odj blieb eg für ben 9teft beg Saljreg bei Slnlöufen. Sine 
„fleine ©htnpfjonie in Ontoll", bie er ©nbe Dftober „siemlidj fertig 



* ißate waren ©djuntannS 33rubcr Carl, SlaraS SDluttcr, 9Kenbefö|oI)n unb 
SRabame Sieorient (©d)umann8 ehemalige SBirtin . 

?t t;mann, Ölara 2c6umonn. 1t. 3 



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1840-1844. 



im Kopfe" fjatte, warb freilich am 10. JKooember in ber ©figgc 
fertig, blieb bann aber liegen. Sin in bcrfelben 3eit unternommener 
erfter SBerfudj in ©efangSfompofition mit Crdjeftcr: „$einc8 Sra* 
göbie" für Sf)or unb Drdjefter warb gWar am 8. SRodember äußerlich 
oollenbet, bann aber mit bem SBernterl „noch nicht fertig" gurücf* 
gelegt.* Sin „SSiegenlieb"**, am 2Beif>nacf)t§nadjmittag fomponiert, 
War ber befcfjeibene unb bodj fttmmunggootle Slbfdjlufj biefcS alle 
|>öf)en unb Siefen beS menfcfjlifc^ert unb fünftterifcfjen SafeinS ihnen 
beiben erfdjliefjenben 3af)reg. 

Slber audj an lauten unb leifen Siffonangen fjatte e§ gerabe in 
bicfen lebten URonaten nicht gefehlt, bie cbcnfo wie bie Sreigniffe 
in ber erften §älfte beS folgenben SaljieS für eine $eitlang bie 
fdjöpferifcf)e Arbeit mehr unb mefjr gurücfbrängten. 

Sine fleine Snttaufdjung bereitete gunädjft bie erfte Stufführung 
ber gweiten ©pmpljonie, bie gleichzeitig mit ber ber „Cuüertiire, 
©chcrgo unb finale" in einem ooit Slara am 6. Segember 1841 
im ©ewaitbfjauä unter SJtitwirfung oon Sifgt gegebenen Äongert 
ftattfanb, unb in bem bie beiben ©djumannfdjen Kompofitionen ent* 
fdjieben burdj bie baS ißublifum ooüfommen gefangennehmenbe Seil* 
nähme für Sifgt nicht gu ihrem fRedjte famen; audj fonft leuchtete 
biefem Slbenb fein guter ©tem. Slara fpiette mit Sifgt gufammen 
beffen Suo „^ejamcron", — „Sieg ift ein furchtbar brillantes ©tücf", 
fdjrieb Slara nach ^ er $robe — auficrbent u. a. feine ißh an tafie über 
Shctnen aus Sucia bi Sammermoor. 3um ©efangSöortrag famen 
©djumannS „Sie beiben ©renabiere" unb ^erwegljS 9ffjeinwcinlicb 
für SKännerchor oon Sifgt. 

Über bie Sßirfuttg bcS Suo berichtet bie SReue Seitfdjr. f. SDZufif***. 

* ®iefe t)anbfd)rift(id) im 9?ad)Iafj befinblidje ffompofitton liegt ber fpdtern 
Bearbeitung für eine Singftimme mit ^ianoforte in ben „SRomanjen unb BaDaben" 
§cft IV (Dp. 64) jugrunbe. 

** MadjmaW in ben „SUbumblättern" (Dp. 124) als „Sdjlummerlieb* »er* 
6ff entließt. 

*»* 1841, 21. Dezember SRr. 50. 



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1840-1844. 



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„Sinen in ber lat beifpiellofeu Subei aber rief baS 35uo für gwei 
^ßianoforte bettwr. alle gewohnten ©djtanfett beS SeifattS waren 
burc^broc^en unb Ratten einem Taumel, einem Fanatismus ißlab 
gemacht." Slara aber fdjreibt: „SS machte gnrore, unb wir mußten 
einen lei! baöon wieber^olen. 3d> war nicht gufrieben, fogar fe^r 
ungtücfüch biefen Sbenb unb bie folgenbeit läge, weit Siobert tion 
meinem ©piet nicht befriebigt war, aucfj ärgerte ich mich, ba| iRobertS 
©pmptjonien nid)t befoitberS auSgeführt würben, unb Ratten ficbj 
biefen Stbenb überhaupt ntand)e Heine Fatalitäten ereignet mit 
SSagen, »ergeffenen SRoten, wacftigem ©tuf)l beim Spiel, Unruhe 
»or Sifjt ufw. ufw. SS tiereinigte fitfj guoiel beS (guten — Sifgt, 
ein ungeheuer tioller ©aal (900 2Renfd)en) — als baj? nid)t etwas 
Unangenehmes mein Vergnügen barüber hätte ftbren folteu." 

SS fam bagu, bafj beibe, fo feljr fie wieber fetbft ben Räuber 
ber Sifgtfchen ^crfönlidjfeit empfanbett unb baS „tiergogene Äinb" 
wirflidf) lieb gewannen, boch Weber mit feinem 9lnf)ang noch über* 
fjaupt feinem 93er!ef)r in ber ©efcllfdjaft fich befreitnben tonnten. $5ie 
£)auptfad)e aber war bie ihnen beiben, tior aßen Gingen Slara, 
gum SewuBtfcin fommenbe SBerfd^ieben^eit ihrer Äunftauffaffurtg im 
höthften ©inn. 2Us SBirtuofe tierfe^te er fie, wenigftenS Slara, 
gwar nach öor, befonberS in feinem erften, am 13 . Eegember 
gegebenen Äongerte, in baS ^öc^fte Srftaunen — , „fein Sßortrag beS 
ShampagitertiebeS (in ber $on 3uau*^3f)aittafie) wirb mir untiergefjlich 
bleiben", fchreibt Slara, „biefer Übermut, biefe 2uft, mit ber er baS 
fpiette, war eingig! man fah ben ®on Suait oor ben fpringenben 
Shampagnerftöpfeln in feiner gangen 91uSgeIaffenf)eit, wie ihn fid) 
SRogart nur irgenb fann gebadet h^en." — aber feinen Äotw 
pofitionen gegenüber war bie Dppofition audj bei il)r um fo energifdjer: 
„ich fann fie nicht anbers als fchauberhaft nennen — ein ShaoS 
»on 33iffonangen, bie greüften, ein immcrwährenbeS ©emurmet im 
tiefften ®a| uub hö<hften SÜSfant gufammen, langweilige Sntro* 
buftionen ufw., als Äomponift fönnte ich ihn beinahe baffen.“ 

3 * 



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1840-1844. 



©Ieichwof)! Wäre wo!)! Schumanns ©djöpferluft biefer unb anbrer 
Dämonen beS ÜftihöcrgnügcnS im neuen Saljrc £>err geworben, beim 
fdjon Stnfang Sanuar 1842 oerjeic^nct baS Xagebudj „Arbeiten 
am Heft ber ißeri", wenn nicht baS äußere Seien 3 U einer Unter« 
bredjung ber fdjöpferijdjen Stätigfeit gezwungen hätte. 

Bei ben planen für bie .gufunft hotten oor ber Verheiratung, 
Wie wir wiffen, Äon^ertreifen ßlaraS in Begleitung ihres Cannes 
immer eine Volle gefpielt, fowohl als felbftöerftänblidje Betätigung 
ihrer fünftlerifcfjen Perfönlidjfeit wie als (SinnahmequeHe jur Sin« 
fammtung eines bie forgentofe .ßufunft fidjernben Vermögens. Unb 
jWar war gaitj beftimmt fchon für Slnfang 1841 bie ruffifd^e 
Veife in SluSfidjt genommen. 2)od) hotten, feljr ju ©djuntannS 
f^reube, ber „mit ©tfjrecfcn" baran badjte, „aus unfern Steinen 
warmen Veft herouS" ju müffeit, bie friegerifdjett Verwidlungen 
im Orient fic halb genötigt, für baS erfte 3ahr ben Plan 
fallen 311 laffen. Seniger in (SlaraS ©inn: „Slbieu Virtuofin!", 
fdjreibt fie im Dftober 1840 unter bem ©inbruef beS ©chciternS 
ber Petersburger Steife: „könnte id; bodj nur Stöbert bewegen, 
mit mir nach 4?oHanb unb Belgien 311 reifen, bamit xd) hoch 
nächfteit Sinter benufje — es ift mir fdjredlidj, iljm gar nichts 
mit meinem latente nü$en 3 U fönnen, je^t wo ich &i e befien Kräfte 
ba 3 ii habe . . . Überlege eS 2)ir bodj, mein lieber SJtann! lajj 
unS nur ein paar Sinter noch benufjen — ich &io eS i a ouch 
meinem Stufe fdjutbig, bah ich i«ich jc^t nodi nicht gan 3 3 U« 
riicf 3 iehe. @S ift ein Pflichtgefühl gegen $id; unb mich, baS in 
mir fpricf)t." 

3hr förperlicher $uftanb fowic iljreS ÜJfanueS fdjöpferifche STätig* 
feit liehen aber snnädjft auch biefe Pläne gan 3 3 uriidtreten unb fie 
fchliehlich audj nicht ungern oersidjten. Um fo fchmer 3 licher aber 
empfanb fie eS, als gelegentlich «neS BefuchS oon Swoff, ber aufs 
neue für eine Petersburger Steife iljnen feine Proteftion 3 iifid;erte, 
fie fich über 3 eitgen muhte, bah ouch für ben folgenben Sinter biefcS 



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1840 - 1844 . 



37 



ißrojeft nicht ausfiifjrbar fei, meit Sifgt fjinfontnie, „unb mit biefem 
muff man itic^t riüatifiercn motten. SBen er nicfjt burtfj feine Sun ft 
entlädt, ben bezaubert er burdj feine fßerföntidjteit — gemöfjnlidj 
finbet aber beibeS ftatt. ®a3 mar fchott tängft mein Vebenten, 
benn, menn idj and) mirflidj burdj meine Sunft befriebigte, fo fefjtt 
meiner fßerföntichfeit alles, ma§ bagu gehört, ©tiicf in ber 28ett gu 
machen." „ Petersburg " fdjliefjt fie, „fdjtag id) mir nun für nädfiften 
äöinter aus bem Sinn, — Sampf foftet es mich . . . jeber fragt, 
ob id) nicht reife — idj fomme gang in Vergcffenheit, unb in einigen 
3af)ren, menn mir uietleidjt eine Steife machen motten, mer metfi, 
ma§ ba StnbereS in ber Sunft bie 2eute beftfjäftigt." 

StngefidjtS biefer nie gang üerftummenben Stage unb Sorge unb 
ber nie gang rutjenben Sehnfudjt nadj ber ®ätig!eit, in ber unb 
burcfj bie fie bodj erft eine Sßerföntic^feit gemorben mar, unb ber 
mieber fo begreiftidjen gefjeimen ©djeu StobertS oor berartigen SEBan« 
berjiigen, mar e§ mirftidj eine befonberS glüdtidje f^üguntg, baß 
fdjtiefjtich gerabe Schumanns fdjöpferifche Xätigfeit ben Stntafj geben 
fottte, für eine ßeitlang menigftenS ihren ®rang in bie perlte auef) 
au§ feinen ©ebantengängen unb befonbern tünftterifdjen Sntereffen 
heraus nidjt nur begreiflich fonbent auch miHfommen unb er« 
freutid) erfdjeinen gu taffen. 

Slm 31. äJiärg 1841 mar Stara gum erfteumat mieber feit ihrer 
Verheiratung als Sünftterin oor ber Öffenttidjfeit erfchietien unb 
oon bem Seipgiger pubtifum, mic mir roiffen, mit einem 3ubet otjne« 
gleichen begrübt morben, unb an bemfetben ®agc hotte Stöbert 
Schumann mit feiner erften Sijmptjonie ben erften Sieg als 
Schöpfer eine« grofjen DrdjeftermerfcS errungen. 

®ie Sunbe oon beiben ©reigniffen oerbreitete fich atfo gteichgeitig 
in ben mufifatifdjen Steifen. Unb fo mar es nur gu begreiflich, 
bafe baS Verlangen, Gtara einmal mieber fpieten gu hören, gufamtnen« 
fiel mit bem täglich machfenbeit Sittereffe an ber neuen SntmidtungS« 
Phafe Stöbert Schumanns, ber, nadjbem er furg guoor erft als „ber 



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1840—1844. 



neue §erolb eine« neuen beutfdjeit ©efangeS*" erfchienen, nun als 
Crdjefterfomponift neue Überrafchungcn bereitete, unb mit bem 
Sntereffe ber SSunfch, biefe neue Äunft fcnneti ju lernen. 2BaS 
mar bafjer natürlicher, als beibe Zünftler zugleich einjutaben unb 
bem Äonjerte ber 3 rau burcfj gleichzeitige Aufführung ber SBerte 
beä üJiamteS ben ©haralter eines Schumann« AbenbS im hoppelten 
©inne ju geben. 

155er erfte SHuf biefer Art toar oott SBeimar aus, fc^on halb 
nach ihrem SSoctjenbette, ergangen, unb beibe toaren biefer Gin= 
labung SJfitte 9?ot'eniber gefolgt. @o fügte eS alfo ein feltfaraer 
Bufaü, bah biefelbe ©tätte, mo ein 3ahr juoor Glara SEBiecf 
ihre Iefcte Äunftreife beenbet, bie erfte ©tation ber Ihmftreifen 
Glara ©cfjuntannS merbeit foHte. ©ie fpielte am 21. SRouember 
in einem Äonjert jum SBeften beS ^offapetlmufiferpenfionSfonbS, 
in beffen zweitem Heil Roberts erfte ©pmpljonie aufgeführt mürbe, 
unb am 25. bei ber ©robherzoght im Schloff, mobei auch eine 
9ieihc ©chumannfchcr Sieber gefungen mürbe unb, mie bie ©tjm» 
phonic, greube unb 33 ei fall erregte. Auch Schumann felbft 
äuherte fidj nicht nur über bie Aufführung unter GfjelarbS 
Seitung, — tro^bem er bemerlt: „Gh- f«h«nt fein Dirigent für 
eine beutfche Kapelle", „ba Ijeifit es, grob fein unb etroaS gelernt 
haben" — fonbern auch “ber bie übrigen Ginbrücfe biefer erften 
gcmeinfamcn Äünftterfahrt burdjauS befriebigt. 9?idf)t menig hotte 
baju allerbingS bcigetragen baS Bufoutmenfein mit Sifjt, ber, mährenb 
ihrer Anmcfenhcit bort angefommeu, fie noch einen Sag länger bort 
feftgehalten unb bei biefer Gelegenheit feine Teilnahme an GtaraS 
ftonjert in Seipjig am 6. UDejember jugefagt hotte. 

SJiit biefem |>erauStreten in bie gröbere Öffentlichfeit aber fcf)ien 
auch bem bisherigen befdjaulichen ©tilleben beS ftünftlerhaufeS mit 
einem Schlage ein Gnbe gemacht ju fein. 9?idf)t nur, bah ßifjtS 
Anmefenheit in Seipjig ber jungen §auSfrau jum erftenmal ©e» 

* Slätter für ffltufif unb Literatur 1841 9?r. 23 ßfuni). 



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1840 — 1844 . 



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legenljeit gegeben hotte, ifjre fiunft auef) auf biefein ©ebicte ju jeigen, 
inbem 311 Stjten ein größere« SDiner gegeben irnirbe, an 

bem u. a. £ifjt§ bamaliger Begleiter, f^örft fiidjnomsft), non Schumann 
at« ein „bornehmer Abenteurer", bon anbern als ein „fapr^iöfc« 
grauen jimmert^en, ba« mit alten Jugcnben unb Untugenben eine« 
fotzen behaftet ift", bejeid^net, teitnafim, fotibern auch bie Äonjert« 
pflichten traten plöfclidj ungleich mehr in ben S3orbergrunb. 

Jaß fie, ermiefene greunblidjfeit bergettenb, am 13. Dezember in 
Sifjt« eigenem Äonjert mitmirfte, mar felbftberftänblicfj, unb ba e« 
fich um bie aBieberfjolung be« mit folgern Seifatt aufgenommenen 
fiifjtfdjen Srabourftüde« honbelte, auch feine befonbere An* 
ftrengung. SBoßl aber ftettte bie am 28. Je 3 cmbcr bon Jabib an 
fie gerichtete Sitte, am 1. Sanitär im ©emaubtjau« mit^ufpicten, 
eine große 3 umutun 9 bar, ba nicht nur ba« ftlabier „brei 
SBochett geruht hotte", fonbent eS fich auch nod) um bie Sinftubierung 
bon SJienbelSfohn« G*mott*$onjert tjanbette. Unb nicht genug 
bamit, 10 Jage fpäter erfchien fie mieber im ©emanbljoufe als SOfit* 
mirfenbe an bem Duartcttabenb, junädjft für ben Älabierpart in 
SJZojart« G*mott*Quartett, bann aber mit bem felbftänbigen Sortrag 
bon Seethotien« F*moH*©onate (0p. 57). 

Stöit bem Seifatl be« fßublifum« tonnte fie jufrieben fein, — er 
mar freitnbtichcr bemt je, — fie felbft aber glaubte ba« ©efüfjl jener 
unbebingten technifchen Sicherheit 31t bermiffen, ba« ifjr früher bie 
regelmäßige Übung gemährt hotte. Unb mehr unb mehr übe^eugte 
fie fich ötm brr abfoluten ÜRotmenbigfeit, jefct, mo bie förpcrlidjen 
fieiben fein fnnbemi« mehr bilbeten, ihre ganje firaft mieber für 
ihre ftunft einjufe^en unb bor allem auch * n ^ er fiffentlidjteit ihren 
SRarnen unb fßlafc 311 behaupten, fo fdjmer itjr auch ber ©ebanfe 
an bie babei unbermeibliche Trennung bon ihrem 5tiitbe merben 
mochte. Jauchte hoch gerabe jefct ber 9?ame eine« neuen mufi» 
fatifchen Sßunber« auf, eine« phänomenalen Slabierfpieter«, beffen 
fRuhm bon Sßicn au« berbreitet mürbe. „Sn SBien fotl je^t" , 



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1840 - 1844 . 



fcfyreibt fie (Silbe Sanuar 1841 on ©rnitie Sift, „ein 11 jähriger 
5?ttabe fein, ber foll baS größte ©enie fein, was feit langer geit 
geboren ift, unb baS tuiffen mir »on einem, ber fonft fcfjr ferner 
Zu befriebigen ift. ®er ftitabe Reifet Stubinftein unb ift Staoier» 
fpieter, foU ein tiefe« ©emüt unb in manchem ©inzetnen eine »oüenbete 
®edjnif buben . . . 3<h ntödjte ben SJnaben wobt fcmten — ein 
tßbönomen fott eS fein.“ 

dienten fotdje ©r^äbtungen unb eigene ©rfabrungen baju, i^r 
immer mieber bie b^rbe SBabrbeit beS Älingenfprud^e« : „fRaft ich, fo 
roft id)" faft förderlich fühlbar ju machen, fo muhte fie mit 
um fo gröberer greube bie um biefe ßeit aus ^Bremen unb 
Hamburg an ©cbumattn ergebenbe ©intabung, feine ©pnipbonie 
bort auf^ufübren, begrüben, benn ebenfofebr war biefe ©intabung 
an fie gerietet, nicht als bie 3tuu beä Somponiften, fonbern bie 
Siinftterin, bie man nach zweijähriger fjkufe wieber ju hören Ver- 
langen trug. 

SRitte gebruar warb bie Steife angetreten, Schumann butte fidj 
für fünf Söochen »on ber StebaftionStätigfeit frei ju machen gewubt. 
®er SBeg führte fie über Vrauitfdjweig juitädjft nach ©rcmen, wo 
am 23. gebruar im „zehnten ißrioatfonzert" bie ©rjmpfjonie z um 
erftenmat aufgeführt würbe, unb ©tara, bie auch «i biefettt Konzert 
mitgcwirft, am 28. noch c ' n e befonbere „mufifatifdje ©oiree gab", in 
ber u. a. »on einer ©ängerin Sieber auS bem Siebesfrühling »or* 
getragen würben. „®ie ©t)mpbonie (unter StiemS Seitung) ging 
beffer, als idb nach einer $ßrobe gebacht", fchrcibt ©chumaitn, „mit 
bem Veifatt finb bie Sremer farg . . . ©tara auf bem tonarmen 
gtüget nach Prüften fdbön," unb »on ber ©oiree: „9Rein armes 
Slärdben fam nicht »om weg. Stach ber guge »on SRenbetS* 

fobn in E-bur war ich f ü Z cr f tm tt, bab ich fturl mit apptaubierte, 
fo fchön butte ©tara gefpiett." 

Ratten fid), trofc ber Saubeit beS ißubtifumS, bie Steifenben eS 
in Vremen im Steife guter Sefamtten ganz wobt fein taffen, fo 



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1840 — 1844 . 



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fjcitte bodj fdjon ein Heiner gwifdjenfall bei einem ttacfj Clbenburg 
unternommenen Äbftedjer, Wo Clara am 25. ein Sondert gab, eine 
peinliche 2)iffonang gewedt: eine ©intabung gu $ofc erfolgte an 
Clara allein, was Schumann mit oollem Stedjt als eine grobe Un« 
gegörigfeit empfanb. ®a Clara jdjließtidj bodj fjinging unb auef) 
gang befriebigt gurüdfam, fo blieb ein Stapel gurüd; „®er Se- 
balde meiner unwürbigen Stellung in folgen gälten lief} aber feine 
5reube in mir auffommen", jdjreibt Schumann. @S fdjeint audj, 
als ob biefe ©rfafirung oon oornfjerein and) einen Statten auf ben 
2lufentf)alt in Hamburg, baS Clara ja fdjon fo lauge bem ©dichten 
gu geigen fid} feinte, geworfen fjätte, obgleid) Srunb, als Seiter ber 
pl)ilf)armonifd)cn Äongerte, auf Sdjumann als SJienfdj unb Äiinftler 
einen feljr günftigen ©inbrud rnadjte. Über bie Sluffiifjrung felbft, 
bie am 5. 2Jtärg ftattfanb, bemerft Sdjumann giemlidj lafotiifdj im 
Sagcbudj: „$)ic Spmpljonic fing an unb würbe fef)r gut gegeben. 
Clara fpielte erft mit großer Sorgfalt (baS Äongertftüd oon 3Beber), 
bie anbern Stüde aber (ißrälubium unb g u 9 e üoit 93ad), Sieb 
oljne SBorte öoit SDtenbelSfoljn, SifgtS SteminiSccng auS Sucia bi 
öammermoor), bie baS Snftrument gar nidjt ^ergeben wollte, mit Un- 
luft. £aS ^ßublifutn war oerbittblidj unb fefjr aufmerffam." 

$tud) ber freunbfc^aftlicf) Ijerglidje Sßerfefir mit Claras alten 
greunben, oor allen Sind unb §arriet ißariflj, bie in Slufmerf* 
famfeit wetteiferten, oermodjtc nur geitweilig ben ^origont etwas 
aufguljellen. ®ie §aupturfad^e aber war bemungeadjtct nidjt bie 
Verftimmung über Vergangenes fonbern über ÄotnmenbeS, was fidj 
in biefen Xagcn unter innern Stampfen entfdjieb: ber ©ntfdjlufj, 
Clara allein bie Steife nadj Äopenljagen fortfegen gu laffen unb 
felbft nad) §aufe gurüdgufeljrctt. Cine Äongertreife nadj ftopen* 
fjagen war ja fdjoit oor gwei 3afjren geplant gewefeti unb erft im 
legten Slugenblid aufgegeben worben. Sludj feitbem war, burdj 
wieberljolte Slufforberiutgen oon bort wadjgeljaltcn, baS Sprojeft mit 
anbern immer wieber aufgetaudjt. CS war alfo an unb für fidj 



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1840 — 1844 . 



fcßr begreifließ, baß in Hamburg, fo naße am $iet, unter bem 
gureben ber Hamburger greuitbe, ber SBunfcß, eublicß einmal bic 
Sbec auSgufüßren, in Glara meßr unb meßr gu einer SJfacßt nnirbc, 
um fo meßr al$ ißr ein inftinftibeä ©efüßl fagett mochte, baß, wenn 
eS ißr unter oerßältnigntäßig fo günstigen Umftänben niefjt gelänge, 
iljrc fiinftlerifcße ^Bewegungsfreiheit aueß in ber lat bureßgufeßen, 
jeber fpätere Sßerfuc^ auf noeß uniiberwinblicßere SBerßältniffe ftoßen 
Werbe, itnb bie fjinberaiffe waren aud) f)ier ftßon groß genug. 

©ie felbft fdfreibt über bie innerit unb äußern SBeweggriinbe, 
bie fie bagu beftimmten, naeß ber Stiicffeßr an @milie ßift (am 
30. ÜJtai 1842): .... „3a wirfließ ging icß allein naeß Kopenhagen 
(b. ß. oßnc Stöbert, aber bodj mit einer ®ame au§ SBremen), trennte 
mid) oon ißm, bodj bieS foll nie meßr gefeßeßen, fo ©ott will. 3 cß 
will ®ir bie gange ©aeße ertlären, bamit ®u unfern ©cßritt be» 
greif ft. " Stacßbem fie bann turg gefeßitbert, wie fie naeß Hamburg 
gefommen, fäßrt fie fort : „ 3 it Hamburg aber rebete man un§ außer* 
orbentlidj gu, Kopenhagen gu befucßeit, audj betamen wir oon baßer 
berfeßiebene Sluff orberungen , fo baß wir unS eutfeßtoffen unb gu* 
fagten, 311 g leid) ben Auftrag gaben, mein Konzert borgubereiten. 

91(3 nun aber bie geit ßeranfam, fo faß Stöbert immer meßr 
bie Unmöglicßteit ein, feine Rettung nod) bielleicßt gwei SDtonate in 
fremben $änben gu taffen; bie brei 2 Bocßeit, auf bie er fieß ein* 
gerietet, waren worüber, unb fomit beftßloffen wir, bie Steife 
aufgugeben; icß aber überlegte mir bie ©aeße! icß bin eine grau, 
berfäume gu .fjaufe nießts, oerbiene nidjts, warum fotltc icß 
nießt meinem Stöbert aueß einmal mit meinem latente ein 
tleincS ©cßerflein fpenben? tonnte mir ba§ irgenb gentanb üer* 
benfcit? unb meinem SRann, baß er gu §au3 gur Kleinen unb 
gu feinen ©efcßäften ging? Sdj fcßlug meinen ißlan Stöbert tor, 
bor bem er gwar erfeßrat, eublid) jeboeß einwiltigte, ba itß ißm bie 
©aeße fo vernünftig als möglicß borftellte. @3 war gewiß für eine 
grau, bie fo ißreit Sütann liebt wie icß, ein großer ©cßritt, boeß, id) 



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1840-1844. 



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tat eS au8 Siebe gu ißm, unb bann ift mir fein Opfer gu groß 
unb fcßroer. Xagu !am nun nocß, baß id; ein liebes SJtäbcßen fanb, 
bie mit ber größten gnmk fteß erbot, mtdj gu begleiten; ein SDtäbcßcn 
auS einer ber geaeßtetften Familien in SBremen, unb eine Umgebung, 
in ber ntieß mein SRann gut aitfgeljoben mußte. 2Bir reiften an 
einem lag oon Hamburg ab, Stöbert nad) Seipgig, icß über Met 
nadj Sopenßagen — nie miß icß biefen XrennungStag oergeffen!" — 
©ießer beeft biefeS Schreiben einen Xcil ber ©riinbe auf, bie, menn 
bie 9?eife nadj Ä'openßagen auSgefüßrt merben follte, eine geitmeilige 
Trennung beS ©ßepaareS bebingten. Sßie es aber ficßtlirf; beftinnnt 
mar, naeß außen gu mirfen unb allerlei ©erebe, baS in naßem unb 
fernem ^reunbeSlreife über ElaraS Steife entftanbeu mar, bie ©piße 
abgubredjen, fo finb bie tieferliegenbcn Urfacßen für ©cßuntannS 
3urücfbleiben, bie teils in ber Dlbeitburger ©rfaßrung, teils aber in 
ben ©efeßen feiner !ünftlerif(ßen Eigenart gu fueßen finb, bamit noeß 
nießt berüßrt. Sie tommen oielmeßr, biefe XarfteHung ergängettb, 
erft gur SluSfpracße in bem, maS ©cßumamt mäßrenb ElaraS Slb« 
mefenßeit am 14. SRärg barüber feinem Xagebucße anoertraute: 
„Xie Trennung ßat mir meine fonberbare, fcßmicrige Stellung 
mieber reeßt füßlbar gemaeßt. ©oll icß beim mein Xalent üernadj’ 
läffigen, um Xir als Begleiter auf ber Steife gu bienen ? $aft Xu, 
fotlft X>it beSßalb Xein Xalent ungenüßt laffen, meil icß nun ein« 
mal an Leitung unb Slaoier gefeffelt bin? Seßt, mo Xu jung unb 
bei Kräften bift? SOßir ßaben ben SluSmeg getroffen. Xu naßmft 
Xir eine ^Begleiterin, icß teßrte gunt Äiinb gurüc! unb gu meiner 
Strbeit. Hber maS mirb bie 2Bclt fagcit? ©o quäle icß mieß mit 
©ebanten. Sa, eS ift burcßauS nötig, baß mir SJtittcl fiitben, unfer 
beiber Xalente nebeneinanber gu nüßen unb gu bilben." 

©eltfam genug erfeßeint freilid), menn man oor allen Xingen 
gerabe feine ißerfönlicßteit unb SebenSgemoßnßeiten unb SBebürfniffe 
fieß oergegenmärtigt, ber SluSmeg, auf ben er jeßt oerfällt: ber ipian 
einer gemcinfamen Steife naeß Sltnerifa. ©ie mar übrigens feßon 



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1840 - 1844 . 



auf ber Keife nad) Sremen, „baS mit §lmerifa wie öerfdjwiftert ift", 
aufgetaucht unb feitbem oou bciben mitnblid) unb brieflich allen 
KrnfteS erörtert unb erwogen: natürlich war eS ber ©ebanfe beS 
fchnetlen großen KrwcrbeS, ber locfte: „3Bir fönnten wof)t aud) 
in $eutfdjlanb Wirten. Slber waS tommt heraus? SSaS Klara er- 
wirbt, oerliere id) an Kerbienft unb 3cit. So wollen wir lieber 
jwei 3af)re an einen großen Sßlan unfrei fiebenS fefcen, ber unS, 
wenn er glücttidj auSfdjlägt, für baS gaitje Seben fiebert. Unb 
bann fann id) inid) ja ganj meiner Sunft ergeben, wie eS mein 
fetjnlidjftcr, alleiniger SSunfd) ift." 

Sßenn aud) biefe lebten ^Bewertungen fdjon auf baS ©ebiet ungc« 
borner unb autfj nie lebensfähig geworbener gufunftSträume hinüber* 
leiten, fo bienen bod; gerabe aud) fie baju, einem bic tiefinnerlidje 
Krfdjütterung, bie in beiben ber oon ihnen felbft als notwenbig er« 
fanntc 2rennungSentfd)tuß f)ertiorgerufen hatte, ju öeranftf)aulid)en. 
3n beiben. ®entt and) Klara tjattc fdjon auf ber erftett Keifeftation 
bie bittere Keue gepadt, unb jwar mit fo pf)t)fifd)er ©ewatt, baß fie 
baS erfte Sondert, baß fie in Siet geben wollte unb für baS alles 
fdjon üorbereüet war, wegen Sranffjeit in jwölfter Stunbe abfagen 
mußte. „XaS oerfammelte ^ublifunt würbe fortgefdjicft, unb ich — 
bezahlte tagS barauf bie Untoften 47 Ktart aus meiner £afd)e — 
fdjöner Anfang!" — 3it ber Xat war baS um fo ftfjmerjlidjer, 
als, wie fefjon früher erwähnt, einer ber ^auptbeweggriinbe für 
bie Sopenfjagener Keife bei Klara ber bringenbe, ja leibcnfchaftlidje 
SBunfd) gewefen war, burdj ben Krtrag einen fetjr erheblichen $u- 
fd)uß ju ben Soften beS $au3l)alt$ beijufteitern. ®ie nädjfte un- 
mittelbare golge biefeS 2Jiifjgefd)icfS wie ber Ungunft ber Glemente 
— ein heftiger Sturm madjte itjre Äbreife nad) Sopenfjagen un- 
möglich — war, baß bie fonft hoch an wiberwärtige 3 tü M c henfälle 
aller Slrt gewöhnte Sünftlerin, in ihrem £rennungSfd)mcr$ ganj 
außer fid), etwas ben Sopf oertor unb nach einem Wegen ber 
gleichseitigen Stnwefenljeit ber Schweriner ©per gefdjeiterten Ker« 



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1840 — 1844 . 



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fudje in ßübetf, burcf) ein Sondert bie äßartegeit bis gunt nädjften, 
erft in adjt lagen fälligen Sampffdjiff abgufürgen unb bie Soften 
etmaS eingubringen, toieber it ad) Hamburg gurüdfeljrte. „<$S mar 
ein trüber Sag . . . mein gepreßtes |>erg machte fid) fiuft in 
Sränen, bie unaufhörlich floffen", fjei^t eS im Sagebud). $ier 
aber harrten neue Snttäufdjungen': „an 8picten mar nicht gu benfen, 

Dftem öor ber Sür, fein 9Kenfd) moUte oon SDtujif miffen 

SDteine greunbe munberten fidj, baß ich froh öfter Unfälle nod) 
nach Sopenljagen mollte, einigemal fanf mir auch ber 2J?ut, id) 
bachte, ber Fimmel hätte mir all baS Unangenehme gefdjidt, um 
midj non meinem fßlan abgubrittgen, hoch ber ©ebanfe an Stöbert, 
ber SSuitfdj, ihm auch einmal ein ©djcrfleiit burdj mein Salent gu 
fpenben . . . baS ermutigte mich toieber, obgleich mir mohl nidjt 
angufehen mar, benu ber Summer oerließ mich feine SDtinute, bagu 
fam, baß ich öom Stöbert, ber mich b°<h fth on i n Sopenfjagen 
glaubte, feine Stadjridjt befam, feit beinah 14 Sage nichts oom 
Sinbe mußte — oß, es mar gum Sergtoeifeln ! — " 

Seine $erftreuung mollte helfen. Srohbent bie Hamburger 
fjreunbe, ÜloeS oor allem, ißr möglidjfteS taten, ihr über bie unbe* 
hagliche SBartegcit hinmegguhelfen, unb troßbem bie am 18. ÜJtärg 
nach Siel 3»rüdgefehrte bort im ©räbenerfchen §aufe nod) fehr 
freunbliche unb moltuenbc Sinbrücfe empfangen, beftieg fie hoch am 
19. abenbS „baS fo lang gefürchtete, aber herrliche @d)iff Gljriftian 
ber Sichte" mit alles ef)er als freubigen ©efühlen: „mir mar ent* 
fe|li<h gumute, als mir oom ßanbe abftießen; maS feufgte id) nad) 
Stöbert, nach ber Steinen, unb faft glaubte ich, nie toieber feften 
33 oben gu betreten." 

Slber glüdlichermeife blieb es fo nicht, oielmehr marb ber Slufent* 
halt in Sopenhagcn, troh ber immer mieber burd)bredhenbeit <3ehn* 
fuc^t nad) SOtann unb Sinb unb tioß allerlei fleiner SBerbricßlidj* 
feiten unb ©nttäufchungen, bie ber alleinftehcnben jungen fjfrau auf 
einem if)t gäuglich frembeit 33oben nicht erfpart bleiben fonnten, 



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4G 



1840—1844. 



fcßließlicß ju einer Duelle angenehm empfuitbencr Anregungen 
mannigfaeßfter Art unb lohnte aud; fünftlerijcß unb materiell bie 
großen Cpfer, bie um feinetwitten gebraut waren. SBäßrenb itjrer 
faft bierwöcßentlicßen Anmefenßeit (oom 20. SDtärj bis 18. April) 
gab fie brei felbftäitbige Äonjerte, ^wei im füniglkßen Xßeater am 
3. unb 10., baöon ba« erfte mit Anterftüfcung oon SJtitgliebern ber 
föniglicßeit Äapelle unb einigen ©efangSfoliften — baS britte am 
14. April im §otel b’Angleterre; außerbem toirfte fie mit am 
6. April in einem ftonjert ber SJtufifoereinigung unb in einer Sßoßl* 
tätigteitsoorftellung im töniglicßen Xßeater am 17- April, naeßbem 
fie bereits am 5. April mit großem (Erfolg in einem ^offonjert ge* 
fpielt fjatte. 

„3dj war feßr rocicß geftimmt", fdjreibt fie n ad) bent leßten 
Auftreten, bei bem fie mit großem (EntßufiaSmuS begrüßt unb jum 
©djluß lebtjaft ßeroorgerufen mar, „ungern ftßieb idj Oon ber 
©tabt, wo man mir fo oiel Siebes erwiefen, unb wo mir ju jeber 
3cit foüiel AuS^eicßnung juteil Würbe." 

XaS mufifalifeße Stioeau, fowoßl bei beti auSübenbett Äünftlem wie 
ßinfidjtlicß beS ©eßßmadS beS fßublifumS, fanb fie aHerbingS er* 
ßeblicß unter iljren (Erwartungen. „Xie ÜJiufifer finb ßier reine 
^anbwerfer", beißt eS naeß bem Äon^ert ber SJtufifoereinigung, in 
bem u. a. SJfenbclSfoßnS Sobgefang naeß oicr oon oier oerfeßiebenen 
(Dirigenten geleiteten groben unter ber Seitung eines fünften auf* 
geführt würbe! — „ein tiidjtiger Äapcllmeiftcr wäre oieKcidjt im 
©tanbe, bem Unwefen ein @nbe gu maeßen." Xabei im ißublifum 
ber italienifdje Dperngefdjmacf, and) bei fdjledjtcr AuSfüßrung, noeß 
butcßauS oorßerrfdjenb. 

©d)on allein aus biefem ©runbe war eS boeß gan^ gut, baß Stöbert 
Cllara auf biefer Steife iticßt begleitete. Sie tonnte ißm aHerbingS am 
23. ÜJtärj berießten: „Xu tannft Xir ni(ßt benfett, wie alle SJtenfcßen 
ßier bebauern, Xidj nießt fennen ju lernen ; alles fragt mieß immer 
naeß Xir — alles fennt Xeine Leitung unb, wenn aueß notß nidßt 



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1840—1844. 



47 



Seine ßompofitionen, jo bodj Seinen 9?amen." 316er gerabe au# 
biefer Äußerung, mefjr noch aus ben gelegentlichen Semerfungen 
über ba# ©ublifum unb fdjliejjlich auch au# ihrem eigenen ©ro= 
grammen, in benen Schumann nur einmal im jmeiten Konzert mit 
fRüdcrt# „Sßibmung" unb bem 3l(Icgro au# ben ÖJoüelletten tiertreten 
ijt, geht ^eroor , bajj jür Schumann hier noch in feiner Seife 
ber ©oben bereitetet mar.* Sie Künftlerin mußte fich aljo bie#mal, 
aujjer mit bem ©eifall, mit bem llingenben ©ewinn begnügen, ben 
ein fdjnell für ihre ©igenart ertoärmte# ©ublihtm burch fleißigen 
©ejuch ihrer Sonderte ihr cinbrachte.** 

9?eidjer aber mar bie allgemeine Slnregung, bie in fdjöner datier 
ihrem innern 2Kenfcf)en burch ben Sinblid in eine eigenartige unb 
gerabe in ihrer ©efcffloffenheit bebeutenb wirfenbe h 0£ hcnttuicfclte 
nationale Kultur gegeben tourbe. 3m norbifchen SDiujeum fanb 
jie freilich ^mar „manches oon Sntereffe" aber auch «uiele# 
langweilig." Sagegen entjücfte unb begeifterte fie Shormalbjen# 
Kunft, ber fie hier auf Schritt unb Sritt begegnete, obwohl fie oon 
§au§ wenig Sinn für ©laftif ju hüben behauptete. Unb bann oor 
allem bie Üßenfchen, tion bem immer wieber anjiehenben Sreiben auf 
„ber laugen Sinie" angefangen bi# ju bem täglichen ©erfehr mit bem 
©fiepaat ßejberg, mit 3lnberfen unb ihren jugenblich naitien 
©erehrerrt, ben ©ringen oon @lücf#burg unb tion Reffen, bie gelegen*» 
lieh fl uf ber langen Sinie fie anjpradjen unb ein StiicE begleiteten, 
„rna#", wie e# im Sagebuch heifjt, „oiel ©ejpräch in bem fehr fleiu* 
ftäbtijchen Kopenhagen oerurfachte“. 



* „SSon Cffjopin toerbc icf) ^ter Siel fpielen muffen", fchreibt fie an diober 
am 25. aJtärj, „et ifi noef) tion niemanb gefpielt, autf) Sljalbetg faft noch gar 
nid)t brächte gar ju gern Seine Spmpbonie jur Sfuffüfjrung unb wollte 
mir aud) too^l getrauen, fie einjuftubieren, wenn icf) nur ba8 Crrfiefter ju mehreren 
groben »ermBdjjte. Su mußt roiffen, bad Crdjefter ifi hier noefj fefjr untultitiiert, 
wie mir fdjeint, unb bat fogar nod) nid|t einmal alle SSeetljooenjdjen aufgefüfjrt." 

** Sie brei itonjerte brachten nad) äbpg ber Unfoften: 940 Später 26®rofd>en. 
Ser ateingcroinn ber ganjen fiebentüBcpigen Steife nad» 9lbjug aller Untoften 
»ar 100 SouiBbor. 



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48 



1840—1844. 



3u beit intereffanteftcn ©efanntjdjaften regnete fte Bor altem 
baS ^tejbcrgfdjc Gf)cpaar, 9(nberfett unb Gabe, ouf beit fie febr 
gekannt war, bcr fie aber gunädjft etwas enttäufdjte. 

„Gabe fjat titicf) geftern befugt", fdjreibt fie am 24. 9Q?ärg an 
SJobert, „(Sine f (eine bicfbätfige nicbtSfagenbe Grfdjeimtng, gut» 
mutiges 2luge, bcm tjätte id) biefc OuBertüre nicht angefetjen. 
SSiebcr ein ©cweis, bafj man bcn Sßienfdjen nidjt nach feiner äufje» 
rcn Grfcbeinung beurtbeitcn muß. Gr bat je^t eine Spnipbonie in 
Strbcit — id) wiß mir etwas barauS Borfpieten taffen." Sod) 
Berlor fid) biefer Ginbrucf halb; am 31. Sftärg fd^reibt fie: „Gabe 
befudjte mich b eute unb fcftttiärmte non ®ir. Gr fennt aßeS oon 
2)ir, fpiett atteS (nach Kräften) fetbft. Gr wirb in meinem Sondert 
eine neue Duoertüre Bott ficb anffiibren, bie gang Berfcbieben non 
ber erften ift, fie ift gang b c ' teren GbarafterS. Gr gefaßt mir gang 
gut; id) b a ^ 'b n morgen wieber gu mir beftctlt, um ibm Bon ®ir 
Borgufpieten — b eu * e bört e er bie SWfldjtftüde." 

dagegen fübtte fie fidj gu .fjejbergS gleiß) bm9 e ä°8 en - 
geigt in feinem Äußeren", beijjt «3 im Tagebuch, „nichts Bott bern, 
was wobt in ibm wobnt — er ift a(S bcr erfte bänifdje Sdjrift* 
fteßer befannt. SD?abame $ejberg möchte ttid)t bloß als erfte bänifebe 
©ebaufpieterin gelten, fonbero gewiß auch in 55eutf<btanb Furore 
machen, tonnte fie t)iutängtid) bie Sprache. Sie ift eine ber lieb* 
tiebften tt)eatralifcben Grfcbeinungen, bie ich gefebett, uttb atS fotd)e 
mir unoergeßticb, aber fie Bereitet bantit ein liebliches SSefen, ift febr 
bübfcb, intereffant, uttb auch ihre 5ßcrfönlid)feit aKcitt wäre geeignet, 
fie mir lieb gu mad)en*. 3d) fab beibe fettener, atS ich es wünfebte." 

Slm meiften aber intereffierte fie boeb Änberfen, bei bem fie 
übrigens gu it)rem Grftaunen baS SBort Bon bem Propheten in feinem 

* SKan fanb in Kopenhagen allgemein, bafj fte (Slara gliche. ®iefe gab 
felbft ju, bafj wohl etwas SBaljreä baran fei, „wir haben eine fjigur unb ähnliche 
©efichtSgüge", fchreibt fie an Stöbert, „fte ift aber hübjch", fefct fte hütju, „währenb 
ich häßlich bin." 



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1840-1844. 



49 



©atertanbe mieber einmal betätigt fanb ; fie mar geneigt bas auf 
fein perföntichcS Stuftreten prüdpfütjren. „Slnberfen", fjei^t eS im 
Sagebuch, „befifjt ein poctifdjcS finbtidjeö ©emüt, ift noch pmtitfj 
jung, fef)r häfdich" ,,©r ift ber tjäjjtidjfte Sßiann, beit es nur geben 
fann", hatte fie an fRobert narf) bem evften Sehen getrieben, „fietjt 
fetjr intereffant bem ofjngeadjtet auS . . . . Sin fein SBefen fann man 
fich nur nad) unb nacf) gcmöhnen .... im ganjeit aber ift er 
eine geiftooße ©rjrfjeinung." 

©in 9?adjftang biefer freunbtic^en SBcriitjnitig mar bic Wibmung 
fünf ©c^umannfrfjer Sieber (Op. 40) an Slnberfen, mie in aitbrer 
9ücf|tung bie Wibmung non ©laraS Sieberheft Op. 13 an bie Kö* 
nigin non Smnemarf einem aufrichtigen Sanf für gütige ^örberung 
SluSbrucf geben faßte. StB eine befonbcre SiebenSmürbigfeit hatte 
©tara es empfunbett, bafj fie ganj furj oor itjrcr Stbreife am 
16. Slprit noch in fteinerem Greife ber Königin oorpfpieten ge* 
laben mar, unb bafj biefe, bie if)t pm Slbfdjieb fetbft aus ihrem 
Keinen Wintergarten abgefefinittene ©turnen überreichte, fie auch Il0( h 
am SKorgcn ihrer Stbreife in einer StbfdjicbSaubienj empfing unb fie 
freunblich eintub, batb mieberpfommen. 

Sicher fagte ©tara bieS freubigen ^erjenS p, bemt im ©runbe 
hatte eS ihr hoch in Kopenhagen auSgejeidjnet gefallen , menn auch 
bie Srcnnung oon ihren Sieben unb nicht pm menigften einige non 
trübfter Stimmung jcugenbe ©riefe ihres ÜJianneS ihr jmifdjen* 
burch manche fdjmere Stunben bereitet unb manche Srcine gefoftet 
hatten, ©erichtet fie boch fetbft, baß ihr getreuer unb aufopferungS« 
fähiger f^reunb Of)lfen, als er eines SageS mieber einmal unter fo 
einer Trübung p teiben hatte, gefeuf^t habe: „Kommen Sie ja nidjt 
mieber p uns, ohne Sh«« fRobert!" 

®iefer aber hatte inprifdjen in feiner ©infamfeit bem Sage* 
buch anoertraut: „@S mar boch einer meiner biimntften Streiche, 
S)ich oon mir gelaffen p haben." Wenn er üießeid)t anfangs ge* 
hofft hatte, in ber Stiße bie Sammlung p neuem Schaffen p 

£i(mann, Stara @<$umann. II. 4 



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50 



1840-1844. 



finbcn; fo mußte er fid) halb überzeugen, baß bie Ginfamleit nur 
bem ein greunb ift, ber fid) ißr üötlig ergibt, unb baß 9tuf)e unb - 
©ct)nfud)t fdjtedjt miteinanber unter einem Sache Raufen. „SDtiferabteS 
geben" — Reifet eS in ben Sagebudjnotizen, bie er an ben Stanb oon 
GlaraS Slufzeicfjnungen geschrieben: „SBiel im Kontrapunft unb in ber 

guge geübt biefe 3«* über" „Xrübfinnige 3«it- Än Gom» 

ponieren war nicht ju benfen." 14 Sage Später. 

lieferen ©inblicf in fjerbc 3miefpaltSftimmung beS ©infamen 
gewährt eine ©teile aus einem 53 rief an Glara oom 1. §lpri(. ®e* 
Zugneljmenb auf ihren SSunfd), feine ©hmpfjonie in Kopenhagen auf* 
jufiiljreit, fdjreibt er: „SBegen ber Aufführung in Kopenhagen baut 
ich $it» mein Störchen; aber mach ®it ja föne SDtühe bamit. Su 
fannft Seine 3 c * t beffer gebrauchen. Uttb waS fommt am Snbc 
babei hetauS? Sn 10 Safjren geben fie fie ohnehin — baS weiß 
ich- Sie SBelt !ann bod) nicht bei Seethooen ftehen bleiben. Stlfo 
thue nichts bafür, Wenn eS fid; nicht ganz föchh mie Don felbft, fo 
fügt. DrbenttidjeS gearbeitet habe ich nicht; oerfudjt oieleS. Su 
nimrnft jefct all meine ©ebanfeu fort. Sticht ein einfaches Siebten 
hab ich äuftanbe bringen föniten. Sch Weiß nicht, was mit mir 
ift. Sa feh ich ®idj nun, wie Su mir Sroft zufprichft unb fagft : 
„Sieber Stöbert, man !ann nicht in jebcm Satire 3 ©pmphonien 
fchreiben ujw. ufw." SSeißt Su, geftern norm 3af)r war unfer 
Konzert — ein fd)öner Slbenb. §eute oortn 3af)r zanften wir uns. 
SaS hat aber nur ©uteS z« bebeuteit, weit eS ber Sügentag, ber 
1. April, war. £eute füllte idj Sid) auch anführen. Vielleicht 
gelingt mir’S noch-" 

SebenfatlS aber bezog fid) baS nicht etwa auf heimlich reifenbe 
fd)öpferifd)e Arbeit. Vielmehr mußten auch bi* nächften SBochen teils 
baS ©tubium SDtozartfcher unb $at)bnfcher Quartette in ber Ißar* 
titur, teils oielfältige Seftüre, hin unb wieber ein genußreicher 
Sheaterabenb, beit ihm baS ©aftfpiel ber ©d)röber*Set>rient oer« 
fchaffte, zuweilen auch 53efudje ber greunbe ober burchreifettber 



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1840 — 1844 . 51 

tffrember .gerftreuung gewähren. 3m 18. Slpril notiert er nach 
langer ©aufe „IRicharb SSagner, ber aus ©aris fam." 

3m felbett Sage Ejatte Klara, toie toir toiffen, Slopcnbagett tüieber 
oertaffen, unb bamit näherte ficf) and) bie SrennungSjeit ber beiben 
ihrem Knbe. 3m 20. gab fie noch in Äie( bas im 2Rärj burdj 
ihre Äranfheit oereitelte Äoi^ert, mit biel 3pplauS aber „uor toenig 
Seuten". Sagegen nullte ein für Hamburg tiod) in 3u8ftcht ge* 
nommeneS ßonjert wegen ber toorgeriicftett SahrcSjeit aufgegeben 
»erben. So fam fie fcf)Iiefj(icf) nod) fcfjneüer beim, als erwartet 
war. 3m 25. 3pril nachmittags fuhr Schumann ber bon ^tam* 
bürg aus ben SBafferweg benufcenben Klara nach SRagbeburg ent* 
gegen: „Wie ein ©räutigant frob unb ängftficb jugleid)". Sort 
fügte atterbingS noch ein tücfifcber Sämon ein ©erfefjtett, „bocb nicht 
lange wartete ich", f<h**J&t Klara, „als fich Roberts 3rme auftaten, 
in bie ich fofort bineinflog." 

3m 26. 3pril festen beibe wieber nach Seipsig jurücf. „Solch 
ein SBieberfeben entfdjäbigt boch für aöe erlittenen Sehnfuchtfchmerjen 
— auch Robert fchien febr glüdlidj unb führte mich bann $u fiauS, 
wo ich alles befranst oorfattb, ferner hatte Robert mich mit einem 
fdjönen Xehpid) befchenft. Sod) baS Sdjönfte war fein lieber 
Slid, ben ich wieber in mir aufnebmen fonnte, unb bie roten ©öd* 
eben meines SngeldjenS, bie ich wieber füffen fonnte." 

9Rit biefem Subelruf einer glücflichen fffrau unb ÜRutter fdiliefjt 
Klara ihren SReifeberidjt. ©on SRobcrtS fpanb aber fteben bebeutungS* 
Doll unb hoffnungSboU am SRanbe bie Sßorte: „9htn fommen wieber 
beffete Sage." 

Kr behielt recht. 3war warf bie SchredenSfunbe »om $am* 
burger ©ranbe, bie fie wenige Sage nach Klaras Shidfefjr erreichte, 
jimächft einen Schatten in bie geiertagSftimmung ber SBieberocr* 
einigten, unb burch ein oon Klara mit Saüib unb bem ®ewanbf)auS* 
ordjefter jutn ©eften ber 3bgebrannten fcfjneU oeranftatteteS Sondert 
fam auch flfeM) in baS äußere Seben mehr Unruhe, als ihnen jefct 

4 * 



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1840-1844. 



55 



©lücflicherweife aber füllten biefe Vflidjten, jo gewiffenljaft unb 
» eifrig er, wie feine Slufgeicfjnungcn über feinen Unterricht beweifen, 
erft td) ihnen wibmete, bie fiuft unb bic Straft bee SSiebergenefenen nicht 
je^fiiug er i unb bie ÜDiufiffctjule nahm meine ganje geit im 
ieff tonnte ba« Vierteljahr in Änfpruch", fc^reibt er @nbe Suni. 



Stuch hier alfo hatte n H on i eit bem 3* u 9 u ft 1841 ben ©toff 
unb Verfdjme^mig mi?®' 011 heröorragenb geeignet in§ Stuge gefaxt 
SWanneS für fie nicht nur* me ^ r nu8 f einem ©ebantentreife »erloren. 

ihrer gigenart bebeutete, fonber. ba2 Sla 3 ebuc ^ öon 5lrbeit öm ber 
intenfiüften geiftigen grfaffung b$ e nacf ^ ben ■'parrfeftäbten mit anbern 

fonnte unb mu|jte *ur tiefften grfa|f en 9cbrQt ^ t; mii > x aI * ein » 
höchften Sinne überhaupt. famen. ®ie Seichtheit 

Schon aber waren, alä glara jene Äf* ° iet 2Ronaten 9 e f taltet ' 
Ouartette nicht mehr bic jüngften Äiinbcr. ipif^m^eit wenigftenS bie 
September« unb erften Cftoberwodjen hatte fl n ’ 
gefeilt baS Quintett in Es«2)ur*, baä an bemf^ un ^* ' m ^ anuar unb 
SEBiebcrljolung be§ erften Quartette ftattfanb, j u ' b ' e ® rftn ^ e ** liegen 
unb einige Jage barauf (6. Jejember) im 2 ße[n unb $orn"**, 



öonvSJZenbeläfohn gefpiett würbe. -Jett an ber fßeri begonnen. 

Unb bamit nicht genug: ehe ba§ Sohr 
im SSt wember unb Jejember aufjerbem i.- n gebud). 3n feinem fywbejemplar 
E&$,Sr für Vianoforte, Violine, Viola • iert unb in f trumentiErt am 
Irio p. *ir Vianoforte, Violine unb Violoür 2 sttabiere." ®egen ber Sdjroie. 
£eib jfe ’tr würbe bie ffreube an ber ‘ m ^ag* 6 “dj jcfjreibt, fidj nacfjtTägiid) 

Schließlich ftarf getrübt burch <h eT^Si' 2 aM^iÄ 



ichmfl^Hnat 1 ', wie Schumann e3 felber r en War, bic erfte öffentliche Stuffü^rung 

«» b« ih® sjstäää 

■ &* **■ rn «f-.j-.fS TS3S rJTTÄ“ 
'S /«TÄ £ t'Kf ’T 1 “" 'f »“ 

» ‘ burdjT lg , 2 „ ^ b. 28. Kob. 1868 tn einem Jtonjert £iarag. 

3n > oo .. JfBfbcn hmrben fie nacfjmalä bon Glara 

eäpilf- ®» M,ter aI ® er tritifdien «uggabe ber ffltrl*. 



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1840-1844. 



55 



©lücflichcrweife ater füllten biefe Pflichten, fo gelt»iffenf»aft unb 
eifrig er, wie feine Slufjeidjnungen über feinen Unterricht beweifen, 
ftcfj ihnen wibmete, bie Suft unb bie Äraft beS SBiebergenefeneit niefjt 
auS. „Sie ?ßeri unb bie ÜDhtfiffdjule nahm meine gan^e geit im 
»ergangenen Vierteljahr in Slnfpruch", fdjreibt er Snbe Suni. 

SBie wir wiffen, hotte er fchon feit bem Stuguft 1841 ben ©toff 
als für bie Äonipofition hetoorragenb geeignet inS 5luge gefaxt 
unb offenbar feitbem nie mel)r auS feinem ©ebanfentreife »erloren. 
3m Sanuar 1842 berietet baS Sagebuch »on ?lrbeit am Sejt ber 
fßeri. Sann aber hotte bie Steife nach ben £>anfeftäbten mit anbern 
planen auch ^iefe Arbeit ins ©toefen gebracht; mehr als ein 3ohr 
»erging, ehe bie SDtafjen wicber in glufj famen. Sie Seidjtigfeit 
aber, mit ber fich bann aHeS in noch nicht »ier SÄonaten geftaltet, 
läfjt barauf fdjtiejjen, bafj auch in ber äwifchenjeit wenigftcnS bie 
Arbeit am Sejt nie ganj geruht hoben fann. 

2lm 23. Februar* 1843 würbe, nadjbem $unä<hft im Sanuar unb 
in ber erften §älfte bcS gebruar bie burch bie Sranfheit liegen 
gebliebenen „Variationen für 2 fßianoforte, 2 ßeHi unb fwrn"**, 
jum Slbjchluh gebracht waren, mit ber Strbeit an ber fßeri begonnen. 



* ©o fchreibt ©djumann auSbrüdlicf) im Xagcbudj. $n {einem ^anbejem»!ar 
ber Sßartitur bat er bagegen »ermerft: „©fixiert unb inftrumentiert Seipjig am 
20. fjebruar— 16. $uni 1843". 

** Cp. 46. „Anbantc mit Variationen für 2 glasiere." SBegen ber ©d)Wie* 
rigfeiten ber Ausführung batte er, wie Slara im Jagebucb febreibt, fief) nachträglich 
entfcbloffen, bie Variationen nur für jwei Älaoiere ju {eben. $n biefer ©eftalt 
erlebte baS ©tüd, baS in ber urfprünglid) en gorm juerft im 3Rärj 1843 in 
einer ©efeüfcbaft bei fjärtelS probiert worben war, bie erfte öffentliche Aufführung 
burch SKenbelSfohn unb Klara in einem Äonjert ber ViarboWSarcia am 18. Auguft 
1843. ®er ©inbrud würbe leiber beeinträchtigt burch einen wäbrenb beS ©pielenS 
entftanbenen geuetlärm (unter bemfclben Stfifjgefchid hatte übrigens auch an 
biefem Abenb ein junger Debütant auS fcfterrcich ju leiben, ber 12 jährige 
3ofeph 3 oa <him;. ©ine Aufführung in ber urfprünglichen ©eftalt erfolgte 
burch SrahmS unb ©lara in SBien b. 28. 3?oö. 1868 in einem Äonjert SlataS. 

urfprünglicher ©cftalt herausgegeben würben fte nachmals »on ©lara 
©chumann im ©upplementöbanb ber fritifchen Ausgabe ber Vierte. 



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56 



1840-1844. 



9Hitte SOtärj fcfeott burfte Gtara ausnafjntStüeife 311 m erftenmat 
bie ©cfeöpferfreube an bem merbenben SBerf mitgeniefeen, inbem 
Siobert ifer ben erften Xei£ aus ber ©fi jje »orfpiette. „SDtir biinft 
eS baS |>err(icfefte“, fcfereibt fie in gitternber greube, „maS er je 
geschrieben, er arbeitet aber audj mit Selb unb ©eete baran, mit 
einer ©tut, bafe mir jumeiten bangt, eS mötfete ifem fcfeaben, unb 
bocfe begtücft eS micfe autfe mieber." Gnbe SDtärj mar ber erfte Seit 
öoltenbet; Gnbe Slprit, trofe empfinbticfeer Störungen burdfe bie 
SiebaftionStätigfeit unb bie mit bem 5. Stprit eröffnete SJhififfcfeute — 
„ich habe feinen SBegriff", Schreibt Gtara, „mie man 8 ©cfeüter auf 
eiumat unterrichten fann" — auch ber jmeite. 9tm 25. ÜDtai, am 
Spimnietfaferttag, Spielte ©efeumann bie eben uoltenbete ©fijje beS britten 
$eitS Gtara üor unb entjiiefte fie bamit aufs feöcfefte: „bie SDhtfif 
ift feimmtifefe mie ber lejt, metefe ein Steicfetum an ©emüt unb 
ißoefie ift baritt!" Unb am 16. 3uni marb, mie ©efeumann mieber 
fetbft im Xagebuefe beriefetet, bie ißeri ganj fertig „naefe Dielen lagen 
angeftrengter Strbeit. 35aS mar eine grofee greube für baS 
©efeumannfefee ißaar." 

„Ginige Oratorien Don ßöme ausgenommen", fügt er feinju, „bie 
aber mciftenS einen bibaftifefeen Seigefefemaef feaben, müfete iefe in 
ber SJtufif noife niefets ÄfenticfeeS. 3efe fefereibe unb fpreefee niefet 
gern öon meinen eigenen Arbeiten ; mein Sßunfefe ift, bafe fie GJuteS 
mirfen mögen auf ber Söett unb mir ein tiebenbeS Slnbettfen bet 
meinen Sinbern fiefeern.“ 

®er ganje ©efeumann! in feiner ftrengen fflefefeeibenfeeit, feinem 
Sachlichen ©totj unb jugleicfe ber eigentümlich innigen .gurücfbejiefeung 
beS fünftterifefeen ©cfeaffenS auf ben engften ÄreiS ber Familie, bie 
menige SJtonate oorfeer (am 25. Stprit) burtfe bie ©eburt beS jmeiten 
ÄinbeS, Gtife, jur greube ber Gttern bereiefeert morben mar. 

Stber baS GreigniS beS SafereS mar unb blieb bie ißeri. 3fer, 
ber Strbeit am fttaoicrauSjug, galt in ben näcfeften SDtonaten 
GtaraS ganje — jefet burefe bie maefefenbett feäuSticfeen ißfticfeten uttb 



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1840 - 1844 . 



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Sorgen — mef)r alä je befcfjränfte fünftterifclje SDhche. 3h r 
gatten bie Sorgen, aber oon ihr famen auch bie greuben uitb 
fiidjtblicfe bc§ im übrigen burcfj oiclfältigen ©efu<h oon ©tut2* unb 
ftunftoerwanbten, ntefjrfac^e Steifen Glaraä itadj ©erlin unb 35re3ben 
unruhig bewegten Sommert unb JfjerbfteS. ©efonberä je näher bie 
erfte Stufführung in Seipjig rüdEte, griff mehr unb mehr unb nur 
ju begreiflich eine fieberhafte Stimmung Sßlafc. ©efonberS fdEjmerj* 
lüh empfanben e$ beibe, baff ber ©eginn ber groben nicht nur 
mit bem, wie man bamals meinte, nur ooriibergehenben Scheiben 
SHenbetäfohnS oon Seipjig pfammenfiet, fonbern bah auch gcrabe 
in biefem geitpunft Äonjertoerpflidjtungen Clara wieberljolt nach 
35re§ben riefen, bie ihr atlerbingS (Gelegenheit gaben, bei ber erften 
Stufführung oon SRobertS Ouintett am 20. Stooembcr unb ber 
Sariationen für 2 fitaoiere am 30. mitjuwirfen, aber fie bod) in 
einen peinlichen gwiefpalt mit fich fetber brachten. 

Sin braftijcfjeä 35ofument jener fiebentbeu Stimmung auf beiben 
Seiten ift ein furjeä ©rieften StobertS üom 23. Wooember mit 
ber bringcnbeti ©itte, „morgen Slbenb" jurüefjufommen: „ich uiag 
feine ißrobe ohne 35id) halten, e8 ift, atä fehlte mir ber gute (Genius 
babei." Stuf ber Üiücfjeite trägt eö aber ben amtlichen ©ermerf „war 
bei Slnfunft biefeS ©riefcS nach ßeipä*9 abgereift." 3h rc ©ehnfudjt 
hatte fie eben fchoit einen lag früher ^urücfgetrieben. 35rofcbem 
muhte fie gerabe bei ber entjefjeibenben Drdjeftcrprobe fehlen, bie 
ja auch @chumann§ 3>ebüt als Drdjeftcrbirigent bebeutete unb beshatb 
allein fchon Slnlah ju befonberer Srregung war. Sr felbft fdjrieb 
aber befriebigt unter bem erften Sinbrucf : „©ortrefflich ift’# gegangen, 
unb ich beule, 35 u wirft Shre eintegen mit 35einem Stltcn. Sie 
waren alle recht warm, unb ich tuurbe orbenttid; begeiftert beim 
35irigieren." Stnbere, bie im übrigen genau fo unter bem gauber 
be$ Äunftwerfeä an fich ftanben, harten allcrbing# mit gefefjärftem 
Ohr weniger ©elungcneS. So ßioia grege, bie Sängerin ber ißeri, 
bie über biefelbe fßrobe Slara eingehenb berichtete unb bei aller Sin* 



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58 



1840 - 1844 . 



erfenmutg, baß es für eine crftc Ordjefterprobe „rcdjt gut gegangen", 
unb ber ©etonung ber allgemeinen ©egcifterung bod^ bie Sfjöre, 
bor allem bie Sinfcifce ber (Soprane, „burdjauS nocfj nid^t gut" fanb: 
„Könnte fidj nur Sfjr lieber SDtann einmal entjdjließen, ein toenig 
gu ganleit unb auf größere Slufmerffamfeit gu bringen, bann ging ’S 
gemiß gleidj." 

Slara fclbft fjörte erft am SÖtorgen ber (gurn ©cften ber SDtufif« 
fdjule beranftalteten) Sluffüljrung in ber (Generalprobe Drdjefter unb 
C££jor gufammen unb begeifterte fidfj an ber „fjerrlidjen Snftrumen« 
tation": „Sie glütflidj icfj am Slbeitb (4. 2)cgember) mar — eS lägt 
fidf) gar nidjt mit Sorten fagen. 35er SöeifaH mar groß, entfjufiaftifdj 
aber mar er bei ber gmeiten Sluffüfjrung, meldje am 11. ftattfanb. 
Sdjon bei bem fieroortreten mürbe Stöbert empfangen unb fanb 
auf bem 3)irigierpult einen fdjjönen Sorbeerfrang, maS ifjn einiger« 
maßen fonfternierte, bodj aber freuen mußte. StadSj jebem Xeil 
mürbe er fjerborgerufen. Slm fdjönften fang bie grege bie ißeri; 
nadj ber einen Slrie ber Jungfrau (bie grau gr. für bie oerreifte 
eigentliche Snfjaberin biefer Partie mit übernommen) fonnte baS 
ißubtifum ftd) nidjt enthalten, ißr ben lauteften Beifall gu fpenben. 
?ludj .jpcrr Sdjmibt, Kinbermann fomie ber gange Sfjot leifteten baS 
©fünfte, alles fang mit £eib unb Seele — Sdfj tat’S für alle! 
£>abe idj mir je eine fdjönc Stimme gemiinfdjt, fo mar es jefct! 
SaS batte idj barum gegeben, bie $eri fingen gu fömten.* 

SSieHeid^t bie größte greube bereitete aber Slara baS SreigniS, baS 
bie unmittelbare golge beS XriumpljeS ber Sßeri mar, ber ©rief 
iljrcS ©aterS, in bem er felbft ifjrctn SDtanne bie .jpanb gur ©er- 
föfjnung bot; benn baß er baS tat, mar nidjt nur eine perf online 
(Genugtuung für ben geliebten SJtann, fonbern eS lag barin gugleidj 
ein naiueS 3ugeftänbniS feiner enbtidfj errungenen fiinftlerifdjcn 
•Öerrfdjerftellung, baS fdjlagenber unb übcrgeugenber mar als felbft 
ber einftimntige ©eifall unparteiifdjer Kenner. 

Sn ber £at fdjienen fie nun mirllidj, auf bie §öße beS ScbenS 



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1840—1844. 



59 



geboten, beit enblidjen Sohn bcr Etreue, ber Ireue gegen fidj felbft 
unb gegen bie fjödfjftcit 3beale, als Üftenfchen uitb ftünftler einju* 
ernten, aber 

SB ai bie (Söttlidjen un§ fenben 
$on oben, finb nur allgemeine ©fiter; 

•3b r £id)t erfreut, bodj madjt ei feinen reich, 

3n i^rem Staat erringt fich fein Söcfife. 

Unb fo nutzten auch fie gerabe in biefen, öon ^öc^fter ®afeinS» 
freubigfeit buvcfjftrafjlten Sodjen fidf) bewufjt werben, baff „bem 
böfen @eift bie @rbc gehört", t ,nicfjt bent guten", baff audj fie trofc 
atlebem im Samt jener „falfdjen üJtäcf)te“ ftanben, 

„2)ie unterm Sage fdjlimmgeartet häufen, 

Sticht ohne Opfer macht man fie geneigt." 

„Sir »erbrausen, mehr als mir Oerbienen", Ijatte Schumann 
fefjon Anfang beS 3al)reS fid; felbft im lagebuch geftanben, unb 
aus biefer (Sinficht heraus Slara bereits im ©ommer öerfprocfjen, 
im nädEfften Sinter „gewijj etwas ©rofjeS" unternehmen, b. h- 
mit ihr toieber eine grofje ftunftreifc antreten gu tuolleit. SUiitten in 
ber Unruhe unb Aufregung ber ißeriproben, in ©laraS Abwefenheit, 
jwifdjen Unterhanblungen mit §ärtelS über bie Übernahme ber 
Stebaftion ihrer „Allgemeinen 3J2ufifalifrf>en Leitung" h atte biefeS 
ißrojelt plö|li<h greifbare ©eftalt angenommen, war bieSmal auf 
feine Snitiatioe* bie Ausführung ber fo oft aufgehobenen Steife 
nach Stujjfonb für bie erften SKonate beS folgenben SahreS be» 
hloffen worben. Uttb währenb il)n bie lebten Arbeiten an ber 
Partitur ber ißeri, ßlara bie geile beS ÄlaüierauSpgS, ba^wifcljen 
bie oerfchiebetten Aufführungen bis 311m lebten AugenblidE in Atem 
erhielten, würbe, nachbem bie ilittber fefjon einige läge juöor in bie 
Dbhut bcr Schneeberger SBerWanbtett gegeben waren, am 25. bie 
Steife über ^Berlin angetreten. @0 fchwer ber jungen fötuttcr ber 

* ffiobei aflcrbingS SfRenbelSjohn , auf Claras ®eranlaffung, ben geheimen 
Spiritus rector abgab. ®gl. unten S. 84 f. 



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60 



1840-1844. 



Wbfdjieb Don ißren Siebliugen würbe — Sriefe unb JagebüdEjet 
bezeugen eS — fo war bod) tatfäcßtidj für fie biefe 3 faf)rt bie @r* 
fiißung eineg lang gehegten ^ergenSwunfdjeS, nicfjt bloß um ißrem 
Spanne materieße Sorgen abpneljnten unb fern ju Ratten, fonbern 
audj auä bent fefjr begreiflichen 25rang, fidj fünftlerifdj wieber ein» 
mal ju betätigen, gür Schumann tag bie Sache anberS, if)n riß 
bie Üleife aus feiner ftißen fdjopferifc^en Xätigfeit — „Sin paar 
Dpentpläne befd)äftigeit mich . . . Sine Dper foß baS Siächfte fein, unb 
ich brenne barauf", Reifet eS Snbe SRooember im Sagebud; — Ijeraug, 
in eine Siegion Don gerftreuungen unb Slufregungen, bie, ba er nur 
a (8 paffioer 3 ufchauer baran teitnafjm, bem ÜRenfdjett nichts boten 
unb bem ßünftler gerabeju etwas nahmen, fein foftbarfteS ®ut: bie 
2JfoglidE)fcit ber Sammlung ju eigener Sdjöpferarbeit. SBenn tro|» 
bem bieSmal bie Anregung baju — {ebenfalls bie lefcte — Don 
ihm auSging, fo war woljl außer ber Don ißm als notwenbig er» 
fannten Siüdfidjt auf bie ginanjen ber SBunfdfj mit beftimmenb, auf 
biefe SSeife für eine längere 3 e ^ twn ber ifjm immer läftiger 
werbenben SlebaftionSarbeit ficß ju befreien. Slber aucß bie ®or» 
ftcHung, er lönne Wäßrenb ber Sieife, bei ber ja in Siußlanb fetbft 
Slufentfjalte Don längerer ®auer Dorgefeßen waren, Söhtße für feine 
Arbeit fiitben, fcßeint ißm nid)t fern gelegen 31 t haben. SefctcreS foßte 
ficfj bann freilidj als eine feljr DerßängniSDoße Xäufdjung erweifen. 

Über bie Srlebniffe ber Steife felbft mögen junädjft bie ^Briefe 
unb Xagebudjaufjeidpiungen berieten. 

Glara an ihren SSater*. 

3)orpat, beit 20. gebruar 1844. ®ienStag. 

Sängft fdfjon, lieber Sater, brängte eS mid), ®ir ju fcfjreiben, unb 
immer ging eS nicht, benn S)u mußt wiffen, idfj ßabe jcßt 5 Son« 
certc ßinter einanber gegeben, um jebodEj nichts gu Dergeffen, wiß 



* S3erftthnmelt unb in fehlerhafter Slnorbnung bereits abgebrueft bet ßofjut, 
Sfr. SBiecf ©. 157 ff. §ier nach bem Original. 



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1840 - 1844 . 



61 



icß gang uon öorn anfangen, id) bettle, eS intereffirt Sicß ja woßt 
«ttes. 

3n Setlin blieben wir gwei Sage unb fanbeit befonbers bei 
9)?enbetSfoßnS bie frcunblicßfte Slufnaßme, bie gtüdticß waren, 
Seipjiger Suft in ißrcr 92äf)e ju füllen. 3J?enbelöfof)n befcßenfte 
tnid) mit 6 Siebern oßne SBorte (worunter bie beibett Sir fdjon 
befamtten), bie er mir bebicirt, unb Sftabante ÜJfenbetSfoßn fdjenfte 
mir Pulswärmer non Pelj, bie mir fcßon eiet genügt tjabeit unb 
babei attertiebft auSfeßett (baS ift für bie SRutter). 3Btr reiften 
©onnabenb Stbenb eott öcrlin mit ber SDMpoft (bie bequemfte, in 
ber icß je gefahren) ab, unb famett 9)tontag Stbetib in Königsberg 
an, wo wir bie freuttblicßfte 3lufttaßme fanben, eine garftige ©tabt, 
aber um fo nettere Seute; icß gab Freitag itnb ©onnabenb Eoncert 
im Sweater uttb ßatte eolte Käufer, ftanb aber eott ber Kälte ent« 
feßlicß aus, benn baS |>auS ift groß unb nidjt geßeijt. ©onntag 
reiften wir nacß Silfit ab, wo wir ben Slbenb bei bem Poftmeifter 
9?ernft (eine ßöcßft liebenSwiirbigc fyamilie) eerbrad)tett; id) fpiette 
eiet, troßbem baß icß ttocß nacß bent am SSorabenb gegebenen 
Soncert in Königsberg bie ßalbe 9?acßt padte uttb friiß 5 Ußr 
aufgeftanben unb ben ganzen Sag gefaßten war. SKontag friiß 
3 Ußr ftanbeti wir wieber auf, unb ttttt 4 Ußr ging eS ab nacß ber 
©ren^e. Utocß muß icß Sir erfaßten, in Königsberg war ein 
Pianofortemacßcr, auf beffen 3nftrumenten itß gefpielt ßatte (5D?artß 
ßieß er) ; biefer borgte uns feinen ©eßlitten bis att bie ©renje (eon 
ßier an ging 3MeS mit ©eßlitten — fdjon auf ber $älfte nadj 
Königsberg fanben wir ©eßtittenbaßn), wo wir benn mit Sftrapoft 
fußren, was öortrefftieß ging. 9ltt ber ©renje Sauroggen ßatte 
uns 9?emft feßon in ber 9J?alIpoft piäfce naeß 9?iga beftetlt, bie 
gleicßfaüS feßr feßön unb bequem war unb nur jWei ©iße im 
3nnem ßat. 3n Königsberg ßatten wir nortt ruffifeßett Sonful 
©rief an ben 3°ö^ re ^ or (einen feßr artigen SDtann) erßatten uttb 
fanben bie ßonettefte ©eßanblung. Sie Koffer würben wie an 
jeber anbem ©renje nur geöffnet, ein wenig ßineingefeßen unb 
wieber jugemaeßt. Sie Stoten ßabett fte gar ttießt angefeßen. 3n 
Sauroggen fetbft fanben wir ein fcßöneS PoftßauS unb ein ganj 
belicateS grüßftüd; ferner waren wir »on bem (Eonfut an einen 
Beamten an ber ©renje empfoßten, ber uns 3It(eS mit bem paß, 



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62 



1840-1844. 



©epäct jc. befolgte. ©o tarnen mir ganj bequem nacß SRiga — 
aber, mie garftig ift biefe ©tabt! auf ber Poft augefommen, fanbeu 
mir meber f^iafer iiocfj 3emanb, ber uttfer QJepäcf übernahm; mir 
mußten uns einen großen Sauernfcßtitten, ber auf bem $ofe ftanb, 
neßmen, bie ft off er ßbtein unb uns barauf feßen unb tarnen fo oor 
©tabt Sottbon an, naeßbent mir unS mit SRiiße bureß ßunberte oon 
Sauernfcßtitten, bie ba gu SKarft maren, unb bureß lauter gang 
Heine ©äfjcßen ßinbureß gemunbett ßatten. Dort ßiefj eS, eS fei 
tein emsiges Zimmer ba, at§ im 3. ©toc£ ßinten ßinauS, baS 
furchtbar attSfaß. SBir festen uns mieber auf unfere ftoffer unb 
fußren nacß ©tabt Petersburg, ba befameit mir ein Zimmer, eine 
ftaminer ßinten ßinauS, mo eS aber fo feßmußig mar, baß man 
fi(ß gar nießt nieberfeßeh tonnte; Stöbert tief gteieß fort ju .jjerrn 
t. ßußau, bem mir oon Daoib empfoßten maren. Diefer ßatte 
unS in ©tabt ßonbon bie beften gimmer beftettt, maS mir jeboeß 
nießt geaßnt ßatteu, unb füßrte unS nun mieber bortßin jurücf. 

Du tannft Dir benfen, meteß unangeneßmeu ©inbruct Stiga auf unS 
ntaeßte. 9Sir fanben aueß ßier freunbtieße, gefällige ßeute, tonnten 
uns jeboeß nie reeßt beßagtieß füßteit. 2Rit bem Soncert maeßte eS 
fieß nießt gteieß, bann ging es aber um fo feßnetter ßintereinanber. 

Denfe bir: ©onntag ging eS naeß SRitau (bie .fjauptftabt oon 
ßurtanb, mo im SSinter ber ganje curtänbifcße 9tbet oerfammelt 
ift unb nur für Sälle, Soncerte unb mieber Satte lebt. 

SJtitau ift 3 ©tunben ju faßren, oon SRiga aus, unb eine alter« 
tiebfte Heine ©tabt, mo aber üiet ftunftfinn ßerrfeßt (alte ftiinftter 
ßaben ßier ßoncert gegeben) unb meit meßr Silbung als in Stiga. i 

3n SRiga ift gar fein ftunftfinn (einige menige ßeute abgereeßnet), J 

unb, mie mir feßien, überßaupt feine feine Silbung. 3cß gab I 

©onntag in SRitau, Sütontag unb Dienstag in Stiga, 2J?ittmocß 
mieber in Sütitau unb Donnerstag baS leßte ©oncert in SRiga. 

Das maren ftrapagiöfe Dage, babei immer baS ßin unb ßer faßren, 
paefen jc., icß gab aber alte Soncerte allein, oßne alte Unterftüßung, 
maS icß nun immer tßun merbe, eS ift baS befte. 3n SRiga fanb i 

icß ein munberfcßöneS Pianoforte oon SSirtß — baS Pianoforte in . 

DrcSben oon SSirtß fann Dir feine 3ibee baüon geben; biefe 
Snftruntente fiitb bie feßönften engtifeßer Sauart, bie icß noeß gefeßen, 
oon oben bis unten ben ßerrticßfteu fttang, roeieß unb boeß mieber fo 



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1840 - 1844 . 



63 



fräftig ! mein SJfantt, beu fermer ein pianoforte befriebigt, mar gleich 
beim erften ©riff entlieft ton biefetn Jon. 3 cf) freue mief), in 
Petersburg fotc^ fcfjöne Snftrumente jn f)aben. Pon 9iiga fjierfjer 
gu fommen, fjielt fermer, benn eS getjen nur roöcfjentlidj jmei 
Poften, unb bie finb fefjon Sßocheit normet befefct, unb f)at man 
roirflid) piafs, fo gehen immer noch bie, roetdje oou ber ©renje 
fommen, uor. Satrap oft mottten mir nicht fahren, baS ift fefjr 
unangenehm, fo nahmen mir uns benn eine @jtra«Jiligence bis 
Petersburg, mo mir einen Sonbucteur bis Petersburg mit haben 
unb unS um gar nichts ju fiimmem brauchen, 5 Jage fönnen mir 
hier bleiben, maS mir auch tfjun roollen. Jorpat ift eine fehr 
hübfd)e Stabt, ton Diel mehr Pebeutung hinfichtlid) ber Pilbung 
als SRiga, ton tielem Äunftfinn unb fehr freuublichem 8fnfel)en. 
9lit bem Profeffor t. Procter faitben mir einen fehr angenehmen 
ÜJfann, ber unfer ßoncert beforgt hat unb uns gleich feine ©quipage 
ju ©ebot geftettt hat, maS fie übrigens hier ju Sanbe Sille gleich 
tfjun; ein 3eber, ber nur irgenb fann, .hat hier feinen Schlitten 
unb Pferbe. 2)?an ift aujjerorbentlidj gaftfrei uttb torjugsmeife 
gegen Sünftler. borgen gebe ich baS erftc unb Freitag baS 
jmeite Soncert, Sonnabenb geht es bann ab nach Petersburg, mo 
mir SJiontag früh einjutreffen gebenfen, eigentlich Sonntag Slbenb, 
mir motten jebod) eine ttJacht untermegS fcf)lafen, um bei Jage in 
Petersburg einjufafjren; Ju mufft roiffen, baff man auf jeber 
Station ein fcf)öneS PofthauS finbet, mo man bie ttfacht bleiben 
unb effext unb trinfen fann, maS man mitt, unb fo folt es bis 
Petersburg gehen. J)ie {Reife ift feineSmegS fo befchmerlich unb 
fchredlich, als mir geglaubt. Überall fpridjt man beutfef) — hier ift 
SltteS beutfeh, erft 10 SJfeilen tor Petersburg geht baS Puffifd) los. 
Pon ber Saite haben mir bis jefct termittels unferer pelje unb 
Peljbecfen gar nicht gelitten, obgleich mir fefjon 2 Jage bei 
12—15° Sälte reiften. Jie Käufer finb ^ier alle marm, eine gleiche 
Jemperatur burd) alle ßimmer, maS einem mohl thut. Jorpat 
fcheint eigentlich erft recht nörblicf), benn erft hier fpüren mir rnirf* 
liehe Saite — h eu te borgen hatten mir 23 ©rab Saite. 

3efet mitt ich J>idj auf einige Jage terlaffen — Sonnabenb 
fchreibe ich ,l0C h über bie Goncertc hier. 

Sinige, befonberS für 2J?arie intereffante Sltentiiren finb mir noch 



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64 



1840-1844. 



eingefallen: über 3 glüffe, größer als bie Glbe, fmb Wir gu SBagcn 
unb ©eßlitten auf bem Gife gefahren, auf ber S)üna bei 9?iga galten 
bie Säuern ifjren £o4marft; mitten auf bem glujj fteßen ßunberte 
»on ©glitten, mit §olj beloben, man geßt tuie auf ber Straße, als 
müßte ba§ fo fein, wir finb aueß eine ßalbe Stunbe barauf fpajieren 
gefahren. 3n ben SBälbern finb oiel SBölfe f)ier, fie galten fieß Diel 
auf ber Sanbftraße unb fefjen ben tiorüberfaßrenben iReifenbert gattj 
rußig ju; bis jeßt Ijaben wir noeß leinen gefeßen, boeß Seber, ber 
non ßier naeß Petersburg fäßrt, begegnet aueß einigen, worauf icß 
mieß feßr freue. 

Ginige intereffante Sefanntftßaften ßaben wir gemaeßt in bem 
Profeffor griebrieß Stiicfevt in Serlin, Sacobi in Königsberg unb 
Sector Ußlmann oon ßier, ber jeßt in JRiga lebt. 

©eftern waren wir in bem fiipßarbtfcßen §auS, wo ber alte Sip* 
ßarbt früßer woßnte unb feine Duartettabcnbe ßatte. ©ein ©oßn 
bewoßnt eS jeßt. SDlorgen wollen wir auf feinen ßanbfiß faßren, 
wo eS fürftlicß eingerichtet fein foH. Gr ift ber reießfte Statut in 
fiiolatib; jebeS Kinb befommt 500,000 Xßaler als Grbtßcil, alfo 
bo<ß aueß bie ®atoib. 

$cute ift baS Goncert; icß ßabe ben UnioerfitätSfaal befommen, 
was eine große ©eltenßeit ift, ba er gar nießt für Goncerte beftimmt 
ift. GS Hingt nießt feßr gut barin, boeß um ber Gßre willen ift eS 
mir feßr lieb, baß icß ißn ßabe. Slbbio für jeßtl — 

©ienftag b. 27. gebr. 

3)rei brillante Goncerte ßabe icß, feit icß ®ir juleßt feßrieb, ge» 
geben, einen GntßufiaSmuS erregt, ber toll war — icß lenne fein 
entßufiaftifcßereS , babei funftfinnigereS Publifum als baS ßiefige. 
©eftern Slbenb war baS britte Goncert, naeß wclcßem mir ein Sänger* 
cßor* eine feßöne ©erenabe braeßte, wo fie unter Slnberm aueß ein 
Quartett meines SRanneS fangen. Robert ßatte fieß feßr ftarf er* 
faltet, fo baß er nun feit 6 lagen ju Sett gelegen ßat unb ßeute 
jum erften 3Jiale wieber aufgeftanben ift. ®en jwei teßten Goncertcn 

* ©8 roat ber aus ber »Fraternitas RigenBis* gebitbete 3Rännerd)or, bet 
UJlenbelSfofjnS „©er bid), bu ferner ©alb", SdjumannS „Sräutncnbc ©et" 
unb „HRinnejänger“ bortrug; an ihrer ©piße ber bamalige junge ®orpater ©tu» 
bent ber ^S^iloIoQte Julius Otto ©rtmnt. SSgL 3f. ©ntenb i. b. SDlonatSjdjrift 
für SotteSbienjt unb lirtfjtic^e ftunft, IX. Jahrgang. SDlärj 1904. ©. 80. 



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1840-1814. 



65 



f)at er gor nidjt beiwofjnen fönnett, natürlich foitnten wir aud) nidjt 
fort, fjoffen aber nun JonncrStag abreifen 31 t fönnen. Jie 9feife 
nad) Petersburg oon fjier foH furchtbar fein! 10 äJJeilen oor 
Petersburg gefeit bie ©ruben an, wo matt feefranf babei Wirb. 3d) 
wollte, mir fjätten eS überftanbeit; J)orpat ift oofl oon fiebenSwürbigen 
ßeuten, meiftenS finb eS Stbtige, bie wir fernen gelernt, bie aber 
audj wirffief) fo freunblid) gegen uns finb, bafj man mandjtnaf nidjt 
weifj, waS man fagen fott. Sebcit lag (feit 6 lagen) fdjidcit fie 
unS abmedji'etnb SDZittagSeffen, gefügtes Cbft, gute Souifton, Sein, 
©au be ©otogite ufw. (J)u rnufjt wiffeti, bajj fjier bie ©aftfjäufer 
feJjr fdjiedjt finb, ©ffen faum ju genießen, unb SiefeS gar nidjt ju 
tjabett, ausgenommen guter Jfjee unb guter Äaffee, fiefjterer bie por« 
tion 8 ©rofefjett. J)aS fdjlimntfte finb nun aucf) bie fc^lccfjten Setten, 
Settbecfen fennt man fjier gar nidjt; man f)at nur gattj bünne 
©teppbeefen, fdjfäft aber afferbingS in wannen Zimmern. 9)Zein 
SJZantt fjat fidj bod) feine föranffjeit burd) ©rfältung in ber 9Zadjt 
jugejogen — Wir finb ja fo biinne Jeden nidjt gewofjnt, auSge« 
nommen im fjeifjeften ©ommer, unb fjier fjaben wir Jag für Jag 
20 ©rab Ääfte.) 3d) mufj J)ir einige $üge ber fjiefigeu Jatnett 
mittfjeifen, bamit Ju ficfjft, wie frcuublidj fie fjier finb. ©eftern 
oor bem ßoncert fdjidte eine frembe Saronin, bie oon ber Sranf« 
fjeit Roberts gefjört, ©efec, ein ©ebätf, 2 Sfcbfjüfjncr, frifdj gebraten, 
mit ber Sitte, bieS anjunefjtnen, ba wir eS ja in unferm fdjfcdjten 
©aftfjof nidjt befontmen fönitteit. [9ftn] s 2 lbenb im ßoncert erjiifjtte id) 
einer J)atne, bajj wir fo fdjfedjte fdjmujjige Setten fjaben, unb bafi 
mein SDZann fidj fein Uttwoljlfein fjauptjädjfid) in ber SZacfjt geholt. 
Um 10 Ufjr fommt eitt Sebienter, bringt 2 fefjone mit gebern ge» 
füllte Äopffiffett unb eine wunberfefjöne grofjc ©teppbedc ..." [JaS 
©nbe beS SriefeS ift üerforen.] 

Jrofcbem fHobertS guftanb aucf) in ben fofgenben Jagen nodj 
Sefdjwerben unb ©orgett oerurfadjte, warb bod) am 1. iDZärj bie 
SBeiterreife nadj Petersburg angetreten, wäfjrenb ber ©djumamt 
fidj entfdjieben erfjofte, unb wo fie am 4. ÜDZär^ gfiidfidj eintrafen. 

Über bie bortigen ©rfebitiffe berichtet ein Srief* ©djumauitS 
an SBiecf: 

* »riefe 31. §. 2. Stuft. 3lv. 26Ö S. 236 f. 

£i$mann, Clara £d}umann. II. g 



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66 



1840-1844 



©t. Petersburg, ben 1. April 1844. 

Sieber Sater, 

Sfjrett freunblidjen SBrief beantworten toir erft heute, ba wtr 
Stjnen bodj and) gern über ben Grfolg unfereS ^iefigen Aufenthaltes 
berichten wollten. 233ir finb nun oier 2Bod)en hier. Glara h Qt 
oier Goncerte gegeben unb bei ber Äaiferin gefpielt; wir haben auS» 
gezeichnete Pefanntfdjaften gemacht, oiel SntereffanteS gefefjen, jeber 
Jag brachte etwas DfcueS — fo ift benn heute herangefomnteit, ber 
lejjte Jag oor unferer SBeiterreife nach SJioSfau, unb wir fönnen, 
wenn wir jurüctblicfen , ganz Z u frieben fein mit bem, was wir er« 
reidjt. 3öie oiel habe ich Sfjnen zu erzählen, unb Wie freue ich mich 
barauf. Ginen Hauptfehler hatten wir gemacht; wir finb zu fpät 
hier angelommen. 3n einer großen ©tabt will es oiele Porberei* 
tungen; Alles hängt Iper öom H°f unb ber haute volee ab, bie 
Preffe unb bie Leitungen wirfen nur wenig. Jazu war AHeS bon 
ber italienifchen Dper wie befeffen. J>ie ©arcia hat ungeheures 
Furore gemacht. So tarn es bettn, bah bie beiben erften Goncerte 
nicht ooll waren, baS britte aber feljr, unb baS oierte (im ÜRidjaeliS« 
theatcr) baS briUantcfte. SBährenb bei anbern Zünftlern, fclbft bei 
Sifzt, bie Jheilnahme immer abgenommen, hat fie bei Glara fidf 
immer gefteigert, unb fie hätte notfj oier Goncerte geben fönnen, 
wenn nicht bie Gfjarwochc bazwifdjen gefommen unb wir hoch auch 
an bie Peife nadj SJJoSfau benfen müffen. 

Unfere beften greuitbc waren natürlich Henfelt’S, bie fidf unferer 
mit aller Siebe angenommen, bann aber unb oor Allem bie beiben 
SöielhorSftj’S, zwei ausgezeichnete ÜKänner, namentlich äRidjael eine 
wahre Sünftlernatur, ber genialfte Jiilettant, ber mir je borge« 
fotnmen, — beibe hödjft einfluhreich bei §of unb faft täglich um 1 
ßaifer unb Äaiferin. Glara, glaube ich, uährt eine ftiße Paffion 
ZU 9J?id)aeI, ber, beiläufig gefagt, übrigens fchoit Gnfet hat, b. h- 
ein 2J?ann über bie 50 hinaus, aber frifdj unb ein Süngling an 
Seib unb Seele. Auch an bem Prinzen oon Clbenburg (Ä'aiferS 
9?effe) hatten wir einen fehr freuitblidjen ©önner, wie an feiner 1 
grau, bie bie Sanftmutfj unb ©ütc felbft ift. Sie führten uns 
geftern felbcr in ihrem Palais herum. Auch SBiclhorSfp’S erzeigten 
unS eine grohe Aufmerffamfeit, inbem fie unS eine Soiree mit 
Drcfjefter gaben, zu ber ich meine ©hmphonie cinftubiert hatte unb 



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1840-1844. 



67 



birigirte. Heber .fpcnfelt münblidj; er ift gang ber 2llte, reibt fid) 
aber auf burdj ©tunbengcbcn. 3um Ccffentlidjfpielen ift er nidjt 
meljr gu bringen ; man fjört if)n nur beim Pringen oon Olbenburg, 
wo er audj einmat in einer Soiree bie gwciflügeligen Sßariationcn 
oon mir mit Clara fpielte. 

Haifer unb Saiferin finb feljr freimblid) mit Clara gewefen; fie 
fpielte bort geftern oor 8 lagen im engen gamiliettfreife groei gange 
©tunben lang. 35a« 3?rül)ling«lieb öott SRenbetSfoljn ift überall 
ba« SieblingSftiid be« Publifum« gemorben; Clara muffte es in 
allen Concerten metjrmal wieberf)oleit; bei ber ftaiferin fogar 3 mal. 
Pon ber pradjt be« Sßinterpalafte« wirb 3f)nen Clara münblid) 
ergäben; .fperr oon 5Ribcaupierre (ber frühere ©efattbte in Conftan« 
tinopel) führte un« oor einigen Sagen barin fjerum ; ba« ift wie ein 
äJicirdjen au« „Saufenb unb Siner 9iad)t". 

©onft finb wir gang munter; aud) oon ben Sinbern fjabcn wir 
bie beften 9?adjrid)ten. 

9?un benfen ©ie fid) meine greube: mein alter Onfel* lebt nodj; 
gleich in ben erfteit "lagen unfere« 2lufcntf)alte« f)ier war idj fo 
glüdlidj, ben ©ouoerneur au« Smer lennen gu lenten, ber mir fagte, 
baff er if)it gang gut feinte. 3d| fcbrieb alfo gleich Ijiit unb empfing 
oor Äurgem oon iljm unb feinem @of)n, ber Commanbeut eine« 
^Regimentes in Swer ift, bie f)ergtid)fte Antwort. 9?äd|ften ©onn* 
abenb feiert er feinen 70 jährigen ©eburtstag, unb id) benfc, baff 
mir ba gcrabe in 3 wer finb. Söeldje greube für midj unb audi) 
für ben alten drei«, ber nie einen Perwanbten bei fid) gefeljcn. 

Por bem 2Beg nadj 2Ro«fait f)at man un« bange gemadjt; im 
Übrigen, glauben ©ie un«, e« reift fid) in iHufjlanb nid)t fdjliinmcr 
unb beffer al« irgenbwo, el)er beffer, unb id) muff jefct lad)en über 
bie fürdjterlidfen Pilbcr, bie mir meine Cinbilbung in Scipgig fpielte. 
92ur treuer ift e« fef)r (l)ier in Petersburg gumal), g. P. Sßofmung 
täglid) 1 SouiSb’or, Kaffee 1 31) Ir., 9Jlittageffen 1 Sufaten ltfw. ufw. 

2Bir benfen wieber über Petersburg gurüdgufommen (ofwgcfäljr 
in 4 SBodjen), nad) Peoal gu £anb gu reifen, oon ba mit bem 
25ampffd)iff itad) £etfingfor« unb über 21 bo nad) @tocfl)o(m, unb 
bann wafyrfdjeinlidj bie Canaltour nadj Äopenljagen unb in unfer 

* ®ruber feiner STOutter, 8tegiment$arjt Dr. Stf)nabcl. 

6 * 



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68 



1840-1844. 



ItebeS $eutfdjfanb gurüd. Anfang Suni, fjoffe id) gemijj, feheit mir 
Sie mieber, lieber Papa, unb Borger fdjreibeit Sie unS nodj oft, 
oor ber £>anb immer nad) Petersburg mit ^enjett'S Slbreffe. §enfett 
fd)idt unS bic ©riefe nadf. 

2ttmin* t)at unS mehrmals gefdjrieben, eS fdfeint ifjm gang leib« 
lidj gu gehen; in fReöat »erben mir moht baS genauere erfahren. 
— SDtotique ift geftern mieber nadj $eutfdjlanb guriid; bie ruffifdje 
9ieife tjat ifjm mot)t faum bie Soften gebraut; eS gefd^iebjt itjm 
rcdjt, bern nichts rcdjt ift, ber über 9ttleS raifonnirt unb babei ein 
fo trodner (Gefeit ift. 

®ie (jiefigen SDtufifer haben fidj afle £) ödjft freunbltdj gegen unS 
gegeigt, namentlich $einrid) Ütomberg**; für ihre SDfitmirfung im 
testen Soncert lehnten fie ade Grntfdjäbigung ab; eS mürbe uns 
babei nid)tS gugemuthet, als fie fämmtlid) in SBagen abholen gu 
taffen gum ßoncerte, maS mir bemt mit größter ßufriebenhcit tt)aten. 
Sehr Biet, fo fetjr Biet hätte id) Sh»«! 1 noch gu fdjreiben; aber mir 
haben t) eut e noch Biet gu präpariren gu ber SDtoSfauer 9teife; fo 
nehmen Sie benn baS SBcnige liebreich auf. (Grüften Sie Shio 
grau unb Äinber h er 5 tid; Bon Stara unb mir unb behalten Sie 
mich lieb. 

9t. S. 

p. S. 

fpcutc ift ein ftcineS Subitäum für mich — Sie miffen moht — 
ber 10. (Geburtstag unfrer geitfdjrift. ©on beit ©eitagen feitben 
Sic mot)t einiges nadj Seipgig: bitten Sie aber, bah nid^tö Bertoren 
gehen möge. 9todj eine ©itte; fehreiben Sic hoch an ©Senget ein 
paar ©Sorte, er möge fich, menit er in Leitungen etmaS allgemein 
SntereffanteS ober mich bcfonberS SntereffierenbeS finbet, bie 9tum« 
ntertt ber ©tätter nterfett unb für mich aufnotieren, man befommt 
hier faft gar feine .geitung gu fetjen. 2)ie (Gebidjte*** mürben moht 
audj grcgeS intereffieren." 

3lm 2. 3lpri( Betliefjen bie 9teifenben Petersburg unb langten, 
nadjbetn fie bei 9tobertS Sermanbten in Smer baS Dfterfeft Ber« 

* Sflwin SBicd leBte in SHcbal. 

** ßonjertmeifter in Petersburg. 

*** «gl. S. 71 unb 74. 



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1840 — 1844 . 



69 



fcradjt hatten, am 10. ?lpril, fefjr erfdjöpft bon ben Strapajen 
ber Uieife, in ÜDtoSfau an, baS für bie näcfjften 4 SSochen il)rcu 
Aufenthaltsort bilben foUte. ®er erfte Einbrud ber Stabt ent* 
täufcfite fie junädjft etwas, „er ift nicht fo, wie man iljn ficfj benft". 
dagegen machte ber Äreml, ju bem Robert gleich itadj ber An* 
funft ftdf» auf ben SSeg machte, unb bie AuSficht bon bort auf beibe 
ben tiefften Einbrud. „$iefer Anblicf ift nicht ju befd^reiben, mau 
glaubt, man muffe in ßonftantinopel fein, fo ganj eigentümlich orien* 
tatifdj ift biefe Stabt mit ihren unzähligen türmen." Solange 
fie bort waren, war er faft täglich baS ih rer ©pajiergäitge, 
bie ihnen auf Schritt unb Xritt eine neue SBelt mit orieittalifdjem 
Eharafter erfchloffen. „Sehr auffatlenb waren uns bie ^Bäuerinnen 
(eS war bod) Ofterwodjc, wo alles bom fianb h^reinfommt, um fid) 
ju beluftigen) mit feibenen ÄafaWcifen, mit bent fdjönften ißelj be* 
fefct, unb barunter j. SB. ein orbinäreS Äattunfleib." Aber fo inte* 
refjant fich bie alte 3arenftabt im fcftlichen Treiben ber Dftcrwod)e 
auch barfteüte, bie SReifenben felbft follten bod; fc^r halb fich »ber* 
jeugen, bafj eS beffer gewefen wäre, in einer frühem SahreSjeit 
fchon einjutreffen, benn bie eigentliche Saifou war borüber, unb 
wenn fie bie baburd) im Vergleich ju bem unruhigen Treiben in 
Petersburg gebotene Sinfdjränfung beS gefelligen SSerfefjrS auch als 
eine angenehme unb notwenbige C£rf)olung empfanben, fo war ber 
burch ben Saifonf<hlu§ ebenfalls bebingte, berhältnifjmäfjig fpärlidje 
SBefuch ber ^onjerte weniger erfreulich- dagegen war bie ganje 
Art, wie namentlich bie AbclSgefeUfchaft ihnen entgegenfam unb 
ElaraS Äunftleiftungen aufnabm, ihnen im ©egenfafc ju frühem 
Erfahrungen mit ben $of* unb AbclSfreifeit fehr fpntpathifdj unb 
entfchäbigte fie für leere unb halbleere Säle in ben Sonjerten. Eine 
SJtatince, bie fie am 2. 3Jiai für etwa 30—40 pcrfoncn gaben, unb 
in ber, gegen ben DrtSgebraudj, auch bie ®amcn ber höchften 
AbelSgefetlfchaft erfchienen, gab außerdem erwünfchte (Gelegenheit, 
baS Pubtifum mit Schumanns Cluintett (baS im Äonjert wegen ber 



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70 



1840—1844. 



Oröfje beS ©aale? nicht Ijatte gefpielt roerben fbnncn) unb ben 
Sariationen befannt zu machen, bie, nach bcm Seifall zu jchließen, 
mit 93erftänbniS aufgenommen mürben. 

3m übrigen maren biefe SJioSfauer Sßodjen mehr ber @rl)olung unb 
bent ©tubiunt »ott Sanb unb Seuten gemibmet: fjeute in einem Sefuch 
ber rujfifchen 0per, mo ©linfaS Oper „?Weg für ben garen" gegeben 
mürbe, über bie ©djumann fdjrieb: „®er erfte Stft mit nie! artiger 
SDiufif, namentlich hiibfd)e§ Icr^ett, — meiftenS national anflingenben 
SBeifen — bie Snftruraentation fchmad), unb baS Siech ju »or* 
herrfchenb. 3m übrigen entfliehen glücflich organifierte muftlalijdje 
SJatur. ®ie jmeite Hälfte ber 0per mar in jeber Schiebung lahm unb 
alle^ bramatifdjcn Fortganges baar" — morgen in bem Sefuch eines 
rnffifeben ÄlofterS: „bunte Farben überall — Säume unb ©räber 
im 3nnern beS |>ofeS. SSir fliegen auf bie Plattform ber einen 
Sfirdje, roo mir eine munberfdjöne SluSfidjt über SKoSfau mit feinen 
unzähligen ft tippeln unb Sürmen batten. Sefuch beim 9lbt, einem 
joöialcn SDiann, ber uns mit 1f)ee bemirtete unb uns bann noch 
mit Slnfichten »on ©imonoff (beS ftloftcrö) bcfdEjenfte. Um 6 Uhr 
ging eS in bie Sefper. $>er ©efang ber ÜJiönche ift ganz Eigener 
Slrt, piano, mit hohler ©timme unb fehr eintönig — fie fingen 
5—6 ©tuuben immer baSfelbe. ®ie Sompofition ift zum Xheil 
barbarifch, zum $h e tl Knbifth, coli »on 0!ta»en unb Quinten. Robert 
entmifchte nadh ztoeiftünbiger ÜKarter burch biefen ©efang (ber 
aber berühmt ift, eben megen beS eigentümlichen ßtangeS), ich folgt« 
ihm halb." (Sin anbermal galt eS einen langen Sefuch im großen 
FinbelhanS, baS, ba mufifalifche ©enüffe bamit nicht »erbunben 
maren, ihnen entfcfjieben beffer gefiel. 

Sßährenb aber fo bie Oieifenbcn SJitoSfau unb Umgegenb mit 
ftaunenben, finnenben Slugen burchftreiften unb nur gelegentlich ben 
Überreichtum frembartiger ©inbrüefe burch &* e Seftüre ber Soffifchen 
geitung, bie fie in einer f leinen Äonbitorei mit Sergnügen ent« 
beeft hatten, auszugleichen unb zu milbern fich beftrebten, ermachte 



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1840-1844. 



71 



immer ftürmifcßer bie ©ehnfucßt nad) $aufe. 91m 8. 9}?ai roarb bie 
9?üd reife narfj Petersburg angetreten; bieSmat ging bie J-aßrt in 
ben griinenben grüßling hinein, unb Petersburg grüßte nun im 
©omnterfleib. 3 e ß n Inge fpäter mürbe in Äronftabt baS ©dßiff 
beftiegen , baS fie ttacß ©minemünbe führte. Über lebte Peters* 
burgcr Ginbriitfe berichtet bie Stacßfdjrift ©djutnannS ju einem Don 
Glara an ißrcn ®ater gerichteten ©riefe : 

©cßumamt an ffr. Siecf.* 

Petersburg, ÜDiitte 2Rai 1844. 

S)er .fiimmel oerfpricßt ju morgen eine fdjöne ffaßrt, baS Setter 
ift munberootl unb alles QJriin fcßon heraus. Saßrßaft jauberifcß 
ftnb fjier bie heilen 9?äd)tc ; man braucht fdßon jeßt ben Slbenb mcßt 
meßr 2icßt ju brennen. 

©eftern hatten mir noch einen intereffanten Stag; frü^ [?] in 
3arSfoj*e@feIo, mo mir mit Dtomberg unb ©raf SielßorSfp bin« 
futjren, unb abenbS bei ber ©roßfürftin fpelene, bie uns ju fidj ein» 
gelaben hatte, Glara fpielte munberootl. 2)ie ©roßfürftin mar (nad) 
^enfeltS 91uSfage) gegen unS, mie fie nie gegen fiünftlcr fid) gezeigt; 
übrigens eine mahrhaft föniglicßc ffrau, bie fcßon Dielen SÖfämtern 
ben Jtopf Oerrüdt, habet ßöcßft flug unb unterrichtet; mir fpracßcn 
oiel baoon, ob nidjt in Petersburg ein Gonferoatorium ju griinben 
ginge, unb fie hätte uns moßt gern gleich hier beßalten. 

®ie Steife nach ©cßmeben haben mir aufgegeben; eS jießt uns 
ju fehr nach ber £eimat unb ju unfern Slinbern juriid. Gnbe beS 
SOtonatS hoffen mir, ©ie, lieber Papa, hoch gerniß in fieipjig ju 
feßen? Sir merben uns auf ber SRiictreife nur in ©roinetnünbe 
aufhaltcn, um nach ber Snfel 9tügen ßinüberjufaßren. Ginfttoeilen 
nod) einen poetifeßen ©ruß aus ÜftoSfau, ben ich mit Sßnen per» 
fönlicß ju übergeben nicht getraue. GS ift oerfteefte ÜDiufif, ba jum 
Gontponieren feine 9fuße unb 3«* mar. 

fperjlicße ©ruße an Sßre Jrau unb Stinber, möchten mir unS 
alle glürflicß mieberfinben. 

3ßr 9t. ©. 



* »riefe 3t. 2. «uff. 3h. 266 S. 239. 



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72 



1840—1844. 



SScitn »Dir baS SrgebniS ber in ben Dorangefjenben ©riefen in 
ißren ^auptjiigen gefcfjilberten gemeinfamen Sünftlerreife jufantmen* 
faffcn, fo fpringt als baS ©ebeutfamfte gunädjft in bie Äugen, baß 
fie außer einer giitle rein menfdjlidjer Anregungen beiben burdj ben 
einblid in bie f)alb orientalifdje Kultur beS ßarenrci^eS eine immer 
wieber als ©ereidjerung il)reS Innenlebens empfunbene ©rtteiterung 
ißreS geiftigen fwrigonts befeuerte, bie fie fief» in biefem Umfange 
bodj nidjt Ratten träumen taffen. ©djumannS 9teifenotijen unb bie 
auf ifjnen fußenben Sagebuc^aufjeic^nungen feiner grau legen für bie 
(Scfjärfe ber ©eobadjtung unb bie wacfjfenbe Urefffidjerheit ber Urteile 
ber Dteifenben ein ungemein berebteS 3 eu 9 n >3 ab, baS eS bebauern 
läßt, baß in biefem Statuten ein näheres (Singetjen barauf nicfjt 
möglich ift. AIS gweiteS: eine für Glara naefj ben ©rtebniffen ber 
testen Satjre hoppelt wertöolle ©eftätigung unb ©efräftigung ißreS 
fünftlerifdjen ÄnfefjenS, ißrer ©ebcutung als einer mit feiner anbem 
ju üergleidjenben unb ju Derwechfelnbeit fünftlerifdjen Snbiüibualität; 
ein (Srfolg, um fo fdßDerwiegenber, als er auf einem gan$ fremben, 
in mancher £> inficht fefjr fpröben ©oben, einer ifjren fiunftibealen 
miberftrebenben ©efdjmatfSridjtUHg junt Utoß, Stritt für ©djritt 
mütjfam erfämpft »Derben mußte. Als britteS : ber enblidj einmal bem 
Äufmanb ibeafer ©eftrebuitgen entfpredjenbe erfreuliche materielle @r* 
trag, fo baß auch biefer 3 r °ec£ ber 9icife als erreicht angefefjen werben 
fonnte. AIS DierteS: etwas in bem ©rabe faum erwartetes unb barum 
um fo meßr begtüdenbeS, nämlich ^ en tnufifalifchen Greifen 
SRußlanbS auf einmal aufgegangene SrfenntniS, baß Dr. Robert 
©djumann nicht bloß ber „fjodjüerbiettte Diebafteur ber neuen fieip« 
jiger geitjdjrift für SHufif, bie aud) in Petersburg eifrig gelefen 
wirb", „ber wefentlichc ©earbeiter unb Seförbercr ber neuen ro* 
mantifchen IRidjtung" fei, wie ißn bie ©t. Petersburger 3 c 'i un 9 
junädjft noch beim publifum glaubte einführen ju müffen, fonbern 
ein großer Üonfeßer, unter ben fiebenben nur mit bem ihnen feit 
lange uertrauten SJJenbcläfofjn üergleichbar. 25er ©ahnbrecher ju 



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1840-1844. 



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biefer @rfenntni3 war ba 8 Quintett, bas überrafdjenb fdjneß ocr* 
ftanben unb gewiirbigt würbe. 

Slber eben biefe Steife würbe gerabe für Schumann nodj in ganj 
anbernt cntgegengefefctem Sinn bebeutung 8 öoß. @3 warb fcfjon 
angebentet, bafj, wenn er gcfjofft batte, auf itjr, feinen StebaftionS* 
gefcfjäften cntrücft, SDtuffe 3 U fdföpferifdjcr Arbeit ju finben, er 
eine fdjmerjlidjc (Snttäufc^ung erfuhr; oielmebr faf) er fid) in biefer 
gefdjäftigen Unruhe ju einer tatentofen SDtufje berbammt, bie gleidj 
nachteilig auf fein förperlicbe3 unb geiftige3 SBotjIbefinben einwirfte. 
99ereit8 in Sorpat hatte ihn, wie wir auö Slaras Briefen hörten, 
ein Jplöhticher föranttjeitSanfaß — rfieumatifdje Sefdiwerben mit 
Sing fterf Meinungen, au3 benen bie Srjte, wie e§ fdjeint, nichts ju machen 
tourten — in trübfte SMandjolie oerfenft, unb biefe SDtelandjotie blieb 
auch mit wedjfefnben förperlidjen 33egtciterfd}einungen — in 9Jto8fau 
heftige Sdjwinbetanfäße — auf ber ganzen Steife feine ^Begleiterin. 
3mmer wieber ift in feinen Stützen baoon bie Siebe, unb bie ®er> 
fuchc, ihrer auf langen einfamen Säuberungen §err 3 U werben, 
Waren jebenfatlS nur oon öorübergetjenbem ©rfolg. @3 ift nicht 
gana Har, ob perföntidje (Erfahrungen im SBerfefjr mit ber ®efefl= 
fcfjaft, ^ertiorgerufen burd) bie unter aßen Umftänben b e ^ e 
Situation, bafj er biefen Seutcn 3 unä<bft nicht al 8 Stöbert Schumann, 
fonberu a(3 ber SJtann oon Stara Sied gegenübertrat, alfo 
Äränfungen feines (Stjr* unb Sc(bftgefüi)t3, oon benen gelegentlich 
in feinen Sluf 3 eid)nungen bie Stebe ift, biefe guftänbe {jeroorriefen, 
ober ob aus biefer Stimmung t)erau3 fidj erft eine Übcrempfittblidj» 
feit entwidelte, bie barntlofe Uugefdjidtidffeiten fdjWerer nahm, al3 
fie wert waren, ffiir lcf}tere3 fpridjt, bafj Sfara offenbar in ben 
meiften ffäßen bon biefen Singen feine Stfjnung batte, ©efegent* 
lieb einer SDtoSfaucr Slbenbgefeßfdjaft b e 'tü eö in ihren lagcbud)« 
aufjeiebnungen (bie fie erft nach ber Stüdfebr nach Seutfdjtanb au3 
ber ©rinnerung mit $ilfe oon Scbumann3 furzen Stotzen ju« 
fammenfteßte) einmal: „Stöbert fdjrcibt hier: „Äränfuugen faum 311 



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74 



1840-1844. 



ertragen unb Glara« Beneßmen babeU" icß weiß oon nießt«, e§ 
fcßeint mir aber jcßt bei £urcßlefung ber Stotijenblätter, baß icß 
oft Stöbert« Unwillen erregt ßabe, in böfer Slbficßt gewiß nießt." 
©icßer aber Ijat Scßumann unter biefen Stimmungen auf ber ganzen 
Steife fcßwet gelitten, um fo meßr, al« er, wie au« biefer Äußerung 
Glara« ßeroorgeßt, ficß nidjt burcß 8lu«fpracße ju erleichtern imftanbe 
war, fonbern wirtliche ober oermeintlicße Äränfungen in ficß hinein» 
fraß. ®ie ÜJtufif rußte gattj, bagegen fucßte ficß feine bebrängte 
^Sßantafie gcrabe in ben bunfelftcn ©tunben im bicßterifcßen 
Scßaffen einen Slu«weg, ein gelb ber Betätigung. „SJtorgcn« 
bicßtete Stöbert immer", fcßreibt Glara im 9Jto«fauer Sagebueß, „unb 
bann führte unfer Sßeg immer itacß bem Äreml, ber Stöbert« ißßait« 
tafie immer oon neuem crwedte." 

$>ie fo entftanbencn ®icßtungen, fünf an ber 3 a ßh — e« finb bie» 
felben, bie er im Briefe an ben Sdjwiegeroater fo ungemein bejeießnenb 
al« „öerftedte SDtufif, ba jttm Gompotticren feine geit unb 
Stuße war", bejeießnete, — ßabett eine innere Ginßeit nießt nur babureß, 
baß fie alle au« ßiftorifeßen, burcß ben Slnblid be« $reml« geweiften 
Erinnerungen erwaeßfen finb, fonbern aueß barin, baß bie beiben 
erften, bie fieß mit bem ftoljen ©lodengießer Swan SSalifii unb 
feiner beim ©uß oerungliidten ©lode befcßäftigen, in eine eigentüm« 
ließ ftjmbolifcße Begießung ju bem frcoetßaften ©tolj be« anbern 
©lodengießer« Stapoleon unb bem Scßidfal, ba« ißn in 3)to«fau 
ereilte, gebradjt werben. ÜDian fatut fie nießt oßite jcßmerjlicße Gr« 
feßütterung lefeit, biefe in ber gornt wie im Sitßalt eine merfwiirbige 
|>iIflofigfeit, 'einen auffallenben SJtangel eigentlidjer ®eftaltung«!raft 
oerratenben beugen bunfelfter Stunben. Grfcßeinen fie jeßt boeß 
wie Borboten ber ©cßatten, bie jeßn 3aßre fpäter für immer über 
fein Sieben SDtacßt gewannen. 

$er 30. ÜJtai fanb bie gantilie, Gltern unb Äinber, wicber in 
ber Snfelftraße oereint. „SBit tonnten un§ noeß lange gar nießt 
reeßt wieber an Seipjig gewößnen", feßreibt Glara im Xage« 



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1840-1844. 



75 



buch*, „alles fam uns fo öbe, fo leer oor, troßbem wir bod) in unfrer 
alten ^jäuSlidjfeit wieber waren unb unjre ftinber wieber Ratten. 
Sagu fam ©oberts immerwährenbeS Unwof)lfein, was eigentlich bie 
gange SHeife bauerte, boef; immer gurüctget>alten war." 

Stoßbein fc^ien gunädjft gu weitern ©eforgniffen fein Anlaß, 
ja, ungeachtet beS förderlichen Unbehagens fchien ber §eimatS* 
hoben unb bie '«Hülfe ber fpäuSlidjfeit Schumanns SdfaffcnStuft unb 
Äraft günftig gu beeinfluffen. Dpernpläue tauchten wieber auf: 
©tjronS ftorfar, ben ihm Dr. 3Karbach bearbeiten foHte. ©or allem 
aber trat jefct eine ganj neue Arbeit in bett ©orbergrunb: bie 
Äontpofition ber Sdjlufjfgenen beS ^weiten Seils beS Sooft. Sluf 
feinem Sorpater Äranfenlagcr hatte er fich mit beiben Seilen beS Sauft 
eingehenb beschäftigt, unb wohl fefjon in biefen Sagen war ber ©lan ent« 
ftanben, ber bann aber infolge ber ©eifeunrulje nicht gur Ausführung 
fam. 3m 3uli brachte ein unerwarteter ©efudj oon Anberfen Anregung, 
aber auch Heine Snttäufdjung , baß ber Äopenhagener Seeunb 
bie ihm oon £ioia Stege oorgefungenen Sd)umannfchen .Vtompofitionen 
feiner Sieber unb ©eetf)ooenS Es»bur«Sonate giemlid) gleidjgixltig auf» 
nahm. 3m übrigen «erging auch biefer SDfonat noch in guter Stimmung, 
bie auch burch uadtjträglidje Sfrupel, bie fich Schumann wegen ber, 
wie er meinte, gu Doreiligen 9?ieberlegung feiner Sfcbaftion machte, 
nicht merflich getrübt würbe. Anfang Auguft begannen beibe (Clara 
gurn erftenmal) ben Unterricht an ber ÜJlufiffchule unb rüfteten fich 
auf einen ftillen arbeitsreichen SBintcr, ba ber urfpriingliche ©lau 
einer Sunftreife nach Belgien, .jpollanb unb Citglanb mit diüdfidjt 
auf neue ÜJiutterhoffnungen Claras aufgegeben werben mußte. 

Sa erfranfte Schumann SJiitte Auguft cmftlich; troßbem fuhr er 
bei borübergehenber ©efferung fort, am Sooft gu arbeiten, ben er auch 
bis gum Schtujjchor oollenbete, aber, wie eS im Sagebuch heißt, „mit Auf* 

* Xiefe ©intragungen au3 ber jtteiten §älfte beS 1844 ftantmen 

erft auS bem gebruar 1846, ba im 9?ot>cmber 1844 ba« Xagcbud; 3 u m— 'J?o* 
Dembet 1844 Berloren gegangen mar. 



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76 



1840-1844. 



Opferung ber testen Strafte." Sin wolliger ßufammenbrucß folgte, „eine 
gänzlicßeSlbfpannung berSteroen, bieißm jebe Arbeit unmöglich machte." 

Unglücflicßermeife fiel bamit jeitlidE) eine öffentliche Stränfung 
ober {ebenfalls etwas, roaS er unb bie ©einigen fo auffaßten, 
Zufammen: bie @rn>«l)lung ©abcS jum Dirigenten ber ©emanb* 
ßauSfongerte für ben SBinter 1844/45. Dbtooßl ©djumann felbft, 
fo mie bie Dinge lagen, fcßmerlicß ben ©often ju übernehmen 
geneigt gemefeit märe, einpfaitb er bocß, unb moßl nicht mit Um 
recht, eS als einen SJtangel an 2lufmer!famfeit, baß man, ohne oor» 
her auch nur iß m onpfragen, einen SluSlänber an baS burch 
SJtenbelSfoßnS Slbmefenßeit oerroaifte Dirigentenpult berufen hotte. 

Sine SJtitte September jur 3erftteuung unternommene Steife in 
ben $arj oerfehlte ihren 3*°^ oollftänbig; unmittelbar nach ber 
Stiidfeßr üerfchlechterte fic£» ber 3 u ftonb mcßr unb mehr, fo baß er 
Zuleßt förmlich jum Stegen fam, „faunt über baS 3’ mmer oßne 
größte Slnftrengung gehen tonnte." Stach einer feßlgefcßlagenen 
Stur mit jtarlSbaber ©alz, bie ben iteroöS Überreizten noch meßr 
fchmächte, marb enblicß Snbe September ber (Sntfcßluß gefaßt, auf einige 
SSocßen nach Bresben ju gehen. „Sßir hofften", feßreibt Slara, „bie 
anbre ©egenb, anbre SDtenfcßen füllten moßltätig auf Stöbert loirfen.“ 

2tm 3. Dftober erfolgte bie 2lbrcife. „Die gaßrt mar feßreef* 
ließ. Stöbert baeßte, eS nießt überfteßen zu tönnen." UitbinDreSben 
felbft, oielleicßt nicht juitt roenigften infolge gutgemeinter ©erfueße 
Sßiecfs, ber ©cßumann „gemattfani ßerauSreißen mollte", marb eS 
immer feßtimmer. „(SS oergingen nun 8 fcßrectlicße Dage“, ßeißt 
eS im Dagebucß : „Stöbert fcßltef feine Stacßt, feine ©ßantafie malte 
ißm bie fcßrccflichften ©Über aus, früh fanb icß ißn gemößnlicß in 
Dränen feßmimmenb, er gab fieß gättzlicß auf." Der ßomöopatßifcße 
Strzt oerorbnete fleißige Seroegung unb (Sntßaltung oon jeber Arbeit. 
3u leßterer mar er oßneßin außerftanbe, unb baS ©eßen marb ißm 
feßr feßmer. ©turzbäber, bie ber ©atient, mie eS feßeint, fieß felbft 
oerorbnete, mirften nur oorübergeßenb moltuenb. ©isßer ßatte man 



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J840-1844. 



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im f>otel gewohnt; ba bcr ft'ranle fiel; aber nicht entfdjfießen !onnte, 
nach fieipjig juriicf^uge^en, fiebetten fie nad) 8 Jagen in ein 
Prioatlogig über, ba« junöd^ft nur atg eine Überganggftation für 
einen geplanten tnehrwödjigen ©efucf) bei Sdjumanng ©ruber Earl 
in Schneeberg gebadet war. ®ie Grfranfung beS ältcften Jödjter-- 
cfjeng aber utib eine gleichzeitig cintretenbe teife Sefferung in 
Sdjumanng Sefiitben zeitigten Dftitte Cftober ben neuen Gntfdjluß, 
überhaupt ganz — junädjft allerbingg nur für ben SEBinter — nach 
®re§ben zu überfiebeln. Slnt 17. Dftober warb in ber Sßaifen» 
haugftraßc Dir. 35 eine hübfdjc Parterrewohnung gemietet unb 
SDiitte Jezember bezogen. Jie 3wifcf)cnzeit füllten, abgefeljen non 
ben Umzugäforgen unb »@efd)äften, ein mehrtägiger fflefud) in 
9J?ajett bei Scrreg, mancherlei ©efetligfeit in SDreSben, wag alleg 
Sdjumanng allmählich fid| beffernber 3 u ftaub geftattete, aud) einige 
Äonzertreifen nad) |>alle unb ficipzig au«. 2lm 29, Dioocmber war 
noch einmal bie Seipziger mufüalifche ©efeHfdjaft, SDienbelgfofjn an 
ber Spifce, im ^ärtetfdjen .fpaufe oereint. ®ie erften liünftler, 
unter ihnen auch ker junge Joachim, oereinigten fid) zur Sßieber« 
gäbe oon DJienbelgfohng Dltett; £ioia ffrege fang, unb Elara fpielte 
mit SDZenbelgfohn zwei Stüde auö bem „Sommernadjtgtraum", „bag 
crfte in einem Jempo, bah wir Sehen unb §ören üerging." 

Slm 5. Jezember fpielte Elara im ©ewanbljaugfonzert zum 
erftenmal bag Es»bur*$onzert Don Secthoocn, „nach langem ©e« 
ftreben unb Söünfdjen" nicht ol)ne ©efangcnheit, „benn eg ift bag 
fchwerftc Äonzert, Wcldjcg ich femte, eg üerlangt bie größte Slug» 
bauer unb burdjaug geiftige Sluffaffung", heifit eg iw Jagebuch. 
„J)ag Publifum“, fährt fie fort, „nahm mich entljufiaftifch auf, wag 
mich koppelt freute, alg eg gewiß zunt Jeit auch 2l»hänglid)feit an 
bag alte ©aterlanbgfinb war." 

Slm 8. Jezember, einem Sonntag, gab ba§ Ehepaar Schumann 
feinen greunben eine Slbfchiebgmatinee, in ber Di ob er tg Es»bur» 
Quartett, zum erftemnale gefpielt, großen ©eifall erntete, unb in 



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1840 — 1844 . 



ber Klara mit ber Seetfjoöenfchcn Gbur«©onate, tro^bcm fie laum 
bie Ringer »or Saite rühren fonnte, idj(of). 

§lm 13. erfolgte ber S(bjd)ieb oon Seipgig, „nicf)t ohne Iränen", 
fjeijjt eS im £agebud), „obgleidfi midj eigentlich wenig mehr, als 
baß eS mein Geburtsort, feffeln fonnte." 

SBofjl jeher, ber aus eigener SBillfür ober aus innern unb äufjcrn 
gwingenben Griinben feinen SSohnort roechfelt, wirb geneigt fein, fidf 
bas Scheiben baburch leicht ju machen, bafj er bie Schattenfeiten 
unb Siadjteile ber alten fpeimat jugunften ber neuen betont, baß 
er fich unb anbem eingurcben oerfucht, baS, roaS man hier aufgäbe, 
werbe bort reichlich aufgewogen. 

Sag eS in biefem gaHe auch f 0? ober war Seipjig wirtlich 
für bie Scheibenben nie etwas mehr gewefen als Klaras Saterftabt? 
SDiefe fragen drängen fi<h h eran unb fjeifcfjen Antwort, in bem 
9lugenblicf, wo-fRobcrt unb Klara Schumann aus bem SRufiflebcn 
SeipgigS fcheiben, in beffeit äRittelpunft fie faft ein 3ahrjehnt ge» 
ftanben hotten. Unb fie finb nicht beantwortet mit bem Hinweis auf 
Schumanns Sranfljeit unb auch nicht mit bem auf feine Scrftimmuitg 
über bie SBaht GabeS jum Statthalter SRenbelSfohnS. ®enn biefe 
beiben Xatfachen erflären wohl ben plößtidjen äußern Abbruch, nicht 
aber werfen fie ein Sicht auf bie innem ^Beziehungen SRobert unb 
Klara Schumanns gum Seipjiger SRufifleben in ber erften .öälfte ber 
üiergiger 3afjre unb bamit auf bie innern ©rünbe ihrer SoSlöfung. 
Um biefen nachzugehen, bebarf eS »iclmehr einer wenn auch noch f° 
gebrängten Überfchau ber gaftoreit, bie in biefem Zeitraum teils 
bauernb teils ooriibergehenb im fDiufifleben SeipgigS eine iRotle 
gefpielt haben. 2ln erfter Stelle gebenfen wir hier natürlich 3Reiv 
bclSfohnS. 

So wie er in biefen fahren baS mufifalifdje Sehen, nicht nur in 
Seipgig, fonbern in 3)eutfd)lanb überhaupt, unbebingt beherrjefjt, für 
bie mufifalifche ©efchmacfsrichtung ber Sonattgeber ift, fo ift er auch 
für Schumann unb feine grau, wenn auch in etwas anberm Sinne 



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1840—1844. 



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rin Zentrum geiftiger Slnregung unb juglcid) ein ©egenftanb per* 
fönlicher Verehrung gewefett , ber außerhalb jebeö $8ergteid)eS mit 
anbem ftmtb. Unb Wenn bafjer Schumann gefegentlid) als einen ber 
©rüttbe ihres gortgangS öon Seipjig angibt: „feit SRenbetSfohn 
oon Seipjig weg ift, will eS unS and) mufifatifcf) nidjt mel)r be* 
bagen", fo war ba§ et) er gn wenig als ju öiel gefagt. ®etm 
SdfumannS 9Serl)ättniS ju SDfcnbelSfohn beruhte, fo f)ocf) er bcn 
tünftler in ihm fc^ä^te, bod) üor adern auf einer auS freubigfter 
Überzeugung beroorgewatfjfenen bebinguiigölofen Sewunberung ber 
ganzen ißerfönlichfeit. „Siebe unb SBerefjrung 1 ', fdjreibt er 1841* 
nad) einem langem .ßujammeiifcut mit 2Renbel8fof)n, „finb bie beibcn 
©efül)le, bie, fo oft man mit iljrn öerfeljrt, für iijti rege werben. 
Sin ißolitiluS ift er and); bod) ift baS nur ber tjunbertfte ^Leit 
feines bielgeftaltigen SBefcnS." 

@8 ift ungemein einlcuchtenb, baS gerabe eine SWatur wie bie 
Robert ©djumaimS, ber eS fo fdjwer warb, bett Siffonan^en beS 
SebenS gegenüber fich baS innere ©leid)gewid)t ju wahren, bie 
wunberöolle Harmonie ber menfd)[id)cn unb liinftlerifdjen fßerfönlicf)* 
leit SRenbelSfohnS, beren $auber fich leinet ber 3 e **genoffen ent« 
Ziehen lonnte, wie eine moratifdje ©enugtuung empfanb unb ben 
SSerfebr mit ihm als einen äftl)etifd)en @enu§ ohnegleichen, ©enug* 
tuung, ba§ f)öd)fte föünftlerfchaft unb ibeate SD?enfcf)lic^feit bodj 
in einem SRenfcfjen rein unb frieblicf) miteinanber häufen lönnten, 
unb ©enufj, bie SSirlungen biefer Harmonie an fidh unb anbem ju 
beobachten. „Sr erfchien", fdjreibt er nach feinem lobe, „wie jenes 
SBunbcrbilb, immer, ftets um einige 3oll f)öf)er, als man fich felbft 
fühlte“**. SlüeS, was er an fich fdjmerjlich oermiBte, fanb er in 
SJienbelSfohn nnb freute fich neibloS, baj? eS jebcnfallS einer hätte. 
Sr notiert einmal 1846 in feinen Sagebuchblättem , 2Renbel8fol)n 

* Xagebud) 14.— 21. 3Rärj 1841. 

** ©rief an SaurcnS »om 23. Sprit 1848. ©riefe 9t. g. 2. Sufi. 9tr. 315 
6. 282. 



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1840 — 1844 . 



l)af>e behauptet, „e3 gäbe feinen äftljetifcfj gebifbeten SRenfdjen". ®a§, 
maä er aber in ÜRenbel8fof)n bewunberte, war wotjl eben ber äftfje* 
tifefj gebilbete 3J?enfd) im ^ödfjften Sinne beS SßortS. 

ßS will fiefjer »iel fageit, fann aber na cf) bem eben Semerften 
nid)t meijr befremblicfj erfcfjeitteii, baß in bem ^ufammenlebcn jweier 
fcfjöpfcrifdjer ©eifter »on fo auSgefprocfjener (Eigenart in jafjrc> 
langem Serfefjr faunt je ein SRifjton angeftungen fjat, trofebem es 
im beiberjeitigen greunbeS* unb 33ewunbererfreife nidjt an (Elementen 
fehlte, bie Keine unüermeibbare Üfeibttngen ju großen Staatäaftionen 
anfjubaufcf)en jowotjt SBegabnng als Suft Ratten. Über Intrigen 
einer SRenbelsfofincliqiie fallen toofjl in fpätern Sauren gelegentlicf) 
fefjarfe Äußerungen, über SRenbelöfoljn felbft nie ; bie jroei ober brei 
2Iu3nal)men, bie au3 momentaner SRei^barfeit*, trüber fd^ttjar^fefjerifc^er 

* 9Rir ift aus biefen fahren nur ein gaö Befannt, wo eS jwifcBen ffltcn* 
belSfoBn unb ©tf|umann wirflid) eine Serftimmung gegeben Batte, bie, wie faft 
immer in jold>en SüQcn, au$ SRifjoerftänbniffcn cntftanb, unb biefe wieber waren 
Beroorgcrufen , was ebenfalls für berartige Stonflifte jwifcBcn groben SRaturen 
tt)pifcB ift, nicBt jo jeBr burcB fjerjönlicfjc SDleinungSöerfcBiebenBeitcn, als burcB 
ftlatjdjcreien unb £>ef)creien ber „guten greuitbc". GS Banbelt ficB um Vorfälle 
getegentlid) bet 'ituffüfjrung oon Sd)umannS C*bur>©BntpBonie unter 3RenbelS« 
foBn im 9tooember 1846. Ungünftige Ginbrüde, bie ©diumann Bei ber Ißrobe oon 
ben fieiftungen beS CrdjefterS empfangen unb autB auSgefprodjen Batte, ga6en ben 
SJäBrboben für eine einftweiten latente SereijtBcit unb 'Jicroofität auf beiben Seiten. 
$ie SpnipBonie ging am 9tbcnb felbft trofcbem gut unb fanb aucB groben Ü8ei* 
fall, Bütte aber Bielleid)t nod) met)r Ginbrut! gemadjt, wenn uid)t baS fßublifum 
burd) ungewbBnlid) oiel uorangegangene ^iiftnuuentalmufif fdjott etwas erntübet 
gewejen wäre; unb baS wieber wäre, nad) 9lnfict)t ber „fjreunbe", ju oermetben 
gewefen, wenn ffllenbelSfoBH nicBt bie lange Jetlouoertüre Botte wicberBolen laffeu. 
$aoon blieb bei ScBuntannS ein Stad)el jurüd. SSirüid) peinlich aber warb bie 
Sactje erft burd) einige feBr taltlofe gcBäjjigc 9lnrcmplungcn äftenbelSfoBuS im 
fieipjiger Sägeblatt, mit benen SdjumannS, bie gerabe oon 9MenbelSfoBnS „Ben* 
lieber" Seitung an bem Slbenb feBr befriebigt waren, natürlich nicBt baS geringftc 
$u tun Butten, bie aber wieber bei 3JtcnbelSfol)n, ber fid) aus bem .^intcrfjalt 
Bämijd) angegriffen jap, eine ÖSerci^ttjeit ^eroorriefen, bie fid) nicBt gegen StBumann 
richtete , aber bod) bei ben weitern Skrljattblungen über eine jweite JluffüBrung 
unter feiner Seitung eine ©ewitteratmofpBäre erzeugte, bie in einer SReiBe Oon 
Keinen neroöfen „HJtifjDcrftänbniffcn" auf beiben Seiten fid) entlub. 2>er ft(atfd) 
ber beiberjeitigen guten Sreunbe tat baS übrige, unb baS GrgebniS war eine 



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1840-1844. 



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Stimmung ficß erflären üerjcßwinben unb »ermatten unter ben $aßt* 
lofen immer wiebetfeßreitben fpontanen Slußerungen wanbellofcn 93er' 
trauen«. 

93efonber« djaraftcriftifd) ift in biefer 93cjicßung eine Äußerung 
Scßumann« an« bem grüßling 1843*: „ÜJiit 5DZenbel«foßn ßab icß 
rnaneße trauliche Stunbe »erlebt. ®ie äußern ©ßren, bie ißm alle 
gefeßeßen, ßaben ißn nur juganglicßer, befeßeibener gemacht, ©r mag 
woßl and; füllen, baß er jeßt auf bem ©ipfel be« Siußme« fteßt, 
baß er ficß faum (teigem fann. ®rum f)ab icß manchmal einen 
^ug üott Trauer an ißm gefpürt, ben er fonft nie Fjatte. SSie freue 
idj midj, ber frönen blüßenben anjugeßoreit, wie wir fie jeßt 
ßaben. Überall regt e« ficß für ba« ©ute in ber SDiufi!; bie Seil« 
naßme be« ißublihim« ift außer orbcntlicß; noeß 93iele« wirb »on ßier 
au«geßen." 

$)iefe Äußerung erfeßeint cßarafteriftifcß aueß infofem, al« man 
bie geßobene Stimmung, bie au« ben lebten SBorten fprießt, in 
unmittelbaren urfäcßlicßen 3ufammenßang mit 3Renbel«foßn bringen 
mö<ß te, ben Scßumann al« ben „ßöcßften Sftritifer, ber ba§ flarfte 
Stuge »on aßen lebenben Sftufifem ßabe",** oereßrte. Unb wie ein 
ÜRacßflang biefer unb äßnlicßer Stunbeit berüßrt baßer aueß Clara« 
SBort im lagebueß*** naeß 5D?enbelfoßn« Job : „Sein Sßerluft ift 
für IRobcrt hoppelt unerfeßließ, beim er war e« ja, bem Diobert al« 
fiünftler am näcßften ftanb, mit bem s Jiobert am liebften feine Smp« 



burcf) bie SReröofität be« Dirigenten nicht ganj auf ber £>öl)e fteljenbc SBieber« 
bolnug unb eine auf beiben Seiten noch eine SSeile nadjiitternbe Unbehciglichfnt. 
3 cf) erwähne biefe Sache an biefer ©teile nur, um biograpljifcben Särrnern 
baburcf) ein für allemal biefen „©toff", wenigften« für Setrachtungen au« ber 
SRauImurf spfrfpcttiDe , untauglich ju machen unb gerabe an biejent Scifpiel ju 
jeigen, Wie Diel nötiger al« jebem gewöhnlichen Sterblichen ben ©roßen ba« ÖScbct ift: 
„§err, bewahre mich »or meinen greunben!" 

* lagebuch 1843. 17. gebruar. 

** Jagebuch 1842. Dftobcr. 

*** 5. 3iooembet 1847. 

8i$mann, SCna 2dnimann. U. 6 



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1840—1844. 



finbungen unb Slnficßten über bie ftunft auStaufcf)te, beffen Unter* 
Haltung immer jo fcfjön unb erfrijcßenb auf ben ©eift wirfte." 

SBenn idj bie ^jerfonticfje SBereßrung ©ctjumannS für SDtenbelSfoßn 
als 3bealti)puS eines ÄünftlerS fo ftar! betone, fo barf baS natürlich 
nidjt fo nerftanben werben, ats ob er ifjn als fünftlcrifc^e 3nbi« 
öibualität mt§t in gleichem SDtaße ju mürbigen öermocfjt ßätte. SBer 
Schumanns ©Triften fennt, weiß, baß baS ©egenteil ber galt war. 
3a, bie Sßürbiguitg ber Sigenart beS mitftrebenben unb ooran* 
ftrebenben geitgenoffen ift fidler efjer ba gcwefen ats jene 33c« 
wunberung für ben Unioerfalmenfdjen. Slber aucß baS ift mol)f 
fidjer, baß, je ftärfer ©ctjumannS eigene fünftlerifdje 3nbioibuatität 
jur fd^öpferifd^en ^Betätigung brängte, er eines gewiffen ©egenfafceS 
ju 5D?enbetSfofjn fid) bewußt würbe, unb jwar gerabe um ber 
©genfcßaft willen, bie ifjn am SRenfdjen Sütenbelsfoßn am meiften 
an^og, weit fie ißm fctber oerfagt war. @r oergleidjt SDJenbelSfoßn 
gern mit SDtojart, ftettt ißit jenem als ebenbürtig an bie ©eite. 
„®a8 Sädjeln um bie Sippen fjat niemanb fcßöner als er", fagt 
er einmal uoit SDtenbelSfoljn unb oon feinem ©piel ,,Sd) bcnfe mir 
oft, SDJojart müffe fo gefpielt fjaben.*“ „@r ift ber ÜWojart beS 19. 
3afjrßunbertS", ßeißt es bei ber Sefpredjitng üou SDRenbelSfoljnS 
D«3Jiott Xrio**, „ber ßellfte SDlufifer, ber bie SEBiberfprüdje ber 3eit 
am tlarften burcfjfdjaut unb gticrft oerfößnt. Unb er wirb aud) nidjt 
ber lejjte fiünftler fein. 9tad) ÜJio^art tarn ein SBeetfjooen." Xiefe 
ißerfpeftioe beutet feßr fein unb bodj fdjarf bie ©renjlinie an, an 
ber ©ctjumannS unb äJfenbclSfoßnS Snbioibualitäten fidj trennten; 
man muß fitß nur flar barüber fein, baß eS ficfj bei biefer ©egen» 
iiberftellung Kio^arPSBeetfjoüen, bei bem ganzen SBergleidj überhaupt, 
nidjt fo fel)r um eine SBerteinfdjäßung als um eine XemperamentS», 
oicllcicßt rießtiger ßßarafterbeftimmung, ßanbclt. 



* ©Triften II ©. 146. (1837.) 
♦* ©cfjriften II ©. 280. (1840.) 



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1840-1844. 



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Sßemt bem gegenüber ÜJienbelSfofjnS Steßung ju Sdjumann 
nidjt jo Har überfeßbar unb Bor allem nidjt mit jo Bielen un* 
mittelbaren 3eugniffen belegbar ijt, jo liegt ber ©runb bafür wofjl 
jum Seil barin, baß teuerer eben nidjt wie jener eine öffent- 
liche fritifdje Xätigfeit auSübte. Slber eS fommen bod) and) itod) 
anbre ©riinbe aßgemeiner unb perfönlidjcr Sftntur in SSetradjt. 
®or aßem, baß für ben fdjwer fidj erjdjließcnben unb leicht miß» 
trauenben Schumann Sßenbelsfoljn in feiner oorneljmen fiauterleit 
ein unfehlbares Out bebeutete, wäßrenb ßKenbclSfofjn» jo fjodj 
er StfjumannS fiinftlerifdje Söebeutung unb bie SSorjüge feines 
S^arafterS einfdjäjjcn modjte, borf> ban! feinem glüdlidjcn Xent« 
perament unb feiner auf ben gölten beS SebenS im bunten Sßedjfel 
bebeutenbcr Sreigniffe unb bebeutenber ßKenfdjcn fich bewegenben 
Saufbafm auf eine fo auSfcßließlicfie Eingabe an einen nodj fo 
Sebeutenben toeit weniger ©ewidjt legen muffte als jener. Un* 
gemein djarafteriftifdj ift in biefer S3ejief)ung ber ©djlufj eines Sriefes 
Bon Schumann an SDicnbelSfoßn auS bem September 1845* : „Söalb 
feßreibe icf> Sßnen wieber — überhaupt fönnten wir eS einartber 
nicht Bon 3 e ü ju 3 e ü ouefj °^ ne llinreidjenbcn ©runb? SEBäre 
unfre ^reunbfdjaft Sßein, fo wäre eS jejft fdjon ein guter Saßrgang 
(heute Bor 10 Sauren ßtofent^al), ßicfleidjt benfen fie wie idj unb 
feßreiben mir halb einmal wieber." ßKenbelSfoßn aber fcfjrieb nie 
„offne ßinreidjeuben ©runb." Sßer fo Bielen gibt, fann bem einzelnen 
nur wenig geben. SBenn Sdjumann baS nid)t fo empfanb unb in 
ben Stunben ihres SeifammenfeinS immer baS ©efiifjl innigften 
oertrauteften SBerlcfjrS fjatte , fo mochte baS wofjl einerfeit« an ber 
glönjenben gefeßigen ©egabuitg 9J?cnbelSfo^nS, anberfeits aber wofjl 
audj baran liegen, baß 3Jienbet«fot)n in biefen Slugcnbliden wirHidj 
mit ganzer Seele fich bem (Ebenbürtigen gab unb erfcfjloß.** Xod) 

* Sg(. ©riefe 9t. g. 2. 9lufl. 9lr. 278. S. 249. $er ©rief ift bort unöoH* 
fiembig unb otjne biefen Sdjlufs abgebmdt. 

** So erflärt fidi fet|r einfad) aud) bie Xatfadje, bie rooijl mondicm Sefer ber 

6 * 



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1840 — 1844. 



eS fam mof)l noch ctmaS fjinju. @tn 3 ro cifet an ber frcunbfd^aft* 
tidjen ©efittnung ÜJienbelSfohnS gegen Schumann ift auSgefchloffen, 
aber fte loar, aucfj non ben oben fdjott erwähnten Serfdjiebenfjeiten 
ihrer Stellung abgefehen, burdjauS anbrer 9?atur als bie, bie 
Schumann i£jm entgegenbrachte. Set Schumann mar eS §erjenS« 
fache, bei üKenbelSfohn moht mef)r, menn nidjt auSfchlie&lid), Ser« 
ftanbeSfadje. (Sr refpeftierte Schumatm, aber eigentlich fpntpathtfch 
mar er ihm moI)l nie. Unb fo ftanb er auch offenbar ju Schumanns 
ÜJlufif. (Sr nahm fie mit bem Serftanb in fidj auf, mürbigte fie 
rein objeftiö als »ornehmfte ßuuftleiftung unb freute feine SKühe, 
mit (Sinfehung feiner ganzen ißerfönlidjfeit für fie einjutreten unb 
bem jüngeren greuitbe unb in gcmiffem Sinne Sitmlen bie SBege 
ju bahnen, aber feinem perfimlidjften Jhmftempfinben blieb fie 
fremb. 

Tajj eS fo fei, baS h<d; mie oft in ähnlichen gälten, bie grau 
mohl früher unb ftärfer empfunben als ber 3Kann, ohne baß 
aber je barunter ihre pcrfönlidjc Serehrung für SOienbelSjolm, baS 
Scrtrauen in feine felbftlofe greunbfdjaft gelitten hätte. 5m ©egen« 
teil, jroifdjen Stara unb SWcnbelSfohn entmidelte fich gerabc, feit fie 
Schumanns grau gemorben, mehr unb mehr ein gegenfeitigeS, bieS« 
mal mirflich auf Shmpathie beruhenbeS perföntidfjeS SertrauenSoer* 
hältnis, baS fidj in jeber SebenSlage, in Scherj unb (Srnft bemährte 
unb baS tn manchen fdjmeren Tagen unb Stunben, mo fie non quälen» 
ben Sorgen um Robert unb ihre gemeinfame gufunft gepeinigt unb 
bodj in h^ligcr Sdjeu, ben ©eliebten bamit in feiner Schöpfermirf« 
{amfeit ju ftören, ihr ben 9Jiut gab, fich an 2JienbetSfof)n um 9fat 
unb Troft ju menben. So in jenen fdjmeren £)erbftmocf)cn beS 5ahrcS 
1843, mo fie angefidjts Soberts Unfähigfeit, ju einem (Sntfchlufj megen 



„Samitic 3RenbclSfot)n" aufgefaDen ift, baß in ben Briefen SDJcnbelSfoljnS aus 
ben fahren, in benen er, roic wir aus Schumanns Tagebüchern roiffen, in nahem 
freunbfchaftlid)em SSerfehr mit Schumann ftanb, Schumanns 9tamc faunt er« 
mahnt ift. 



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1840 - 1844 . 



85 



ber lüngft geplanten Steife ju fonmten, fiep nicfjt anberS ju Reifen 
wußte, als inbem fie ffltenbeläjopn in ifjre Sorgen cimoeipte. 
„SJtcin SDtann", fcf;reibt fie am 9. ®ejember an SJtenbelSfopn, „fpricpt 
jept emftlicp oon unfrer Steife, worüber icp fepr glücflicp bin, icp weiß 
aber aud), wem icp bieS z u banfen pabe. Sßenn icp an ben SRorgen 
benfe, wo icp in Sßergwciflung ju Sitten fam, fdjäme icp ntid) unb 
benfe, id) muß Spitett redjt finbifcp erfcfjiencn jein, bocp Werbe id) 
nie oergeffen, wie freunblidj unb gebulbig Sie mid) anpörten, unb 
mit welcher S3ertrauen crwecfenben fEeilnaptne ©ie allen meinen 
SBünfcpen entgegenfamen." 

^Xatfäc^tic^ pat auep SDtenbelSfopn oon Slnfang an feine ©elegen« 
peit üorübcrgefjen laffen, opne ipr in ber perzlicpften unb ritterlicpften 
gorm, fowopl im päuSticßen Äreife wie beim gemeinfamen öffentlichen 
Auftreten wie in ber ©efeflfepaft, feine freunbfcpaftlicpe ©pmpatpie 
unb feinen großen Ütcfpeft oor iprer Jfünftlerfcpaft, ber zweifellos 
bei ipm Äuäbrucf innerfter Überzeugung war, ju befunben, fie immer, 
offne baß eS irgenbwie ben Slitfcpein oon etwa« ©ewolltem gehabt patte, 
als in jeber SBejiepung ebenbürtig ju bepanbcln. 2öa8 baä bei SDtcnbelS* 
fopnS Slnfepen unb wa§ gerabe in ben fcpweren Äonfliften jwifdjen 
Äünftlertum unb .fjauSfrauenpflicptcn, bie Clara in biefen Sapren 
burdjzufämpfett patte, für fie bie ©tärfung ipreS ©elbftoertrauenS, 
bie SBerfcpärfung iprcä fünftlerifcpen Verantwortungsgefühles, bebeuten 
mußte, liegt auf ber ,£>anb. Sßenn fie tropbetn, unb tropbem 
SJienbefSjopn, namentlich in ben erften beiben Sapren, in zwanglos 
freunbfcpaftlicpem Verfcpr bei ipnen aus unb ein ging — er war ja 
auep ber Sßatc beS erften ÄinbeS — , bei iptn nie ganz e * n ®cfüpf 
oon leifer ©epeu überwinben fonnte, baS fie anbem Jtünftlerfreunben, 
©. nacpmals Scnbemann, gegenüber niept fannte,* fo lag baS wopl 
oor allem barin, baß für ipre eigenfte Äunft ipr SOtenbelSfopn feit 



* 6te äußert fitf) über biefen Untcrfdjieb im 3?erfepre mit Sfenbemann unb 
2RenbcBjofjn gelegentlich im Xagebucß turj Oor 3KcnbclSfof)n8 Job. 



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86 



1840-1844. 



Satyren baS työctyfte, unerreichbare tünftberifrfje Sbeal gewefen mar 
unb eS auch blieb, Segeictynenb ift eine ©jene aus bent erften Satyr 
ityrer Stye im s JJiärg 1841. SDienbelSfotyn ift eines StbenbS gefommen, 
um mit ityr fein neu fomponierteS 2>uo, baS in ityrem erften Sonderte 
als Klara ©ctyumann gefpielt werben feilte, gu üben: „SSir fpielten 
es, eS mißfiel itynt, unb er geriet in einen fomifdtyen 30 m, weit er ficty 
einiges fctyöner gebactyt." Sann fefct ficty SRenbelSfotyn ans Älabier unb 
fpielt einige Sieber otyne SB orte, barunter ein SBotfStieb, einzig fctyön. 
Slber bie einfame junge grau ift unfätyig mit gu genießen, weit fie 
ben Slbftaub gwifctyen biefer ft'unft unb ityrer eigenen wie einen 
©dtymerg empfinbet: „idty faty 9tobertS freubeftratylenben SBlicf babei, 
unb eS war mir fo fetymergtidj, baß idj fütylen mußte, bieS itym nie 
bieten gu föttnen. Scty fetyämte micty fpäter meiner tränen, bie icty 
im Seifein SDlenbetSfotynS bergoffen, bocty fonnte icty nictyt anberS." 

SDiit welctyer SiebenSmürbigfeit unb welctyer geinfütyligfeit aber 
ÜDienbetSfotyn ityr über folctye ÄtleinmutSanwanblungen tyinweggutyelfen, 
ja itynen borgubeugen wußte, beweift eine tyübfttye Spifobe aus bem 
SDiärg 1846 in SreSben. 3n einer großen ©efellfctyaft bei 8enbe* 
mannS, in ber baS Stycpaar ©ctyumann unb SJienbelSfotyn anwefenb 
finb, wirb SDienbetSfotyn gebeten, bie F*motI ©onate bon Söeettyooen 
gu fpielen. Sr erflärt ficty bereit, gugleicty aber, baß er ben testen ©a{$ 
nictyt fpielen fönne, ben müffe grau ©ctyumann fpielen. Siefe, bie 
feit 7 SBoctyen leine Safte angerütyrt tyat, erflärt ityrerfeits, baoon 
fönne feine Siebe fein. „Sr fetyte ficty ans Älabier", tyeißt eS nun im 
Sagebucty, „brotyte mir aber, nacty bem Stbagio aufgutyören unb eS 
bon mir abtyängig gu mactyen, ob bie Seute ben letyten ©ap työren 
feilten ober nictyt. Sr fpielte bis gu ben letyten Stfforben, auf bem 
gweiten üerminberten ©eptimenafforb blieb er lange liegen, unb als 
icty nictyt fam, ftaitb er auf unb wiebertyolte abermals, er fönne ben 
©afc nictyt — fomit gwang er micty, ityn gu fpielen, unb, trofcbem 
mir ber ©etyreef in alle ©lieber gefatyren, ging eS bocty fo leibtidj." 
„Scty bin übergeugt", fetyließt fie, „eS war nur ©atanterie bon itym. 



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1840—1844. 



87 



benn er beweift mir immer Slufmerffamfeiten , wo er e# nur 
fann." 

SUIeS in ödem, man begreift »odfommen, wie butch SWenbel#* 
fohn# gortgang Seipjig, wenn nicht jeben, fo bodj ben .fpauptreij für 
Schumann# üerlieren unb ihnen baburcf) ihre eigene 2o#löfung au# 
biefen Serhaltniffen leichter unb natürlicher uorfommen fonnte. 
2)enn einen folgen ibealen, bie fjöcJjften menfdjtichen unb fünftle* 
rifc^en Sebcnäanfprüdje öon SDiann unb grau gleich befriebigenben 
greunbe#üerfehr, wie fie ihn an 2Rcnbel#fohn gehabt hatte«, »et' 
mochte ihnen feine «Stabt ber SSklt fonft $u bieten. Unb ba fehiett e# 
am @nbe ziemlich gleichgültig, ob man am Orte blieb ober einen 
anbern wählte. 

Slber wenn Schumann in bemjelben S riefe, in bem er Dien* 
bet#fohn# gortgang al# einen ber |>auptgrünbe ihre# Sc^ei* 
ben# öoit fieipjig bejeidjuete, gleichseitig betonte: „$och bleibt 
fieipjig für Dhifif noch immer bie bebeutenbfte Stabt, unb ich tuiirbe 
jebem jungen latente raten, bahin ju gehen, wo man fo oiel unb 
fobiel gute SRufif hört", fo füllten beibe in ber golge nur ju halb 
erfahren, bajj fie biefen ißunft, bie Sebeutwtg Seipjig# al# ßentral* 
fteße be# mufifalifdjett Seben# in ®eutfchlanb, hoch bei ber 58er* 
legung ihre# SBohnfifce# t>on bort nicht genügenb al# gaftor für 
ihr eigene# Schagen gewürbigt hatten, unb baß, fo fchr fie beibe 
neben 9Dlenbel#fof)n bie Scranlaffung biefer ffllütc waren, fie mit 
ber in ihren ißerfonlichfeiten rufjenben anregenben Straft nicht auch 
gewiffe am Sobett haftenbe, burch bie Überlieferungen unb burcf) 
bie Sage be# Drt# gegebene, biefer Äunftentwicflung günftige ©le* 
mente einfach an einen anbern Crt mitnehmen fonnten. ?ln erfter 
Stelle bie güde oon intereffanten unb bebeutenben, werbenben 
unb geworbenen fünftlerifchen gnbiuibualitäten, bie bie günftige 
Sage unb »or adern ba# Äonjertleben Seipjig# jahrau# jahrein 
nach Seipsig brachte, bie, wie fie bort Anregung fuchten unb fanben, 
auch ihrerfeit# bodj immer wieber frifefje#, junge# pulfierenbe# fieben 



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88 



1840-1844. 



fjineinbracljten, mufjwenn öielleidjt bie Gittbrütfe, biefie imperfönlic^en 
iu’rfefjr fjinterliefjcn, nidjt immer fteunblidj unb ftjmpatljifd) Waren. 
3dj erinnere nur an Sifgts früher fdjon ermähnten 33efudj im £e» 
gember 1841, an öle fflultS üietfacf) an Sifgt crinnembcS Stuftreten 
ein Saljr früher, ber bei näherer $8efatmtfdjaft als SRenfdj wie als 
Siinftler entfliehen Diel Don feinem RimbuS einbüjjte. 

S5or allem aber ift fjicr Serliog gu nennen, auf ben ©djumann in 
feinem Rüdblicf auf baS ÜRufifleben SeipgigS im Sßinter 1839/40* be« 
foubcrS nadjbrüdlidj aufmerffam gemacht, unb beffen geljlen in bem 
Repertoire ber StbonnementSfongerte er als eine entfdjiebenc ßiitfe ge* 
rügt fjatte, ber nun im gebruar 1843 in einem Songert gnm SSeften 
ber Slrnten mit bem Offertorium aus bem Requiem, einer Romanze 
mit Drdjcfterbegleitung (L’absence) unb ber Quocrtüre non 5tönig 
£ear gum erftenmale oor bem Seidiger ißublifum erfdjicn unb ben 
Streit ber gadjleute, ob er ein „oerjiingter ©eetljooen" ober nur 
ein genialer (Sffeftl)af($er fei, in bie Steife ber Songertbefudjer hinein* 
trug. Scfjumann, in bem 93eftreben, bem non iljm fo Ijodjgefdjäpten 
ÜDianne eine befonbere Slufmerffamfeit gu ertocifen, fjatte in feinem 
§aufe eine Sfuffüljrung feines Quintetts unb gweier Quartette Der* 
anftaltet, ofjne jebodj oiel ®anf bantit gu ernten, gu Claras großer 
SScrftimmung : „(Sr ift falt", frfjreibt fie entrüftet, „teilnafjmloS, 
grämlicfj. Sein Sünftter, toie idj if;n liebe — idj fann mir nidjt 
fjelfen. Robert ift anbrer äReinung unb fjat iljn gang in fein 
£>erg gcfdjloffen, was idj nidjt begreifen fann. 3BaS feine SRufif 
betrifft, fo ftimmc aud) icfj bem Robert bei, fie ift ooH beS 3n* 
tereffanten unb ©eiftreidjen, aber“, fe|t fie fjingu, „eg ift bocfj nidjt 
bic9Rufif, toie fie mir ©enufj fdjafft, idj fjabe feine Sefjnfudjt nadj 
mefjr." (Übrigens fjatte fie wegen Sranffjeit baS Songert fctbft 
oerfäumen müffen.) 

Um fo ftjmpatfjifdjcr berührte beibc fowofjl bie SRufif wie 



* «Stfjriften 1 ©. 251. 



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1840—1844. 



89 



bie Sßerfönticßfeit ©abcS, ber, für Glara ja ein alter Sc* 
lannter, beim erften ©eßen (3an. 1844), aucß ©cßumannS £icrz 
fofort gewann. war in ber lat eine tragifcße Ironie, baß 
gerabe biefer 9Jfann, beffen kommen minbeftenS cbcnfoöiel auf 
©djumann§ Gntjcßluß, Leipzig ju oerlaffen, eiitwirfte voie 9KenbelS* 
fobnS ©Reiben non bort, eigentlich in allein unb jebern berufen 
erfcßien, am erften ©cßumann ben Serluft SReitbelSfoßnS oerfcßmerzcn 
ju laffen: baß bie Serufung biefeS ffremben Schumann aus feinem 
natürlichen 9?äßrboben ßerauSriß. S5enn baS war unb blieb 
Leipzig; nicht Weil cS ber |>eimatboben war, ben fanb er ja fdjließ* 
lieh in $rcSben auch, fonbern Weil für ihn, mehr noch Wie bie 9ln* 
regung »on außen, ber ftontatt mit ber feftgefügten Drganifation 
eine§ großen OrcßeftcrS, wie fie ba§ ©ewaitbßauS bot, unb einer 
in beften Irabitionen gefaulten unb hoch babei für neue (Sinbrütfe 
burcßauS zugänglichen ^jörerfefjaft , wie fie baS bamaligc ißublifum 
ber ©eWanbßauSfonzerte in einem maßgebenben Srucßteil barftellte, 
gerabeju eine Lebensfrage war. Unb mochten ißn mit ber ©cfell» 
fchaft wie mit ben übrigen 9Kufifern Leipzigs, $>aöib nießt auSge« 
nommen, feßeinbar nur ziemlich locfere Sanbe öerfnüpfen, fo War 
er in erfterer boeß jeßt immer beS GntgegenfommenS unb beS Ser* 
ftänbniffeS fießer, auf baS er feiner fflebeutung nach Änfprucß er» 
heben burfte, unb War ißm oor allem in bem Drcßefter, in bem 
Quartett bc§ ©ewanbßaufeS, ein oiclleicßt nießt immer leicßt zu 
beßanbelnbeS, aber boeß ßöcßft gcfcßidtcS unb für bie feßwierigften 
tünftlerifcßen Slufgaben oerwenbbareS Organ bereit, beffen ®afein 
wieber ganz unwiUfürlicß auf ben Snßalt unb bie Stiftung feiner 
feßöpferifeßen Xätigfeit zurüdwirfen mußte. 

Unb biefe §eimatftätte ber großen mufifalifcßeit Bewegung, bie 
fieß oor allem in ben 9iamen unb ben ißerfönlicßfeiten SWettbclS* 
foßnS unb ©cßumannS fonzentrierte, bie mit ©cßumannS „Steuer 
ßeitfeßrift" ißr S ro 9 ramm un b in feiner unb 2RenbelSfoßnS 
feßöpferifeßer Sfrbeit beS leßten ^aßrzeßntS ißre (-Erfüllung erßalten 



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90 



1840 - 1844 . 



tjatte, fie war aucf) bie $eimatftätte Gtaraä. 9iicf)t weit fie t)ier 
geboren war. Stber f)ier Ijatte fie fid^ nadj fdjweren 2ef)rjaf)ren 
unter bem ^Regiment ifjreö SßaterS, unter ben §lugen unb im .fjaufe 
if;reä SRanneS, im Sunbe mit bem genius loci auS einer öor» 
nehmen SSirtuofin ju einer fetbftänbigen fünftlerifdjen ißerföntid)-- 
!eit entwicfett unb burdjgearbeitet. 

S5ie neue Heimat muffte fefjr toiel ju bieten f)aben, wenn fie 
nur einigermaßen ben 3?ertuft beffen aufwiegen fotlte, wa§ fie in 
ber atten jurütftiefjen. 



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3ft>ette8 Äa^itel. 

©tillcS 9ieifen. 

1844 - 1850 . 

„23er in ber £>cimat erft fein $auS gebaut, ber füllte nidjt mctjr 
m bie fffrembe gefjen." @S mag paroboj erfcfjeinen , baß icf) biefe 
fcfjmerjlidje ^Betrachtung eine? in bie Verbannung jiefjenben 2>tannes 
gewiffermafjen als 9Kotto oor einen SebenSabfdfnitt fefce, bei bem es 
fich nur um einen CrtSwcdjfel innerhalb berfelbcn SanbeSgtenjen, 
um -poei nur wenige ÜJieiien auSeinanberliegenbe Stabte banbeit, 
bie miteinanber üertaufdjt werben, jwifdjen benen man im Saufe 
eines $ageS, wenn eä fein mufj, mefjr als einmal f)in unb her 
fahren fann, unb aufjerbem um jwei VilbungSjentren, bie, jebeS in 
feiner Art, weit über ben UntfreiS ber politifdjen ©reitjen IjinauS 
gerabe um bie SJiitte beS t> origen 3af)rljunberts Anregungen ge« 
fpenbet fjaben. Unb bocfj wirb jeber, ber bie befonbern Äuttur* 
grunblagen beiber Stabte unb bie barauS fidj ergebenbe allgemeine 
geiftigc Atmofpljäre einer jeben audj nur oberflächlich fennt, eS 
begreifen, bafj für beftimmte Snbiöibualitäten, man mödjte fogar 
fagen VerufSarten, bie Verlegung beS 2Bol)nfi§cS auS ber einen in 
bie anbre ein SSanbern in bie grembe bebeuten tonnte. §ier eine 
reiche §anbelSftabt, bie aber infolge ihrer jafjrfjunbertclangen Ver» 
binbung mit einer ber innerlich Iebenbigften beutfrfjen fjodjfdjulen unb 
infolge einer eigentümlichen ^ufpifjung ihrer ,f>auptl)anbe(Sintereffen 
auf ibeette ßulturfattoren — Sudjfjanbel unb Vudjbrud — immer 
eine gewiffe ariftofrattfdie Sonberfteüung unter ben übrigen beutfd;en 



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92 



1844—1850. 



.fpanbelgcntporen eingenommen Ejatte , unb bie bie fünftlerifcßen Se« 
ftrebungen ifjrer intelligenten unb geiftig regfamen Seoölferung in 
ben testen Saßrjeßnten mit großer Äraft unb großem (Srfolg, a6er 
aueß mit einer genügen ©infeitigfeit auf mufifalifeßem ©ebiet ju einer 
§öße ju fteigent gemußt ßatte, bie ißr unbebingt, nießt nur mag bie 
Äunftleiftungen fonbern auc ß mag bie ©enußfäßigfeit unb bag fünft« 
lerifeße SScrftänbnig anbetraf, bie güßrcrrolle in SDeutfdjlanb, menn 
nießt in ©uropa, gab. 3>ort eine Siefiben^ftabt, mit bem Stempel eineg 
finnenfreubigen gürftengefcfjlecßteg, bag feit 3aßrßunberten, oft mit 
ipintanfeßung nädjfter laubesoäterlicfjer ißfließten, auf bie fünftlerifcße 
Sluggeftaltung beg äußern Sebeng, alleg beffen,mag mit ben Sinnen auf« 
genommen unb mit ben Sinnen genoffen merben fann, gu feiner greube 
unb jur greube feiner Untertanen fieß eine SBoßnftätte gefeßaffen ßatte, 
bie in ißreit immer gefcßmadooHen goraen eineg feinen Stilgefüßlg 
beim erften Seßen jebeg SDialer* unb ßünftlerauge entjüden muß. 
Sin aueß bureß ben lanbfcßaftlidjen fReig noef) begünftigteg Sin« 
regunggjcntrum oon unoergleicßticßem gauber, für fiunftgeuuß nießt 
minber mie für Shinftfcßöpfung. Slber ftßließlicß botß immer eine 
Siefibeng, b. ß. eine ©efeßfeßaft, in ber erft ber §of unb bann bie 
Seamtcnfcßaft fommt, unb bie, felbft oßite eg gu moHeit, unmißfürlicß 
eine Steigung ßat, aueß bag Sünftterifcße in ißrem Sinn gu regieren, 
unb bie mit ber äußern äJiaeßtftellung, bie bie ©eburt ober bag 
Slmt oerleißen, gang naio, mie ber Solbat feinen SDiarfcßatlgftab im 
Soriiifter, aueß fünftlerifcßen ©efeßmad unb Urteil mitererbt ober mit* 
»erließen erßalten gu ßaben glaubt. $aßcr eine, menn aueß oft nur 
rein äußcrlidje, Sölüte ber ffunft, ber Äunftbeftrebungen, ber 
JHinftler, für bie in jenen Siegionen gerabe Sntereffe unb, jebenfallg 
»ernteintlidjeg, Serftänbnig »orßanben ift, unb bagegen eine, »on ber 
gaßl unb Sebeutung ber fünftlerifcßen Snbioibualitäten ßier mie bort 
gang unabßängige Sücßtacßtung unb äußere Serfümmerung , Sßer* 
ftodung ber fünftlerifcßen Sntcreffcn, bie feine Sonne befommen, bie 
gerabe auf ber Scßattenfeite finb. Unb in SDregben mar bie SJiufif 



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1844 — 1850 . 



93 



in jener geit auf ber Schattenfeite. Sowie es feinem üöfaler bamals 
eingefallen Wäre, non SDreSben nadj Seidig gu überfiebeln, fo f|ntte 
es feinem SJhififet einfaflen foHen, fieipgig mit Bresben gu 
ttertaufdjen, jebenfatls feinem SRufifer, ber niefjt non oornljcrein ben 
SBiHen unb bie ftraft mitbradjte, bitrefj ©nfefcung feiner gangen 
ißerjönlidjfeit fidj einen ißtafe gu erwerben, fid), Wenn cS fein muhte, 
bie SJafehtSbebingungen für feine jdjöpferifdje Xätigfeit gu fdjaffen 
unb ben $ampf mit ber ©leidjgiiltigfeit unb Sleinlidjfeit, mit bem 
3opf, mit bem ißljitiftertum, ebeitfo unter ben Äunftgenoffen wie in ben 
hödjften ^Regionen beS fßublifumS, mit ben fdjärfften Söaffen gu führen. 

Stber felbft wenn Schumann nidjt ein fdjwerfranfer 9Rann 
gewefen wäre, als er nach Bresben fam, unb wenn er nidjt aud) 
bie nädjften Sa^re noch unter bem läfjmenben Sann biefer föcantfjeit 
geftanben tjätte, er wäre biefer Aufgabe nidjt geworfen gewefen, 
feit er bie Sdjrcibfebcr mit ber SRotenfeber Oertaufdjt Ijatte. Sie 
fröhliche fiegreidje SMmpfcrftimmung, bie aus beit Stättern ber 
3eitjdjrift unS entgegenflingt unb «jubelt, War ja nur ber Sor« 
früfiling feiner fiinftlerifdjcn (Sntwicflung überhaupt gewefen. Sn 
it)r machte fid) guerft ber werbenbe Sdjöpfergeift Suft, für fiefj felber 
nicht minber wie für anbre. 2Rit bem oölligen Surdjbrud) feiner 
fünftlerifdjen fßerfönlidjfeit gur fdjöpferifdjen Arbeit aber Der« 
ftummte er gang oon felbft. SRidjt etwa, bafj er ben Äampf mit 
bem fßtjUiftertmn als fein eigentliches SebenSelement nicht mehr emp* 
funben hotte wie früher, er führte iljit nur jefct mit anbern SBaffctt, 
burdj feine 2Rufif. Stber währeitb er früher üom Schreibtijcf) aus 
mit ber gebet weiter nichts brauchte als Stinte, ißnpier unb Srucfer« 
jehwärge, um gu treffen, gu fdjlagcn unb gu fiegen, fo brauchte er 
jefct, um fid) ©eljör gn oerfdjaffen, eines großen Aufgebotes oon 9Rit« 
ftreitern, oon in feinem Sinne wirfenben, feine Slbfidjten burdj ihre 
SRitwirfuttg erft in Sat umfejjcnben Zünftlern. SiefeS UnterfchiebeS 
war er fidj in fieipgig aus früher erwähnten örünben nicht bewußt 
geworben, in SreSbcn aber fofort. 



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94 



1844—1850. 



Jer JreSbeitet mufifatifcfie ©efdjmad war nocf) nicfjt auf beit 2eip* 
jiger Ion geftimmt, webet im fßublifum nod), waS Diel fdjlimmer war, 
bei ben ÜJtufifern. Unb um biefe Umftimmung Dor$unef)mcn unb bie 
wiberftrebcnbett Ringer richtige Sage ju bringen, baju beburfte 
es berber gäuftc unb Ijarter Sorte. 93eibe aber waren ©djumaitn 
uerfagt. ©o war benn in bcr lat bie Uberfiebelung nnd) JreSben 
wofjl in jeher fflejief)ung ein fdjwerer geljler, ben bcibe aud) halb 
als foldjen einfaljen unb bereuten, oljne aber fiel) eittfdjliefjett ju 
tonnen, iljn wieber riidgängig ju tnadjen. 

Senn tro^bem in biefen 3at)ren beiber fünftlerifdje Jätigfeit nid)t 
erlahmte, fonbern fid) in aufwärtSfteigenben Safjncn, wenn audj für 
Clara wofjl in etwas laitgfamerm Jempo als in ben erften Saljren iljrcr 
CStje, bewegte, fo lag baS in erfter Sinie an ber Äraft unb Uripriiuglidj= 
feit ifjrer burd) feine £>etnmnifje ju unterbrüdenben fünftlerifdjen 
Staturen, bann an ber DerftänbniSDoden Stefonaitj iljret Cigenart 
in einem fleinen, geiftig Dielfeitig angeregten greunbeSfreife unb iticfjt 
jum wenigftcn audj an ben Slnregungen, bie ifjnen auf Claras Äunft« 
reifen unb oor adern aus ber anbaucrnben Jeilnaljme an aden be« 
beutenben Vorgängen beS Seipjiger SJtufiflebenS famen; aber bie 
Seute, bie in JrcSbett SJtufif machten unb SOtufif fjörteit, waren 
unfdjulbig baran. gür 5i e ) e blieben bcibe, Dor adem aber Stöbert, 
fo groß audj ber SSefanntenfreiS war, ben fie Dorfanben, Dom erften 
bis gum lebten Jage grembe, bie man woI)l bis ju einem gewiffen 
©rabe refpeftierte, benen man aber wirflid; naljer ju treten, gar fein 
SebiirfniS Derfpürte. 

„Sie DieleS", fcfjreibt Clara furj Dor bem Slbgang nad) Jüffel* 
borf*, „liegt Don Stöbert ba, was wir nod) nidjt gehört! eS ift 
fdjrecflitf) ! Jie Jeilnafjmlofigfeit ber Äünftler geljt fo weit f)ier, 
bajj nidjt einmal Ciner nur banad) fragt, waS Stöbert etwa arbeitet . . 
©old) eine Statur Ijier unb foldje SDtenfdjen!" Unb baS war nid)t 



* Stcgcbud) 1850. 26. ?{prit. 



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1844 — 1850 . 



95 



etwa nur ber Sfieberfdjlag im Saufe ber 3af>re erfahrener perfönlidjcr 
©nttäufdjungen, ber fidj ju einer foldjett Klage unb Slttflage »er« 
bientet, fonbent nur baS SrgebniS einer bie hofften Änforberungen 
an fich unb anbre ftelienben fünftlerifdjen Kritif, wie fie brei 
3aF)re früher fonftatiert: „2reSbeti ift ein muftfalifdjeS 9?eft." 
(Sin Urteil, baS auf berfelben ©eite beS 2agebudjS burefj bie am 
folgenben 2a ge (1. 9?o»ember) unter ©dinciberS ®ireftion in ber 
©ingafabemie ftattfinbenbe Sluffüljrung r»on SKenbclSfohuS EliaS 
einen fdjlagenben SSeteg erhielt; „ben erften 2eil hörten mir", 
heifct eS, „benn bie 23efefcung ber ©oliS unb bie bünne ärmliche 93e* 
gleitung am Klaüier mar fo fchlecht, baff mir eS nicht länger aus* 
halten fonnten. ©o ift eS benn auch getuifj beffer, man behält fich 
ein Urteil über bieS Sßerf oor, bis man eS einmal orbcntlicf) 
gehört." 

@S ift aber nicht bie SSerftimmung über tedjnifd) 2JiinberroertigeS 
ober äftifjlungeneS, bie baS Urteil beftimmt, menn fie auch gelegentlich 
einmal bariiber flogen, fonbern ber unfünftlerifd) fleinliche @eift, 
ber allem, auch wo ba§ äRatcrial nichts gu münfehen übrig lägt, 
ben ©tempel aufbrüdt, unb ber, mie fie mit ©cfjmerj fonftatiert, 
auch auf bie meniger SßiberftanbSfähigen unter ihren gfreunben bei 
längenn ©ermeilen in biefer Sltmofphäre eine nachteilige SSirfung 
auSübt. ©o, menn im 3ahre 1845* greunb filier, ber ihr fonft für 
bie XreSbener ju gut erfcheint, SDiojartS D*2J?otl Konzert nach ih rem 
Empfinben, „boch nicht mit bem SRefpeft fpielte, als man eS oon einem 
guten Küitftler »erlangen fann", mäfjrenb baS Drdjefter nach beiben 
Kabenjen beinahe gänzlich ummarf. „3Rir fiel SRenbelSfohn un> 
miüfürlich immer ein", fchreibt fie, „mit melcher Siebe unb äReifter* 
fchaft biefer foldhc Sßerfe jeberjeit ejefutiert.“ Ober im Saljre 1849** 
in Seipjig nach einer ißrobe beS ©ihumannfchen Quintetts, menn fie 



* Sagebudj 1845. 9. Sejember. 

** Jagebud) 1849. 14. Januar. 



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96 



1844 — 1850 . 



fcfjreibt: ,,idj erlabte mid) orbenttic^ an bem Eräfttgen «Spiel . 
2)aoib8." 

ßiirgenbwo aber macfjte fid) ber Eegenfafc gwifdjen bem fünft I 
lerifdjen Empfinben unb Urteil in allen tnufifalifdjen fragen, bei 
gwifdjen XreSben unb Seidig beftanb, fdjärfer unb empfinblid)er 
bemerfbar als in bem ®re3bener Streife, auf bcn fie, öon aufjjen ge> 
fcfjcu, an erfter Stelle gu »eitern Slnfnüpfungen attgewiefen Waren: 
in Glnraä ©aterhauS. ©ielmeljr entwidelte fid; fdjon fetjr halb gerabc 
and) in tnufifalifdjen Gingen gwifd)cn SBiedS unb bem Schumann« 
häufe eine getoiffe (fpäter auch öffentlicfj in bie Erfdjeinung tretenbe) 
Spannung, bie fich teilä au» ber 2emperatncntsüerfd)iebenl|eit 
gwifcf)cn Schumann unb SEBied, teils aber auch aus ben »er* i 
fdjiebciten Oefic^tStoinfeln erflärtc, unter bcnen ber gefc^äftSfunbige 
SKufifpäbagog unb ber gang in feinen fdjöpferifdjen fßfänen auf« 
gebettbe SD?eifter i^re Stufgaben erfaßten. Unb in festerer ©egietjung 
War Elara natürlidj mit ihrem fÜianne fo einig, bafe biefet ©egenfafj 
aud) non üornfjcrein bie Sßieberherfteßung eine« innerlichen ©erhält« 
niffeS gu ihrem cinftigen Seljrer aussfdjlofj. Ratten hoch in ber 
3»ifd|engeit, unb ttor oßem in ben 3al)ren ihrer Ehe mit Schumann, 
ihre Slnfchauungen über üunft unb Äünftlerfdjaft eine Erweiterung 
unb ©ertiefung erfahren, bie wohl nie bie 2>anfbarfeit unb bie 
Einficht in bie ©erbienfte, bie fid) iljr ©ater um fie erworben, au§« 
gulöfchett, aber ebenfowenig fie bariiber gu täufchen imftanbe waren, 
bajj nur nodj bie fßietät bie Äiinftlerin mit ihrem erften 
Sehrer »erbanb. ©ießeicht mochte auch SBütf iiicht unberührt oon 
bem ®reSbencr genius loci geblieben fein. Sharafteriftifch ift 
jebenfaßs, bafj fchon ber erfte ©erfuch gu gemeinfamer Shmftübung, 
in bem öon SBiecf Slttfang 1845 »ornehmlidj gut pflege oon Kammer« 
mufif in feinem $aufe eingerichteten „Strängdjen", ihr biefen grunb« 
faßlichen Eegenfafc fe^r ftarf gum ©ewufjtfeiu brachte. 2)ajj SBiecf ba 
eine gwar an unb für fich fehr begabte Schülerin mit einer burdjauä 
unfertigen Seiftung fjetöortreten lieg, fchien ihr unbegreiflich wib 



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1844 -1850. 



97 



p r „gang gegen feine frühem Stifteten, bie immer mären, nur bas 
öorgufiihren, maS (mochte es aud; nodj fo feiert fein) in feiner 2trt 
\at oollenbet ift." Unb biefe Xatfadje, bafs fie, uitb uielleicf;t and) er, 
jjr jefct mit anbern C^ren hörte unb mit anbern 9J?a§ftöbcn gu 
rjr; meffen fdjiett, muffte natürlich, je länger befto mehr, a udj bet beftem 
■j c SBiHen auf beibett ©eiten, eine gemiffe Sltmofphäre beS Unbehagens 
ix erjeugen. 

$or allem erfüllte fie mit einiger ©orge bie 3ufuuft iE)ter ©tief* 
c: fc^roefter SRarie, bie eben jefjt non ihrem Sater in bie öffentlichst 

eingeführt mürbe, unb bereit Stiftungen fie untoillfürlid; mit ifjren 
eigenen in bemfclben Sitter oergltd): ,,©ie tjat alles, mag ein 
*: Unterricht mie ber öom SSater auSrichten fatm", fdjreibt fie im 

gebruar 1845, „bodj eS feljlt iE>r ber Spiritus, mir fommt iljr 
; ©ptel immer mafchinenmähig uor, immer unluftig, unb bann fehlt 
eS ihr auch nod) fefjr an Äraft unb SluSbauer. 3dj h atte w°hl 
auch feine Suft als Äinb, fpielte idj aber tmr, ober gar öffentlich, 
fo fam hoch immer ein SlnimuS in mich; maS mir aber oorgiigtiche 
©orge machte, mar, baff eS ihr noch an tnechantjdjer ffertigfeit 
fehlt, unb bebenfen muh man, bah baS publicum feit ber 3eit, 
mo ich nlS ft'nb reifte, gang anbre 9lnfprüd)e an Seiftungen oon 
Anbern gu machen gelernt hat; maS jejjt Jtinber oft leiften, ift ja 
eminent, unb baS ift bei ÜJiarie nicht ber galt — fie fpielt gut, 
aber nicht ausgezeichnet. SerounberungSmürbig ift bie StuSbauer 
beS SiaterS, mit melcher er cS fomeit gebracht, unb barum münfdjte 
ich *h m f° feh r , bah er ootlen Sohn bafür fättbe, maS aber jejjt 
noch nicht möglich ift." ®a biefeS Urteil fich auch für bie uächfte 
3eit nicht änberte unb eher noch oerfdjärfte, Sßied aber entgegen* 
gefegter SKeinung mar unb blieb, fo mar baburd) fchon für allerlei 
^Reibungen unb tBerftimmungen mel)r als Ijinreidhenb geforgt, gurnal 
auch über bie ^Begabung unb bie Äongertreife anbrer Schülerinnen 
eS nicht an SReinungSöerfchiebenheiten auch ”t ber golge fehlte. 

S iljniann, Clara ©diumaim. II. 7 



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I 



98 1844—1850. 

2)abei ift cg begeidjnenb, bag Glara in ber Seele ipreg ®ater§ unter 
ber äJföglidjfcit öffentlicher Gnttäufdjungen unb Sfieberlagen grabegu 
litt. „SEBag ich biefen Slbenb auggeftanben", fcfjreiöt fie im 9?o J 
üentber 1846 bei bent $ebüt einer feiner Sieblinggfdjülerinnen, Sftinna 
Sdjulg, „lägt fich nicht fagen, beim mir tat ber Später in feiner Huf« 
regung nnb Sorge }o fehr leib — für ihn mar cg leine Äleinigfeit, 
unb ich glaube gemig, foldj eine Spannung hotte er nie ertragen." 

Unb ein anbermal nach ber Seftüre einer ungünftigen Siegenfion, v 
mo bie Sdjnlerin unb auch ih r ®ater „arg mitgenommen 
maren": „eg betrübte midj um IBaterg h Q ^er, meil ich roeig, mie 
»iel er auf gritunggartifcl gi^t. " „Unermartet", fefct fie Ijingu, 

„tarn eg mir übrigeng nicht, benn ber Sater hatte gu früh ben 
Leitungen Samt fdj lagen laffen, bie Grmartungen maren fehr ge* 
fteigert unb fonnten je|t noch uicht befriebigt merben. SSartete 
hoch ber SSater nod) einige 3ah re mit ihr unb fefctc ihr nicht 
jefct fchon groge Singe in bcn Stopf — eg ift für fie, mie für ihn, 
fdjtimm, benn jefct mirb er fich uodj immer in feinen Hoffnungen 
getäufcht fcfjen, mag mir fehr mehe tut, benn für feine Diele 2Jiüf)e 
oerbiente er ben Soljn, ben er fich öerfpridjt." SBietf aber mar für 
berartige fchonenbc ffiirforgc alleg eher alg empfänglidj, lieg fich 
oielmehr burch ben SBibcrfprucfj gu gerabegu grotcgfen, an ©rögen* 
rcagn grengenben Übertreibungen fortreigen, bie eine fadjlidje Sig* 
fuffion überhaupt augfdjloffen. So, alg er 1846, mit Sdjumanng 
gleichzeitig in SEBien , beren Ginlabung, feine Schülerin bei ihnen in 
einer mufifalifchen Soiree fingen gu laffen, um ihr baburch ®e» 
legengeit gu geben, oor einer ©efeQfdjaft aller mufifalifchen Slutoritäten 
SBieng iljr Können gu geigen, in ber fdjroffftcn [form ablehnte unb 
in grogem Son erflärte, „bag er in ber Söelt nur gm ei Slutoritäten 
fcitne, bie feien Sficolai (Otto, bamalg in SSien) nnb äßeperbeer. 
Grfterer habe fchon über fie entfchicben, festerer merbe eg noch 
tun." „So beleibigenb biefe Slntmort für SRobcrt mar", fügt Glara 
hingu, „fo bauerte mich ^ er ®oter, bag ich abermalg feheu mugte, 



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1844 - 1860 . 



99 



wie oerblenbet er ift • . . SDtich machte bag ©rftaunen über feine 
Antwort, ben fRobert aber bie Sßernunft ftumrn." 

Unter biefen Umftönben War eg fchtießlid) nur ein ©lücf ju 
nennen, baff allmählich, befonberg nad) ben ©rlebniffen ber Sßiener 
Steife, ber SSerfetjr jwifdjen ©djumannä unb bem Söiedfdjen fpaufe 
fid) auf einige in mehrmonatlichen Raufen ftattfinbenbe fteife 83c> 
fudje befcfjränfte, fo fchmerjlid) Slara barunter litt, unb fo fef)r fie 
ben Sßunftf) ^egte, burd) „Stugfpredjjen“ bie Spannung ju mitbern. 
®enn fie mufite felbft immer wieber bie ©rfaljruug machen, baff 
folclfe Slugfprachen, wenn fie einmal erfolgten, bie Sache nidjt »er» 
befferten, weil beibe Üeile eben in üerfdjiebenen SBelten lebten, 
unb infolgebeffen bie SBirfung nur fo lange oorljielt, alg big 
burd) irgenb eine Älatfdjerei guter greunbe üon angeblichen miß- 
fälligen Urteilen über bie Seiftungen ber Söicdfdjen (Schülerinnen 
bag ÜJtifjtrauen unb ber 3°m be$ Sitten fofort wieber aufloberte 
unb er bann feinerfeitg gu einer f>eftigfeit fidj fortreifjen ließ, 
gegen bie fie wefjtloS waten. 3ft eg hoch bejeicfjnenb, wag 
©lara am Schluß einer folgen, ihrer Meinung nach flärenben Slug* 
fprache im Slpril 1848 fd^rieb: „SSieleg fprachen wir gufammen, 
mancheg, worüber wir ung freilich nie oereinigen werben (ÜJtufi* 
falifdfeg betreff enb) ! " Unb ebenfo bejeiclfnenb, baß brei SRonate 
fpäter SBied oftenfibel feiner $odjter SJtarie unb feiner Schülerin 
SRinna Sd)ulj ben Söefud) ber Übungen oon Schumanng ©fjorgefang- 
oerein unterfagte.* 

Stuch mit ben übrigen ffreunben unb Sefannten aug früherer 
$eit wollte fich oug ähnlichen ©rünben fein recht inniger unb 
befriebigenber SSerfetjr bilben. Söeber mit ßlarag alter greunbin 



* $te »eitern ißljafen biefeS SntfrembungSprojeffeS , ber fid) in ben fo!» 
genben 3at)ten beä SreSbener Huf enthalt« leibet nod) erheblid) öerfd)ärfte, hier 
)u oerfolgen unb ju protofodieren, erfdjeint müjjig. 9?ut bie Xatfadje an fid; 
burfte nid)t totgefd)»iegcn »erben, benn fte bilbet bie notoenbige ©rgänjung 
ju bem ©harafterbilbe griebrid) SSiedS unb feiner Xodßer. 

7 * 



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100 



1844 - 1850 . 



Sophie Äaffel, jefciger ©riifitt Saubijfin, trofcbem fie ja ntufifalifche 
Sntereffen miteinanber gemein Ratten, noch mit bem Serrejdjen 
© [jepaar auf Sföajren, bie wie immer hilfsbereit unb freunblidj 
blieben, aber boefj, itt eigene, oft fdjnittenljafte ^läne eingefponnen, 
für baS, was ein Äünftlcrpaar wie biefe beiben ihnen hätten ins 
§auS bringen lönnen, feinen rechten Slicf meljr hatten. Gbcnfo» 
wenig wie iljr ^auSfreunb, ber ebenfalls feit ©laraS Äinbertagen 
wohlbefannte Sracgen, „ein guter JR'erl", beffen Sefudj aber auch 
„für brei SKonate reichte." 9Jiit Seifer, bem getreuen ffreunbe 

unb Reifer in ber Kot, warb freilich ein freunbnadjbarlicher Ser» 
lehr immer unterhalten, ber namentlich fpäter burdj baS Sn» 
tereffe für feine talentoollen fiinber neue Kaljrung erhielt, aber 
auch mit »h m roar ein SerftänbniS in mufifalifchen Gingen, wie 
fich fchott in fieipjig gezeigt hatte , je länger befto mehr, 
fdjwierig. @r fonute nidjt mehr Schritt halten mit feinen 

jüngern greunben. 

Stber wäljrenb fo bie SerufSgenoffen unb bie alten Sefannten 
fo gut wie ganj oerfagten unb {ebenfalls fich unfähig erwiefen, ihnen 
in TreSben, üon ben Keinen ber immer wieber beWunberten Sanb» 
fchaft abgefeljcn, ein ©efiiljl oon ^eimat unb Sehagen ju erweefen, 
würben fie {ebenfalls in einer §inficht bafiir hoch reichlich ent» 
fchäbigt burdj neue Schiebungen, bie fie halb mit ben Greifen ber 
in TreSben regierenben Äunft fniipftcn, unb bie, mit ben Saljren 
immer fefter werbenb, ju greunbfdjaften erftarften unb, fpätere 
Trennungen überbauernb, ihnen bis ans SebenSenbe ein ungetriibter 
Duell reicher greube werben follten. 

3lnt 24. Dftober 1847 fcfjreibt ©lara im Tagebuch: „SbcttbS 
bei SenbemannS, wo ein Meiner aber angenehmer $reis 
beifammen war. Sch fpxelte ©inigeS. Scnbemann intcreffiert fich 
befonberS fefjr für KobertS Äompofitionen unb gibt fich *»iel SJiüfje, 
fie ganj ju öerfteljen, was mich immer [ehr freut; auch §übner 
ift ein aufmerffamer 3 u börer. So finb hier bie funftfinnigften 



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1844—1850. 



101 



Seute bicfe SRidjtmufifer, bie mir aber lieber fiitb als äße bie 
SrcSbencr ÜJiufifer gufammen." 

„Senbetnann muß man lieb gewinnen", §atte fte fdjon im 
3anuar 1845 nadj bem erften ©efudj getrieben, „burdj fein be« 
fdjeibeneS nnb babei fo fünftlerifdjeS SBefen, babei bat er etwas fo 
gemüttidjeS unb ©ertraucn einflößenbcS, baß man ju Wahrer ©er« 
etjrung für ifjn, ebenfo als SOienfdj wie als Äünftler, ßingeriffen 
wirb." 

Selten fjat ein unter bem erften Sinbrucf gefaßtes Urteil fo ben 
9?agel auf ben Äopf getroffen, ein Urteil, baS burcf) eine ntefjr als 
oierjigjäbrige greuttbfdjaft eine glänjenbe ©eftätigung finben foßte. 

©buarb ©enbemann, ein Saßt jünger als Scfjumann, bamals 
in frifdjefter, jugenblidjer SQtanneSlraft, als fdEjaffenber S'ünftler 
IjödjfteS Ülnfefjen genießenb, eine feltenc ©ereinigung »on feinfter 
©eifteS* unb JjperjenSbilbung, empfänglich für ftinftlerifdje Sntereffen 
auf aßen ©ebieten, in feiner jwanglofen öorneljntett SiebenS* 
wiirbigfeit entfliehen etwas an SJienbelSfotjn erinnerub, aber 
fchlichter, innerlicher als bicfer; unb neben il)tn feine $rau, bie 
Holter SdjabowS, für jeben, ber fie gelaunt fjat, unüergeßlidj, 
ber $ppuS einer für bie fjödjften geiftigen 3ntereffen empfänglichen 
unb oerftänbniSooflen, ibealen SebenSgenoffin eines SünftlerS, auS 
flaren guten Äugen emft in bie SEBelt fdjauenb, finb in ber lat in 
biefen Safjren im ©erein mit 3uliuS §übner unb feiner Jrau, 
ber Sdjwefter ©enbemannS, als anregenbe unb jeber Anregung 
ifjrerfeits zugängliche ©efäfjrten unb greunbe für baS Sdjumannfdje 
©aar ber Sicfjtpunft in bem fonft an freunblidjen Sinbrücten nicht eben 
reifen $unft> unb ©efeßfdjaftsfeben SDreSbenS gewefen, wooon ßlaraS 
Tagebuch faft auf jeber Seite ßeugniS ablegt. Sfjnett gcfeßte fidj 
als Sammelpunft behaglicher unb gefdjmacföoßer ©efcßigleit baS 
§auS beS föniglidjen SeibarjteS ©uftao SaruS. Unb wie fie ben gteun* 
ben in ihrer Sßufif unb in ber 2J?öglidjfeit, an bem innerften Äunft* 
leben zweier in ihrer 21 rt fo bebeutenben unb eigenartigen Naturen, 



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102 



1844 — 1800 . 



wie Sfara unb Sobert, teilauneßmen, eine große Sereicßerung ißreS 
3)afeinS brachten, fo war eS natürlich, baß aueß fie wieber üoit bort 
oiclfacß Anregungen empfingen unb int AuStaufcß ber Meinungen 
neue unb weitere AuSblitfe in ba§ ©ebiet ber bilbenben Shinfte, 
güßlung mit ben bort fieß regenben Seftrebungen unb Kräften unb 
baburcß aueß wieber perfönlicße fffüßlung mit anbern Äiinftlern, 
wie SRietfcßel, fReinief unb Subwig Sicßter, gewannen; teuere naßm 
freiließ nie fo intimen Sßarafter an, wie bie $u SenbentannS unb 
§übnerS, was fieß woßl barauS erflärt , baß fowoßl Üieinict wie 
SRicßter, äßnlicß unb meßr noeß wie ©tßumann felbft, fieß bent 
eigentlicßcn ©efellfcßaftSlebcn fern ßietten; aber fie trugen bodj aueß 
baS ißre baju bei, fie über ißren engften SunftintereffenfreiS 
ßinauSjulorfen. SRamentließ bot ber Serfeßr mit Senbemann in 
biefer Se$ießung für ben t>on jeßer ja auf eine uniüerfalifcße Sil« 
bung ßinftrebenben Robert großen ©ettuß. 

„AbenbS", notiert er fieß 3 . S. im grüßling 1846, „jiemlicß 
langer Sefucß oon Senbemann. SBir fpraeßen oieleS über ÜRalerei, 
unb icß ßörte wie immer mit Sßrerbietung ju. 3 cß frug, ob er glaube, 
baß ben Sapßaelfcßen SRabonnen oietlcicßt Originale jum ©runbe 
lägen, ob barüber etwas $iftorif<ßeS feßott befannt fei, ufw. Senbemann 
nemeinte bieS burcßauS, ficßerlicß Wären eS 3beale feiner ©ßantafie, 
wie benn feine URabonnen feßr leießt $u erfennen wären; nur oon 
ber 9Rabonna bella ©ebia fage man, baß fie naeß bem Sieben ge* 
malt fei, ebenfo oon feiner ©eliebtett, Jornarina, biefe fei aber 
aueß nießt eigentlicß feßön. — 35er ibeale $ug geßt bureß bie ganje 
italienifcße ©tßule. — Sou A. ®ürer fprießt ffienbemann immer 
mit großer Segeifterung; icß lernte bureß feine ©efäDigfeit bie 
„47 fianbjeicßnungen" oon ißm (ju einem geiftlicßen Sneße) 
lernten . . . . eS finb originelle, jum Xeil tieffinnige ©aeßett, oft 
audß wunberließe. 2 Ran fießt, ber ©ebanfe ber Stluftration ift ein 
feßr alter." 

Sin paar SBocßen fpäter. ,.3cß frug Senbemann, ob eS SDZaler 



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1844 - 1850 . 



103 



gäbe, bie aus bcr 5ßl)antafie gut ju treffen »erftänben? ©ewig 
meinte er, aber baS 9Zaioe febjlt allemal bei einem folgen ©ilbe." 

9Ran fpürt beutlid), wie gern fid) ber eine äJteifter bei bem 
anbern SReifter in bie Sctjre gibt, woju, abgefehen üon bem per* 
fönlid) tnenjd)lid)eu Sertrauen unb greunbfd)aftSgefitl)l, wohl aud) 
baS ©ro^ügige in ©cnbemanitS eigener Äunftübung beitrug, für 
baS Schumann, je älter er würbe, unb je mehr fein eigenes 
©djaffen ifjn auf biefe ©ahnen wies, aud) bei ©eurteilung non 
®id)tungen unb 5?unftwer!en eilte entfe^iebene ©orliebe befunbete. 
Shorafteriftifdj ift 5 . ©., bafj ihm je|t ©eibel nur nod) als ein ®id)ter 
für ben ®oilettentifdj ber ®amen erfefjeint, wäljrenb er mit e|r« 
fürdjtiger ©d)eu 31 t §ebbel aufblidt. Auszahlungen folget ©e* 
fpräd)e über Äunft unb Jtiinftler aber glaubt man in ber golge aud) 
in gelegentlichen Urteilen Claras über ©emälbe ju f)örcn, fie hat 
eben bei ben SRalern fel)en gelernt. 

AuS ben le|ten 3af)ren it)reä ®reSbener Aufenthalts finb noch 
bie freunblich*gefelligen Schiebungen jum 0 . b. fßforbtenfdjen fpaufe 
unb bem feines 2Rinifter!otlegen Dberlänber ju erwähnen, ohne 
ba§ biefe aber fich gu bcr Intimität beS ©enbemann«£>übnerfdjen 
©erlehrS cntwidelt hätten. Aud) ju Sbuarb ®et>rient fanben fid) erft 
im le|teit Sahre (feit 1849) perföttlid)e ©ejiehungen, bie teils burd) 
gemeinfame mufifalifd^e Sntereffen unb ©tpnpathien (Abfcheu oor 
3Reperbeer), teils literarifche öerührungen gefnüpft unb erhalten 
würben; h' cr harten fie 3 . ©. juerft üon „einem jungen genialen 
®id)ter Otto Subwig", auf ben Clara gleich „gewaltig fpefulierte" 
wegen eines DpcrnteEteS! 3m übrigen blieben fie aber ben ®reSbcner 
©chriftfteüerfreifen eigentlich ebenfo fremb wie ben autod)tt)onen 
SOZufifern. 9?ur fflertl)olb Auerbach machte in ben le|ten 3ahren eine 
Ausnahme, aber auch b' er befdjränfte fid) ber 9Serfet>r auf gelegcntlidje 
©efuche unb ©inlabungen. @t hotte ihnen gleich beim erften Sehen 
1846 mit feinen „heitern lebenbigen Augen", bie auf ein „glücf* 
licheS ©emüt" fdjliejjen liegen, einen fpmpathifd)en Sinbrucf gemacht, 



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104 



1844 — 1860 . 



ber bann allerbingS burdj eine wenige Monate barauf erfolgenbe 
Sorlefung feiner „grau ^ßrofefforin" trofs „Seift unb ©ernüt", bie 
©lara and; hierin fanb, etwas abgefdjwädjt würbe, benn fie bauerte 
4 Stunben, unb ©lara ging oorm Schluß weg, wäßrenb Siobert 
in SSoratjnung ber Strapagen ißr überhaupt ferngeblieben war. 

$iefe SBorlefung fanb ftatt im ^aufe gerbinanb §iHerS, ber, 
wenn bisher non bcn $rcSbener SDtufifern als einer für ©djumannS 
eigentlich nicht ejifticrenben ober jebenfatts in ihrem perfonticfjen 
geben feine Siolle fpielenbeit 2Hcnfdjcnf taffe bie Siebe war, in biefe 
Kategorie nicht fo ohne Weiteres mit hmetngegogen werben barf, 
(Wie er ja auch ni<ht 3 U ^ cn ©ingebornen gehörte), ber oielmeljr 
im bamatigen öffeittlidjen SJlufifleben ®reSbcnS (mit alleiniger 
SluSnahme Sofjamt ©chneiberS, unb biefer auch nur in feiner 
©igenfdjaft als Drgelfpieler,) bie einzige ^erfönlidjfeit war, mit ber 
baS ©djumannfche ©fjepaar roirfliche güljlung gu ha&en oermochte. 
„2Der ©ingigc hier, mit bem man ein orbentlicheS SBort über Sftufif 
fpredjen tonnte", heifjt eS bei feinem Scheiben im Dftober 1847. 
©cwiß ftanb |>itler ihnen näher als bie anbern, näher wegen feines 
mufifalifchett 33ilbungSgangS, feiner mufifalifchen Sbeale, näher auch 
wegen üielfadjer gemeinfamer perfönlidjer fflegiehungen unb greunb« 
fchaften. Slber eS warb fchon angebeutet, baß fie gerabe an Rillet 
jenen erftarrenben ©iitfluß ber ®reSbener mufifalifchen Sltmofpljärc 
gu fpüren oermeinten, ber ihnen fo bebenflich unb beflagenSwert er« 
fchicn. ©ine gewiffe Oberflächlichfeit in ber tedjnifdjen Ausübung 
feiner ft'unft als Spieler wie als Dirigent, einen gewiffen SJJangel an 
©hrfurcht oor bem ©roßen, an jener ftrengen Sachlichfeit in aUem, 
was mit ber Äunft gufammenhing, bie fie an 3J?enbel§fof)n bewunberten 
unb bie für fie felbft oberfteS ©efefc war, alles baS entpfanben fie 
boch, gerabe je mehr fie oon ihm fBeffereS gewohnt waren unb ihm 
öeffereS guttauten, in ihrem SßerhältniS gu ihm als ein ipinbemiS, 
als eine Sdjranfe, bie allerbingS im äußern ffierfeljr wohl nie gu« 
tage getreten ift. 



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1844 -18öO. 



105 



SDergteidjen ^erbe unb natürlich auch nie ganj auSjugleit^cnbe 
2)iffonanjen, bie fidj au§ bem SBefettöiutterfcfjicb ber beiberfeitigen 
SF)ara!tere unb ber baburct) bebingten ©ebanten« unb SBiHenSricfjtung 
ergaben, Derhinbcrten fie aber bodj nidjt bie guten unb tiebenSwürbigen 
©genfdjaften Ritters, bie namentlich aud; im perföntidljen greunb« 
fcßaftSDertehr in guten unb böfen Jagen »of)ttuenb empfunden 
würben, an^ucrfennen; unb auch bagegen waren fie nidjt blinb, 
wie bodj filier ficf) bemühte, bem $opf äunx £rog in ba§ 
3Hufi!treiben JreSbenS neue« fieben hinein jubringeu, woju er mit 
feiner tiebenSwürbigen, wettmännifchcn ?trt ja junädjft weit elfer 
berufen erfc^ien als fie beibe. 

„ ÜÄan will fjier StbonnementStongerte einrichten", fcfireibt Schumann 
an SDtenbetSfohn am 24. ©ept. 1845*, ,,bod) jweifte icfj, ob fie 
juftanbc fornmen. ÜJiit ber Stapelte ift nichts anjufangen unb otjne 
fie auch nichts. ®er $opf hängt ihnen hier noch gewaltig, ©o witl 
bie Kapelle in (Sjtrafon^erten nie öeetf)ot>cnfd)e ©pmptjonien fpieten, 
weit baS ihrem Sßatmfonntagfonjert unb fßenfionSfonb fcfjaben 
föttnte." 

SBenn biefe SlbonnementSfonserte nadj Überwinbung fcljr Dieter 
©cfjtüierigf eiten, bie fidj gum Jeit auS ben fßerföntidjfeiten beS 
Dorbereitenben Komitees ergaben, fd>tie9tid) juftanbe famen unb 
bamit tatjädjticf) ein etwas frifcbcrer 3ug in baS SWufitteben JreSbetiS 
hineinfam, fo fjat baran Ritter, Dor attem in feiner ffiigenfdjaft als 
Dirigent, ein cntfdjiebeneS SSerbienft, baS trog einiger gerabe baburcf) 
jWifcgen if)tn unb ©cf)umannS tjeroorgerufcner Jifferenjen Don ihnen 
mit großer ©utfcßiebengcit anerfannt würbe. Unb wenn mit Ritters 
SBcggang aud) biefe Sonjerte ifjr ©nbe erreidjten, fo war baS wogt 
nicht bloß ein rein äußerliches 3ufammentreffen, obgleich auch unter 
feiner ßeitung ber Sefuch, nach DietDerfprechenben Stuf äugen, fetjr 
fdjnetl nachgetaffen gatte unb Don Sagt ju 3aßr juriitfgegangen 



* 83 riefe 9t. fr 2. «tufl. 9ir. 279. S. 2öO. 



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106 



1844—1850. 



war. SebcnSfäfjig fdjien eben neben ber Dper unb ben 3Ibonne* 
mentsfonjerten ber fgf. Sapetle im Xfjeater fein größeres ftänbigeS 
Unternehmen in bem bamatigen TreSben gu fein. Unb in ber fönig« 
lidjenSapelle wieber Dermifjten Diele gerabe baS, was bie Stbonnements« 
fongerte beS SomiteeS bieten m o fiten unb bis gu einem gewiffen ©raöe 
aud) wäfjrcnb ber $eit ifjreS S8eftef)enS geboten Ratten: ben lebenbigen 
ißulsfcfjlag ber beften unb neueften Begebungen ber ^eitgenöf fifd;en 
ÜRufif. 

ÜlitgefidjtS ber burdjauS abfpredjenben Urteile über bie im 
ÜWufifleben TreSbenS Stritte ber Dicrgiger 3af)re beS öorigen 
3a^unbertS tonangebenben unb fii^renben ÜJJänner, über biefe 
3opfträger, beiten ein tüchtiger 3°Pf ba8 2Jierfmal ber Slaffigität 
war, — Urteile, wie fie immer wieber in ben @djumann)d)en Brie= 
fen unb Tagebüchern aus biefer 3 eit wieberfehren, — Wirb Diel* 
leid)t matidjem, ber fich barauf befinnt, bajj gu berfelben 3 eit 
neben bem UrtppuS beS TreSbeiter mufifalifdjen 3°Pfe3, SReifjigcr, 
nodj ein anbrer ben Tirigentenftab in ber fönig fidjen Sapclfe 
fdjwaitg, auf ben biefe CS^rcntitet fidler nicht gutreffen, bie $rage 
unb ber 9?ame auf bie Sippen treten: unb 9ficharb SBagner? 

ÜJfufjten fie fich nicht eigentlich hier itn Kampfe gegen ben gemein« 
famen Jeittb, ben 3°Pf « gufammenfinben? ober waren etwa ihre 
pofitioen mufifafifchen Sbeafe boch gu öerfchiebert, um auch nur eine 
Dorübergeljenbe 2Baffenbrübcrfd;aft gngulaffett? Dber hanbefte eS 
fich 9 ar fdfott um eine offene ©egnerfdjaft oon fo ausgeprägter 
$orm, bafj fie auch gefeltige Berührungen auf neutralem ©ebiet 
unmöglich machte? 

Seine biefer fragen fann unbebingt bejaht, ebenfowenig aber 
aud) unbebingt Derneint werben. 

Slber baS ift wohl fidjer: wenn fie beibe in biefer 3eit, obwohl 
fie fich ifjeeS perfönlidjen ©egenfafceS gegen bie anbern wohl bewujjt 
waren unb alfo eines gewiffen ©efiihleS ber Solibarität in ihrer 
SluSnahmeftellung nicht entbehrten, boch nicht ben ©runbfafj beS ge« 



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1844 — 1850. 



107 



trennt SRarfdjierenS unb oereint ©djtagenS gegenüber bent gemein« 
fomen ©egner befolgten, fo ift baS — {ebenfalls fotneit ©djutnnnn 
in fjragc tommt, — weniger aus grunbfäfcticßen äReinungS* 
oerfcßiebentjeiten in fünftterifdjen Gingen atS ans einer perfönlidjen 
Slntipatfjic ju erftären. 

Den SRann oon ©eift unb t>on 3been, ben er aus feinen ©e» 
fprädfen unb ©djriften, oon poetifdjer Straft, ben er aus feinen tieften 
fennen ju lernen ©elegenfjeit fjatte, erfannte Schumann in SBagner 
burcßauS an unb bewunberte ißn bis ju einem gewiffen ©rabe; bem 
SRufifer aber, bem Äomponiften wie bem Dirigenten, erfannte er nur 
bebingungSweife eine gewiffe, aber in feinen Stugen auf Stbwege 
füßrenbe Originalität ju unb rechnete ißtt baßer aud; nidjt im 
ftrengften ©inne für ooH; ber SRenftß jebod; in feinem ganjen Stuf* 
treten war ißnt oon jetjer unftjmpatßifcß, unb baßer ging er ifjm 
feßtießtieß boeß lieber auS bem SBege. 

„SRontag, ben 17. SRärj", ßeißt e§ in ©cßumamtS Slufäeicßnungen 
aus bem 3aßte 1846*, „im großen ©arten jufättige Begegnung mit 
3t. SSagner. @r befißt eine enorme ©nabe, ftedt Dotier fieß er« 
brüefenber ©ebanfen; man fann ißm nießt lange jußören. Die 9. 
©pmpßonie non Seetßoöen, bie am ^atmfonntag gegeben wirb, 
wollte er bureß eine Slrt Programm mit ©teilen ans ©oetßeS gauft 
bem ißublifunt näßer ju bringen fließen. 3d; tonnte ißm beSßalb 
nießt bestimmen." 

Da$u oergteieße man bie Äußerung in bem ^Briefe an Stieß oom 
2. Sanuar 1849**, in bem er für Äußerungen 9tieß’ über bie ©enooefa 
banft: „3dj weiß nidjts ©cßiinereS als folcßen 3beeuauStaufdj. $ier 
fann man nießts bergteießen ßaben. SBfagnerj ift ein poetifeßer unb 



* ©ie finb entfallen in einem (feinen §eftd)en, bas Äufjeidjnungen aus ben 
gaßren 1846, 1847 unb 1850 enthält, in baS ©d)umann u. a. auch bie fcf)on 
früher erwähnten ©emerfungra über SRenbetSfofjn unb ©enbemann eingeiragen f;at. 
** ©riefe 9t. fr 2. Stuft. 9tr. 336. ©. 298. 



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108 



1844-1860. 



Überbein gefreuter Slopf ; aber über bag eigentlich ffliufifalifdje fudjt 
er in feinem Urteil hinwegjulommen." 

Seine Seiftungen alg Dirigent begegnen gelegentlich lebhaftem 
SBiberfprudj ; »on einer Slufführung beg fjfibelio im Huguft 1848 heißt 
eä, er habe bie lempi »öllig »ergriffen, unb »on ber Slufführung ber 
9. ©pmphonie am 1. §lpril 1849 lautet nach bau ßugeftänbnis „teil* 
weife fdhön aufgeführt" bag (Suburteil mit einem feljr entliehenen 
^Iber: „nur bie XempiS »on SBagner meift »ergriffen unb feljr oft 
ber Gfjarafter, ber boch burchgängig ben Stempel ber höchfteit grau* 
biofeften Seibenfdjaft unb liefe an fiel) trägt, burd) trioiale SRitar- 
banbog »erlleinert. SBie ift eg möglich, bah ein Drdjefter ein 
»oWommeneg ©aitje geben fann, wenn ber Dirigent felbft bie 
SBerfe noch nicht einmal begriffen!"* — 

^reilidj ift bamit nicht gefagt , baß bieg Urteil Slarag fich 
in allem mit beni ißreg Dlanneg bedte. ®eitn über SRicßarb 
SBagner waren fie nun einmal »erfdjiebencr SReinung. SBäßrenb 
Schumann bcfanntlidj ben Sannljäufer mit großer SBärme aner* 
lannte, — „Sannhäufer »on SBagner" wünfdjt ich, baß Sie fähen“, 
heißt eg in bem Sriefe an 23orn »om 7. Samtar 1846**. „Sr enthält 
Siefeg, Originelles , überhaupt 100 mal S eff er eg alg feine frühem 
Opern — freilich auch mandjeg mufifalifdj*Xri»iale. Sn Summa, 



* fibrigeng Wirb getegentlirf) bod; aud) ber Dirigent getoürbigt; fo ^etgt c3 
am 16. April 1848 nach einer unter SReijjiger in ben Ücmpig »oBfomnten oer» 
griffenen Aufführung beg Sliag : „S)ie 8. Symphonie non SBeetljoBcn würbe unter 
SBagner fehr gut auggeführt unb wirttc allgemein erftijdjenb." 

** ® riefe 92. 0f. 2. Aufl. 92r. 285. SÜefer SSrief — wag fehr charalterif!if<h 
ift — ift, nadjbem et bie Oper gehört, gefchriebcn, währenb ber an 
SRenbelgfohn am 22. Ctt. 1845 (8 riefe 92. %■ 2. Auf!. 92r. 281. 6. 251) mit 
bem Urtcit „er fann wahrhaftig nicht oier Safte fchöit, faum gut hintereinanber 
wegjehreiben unb benfen .... Sie SRufif ift um fein §aar Beffer afg 92ienji, 
eher matter, forcierter", nur nach ber $artitur urteilt. 92acf) bet Aufführung 
fchreibt er am 12. Sej. 1845 an 9J2cnbelgfoljn : „ich muß manch eg jurüdnehmen, 
wag ich ihnen nach bem Sefcn ber ißartitur barüber fdjrieb; »on ber Sühne 
ftettt ft dj aOeg ganj anberg bar. geh bin »on Sietem gang ergriffen gewefen". 



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1844-1850. 



109 



ir 



er fann ber Süfjne Bort großer Sebeutung werben, unb wie ich ißn 
fenne, ßot er ben 2Rut boju." „TaS Tedjnifcße, bie Snftrumentierung 
fiitbe id> ausgezeichnet, ohne SBcrgleicß meisterhafter gegen früher" — 
Schreibt ©lara im SRooember 1845: „9lm 22. waren wir enbtich auch 
im Sannhäufer; iRobert war lebhaft intereffiert für biefe Dper, er 
finbet fie einen großen gortfcßritt gegen ben SRienzi, in $inficßt ber 
Snftrumentation fowie mufifalifch- 3cß famt mich mit 9iobert nicht 
einigen, für mich ift biefe 9Rufif gar feine — ein großes bramatifcheS 
Seben Spreche ich jebocß SSagner feineSWegS ab. Sltn beften ich 
Schweige über äBagner, benn ich fann einmal nicht gegen meine 
Überzeugung fprecßen unb fühle hoch für biefen Somponiftcn burdh* 
auS fein fjünfcßen Sßmpatßie."* 

Taß im Slnfang troßbem auch gefetlige ^Beziehungen zwifcfjen 
Schumann unb SSagner beftanben h a ben, geht u. a. auS einem 
SBriefe an SRenbelSfoßn auS bcnt SRoöember 1845* # ßeroor, wo 
SSagner als Teilnehmer an regelmäßigen wöchentlichen gufanunen* 
fünften mit Senbemann, $übner, filier, JReintcf unb IRietfcßel genannt 
unb berichtet wirb, baß er fie bort mit feinem neuen Dperntejt, bem 
Soßengrin, überrafdßt £)abe. gür Schumann war baS übrigens eine 
hoppelte Überreichung, ba ber Stoff fieß mit einem ißn feit nteßr als 
SoßreSfrift befcßäftigenben Stoffe aitS bem SlrtuSfreifc naße berührte: 
SBießeicßt erflärt fieß barauS aueß bie 3urücfßaltung beS eigenen 
Urteils: „Ten meiften gefiel ber Tejt auSneßmenb, namentlich ben 
SRalern." Slara aber muß boeß, als 3 3aßre fpätcr (am 22. Sept. 1848 
bei einer geftauffüßrung gelegentlich beS 300 jährigen Jubiläums 
ber föniglicßen Sapetle) SSagner mit bem finale aus feinem Soßen« 
grin „faft burcßfiel", Wäßrenb eine Dutiertürc SReißigerS entßu« 
fiaftifeßen 93eifaU erntete, bieS mit einem „leiber" fonftatieren, wenn 

* 3)aß in ipätern 3fa^ren fitf) ©djumann« Urteil über SSagner al$ Slufifrr 
«lieber mepr bem ElaraS näherte, beweift übrigen« ber ©rief an E. o. ©rupf 
am 8. 3Rai 1853. »riefe 5». 5- 2. Wufl. 9tr. 433. <5. 372. 

** ©riefe 9t. ft. 2. 9tufl. 9Jr. 284. ©. 255. 



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110 



1844—1850. 



fie ciucf) betont: „®S war ein Unfinn »on if)m, ein ©tücf auS einer 
Oper, bie niemanb nodj fennt, herauSjureißen unb fo eerein^elt E)in- 
juftellen.“ 

©o blieb e« alfo bei gelegentlichen Begegnungen, bei monten* 
tonen unb auch, jebenfallS foroeit Schumann in Betracht fant, nicht 
unfreunblichen Anregungen, aber ein lebenbiger Äontalt warb nicht 
erjielt, wohl auch öon Inner ©eite ernftlict» gcwünfd)t. 

dagegen hat ein anbrer, ber nachmal« ein ^auptbannerträger 
SöagnerS warb, als ein SBerbcnber in jenen Saßren im ©djuntann« 
häufe, wenn auch nur befudjäweife, freunbliche Aufnahme unb 3fntereffe 
für feine Beftrcbungen gefunben. ,, SOiefer Sage", heißt eS im Oltober 
1848, „befuchte mich auch bet junge &err ». Bülow — unb fpielte 
mir SDZenbelSfoljnS D= SJZolI Bariationen oor; er hat bebeutenbe 
gortfdjritte gemacht unb fpielte ganj »ortreff lieh, ntuftfalifch, nur 
fdjien mir fein Anfcfjtag juweilen etwa« h art nnb fehlt feinem 
©piele noch ber poetifdje fjautf)." unb einige Sage fpäter : „Iperr 
». Bülow befugte uns heute wieber unb fpielte uns ein Notturno 
»on Shopin fet)r hübfeh unb bie C« 2J?olI Sonate »on BeethooSR- 
Se^tereS aber noch nicht mit bem rechten BerftänbniS, nicht breit *- 
unb granbioS genug, wie ihm benn überhaupt baS 2eben, ber ©eift 
fehlt. StwaS, benfe ich, wirb fich baS noch finben, wenn et erft jum 
ÜDZanne heranreift." 

3n einem Briefe Schumann« an SDZenbelSfohn »om 22. Oft. 1845*, 
in bem er ihm baS guftanbelommen ber AbonnementSfonjerte unb 
baS grenjenlofe Srftaunen ber föniglicljen ÄapeHe barüber mitteilt, 
fchreibt er triumphierenb im £>inblicf auf bie bisherigen SreSbener 
mufilalifctjen ßuftänbe, zugleich aber auch mit einem feljnfüchtigen 
Büdblicf auf bie DZadjbarftabt : „alle 3ahre eine ©hmphonie »on 
Beethooen unb baju Beratungen ber Stapelte ad libitum — baS 



* Briefe 9t. ft, 2. 9fufl. 9lr. 281. ©. 252. 



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1844—1850. 



111 



ge£)t nicf|t ntefjr. ©erben un§ biefieipjiger manchmal unterftüfcen? 
©ir bauen fetjr barauf, wir hoffen eS fef)r. u 

Sit ber Xat war man, nidjt nur für ben Slnfang fonbern aucf) 
in ber golge, fo fefjr auf biefe Unterftü^ung ton auswärts ange» 
wiefen, baß bieS wof)t mit einer ber Srünbe gewefen ift, baß biefe 
Äonjerte nicfjt fo recf)t in ItrcSben wurjelfeft werben lonntcn. 
ÄnberfeitS boten ja audfj wieber biefe SRequifitionen frember 
Kräfte ben ÜJiitwirfenben wie bent fßublüum manche erwünfcfjte (Se* 
legenf)eit, neue SKufif unb neue SRufifer fennen ju fernen. 

@o braute gleicf) baä erfte Sondert be» SafjreS 1845, aOerbingS nidjt 
programmmäßig, fonbern infolge einer (Srfranfung ©laraS, bie fie im 
festen Sfugenbfitf jur 9lbfage ^wang, ben 2)re8benem bie ©efanntfcfjaft 
einer fdjleunigft ooit Seipjig requirierten ©rfafcfraft, bie man ficf> 
gern gefallen lieg. „2lm 9. 9?otember", fegreibt Glara, reifte ber 
®ater nad) £eip$ig, um ftatt meiner ben Keinen Soadjim* 311 m 
Dienstag $u fjolen, ba icfj baS Spiel abfagen mußte", unb am 11. 
„3)er Heine Soacßim gefiel fegr. Soadjim fpicftc ein neues Sßiolin» 
fonjert 001 t ÜRenbelSfoljn, ba§ wunberoott fein foK." @8 fpricgt ficg 
in biefer JRequifition beS „Meinen Soadjim" für ein J?onjert, baS burd) 
fein Programm unb feine SfuSfiifjrung einen neuen Ion anfcgfagen, 
Spotte machen foHte, ficger ein fegr großes SBertrauen aller 93e» 
teifigten au 8 , baS ficg ja aucf) auf tatfädjlicge ®eweife ber JRiinftfer« 
fcgaft im »ergangenen Satire ftiigte. @8 ift aber oieöeicgt nicgt 
) unintereffant ju erfahren, baß nodj einige Satire fpäter Clara 

* Slugenblicfe gatte. Wo fie ernftlicg baran jweifelte, ob biefer mittler» 

j weile gu bem efjrwiirbigen Ulter ton 19 Sauren gerangereifte Seiger 
toirflicg eine große 3 u fr in fi gäbe ; unb jwar war eS gerabe baS 
2JienbelSfoljnfd)e SSiolinlonjert, waS biefen ßweifel in ifjr wadjrief. 
* 1 „©ir mufijierten", fcgreibt fie am 1. Suni 1850, „abenbS bei uns 
4 \ 

\ 

* ©gl. oud) baju bie ©riefe ©cfjumcmnS an SKenbcläfoijn Dom 9. 9fob. 

* 1845. ©riefe K. 3- 9Jr. 282. ©. 253. 



1 



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112 



1844 — 1860 . 



mit Soacfjim; icfj fpiette mit itjnt eine 53ad)fd)e Sonate, bann fpiette 
er 2J?enbetSfot)nS ft'onjert; jo entjiidt aber alle oon ihm finb, jo 
miß er mtS boch gar nicht erwärmen! ©ein «Spiet ijt ooßenbet, 
afleS jd^ön, baS jeinjtc ißianifjinto, bie tjödjfte öraoour, oüßige 
SBefyerrjdjung beS 3nftrumenteS, bod) baS, waS einen pacft, wo eS 
einem !alt unb heiß wirb, baS fet}tt — eS ijt Weber ©emüt noch 
geuer in ißm, unb baS ijt fchtimm, beim ifjm fteht feine jc^öne 
fünftterijdje ^ufunft bcoor, technifdj ijt er ooßfomtnen jertig, baS 
attbre, wer weiß, ob baS ttocfj fomntt?! — (Sr ijt übrigens ein 
lieber, befdjeibener SRenjch, unb eben beShatb tut mir’S hoppelt 
leib, baß ich oon itjm ats ftiinftter nidjt mehr entjüdt jein fann." 

SJiatt traut jeinen ütugen nicht. ‘Dies Urteil, bieS Sßrognoftifon 
oon (Stara ©cßumann über gofef Soacßim ! 

Stber jc^oit einige Sage jpäter erfaunte jie, baß jetbjt eine 
(Stara Schumann bisweiten ißren D^ren nidjt trauen bärfe ; am 
15. 3uti jcßreibt jie: „Joachim jpiette WobertS 2. Quartett wunber* 
jcßöit, mit fjerrlidjem Son unb einer außerorbenttic^en Seidjtigfeit, 
unb ^eute bereute ich in meinem Snnern, waS idj neutidj über 
if)n gejagt." 

@o aber wie bieje beiben Wanten in ber ©ejdjic^te ber beutfdjen 
9)?ufif beS 19. SatjrtjunbertS miteinanber fortteben, bürfen jeßt 
wotjt bieje beiben Urteile in ber Öfjentticfjfeit nebeneiitanber jtetjen, 
ohne baß jie im fiejcr etwas anbreS als ein teijeS ©efüßl ber ©e* 
nugtuung erwedeu barüber, baß ber trabitioneße ©djtummcr beS 
guten Sater tpomer nicht tcbigtidj eine berechtigte ©igentümtidjfeit 
attcr Herren ijt, jonberit auch fejjr ff »gen jungen grauen ju* 
weiten oorfomnten fann. 

latfädjtich jogeit übrigens bie fflejtrebungen jur Hebung beS 
mujifatijdjen WioeauS in S)reSben oon ber Wät)e fieipjigS feines* 
WegS ben SBorteit, ben mau baoon erwartet hotte. ®er 2)reSbener 
fatn jWar fetjr oft nadj Seip^ig, aber ber Seipjiger oerhättniSmäßig 
jetten nad) TreSben, unb and) bann nicht, um Sftufif gu machen. 



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1844-1860. 



113 



©o galt ein Sefudj ©abeS im Ütuguft 1846 tebiglicfj ©rholungS* 
zweien, um fo mehr genoffen xfjit betbe Schumanns. „Sine frfjone 
fräftige Katur", fc^rcibt ©cfjumamt in feinen Kotigen*, „Sch habe 
in meinen ^nfidjten feiten mit jcmanb fo gut barmoniert als mit 
©abe. ©eine Sßerabfcheuung ber SKeberbeerfdjen ÜJhifif **". „©abe", 
heißt eS nach einem fttbenbbcfucf) ©abeS im ©eptember 1847, „ben 
man, fein Talent abgerechnet, fc^on lieb haben muh." 

SSenn beute bie Sitten, bie um 1844 jung waren, oon bem er« 
gafften, was bamals Hang uttb fang in SDeutfchlanb, unb wenn 
man fie bann fragt über biefen unb jenen Präger großer tarnen, 
bie beute noch Slang haben, ob er benn wirllid) fo »oüenbet ge* 
wefen, wie man fagt, ba wirb man fidler, je nacfjbem man einen 
aus bem üKenbetSfohnfdjen ober bem fiifgtfcfjen Säger fragt, oft 
febr oerfcbicbene Urteile gu hören befommen. 

Slber bei einem Kamen werben fie alle ohne SluSnabme gugleicfi 
ftiß unb froh, bie Slugen leuchten auf, unb es ift, als lausten fie 
in bie weite gerne auf einen füßen Ion, als fdftüge ba unten in 
bunfelu ©ebüfeben über ben mooSbewacbfenen ©tufen fonniger 
Sugcnbpfabe eine Kacfjtigall. ©ie haben fie auch bamalS fo ge» 
nannt; bie „fchwebifcf;e Kachtigall" haben fie fie genannt, 3ennp 
Sinb. 

Unb wer eine Sünftlertaufbaljn in biefen Satiren ©chritt für 
©djritt begleitet, ber fommt auch früher ober f pater gu einer ©teile, 
wo er ftehen bleiben muß unb laufeben mit bem, ben er begleitet, 
benn eS ift, als legte jener ihm bie ginger auf bie Sippen: h°rch, 
hörft bu nicht. ®aS ift fie, ba fingt Semtp Sinb. 

* <3. oben <5. 107 Slnm. 

** SDiefe tübjdjeu nahm befanntlich bei Schumann mit ben Sohren eher noch 
ju alg ob. Um nur ein? h erfluS i u h c & en : Über eine Slufführung beS Propheten 
im Februar 1860 in ber $re3bener Cpcr jdjreibt Clara im Xagebudj: «Stöbert 
jijd)te ju oielen Stalen bebeutenb, eS iß aber auch eine gotttofe, Stöbert jagt, 
»ie mir jetjr richtig fd^eint, unmoralijche Stufet, fie muß jeben Stenjcßen, ber 
einen natürlichen reinen Sinn unb ein unoerborbeneS ®emiit hat, anmibern." 

8it> mann, Siata SOjumann. II. 8 



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114 



1844—1850. 



SBemt einem, ber alle übrigen Singoögel genau fennl, bet aber 
gufätlig noch nie eine SJarfjtigall hörte, eines £ageS jemanb mit ber 
9?ad)rid)t ins |>au8 [türmt : alles, waS bu bisher gehört fjaft, ift 
nichts; fingen, wirflid) fingen fann nur bie Diacfjtigatt, fo ift 
gehn gegen eins gu wetten, baß ber fo ftürmifch Sngefprochene 
gegen biefe angeblich einzig gültige Sängerin, gu bereit ©unften 
er alle feine bisherigen Singfreunbe für wertlos erflären foH, 
einen leifen SßiberwiUen faßt. ©ang ähnlich ging eS Clara, 

als ihr Sater eines fdjönen JebruartageS beS SaßreS 1846 oon 
SSeimar in einem ßnftanb wilbefter ©jaltation heimfehrte uttb, 

in baS ftiHe SBochenbettgimmer feiner Xodjter hineinftürmenb, über 
baS fjaupt ber Sßeljrlofen ben Strom feines 6ntl)ufia3muS ergoß. 
„9?un gibt eS feine mehr als bie Sinb; alles muß Sinbfcf) werben, 
bie Minna (Sßieds Schülerin) muß Sinbfdj fingen, bie Marie 
ebcnfo fpielen, mit einem 233orte, er ift außer fidj!", budht fte halb* 
beluftigt im Tagebuch, fährt bann aber bod) nacßbenlli^ fort: 

„Meine Seßnfucht, bie Sinb gu hören, ift groß — nichts ift mir 
aud) unangenehmer, als immer oon jemanb fprecßen gu hören, ben 
man nie gefeßen noch gehört hat, man befommt gulefct eine Sb* 
neiguitg gegen bie ißerfon, unb hier würbe eS bocß ein Unrecht fein." 
SBenige SSodjen fpäter (am 12. Spril) bot fich bie erwünfchte 
Gelegenheit. 3ennp Sinb fang in Seipgig, unb Clara fuhr auf 

bringenbeS $ureben ber gärigen hinüber. 

3hre Stiefmutter begleitete fie, währenb SBiecf mit feiner 
Schülerin Minna Sdjulg, bie „Sinbfdj" fingen lernen füllte, feßon 
tagelang bort auf ber Sauer gelegen hatte auf bie Sinb. 3h r «r 
aber harrte noch «ine befonbere Überrafchung: „Mein erfter ©ang", 
fdjreibt fie im Tagebuch, „war wegen ber SifletS gu MenbelSfohn, 
ber uns benn auch gtei<h 5 toe i fdjöne ißläjje oerfdiaffte; er würbe 
halb getriffen wegen ber SiHetS. Cr ftürgte gleich, als ich tarn, 
auf mich toS m it bem Verlangen, im Stonjert einmal ftatt feiner gu 
fpielen, unb führte fein Sitten fo fonfequent fort, baß ich rnirf) enb* 



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lieh bodj bewegen lief}, waB bmnm »on mir war, beim eB oerfe^te 
mich in peinliche Unruhe unb ftörte mir baf>er ben ruhigen ©enu§." 
Dann aber über ben Sinbruc! felbft: „2>ie Sinb ift ein ©efang* 
genie, wie fie in langer $eit oft !aum einmal wieberfef»ren. 3fjr 
ßrfc^einen ift gleich baB erftemal eimtetjmenb unb ifir ©efidjt, wenn 
auch nicht fdjön, fo fd^eint eB boef; fo, weil ein wunberfdjöneB Singe 
baB ganje ©efitfjt belebt 3f) r ©efang fommt auB bem 3nnerften 
beB §er$ettS, eB ift fein Sffeftfjafdhen unb feine Seibenfdjaft, bie 
gleich pacft, bie aber tief inB $erj bringt, eine SBe^mut unb 
SRelandjolie in ihrer Slrt $u fingen, bie einen in Sfüfjrung oerfefct, 
man mag wollen ober ni($t. gür ben erften Slugenblicf mag bie 
Sinb manchem fatt erfefjeinen, waB fie aber feineBwegB ift unb waB 
nur in ber ®infad)heit ifjreB ©efangeS liegt ; tion if)r hört man fein 
Reuten, fein ©dfjlucfjjen unb Rittern ber $öne, überhaupt feine 
Unart ÄfleB ift fcf|ön, wie fie eB madjt 3^re Koloratur ift bie 
öoüenbetfte, bie ich gehört; i|re Stimme ift an fiefj nicht groß, 
bringt aber fitfjerlidj in jebem Staunte burdj, weil fie ganj Seele 

ift Stad) bem Sondert war ju Sljren ber Scttnt) Sinb ein 

großes Souper bei Dr. greges. fpier gewann icfj Sennt) Sinb 
hoppelt lieb butd) ifjr anfprudjlofeS, id) möchte faft fagen, jurücf» 
haltenbeS Sßefen; man merfte faum, b afj fie ba mar, fo ftiö war 
fie, — fie ift mit einem SBorte ein eben fo originelles SSefen, alB fie 
ein grofjeB ©efanggenie ift." „®ie ©rinnerung an ben heutigen 
Slbenb", jdjliefjt bie Äufjeidjnung, „ift mir unauBtöfdjbar unb 
mürbe mir hoppelt lieb unb wert eben baburd), bafj id| in ber Sinb 
auch eine liebe, natürliche fßerföntidhteit fennen lernte." 

®a§ biefer ©inbruef gegenfeitig war, ift eigentlich felbft* 
öerftänblich, wie immer bei ber Begegnung zweier fold^er Staturen. 
Stellten fie hoch beibe SSerförperühgett eines XppuB höcfjften unb 
reinften lünftlertumB bar, baB nicht bloß in ben Ringern unb ber 
Stehle fteeft, fonbern ben ganzen ÜJtenfchen belebt unb burchglüht, 
ber aber leiber fo feiten ju finben ift, baß man ihn eigentlich faum 

8 * 



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1844 — 1850 . 



nod) at« SppuS begeidjnen barf. Stuf Sennp Sinb ober hatte 
oor aßen Gingen bie Selbftoerftänblicf)feit, mit ber Klara an 
jenem Slbenb auf SDienbelSfoljnS fflitte ihm einen Seit ber 2Rit« 
mirfung abgenommen unb tapfer unb felbftloS itjre Äunft if)r, ber 
gaitj ffremben, gut Verfügung gefteßt Ijatte, einen tiefen Kitibrucf 
gemacht, ©ie erfannte barin bie oermanbte DJatur unb faßte fofort 
für fie eine lebhafte ©hmpatf)ie,.bie, wie mir nod) fefjen rnerben, in 
ber gotge bei bcn öerfdjiebenften fSnläffen fich befunben unb beibe 
Äünftlerinnen in einer bcrglidjctt grtunbfdjaft oerbinben foUte, bie 
fiel) in aßen Sagen beS Sehens bemährte. SBenige 9JJonate fpäter 
lernte audj Schumann bei einem Slufentfjatt in Hamburg bie non 
Klara fo fcfjmärmerifcf) öereljrte Äünftleritt femten, unb aucfj f)ier 
mar fofort beim erften Sehen jener innere Äontaft menfdjlid} unb 
fiinftlerifdj ^ergefteßt, ben Klara erhofft unb gemünfdf)t hatte. Sie 
and) bieS in ber golge erftarfte unb fid) oertiefte, mirb nod) bei 
(Gelegenheit ber ^Begegnungen in Sßien unb Hamburg (1847 unb 
1850) ju berühren fein. Sernte bod) Schumann eigentlich erft in 
Sien burch baS eigne €h r große, mit nichts gu üergleichenbe 
Sängerin fenncn. Senn bei jener erften Hamburger ^Begegnung 
im 3uli 1846 hatte eS fich infofern fehlest getroffen, als er nur 
(Gelegenheit gehabt hatte, bie Sinb in einer ihrer Snbioibualität nicht 
giinftigen Seiftung unb aud) in nicht oorteilfjafter Umgebung gu 
hören, als Sonna Slmta im „Son Suan". Schumann bemcrlt in 
feinen IReifenotigen bagu: „Sie Scf)lußarie Dortrefflid) gefungeit 
— feine Sotalmirtung — Drdjefter mittelmäßig unb bie anbre 
öefefcung fchledjt unb uuroürbig." 

Sie Imuptjadje aber mar, baß fich tyex gunt tßergleid) bie Kr» 
innerung an eine anbre Sonna Slnna aufbrängte, bie beiben Schu» 
mannS unüergeßlid) unb unübertrefflich mar: „Vergleich mit ber 
Schröber gugunften ber lottern ", ift baS erfte Sort Schumanns 
über biefen Ülbenb, baS alles erflärt. 

3d) entfinne mich noch beutlich beS KinbrucfS, als ich, bamalS 



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1844 - 1850 . 



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ein falber $nabe, gunt erftenmale Clara Schumann über bie 
@chröber*2)eorient jprechen hörte, »Die ihre bunfeln Stugen auf* 
glühten, unb »Die in jugenbltcf)em CnthufiaSmuS bie ©reifin Don 
ben ©türmen be3 Cntgücfenö ergählte, bie fie überfluteten, als fie bie 
©gröber gunt erftenmat gehört, toie iljr ifjre eigne S un ft Hein 
unb nichts* bagegen erfdjienen, unb »Die fie fidE) in bittern Sränen 
banacß gefeint, fo im ©efattg ficfj geben gu fönnen wie bie ©djröber. 
2>aS »oar aber nicht bloß eine Sugenberinnerung, bie nur aus bem 
SEBiberfchein ber eignen grüßlingegeit ben Derttärenben ©lang er* 
hielt, fonbcrn bie ©gröber* SseDrient war unb blieb auch für bie reife 
große Äünftterin ein in manchen fünften fcf)fed^tf)in unerreichbare^ 
Sbeat bramatifdjcr ©angfunft. Unb nie früher ift ihr oietleicht 
biefe gang innerliche große ihmft, bie in ber @chröber*3)eüricnt 
tebenbig war, macht« oller unb fiegreicfjer entgegengetreten, al§ in 
biefen SDreSbener Saßren, wo jene, förderlich unb feelifcfj gebroden 
unb gerfchlagen, ben Stampf »oiber ißr ©cßicfjal mit unoerwüftti^er 
©nergie aufnahm, unb immer über alle SDitfere bie Äünftlerin, nicht 
nur in ber SSorfteHung, fonbern auch in ber Xat triumphierte. 
Sßoljl waren fie gwei grunbDerfchiebene 9?aturen, unb ben wilben 
©türmen unb Sprüngen im Seben ber älteren f$reunbin faß bie 
jüngere in ihrer ftrengen Harmonie halb mit ftiHem .fjumor, halb 
mit tiefem SJiitleib unb ©ntfchen ratloä gu; aber für bie große 
$ünftterin, bie immer oorneljm, immer ben ©lief auf bie hödjften 
$iele gerichtet, ihren 2üeg burch ben ©ch»Darm ber 2Jiacf)er unb 
ber üBürmerfudjer wie eine Königin ging unb über all bie fleinen 
unb häßlichen ®iffonangen ba unten wie eine Serdje ihr Sieb in 
bie reinen Siifte fang, ihr Sieb, in bem jeber $on au§ ihrer 
leibenfchaftlidjen Seele fam, für bie glühte auch Clara ©cfjumann, 
wie einft Clara SGSiecf geglüht hatte, unb mit ©tolg unb mit greubc 
erfüllte eS fie, gerabe in ber S)re3bener fünftlerifchen SDiifere, wenn 
ße ©dhulter an Schulter mit ber ©<hröber*$eörient ftehen unb 
fämpfen fonnte. 



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A ‘ W 



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1844 — 1850 . 



Ser ©erfeßr mit ber ®d)röber<Se»rient, bie 1848 wäfjtenb bes 
©djeibung«progeffe« itjrer @t)e mit §erm »on Söring nad) SreSben 
gurüdgefeljrt mar unb, bi« it)re ©erwidctung in ben ÜJiaiauf» 
ftanb 1849 fie »ertrieb, bort mit ferneren ©orgen fampfenb, in feßr 
gebrüdter Sage fidj auffjiett, war für ©lara gerabegu immer wieber wie 
ein ©tatjtbab ber Slbtjärtung gegen bie Keinen unb großen Süden 
be« Seben«. „Stm 7. Stuguft", fcßreibt fie „befugte id) bie ©djröber* 
Seorient, bie i dj gwar gealtert fanb, bodj nidjt weniger intereffant 
unb liebenswürbig." 

$m 30. Stuguft : „Sie ©djröber *Se»rient war über eine ©hmbe 
ba, unb bie ©tunbe war mir »ergangen wie eine Minute, ÜÄan muß 
biefe grau bodj lieben troß iljre« Seidjtfinn«, benn fie ift bodj eine 
Äünftlcrin im wahren ©inne be« SSorte«." 

Slm 27. September: „bie ©djröbcr<Seörient, bie eine ßatbe 
©tunbe mir gu einer 3Jtinute machte." 

Stm 14. Dftober: „Soiree gu ©tjren ber ©djröber=Se»rient, bie 
9fobert« „grauenüebe unb Seben", äße 8 Sieber, gang ßerrlid) fang! 
@3 war für un« ein tjotjer ©enuß, unb wieber mußten wir au«> 
rufen: ,,e« gibt bodj nur eine Seorient!" — Stußerbem fang fie 
au« bem „Qrpßeu«" »on ©tuet unb gwei Sieber »on ©djubert „Stnt 
SReer" unb „Srodne ©tunten". Seßtere beiben aber fang fie mir 
gu übertrieben! SBctm bie Seibenfdjaft aße ©rengen überschreitet, 
bann padt fie midj nidjt, fonbern wirb mir guwiber; bie Slrie »on 
©tud aber entgüdte midj! unb wie flang itjre ©timme bodj wieber 
fo fdjön, fo weid), fo nobet! für einen Son »on ißr geb idj fie 
aße fjitt, bie jungen Sängerinnen! fie tjaben aße feinen ©eift unb 
fein ©emüt!" 

Slm 30. Dftober: „gab bie btinbe [Sängerin] Slnna .ßingeter au« 
güridj eine ßJtatinee in bem Sofat ber ©djröber-Seorient, roetdje« 
ißr teßtere nicht aßein übertaffen hatte, fonbern aud) nod) natje an 
100 ©iflete fetbft abgefe|t, fo baß ba« SJtäbdjen eine tjübfdje 
©innatjme hatte , wa« bei einem öffenttidjen Äongert gar nidjt 



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1844-1850. 



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möglich getoefert wäre. Sie Sebrient fang, unb Säubert unb i d) 
fpielten." 

Slm 31. Oft ober: Songert beS grauenbereinS für arme gamilien: 
„Sie Sebrient fang Ijertfidj; am fcfjönften bie Slrie »oit @fui unb 
gwei Sieber non Robert. „Su 9iing an meinem Ringer" fann irfj 
mir nicht frfjöner oorftellen, als fie es gefungen. Sa$ ißublifum 
begrüßte bie Set>rient mit bem größten SnthufiaSmuS, ber ficfj mit 
jebetn SDtal Singen fteigerte. Sa mochte man nun fragen, warum 
ftatfcf)t 3h r ? warum geberbet 3t)r Such W« außer Such? E at 
fie bodh feine ©timme mehr unb ift häßlich geworben, unb hat 
leinen Sltem, wie 3h r fagt! — @enie unb ®emüt hat fte, bas 
ift’S, unb mehr in ihrem Keinen ginger als alle — 3f)r jungen 
18 unb 20jährigen ©ängerinnen gufammengenommen, fie, eine 
47jährige grau! Sa fieht man, bas wahrhaft @roße ift unoer» 
Söuglich !" 

2Bie gut berftcßt man e§ aus biefer Smpfmbung herauf, baß, 
als einige SJtonate fpäter* ihr bie ©chröber bie „Sdfjwefterfchaft" 
anbot, fie eS guerft auSfcßlug, „weil ich nicht glaubte mich ent» 
fdjließen gu fönnen, bie grau, bie mir feit frühefter Äinbfjeit als 
Äünftlerin fo ibealifch baftanb, mit Su anreben gu fönnen", unb 
bafj fie erft, als fie fab, baff ihre SBeigerung als Äränfung empfun» 
ben würbe, einwiHigte. Unb bei all biefer leibenfchaftlichen Ein- 
gebung unb Verehrung beS ©ettieS boch ein flareS fttuge für bie 
Schwächen beS SDfenfchen: „©ie wirb in ihrem Übermut“, heißt eS 
ein paar Sage barauf**, „guweiten empfinblich berle|enb, unb baß 
fein Sföann mit ihr gu leben imftanbe ift, erfenne ich immer mehr; 
fie hat nicht baS feine ©efüljl, baS einen lehrt, bie fdjwacben ©eiten 
anbrer mit $artbeit behanbeln, im ©egenteil, fie liebt eS gerabe, 
biefe Schwächen gut Sielfdjeibe ihres SBi|eS gu machen, unb baS 
»erträgt fein üföann »on ®eift. Sagu fomrnt noch 'h r ? furchtbare 

* Xagebud) 1849. 17. Januar. 

»* Zaqeb utb 1849. 24. Januar. 



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1844-1860. 



Serfdjtoenbung, bie tbirllid) oft in« unglaubliche gef)t — »eich e * n 
fDiann, Wenn er Vernunft hot, fatin bem ruhig sufefjen!" aber auch 
hier ift ber Schluß hoch toieber : „Srofcbem ober bleibt fte einem 
immer bie berehrung«mfirbige Sünftlerin!" 

„■Kochte fie", fchreibt fie ein 3af) r fpäter auf bie Nachricht 
t»on Silhclmine« beüorftchenbcr Verheiratung mit f>errtt oon Soct 
unb ihrer Stbficht, fich enbgiiltig in« fßribatteben jurflcf jujiehen, „in 
9iuf)e unb ^rieben iljr Sehen noch genießen! eine große Äünftlerin 
»oar fie unb hot e« ehrlich gemeint mit ber Äunft!" 

Sährenb fo, trofc tiefer ©egenfäfee ihre« menfdjlichen ©mpfinbcn« 
unb baburch bebingter Seben«führung, fie biefe abfolute Feinheit unb 
©röße beö fünftlerifchen Streben«, je älter fie würbe, immer inniger 
mit ber altern greunbin oerbattb, berfchärften ftch in bemfelben ßeit» 
raum, weil fie biefe ©röfse im h öc ^f ten ©inne bei ihm 3 u ber« 
miffen glaubten, bie ©egenfäfce gtuifchen ben beiben Schumann« unb 
Sran 3 Sifjt. 

Schon bie lefcte Vegegnung mit bem einft mit fo beglichen 
Sympathien aufgenommenen ffreunbe hotte, mie man fich entfinnen 
toirb, einige $iffonan 3 en geweeft, bie man ftd) 3 »ar bemühte nicht 
bominicreit 3 U laffen, bie aber bo<h nadjflangen unb nachwirtten in 
ben folgeitben Saljren, »0 man einanber nicht fah unb nur oon« 
ciitanber hörte, unb beren Siberljall man 3 U fpüren glaubt, wenn 
Schumann 1846 au« ©efprächen mit Kcnbel«fof)n fich notiert: 
„Kenbel«fof)n über Sifjtö Treiben, ein ftete« Sechfein jwifdjen Sfan« 
bat unb Slpotheofe". 

jEropbem war, al« im 3uni 1848 Sifjt, bon Sien fommenb, 
ganj iiberrafchenb in $Dre«beit auftauchte unb Schumann« auffuchte, 
ba« erfte ©efühl ba« aufrichtiger f^reube, ben mit all feinen lächer« 
liehen unb ernften Schwächen, mit feinen Sieben«würbig!eiten unb 
feinen Ungejogenfjeiten hoch immer gern gefehenen Siebling ber 



* Jagebud) 1850. 19. ßanuar. 



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1844—1850. 



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©ragten »lieber einmal bei fid£j 51 t hoben, Kr !am mit ber Sitte, 
abenbS Schumann» $rio gu ^ören ; unb Klara gab fich alle er* 
benHicbe ÜRühe, in ben wenigen Stunben, bie gur Sorbcreitung ba 
waren, bie URitfpieler gufammengubringen unb bie nächften greuitbe 
Senbemann, $übner unb bie Sängerin Sacobi auf ben feltenen ©aft 
eingulaben. St bet ihrer 3Rühe Sohn füllte fie nicht ernten. 21(3 
enblidh alles glütflicg beifammen war, fehlte nämlich bie fiaupt* 
perfon, „er lieg uns gwei oolle Stunben warten". Sn etwas oerärgertet 
Stimmung warb fdjtieglich mit bem D<bur Srio oon Seethooen be- 
gonnen, „unb als wir auf ber lefcten Seite waren“, ergäbt baS 
Tagebuch, „ba ftürmte §err ßifgt gur 2 ür herein." ?lit bem nun fol* 
genben Xrto Schumanns äußerte er gwar grogen (Gefallen, meinte 
bann aber 00 m Quintett, eS fei gu „ßeipgigerifcf)". Sur Serbefferung 
ber allgemeinen Stimmung trug baS nidjt gerabe bei, unb als gar 
nach 2uf<h ßifgt fith gehen lieg unb, wie Klara fchreibt, „fo fchänb* 
lieh fehlest fpielte, bag ich mich orbentlidj fchämte, babeiftchen gu 
muffen unb nicht fogleicf) baS Seiner oerlaffen gu tonnen, was 
Senbemann tat," ba befanb fich 00r oßem Schumann in einer 
Stimmung, bag fchon ein Heiner Slnftog geniigeitb gewefen wäre, 
feinen Som gegen ben ®aft gum ÄuSbruch gu bringen. 9tun 
aber beging auch oocg ßifgt bie bei feiner Kenntnis oon Sdhu» 
mannS Stellung gu beiben ÜJhififern unbegreifliche Unbefonnenheit, 
SReperbeer gu greifen unb gwar auf Sfoften SRenbelSfohnS. ®a 
brach Schumann im höchftcn &om loS: „DJetjerbeer fei ein SBicfjt 
gegen SRenbelSfoljtt, lefeterer ein fiiinftler, ber nicht nur in fieipgig 
fonbern für bie gattge SBelt gewirft hätte, unb ßifgt fülle bodj lieber 
fegweigen“ ufw. ufw. Spracg’S unb oerlieg baS ßinuoer *. ßifgt, 

* ©0 fdjitbert ben Vorgang unter bem Siitbrucf beS GrrcigniffeS bais Sage* 
buch- g. ®- ganfen (Schumann, 39 riefe, 9?. 3 . 2. Stuft. @. 623) Berichtet noch 
braftifcher, Schumann höbe £ij$t „an beiben Schultern gefaßt" unb mit erregter 
Stimme gefagt: „teer finb Sie, baß Sie über einen ffliufifer roie 2Renbetgjohn fo 
reben bürfen." Cfjnc bie SRichtigfeit biefer Schitberung irgenbteie in Steifet ju 
giehen, jumat ganfen auibrüdlich erftärt, grau Schumann h“be ihm 1879 



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1844-1850. 



bem bet ßwifc^enfoö mehr unbehaglich als berlehenb war, berfucfjte 
als gewaubter SBettmann einjulenfen, baS gattje harmlos 3 U 
nehmen, gab aber bod) angeficf)tS ber emften jornigen ©efichter 
fchlic§ltch ba§ ©emiiben auf unb »erlief bie ©efeflfcfjaft, nachbem 
er fich bei Clara mit ben SBorten öerabfcfjiebet h aWe: «Sagen ©ie 
3hrem SRanne, nur non einem in ber Sßelt nähme ich fotrfje SBorte 
fo ruhig hin, ro * e er fic mir eben geboten 

SBie Schumanns aus ihrem Smpfinben heraus annahmen, be= 
beutete baS einen Srudf. „Stöbert hatte baS ju tief öerlejjt, 
als bah er eS jemals oergeffen fönnte", fdjreibt Clara unb fügt 
hinju: „ich habe für ewige $eit mit ihm abgefdjtoffen." ©lei<h» 
wohl hatte Schumann hoch bie Smpfinbung, baft er in ber 0form 
ju weitgegangen, unb benufcte baher ein 3ßh r barauf, als Sifjt 
burdj Sari Steineie bei ihm anfragen lieh, ob bielleicht feine 
gaufbfompofition für bie ©oethefeier in SSeimar geeignet unb ju 
haben fei, bie ©elegenheit, eine 2tuSeinanbcrfefcung mit Sifet Brief* 
lieh herbeijuführen, in ber er feine brüSfe gorm jelbft beSabouierte, 
in ber ©ache aber feinen ©tanbpunlt womöglich noch biel fchärfer 
bertrat. — „Slber lieber Jreunb", h«ht es **, „würbe 3hnen bie 
Stompofition (Jauft) nicht bielleicht ju leip^igerifch fein? Ober 
halten ©ie fieipjig boefj für ein ÜJtiniaturpariS, in bem man auch 
etwas juftanbe bringen fömte? 3m Srnft — bon 3huen, ber fo 
biele meiner fiompofitioiten lennt, hätte ich etwas anbreS bermutet, 
als im SBaufdf} unb Sogen fo ein Urteil über ein ganjeS Zünftler« 
leben auS^ufprechen. Setrachten ©ie meine fiompofitionen genauer, 
fo mühten ©ie gerabe eine ziemliche SOtannigfaltigleit ber Slnfchaw 
ungeti barin finben, wie ich beim immer banadf) getrachtet habe, 

„alles" beftätigt, bin it b bin boeb bem lagebudj als näd?jter unb babei aut^ett- 
tijebter Oueflc gefolgt. 

* 2)iefer auch nicht im Tagebuch enthaltene 3 U 9 mir auSbrücflicb, als 
oft Don Elara beim Ermähnen biefer ©jene münblicb mieberholt, beftätigt 
toorben. 

** SBriefe, 9t. g. 2. «ufl. Kr. 345. »rief Born 81. «Kai 1849. ©. 305. 



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1844-1850. 



123 



Ir 



in jeber meiner Äompofitioncn etwas anbreS jutag ju bringen, 
unb nid^t allein ber 5 orm nach- Unb wahrlich, fie waren boef) 
nicht fo übel, bie in Seip^ig beifammen waren — SDtenbelSfohn, 
filier , Sennett u. a. — mit ben ißarifern, Sßienem unb Berlinern 
ftmnten wir es ebenfalls auch aufnehmen. ©leidet fid) aber mancher 
mufifalifdje 3ug in bem, was wir fomponiert, fo nennen fie es 
©^itiftern ober wie ©ie wollen — alle toerfdjiebenen Ihmftepochen 
haben baSfetbe aufeuweifen, unb Sad), Jgänbel, ©lud, fpäter SDiojart, 
§apbn, ©eetfjotien fel)en fid; an 100 ©teilen jum ©erwedjfeln afjn- 
lich (bod) nehme ich b> e lebten SBerfc SeetfjottenS auS, obgleich 
fte wieber auf Sach beuten). ©an$ original ift feiner, ©o Diel 
über 3l)re Äußerung, bie eine ungerechte unb beteibigenbe war. 3m 
übrigen öergeffen wir beS Abettbs — ein SSJort ift fein ißfeil — 
unb bas Sorwärtsftreben bie .'pauptfadje." 

3m weitern ©erlauf hatte ©chumann ber im Auguft, wie er 
meinte, in fieipjig beoorftel)enben Aufführung feiner „©enooeoa" ge« 
bacht unb hinjugefügt: „Sa tommen ©ie üieüeicht nach Seipjig . . . 
3dj will, wenn ©ie es wünfehen, 3hnen fpäter ben Sag genauer 
melben". Sifgt erwiberte fofort barauf fcl)r üerbtnblich : „Sor allem 
erlauben ©ie mir, ju wieberholen, was ©ie eigentlich nach mir am 
beften feit tanger 3eit wiffen follten, nämlich bafj ©ie niemanb 
aufrichtiger oerefirt unb bewunbert, als meine SSenigfeit ©elegent« 
lieh fönnen wir allerbingS über bie Sebeutung eines SBerfeS, eines 
SKanneS, ja fogar einer ©tabt freunbfchaftlid) biSfutieren“ unb 
metbete fidj jutn ©dflufj bei ber Aufführung ber „©enoöeöa" freunb« 
fdjaftlich als „ßlaqueur" an. ©erabe mit biefer, ficher in jeber 
Sejiehung oon ihm gutgemeinten SBenbung aber »erlebte er bie alten 
grreunbe unb oerbarb baburd) bie burch ben Anfang geweefte günftige 
©timmung. Ser Abftanb ^wifdjen ihnen unb bem „franjöfifchen 
SSeltmenfchen" warb ihnen fühlbarer als je. Aud; als Sifjt bas 
3ahr barauf wirtlich 3 ur «rften Aufführung ber „©enooeoa" erfchien 
unb bei bem baran fid) anfchliefjenben geftmaht liebenSwürbig unb 



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1844—1850. 



geiftootl auf beibe Schumann« toaftete, moHte bie alte Verglich* 
feit unb Unbefangenheit fich nicht roieber ehtfteHen. SDfan lachte 
grnar fröhlich, al« er tag? barauf beim SSierfjänbigfpiefen mit Slara 
(@enoöetia>Duüertüre unb au« ben „Stücfen für grofee unb Keine 
ftinber"), natürlich Dom Statt fpietenb, nadjbem er eine Safefeite ge* 
fprengt, gang ernfttjaft bemerfte, „ba« fei ifjm mirftidj noch nicht 
paffiert", unterhielt fich gut mit ifem, aber e« btieb Äonoerfation. 
Unb auf biefen Ion ift auch fortan ba« Serljältni« geftimmt 
geblieben. SJian gürnte unb erzürnte ficf> nicht mehr über* unb 
miteinanber, aber man hatte fid) audh nicht« ^erföntidjc« unb Snner* 
liehe« mehr gu fagen. 

SDie äufeent unb innern ®a}eiit«bebingungen ber ®re«bener 
3eit, ben Soben, auf bem ba« §au« ftanb, ba« (Srbreid), ba« ihrer 
Arbeit harrte, ben Ärei« ber greuitbe unb ber Shmftgenoffen, bie 
fich im Saufe ber 3af)te in buntem SSJecfifel gu ihnen gefeilten, fidj 
um fie fd)arten : mit ihnen güf)Iung finbenb bie einen, gühlmtg Der* 
tierenb bie anbern, alle« ma« ba« Seben ba braufeen mit einem SBort 
an Anregung unb Aufregung in Robert unb ©lara Schumann« 
§äu«li<hfeit hereintrug, haben mir un« Har gu machen üerfucht. 

Stber bie Sd)metle be« |>aufe« haben mir eigentlich noch nicht 
überfdjritten; ma« ba brinnen innerhalb ber oier Sßänbe in gmei 
fKenfchenhergen an Schöpferfrenben unb Qualen burdßebt unb 
burchlitten mürbe, unb ma« beibe au« -biefen Stunben bann 
mieber hinau«trugen , ba« haben mir bi«her nur in ben flüchtigen 
ßteflefen ihrer Segnungen gu anbern fennen gelernt. Unb hoch 
mirb jeber e« inftinftio fühlen, bafe bei gmei fo innerlichen Naturen 
mie biefe beiben, audj menn fie nicht beibe grofee Zünftler gemefen 
mären, ba« Sicht, ba« in ihr Seben fällt, Don innen, au« ihrem 
eignen Snneru fommt; bafe man be«ljatb, um ihnen auch fetbft 
innerlidj nahe gu foinmen, fich i ü th nen an ben fierb fepen unb 
laufchen mufe auf bie Xötte, bie im §aufc umgehen, bie tmn beiben 
2trbeit«ftätten halb laut halb leife Hingen unb ooit SBerbenbem er* 



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1844—1850. 



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gafjten, unb in bie non 3eit ju ein Sinberladjen unb ein 
Äinberweinen fyineinflingt. 

@g ift immer nod) ein junget £augf)alt, mit jungen, wenn aud) 
barnm nid)t Keinen Sorgen, ber erft in ber Parterrewohnung ber 
SBaijenhausftrafjc unb toom September 1846 ab in bem erften Stocf 
ber großen SReitbafjitftraße 20 fidj einbaut unb augbaut. SSier Äinber 
werben im Saufe ber gahre geboren, brei Knaben unb ein 2J£äbd)cn, 
gulie, geb. am 11. SDtärj 1845, ©mit, geb. am 8. gebruar 1846*, 
Subwig, geb. am 20. ganuar 1848, gerbinanb, geb. am 16. guli 1849. 

S3iel greube, aber aud; oiel Sorgen für bie junge SJtutter unb 
manche einfame fdjwere Stunbe in ©cbanfen an bie .gufunft: 2Bag 
Wirb aug meiner Arbeit?! „2)odj Stöbert fagt: „ftinber finb Segen", 
unb er h at recht, bcnn ohne itinber ift ja auch fein ©lücf, unb 
fo höbe ich mir benn oorgenommen, mit möglichft heitcrm GSemiit 
ber nädjften fchweren geit wieber ing Sluge ju fe^en. Db eg immer 
gehen wirb, bag wei§ ich fd^reibt fie im SJtai 1847. 

S5ie |>auptforge aber, gegen bie äße anbern gurücftraten, war unb 
blieb hoch, namentlich m bcn erften gahren, bie Sorge um Stobertg 
©efunb^eit**. Sie mar eg ja, bie fie öon 2eip$ig fortgetrieben, unb 
fie war eg aud), bie mit ihnen in bie neue §eimat einjog unb mit 
ihnen ftdj häuslich niebertiefj. „Stobertg Steröenübel miß immer noch 
nicht weichen", Kagt fie im Sötai 1845. ©ine für Sluguft beg gahreg 
geplante unb bereits angetretene Steife an ben Stljein, nach ®°ntt, 
mu^te infolge fchwerer SdjwinbelanfäHe in SBeimar bereits abge« 
brochen werben, unb anbauembcg Übclbefittben, bag ben SDtitteln 
beg |>ofrateg Santg nicht Weichen wollte, oeranlafjte im Dftober ben 

* <3djon ant 22. SKai 1847 roieber geftorben infolge einer ®rüfenjeljrung. 
** güten au4ffit|rlid)en Skrtdjt über Schumanns firantpeitfyuftflnbe Bon 
Sdjumamti homöopat^ifdjem ^auSarjt Dr. §elbig finbet man bei SSafie* 
letoäfi, Schumann <3.200 ff. 3fd| mödjte aber glauben, baß manche ®rfd)einnngen, 
bie ber ©eridjt fcfjon an ben Anfang Oerlegt, roic bie ^töfjenfurdjt, erft fpäter 
fid) entroicfelt refp. anbre abgelöft Ijaben, p a g aljo ntandjc?, mag bort als gleich» 
jettig Borljanben gefdjilbert ift, in SBirflidjteit nadjeinanber fid) abgejpielt Ijat. 



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1844—1860. 



Cntßßluß, in 3 u ^ u t t f t «id)tS MopatßifcßeS meßr einzuneßmen. 
Sin Saufe beS SBinterS befferte fidj bann aüerbingS ber $uftanb 
infofern, als gefellige gerftreuung bocß oft imftanbe war, ißm 
Slblenfung unb fiinberung feiner fubjettioen Sejdjwerben zu bringen, 
dagegen waren feßr beunrußigenb ®rf Meinungen, bie im 9Jiai 
1846 auftraten. Slnftßeinenb infolge Don Überarbeitung bei ber 
Snftrumentation feiner Spntpßonie ftellte ficß eine Überreizung 
ber ©eßörneroen ein, bie ißn zwang, mitten im erften Saß bie 
Slrbeit einzufteöen: befonberS beängftigenb War für ißn, außer 
beftänbigem Singen unb ©raufen im Cßr, baß ißm jebeS QSeräufd) 
ZU Klang würbe*, ©öllige Siuße unb ber ©ebraucß Don ©itiner 
SEBaffer feßaffte atlmäßlidj Sinberung. Sie zw Kräftigung feiner 
©efunbßeit im 3Jtai unternommene Überfieblung nacß 3D?apen brachte 
wieber eine ©erfcßlimmerung , bie Sd;winbelanfäHe erneuerten 
ficß, was atlerbingS mit ber feßr energifcß wieber aufgenommenen 
Komponierarbeit urfädjlicß zufammenßängen mochte; babei tiefe |jppo» 
cßonbrie: „er !amt eS nicßt überwinben", ßeißt eS im Xagebucß, „baß 
er [Don feinem 3immer aus] immer ben ©onnenftein [Srrenanftalt] 
feljen muß." Unb zu bem aßen ein ©efüßl großer törperlicßer 
ßHattigleit, baS jeben weitern Spaziergang zur Qual machte. 3m 
3uni fteßte ficß ftarfer ffllutanbrang nacß bem Kopf mit großer 
Unruße ein, bie wieber zu Döfliger ®rbeitSeinfteflung jwang. Sa» 
gegen brachte eine im 3uU unb Sluguft 1846 nacß Storbernep unter» 
nommene Steife — in beren ©erlauf bie oben erwähnte ©egegnung 
mit 3ennp fiinb in Hamburg ftattfanb — troßbem bort baS ©e* 
finben nodj feßr wecßfelnb war unb trübe ©cbanfcn — „Unterleibs« 
gebauten", wie fie ber ©abearzt nannte — fidj oft einfteßtcn, bocß 
fcßtießlicß eine wefentlicße unb bauernbc ©efferung, bie bis in ben 
Sommer beS folgenben SaßreS anßielt, fo baß Sdjumann ben 
8. 3uni 1847 zum erftenmal wieber feit 3 Saßren in SSoßlfein feiern 



* Sagebucf) 1846. 4. War}. 



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1844-1850. 



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tonnte. Auch bie folgenben ÜKonate »erliefen, Oon tleinen 
Schwanfungcn — einem plöfdid)en SdjminbelanfaQe im 3uli oor ber 
$robe feiner Sptnphonie in .groidau unb fjppoc^onbrifc^en ©tim* 
mungen im September — abgefeljen, im allgemeinen burefjauä gut, unb 
SSeitjnadjten 1847 warb Reiter unb fröf)lic^ begangen. Cnbc Sanuar 
1848 aber trat infolge ber Überanftrengung beim erften Alt ber 
„©enooeoa" wieber eine Überreizung unb Abspannung ber Äopfneroen 
ein, „wie er fie feiten fdjlimmer empfunben". „Xriibe Jage" folgten, 
©egen SJtitte gebruar befferte ficf> ber guftanb, aber erft am 
21. gebruar melbet ba$ Sagebuch : „Robert fängt wieber an, leichtere 
Arbeiten oorjunehmen", bocfi mit bem ,3ufafc: „55>ic alte Sraft tommt 
aber fel)r langfam wieber." „©ebulb unb Vertrauen, mein lieber 
Stöbert", tröftet Clara, „e§ tommt auch wieber beffere ,3eit." 

Ser Sommer oerging leiblich, aber im SEBinter ftettten fidj wieber 
Störungen ein, bieSmal, wie e§ fdjeint, wefentlid) gemütlicher Statur : 
SJtifsftimmung, SBerbüfterung — „Stöbert war burdfauS nicht baju ju 
bewegen", h e >B* im Stoüember gelegentlich einer ©efeUfdjaft bei 
o. b. IßfortenS, „mich i ü begleiten, ba er oerftimmt war." — Un* 
Zufriebenljeit mit feinen eignen Seiftungen — bei ber ißrobe ber C * bnr 
Symphonie am 17. Januar 1849 bemertt baä Sagebudj : „St. war 
leiber fo neroö3 oerftimmt, baff fie ihm gar nicht gefiel", unb am 
folgenben Sag bei ber Aufführung : „Stöbert ift immer noch recht un* 
wohl, war unjufrieben mit fich, unb meinte, er tönne ficfj nicht beuten, 
bap biefe Spmpljonie jemanb gefallen tönne" — , plöfcliche, fcheinbar 
ganj unmotioierte Abänberungeit feft gefaxter Sefchliiffe traten je§t 
unb in ber golge häufiger auf. So muffte tm Stooember 1848 
eine lange geplante unb befprodjene Steife nach Seipjig im lebten 
Augenbüd, als bie Soffer fchon gepadt waren, aufgegeben unb ben 
bortigen greunben abgefchrieben werben, „weil bie Aufgabe für ba$ 
Vergnügen ju groß fei." Unb ähnlich im guni 1849, wo er, fnrj 
oor feinem ©eburtStag, ptöfjlich ertlärte, aus ber Somnterfrifche in 
bie Stabt jurüdfehren ju wollen, unb Clara baburch alle ihre ®or» 



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1844-1850. 



Bereitungen — Überrafdjung mit einem fttabier u. a. — fchmerjlich 
burchfreujte. 

SBSieber folgten beffere Sage unb SJtonate, Bis im Saljre 1850 
Währenb ber Vorbereitungen $ur „©enobcba" in Seidig neue Über» 
reijungSfpmptome fic^ geigten, bieSmal in fjorm einer neroöfen Stngft 
bor ber Höhe. ©o mußten fie im ^reußcrfdjen Haufe baS fyofy 
gelegene Schlafzimmer mit einem 5ßarterrjimmer bertaufchen, „ba 
Stöbert bie nerböje Stufregung, bie itjm bie H*% erzeugt, nid)t 
bewältigen fannV 

SDtan gewinnt aus biefen Stngaben, auch wenn man fonft gar 
nidjts weiter bon ber Vergangenheit unb $u!unft beS Vetreffenben 
wüßte, bod) fieser baS 23itb ber SebenStinie eines tränten SRanneS 
unb einer Äranttjeit, bie in wedjfetnbet Starte unb mit langem 
Siuhepaufen unb mit weeßfetnben ©pmptomen, aber bod; mit un* 
heimlicher Stegetmäßigteit immer wieber in ÜbeaeijungSerfdjeinungen 
jutage tritt, bie wieber, was hier atterbingS nur erft jwifchen ben 
ßeiten ju tefen war, ausnahmslos mit geiftiger Überanftrcngung 
in urfächtichew gufamtnenhange fteheit, bie attemat bei tangerer 
©nthattung bon alter anftrengenben Strbcit fi<h bertieren, aber 
immer wieber wie ein geinb aus bem Hinterhalt heroorbrcchen, 
fobatb ber fßatient feiner neugewonnenen Straft froh i u werben 
beginnt unb jur Arbeit juriidttehrt. 

Unb wenn man nun einen Vtid in baS StompofitionSberzeidjniS 
©dEjumannS aus ben Satjren 1845—1850 wirft unb fich babei Har 
macht, welch eine iiberwältigenbe fffütte bon fchöpferifcher Straft nach 
ben berfchiebenften Stichtungen hin biefer, bon fotzen »Dämonen un« 
abtäffig belauerte unb berfotgte ©eift, ben berfagenben Sterben jum 
Srofc, mit eifenter Energie feinem fchwachen Störper unb feinem gart 
organifierten feetifchen Organismus abjuringen gewußt, }o weht eS 
einen an wie ber Slnhauch bom @rab eines Hüben. Steiner, auch ö' c 



* Sagebud) 1850. 20. üütai. 



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1844-1850. 



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üliäcpften nicpt, patten bocp eine beutlicpe SBorftellung baoon, mit 
welchen ©ewalten ber oft fo oerbiifterte, unzugängliche, reizbare, 
launifepe SBfann ju fämpfen hotte, utib oor allen Gingen feiner, 
bafj bag, wa§ er ba in fcfjier unerfdjöpflidjcr güllc an Söopllaut 
über feine 3eit ausftrömen ließ , erfauft war im eigentlichen Sinne 
bee SBortes mit ber langfameit ^erftörung feiner Sebengfraft. 

„Scpumanng tepte oerberblicpe ftranfpeit", urteilte nadpmalg 
bie berufenfte Stimme,* „war nicht . . . eine primäre, fpejififdie 
QJeiftegfranfpeit ; fie beftanb üielmepr in einem langfam aber un* 
aufpaltfam fid) ooltyepenben SßerfaH ber Drganifation uttb ber 
Kräfte beg ©efamtneroenfpftcmg, oon welkem bie pfpdjifcpe Slliena« 
tion nur eine Seilerfdjeinung war. Slbgefcljen oon einem etwa in 
feiner urfpriingtichen Drganifation gelegenen Äranfpcitgfeint, wie ipn 
roopl jeber SRenfcp in fiep trägt, patte biefeg ßeiben, wie immer, feine 
Urfacpe in einem burep Überanftrengung perbeigefüprten Serbraucp 
unb .^iitfcpwinbeit ber Subftanj ber pfpcpifcp fungicrcitben ßentral« 
teile beg SierOenfpftemg, mit weldjem bie SBieberperftetlung berfelbeit 
nicht mepr gleichen Sdjritt 31 t palten oermoepte. Sin ungemeffeneg 
geiftigeg, sumal füitftlerifdjeg ifkobi^ieren mufj alg bie ergiebigfte 
Duelle für biefe fcpredlicpe, allen §eilbcmüpungen tropenbe firanfpeit 
betrachtet werben." 

Sg über läuft einen falt, wenn man, bieg Snbe oor Stugen, bie 
Oubelaugbrücpe ber apnungglofen grau lieft über bie Unerfcpöpf* 
liepfeit ber ißpantafie beg geliebten ÜJfanneg: „SBelcp ein gliidlicper 
SJfenfcp ift er bod;!", fepreibt fie im 9 J?är 3 1849**: „Sßcld) SBonne* 
gefüpl muff eg fein, burdj eine fo unerfcpöpflidjc ißpantafie immer in 
pöpere Sppärcn oerfept 31 t werben", unb ein paar SBotpen fpätcr***: 
„ 3 <p werbe oft gan 3 pingcriffen oon Sewunberuttg für meinen Siobert! 

* ©el). 9iat SRitparj, ber Seiter ber ©nbenidjer Slnftalt, StpnmannJ tepter 
Strjt, in einem Stuffape ber jtötnifepen geitung aug bem 3 a b re 1873 „Stöbert 
6djuntann". 

** lagcburf) 1849. 13. Sötärj. 

*** Sagebutp 1849. 21. 9tprit. 

Si|} mann. Stara Sdjumann. II. 9 



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1844—1850. 



jbo nimmt er all baB gfeuer, bie ißfjantafie, bie griffe, bie Dri* 
ginalität f|er? ®aB muß man immer fragen unb bann fagen, bafj 
er ein auBermähtt glücflicf)er SKenfcfj ift, mit foldfj einer ©dhöpferfraft 
begabt ju fein!" 

Übergaben «3ir ein Stecht, iljr ©djmeigen ju gebieten? Unb 
bat fie nic^t trofebem recht, trofc bem, maB fpäter !am? 

4)ölberlinB Serfe Hingen mir im Df) r: 

„Stur einen Sommer gönnt, igr ®eroaltigen! 

Unb einen §erbft ju reifem ©efaitgc mir, 

3)afj williger mein §erj, 00 m fügen 
Spiele gejättiget, bann mir fterbe! 

3>ie Seele, ber im Seben igr göttlich Siccgt 
Stiegt warb, ftc rügt aueg brunteit im ßrlu« nidgt; 

2)o<g ift mir einjt baS $eil’ge, baS am 
§erjen mir liegt, baS öebiegt, gelungen: 

SBiWommen bann, 0 Stille ber Sdjattenwelt! 

Sufrieben bin itg, wenn aueg mein Saitenfpiel 

Stieg nidgt ginabgeleitet; einmal 

fiebt’ ieg, wie @ötter, unb megr bebarfö niegt." 

GEB «tat ein reicher CEmtefegen! 

„Sin paar Dpernpläne befdjäftigen mich fetjr 

eine Dper foll baB nächfte fein, unb ich brenne barauf", halte 
Schumann im Stobcmber 1843 gefcfjrieben. SBie mir miffen, hatte 
jmifchen biefe ^ßläne unb ihre StuBführung bie ruffifche Steife einen 
Stieget gefefjoben, unb alB er im ©ommer 1844 mieber jur ©chaf* 
fenBfreube unb ßraft ermachte, hatte gunächft baB mährenb biefer 
Steife in ihm aufgeblühte SDtoti«, bie SJhtfif jum „fjauft", ihr 
Stecht «erlangt. ®ie Arbeit baran hatte ihn bis in bie Stuhepaufen 
ber ferneren Sfranfheit, bie ihn im ©pätfommer 1844 befiel, be= 
gleitet. SllB er bann aber ju Seginn beS SahreB 1845, menn auch 
bei meitem noch nicht bööig genefen, mieber SIrbeitBbrang berfpürte, 
ba nimmt er bett fabelt genau an berfelben ©teile mieber auf, mo er ihn 
IV, Sahre früher fallen gclaffen : „Stöbert befchäftigt fich biel", hei&t 
eB am 16. Januar 1845, „mit Dpernteften. Stöbert ©riepenferl 
fehiefte ihm einen, ber jeboef) menig intcreffant mar, um fo mehr aber 



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1814-1850. 



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intereffierte ein ©ujet Stöbert „Sönig SrtuS"*, baS er gern bearbeitet 
ßätte. Kr wirb nun nacß ocrfdjiebenen ©eiten ßitt operieren, eS 
wirb fic^ bocß nocß ein Sicßter fittben." 

Sie Srüde 3 « neuem mufifalifcßen ©Raffen bilbete aber biefe 
Sefcßäftigung nicßt, fonberit biefes fitüpfte an an fontrapunftifcße 
©tubien, bie er ein paar Jage fpäter mit Klara 31 t treiben begann. 
„|>eute begannen wir", feßreibt Klara am 23. ganuar, „fontrapunftifcße 
©tubien, wa§ mir troß ber SDtüße oiet greubc machte, bemt id) faf), 
was icß nie mögtid) geglaubt, halb eine felbft gemalte guge unb faf) 
halb mehrere, ba wir bie ©tubien regelmäßig alle Sage formten, 
gcß !ann Robert nicßt genug banfen für feine ©cbitlb mit mir unb 
freue mid) hoppelt, wenn mir etwas gelingt, baS er bann bocß als fein 
SBerf anfei) en muß. Kr felbft geriet aber aud) in eine gugenpaffion **, 
unb bei ißm fprubelt es oon feßönen Sßemen, beren icß bis jefjt nocß 
nicßt eines finben foirnte.“ Siefe „gugenpaffion" bauerte aueß bie 
folgenben SJtonate noeß an unb ging feßließließ Oom Sßiano auf bie 
Orgel über. „Sm 28. gebruar", ßeißt eS, „ooüenbete Stöbert eine feßr 
feßöne guge in D-moll"; am 9. ffiäry. „Stöbert arbeitet an einer jwei* 
ten guge", unb am 7. Sluguft: „Stöbert arbeitet an einer guge über 
SBacß, bie ißm ßerrlid) gelungen". Sie feeßfte unb leßte ber gugen 
über ben Stamen Sadj warb fogar erft im Stooember 1845 oollcnbet***. 
Sn fie reißten fieß an ober richtiger jwifeßen fie fcßobeit fieß ßineitt 
bie ©tubien für ben fjkbalflügel, bie bureß einen äußerlitßen Um«' 
ftanb eigentlich »eranlaßt würben : „Stm 24. Slpril", feßreibt Klara, 
„erßielten wir ein ^ßebal unter ben glügel jur SDtiete, was uns oiel 



* 64 ijt ba« ber Stoff, ben er nacfi ber Söefanntfcfjaft mit SSagncr« goljengrin» 
tejt fallen lieg. Sgt. oben ®. 109 f.. 

** C}). 72. $ier gugen für ba« 'gianoforte. 

*** Cp. 60. gugen über ben Stamen BACH, gür Crget ober gianoforte 
mit ißebal. $n ber §anbau«gabe gibt Schumann als ßntftet)ung«jeit: 2)reSben, 
Hpril 1815 an. ®em roiberfptedjen aber bie Angaben beS Xagebud/S, infofern 
als bie SJoÜenbung ber 3. guge in G=moQ für ben 19. September unb einer 
guge ^umoriftiftben Etjaratter«* für ben 2. Dftober bermertt wirb. 

9 * 



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1844 — 1850 . 



Vergnügen fcfjaffte. SDer 3®edf war uns ^au^tfäc^ltdj, für ba§ Drgel» 
fpiel ju üben. Stöbert fanb aber batb ein Ijöljereä Sntereffe für 
bieö Snftrument unb fomponierte einige Stilen unb ©tubien für 
ben ^Sebatftüget, bie gewiß großen Slnflang als etwas ganj 9?euc$ 
finben werben."* Sie bcfdjäftigten ihn aud) nod) im 9Kai nnb im 
Suni, nnb aus ifjnen unb ben Jugeu auf ben JJZamen S3acf; fpiettc 
(Slara im Sttuguft SDZenbelSfohn tior, ber auf ber ®urdjreife nad) fßill* 
nifc jum Äönig fic auffudjte. „SQZan fonnte iljm wobt beutlidj an* 
fcfjcn, welch große ©efriebigung er empfanb", fdjrcibt fie, „unter ben 
SianonS gefiel ifjm am nteiften ber fo fetjr gra^iöfe in H*motl, was 
id) mir üorfjer fdjort gebadet, beim biefer entfpridjt am nteiften feiner j 
eignen Snbiöibualität." 

S33ie fefjr aber bie fontrapunftifdjen Stubien im weitern Sinne 
ben offenbar oon oorntjerein babei ins 9luge gefaßten 3®«!» bas 
Grbreid) für bie eigentliche fc^öpferifc^e Arbeit ju lodern, bie 
9JZaffen wieber in gluß ju bringen, erreichten, bchmbete fich nicht 
nur in beut erneuerten gefteigerten Sntcreffe an Dpernftoffen — im 
SOZärg warb ber fßtan inS Sluge gefaßt, „^ermann unb Dorothea" als 
Singfpiel gu bearbeiten unb SuliuS Jammer um fperftellung beS 
SejdcS auf ©runblage beS £öpfer)djen fluftfpielS gebeten, im 
Sommer an |>alm unb an Slunette bon $rqfte«§ül3hoff** wegen 
Dpemteften gefdjrieben — foitbem toor allem in ber im 3uni unb 
3uli fidj üollgiefjcnbcn Slbrunbung unb (Erweiterung ber fchon 1841 
fcheinbar abgefchloffcncn „ s f?haHtafic in A«mott" jum itonjert.*** 

* DpuS 56. Stubien für ben Sßcbalflügct. (ftftcö ipeft: Sedjä Stüde in 
fanonifdjer ftornt: 9iad) bem §anbejcnip(ar : „Bresben 2Jtai unb 3uni 1845", 
unb CpuS 58. „Stilen für ben ijkbalflügel", bie baä |>aiibejfmplar in ben 
Stprü unb SOlai 1845 fegt. 

** 3)ie ©ebid)te ber Sroftc fiabcn auf Sdjumann einen tiefen Ginbrud ge- 
ma<f)t. Sgl. aud) 33 riefe, 9t. g. 2. Sfufi. 9fr. 274 S. 246. Srief an Ülnberfen 
Bom 14. 9Iprit 1845. 

*** Cpuä 54. 9?ncf) bem ipanbegemplar: „lfter Saft, ber ein abgejdjtoffcncr 
Sofc rcar, unter bent 9lamen „Sfjaniafic" fomp. in Seipjig ini ffltai 1841, bie 
anbern Sä {je in 2)rc$bcn ®fai unb 3uli 1845.“ 



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1844—1860. 



133 



§fm 27 . guiti frfjreibt Sfnra barüber: „Stöbert hat 31t feiner 
'ißfjantafie für ftfaoier unb Crdjefter in A=molI einen lebten frönen 
2 afe gemalt, fo baß es nun ein Äonjert geworben ift, baS itf; 
nädjften SSinter fpiefen werbe. Scß freue mich fefjr barüber, benn 
eS fehlte mir immer an einem großem Sraoourftücf oon ißm." Unb 
einen SDtonat fpäter, 31 . Sufi: „Robert fjat fein Äonjert beenbigt 
unb e$ bem Stotenfdjreiber übergeben. 3dj freue mid) wie ein ftöitig 
barauf, es mit Crcfjefter 31t fpieleit." Sfber aucf) bieS war nur 
Vorarbeit unb Sorffang ju größcrm, womit Stöbert am SScihnadjtS« 
abenb Stara überrafcßte. 8n fdjwerer $ag* unb Stacßtarbcit ber 
testen Sejemberwocijen war, of)ne baß Efara eine Sl^nung fjatte, 
um was eS fid) Raubte, bie ©fijje ju ben 3 erften ©äfccn ber 
C*bur*@t)mpljonie* entftanben. „SJtein Sftamt", fcfjreibt ßlara am 
27 . ®ejember an SJienbefSfohn, „ift fü^Iidj fefjr fleißig gewefen 
unb ßat rnicb 311 SSeifjitadjtcn fjod; erfreut unb überrafdjt mit ben 
2fi33en 3U einer neuen ©tjmpfjonie ; er ift lauter SJtufif jefct, fo baß 
eigentlich gar nichts mit if)nr an3ufaitgen ift — icf) fjabe ifjn bodj 
gent fo!" — 

$ie erften SSocßen be» fofgenben SaffreS 1846 galten jebod) tior 
allem noch ber SluSfeifungSarbeit am A=motI*&on3ert, unb in biefc 
wieber fdjob fid) etwas SteueS, bie Äompofition „einiger fdjoner ©e* 
fangSguartette", W 03 U, wie baS SEagebucß @nbe 3 anuar bemerft, „bie 
Seranfaffung ein neuer herein, Siebertafef mit grauenftimmen (oon 
SKcnbefSfoßn in Seip3ig 3uftaitbe gebracht)" gab**. $ie gnftrumen» 
ticrung ber ©tjinpfjonie würbe noch SRttte gcbruar („am 12. ge* 
bruar begann St. feine neue Spmphonie 3U inftrumentieren") in 



* €pu4 61. 9tm 26. SPej. treibt Slara im Xagebud): „9t. beenbcte bie 
Sfijje ju einer St)mpf)onie." — 9iad) ©djumannS Stotij im $anbejemplar ift bie 
Sftjyierung Dom 12.— 28. ®ejember erfolgt. 

** GpuS 66 . „günf Sieber für gemifdjten ©t)or, bem Seipjiger Sieberfranj 
geroibmet," ift rootjl gemeint. 2>a3 §anbejemptar fjat nur bie Datierung: 
„$re#ben 1846." 



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134 



1844-1850. 



Angriff genommen, geriet aber halb wegen ber obenerwähnten 
Überreizunggerfdjeinungen wieber ing Stoden. 3u ber erzwungenen 
Stufjepaufe tauchte SJtitte 3Jiär$ ein neuer ißlan auf: „Stöbert", 
fdjreibt Glara am 18. 3J2är^ , „getjt mit einem Ijiibfcfjen ^ßlan um 
bie 93iograpf>tc eineg Dabibgbünblerg ju frf;reiben, weldjeg er felbft 
ift; baf)inein wollte er feine frühem Sluffäfce, auch a ^ e ©ebiefjte üon 
fidj bringen, unb übrigeng füllte ein romantifcher gaben burd) bag 
©an^e gehen, ol)ne jeboch ber SBahrheit zu nahe ju treten." „95er» 
ftedte fötufil", offenbar Wie jene mogfauer Dichtungen, nur baff eg 
hier beim ißlan blieb, unb bah biegmal bag Übertreten auf bag 9?ad)-- 
bargebiet nicht wie bort aug SDtanget an dufferer Stuije, fonbent aug 
ber burch Sranfheit erzwungenen SJiufje fid] erflärt. „Stöbert fah alte 
®ebid)te burd)", hrifjt eg im felben ßufammetihang, „unb wirb bie 
beften in ein befonbereg Such cinfchrciben." Slud) bag, obwohl Slara 
beiben planen grofje Spmpathie entgegenbrachte unb fich toornahm, 
ihn fpäter einmal an bie Slugführung ber Daüibgbünblerbiographie 
ju erinnern, fcheint unterblieben ju fein, benn in ben folgenben 
Saljrcn trat bie mufifatifd) fdjöpferifdje Dätigfeit wieber ganz * n 
ben Sorbergrunb unb bulbete leine anbem ©ötter neben fich- 
Studj in ber golge litt bie Strbeit an ber Spmphonie fchwer unter 
Schumanng fchwanfenber ©efunbheit. Gin Sltittc SStai 1846 aufg neue 
unternommener Slnlauf hotte fofort bie iibelften SSirfungen. Unb 
wieber bilbetc bann eine Sefdjäftigung mit Dperntejten — Se= 
fpredjungen begwegen mit Steinicf — eine Slrt Slblenfutig. Die 
eigentliche Strbeit ruhte böllig big junt feerbft. Dann aber fam 
auch in Storbernep, wie eg fehlen, wiebererlangte ©efunbheit 
ooll ber SoHeitbung ber Spmphonie zugute. Gnbe (26.) September 
ift er bereits beim lebten Sah, unb am 19. Dftober ift bag SBerf be* 
enbet. 2lm 5. Sioücmber fanb bie erftc Sluffiifjrung in Seipzig ftatt, 
über beren fowie über ber am 16. Stoüember ftattfinbenben 
SSicberljolung Schidfale ja früher fdjon berietet würbe *. gwifdjen 
* SJgl. oben ©. 80 ®ttm. 



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1844-1850. 



135 



ber ersten unb jfoeiten Stuffü^rung nahm Schumann itocf) „mausertet 
fe^r gute Anberungen" Bor, fo bajj et am 13. dtoBcmber Klara 
allein nad) Seidig reifen (affen mußte, weil ifjn bie Arbeit nod) 
feftljielt. gut Klara, bie aug bet Sfijje fid) nur eine fefjr unood» 
fontmene 3bee non bem ganzen SSerfc batte machen fönnen, unb bie 
bet bcn beiben Seidiger Aufführungen burd) bie eigentümlichen, biefe 
bcgleitenben 2 Kißgefd;icfc auch »>d)t ju einem redjt »öden, ruhigen 
©enufj gefommen war, warb bie ©röfje unb Sigcnart biefeg in 
idjwerfter ßeit entftanbencn SBerfcg eigentlich erft Mar > n ber 
3wicfauer Aufführung ber ©hmpfjonie im 3uli 1847: „ÜJtirfj er» 
wärmt unb begeiftert", fcfjrcibt fic unter bem lebhaften Sinbrucf 
ber 3roii auer 2^ctge, „bieg SBcrf gattj befonberg, weil ein fül)ner 
Schwung, eine tiefe fieibenfdjaft barin, wie in feinem anbertt non 
Roberts SBerfen! ein ganj befonberer Kf)araftcr unb eine gartj 

anbre Kmpfinbung waltet hier Bor, als 3 . ©. in ber „ißeri“ 

3)iefe beiben Söcrfe gehören jebeg in feiner Art 31 t meinen liebften 
mufifalifchen ©enüffen." 

Auch Klara war in biefem 3 dtraum nicht rnüfjig gewefen, troßbem 
bie Sorge um Stöbert unb bie wachfenben Pflichten alg |>augfrau unb 
ÜJtutter — jwei Sßodjenbetten, im 9Jtär$ 1845 unb im gebruar 184G! 
— ihr für bie fünftlerifdje Arbeit ben ilreig immer enger unb enger 
jogett unb audj bag Kinlcben in bie neuen ©erhältniffe Störung unb 
Unruhe aller Art brachte. Aber biefe Hemmungen würben oon iljr 
Melleicht jefct weniger ftarf empfunben alg in frühem fahren, 
weil ihre ftinftlerifchen Seftrebungen mehr benn je in biefem 3 “t* 
raum burch SHobertg fchöpferifdje Jätigfeit Stidjtung unb 3 ' e ^ er ‘ 
hielten unb fie neben ber fortfchrcitcnben Vertiefung ihrer ntufifa» 
lifchen ©ilbung Bor adern in ber Srjdjliefjung Bon Siobertg ©eniug 
für bie Außenwelt ihre Hauptaufgabe erblidte unb ben größten 
leil ihrer fünftlerifdjen ft'raft unb Arbeit bei ber SBiebergabe feiner 
Sßerfe einfefcen fonnte. 

SDamit oerfdjwanb ganj Bon felbft mehr unb mehr jener 3 ®i e> 



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136 



1844 - 1850 . 



fpalt gwifdjen ihren ^ßfricfjten gegen fid) fetbft unb ihren SDtaitn, ber 
if)r unb iljm in ben erften Satiren jo manche fc^vuere ©tuttbc be- 
reitet tjatte. Unb bieje« 2)ienen, biefe« ffiinorbnen unb Unterorbnen, 
wa« eine Heinere Statur fjätte gerbrcdjeit formen, warb if)t gunt §eite, 
,,e« tifj fie nach oben." Smnter mehr oertoren, je metjr fic fid) mit 
Stöbert in fontrapunftifd)e ©tubien oerfenfte unb an feiner jpanb 
fid) burdj bie graue 2{jeoric oott SEjerubiniä 'Xfjeorie be« Sontra» 
puntteS unb ber jfruge burd)arbeitete unb gleichzeitig in bie praf« 
tifc^ett Stufgaben, bie if>r au« neuem ©Raffen erwucfjfen, vertiefte, 
bie fogenannten intereffanten SBerfe für fie ben Steig, gingen ifjr bie 
Slugen auf für bie ftrenge (Erhabenheit Söachö unb für bie bätnonifdje 
Xiefe Secthooen«. 

2)ie fontrapunftifdjen ©tubien, bie, wie gefagt, fid) (feit bent 
Stprit 1845) an ßfjerubinis J^eorie anjdjtoffen, unb bie, mit eifemer 
(Energie burdjgefüfjrt, erft im Stoüember iljren Slbfdjlufj fanben, 
famen gunächft ihrer eignen Sompofition gugute: bie fjjrudjt waren 
bie „^rätubieu unb gugen“ (0p. 16), mit beren ®rud fie Stöbert 
an ihrem ©eburtStage 1845 überrafdjte, unb ba« „Xrio für Sßiano« 
forte, SSioUne unb SSioIoncello" (Op. 17), ba§ im SJiai 1846 be* 
gönnen unb am 12. ©eptember, ihrem fiebenten §ochgeit«tag, be« 
enbet würbe. 

Unb für bie Sßicberaufnafjme ihrer lange unterbrochenen reget» 
mäßigen Staoierftubien fdjeinen ber unmittelbare Stntajj ihre« 
SWanne« ©tubien für ben SjSebalftügel gewefen gu fein, benn 
faft in bireftem Stnfdjtufj baran erwähnt ba« Üagebud) im 
9)tai 1845: „Sch fing wieber an, täglich gu fpieten." Ungefähr 
gleichseitig begann fie au« ©d) umarm« „Ouvertüre, ©djergo unb 
gittale" bie Ouvertüre unb ba« ©djergo oierhänbig für ba« Stavier 
gu fefcen at« Überrafdjung für Stöbert« ©eburt«tag. 

SÖtitten in biefe ftille ©d)affen«geit ber beiben bringt eine gewiffe 
(Erregung bie Simbe üon einem großen Greigni« in ber SDtufifwett, 
„baö gang grattfreid) in St tarn fe^t" unb beffen SBetten aud) fchon 



1844 — 1850 . 



137 



nad> 3>eutfdjtanb tjerüberfdjtagen: Slitfang 3uni bringt filier bcn 
Ätaoieraugjug bou geticien $aoib# „Stpnpfionie" „Le Desert". 
9tber Stara uitb SRobert „finben gar nidjt# Sefonberc# barin, tuebet 
fdjöne ÜKelobieit, nod) tjarmonifcfj intereffant, ltocf) in bcr (Srfinbung 
Sigetttümlidje», unb ba# ©an^e überhaupt gar feine Stjmpfjonie, 
fonbern nur eine 2lncinanbcrreif)ung oon fteinern Stiiden." 

ttucf) at# bann ber neue ißropfjet einen SDJonat fpäter (12. 3uti) 
fetbft in $re#ben crfdjeint unb „bie SBüfte" jur 9tuffütjrung bringt, 
ift ber Sinbrucf ber gleiche: „ein latent, geioanbt in ber Snftru* 
mentation, bod} uirgenb Originalität unb am afterit>enigften, roie 
e§ bie ißarifer Jölätter fdjrieben, eine neue ?Iera in ber Jhinft". 
„©# l)interlie^ mir feine ÜJtufif", fdjtiefjt Gtara, „burdfjau# fein 
Verlangen, fie wieber ju fjören, idj fjatte ganj genug mit einem 
ÜRale." $ie# galt übrigen# and) üon bem Äomponiften felbft, beffen 
33efanntfcf)aft — er brachte nadj bem Sondert ben Slbcnb mit 
filier# bei itjnen ju — für Stara nod) ein Heine#, für beibe leite 
fef)r djarafteriftifdfe# Sfadffpiet tjabett fotlte. Gtara fjatte ifjn um 
ein Stutograpt) für ifjr Stlburn gebeten. @r aber Fjatte offenbar 
loeber oott itjrer Stbficfjt nod) oon itjrer pcrfönlidjen Stellung in ber 
Jlunft eine Sttjnung, benn fur^e 3cit barauf fanbte ber große SDJann 
fotgenbe# 3 eu 9 n i^ : 

Avant mon depart de Dresde , je dois remercier Madame 
Schumann de tont le plaisir que j’ai eprouve ä l’entendre. Je 
puis lui dire saus flatterie, qu’elle est du petit nombre des ar- 
tistes qui sentent veritablement le bean et qui l'expriment sans 
emphase, avec force, noblesse et simplicite. C’est le cachet de 
lartiste ein. Je suis heureux de rendre cct hommage sinefere 
au beau talent de Madame Schumann. 

Felicien David. 

Gtara aber ergrimmte unb fdjrieb fotgenbe ?(ntWort: 

Madame Schumann n’ayant pas demandee une attestation 
pour son album remercie Monsieur David pour sa bonne volonte 
et prie du reste d'accepter l’assurance de sa parfaite estimc. 



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138 



1844-1850. 



3)omit war biefe unerquicflidje, aber wenigftenS, foweit ber Äom* 
ponift babei eine SRoIIe fpielt, ftitooU in bcn fRafjmen bcS SDJilieuS 
ber „Sßiifte" ficfj einfiigenbe ©pifobe erlebigt. 

Slara aber riiftete ficfj ingwifdjen für bie beüorfteljenbc ÄongcrP 
faijon unb begann gunädjft mit bcm Stubium non fpenfelts neuem 
Älaoiertongert, baS if)r iubcä aucf) mieber eine arge ©nttäufdjung 
bereitete, fo oiel ©tiid eS nadjljer im Äongertfaal machen füllte; 
fie toermifjt bie „(Srfinbung" unb finbet, baü er feinen fpauptgwecf in 
ißaffagen furfjt. „2)iefe finb müfjeooll, ntöglidift ferner l)erau$gefud)t 
unb ftüdweife ancinanbergcfügt. ®er erfte Sag ift burdjauS fein 

©angeS aud) ift feine fdföne Surdjfüfjrung barin unb (baS erfte 

ausgenommen) fein fdjöiteS frifdieS SDiotiö barin ... @3 ift bod) 
nidjt fo leicht, ein Äongert gu fdjreiben, bagu gehört fdffon ein 
poetifdjeS ©emüt unb (Genialität unb fdjöpferifdje Äraft, fotl bie 
Äompofition ein bauernbeS Sntereffe gewähren. .fjenfelt fefjlt eS 
an erfterm gewiß nidjt gang, bodj qef)t aucf) bieS unter in feiner 
©udjt, medjanifd) baS aiißcrorbentticfiftc gu teiften, unb erft rnufj bod) 
ber ©ebanfe ba fein, bann fommt baS anbre!" 

Unwiltfürtid) fällt baS Sfuge auf bie gegenübcrliegenbe (Tage* 
budjfcite; unb eS ift, als ob auf einmal bie fünftlidje Seleudjtung 
erlöfdje unb baS fjetle Sonnenlicht ßereinfdjiene: „ÜRittWocfj, ben 
3. September, fing id; SRobertS Äongert gu ftubieren an. SEßeld) ein 
Äoutraft, biefeS unb baS $enfettfdje! wie reid) an (Srfinbung, wie 
intereffant oom Slnfattg bis gum (Snbe ift eS, wie frifdj unb weld) 
ein fdiöiteS gufammenf)ängenbe8 ©ange! idj cmpfinbe ein waljrßafteS 
Vergnügen beim Stubieren." 

9ftan fü^lt : eS ift nicht bie grau oon fRobert ©djumamt, bie 
fo fpridjt unb urteilt, fonbcrn bie Äünftlerin, ber baS $erg weit 
wirb, weil fie bem großen ©eniuS bienen barf. 

S^re öffentliche lätigfeit in biefem Söinter 1845—1846 fpiette fich, 
abgefeßen oon einem eignen Äongert, baS fie am 4. 2)egember 
gab, üorwiegenb auf brei Sdjauplägen ab: in einigen ©ewanb» 



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1844 - 1860 . 



139 



ßauefongerten (5. Dftober unb 1. Sanuar), in ben ®re«bcner neu 
eingerichteten Slbonnementsfongerten unter filier« 2)ireftion (25. 
Stoücmber) unb in ben non Stöbert unb Clara Schumann nor ge* 
labenent ißublifum öeranftalteten SJtatineen* (1846: 7.2lprit, 19. Stpril 
unb 3. SJtai). Sßrer improDifierten Teilnahme am Äongert ber Senat) 
2inb in fieipgig (16. Slpril) ift bereit« gebadet roorbcn. ©eacßten«* 
wert ift, jebenfatlS bei ben Äongerten, baß — mit SluSitaßme 
be« erftcn ©ewanbfjauSfongert«, mo fie fpenfclt« Äongert unb außer« 
bem non Schumann nur eine ber neuen gugen für Älaoier fpielte, 
unb, merfwürbig genug, be« $re«bener SlbonnementSfongert«, in 
bcffen Programm Schumann gang fehlt (!), — fie jeßt mehr als bi«» 
her al« Snterpretin Stöbert Schumann« nor ba« ^ublifum trat, 
in ihrem eignen Äongert unb in bem 2. ©ewanbßauSlongert mit 
bem A«moü«Äongert (in ®re«ben außerbem al« Steußeit SJtenbet«« 
fohn« 3)uo gu nier fmnbctt) unb in ben SJtatineen mit bem 
Älaoier «Ouartett in Es*bur (0p. 47) unb bem 0uintett, außerbem 
mit einer Steiße non flcinen ©oloftücfen. ©eacßten«wert ift ferner, 
baß baneben bie ©rabourrepertoireftücfe ber alten Schule burcß 
Sßerfe non ©eetßooen, ©ach, SJtetibelSfoßn erjeßt toerbeit, unb 
beachtenswert fcßließlicß, baß in bem SJiaßc, al« biefe ©roßen 
in ißrem Stepertoire au« ber gweiten in bie erfte -Stelle rücften, gang 
unwiHfürticß auch * n anbrer Segießung neue Sötaßftäbe bei ber 2lu8* 
Übung ißrer Äunft ficß bilbcten unb ißr gur gweiten Statur würben. 

3wei gälte finb cßarafteriftifcß : 

2tm 2. 0f tobet 1846 probiert fie gum erftenmal ißr Xrio unb 
ßat gunäcßft eine gang naine Scßöpferfreube baran: „(£« geßt boeß 
nießt« über ba« ©ergnügen, etwa« felbft tomponiert gu ßaben unb 
bann gu ßören. ©8 finb einige ßübfcße Stellen in bem Srio, unb 
wie i<ß glaube, ift e« aueß in ber gönn giemlicß gelungen." greilicß 



* 2)ie beiben erften fanben im §aufe ftatt, bie brüte im Saale be§ Kofel* 
ßßen ißalai«. 



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140 



1844 - 1850 . 



folgt fdjon bie öinjdjränfung : „natürlich Bleibt ei immer g rauens 
Zimmerarbeit, bei beiten es immer an ber Straft unb ^ie unb ba 
au ber (Srfinbmtg fehlt." @itt paar Söodjett fpäter, am 18. ÜRo« 
oembcr: „3dj fpielte beute abenb Stöberte Älaoierquartett unb mein 
Stio, baS mir, je öfter id| es fpiele, je unfdjulbiger »ortommt." 
Unb ein Safjr barauf, im September 1847: „äRein Srio erhielt 
idj b eute auch fertig gebrueft ; baS wodte mir aber nicht fonbertief) 
auf bcS ^Roberts (D.inoll) munbcit, eS Hang gar roeibifcf) fentimental.“ 

Unb ber jweite gad: 3m SRoöentber 1846 fanben jene bei» 
ben erften Aufführungen ber SdEiumannfchen C»bur=St)mphonie 
in Seipsig ftatt, bie, wie erwähnt, bureb adertet dRifjgefdjid 
unb 2RiB»crftänbitiffe getrübt Würben. Slara perfönlid) tnig aller» 
bingS in beiben Stoujerten ben größten fünftlerifchen Grfolg ba» 
»on, eine STatfad^e, bie ihr in frühem 3af)ren, wenn fte auch fetbft 
mit ihrer Seiftung jufrieben war, im Augenblitf über Seilnahm- 
lofigfeit beS SßublifumS gegen Stöbert hinwegsufjelfen pflegte. SieS» 
mal aber, jum erftenmal, trat baS oollig jurücf hinter bem Stummer 
unb ©erbrufi, bajj bie Stpnphonie nicht fo gefpielt worben, wie eS 
bie ©ebeutung beS SBerfeS »erlangte! 

Sieje beiben Stonjerte, benen ein Auftreten SlaraS in einem 
©ewanbljauSlonjert — am 22. Oltober — , in bem fie ©cctf)ooenS 
G«bur>Äonjert mit jwei felbft fomponierten Stabenden sum erften* 
mal gefpielt h»tte, »orangegangen war, fodten übrigens für einen 
langen geitraum bie lebten auf biefem ©oben fein, bettn unmittel» 
bar banad), am 24. Stooember, traten fie bie langgcplante Stonjertreife 
nach SBien an, bie auch ” l ©djumannS fchöpferifcher Sätigfeit eine 
fonft burch feine ©efunbheit nicht bebingte Sßaufe »on faft 5 9Ro» 
naten brachte. Sie beiben älteften Stinber begleiteten fie. 

3n GlaraS mufifalifcher Saufbahn bilbete zweifellos ber SBiener 
Aufenthalt bcS SßinterS 1837 auf 1838 ben Sicht« unb ©lanjpunft. 
2Bar bod) hier eigentlich erft ihr Stern aufgegangen unb »on hier 
auS ber SBett Slara SBiecfS ÜRame als einer ©crufenen unb AuSer* 



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1844—1850. 



141 



wählten her mufifalifdjen SGBelt »erfüitbet worben. Sßon SBiett, wo 
ifjr ©rillparger bie bicf)tcrifche ÜBcihe gegeben, wo bag Saiferf)aug 
unb bag ißublifutn ntiteiitanber gewetteifert hatten, bag ftitlc ernftc 
Ueäbc^en mit beit 3auberf|änben mit 2fufnierlfamteitcn unb Vcifalls= 
lunbgebungen aller 2lrt gu Überläufen, batierte il)r Shthnt. Unb 
auch für Schumann fnüpften fief) an feinen SBicner 2lufentf)alt freunb= 
lidjftc Srinnerungen. 

©o ift es begreiflich unb gerabegu felbfttoerftänblicfj, bafj beibe 
bie Steife bort^in mit beit benfbar fjüdjft gekannten SrWartungen 
antraten. 2öar bett Söerbenbett fdjon oor faft einem 2>egennium fo 
freunblichwerftänbnigüotle ?tufnal)me guteil geworben, wie mujjte 
man erft bie reifen Sünftler empfangen, bie ingwifchen bie bamals 
auf fie gefegten Hoffnungen fo mächtig übertroffen hatten, wie toor 
allem ©chumattn, ber, oor 7 fahren nur ber engen ©emeinbe ber 
Senner, unb aud) biefett nicht Don Hörettfagen, befannt, titgwiftfjen 
fiih feinen ißlafc neben SDtenbelgfoljn erobert hatte! 

«uf bie Sunbe öon ber beoorfteheitben Steife hatte ßlarag alte 
greunbitt Stnilic Sift, bie bamalg in 2luggburg lebte, fie gu fich 
eingelaben unb gleid)geitig gemeint, eg werbe fitf; auch in anbrer 
Vegieljung biefer Vcfttch lohnen, um bort einen in SSiener ntufi= 
lalifchen Sreifen fef)r einflußreichen 9)tann gu befud)en, ber burd) 
einige Stuffä^e in ber SSiencr treffe ihr oon großem Stufen feilt 
löntte. Klara hatte barauf ctrnag gcreigt erwibert: „21 ber befte 
Smilie, wag bettlft ®u? ich foll nach 2luggbitrg foitttiteit, bamit 
Solb einige Stuffä^e über mi<h fchrcibt! nid)t einen ©djritt bcglfalb, 
ba fennft 2>u mich fcf;lecht , unb nun öoHenbg in SSien, wo ich 
mehr gelaunt unb geliebt war alg irgcnbwo in $eutfd)lanb." 

gür bie Vergangenheit war bieg gweifellog richtig; baß man 
aber an feinem Drt ber SBelt fd)tteller lebt unb fchneller oergißt 
alg in ber Saiferftabt an ber ®onau, bag füllte fie gu ihrer bitteru 
Snttäufdjung in bett folgcnben SJtoitatcn erfahren. 

Sin feltfameg ÜDtißgefchicf waltete uont erfteit big gum testen 



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142 



1844-1850. 



läge über bent SBiener Slufentfjalt. MeS fd^ien fich Bereinigt 311 
f)abcn, um beiben auf Schritt unb Sritt Steine in ben 2Beg 3 U 
werfen, unb felbft bie wenigen £id)tbticfe, wie baS ßufammen treffen 
mit ber Sinb, bienten nur ba 3 u, bie übrigen Sßiberwärtigfeiten um 
fo fcharfer fjertwrtretcn 3 U taffen. ?lnbreS wieber, was anfangs 
als günftige ffügung empfunden würbe, wie baS SBieberfehen mit 
StaraS greunbinnen ©milie unb ©life Sift, »erwanbelte ficf» in baS 
©egenteil, inbem ber ptö^Iidfje, unter fo befonberS tragifchen Um« 
ftänben erfolgte Job griebrich Sifts, beffen Äunbe bie Söchter 
gerabc unmittelbar oor ber ißrobe 3 U ©laraS erftem Äongert erreichte, 
auch au f ©timmung ©laraS, bie ben faffungSlofen Schmerj ber 
Äinber nun aus nächfter Sfätje mitertebte unb teilte, einen tiefen 
Schatten warf. 

®ei bem alten ffreunbe gifchhof fanben fie allerdings bie 
alte fjerglichfeit unb lebhafte Spmpathie unoeränbert oor*; aber 
baS war eigentlich auch baS einzige ©eficfjt in gang Sßieit, baS 
fie fo anfah, wie fie ficfj’3 üorgefteflt Ratten. Unb wenn ihnen 
in bem phith«rmonifchen Äongert unter SiicolaiS Seitung, baS fie 
am gweiten Slbenb hörten, ber Älang ber Snftrumente — „bie hier 
weit fchöner finb als bei unS" — einen großen ©inbruef machte, 
wäljrenb fie an ber Sluffaffung im gangen unb in ©ingelljeiten „baS 
rechte ffierftänbniS" uermifcten, fo war bamit für bie Slufnahme, bie 
ihrer in SEBien harrte, eigentlich f4)° n öer ©runbafforb angegeben. 

25aS Sßien oon 1846 fang unb fpielte gum Seit wuitberfchön, eS 
hatte wunberooHe Snftrumente , wunbertioll gefcf)icfte |>änbe unb 
wunberooü geläufige Äehlen, aber für baS, was bie beiben norb« 

* ®odj wohnten fie nic^t bei if)ttt, wie ftanStid in feinen „©rinnerungen“ 
crjä^lt. Bietiueljr fiebelten SdjumaimS, naebbem fie juerft in ber „Stabt granf« 
furt" abgeftiegen roaren, Bon bort nad) 3 Sagen in ein ißribattogis am Bauern« 
raarft im @unbefl)of, tammerbofgaffe 549, im erften Stocf über, für ba$ fie 
täglich einen Sufaten jaulten unb m bem fie bis jum Scblufj roobnen blieben. 
Sanad) berichtigen ftd) auch bie übrigen Angaben §anSlidS a. a. Q. über baS 
3immcr „4 Sreppen bod)", in bem bie SRatineen ftattfanben. 



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1844 - 1850 . 



143 



beutfcpen SDfufifcr ipnen bet in iprer großen feufepen Äunft brachten, 
nidpt bo8 minbefte Verftänbnis. 

SDer ®runb aber, bafj man fiep bieSmat fo gar nitpt berftanb, 
roäprenb man fief; bor 9 Sauren fo gut gu öerfteljen glaubte, lag 
niept barin, bajj SBien fiep ingmifepen fo fepr, fonbern gerabe barin, 
baf} e§ fiep fo wenig Oeränbert patte. 

Slara Scpumamt , bie mit bem gleichen ober einem äljnticften 
Sirtuofenprogramm oor iptten erfepienen märe, wie oor 9 Sapren, 
toiirbe bermuttiep fetter mit bemfetben Sntpufiagmuä bejubelt worben 
fein wie bamats als Sfara 35}iccf. Unb fie würben infotgebeffen 
auep Stara Sdpumann, bie als Snterpretin VeetpobenS auftrat, mit 
Spannung unb Sntereffe aufgenommen fjaben wie bantats. Slber 
(Stara Sepumann, bie ipnen bie SJiufif Stöbert ScpumannS brachte, 
bie patte ifjnen nicpt3 gu fagen. 

Sie gab im Saufe bon 3 SJtonaten bier Äongerte. $)a3 erfte 
am 10. $egember, in bem fie, aufjer bem G«bur»Äongert bon 
Veetpobcn, bon Sfjopin bie neue Sarfarofe (Dp. 60), bon Scar» 
fatti ein Ätabierftütf, bon SJtenbetSfopn ba§ grüptingSlieb unb 
bon Sepumann einen Äanon unb eine Stomange fpielte, „war teib= 
tidp Befucpt." „SBir patten einige $ufaten über bie Äoften. f£a8 
Sßublitum napm miep (befonberS naep bem G-bur^Äongert bon 
Vectpoben) fepr freunblicp auf", berieptet ba§ STagebudp, fept aber 
pingu: „idp fanb aber nieptä bon bem (SntpufiaämuS, wie er bor 
9 3apren war." 

25a§ gweite, 5 Sage fpäter, in bem bon Scpumann baS Duintett, 
ba§ Snbante unb Variationen für gwei Älabiere (unter ÜJtitwirlung 
bon Stnton Stubinftein), aujjerbem SpopittS ißotonaife (Dp. 53 As-- 
bur) nnb gum Scpfufj ein Scpergo bon Stara, fpenfeftö SSiegenlieb 
unb ein Sieb opne SB orte gum Vortrag tarnen, braepte gerabe bie 
Äoften! „®a§ Duintett bott Stöbert gefiel fepr", berieptet Stara, 
„unb würbe fepr beifällig aufgenommen, er fetbft gerufen." Stber 
fepr biet mepr ata ein StcptungSerfotg war e3 boep niept. „ÜJteine 



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144 



1844 — 1850 . 



anbern Sacf)en (aufjcr ber A=motI= 5 uge oon Sad)*) jprachen nicfit 
jo feljr an, man machte mir ben Sorwurf, xd) fpiele 311 gute ©ad)en, 
bie oerftünbe ba§ (ßubtifum nicht. SDfir war biefer (Borwurf lieber 
als ein umgefefjrter. Sch merltc aber gar halb, bafj id) nidjt natfj 
Söicn paffe, unb bie Suft, fjierjubleiben, »erging mir gattj, nod) »iel 
weniger !ann fid) Robert F)ier auf bie Sänge gefallen. Sie (Diittel 
311 bem SSeftcn finb hier, bod; ber gute ©inn feljlt — bie Staliener 
oerberben baS (ßublifum." 

GS ift nur 311 begreiflich, baff unter biefen 33ert)ältniffen, jumal 
Klara wegen heftigen UnwoljlfeinS baS britte, auf ben 19. Eejcmber 
angelegte .Wo 11 , 5 er t hotte uerf (hieben müffen, eS fein fef)r fröhliches 
S3cif)nad;ten im ©unbetfjof gab. 

„Sßir jünbeten einen Saum an unb befeuerten unfern Äinbern 
einige (einigfeiten, wir aber, (Robert unb ich, fonnten unS nichts 
befdjeren, beim wir hotten ja nodj gar nichts oerbient! ich war 
redjt traurig im Snnerftcn meine» fierjenS, es war baS erfte 2Bcifj s 
nachten, wo id) meinem lieben (Robert nicht nur feine Sireube, fonbern 
Setrübuifj machen muhte." 

Ser traurigen 2Bcil)nad)t folgte ein faum miitber trüber 
SahreSjdjluh. 3lm 31. Sejember war bie jweite (ßrobe für bas 
nunmehr auf ben 1. Sanuar angcfefjte britte Äonjert, in bem bie 
B<bur<©pmphonie unb baS A«moD* Moniert oon (Robert gefpielt 
werben folltcit. „Sch war in einer ftfjrcdlidjen ©timmung heute", 
fchreibt Glara, „ich glaubte mid) oon allen, felbft oon SRedjetti**, am 
gefeinbet, unb baS alles infolge elenber Äon^ertangclegenheiten! 
Sa hotte idj hie unb ba feilte Slnfdjlaggettcl gef elfen, bann waren 
wenig (Billette abgegangeit, bann fdjricb ber ©änger ab, weil er 
heifer war, fürs ich war fo geftimmt, bah ich lieber gefchworen 
hätte, in meinem Seben fein Äonjert wicber ju geben. ©0 fanb 
mich benn auch ber ©ilocftcr bicfeS Sahr in triibfter ©timmung, 
unb fo trat i d) auch baS neue Sohr nidjt eben freubig an. 9Rid; 

* Programm fteljt fte nicht. 

** ®er bas gcjcfjäfUtdjc Slrrangement ber Äonjerte übernommen hotte. 



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1844—1850. 



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bauerte ber arme Stöbert, ber nun aud) fo mit in ba» fatale Stow 
3 erttreibcn Ijineingejogen würbe." 

Unb nun baS britte Stöbert felbft, ber ©ipfel ber Snttäufdjung: 
,,id) fjatte bic löetriibniS, itocf» bcinal) 100 ©ulbcn jufe^en ju muffen, 
wa§ jum erftenmal in meinem Heben gefcfjaf)! Srojjbent itafjm id) 
inicf) möglidjft 3 ufammen unb fpielte gut. StobertS Stottert (ba# er, 
fowie bie ©t)mpf)onie, felbft birigierte, waS bod) aud) wieber eine 
^reube für micf) war) gefiel aufjerorbentlidj, fowie aud) bie 
©pmpfyonie, nad) ber Stöbert mefjrmals fowie nad) beut Äonjert 
gerufen würbe." 

gaft fcf)eint eS, als ob, was ben äufjern Erfolg ber ©djumann* 
fdjen Äompofition antangt, biefer Sericfjt itodj etwas 31 t rofig gefärbt 
ift. §anSlid als Slugen* unb Cf)ren 3 cuge erääl;lt: „$er 23efud) 
war fel)r ntäfjig, ber SlppIauS tüljl unb augenfd)cinlidj nur für Elara 
gefpettbet. 2)aS ^laüierfoit^ert unb bie ©pmpfjonie fanben nur 
wenig Slnflang." 

®erfelbe GJewäljrSmann bcridjtet aber aud) üoit jenem Slbcnb 
eilt SSort ©cfjuntannS, bei bem einem unwillfürlid) bie ©oetfjefdjen 
Sßerfe aus „SßanbrerS ©turmlieb" in ben ©inn fommen: 

SBen 33n nicht oerläffeft, ©eniu$, 

Sticht ber Stegen, nicht ber ©turnt 
faucht ihm Schauer über# §erj. 

„St adj bem Songert," Reifet eS, „waren wir nod) mit ©djumann 
3 ufamnten, id) unb ttod) 3 Wei braue uerftänbnisuolle ©djutnaun« 
oerel)ter. ®ie SJiinuten uerftoffen in einem unbefjaglidjen Still» 
fcf)Weigen, ba jeber uon uns gebriidt war uott ber lauen ftufnaljme 
biefeS fo Ijerrlidjett SJtufifabenbS. Elara bradj juerft baS ©djweigen, 
inbent fic über bie Stälte unb Unbanlbarfeit beS SßublifumS bitter 
Jlagte. SßaS wir anbern aud) 93efdjwid)tigcnbeS 311 fagcn ücrmodp 
tcn, eS fteigcrte nur ifjren lauten SJtijjmut. $a fprad) ©djuinaitn 

Sltjmann, Clara ©d)umann. II. - 10 



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1844—1850. 



bie unS unbergeßlicßen Sorte: „Serußige Sicß, liebe Clara; in 
geßit Sauren ift baS alles anberS ! " " 

SRiemanb lonnte fidj barüber täufdjcn, baß nacß biefen Crlebniffen 
unb bett ftetig geringer werbenben Ginnaßmen bie AuSficßten für 
baS bierte unb leßte Sondert fo fcßlecßt wie möglicß ftanben. Aber 
faft fjatte eS ben Anfcßein, als ob man bodj bcn Äunftfinn ber 
Siener unterjcßäßt f)abe ; benn bei bicfent lebten Äongert, baS am 
10. Januar ftattfanb, bei bem unter anberm baS ißrälubium unb 
bie 5 u 9 e in A«molI oon ®adj unb bie F*moll* Sonate non 
Scetßoben auf bem Programm ftanben, war ber Saal ber ©efelb 
fcßaft ber SRufiffreunbe „gum Crbrüden ooH, fo baß öiete SOiertfdjcn 
feinen ißlaß meßr befommen fomtten". Zod) fo erfreuließ baS auf 
beit erften SSlid feßien, eS war eine Art IßprrßuSfieg , benn jene 
Scßaren famen nießt, um Clara Sdßumann fpiclen, fonbent um 
3ennt) Sinb fingen gu ßören. 

Sennp Sinb, bie, am Za ge öor bem borleßten Äongert in Sien 
eingetroffen, biefeS felbft mit angeßört ßatte, war fofort, als 
am folgenben Sage Clara fie auffueßte, ißr mit bem Anerbieten 
entgegengefommen, in ißrem bierten Äongert gu fingen, unb ßatte 
babei allen Sanf abgeweßrt mit ben einfaeßen Sorten, baS fei nur 
ißre Scßulbigfeit unb übrigens eine Cßre für fie, bei Clara Sdju« 
mann gu fingen. SiebenSwiirbigcr unb feiner fomtte jene früßer 
erwiefene Aufmerffamfeit, bie ja im ©runbe nießt fo feßr ißr als 
SDieitbelSfoßn war erwiefen worben, nießt bergolten werben. Unb 
bie golge ll >ar, wie feßon crwäßnt, bie beabfidjtigte, ein auSberfaup 
ter Saal. „SaS Äongert war baS feßönfte unb britlantefte, was 
icß gegeben", feßreibt Clara im Sagebucß, „bcgaßlte unS bie gange 
pfeife, unb wir braeßten aueß nodß 300 Saler nadj SreSbcn mit." 
„Unb boeß", feßt fie ßingu, „geßört cS gu meinen traurigften ©rinne* 
rungen ... icß fonnte mieß bcS bitterften ©efüßlcS nießt erweßren, 
bafj ein Sieb ber Sinb bewirfte, waS icß mit all meiner Spielerei 
nidjt ßatte fünnen erreidjen . . . 9?idjtSbeftoweniger war icß bou 



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1844-1850. 



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3ennp SiubS SSortrag bet Sieber, befonberS beS „Stuf glügetn be» 
©efangeS" Don ßRenbelSfolpt, entgücft. 3dj ^atte bieS Sieb nodj 
nie fo fdjön gehört, tjier mattete aber audj hoppeltet (Sinftufj, benn 
mie idj aus atten iljren Pufferungen über SJtcnbelSfofjn erjetjen, liebte 
fie itjtt nidjt weniger als ÜJteitfdj benn als Äomponift . . . fRobertS 
„Siujjbaum" gelang itjr nidjt gang fo gut, fie fjatte itjn im Jempo 
etwas oerfefjlt." ®iefer SSeigteicfj beö äufjern SrfolgeS war aber 
aucf) ber eingige ©chatten, bcn baS gufammentreffen mit ber Sinb 
auf (SlaraS Stimmung warf; im übrigen bradjte ber 3krfe£jr mit 
itjr wieber beibcn ©djumanftS bie reinfte f^reube. Xat fie eS bod) 
alten an, bie mit itjr in SBeriitjrung tarnen, ben ©djumannfdjen 
ftinbem wie ben ©djumannfdjen ®ienftboten; crfterc fanbcn bie 
©ttern tjcimfetjrenb gang betjagticf) gutraulid; auf bem ©djofj ber 
fremben ÜDame fifcenb, unb fflebienter unb SDiäbdjeit „ftanben unb 
fperrten SDtaut unb ÜKafe auf, wenn fie ba war, unb wetteiferten 
in Ausrufungen beS Ijödjften SntgücfenS." 

©djuntann fdjreibt über jenes .gufantmenfein: „3Jiit Qennt) Sinb, 
ber lieben fjerrlidjen Äünftlcrin, trafen wir oft gufammen; fie erbot 
fidj öon fetbft, in unfenn Äongert am 10. gu fingen, unb fang audj. 
25ie Dorljcrgetjenbe ißrobe oieter meiner Sieber Witt icfj nidjt Der» 
geffen; bieS Ware SBerftänbniS Don Sföufit unb 2ejt im erften 
9iu beS ÜbertefenS, biefe cinfadj-natürtidje unb tieffte Stuffaffung 
gugtcidj auf baS @rftemal»@etjen ber Äompofition fjabc idj in biefer 

SSoßtommenfjeit nodj nidjt angetroffen SDJandjeS über fidj, über 

itjr inneres Ijat fie audj Glara offenbart, an ber fie oiet Sßotjl» 
gefallen gefunben, wie benn ßtara für fie fdjWärmt unb glüfjtl 
Audj über SRenbclSfoljn fpradjcn wir Diel, „ben reinften unb feinften 
Don aßen Äünftlem" nennt fie ifjn, unb baf; fie ©ott bante, bafj 
er biefen Zünftler ifjr im Seben entgegengefüfjrt; — fie fpradj 
baoon, baff fie bieSmat woljl baS tefctemat in Seutfdjlanb fingen 
Würbe unb fidj gang nadj ©djweben guriidgietjen , — aber 
SRenbelSfofjn einmal wieber gu fjören, wäre ifjr fein SDteer gu 

10 * 



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1844 - 1850 . 



breit.’* — 3imt Abfdjieb betub fie uns nodj mit Sipfetn unb 3 uc ^ ert 
wert für bie Kinbcr; wir fdjiebett Don il;r, wie Don einer fjimm< 
lifchen (Srfd)cinung getroffen, fo lieb unb ntilb war fie." 

Aud; ber lebhaft Don beiben empfutibene Sunfd), fie auf ber 
23üf)ne ju fcljen, erfüllte fid) gelegentlich einer Aufführung ber 
„3iegiment3tod;ter", unb bie ^reube mar groß, auf biefe Seife ficb 
baS nach ber einzigen, bisher üon ihr gehörten Dpernpartie ber 
Sonua Anna immerhin unoollftänbige Silb ihrer fünftlerifdjen 
Sßerfönlidjfeit ju ergänzen. „Sie Sinb", fchreibt Slara, „ift eine 
reijenbe, Derebelte SiegimentStodjter, fpiclt ganj eigentümlich, fang 
auch teilweife Ijcrrlich, ich wußte aber immer bebauem, bafj c§ biefe 
unb feine anbre Oper war! — 83iel Kraft fd)eint fie nicht ju 
haben, unb ich fürchte, fie hält eS nicht lange mehr auS. 9?ie habe 
ich tu t»er Seife fpielcn gefehen als üon ihr, e§ liegt ein eigner 
3auber in all ihren ^Bewegungen, eine ©rajie, Sfaioetät, unb ihr 
©eficht — jeber einzelne Seil betrachtet — nicht fdjön 31 t nennen, 
ift hoch Don einer Anmut, il;r Auge fo poetifch, bafj man unWiH« 
fürlich ergriffen wirb." 

Semt bie Begegnung mit ber Sinb alfo in beiben bie reinften 
hannonifchen Ginbriicfe Don höchftcr fünftlerifcfjer SJJeifterfchaft unb 
Dontehntfter unb liebenswiirbiger Ü}fenfd)lichfeit hintcrliefj, fo forgten 
bie übrigen Sinter — bie Ginheintifd;en unb bie gremben — bafiir, 
fie nicht Dergeffen 3 U laffen, bafj foldje ^Begegnungen auch auf ben 
§öhen ber SDtenfdjheit Ausnahmen finb. Safür forgten bie Siener 
Soumaliften, an ihrer Spifse Saphir, ber fid; für Derfagte grö* 
bittette räd;en 31 t wollen fehien; bafür forgte Sied, ber Weber 3 U 
feiner nod; 3 U ihrer f^reube gleichzeitig mit ihnen in Sien weilte, 
um feine Schülerin Uftinna Schuh bort ein 3 uführen, unb ber, wie 
fchon erwähnt, alle UnliebenSwürbigfeiten feines CShoratters in Sor« 



* ^>icr ift int Xejt ein Stern unb boju am ffianbe t»on SdmmannS §tanb 
bie SBemerhmg: „Sic fotlte ihn nietjt roieber hören, b. 9. 9?onember 1847". 



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1844—1850. 



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ten unb SBerfen gegen fie heraus fernen; bafür forgten fcßließlid) 
anbre Begegnungen, bie gang anbre Stimmung Weiften. Bor 
aßem war baS ßufammentreffen mit ÜDteherbcer, bcr fiel; gleidjgeitig 
in SSien auffjiett unb oon ber SBiener ©efeKfc^nft unb ben ntufi* 
falifcßen Streifen ftürmifcf) beweil)räudjert unb göttlich oergogen Würbe, 
eine auSgefudjte Jiicfe beS Sdjidfalä. Beging mau bod), wie 
.'panälid ju ergäßlen weiß, bie bei ©djutnannS notorifdjer ©teßung gu 
SJteijevbeerS SJtufif unglaubliche Xaftlofigteit, fie beibe im @cßrift* 
fteßer* unb Sfiinftleroerein tSoncorbia gu einem „gemütlichen Slbcnb" 
pfammen eingnlaben. „3um ©lücf", heißt e$, „faßen fie ziemlich 
entfernt ooneinaitber; fo recßt behaglich festen fid) aber feiner oon 
beiben gu fühlen". Stad) bem Tagebuch, ba§ biefe Begegnung nur furg 
unterm 12. !£egember erwähnt, erfcheint bie Sache aßerbings in einem 
für ben Borftanb ber ©oncorbia günftigern Sichte, wie ein meßr 
gufäßigeS 3ufammentreffen: „Stbenbg ging Stöbert in bie Soncorbia, 

eine Bereinigung oon Zünftlern, Siteraten, SDichtcm, fötalem ufw 

©ie finbet aße ©onnabenbe ftatt, unb Stöbert befueßt fie öfter. 
ÜRan hotte ißn ba§ erfte 3Jtal feßr freunblich begrüßt unb als ©aft 
bie 3eit unfreS $ierfein2 über eittgelaben. §eute traf er hi” 
'Uteßerbeer unb glotow. — ©öfterer ein unangenehmer, fcßmcicßlcri* 
fdjer unb friechenber §ofmamt, ber fchon weiß, wie er bie Seute 
pacft, leßterer eine Imitation oon grangofen, nicht eben fefjr geift* 
reich, aber gutmütig feßeinenb, er finbet übrigeng in ber SDtufif aßeg 
©cßöne aßerliebft, feßarmant; — wenn ich ba£ oon einem SRufifer 
höre, ba ift mir immer, alg fenne ich nun aße£ an ißm, ißn unb 
feine ÜDtufif." 

konnten biefe unb ähnliche groben oon bem SJtaß oon Bcr* 
ftänbniä , ba§ in ber gewiffermaßen offigießen Bertretung ber 
JBiener Äünftler* unb Siteratenwelt ißm bewiefen würbe, ©dfu* 
mann nicht gerabe ermutigen, f)< er neben unb gegen 2)tet)erbeer 
fieß eine ©teßung gu erobern, fo fehlte e§ bocß auch wit biefen 
Streifen nießt an feßr freunblicßen unb fhmpatßifcßen Berührungen. 



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1844—1850. 



©riOpa^er frifdjte alte ^Beziehungen auf unb liefe angenefemfte 
Cinbriicfe jurüd — „ein geiftreidjer 9Kamt, ber heute über SSien 
befoitberg fefer treffcnb fpracfe." 91 ud) Slbatbert Stifter fteüte lief) 

ein, enttäuf(f)te aber bie SBereljrer feiner SOtufe einigermafeen: 
„beffen ißerfönlichfeit Ratten mir un8 ganz anberg gebadet, er fiefet 
nidjtg meitiger al§ poctifdj au§, unb fein 3>ialeft ftingt auch gar 
roenig bidjtctifd), bafe er aber ein geiftreiefeer SJicnfd) ift, mar mol)! 
bei längerer Unterhaltung nicht ju öerfennen.“ 9Kit ©idjenborfi, 
ber ebenfo mie fie ben SBunfdj nach perfönlidjer güf)tung hatte, 
lam e« leiber erft gang gule^t zu einer — aud) bann nur 
flüchtigen — Begegnung, ba man fiefe bei bett gegenfeitigen 93e* 
fliehen ftetg tierfehlte. 3)iefe ^Begegnung fanb ftatt bei ber zweiten 
(unb lebten) ber tion Schumamtg in ihrer oerhältnigmäfeig Keinen 
SBohnung für ben gefetligen unb mufilalifchen greunbegfreig tieran« 
ftaltcten SDfatineen,* in benen fid) „tiiele intereffante Seute" gufamnten« 
fanben. Sn ber erften, am 26. S^entber, befeuerten fie u. a., tion 
Clara gefpielt, bag Es*bur »Quartett tion Schumann unb bie D*moll* 
Sonate oon Sccthoticn. Sn ber zweiten „Stbfchiebgmatinee", bie am 
15. Sanuar ftattfanb, unb in ber „alleg tion Äimftnotabilitäten" zu« 
fammengelommen mar, mürben oon ben Herren ©ebriiber §eümeg« 
berget, $ädj unb SBorgaga junächft bag A<bur*Ouartett, bann tion 
Clara il)r Irio unb jurn Sdjlufe einige Äleinigleiten tion Clara zum 
beften gegeben. Slufeerbem fang ber Sänger oon üftardjion ©i<hen* 
borfffc^e Sieber tion Schumann. Cidjenborff felbft mar, mie ge« 



* jpanSItct, ber in feinen Erinnerungen aud) Bon biefen 3Hatincen fpritfit, 
ergäbt Bon einer äRatinee, in ber Gidjenborff jugegen geioefen, unb in ber er 
jum erftenmal ba? ItlaBicrquintett in Es bur unb bie Variationen für 2 SHaBiere 
Bon Clara Schumann unb SRubinftein au? bem 9Ranuftript fjabe fpielen Ijören. 
Gr Berwcdjfelt t)' er offenbar eine am 14. Deäcmber im Sd)iimnmifd>en §aufe 
abgebaltene $ tobe ber neuen Quartette unb ber Variationen (für baä tag« bar» 
auf ftattfinbenbe $ onjert; mit ber oben im Jejt ermähnten ©djlufjmatinee, an 
ber Gidjenborff teilnabm. Qu ber „SWatincc" finb Weber ba? Quintett noch bie 
Variationen gefpielt worben. 



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1844-1850. 



151 



fagt, in ^Begleitung feiner Sinber unter beit 3ußörerit unb fjatte 
mirflic^ große greubc; „er jagte mir", fcßreibt Klara, „Stöbert 
ßabe feinen ßiebent erft fiebeu gegeben", icß erwiberte aber, „baß 
feine ©ebicßte erft ber Sfompofition ba§ ßebett gegeben." „Sie 
DJatinee", fcß ließt fic, „gehörte $u ben intereffanteften, bie wir ge« 
geben, unb e$ war utt3 lieb, ttocß fo ßiibfcß non SBien SSlbfcßicb 
genommen ju ßaben." 

SBeniger ßiibfcß war ber leßte mufifalifcße ©enuß, ben fie fieß 
fetbft am Sorabenb ißrer Slbreife im $ärtnertortßeater, weil fie aueß 
gern eine beutjeße Dper im ftärtnertor feßett wollten, bureß ®n« 
ßöreit oon 3 Elften oon SJteßerbeer« „Stöbert ber Seufel" oerfeßafften. 
„Sie £>effett«Sartß", feßreibt Klara, „fang bie Sllice, aber jo wiber« 
wärtig mit ^ittember Stimme, baß e3 faum jum 9Iu8ßalten war. 
Sabei finb aber bie SBiener außer fieß, je meßr 3'K er >t, befto meßr 

Seifall. Sie SJtänner finb aber feßr gut ßier, unb bie SBiener 

wiffen gar nießt, wa8 fie an ißnett ßabeit — fie feßreien freiließ 
nießt wie bie Italiener." 3n ber SJtufif felbft erfeßiett ißnen mancßeS 
boeß „reeßt geiftreieß unb gewanbt", unb mitfließ würbe babureß 
„Stöbert etwas milber gegen 9Jteperbeer geftimmt." SBenn man aber 
biefe ÜJtilbe auf bie oerflärenbe 3lbfcßiebSftimmung feßieben wollte, 
fo gäbe baS boeß nießt bie richtige Sorftellung toon ben ©efüßlen, 
mit beiten bie Steifenben in ber grüße beS 21. Januars tatfäcßließ 
oon SBien feßieben. Senn troßbein fie feineSmegS bliitb waren 

gegen ba§, wa§ SBien ißiten mteß jeßt Wiebcr geboten, bie SiebenS« 

würbigfeit unb Slnßänglicßfeit alter greunbe, wie gifcßßof unb 
S3e3que oon Sßiittlingen, bie gefellige ßuöorfommenßeit, bie man 
Klara biä in bie ßiicßften Greife — aticß am £>ofe ber jungen 
Äaiferin ßatte fie einmal gefpielt — entgegengebraeßt, — baS 
ScßlußergebniS war boeß eine bittere Knttäufeßung. 

SBieber, wie oor 3aßren, waren fie gefommen mit ber unauSge« 
fproeßenen Hoffnung, in SBien ben Soben für eine bleibenbe Kjiftcnj 
$u finben, unb ßatten, genau wie oor Saßren Scßumaim, fieß bauon 



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152 



1844 — 1860 . 



überzeugen muffen, bafi ber genius loci ihnen einfach ben ©oben 
berfage. 9lber bieSmal war bie Snttäufdjung norf) fd)limmer unb 
baS ©efüt)l norf) bitterer. damals war 5t ob er t Schumann ge= 
tommen, wefentlid) als literarifcher güljrer ber jungen romantifcf)en 
Schule, unb man fjatte ben iDtufifcr nidjt beamtet, weil man iljn 
nic^t fannte. 3cfct war er getommen mit bem ©eften unb ©rösten, 
was er bisher geraffen ; beibe, ÜJfann unb ^rau, Ratten it)re gange 
Älraft eingefefjt, um für feine SScrfe ein C£cfjo gu werfen, unb man 
Ijattc iljn unb mit i^m fie abgelcljnt. ®aS würbe nicht nur bon ihnen 
im tiefften Snnent fcfjmerglicfj empfunben als eine unoerbiente 
Äräitfung, baS würbe auch offen bon Iritifdjen Stimmen auSge» 
f proben, aus beren einer fogar — obwohl mit Unrecht — 
Schumann baS Crgan ^riebrid; SBierfS berauSguborcn glaubte*. 

„3J?it wie anbent ©efiiblen", fdjreibt Klara beim Äbfdjieb, 
„fuhren wir auS SBien ab, als wir bei unfrer Slnfunft gehabt batten! 
$ort hatten wir geglaubt, unfer fiinftigeS Slfpl gn finben, unb jejjt 
war uns fo gänglidj alle Suft gefchwunben." 

®ie Steife führte fie über ©rünn nach ©tag. 3n ©rümt warb 
am 22. noch fchneU ein Äongert im £l)eater bei furchtbarer Äälte 
gegeben; „nie will ich biefen Slbenb bergeffen," fdjreibt Klara, „bie 
Ringer erftarrten mir immer wäbrenb beS Spiels, bie Qätyne fc^tugen 
mir immer aneinanber, turg eS war nicht gu betreiben, ich badjte 
nach @türf, nun ginge eS nicht mehr.“ ®afj nach foldjen Sin* 
brüden unb bor allem nadj bem lefjten ^ntermeggo ihnen ©rag wie 
eine 9lrt ©arabicS bortam, ift wohl nicht gu bcrwuttbern. 91 ber 
tatfädjlidj erfuhren fte b' cr 3« ib rcr eignen Uberrafchung eine Stuf* 
nähme, bie in jeber ©cgiebung in ftartem Äontraft gu ber SBiener 
ftanb. Sm erften Äongert fanb Schumanns Quintett bor einem bon 



* Bgl. Briefe, 9t. g. 2. 9lufl. 9tr. 294. 6. 263. Bcrfaffer be$ SlrtitcM war 
nad) bem lagebud) Dielmcljr Itjeobor §agen auS Hamburg, ber, wie ©d)umann$ 
meinten, firfi baburcf) für eine ifym einmal Bon ©djumann Wegen gnbiStretion 
erteilte febarfe äurerfitmeifung rächen wollte. 



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bei beftcn ©ejelljdjaft bid)t befehlen ^»aufe lebhaften ©eifall, eben jo 
®irf)enborfffd)e Sieber, bie beibe Anlaß ju perjönlid^en Coationen 
für ben Äomponiften gaben, unb Klara lonrbe bariiber jo oergnügt, 
baß fie jelbjt ein Heines DRißgejcßid mit bem ßtaoierftüd oon 
©carlatti, baS ifir nach ber Anftrengung mit ber ©adjfdjcn A«moH» 
3uge nicht ganj gtücEte, faft Oerjc^mer^te : „abenbS faßen mir 
im fdjmaraen IRoß mit $oftor Ambros uitb bem jungen §ofmann 
(2Kufifalien^önbler) jujammen unb tränten ein ©las Sl)ampagner 
babei. SBir waren ganj fröhlich — icf) bis auf ben ©carlatti! — " 

Unb nad) ben SBiener Srlebniffen mußten bie fflegebenfjeiteu 
beS folgenben ÜageS fie in nod) gehobenere Stimmung oerfeßeit. 
„Am 30.", berietet baS Sagebud), „war großer Sßirrwarr. ©raf 
9?oftiä hatte eS enblid) burdjgejeßt, baß fidj ber Xheatcvbireftor ju 
einem Äonjert im Ih eater oerjtanb (waS er üorljer runbweg abge« 
j(f)tagen), bie ©ebingung war aber bie Aufführung oon fRobertS 
B-bur<©hmphonie, mit einer Eßrobe gehen jotlte. fRobert er« 
Härte, baß baS nid)t ginge, unb jo mußte fich $ofmannn (ber 
^h^terbirettor) enbücß barein ergeben. 9Rer!mürbig war es uns, 
baß $ofmaim behauptete, baS Äonjert werbe nicht bcjucht, wenn 
nicht Robert bie ©hntphonie aufführte — wieber ein ©eweis für 
ben joliben ©ejdjinad ber ißrager." 

3m lebhafteren gejeHigen ©erfeljr, oergingen bie Sage bis 
}u bem jweiten Sondert am 2. Februar, in bem Schumann baS 
A«moU*fionjert felbft birigierte, „baS ftonjert oon fRobert gefiel 
außerorbentlich", fchreibt Klara, „gelang mir jehr gut, baS Crdjeftcr 
begleitete, unb iRobert birigierte con amore unb würbe heroor gerufen, 
WaS mir oiel ©paß machte, benn er nal)m fich gar ju fomifch auf 
ber ©üljne auS, auf bie ich ih n beinahe hioauSgeftoßen hatte, ba 
baS ©ublifum nidjt aufhörte, ihn ju rufen." 

SSenn fie bie Haltung beS ©rager ©ublifumS uttb oor allem auch 
bie Aufmertfamfeiten beS in ©rag refibierenben öfterreichijehen £>od;< 
abelä, mit bem Äontmanbierenben oon ©Öhmen dürften SBinbifcßgräb 



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1844 - 1850 . 



an ber Spifce, ats einen fel;r wof)ttuenben Äontraft gu ber mit 
wenigen 9tuSnaf)men fefjr füllen Unnahbarfeit ber SBiener SlbelS* 
freife empfanben, fo fonntcn fie ficf) bägegen mit ben groben fpeji* 
fifchet böhtnifcfjer SJtufif weniger befreunben. SDtajourefS Cper 
„3iSfaS Sidje" im bötjmifc^en Opernt^eater erfdjien ßlara als „bei* 
fpiettoS fcfjlec^te SJtufif", unb aucf) ber junge Smetana, ber Stöbert 
eine Äompofition brachte, bie nidjt ju ihren ©unften Vertiog’ SinftuB 
üerriet, fanb wenig ©nabe öor ihren Stugen. „Verliog felbft", Wirb im 
Slnfchtujj barait bemerft, ... „hat f)icr grofjeS ©tiicf gemacht fowie 
aud) in SBien. Dafj eS f)ier ber galt war, begreife ich noch 
nicht!" 

Stm 3. gebruar würbe bie Stiidreife nad) Treiben angetreten, 
wo fie am Stachmittag bei fotgenben DageS nach mehr als gwei« 
monatiger 3tbwefenl)eit wieber eintrafen. Die greube beS Sßicber* 
fe^enö mit ben bciben jiingften Äinbern würbe ihnen atlerbingS fctjr 
getrübt burdj ben traurigen 3 l *f tcm b- in bem fie ben Keinen 
©mit fanben, ber infolge Verhärteter Prüfen ein wahres 93ilb beS 
Sommers bot. Stbcr lange grift gum 9catf)benfen unb Sorgen war 
ihnen nicht oergönnt, benn nad) wenigen Siufjetagcn warb am 
10. Februar, mit furzet Staft in Seipgig, bie Steife nad) SBerlin an* 
getreten, baS fie am 11. erreidjten. 

Die berliner Steife galt gunächft einer Stufführung ber „ißeri" in 
ber Singafabemie, bie bantals, unter StungenljagenS unb ©retlS 
Seitung ftefjenb, burch bie Stufnahme ber „fßeri" in ihr Stepertoire eine 
Äongeffion an bie moberne Stichtung machte, bie ihren bisherigen 
fonferoatioen Drabitionen gegenüber eine Steuerung bebeutete. Die 
golge War, baß bie Vorbereitung, namentlich bezüglich ber Soliftcn, 
fehr oiet gu wiinfehen übrig lieg, ba feiner ber bciben Dirigenten 
mit re^ter Siebe bei ber Sad;e war. Uitenbliche Stöte unb Sdjwie* 
rigfeiten erwndjfcn barauS bent armen Äomponiftcn unb feiner grau, 
bie nun felber bie Sache in bie .jpanb nehmen mußten unb babei 
überall auf SBiberftanb ftiefjen. 3 un ä<hfl feh^ e bie ißeri! DaS 



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1844— 18Ö0. 



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bafür auSerfeWene gräulein Tucgef „fdjieit fie nidjt fingen ju wollen“. 
3nfolgebeffen forberte ^Rungenwagen bie ÜDJabame fflurlfjarbt auf, 
bie fieW bereit erflärte. ^löfslidj aber erflärte nun bie Tuqef, bafi 
eS i^r gar nicf»t eingefallen fei, nid)t fingen ju wollen, fie wolle 
unb fönne fingen. Darauf muffte beim ber f^rau SBurfWarbt wieber 
abgetrieben werben. 9iunmef)r erflärte ber für bie Tenorpartie 
in fÜuSfidfft genommene §crr ÄrauS plöfclidj, er fönne nic^t 
fingen, unb ein twn IRungeiiWagen als Grfaß »orgefcWlagener 
Dilettant erwieä fid; als abfolut uitanneWmbar, fo bafj ®djn» 
mann fur^weg erflärte, mit foldjer SBefcfcung wolle er nidjt 
birigieren, bie Herren oon ber ©ingafabemie mödjten bie ©adje 
allein abmadjen. 9hir mit 3Rüf)e beftimmte ifjn 9tungenf)agen, 
tro^bem eine Ordjefterprobe gu Ratten, unb ba biefe mit bem teil* 
roeife aus Dilettanten aus bem pWilWarmonifdjen herein beftefyenben 
Ordjefter über Erwarten gut ging, gab ©c^umann fc^lie^lic^ nadW- 
Slber baS war nur ein Heines Siorfpiel ju ber ©pmpljonie ber 
■fpiuberniffe gewefen, bie nun begann, fpier mag baS Tagebud) 
iprecWcn. „©onntag, ben 14., um 11 Ufjr faitb große fßrobe in 
ber ©ingafabemie ftatt. SRuttgenljngen fteüte Sichert ber 83erfamm* 
lung oor — fRobert »erbeugte fid; ftumm — o^ne SRebe an bie 
Serfammlung, waS, wie bie üRutter fagte, itocW nic^t bagewefen. 
^rl. Tucjef fam jur Sßrobe unb fang (fie Watte nacW gewöWnlidjcr 
©ängerweife bie Partie nod; niefjt angefel;en) mit angenel;mer 
Stimme unb gewanbt, — £>err 9i. aber fdjredltdj unb fperr 3- 
fo roW, baff man iWn Watte prügeln mögen. Die Sllte waren gilt 
befefct in Sri- ßafpari unb äRabante ©uffc geb. SeSca. S«ng» 
frau (Sri. 3-) gibt iWrem ffiater nichts itad) an ©efüljlslofig* 
feit unb macWt iWm @W re ! — fRobert war feWr ermübet, bie fßrobe 
Watte an 3 ©tnnben gebauert — idW fajj am Älaoier ju großem 
ßrftaunen fRungcnljagenS unb ©reHS, beibe W er ä cnS ! 3 u te 2Renfd;en, 
aber ed;te fßeriiefen, bie mit ciferiter Äonfcquenj am alten Wangen, 
fowie fie ficW aucW fefpoer an IRobertS 2Scrf . . . gewöWnctt fonnten. 



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1844 - 1850 . 



Stungentjagen fanb bett ßtjor ber §ouriS am fdjönften, unb ba§ 
mar natürlich- 

Am 15. nachmittags faßte noch e ' IU ‘ ’ißrobe ftattfinben, um 2 Uhr 
mar ich jur ißrobe bei ffrtt. (Ducgel, fie Derfptadj, um 5 llfjr in ber 
©ingafabemie gu fein, ließ aber, ftatt gu lomntMt, fagen, fie fange 
nicht, benn fie miifete oerreifen. (Dies mar aber nicht genug, alt 
mir in ben ©aal famen, mar fperr SirauS* groar frfjoit ba, bod) 
um gu fagen, bafe er nicht fange, ba ffiiftner (ber Sntenbant) eS 
ihm nidjt ertaube. (Das mar nun hoch guoiet beS Unangenehmen, 
unb mären mir am liebftcn auf unb baoon! Stöbert mar in gröfeter 
(Bestimmung. Stun foßte SDtabame Surtharbt bie ißeri ohne eine 
einzige Drdjefterprobe fingen, baS mar hoch fdjrcdtid). Stöbert 
moßte bie Aufführung oerfdjoben fabelt ober gar nicht birigieren, 
boch Don (Berfcfeieben moflten bie Sorfteher nichts miffen. . . (Die 
(Probe ging natürlich (bis auf bie Gfjöre, metdje gut roaren) fchtecht. 
Stöbert mar fefjr angegriffen, babei @reß aufs empfinblichfte beleibigt, 
mcit Stöbert ihm fein DortauteS Sßefen Dorhiett — et moßte bem 
Stöbert immer [oorfchreiben], mie unb Don mo an er birigieren 
foßte; bcSgleidjen mifdjte fidj auch einer ber (Direftoren, §err 
Suftigrat .£)•, fefjr Doreitig in aßeS unb moßte bem Stöbert gute Stat* 
fchtäge geben, mie er beim (Dirigieren ftchen müffe, furg, eS Der* 
einigte fid) h e ute ®^eS, uns (benn ich gehöre boch nun einmal gu 
aßent, maS Stöbert betrifft) in bie Derbriefelichfte ©timntung gu Der* 
fefeett — . (Dabei fanben Stungentjagen unb @reß aßeS Dor trefflich." 

(DagS barauf, roährenb Schumann, Don ber Aufregung ^alb 
front, ben gröfeten Seit im 93ett Derbradjte, mibmete (Xtara fich 
Singetproben mit ber (fkri unb bem (Baffiften. Abenbs fanb noch 
eine Shorprobe ftatt, bei ber ®reß auf bem fttaoier begleitete, nach 
StaraS Urteil aber fo fchtecht, bafe fie Stoberts ©ebutb nicht be* 
griff, „bafe er ifen nicht gleich ooin Sttaoier jagte". 



* Sr (cfjcint alfo injroijcften ftrf) boch nocfj bereit erttärt ju hoben. 



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1844 - 1850 . 



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91m 17. fattb enblid) bie Sfuffü^rung ftatt, nadjbem am SRorgen 
ba§ Quartett noch einmal geprobt, eine eigentliche (Generalprobe 
aber gar nicht ftattgefunben ^atte. „Um 6 1 /* Uhr ging ei an", 
berichtet Clara, „Robert hatte beim Slitblicf bei fd)oncn Or^efteri, 
ber Dielen gepulten Tarnen barauf, alle 9Ingft Derloren unb trat 
mutig ani tßult. Ter Äönig war Dom Anfang bii (Sttbe ba, unb 
hörte fel)r aufnterlfani ju; ber Saal war briicfenb doH unb bie 
9lufmerffamfeit groß. Stöbert birigierte fefjr gut (würbe aber fpäter 
hoch Don einigen wegen bei ju wenig energifdjcn Tirigiereni ge« 
tabelt unb ^war ganj ungerecht* — ei hatte fid) biei Don ber 
crften ©rohe her Derbreitet, wo er wegen großer Serftimmung eben 
nicht Suft haben fonnte, fid) energifd; ju jeigett, auch ^' e S3erfamm« 
lung ihm gänjlidj fremb war). — Tie beiben erften Teile gingen 
gut, bii auf SJieumann, ber entfefelid) war, ber britte Teil aber ging 
fchlccht, bie brei erften Solofänger warfen total um, fo baß (Grell 
bie SMobie auf bem Älaoier fpielcn mußte, bii fie fid) wicber 
hineinfanben. 3d) ftanb furchtbar aui unb bachte, idj müßte 
in ben Grbbobeit finfeit, wie nun mußte ei bem armen .fiomponiften 
fein. Troff ber fd)led|tcn ©efefjung gefiel bai Sßerf bod) feßr unb 
würbe in ben ©lottern fehr anerlenncnb befprochen, wenngleich 
einige fid) nicht barein finben fonnten, baß bie Ste^itatioe arioso 
behanbelt finb."** 

(Sine SBieberholung mit beffern Kräften Würbe Don Schumann 



* SBotjl nicht jo ganj! 3Jenn cS ift ein „Sortourf“, ber, jo eiet ich jelje, 
»on alten, bie fid) über ©d)umnnn£ Art ju bitigieren geäußert Ijabcn, aus« 
ttafjmSloS, balb laut balb leije, auSgejprodicn wirb. Sgl. and) oben 6. 58 Sioia 
Steges Semerfungcn über bie erften tj}eri»lßrobett j n geipiig. 

** 3- ©• Bon Stob. ®eper in ber „berliner mufifalijcf>cn 3ritung" 1847. 
9t t. 9 am 27. gebruar. ®abei fei bemerft, bafi .§. ßtigar, ber im ganuar jd)on 
in Gtubih’ 9RonatSfd)rijt. ©. 1 ff. eilten eingehenden, Borbcrcitenben, nad) GlaraS 
Urteil „tcilweije wohl richtigen" Artilel gebracht hatte, in feiner Scfpredjung 
ber Aufführung felbcr bem Don Clara fo abfchculidj gefunbenen Sater unb lochtet 
3- Warnten Seifall jpenbet unb leptere wegen ihres „jcelettPoUen SortragS" be* 
ionberS rühmt ! 



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1844 - 1850 . 



eine ßeitfoug emftlidj geplant, bie ©cßwierigleit mar nur, biefe 
„befjertt Kräfte" ju finbcn. Glaraä alte grcunbiit Routine Siarbot, 
bie bamals in ber berliner Oper fang unb bie Slara zunäcßft ge« 
beten ßatte, in biejem gafle bie ^eri 31t fingen, fcßtug e8 rratbweg 
ab. @0 gern fie in einem Äongert G(ara§ jcberjeit nütjuwirfcn 
bereit fei, fo feßle c3 i£jr bocfj an 3 eit, bie Partie einjuftubieren. 
Clara war fcßtnerzlicß enttäufcßt; berat wenn fie aucf) gerabe bei 
biefem SBieberfefjen fitß auf« neue ßatte überzeugen müffen, bafj, 
ifjrer alten greunbjcßaft ratbefdjabet, ißre mufifalifeßen Sntereffen unb 
Urteile weit auSeinanbcrgingen, inbent jene SKeßerbeer unb fpalcmj 
für bie größten bramatifrfjen Komponiften — über Sßebcr, ffleetßooen, 
SWojart — ju galten fc^ien, ßatte fie boef) geglaubt, fie müßte, nadj* 
bem fie bie „ißeri" gehört, ganz entjüdt oon ber SHufif fein; ftatt 
beffen erwäßnte jene nur ben Gßor in H«ntoß, ber ißt gefaßen, 
„ber gerabe ba§ am wenigften eigentümliche ©tüd barin ift". „3dj 
faß wieber", feßreibt fie, „baß fie nießt fäßig war, biefe beutfeße 
innige 3J?ufif ju fiißlen." 

3ßit ber Steigerung ber Siiarbot jerfeßlug fttß ber ganze 
^(an, unb c§ blieb eben nur bei ißrer ÜRitwirfung in jwei 
Konzerten GlaraS, bie biefe am 1. 9D?ärz unb am 17. SDiärj in 
ber ©ingafabemie gab. Gin britte3, ba8 beabfießtigt mar, mußte 
fdjließlicß wegen ber ©eßtoierigfeit, genügenbe Kräfte jur SDiitwirfung 
ZU finben, aufgegeben werben. 3n beiben Konzerten erfeßiett Clara 
audj, wie in SBien unb ißrag, als Interpretin Stöbert ©djumanuS; 
int erften fpieltc fie außer bem ©adjfcßen ißrälubium unb guge unb 
GßopinS öarfarole unb einigen fleinett ©tiitfeit boit SDtenbelSfoßn 
unb ©djumann baS Quintett, unb im zweiten würbe neben ber F«moß« 
Sonate oon SBcctßooen ba§ Quintett wieberßolt. ®aß fie fieß auf 
baS Quintett befcßräitfte unb oon bett anbent größer« ©aeßen ©dju« 
mannS nießtä braeßte, lag audj woßl an ber ©eßwierigfeit, geeignete 
SJiitfpielcr unb oor aßem ein Crcßefter zu befontnten. 3n einer am 
8. ÜWärz in ißrer SBoßnung gegebenen 9JJatinee, in ber unter anbent 



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©röfin SRofft (Sontag), gönnt) |>enfel, ©raf 9iebern, ©eibel ju 
ihren ßohörero gehörten, fpicttc fie bann aud) baS Es*bur*£luartctt. 
Sie Sritif naf)m bie SHaoierfpielerin mit großer SSärme auf — 
man fanb fie nur gelegentlich fo crnft, faft ju ftrcng geworben, 
als £)abe fie fich etwas ju fefjr in Sach oertieft — , beharrte aber ben 
®thumannfchen$ompofitionen gegenüber in einer füllen 3“rücff>altung. 

Hrohbem, unb tro^bem ja auch b' e ©rfahrungen mit ber „Sßeri" 
nicht eben günftige (Sinbriicfe uon ben Sahnen, in beiten fich baS 
Serliner SWufif leben bewegte, erwccfen fonnten, fjatten bcibe ju 
ihrer eignen überrafdjung fdjon nach einigen Hagen ein faft heimat* 
liches @efül)l. 3mmer wicber brängen fich Vergleiche mit SBien 
auf, bie ausnahmslos jugunften SerlinS auSfaHen. „($S tommt 
einem ganj merfwiirbig öor", fchreibt ßtara wenige Hage nach ber 
ißeri*9lufführung, „wenn man oon 2Bicn nach Serlin tommt! SBie 
ganj anberS futb hier bie 9Jtenfd)en! ernft, falt oft, babei aber ge- 
bilbet, wie mau eS woht faum in Heutfcfjlanb wieberfinbet, für 
Slufif ein regeS Sntereffe, nicht biefe Slbfpannung, wie in SBiett, 
baju oorjugSweife Sntcrcffe an guter SDhifif, unb bie Sournaliftil 
fteht benn hoch audj auf einem beffern gujje hier als in Sßien.“ 
Hie gleichen Sinbriicfe einer hohem geiftigen Kultur hotte 9?o* 
bert in ben ©eiehrten* uttb ©chriftfteUerfreifen , oor allem im 
„SRontagSflub", in bem er, burd) ijkof. Sidjtenftein eingeführt, ftetS 
ficher war, einen großen ÄreiS „oon ausgezeichneten fieuten" ju 
finben, „wie man benn überhaupt faft in allen gebilbeten Greifen 
hier immer ein ober zwei intereffante Seute trifft unb fo faft nie 
leer nach §aufe geht, fonbern immer bieS ober jenes intereffante 
©efpräcf) gehört ober felbft mitgepflogen hat." „Sch rebe aber hier 
nicht oon mir", fefct ßlara oorfichtig hi n 3 u » »fonbern in Roberts 
SRamen". 

Sor allem fagte ihnen ber gefellige Serfcfjr in ben mufiffreunb* 
liehen Raufern beS JfjwfbudjhänblerS Heder, ber ißrofefforen SSidj* 
manu unb Sidjtenftein unb beS Hr. granf ju. Sei lepterm trafen fie 



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1844 - 1850. 



aucf) beit nachmaligen ©otfcfjafter non Äeubcll, „ber t)iex fein Sjamen 
als Surift gu machen benft, aber fDiufifer mit Seit» unb Seele ift. 
Sr fennt faft alles 23ebeuteube, auefj non Robert faft alles*." 

®ei ben alten SenbemannS, beit Sltern ihrer TreSbener greunbe, 
machten fie auch bie ®efanntfcfjaft beS alten Schabow, über ben 
Clara baS öielbeutige Urteil fällt: „ich gtaube, man gewinnt ihn bei 
näherer ®efanntfchaft noch lieber." 

3n wieber anbre ©efdlfcfjaftSfreife unb Schichten brachte 
fie eine mufifalifchc SMatinee bei ber SSräfin Sioffi (§enriette 
Sontag), in ber aber troh ber glängeitben tarnen non allen 
möglichen gürftlicfjteiten bie Tarne beS $aufeS, bie ßünftlerin, bei 
weitem bie angieheubfte unb bebeutcnbfte Srfcheinung war. „3h r 
©efang entgücfte mich ro >e lange feiner!", fchreibt Clara, „ein ^ßia« 
niffimo hat fie, wie ich nie fo fcfjön gehört, babei einen natürlichen 
GJefang, fern boit aller Übertreibung; bie Stimme flingt noch fe^r fd)ön, 
unb fie felbft fieljt rcigenb anS, unb befonberS beim Singen nimmt 
ihr Sluge einen fdjönen ©lang an, wie ihr benn überhaupt ein grofjer 
Siebrei^ unb 2lnmut aus ben Stugen blieft ... nie hörte ich einer 
Sängerin ruhiger gu, unb alles, was fie fingt, macht ben Sinbrucf 
ber höchften ®efriebigung." ?tuf eine noch höh cre Stufe ber bürger« 
liehen ober üietmebr fürftlichen Slangorbnung öerfe^te fie aber bie 
Teilnahme an einer Soiree ihres alten grambeS lln b ©önncrS, 
beS ©rafett Siebern. „SS war bie oornehmfte 2Belt ba bis gutn 
Äönig, Sßringefe »on ißreufjen, fpergog oon HJiecflenburg u. a.", 
fchreibt Clara. „Sch traf bie grl. oon Slrnims unb hielt mich 
t>iel gu benen, ba ich wich eben nicht behaglich unter ben oielen 
hohen §errfchaften fühlte unb mich aud) nicht gu ben Äünftlern ge* 

* IWitte gebruar 1849 jcJjreibt Clara: „Sßor einigen lagen waren wir 
abenbs bei bem Söaron Don Jteubett, wo ich wit 9iobert baS Arrangement ber 
Gbur*St)mpt)onie , ba$ Wir eben erhalten, jpielte, Wad ben jungen .^errn oon 
Sfcubcll jehr interrcjfirte. Schabe, bojj er nicht immer hier lebt, mit ihm läfet 
fief) gut mufifaliicfj oerfehren, unb er jagt SRobcrt in biejer ^inficht, ober au* 
a!3 fflienjet), (ehr ju." 



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1844 — 1850 . 



161 



fetten mochte, bie im Kebengimmer warteten, bis fic baran tarnen, 
roaS midj inbignicrt, »on ihnen felbft, wie nont ©raf Diebern, ber 
baS bodj fo öeranftaltet hoben muffte. gef) fpiclte, ging aber baitadj 
wieber ju ber übrigen ©efellfdjaft, Wo audj SRobcrt war. Srctj* 
fdjod fpielte ein Stiicf oon firf), »Inquidtude« genannt, für baS er 
Ohrfeigen »erbient fjätte ! eS war unbcfdfjrcibticf) fdjlcdjt. Sßiel 
fd^lcdjteS $eug wnrbe gefungcn . . . Unb fo malten wir uns batb 
fort, nod) ef)e bie SJiufit fdjlofj." 

Um fo bcljflglidjer unb wotjter füllte fie fidj bagegen, je länger 
befto mefjr, in ben beiben ©efdjwifterljäufem SUtcnbclSfoljnS, bei 
Siridjlets unb «fjenfets . . . „Sie finb !)icr alle fo freunbtidj gegen 
midj, baff id) toon jebem immer nur baSfctbc fagen fann", fdjreibt 
Clara nadj einem Meinen SDiittageffen bei SiridjletS, mit .'penfelö 
unb bent SDiatljcmatifer gacobi jufammen, bei bent ber SEBirt, für fie 
beibe feljr übcrrafdjenb, einen fjübfdjcn, etwas fdjwer öerftänblidjcn, 
fid) befonbcrS auf bie „fßeri" begiehenbeu Sooft auSbradjte. SSor 
allem aber war eS baS £>enfelfdje £>auS unb bie ißcrfüntidjteit boit 
gönnt) §cnfcl, bie eine große DlngieljitngStraft auf beibe SdjnmannS, 
bejonbcrS jebodj Clara, auSguüben begannen. „SDiabame ^jcnfel Ijabe 
id) redjt lieb gewonnen", fjeifjt cS unterm 15. SDiärg, „unb fiiljltc 
midj befonbcrS in ntufifalijdjer |>infid)t gu ihr Ijiitgegogcn, wir har- 
monierten faft immer miteinauber, unb ift ifjrc Unterhaltung immer 
intereffant, man mufj fid) nur erft an il)r etwas fdjroffcS Söefen 
gewöhnt h^en." 2lud) als Spielerin bewunberte fic fic, weniger ihre 
Sompofitionen: „grauen als Äomponiften tonnen fidj bodj nicht 
üerleugiten, bieS laf? idj oon mir wie oon anbern gelten." 

Sine Cigentiimlidjteit, bie fidj bei Schumanns faft auf allen 
ihren fReifen ttadjWeifen läßt, ift, baß fic an jebem Drt, Wo 
fS ihnen aus irgeub einem ©runbe gefällt, ernftlich bie grage er* 
loägeit, börtljin ihren SBoljnfife ju ocrlegen. — Selbft in SRoStau 
ift baooit bie Diebe gewefen. Unb begreiflich ift eS ja audj, ba fie 

Sifcmann, Sl«ia ©d)umann. II. IX 



V 



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162 



1844 - 1860 . 



fid) in Jregben fo menig am ©laßc füllten. 316er in ber Sieget 
hatten berartige ©rojcftc nur ein Eintaggleben. Sßenit aber jeßt 
unter all bicfen freunblicßen Sinbriicfen aurfj oon einer bauernben 
Überfiebelmtg nad) ©crtin gefprocßen mürbe, |’o hatte ba3 entfcßieben 
einen feßr Diel ernftern $intergrunb, unb bie ©orftettung, baburdj 
in bauernbcr ©crbinbung mit gönnt) §enfet ju bleiben, fiel babei 
offenbar ferner ing ©eroidjt. G<o ift füßcr fein bloßer $ufatt, baß 
im Jagebuch bieg ©rojeft im unmittelbaren Stnfcßtuß an jene oben 
gitierte Äußerung über gamtß .jpcnfet auftaucht: „Sitte unfre ©e= 

fannte hier reben unS ju, ung f)ier nieberjutaffen, eg mürbe |icß gemiß 
für Stöbert mit ber ßeit ein SSirfunggfreig finben unb für mich 
niete ©tunben ju ßotjem greife. SBir haben große Suft baju, 
unb nun oottenbg, feit mir ©erttu fenneu gelernt, gar alle £uft ju 
SBien ncrtoren. 3n SBien muß man ja befürchten, baß man am Snbe 
nocß fetbft mit auf ber Cberftäcßc ßernrnfchmimmt, unb eg mcßt 
einntat meiß." 

Unb roenn fdjlicßtüh ber Sßtan, für ben fo nieteg ju fpredjcn 
fcßien, troßbem nicht gur 2 tugfüßrung tarn, fo ift moßl nicht 311 m 
menigften ber ptäßtidjc Job gönnt) $enfetg im SDtai 1847 mit baran 
fcßutb gemefen. „ÜJtid) erschütterte biefe Sfadjridjt feßr", fdjreibt (Slara 
am 18. SJtai, „benn ich öcreßrte biefe augge^eichnete grau feßr unb 
hatte mich au f einen näßern Umgang mit ißr (in ©erlin) fpätcr gefreut." 

@g ßotte anfänglich bie Slbfidjt beftanben, unmittelbar an ben 
©ertiner Hnfentßalt noch eine Steife in bie fdjlefifdjen Stabte 00311 - 
fcßließen. Slber bie ©eßnfudjt nach Stuße, bie Seßnfucßt nacß ben 
Stinbern, bie biegmat alte 31 t §aufe geblieben maren, mürbe bocß 
fo übermächtig, baß man ficß am Jage nacß bcm tcßten ßonjert 
plößtid) entfctjtoß, alte meitern ©täne falten ju taffen unb fo fdjnetf 
mic möglich nacß Jregbeit 3 urüd 3 iifeßren. Stießt eben an ftingenben 
Sdjäßcn, moßt aber an freuitblidjen Erinnerungen reich, »erließen 
bie Steifenben fdßon am 24. $Dtär 3 ©ertin, begrüßten auf ber Jurcß- 
reife in Seipjig ftiießtig nod) bie bortigen greunbe, unter ißnen 



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1844—1850. 



163 



3RenbetSfof)n — fie afjnten nidjt, bafj eS baS lejjtc 3Ral war* — 
unb langten am Slbenb bcß 25. gliicflicf) wieber in 2)resben an, 
wo fie alle bis auf ben jüngften, ber langfam ber ©rlöfung ooit 
feinen Seiben entgegenging, gefunb öorfanben. 

„@o gliicflicf) icf) nun audj war“, fcf»reibt Clara, „wieber bei 
ben Sinberu ju fein, fo war mir bie plötjlidjc JRut)e nacfj fo be* 
rnegtem Sebcn bie erften Xagc peinlid), aber halb gewöhnte idj micfj 
unb fing an, Robert« lejjte (Obur) ©pmpljonie für 4 £änbe ju 
arrangieren **. 2>iefe SBefcfjäftigung machte, bafj idj rnidj halb 
wieber ganj beljaglid) füllte, obgleich id) jefct hoppelt gegen früljcr 
empfanb, bafj id) l)ier gar niemanb nafje befreunbeteS fjabe, mit bem 
man fidj einmal auSfpred)en fötuite. „SRan bleibt immer in einer 
gcwiffen Cntfernuug »oiteinanbcr, fief)t fidj faum alle SDionate ein* 
mal — einen Sßinter möd)te id) l)ier nid)t mef)r aubringen! 

SBie War mir baS in Serlin fo wof)ltuenb, ba§ idj bie SRutter 
Jjatte, bie an adern teitnaljm, fid) mit mir freute unb babei ben JRobcrt 
fo lieb fjat, baf? fie meine Siebe für il)n recf)t gut begreift. SRidjt als 
ob icf) nidjt meinen 9?obert unb bie ft'inbcr über adeS liebte — mit einer 
fffreunbin fpricfjt mau aber bod) manches, was man mit bem SRann 
unb Äinbcrn nicfjt fpred)en fann, aud) finb ja meine ftinber nocf) 
fo flein!“ 

2Ran fpürt aus biefen Söorten beutlidj, wie fcft ber ©ebanfe 
ber Überfieblung nadj ©erlitt in if)r SSur^el gefaxt fjat, unb jugleicf), 
wie fdjwer fie, bie neben ifjren oielcn anbern ©aben aud) in ganj 
fjerttorragcnbem ©rabc fffreunbfdjaft ju pflegen uitb $u erhalten oer* 
antagt war, unter ber ©ereinfamung in OreSben litt. $afj unter 
biefem ©efidjtswiufel, bei ben nodj fo lebhaften Erinnerungen an 
bie ^Berliner SEodjen, bie guten greunbe, bie fie in SDreSbcn bod) 



* 9(m SHanbe beS $agcbud)S flefjt neben bem 9!ameu ©tenbel$fot)n bon 
SRobertS $anb mit ®leiftift: „XonnetStag am 25. 2Jiarj Bormittag jum 
leptenmal.“ 

** 3 n ber 3eü Born 31. SWärj bis 12. ?lpril. 

11 * 



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164 



1844 — 18Ö0. 



auc^ uidEjt gang entbehrte, etTuaö ju furj fommen, barf nidjt be* 
frembeit, beim bas intime Sßerfjältrtiö $. 33. $u 93enbcmannS, 
namentlich ju 5 rQU 23., entroicfette fidj fetjr langfam. 9Jtan Derfteljt 
eS aber ^iernarf; tuefleidjt noch mehr als bisher, was für fie bie 
9iiidfehr ber Schröber-Seorient nach SreSben im fotgenben Saßrc 
bebeutete. 

Söiehr beim je gemaitn bagegcit ihr fieben nadj innen ntib 
nadi außen in ben nädjftcn SDtonaten feine garbeit nnb feinen 
Snßalt burch bie Sßerfönlidjteit unb bie Xätigfeit ihres ÜJtaimeS. 
gür ihn arrangierte fie nach 93cenbigung ber Arbeit an ber 
C=bur«Sßinphonie bie 3auft=Sjeuen in ber geit uont 27. 2(pril bis 
3. SDtai. fyiir ihn begann fie (Snbe 9ftai als (MmrtStagSgabc ben 
crften Saj> eines iton^crtinoS in F-mott gu arbeiten — eine Slrbeit, 
bie itjr fcf)r jd;wer würbe, für bie fie fich aber nachher burdj baS Urteil 
Sioberts, „bein manches barauS fetjr wohl gefiel", fchließlid) belohnt 
fah- Sie größte greubc aber war an biefem Sage bod;, baß er 
jum erftcnmale wicbcr feit 3 Saßren 0011 bem GeburtStagStinbc in 
uoller ©efunbfjeit gefeiert würbe. Unb ber öerflärenbe ©lanj, ber 
mit bcm Stnblid feiner SchaffenSfreube auf ihren ÜBeg fiel, 
ftraljlte felbft Derföhnenb hinein in bie Sdjattcn beS XobeS, 
burd) bie fie halb barauf mit ihm Wanbern mußte, als Gnbc 
Suni ber Keine Gmil Don feinen ficiben erlöft würbe. Sßre eigne 
At'unft cinpfanb fie in biefem Sommer, wohl jumeift infolge ihres 
förperlichen guftanbcS, ber 3 um erften SJtal ifjr wirtliche 93c* 
fdjwerbeti bereitete, faft als eine Saft. „Sch bin faul", fchrcibt fie 
Gnbc Suli, „tann aber nid;t anberS, benn ich bin audj immer uw 
wohl unb fchredlich matt. 31 d; fönnte ich nur arbeiten, baS ift mein 
einziger Jt ummer." 

Schumann aber fdjieu in ber Sat, nadjbem er nod) währenb 
ber Steife in SBien unb in i}3rag wieberf)o!t unter ben 9?adjwcl)en 
ber Slrantheit gelitten, auf einmal bcm fieben Wiebergcgebeit, Don 
Sdjöpferfreube burchglü^t unb belebt. Sdjon in 93erlin hatte er 



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1844—1850. 



165 



fidj in ber jmeiten SDtärjfjätfte mit einem Cpcrnptan gu tragen be» 
gönnen. Unb gleidj naefj ber Stüdfefjr notiert ba§ Sagebud) am 
27. 9)tärg: „Stöbert gefjt eifrig mit Dperntejrten um; jefct ßat er 
SJtageppa (aus bent ißotnifc^en) gefefen, unb c$ gefällt ifjnt teitroeife." 
Stt§ leftbicfjter fjatte er fidj Steinicf auäcrtefen, mit itjm föderierte 
er am 31. SKärj : „fie Bereinigten fictj", Reifet e3, „unb Stöbert gab 
ifjm SJtageppa mit gur $urdjfid)t." 

Slber einige läge fpäter trug ein anbrer Stoff ben Sieg über 
ben „SJtageppa" babon: „9lm 4. Slprit", feßreibt ßtara, „ging Stöbert 
SU Steiiticf unb natjm iljnt ein anbrei Sud) ©enobeba, bon ©ebbet 
bearbeitet, mit. 2)a§ ift ein jcßoiteä Dpemfujet, unb l)abeit ftd) 
beibe gleich bafür entfeßieben." 

Über bic ©efdjicßte be3 Xejte§ ber „©enobeba" uitb feine Se* 
arbeitung in ben Sommermonaten burdf) Schumann unb Steinicf, 
bie manche Aufregung braute, wirb fpäter itod) gu reben fein, 
©ier fei nur barauf ßingeioiefen , baß biefer Xeyt Schumann bie 
Sefanntfdjaft mit ben übrigen ®id)tungen ©ebbetä bemittelte unb 
baburd) gu ben perföntidjen Segießungen, bie feitbem beibe SSfäniter 
initeinanber berfnüpften, beitrug. Unter ben naeß ber Sfücffeßr non 
Serlin gelefeneu SBerfen bergeidjuct* Scßumann nacf) ben beiben 
ÜJtajeppaS bon Slotoadi unb Spron, gtoifeßen „SBitßetm SJteifter 
oon ©octße (jum 3. SJtat}" unb „Cbpffec bon ©omer" „©enooeoa 
bon ©ebbet" unb naeß ber „©enobeba bon Jiecf" „Subitß bon 
©ebbet". Stuf ber folgenben Seite gtoifdjen „Sajaget bon Stacine" 
unb ben „Sriefen bon ßicero" ben „®iamant bon ©ebbet", 
unb ßicero angereißt: „©ebießte bon ©ebbet (bortreffließ)" unb 
fcfjtießlic^ fjinter ©rillpargerS „Wiener feines ©errtt" mit ber Stote 
„große geßter in ber ßrfiitbung bei großem latent" „3)taria 
SJtagbatena bon ©ebbet (ben erften angureißen)." 



* 3n einem Keinen Jgefte mit ber Stufjcprift: „3eitung$material. Seetüre. 
3Jtufifalijd)e ©tubien." 



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166 



1844—1860. 



®ieS Sofortige ©epacftwerben »on £>ebbet unb baS SBadjfen 
ber Bewuttberung mit jebcm neuen SBerf eines ®id)terS, ber im 
fdjärfften ©egcttfaf} ju bcm poetifdjen 3ugenbibeal ©djumamtS, 
Scan ^ßaul, ftef)t, ift bejeicfjnenb für ben äftljetifchen GntwicflungS» 
gang ©djumannS; and) tjicr mie in feinem mufifalifdjen ©efdjmacf, 
ein wachfeitbeS BerftänbniS, ja eine Borliebe für fjerbe ©röjje unb für 
tragifcfje Äonfequenj. Sind) Glara muffte fidj gleich an bie Seftüre 
ber „Subith" ntadjen, unb ebenfo fixeste er fdjon SJtitte 3J?ai perfönlidj 
giihlung mit §ebbel in jenem fo rüfjrenb befd;eibetten ©riefe*, in bem 
er als ein Unbefannter bem Siebter feine Betrachtung ber ©eno- 
üeöa*®idjtung unter bem ©efidjtSpunft eines OperntejteS erflären ju 
mflffen glaubt burd) ben in Älammer beigefügten gufafc «i<h bin 
SDtufifer". Slber gerabe in biefem Briefe tritt bodj ganj auSfdjlieji« 
lieh baS Sntereffe an ber „©enooeüa" in ben Borbergntnb. 2BaS er 
in §ebbel gefuuben ju hoben glaubte, unb wie er ju ihm aufblicfte, 
baS tritt aus ber für fein frembeS Sluge beftimmten Gintragung in 
fein 9Joti$ent)eft fjernor, bie er nad) ber flüchtigen Begegnung mit 
,£>ebbcl im ©otnmcr 1847 nieberfchrieb : 

„Sine grofje CSfjre ift unferm §aufe wiberfatjren — gr. §ebbel 
befuchte unS auf feiner ®urd)rcife. ®aS ift wohl bie genialfte 
Statur unfrer ®age. Slud) feine ißerfönlidjfeit war entfprechenb. Über* 
fpannt er feine fträfte nicht, fo wirb er baS $öd)fte erreichen, fein 
Stcune ben unfterblidjen Zünftlern aller feiten beige^ählt werben." — 
®ie mufifalifch * fcfjöpferifc^e Slrbeit ber JrühüugSmonate 
galt junächft bem finale jurn „gauft", baS ^Wifchen bem 18. unb 
25. Slpril botlenbet Würbe**, bie beS ©ommerS wefentlich bem 
D-moH ®rio. Slm 13. Suni fchreibt Glara : „Stöbert ift jefjt fe^r 
fleißig, er fchreibt an einem ftlaüiertrio, baS ein DpuS mit bem 



* Sriefe, 91. fr 2. Stuft. 9h. 300 (bom 14. OTai 1847) ©. 267 f. 

** 2)odj erfuhr dnbe .frili ber Sdjlujjdjor noch eine böttige Umgestaltung, 
ba itjn bie erfte friffung nid)t befriebigte. 



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1844-1850. 



167 



erften* toerben foH; id) freue midj, baß er auch einmal mieber an baä 
Slaoier benft. Sr fdjeittt fetbft feljr gufriebcn mit feiner Sontpofition." 
91m 16. 3uni mar bie Sfigge ooHenbet, unb am 13. September über» 
rafdjte Stöbert Slara mit bem fertigen 2rio, baä glcidj am felben 9lbeitb 
oon Slara, bem Songertmeifter Schubert unb Kummer gcfpielt unb in 
ben folgenben SRonateit gmeimal in prioatem Steife roiebcrfjolt mürbe 
{baä eine 2Jtal in einer @efellfd;aft bei 83enbemann$), bie erfte öffenP 
tid)e Aufführung aber erft im Januar 1849 erleben füllte. „Sä 
Hingt", urteilt Slara, „mie oon einem, oon bem nocfj oieleä gu er* 
märten ftel)t, fo jugenbfrifdj unb fräftig, babei bodj in ber Ausführung 
fo mcifterfjaft . . . $er erfte Saß ift für mid) einer ber fdjönften, 
bie icf) lenne." Sonft fdjeint in biefem Sommer** nur baä „Sieb 
beim Abfdjieb gu fingen" oon geudjteräleben für S()or mit ^Begleitung 
oon 2 glöten, 2 Oboen, 2 Slarinetten, 2 gogotten, 2 Römern 
entftanben gu fein, baS Schumann, mie baä Xagebucfj beridjtet, eigens 
für feine Saterftabt ^'dau lomponierte, moijitt fie am 2. 3uli 
gur Aufführung ber C*bur Stjmpljonie reiften. 

®iefer ^midauer Aufenthalt, ber, fid) auf faft 14 Sage erftredenb, 
bie SompofitionSarbcitcu unterbrach, gcftaltetc fidj gu einer $ulbigungä* 
feier oon Sd;ttmannä Saterftabt für ihren großen Sohn, bie bie freunb* 
licffftcn unb ert)ebeubften Sinbriide in bciben gurüdließ. Sä mar ein 
gamilienfeft im großen Stil mit bem gangen intimen unb herglidjen 
Sl)arafter einer foldjen geier, nur baß h* er *>* e Somilie fid; au§ allen 
mufiffreubigen Seelen ber Stabt gufammenfeßte. Srnftcä unb .fpcitereä, 
Srhabeneä unb nicht Srljabeneä, aUeä Hang freunblid) gufamnten, 
beim rnaä auch gefpenbet mürbe, eä !am auä freubigem unb banf* 
barem §ergen, unb jeber gab fein fflcfteS. 



* ®emeint finb bie „^antafieftiitfe f. SJJianoforte, Violine unb Violoncello", 
Op. 88, au4 bem ©nbe bei 3:af)rel 1842 (Dgl. oben < 5 . 63), bie Schumann 
uriprünglid) nll „Trio" bejeidmet Ijatte. $aS D-moH-Xrio erhielt bie Dpul* 
;al)I 63. 

** 3tadj ber Datierung im $anbejentplar am 21. Qfuni Dp. 84. 



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168 



1844 — 1850 . 



3 nt förnijc beg Stabtratg Qberlänbcr, eiiteg alten ©efannten 
nott «Schumann, (beg nachmaligen SRiitifterg) mar ihnen bef;agtic^* 
fteg Quartier Bereitet. ©ineg ?lbenbg gab’g ein ©tänbdjen Dom 
Crdjefter mH Gf)or; unb ber Doftor Älifjfd) tjatte bagu ein fjiibfc^cö 
©ebidjt fomponiert mit auf bie ©clegenfjeit begügfidjent Dejt, unb 
um beu abenb tidjen ©arten f)erum ftanben Rimberte bon jungen 
uttb alten ^miefauern unb freuten ficfj, feiner aber mefjr a(g ber 
alte Äunjjfd;, Sdjuinanug ehemaliger Sefjrer, ber freubeftratjfenb beit 
Dcjt ber befagten Äontpofition ifjni überreichte unb auch tbäljrenb 
ber folgenben 2Bod)en, loie bag Dagebudj fagt „in feinem ehemaligen 
Sdjiiler fdpoelgtc." Unb alg fic am anbem SRorgen auf ben Äirdj* 
hof gingen, ba ftanb auf bem ©rabe bon iRobertg ©ater ein fdjöner 
blüljenber Crangenftocf. 2Bäf)rcnb aber bann fRobert feine groben 
hielt, bie bei fdjmadjen Kräften, aber feljr biel gutem SBillcn nie 
einen SRifjton meeften, manberte ©lara in ben Käufern umher, in 
benen Siobert alg Änabe unb Säugling aug itnb ein gegangen, unb 
befudjte gelegentlich auch »eine 0011 fRobertg alten flammen." Sfm 
10. 3uli mar bag Äongert, bei uttenblicher ^>i^e, aber hoch alleg fdjöit 
unb berflärt. „SBir fanben beim ©intritt ÜRobcrt fein Dirigenten» 
pult, idj meinen Stuf)! munberfchön befrängt, beggleichcn bag ißobium, 
morauf bag Älabier ftanb, fomie auf bem Planier felbft noch einen 
muitberfchönett ölumenftraufj . . . «Robert birigierte mit einer ©nergie, 
toie idj eg noch nich* oon ih m flefeljen, • unb fo ging auch bie ©pm< 
phonie fehr gut." ßlara fpiclte an bem ülbcnb bag A«moH Äongert 
unb gum ©djlufj einige fleine Sachen. 28ie in biefem ©aum, auf 
biefem ©oben bie Stjmphonte auf Glara felbft mirfte unb ihr im 
^ufantmenhang feiner gangen fc^öpferifd^en Dätigfeit alg ein §öhe» 
puntt erft gum bollcn ©emufjtfein fam, ift oben fcf)on ermähnt 
morben. 

Unb am barauf folgenben Sonntag gab’g bann noch eine Slrt 
Seitenftiid gu gauftg 0fter)pagiergaug. ÜRau ging nadjmittagg 
auf ben Surgfeller, mo Äougert mar unb Xaufenbe non ÜRenfdjcti 



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1844 - 1860 . 



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beieinanber, „ein wolfreS BoltSfeft"; unb nt« fie über bie ©rüde 
tarnen, ba würben fie mit einem brcimaligen $ufd) unb lautem 
fiebetjodj empfangen, unb überall ftrecften ficfj $änbe ihnen entgegen 
uott alten unb neuen Befannten, unb alte glommen unb £ödjter 
non alten glommen SRobcrtS tauchten auf, fo baff er benn über» 
fjaupt, wie ßlara bemerft, aus ben Überrafdjungen nidjt herauSfam. 
SRit einem Sorte ungetrübte geiertage in noüftem ©oitnenglanj öou 
Anfang bis ju Snbe. 

SDiit um fo fdjriüerm SDtijjflang begann ber Sinter. 

3 n ber erften Utooemberwocfte bradjte ©abe aus Seip^ig bie 
SRadjridjt oon s KJenbelSfof)n 8 fernerer Srfranfung, „er rebe irre, offne 
gieber ju Ijaben, fo baff bie &rjtc nicht wiffen, was fie barattS 
machen foKen. ... Sn fieipjig ift man in grofjer ©orge feinet« 
wegen, wir Ijoffen aber, es wirb üoriiberge^enb fein", fjeifjt eS am 
1. 9?otoember im Sagebudj. ?lber fc^on bie folgenbe (Eintragung 
beftätigt bie fdjlimmfte Befürchtung: „greitag, ben 5., war ich 
Ben bemann unb l)örte bort ju meinem großen ©djrecfen, baft 
aRenbelSfofjit einen ©chlaganfall gehabt, ber wenig Hoffnung liege 
31 t feinem Sieberauftommen; wir badjtcn aber, eS fei bodh wof)l 
etwas übertrieben, bodj fur^e ßeit nachher tarn ein Brief bon fReuter 
auS Seipjig, ber uns melbete, bah äRenbelSfotjn am ®onnerftag, ben 
4., abenbS 5 9Rinuten nadj 9 Uhr fanft oerfdjiebeit war. Sr ftarb 
an brei nacheinanbcr in 3«itraum »on 14 lagen folgenbcn ©chlag« 
anfätlen, gan$ in bent 3 u f tan & wie feine Sdjwefter gannp — ift 
eS hoch, als ob ihn bie ©djwefter nach fid) gezogen hätte, benn er hat 
felbft 31 t feiner gamilie gefagt: ,,idf) fterbe wie gönnt)", es fdjien in if)tn 
fije gbee geworben ju fein. . . . Uttfer ©djmerj ift grofj, benn uns war 
er ja nicht nur als Hiinftler fonbern auch SDtenftfj unb greunb 
teuer! ©ein 2ob ift ein unerfe^licger Berluft für alle, bie ihn ge* 
, fannt unb geliebt ... Zaufenb liebe (Erinnerungen fteigen itt einem auf, 
unb möchte man immer auSrufen: warum hat ber §immel baS getan! 
unb hoch er hot ihn in feinem fdjönften ©lanje twn ber Srbe ge* 



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1844 - 1850 . 



nommcn, in ber ©litte feiner Satire ... er ftanb als Zünftler auf 
bem ßöd)ftcn ©ipfel feines StußmS — ift es nirfjt ein ©liid, fo 3 U 
fterben? glätte man ißn nur nod) einmal feigen tonnen! mir faßen 
ifjn gutcpt am 25. ÜDtäq, unb in meinem Stottert ant 16. SJooembcr 
tmrigen SaßreS mar cS baS lefcte 2Jtat, baß er im ©eroatibßauSfaale 
birigiertc, unb jmar fein G<moll Sonjert, baS id) fpiette. Jodt 
motlte icß alles aufjaßlcn, maS einem lieb an ißm unb bon ißm 
mar, id) finbe fein Gnbe; boeß füllte icß, baß ber Sdjmerj um ißn 
für unfer ganjeS Seben nacfjfjatten mirb." 

9tud) bie fotgenben Jage ftanben nod) gan$ unter bem ßinbrudte 
beS fcßmerjlicßen ©erluftcS. Jie Jagebucßaufjeicßnungen geben baS 
fflitb ber Stimmung am lebenbigften mieber: 

„Sonnabenb, ben 6 ., reifte Stöbert jum ©egräbniS nad) Seipjig, 
Senbemann unb Siietfcßel maren früf» feßon abgereift, beibe, um 
ÜJteitbclSfoßn nod; ju jeußnen unb 31 t mobellieren. SScldß fcßntei# 
ließe ©erantaffung für Stöbert! id) fattn mid) noeß gar nid)t erholen, 
bie meßmütigften ©efiifjle beßerrfdßen mein SnnerfteS. SlbenbS fam 
bie 9Jtuttcr, mit Süarie unb Säcilie — eS fonnte mieß aber nichts 
aus meiner trüben Stimmung reißen. ÜJiarie blieb bie Stadjt bei mir ! 

Sonntag, ben 7. ßs ift ein feßöner ©Jorgen! icß benfe nnauf» 
ßörlicß an meinen lieben Stöbert, mie mirb ißn all baS Jra urige 
angreifen! mie fcßlt er mir gernbe jeßt, mo mir baS §erj fo boü 
ift! mie feßne id) ntieß fd)on ßeute naeß ißm — id) lebe boeß nur 
einen Keinen Jcil, menn icß ißn nießt ßabe — ©ott erhalte mir 
mein ßödjfteS ®ut! 

DJacßmittag ging icß mit ben Stinbern jur grau ©enbemann, 
mo mir natürlich nur bon SDJenbelSfoßn fpraeßen. StbenbS ging 
id), bureß Ritters ©itten beranlaßt, in bie ©robe jum Oratorium 
„Jie gerftörung ScrufalcmS", genoß aber gar menig — bie 
Sötufif ftimmte mid) nur nod) meßmiitiger! — 9ta<ß ber ©robe 
ging id) nod) ein Stünbd)en mit gu §idcrS, eigentlich um mid) ber 
trüben Stimmung etmaS ju entfdjlagen. .fpillcrS ganzer Jon aber mar 



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1844-1850. 



171 



mir im Ijödjfteit ©rabe unbetjag(ich .... 5ltle3 fam mir fo ent« 
fefclich materiell bot im SBergteicfj gu bem, tea» mein $erg fo mächtig 
bemegte. Stuwer mir tear noch SHietfcfjel ba, bcr mid; bann nach 
$aufe begleitete. 

SJfontag, ben 8., fam Kotiert . . . gurücf — id) taffe fjier feine 
Kotigen folgen, wie er fetbft fie aufgegcidjnet. 

„©onnabenb, ben 6. Um 3 '/j Uf)r §tn!unft in Seipgig — gu 
Softor Keuter, gu ÜDoftor gärtet — in SKenbetefofjnS .fpattS — 
feine SHnber unten mit ißuppen fpietenb — oben ©d)Icini&* — ba§ 
ißublifunt — ber ebte Sobte — bie ©tim — ber SKunb — ba§ 
Sädjetn barum — teie ein glorreicher Kämpfer fah er au§, teie ein 
©ieger — gegen ben Sebenben teie etraa um 20 3af;rc älter — 
gwei hoch gefchteollene Stbern am Kopf — bie Sorbecrfrängc unb 
ißatmen — ©buarb Seorient unb ißrofeffor §enfel — früher 
Senbemann unb fjmbner — Um 7 Uhr in bag ©ewanbfjauS — 
ißrobc gut Sotenfeiertidjfeit — Kummer aus ißautuä — 3- Kie| — 
Saoib — ^tbenbg bei fßoppc bie alten Sefannten. 

©onntag, ben 7., milber Sag, teie im grütjting — ©rinnerungen, 
überftrömenbe an SKenbetSfohn — iöefuch SBoIbemar fflargietg — 
bann bei SEßfjifttiitg , Sßenget unb ber ungtüdtidje 5t. SSöttger — 
(©torie unb SSergteeiftung, ÜKenbcMfohn unb biefer — ) K. ^rattg 
au§ |>atte — um 3 Uhr nachmittag nach ber Königftrafje — grant 
auS ©re§tau — grofje SKenfchenmaffe — ber gefchmücfte ©arg — 
feine greunbe alte — KfofdjeteS, ©abe unb ich 3 ur rechten, |>aupt« 
mann, 3)aütb uttb Kiep gur tinfen be§ ©argcS, aufjerbem Joachim 
unb oiete aubre bahinter — unabfeljbarcr $ug — oon ber 2Bof)nung 
biä in bie ißauliner-Kirdje eine ©tunbe — fdjöne Srauerfeierlidjleit 
ber SKarfd) au§ E«mott auä bem 5. $eft ber Sieber otjne Sßorte 
auf bem StBege gefpiett — graei SKufifdjöre abteedjfetnb — in ber 
Kirche ber ©h or — Drgeteinteitung : ©infacher ©horat (4 SSerfe). 

* TOeitbeWjotjnS naljer greunb, tiadj 2)?etibclsiol)n>3 lob Xircftor bcf Hon- 
ferbatorium*. 



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172 



1844-1850. 



Sßoral aus Paulus (in F*moö). SRcbc tmn ipaftor §omarb. 
Sßor auS Paulus (tütr prcifen fetig) — ©egen. Scßtußcßor in 
C*moll auS ber ißaffionSmufif öon < 3 . ®acß. 

5D?it ©abe Sorbeerblätter üom Sarge gepfliidt — SlbenbS bie alten 
öefannten. 

SDiontag, beit 8. 5D?it ©abe früß ju 5Rieß — um 12 >/ 2 Ußr 
nacf) SreSbeit juriitf." 

„Stöbert", fäf>rt Slara fort, „erjäßlte mir DieleS, befonberS mie 
fo fdjöit unb mürbig bie freier in ber ftirdje mar, mie jo ßerrlidj 
ber Eßor, ber moßl nie jaßlreüßcr sufammenfam. 9?adj ber Äircße 
braute ein Eftrajug, ben ®aoib mit begleitete, bie ficicße nad) 
Berlin .... Sßir fprccßen immer oon 2)tenbelSfoßn, unb tanfenb 
Erinnerungen brängcn fidj unS auf! Robert befdjäftigt fieß jeßt bamit, 
all bie ©riefe oon ißm unb anbre Erinnerungen jufammenjufudßen." 

Stöbert aber ßatte ber plüßlidjc Heimgang beS 5 rcurt beS nicßt bloß 
al§ unerfeßlidjer SSerluft getroffen, fonbem es ßatte gerabe and) bie 
Erfcßeinung beS 2obcS in biefer ©eftalt ißn in tieffter Seele er» 
fcßrccft. $er ©ebanfe, baß ißm ein gleiches Snbe beoorfteße, ließ 
ifjn feitbem nicßt meßr loS unb mürbe in SrregungSjuftänben gerabe* 
jn jur fijen Sbee. 

Sin anbrer fßerluft, freiließ meniger fcßmerjlicß uttb aud> 
nicßt einer für immer, aber bodj immer als Staub am Seben emp* 
fnnben, reißte fieß unmittelbar baran: |)ilIerS gortgaug oon®reSben; 
er folgte bem Stuf als ftäbtifeßer 3JZnfifbireftor naeß ®üffelborf. 
3mei läge naeß SDtenbclSfoßnS Ceitfjenfeier folgte baS SlbftfjiebS» 
maß! für filier auf ber Srüßljdjen ^erraffe. „SBelcß ein Äontraft 
ber ©efiißle!", feßreibt Elara, „mit bem tiefften Scßmerj im f>erjen 
burften boeß SOfenbelSjoßnS greunbe aitcß ßier nießt feßlen . . . $ie 
©efellfdjaft foll ßeiter gemefen fein, Robert fagt, ®eörient ßabe bie 
fdjönfte Stcbe unb Sooft auf filier anSgefprodjcn, beffen er fieß erinnere. 
... Sludj Robert mürbe ein Sooft gebradjt unb er als Siebermeifter ber 
Öicbertafel begrüßt, meltße ^unftiou oorßer filier oerfeßen ßatte." 



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1814-1850. 



173 



$iefe Grbfdjaft tpitterS, als fiicbcrmeifter ber fiiebcrtafel, blieb 
iticf)t ohne Ginwirfung auf feine fcf)öpferifd)c Sätigfeit. ©d;on für 
beit erften Slbenb, an bem er offiziell fein 3lmt antrat, l^atte er einen 
SÖtcinnerdjor mit einem 9i iicfertfcfjen Sejt fomponiert, unb if>nt 
fdjtofj fidj eine Stoffe anbrer Sompofitioncn für 9Jiänncrd;or an: 
bie „Siitorncüe »ott Stücfert in fanoitifdjer SBeife für mefjrftimmigen 
aitännergefang*" unb bie „$rci ©efänge für SDiännerctjor"** 
(Gidjenborp 2? er ©ibgcnoffen Siadjttoache, SiüdertS grciheitSlieb unb 
£IopftocfS ©chtachtgcfang) noch öor SahrcSfdjtuf}, mooon nament- 
lich bie „brei ©cfänge" Robert fclbft fcf)t befriebigtcn. SIber mit 
biefen, unter ber fpietenben £>aitb wie »du felbft wadjfenben (Megett» 
heitSfdjöpfungen füllte bie Grntc beS Safjreö nicht bcfchtoffen feilt. 

©d)on am 26. Cftober metbetc baS Sagebud): „SJobert tjat 
heute bie ©fijjen ju feinem 3. Statticrtrio*** ooffenbet unb gcfjt nun 
an baS Stuffdjreibcn ber beiben lebten ©äfcc — bie erften Ijat er 
fdjoit aufgefdjriebcn. 93iS jefet tennc idj nur beit erften, ber mir 
aufjerorbenttkh gefallt, aber im Gharafter gattj berfdjiebett ift neu 
bem erften ©ah beS ^weiten (erften) XrioS." GS warb nachmals 
eines ihrer SieblingSftüde. GS „gehört", fdjreibt fie int 2(pril 1849, 
„ju ben ©tüdcit SiobertS, bie mich 1,011 2t n fang bis junt Gnbe in 
tieffter ©eete erwärmen unb entlüden. 3 cf) liebe es leibenfdjafttid) 
unb mödjte eS immer unb immer toieber fpictcn ! " 

®ie größte Übcrrafdjung unb greubc biefeS 3af)reS bereitete 
if)r aber Stöbert am SSeihnadpabcnb mit ber fertig inftriimen» 
tierten Cuüertürc jur „©ettobeüa", bereit ©fi&e übrigens fchott 
im grühling botn 1. — 5. Stprit, unmittetbar nach t>cr enbgiittigen 
Gntfcf)eibuitg für biefen ©toff, ohne bah Gtara cS ahnte, entftaubeu 
mar. Unb jmifdjen SBeihnadjtcit unb Steujahr marb bann mit 
* Cp. 65. gnbe Stoöember entftanben. 

** Cp. 62. Statt) bem .§anbe£emplar baS jtocite unb britte am 6. ®ej., ba? 
erfte am 9. Sejember entftanben. 

*** gs marb baS jrocite! Cp. 88. Sgl. oben 6. 167 Slnm. natf; bem 
fjanbejemptar entftanben: SreSben Stuguft— Cftober 1847. 



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174 



1844 - 1850 . 



fprubelnber SIrbeitSfuft aud; bie Arbeit am erften SIft begonnen. 
®ie 'Jejrtgeftaltuug fjatte anfangs Oief Sdjwierigfeiten gemacht 
Robert war bie Mitarbeiterfdjaft IReinidS fcfjr batb teib geworben 
unb fjatte oiefmefjr Suft befommcn, fid) allein ben left unter 3“’ 
grunbefegung üon §ebbelS unb SiedS „(Genooeoa" jufammenjuftetlen. 
Gtur auf briugcnbeS Sitten SReinidS, ber ben Stoff lieb gewonnen fjatte 
unb, nur um ifjn nicfjt aufgeben ju müffen, fidj in ber fefbftfofeften 
unb freunbfdjaftfidjften SSeife bereit erffärtc, Sdjumann feine Sear= 
beitung jur beliebigen Senufjung jur Verfügung ju fteffen, fjatte biefer 
ficf) bewegen faffen, wenigftenS formell SReinid als Mitarbeiter ju 
befjatten. ®effen Arbeit gefiel ifjm inbeS fdjiießlicf) wenig; er 
änberte fie baßer fo oon (Grunb aus um, baß am Gnbe oon fReinid 
im lejt fo gut wie nidjtS ftefjen geblieben ift. 

Stucf) für Gfara fjatte mit bem auSgefjenben Sommer 1847, trofcbem 
ifjr törperfidjer 3uftanb onbauernb oief ju wünfdjcn übrig ließ, 
wieber eine gefteigerte Sätigfeit begonnen, worauf offenbar ScfjumannS 
Sriofompofitionen unb berSßunfd;, fie möglidjft halb fpiefeit ju föitnen, 
nic^t ofjne Ginfluß geblieben waren. Sie fpiefte feit bem September 
wieber regelmäßig für fid) unb and; mit großer greubc, unb feit 
bem Dftober würbe regelmäßig mit ben beibett SdjubertS eine 2rio« 
rnufi! an einem beftimmten SSodjentage ftubiert. Sine befonbere 
(Genugtuung unb greube aber bereitete eS if)r, baß fid; jejjt rnefjr 
unb rnefjr Sdjüferittnen aus aßen Streifen einfanben, um bei iljr 
Stunben ^u neunten. „2)icfe SBodje", fdjreibt fie am 11. Segentber, 
„war idj aiemfidj ffeißig! icf) gebe faft jebett Xag jWei Stunben . . . 
eS ift bod) ein gar angcnefjmeS (Gefügt, täglicf) etwas ju Oerbienen. " 

So begreift man, wie unter biefen Ginbrüden unb angejidjtS ber 
feit ifjrcr Giiidfefjr oon bort wefentfidj oeränberten ßuftänbe in Serliu 
ber (Gebaute an eine Uberfiebfttng immer rnefjr unb rnefjr juriidtrat. 
9ÜS fie nun im ©e^ember bie fEobeSnadjridjt einer aitbent, im grüfj- 
jafjr erft gewonnenen öerlincr greunbin erhielt, fdjreibt fie benn 
audj: „gär midj ift nun Serfin (außer ber Mutter) gan^ offne 9ln* 



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1844 - 1850 . 



175 



ziehungäfraft mehr. gönnt) ©eufet tot, SJtarie Sichtenftein fort, unb 
nun bicfe liebe gemütliche grau auch tot. — geh benfe, mir fommen 
am (fttbe gar nid)t f>in, fonbern bleiben hier. Stöbert ift jef}t 
mit Seib unb Seele babei, einen ©erein für gemifchten IXfjor, mobei 
ber §auj>tzraed ift, neue größere Sachen unb Sieber einjufiitbieren, 
ju ftiften, beu er ßäcilienoerein getauft hat. SJtorgen geht bie 
(Sinlabung in Umlauf, möchte bie Teilnahme recht zahlreich fein — 
ich h°ff e eS ’ beim eben gerabe für StuSiibung biefer ©attung oon 
SJtufif ift ja fo menig ©elegentjeit, ba bie Singafabemie nur geift* 
liehe fiompofitionen mählt. @1 freut mich f e h r / toenn Stöbert auf 
biefe SBeife einen angenehmen SöirfungSfreiö fich. fc^afft, unb gerabe 
ein folcher haf}t für ihn." 

©iS jum Schluß bcS gahre§ hatten fich f“ r ben neuen ©erein, 
ber injtoifchen, ba fchon ein „ßäcilienoerein" oorhanben mar, bie 
^Bezeichnung, „©erein für ©horgefang" angenommen hatte, bereits 
110 SDtitgtieber angemelbet. Unb um baS Gitbc üollenbs gut zu 
machen, !am noch am 31. Dezember aus Stemtjorf bie Stadjricht, 
ba| baS American SDtufical Snftitut eine Sluffiihrung ber ,,©eri" oor» 
bereite. „(SS mirb", hiefi in ber Zeitungsnotiz, „mit ber größten 
Sorgfalt cinftubiert unb erfreut fich beS lebhafteften gntercffeS aller 
SJtitmirfenben. (Sin glänzenber (Srfolg fann bei ber hohen Schönheit 
bcS SEBerfeS nicht auSbleiben." 

SJtit biefen frohen SluSfidjten unb mit beit Älängcn ber gauft* 
SJtufif, bie Slara Stöbert in bent, in ber lebten 2>ezentbermoche oon 
ihr oollenbeten Älaoierarrangement am Silocfterabcnb in einem 
Zuge oorfpielte, ging baS alte 3al)r zu (Snbe. 

Sticht minber glücfuerfjcigenb begann fein Stadjfolger. 

2lm 5. ganuar mar bie erfte Übung beS neuen ©horgefangoereinS, 
etroa 40—50 Sänger maren oerfammelt. Stöbert eröffnete mit einer 
Keinen Slnfpradje, bie mohl feljr Kein gemefen fein muh, berat Glara 
fchreibt felbft: „StobertS ©egrüfjung füllte mohl eigentlich etmaS länger 
auSfatlen." „®och" fügt fie hinzu, „mie er eS immer oerftaitb, mit 



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176 



1844-1850. 



wenig Söorteit niel gu fagen, fo auch bie«mal.“ 2Rit einem Sachsen 
G^oral fing man an; einige Solfeggien für ben gangen 6^or, „bie 
alle fcljr interejfierten", itrtb einige Sieber öoit 2Jtenbel«fohn unb 
^auptmaun bilbcten beit reichen Snfjnlt ber erften Übung. „Stöbert 
hatte fiel) Ijeutc fefjr unwohl gefühlt", fcfjreiöt ßlara, „boef; war mit 
einem SDtale alle« Oerfcbwunben unb er gang beiter unb oergm'igt: 
td) audj, benn idj hatte bett ganzen Stag etwa« Äanonenfieber." 

Sluch in ber golgejeit nabmen bie Übungen unb bie Sdiicffale bc« 
SBerein«, ber f chneU auf 70 SRitglieber anwudj«, Slufmcrffamteit 
unb 3eit, manchmal ntcbr al« erwiinfe^t war, in Slnfprudj, brachten 
aber gerabe bei bem fcfjwantenben unb non Stimmungen ftarf be= 
cinflufjtcn ®efunbheit«guftanb Sdjuntann« oft audj wiHfommene 
Slblenfutig non trüben ©cbanteit unb Slbwedfjflung in ber geiftigeu 
STätigfeit, bie in biefem unb ben folgenben SOtonaten bi« in ben Sluguft 
be§ Safjre« angefpannt unb augfcfjliefjlich ber „©enoöeoa" galt. 

„Slm 3. Sanuar", fcfjreibt Stara, „beenbete Stöbert bie Sfiggc gurn 
erften Slft ber „©ettooeoa"* ... er oerläfjt itjn nun aber and; Sag 
unb Stadjt nidjt, wa« bod» feine SReroen angreift." 

Slm 10. Sanuar melbet ba§ Sagebudj, feit gwei Sagen fei bie 
Snftrumentierung bc« erften Sitte« im ©ange. „@r fagt, noch teine 
SIrbeit habe ihm foldje« SSergnügen bereitet." Slnt 23. Januar war auch 
bie« bewältigt. Sann aber rächte fidj, wie früher fdjon erwähnt, bieje 
Überanftrengung, unb bebenflidje Überreigung«erfchcinungen gwangen 
gu mchrwüd;entlicher ißaufe. Unb audj nachbem am 27. Februar 
bie SIrbeit wieber aufgenommen war, machten fief) noch meht öl« ein* 
mal Unterbrechungen notwenbig, bi« am 4. Sluguft ber Sdjlufjftrich 



* Sto&ertä Eintragungen im ^anbejcmplar ergeben folgcnbc SDaten für bie 
Sfijjierung : 

Ouoertüre ffijjiert $rc8ben 1.— 6. Sfyrit 1847. 
ffltt I. „ „ 26. $cj.-3. San. 1848. 

Slft II. „ „ 21. Sanuar — 4. fyebruar. 

Stft III. „ „ 24. Styril— 3. SDtai. 

SUt IV. „ „ 15.-27. Suni. 



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1844—1860. 



177 



gcmadjt merben foitnte. $ie Arbeit ootljog fic^ fo, baß jebcr einzelne 
Ülft im Scjt fertig gcfteHt, fixiert, inflrumentiert mürbe, beim 
folgenben mieber erft Scjtarbeit ufm., fo baß alfo bie bidjtcrifdj» 
bramatifdj geftalteube Sätigfeit fidj immer ätüifdjert bie Äompofition 
ber einzelnen 2lfte einfdjob. 

giir Clara fpieltc fidj baS Seben in ben erften SKonaten bes SaßreS 
1848 mefenttidj unter ßäuStidjcn Sßflidjten unb Sorgen ab — am 
20. Saituar mürbe Subtoig geboren, unb faft um biefelbe $eit brad) 
Stöbert unter ber ©enooeoa^Slrbeit gufammen. Sludj burdj biefe §emm» 
niffe unb Sdjaiten arbeitete fie fidj tapfer ßinburdj unb ßatte, nadj* 
bem fie bie erfte Unfidjcrijeit infolge ber langen er^mungeneit 
Stuße übermunben, and) große greube an eigner Jtunftübung, um 
fo meßr ba fie audj bieSmat fie gan^ unb ungeteilt in bem SdjaffcnS» 
freife ifjreS 9)taimeS betätigen lounte. 3n ber erften Sluffüfjrung 
bes SfjorgefangoereinS am 26. ÜJfär^ erfdjicn fie gum erftenmal 
mieber oor ber Öffentlidjleit mit ber A*mofl ©ebalfuge oon ©ad) 
mtb als ^Begleiterin am Slaoicr für bie Sluffüßrung oon ©abcS 
„Comala". Unb menn fie hier nodj troß beS rcidjen ©eifaHS felber 
mit fid^ nidjt gan$ jufrieben mar, fo gab ißr baS leßte ©emanb» 
ßauSfottjert am 6. Slpril, in bem fie StobertS A--moll Äonjert unter 
entßufiaftifdjem ©eifall oor überoollent Saal fpielte, boeß ben fflemeiS, 
baß fie mieber ben ßücßften fünftlerifdjen Aufgaben unb oor allem 
aueß benen geroadjfen mar, bie ißr Robert» SDtufe fteHtc, mie fie 
gleich am folgenben Slbenb in einer großen ©efellfcßaft bei fpärtelS 
burdj ben ©ortrag bcS D*motl XrioS (mit 2>aoib unb ©rabau) 
nodj befräftigte. 

„§ier in biefetn Sonderte“, fdjreibt fie naeß bem ©emanbßauS* 
fonjert, in bem fie, — eine meßntiitige ©enugtuuug! — als Zugabe 
für ben ißr gefpenbeten ©eifall, jutn erftenmal feit bem £obe beS 
greunbeS, ÜltenbelSfoßnS ißt gemibmeteS grüßliitgSlieb fpielte, „ßättc 
man glauben fönnen, 2>eutfcß(anb fei frieblidjcr als je, fo oiet 
©ntßufiaSmuS mar im ©ublifum." Slber ti ad] ber §ärtelfcßen Soiree: 

(mann, Ölara Sdjumann. II. 12 



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178 



1844— 18S0. 



„bie ©efellfcßaft war eine feßr angenehme, bodj ift jeßt fo teilt redjt 
freubigeS $ufammenfein, bie fatale politif oerfolgt einen immerfort.“ 
?lber aueß in baS ftiHe, freiibige fünftlerifcße Staffen im Sdjn» 
mannßaufe trug bie teibige Politif in biefetn unb in ben folgenbcn 
Sommermonaten, wo ß-lara iß re £>auptfraft mit immer waeßfenbem 
3ubel über bie Schönheiten beS SßerfeS bem fllaüierauSjug ber 
werbenben „©enoüeüa" wibmete, Schatten unb Siffonanjen hinein. 
So brängt fie fieß aueß in bie Spalten beS frieblicßen Sage* 
bucßeS. ßtara fängt an, politifeße Betrachtungen ansuftellcn über 
bie Siotwenbigfeit ber Grinfüßrung ber Preßfreiheit unb bie 2lb= 
banfung beS oerhaßten ÜJlinifteriumS : „9tlleS lieft jeßt, unb 65ott 
weiß, was noch werben wirb. 3n ber Sotnbarbei fießt eS feßreef» 
ließ aus, beSgleicßen in ber SdjWcij, Ptetternicß in Sßien ßat ab= 
gebanft — eS gehörten Büdjer baju, fotlte man alles feßreiben, 
waS feit 3 SNonaten bie SBelt bewegt." Unb als nun gar bie 
Sllarmnacßridjten aus Berlin fommen — „9lm 18. ÜRärg abenbs bie 
feßrerfließften 9?ad)rid)ten anS Berlin, ber König wiH nießt itacßgeben, 
bie Bürger fämpfen furchtbar mit bem SRilitär.“ „Über 1000 ÜRen» 
feßen füllen gefallen fein", fdjreibt fie am 22., „was ßat fo ein König 
auf feinem ©ewiffeit" — ba tomrnt eS über Preußen unb feine 
Politif git feßr erregten SluSeinanberfeßungen unb feßroffen 3Rei* 
nungsoerfdßiebenßcitcn mit ben greunben. 5£a gibt eS im Slpril 
1848 über bie fiangfamfeit Preußens in ber Scßle3wig'£olfteini‘ 
fcfjen Satße jwifeßen SRobert unb Bettbemann einen SiSput, „ber 
bem ganf etwas äßnlicß würbe." Slber aueß bie grauen unter fieß 
geraten aneitiaitbcr. ßlara fiißrt heftigen Streit mit einer — ißr 
übrigens audj fonft unfßmpatßifcßen — Same auS Berlin unb 
feßließt: „traurig ift eS ju feßen, wie wenig waßrßaft freifinnige 
SDtcnfcßen eS unter bem gebilbeten Staube gibt." Unb eines SageS 
melbet fie gar: „gcß befueßte ÜDiabame §übner, sanfte mieß aber 
ganj orbentlicß mit ißr — füllte man cS woßl glauben, über 
Politif! — " Unb noeß ein paar Sage fpäter ift fie in einer @e* 



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1844 — 1850 . 



179 



feflfdjaft bei |>übner3 „fel;r oerftimmt, unb $war ber ^ßolitif falber. 
Süefe fieute finb alte nid)t im geringfteit freifinnig." 

Stber aud; in baS Heiligtum ber Sunft fclbft branben bie glitten 
ber politifdjen Sewegung. ©ne @gmont«91uffüfjrung 3 . 93 ., bie fonft 
immer nur ©itfjufiaSmuS über @oetl)eS S)id)tung unb SeetljooenS 
ÜJhifif eni^ünbet, crfdjeint jefet and; unter bent ©efidjtSpunft eines 
Politiken SenbenjftücfeS mit 93ejicl;ung auf bie Sümpfe ber ©egen« 
rcart: „SDie ^anblung biefeS ©tiidcö fpielt fo recfjt in unfre 3 eit.“ 
3a felbft in ber Öffentlichkeit ftetlt fidfi bie Säuft (erin in ben Sienft 
ber ^olitif, bieSmal ber liberalen ©djwärmerei für baS arme ißolett. 
3m ÜDRärj 1848 fdjreibt fie: „^olen unb SRujjlanb foflcn im Stuf« 
ftanbe fein! 2 öie faßte eS micff freuen, machte ^ßolen firfj wieber frei!" 
Unb als am 23. Sßfai 1848 im ©aale beS .fpotcl be ©aje eine 
muftfalifdj«beflamatorifdje SWatinee, auf bem fettet etwas mpfteriös 
als „ßum Seften eines woljttljätigen BwedcS" bejeic^net, üer« 
anftaltet wirb, ba finben wir unter ben SDWtwirfenben neben ben 92a« 
men non 3ol;anna SSagner, Sbuarb Seorient, gräulein Säger aud) 
grau ©ara ©cfjumaitn oertreten mit einem „92oeturno" oon (Stjopin 
unb „jwei Siebern oljne SBorte". ©öffnet unb befdjloffen würbe 
baS Sondert burd; ©olis auf bent Siolonceßo unb — ber ©uitarre 
oon einem .'penn ©jejepanowsfi. Unb baS gehörte fid; aud; fo, 
benn bie Seranftaltung, „ber wofjltfjätige 3 wed", war für bie un« 
glücflicfjen Sßolen! „Siecht Ijüöfd) befugt", berichtet baS Sagebud;, 
„faft oon lauter ißolett. Siel SlpplauS, ©uteS ober ©d;lccf)tc3 
— einerlei!" SagS barauf überfanbten „einige polnifdje tarnen" 
als Sanf ein reijenbeS Slumentifdjdjen. — ©attj unpolitifd; aber 
war, wenn aud; burd; bie 92ot ber $eit oeranlafjt, eine 8 Sage 
fpäter oom ftonjertmeifter ©djubert oeranftaltete SBof;(tätigfeitS« 
matinee „jum Seften ber armen fät^fifc^en ©rjgebirger", in 
ber ©ara mit ben beiben ©djubertS baS B»bur«Srio oon Seetljooen 
unb mit ifjrer @d)Wefter ©tarie SöiecE bie Variationen ju oier 
Rauben oon ©tojart fpielte. 

12 * 



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180 



1844 - 1850 . 



SIDcr fo feßr bie Sßolitif bie Sbeeitgiinge beeinflußt unb in ben 
Vejießungen jur Slußenwett getegentlicß »erftimmt, bie eigentliche 
ftiße fiinftlerifcße Arbeit bleibt bocß ganj unberührt baoon. ®er 
klauierau« 3 ug ber „@enoüe»a", bie immer Wacßfenbe 3&ßt »on ©djü» 
leriitnen, bie Vorbereitung unb gelegentliche Vertretung Stöbert« 
im Gßorgefang»erein fteßen burcßau« im Vorbergrunb. Unb meint 
fie aucß gelegentlich — @nbe SJtai — fingt: „Sdj fpiele jeßt leiber 
mcnig, ba mir bie 3 e ‘ t mangelt! 3 um komponieren fomme icß 
oollenb« gar tticßt", fo beiueift hoch allein bie 35atfacße, baß fie am 
8. 3uni Stöbert burcß ben Duartettgefang breier Sieber, „bie icß 
ba^u fomponiert hatte", werfen ließ, baß fie aucß für ba« (Sigcnfte 
unb Snncrfte 3 e *t b ü finben weiß. Unb mit bem Veginn bc« 
SEBinter« (1848/49) wirb alle«, wa§ im »ergangenen Saßre hatte 
jurürffteßen unb liegen bleiben rnüffen, mit gefteigerten kräften 
wieber aufgenommen, troßbem wieber — unb bicSmal ju ißrem 
großen kummer — ißr förperlicßer 3 u ft an & >ß r geroiffe Stiidficßten 
aufjuerlegcn beginnt. 25a werben bie 2rio«9tacßmittage wieber ein« 
gerichtet, ba erfeßeint fie am 8. Cftober in einem kontert jum 
Veften ber ©djröber^eorient mit bem erften ©aß aus Sßeber« 
As*bur«@onate, — naeß Stöbert« Urteil „feßött gefpielt", — am 
30. Cftober mit ber ©cßröber=25c»rient jufammen in ber fDtatinee 
einer btinben ©äitgerin, tag« barauf wieber mit ber ©cßröber ju« 
fnmmcn in einem kontert jum Veften be« ,,3tat« unb tpilf«»erein«" mit 
öeetßotoen« ©onate G«bur für Viauo unb Violine unb bem Gapriccio 
in E«bur »on 9Jienbe(«foßn. Unb im Se^ember erbietet fie fieß 
mit ©cßubert, unter SDtitwirfung ber ©cßröber =®e»ricnt, ju brei 
mitfifalifcßen ©oireen, für bie fieß gleicß über 300 ©ubffribentcn 
finben. 

3wci ba»on fanben and) im ®ejember felbft ftatt. 2)ie erfte, 
Wo fie bie ©onate »on Varf; für ißianofortc unb Violine (Str. 2 
A--bur) unb 3)tenbel«foßn« 2rio Cp. 66 mit ben ©djubert« fpiette, 
fanb ein „für 2>re«ben ßücßft aufmerffame« ißublifum" unb trug ißr 



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1844—1850. 



181 



oon Robert baS 2ob ein. bafj fie ntc^t nur fdjön gefpielt, fonbent 
audj „ganj nad) feinem (Sinne atfompagniert Ijabe" (in ben Sdjotti« 
fc^en Siebern oon Scetpooen, bie bie Sdjröber»X , cürient fang). £ie 
jweite, beren geftfefcung in biefem äJtonat fie allerdings bem pfjteg* 
matifdjen Schubert nur unter Kämpfen abringen tonnte, bradjte 
iljr oor allem eine grofje greube: eine entljufiaftifdje Äufnaljtne beS 
Quintette, bie bem Somponiften galt. „®cr ©lanjpunft SRobertS 
Quintett, baS einen wahren ©ntfjufiaSmnS tjeroorrief, ber fidj nidjt 
elfer beruhigte, als bis Siobert auS feinem SSerftecf Ijcrbortrat unb 
fid) bebanfte. Sdj Ifabe folgen ©ntffufiaSmuS für einen Äompo* 
niften §ier nod) nidjt erlebt." 

So fdjlof? and) biefeS Sa^r aßen SBirren 3 um Jrofc unter fröf;* 
licken Äfpeften. 3 11111 erften iüiat modjten fie bie ©mpfinbung tjaben, 
bafj aud) auf biefem fo fprüben unb unroirtlidjen 33obcit ifjncn 
mit ber 3«tt noch öoße fdjöne Srnten reifen tonnten, ©anj oergeb* 
tid) fdjieu bod) fcfjliefjticfj bie Ärbeit biefer 4 Saljre nidjt gewcfen 
3 U fein. „SBir beibe tonnen nidjt banfbar genug fein", fcfjreibt 
ßtara am Siloefterabenb , „für alt baS ©ute unb Jreubige, bas 
uns ber glimmet audj in biefem Safjrc oerlief)." 

SBemt fie aber je§t unb in ben folgcuben Monaten immer toieber 
in lautem Subei unb ÄuSbrüdctt ftaunenber Sewmtberung fidj er« 
ging über bie Unerfdjöpflidjfeit unb SBielfeitigfeit Roberts, fo war 
angcfidjtS beffen, waS fidj unter iljrcn Äugen oolljog, jeber ÄuSbrud 
bafiir eigentlich nodj ju nidjtSfagenb. 2>enn unmittelbar nad) ber 
Öeenbigung ber „©enooeoa" war offne bie geringfte ißaufe mit ber 
Ärbcit an einem neuen grofjeit SEÖerf begonnen worben. „$en 
4. Äuguft", ^eifjt eS im Xagebudfe, „beenbetc 'Jiobert feine Oper, 
©leid) ging er aber aud) fdjon wieber an ein neues SBert, eine Strt 
9Jlelobrama, „SRanfreb oon 93prou", waS ifjn aufjerorbentlid) be« 

geifterte. @r laS eS mir Oor, unb midj ergriff eS tief 

IRobert fjat fidj baS ©ebidjt nadj feinen ©ebanten arrangiert, um 
cS für bie Söüfjne wirtfam ju ntadfen, unb er wirb bie Stompofition 



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182 



1844—1850. 



beginnen, fobalb erft bie eielen anbem Arbeiten, bic feiner jefct 
»arten, befeitigt fein »erben." 

Xiefe ^inberniffe beftanben oor altera woßl in bera 4ßanbigen 
Slrrangement ber C=bur»St)tnphonie, „einer für ißn feßr tang»eitigen 
Strbeit", bie er am 26. Stuguft begann, „unb in jenen Sinberftüden, 
non bcneit er bie erften SDtarie ju it)rem 7. ©eburtstag befeuerte. 
„X)ie Stüde, bie bie fiinber gewotjutid) in ben SUaüierftunbeit lernen, 
finb fo fcßledjt, baß Stöbert auf ben ©ebanlen tarn, ein §eft (eine 
Strt Sllbum) lauter Sinberftüdcßen ju fomponieren unb ßerauSjugeben. 
Sereits Ejat er fdjott eine SDZenge rei^enber Stüddjen gemalt", feßreibt 
Clara am 1. September, ©enteint ift jene Sammlung, bie unter bem 
Xitel: 40 ftfaüierftüde für bie Sugenb (Op. 68) mit einer Xitel« 
jeidjnung oon £ub»ig Sticßter erfdjien, unb bie nadj ScßuntannS 
Stotijen oom 30. Stuguft bis 14. September 1848 entftanb. 

3n ber jweiten 9toöembcr»ocße »irb juerft »ieber »on fleißiger 
Slrbeit am „ÜRanfreb" berietet. „Seine Duöertüre, bie bereits beenbet 
ift, fdjeint mir eins ber poetijd)ften unb faft ergreifenbftcn Stüde 
StobertS", fc^reibt Clara am 4. Sfooember, unb am 14. Stoocmber: 
„Robert braute abenbs ein gläfchcßen Champagner mit jur ©eburts» 
tagsfeier feines erften XeiteS beS „ÜJtanfreb", ben er beute beenbet bat." 
Sic mußte mitfeiern, oßne baS ©eburtStagSfinb fetbft notb ju fennen, 
blieb aber nicht lange in Ungewißheit, benn am 22. fpiette ihr Stöbert 
bie erfte Stbteitung oor, „bie oon großartiger SBirlung fein muß auf 
ber Sühne unb mit ber 3nftrumentation, bie ganj originell fdheint!" 
Unb unmittelbar baran »ieber reiht fieß baS „Stböentlieb" *, baS 
„Stirdjenftiid auf einen Stüdertfdjen Xeft", »ie Clara eS nennt, unb 
„6 reijenbe 4 hänbige Stüde" **, mit betten Stöbert Clara ju SGßeih* 
uadjten überrafeßte. 



* 0p. 71. 9?ad) bem §anbejemplar: jfijjiert am 25.— 30. Stob. 1848. 
3nftrumentiert 3.— 19. Sejember. 

** Silber au st Offen, 6 Impromptus. 0p. 66. Siad) bem ^anbejentplar: 
jember 1848 entftanben. 



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1844-1850. 



183 



35aS 3tafjr 1849 aber brachte noch eine »nettere (Steigerung, eS 
bezeichnet, jebcnfatls hinfidjtlich ber fprubelitbcti güHe ber Krfinbmtg 
uttb ber uncr)cf)öpfticf|en Siclfeitigfcit ber formen, bett ^jöhepuntt in 
Schumanns Schaffen überhaupt. 

21uS bern alten 3af)r ins neue hinüber leiteten — »nie ein 
9?acfjflang ber Impromptus — bie „Sßalbfeenett" *; ihnen reihten 
ftdj bann im gcbrnar an junädjft 3 jufammenhängenbe Stüde 
für Klatner unb Klarinette**, bie Klara bereits am 18. gebrunr 
mit bcm Klarinettiften Krotl) mit grofjcm Vergnügen probierte. 
®er 5Hcis, bie KlangWirfung bcS KlaöierS auch > m 3 u f ammenW *rf £n 
mit attbent Soloinftrumenten 31 t probieren, locfte unmittelbar ba» 
nad) ein s 2lbagio uttb 9lQcgro für Klaüier unb §orn*** ans Sicht, 
baS Klara ebenfalls fcfjott am 2. 3Rärj mit beut fporniften Sdjlitterlan 
mit „wahrhaftem Vergnügen" probierte: „35aS Stüd ift prächtig, 
frifdj unb leibenfchaftlich, fo wie id; cS gern habe!" 

„ 3 efct lommen alle Snftrumente an bie SRcihe", h fl tt £ Klara gleich 
nach ber SBotlenbung gefchriebeu. 25odj war eS junächft bie Klang« 
wirlung beS §ornS, bie ju weitern SBerfudjcn locfte, uttb bie fjolge 
war ein Konjcrtftüd für 4 £>örnert, baS am 11. 3Rärj »oUenbet 
war. Unb fdjon am 13. mclbet baS lEagebud) ftaunenb t>on einer 
neuen KtttwidlungSphafe: „fRobert fompottiert jefct fRontait^en unb 
Saüabcn für gemifd^ten Khorff, ein ©eure, in bem nodj ttidjts 

* SSalbf jenen. 9 Klabierftüde, gräulein Stnnette ißreufjer jugeeignct. Dp. 82. 
Statt) bem fjanbejemplar: (frcäben 29. SJejember 1848 — 6. Januar 1849. 3Ja3 
lagebutf) erwähnt fie nidjt. 

** tp^antafieftüefe für ißianoforte unb Klarinette. Cp. 73. Stad) bem fjanb« 
ejentplar: ©tijjiert Sreöben ben 11. — 12. gebruar 1849. 

*** Slbagio unb SlUegro für tßianoforte unb §orn. Dp. 70. Stad) bem §anb* 
ejemplar: ©fixiert SDrcsben ben 14. gebruar. Stad) bem Jagebucf): bollcnbet 
am 17. gebruar 1849. 

+ Konjertftüd für 4 föntet unb großes Drdieftcr. Dp. 86. 9tad> bem £>anb* 
rjemplar: ©tijjiert 2>rcSbeit b. 18.— 20. gebruar 1849. 

■H- Stomanjen unb SJaüaben für Eljor. $eft I. Op. 67. (König in Iljule. 
©djän^Sto!) traut, §eibenröSIcin. Ungeteilter. 3°b n Hnberfon.) Stad; bem ipanb« 



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1844-1850. 



gefdj rieben ift . . . ruelcf) ein gliidtidjer 2Renfd) ift er bodj! meid) 
äSomtegefüf)! muff eS jein, burefj eine fo unerfdjöpflidje ißfjantafie 
immer in eine t)ö^ere SebettSfpfjärc öerfefct gu merben!" 3)rei Xage 
fpätcr ift audj baS ootlenbet: „9tm 16. SERärg beenbete Robert jeine 
Baflabeit unb iRomangen für ßljor, 12 an ber3o^*- 5>ic meijten 
jinb im BotfSton gehalten, einige im Sd)ottifd)en ßfjarafter, mas 
fidj im ßljor fef)r reijettb madjen muff." Unmittelbar baran fdjticjjen 
fid) am 17. 9Rärg bic SRomangen für grauender**. 

SBenige $age fpäter brängt mieber neues pm Sidjt: „Sfm 
29. 9Rärg", berichtet baS lagebudj, „beenbete iRobert bie Stilen gu 
einem jpanifdien Sicberfpiel*** für 4 Stimmen — eine 3t rt Keine 
SiebeSgejc^idjte! erftcS begegnen, Scfjnfudjt, Bergmeifluttg, SSMeber» 
fefjen »mb Bereinigung. @S ift bicS ein Stüd in gang origineller 
SScife mit Begleitung beS SlaoierS, unb bie 4 Stimmen abmcdjfetnb, 

Sieber, SDuette unb Quartette ^Robert tjat mir m><f> nichts 

battott öorgefpiett, jonbern nur eben bie 3bee mitgeteitt. 3fdj bin 
fjödjft ungebulbig baraufl“ — SInfang SXprit finben mir itjn bei ber 
3tuefeitung ber beiben UrioS, aber fdjoit am 19. 3tpril fpieft er 
Gtara „feine neuen Stücfc für ft’taüier unb Biotoncet(o"t t>or. 



erctnplar: $re5ben im 3Rär$ 1849. §eft II. Cb- 76. 'Sdjnitter £ob. 3 m 
BJalbe. 2; er traurige Säger. ©er Betrat. Bom Bcrtounbeten ffnaben.) Bacb 
bem Jjjanbcfcmplar: ©rcäbcu. TOärj 1849. 

* ©aä Btanuffript enthält außer ben unter Op. 67 unb 75 erfdjienenen 
10 Siebern nodj ,,©aä ©djifflein" »on Utjlanb, „Bäittelfänger SBiHi" bon Burnä, 
„Soßn Bnberjon" 2. Bearbeitung, „Bomanje Bom öänfebuben" a. b. ©pan., 
„©er Sdjmicb" Bon Uplanb, naef) ber Datierung ber einzelnen Sieber alle Bom 
6— 15. SBärj entftanben. ©ie erfdjicnen in Dp. 141 Br. 6 ber nadjgelaffenen 
SSerle. 

** Bomanjen für grauenflimmeti. £>cft I. Dp. 69. Bad) bem |>anbejemptat: 
Sreäbcn. B?ärj 1849. $eft II. Dp. 91. Sbenfatte: Btärj 1849. 

*** ©panifdjeS Sieberfpiel. (Sin 39^1*8 Bon ©ejängen au? bem ©panijdien 
für eine unb mehrere ©ingjiimmen mit Begleitung beS Bianoforte. Dp. 74. 
Bad) bem §>anbejemplar: ©fixiert am 24.-28. ffliärj 1849. 

I ftünf gt üefe im BoIfSton für Biolonceü unb Panoforte. Dp. 102. Bad) 
bem $anbejentplar : ©reSDen. 13.— 15. Bpril 1849. 



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Ifti4— 1850. 



185 



„@S finb bieS Stüde im Volfston unb tmn einer grifeße unb Dri* 
ginalität, baß id) gang entwirft mar", bemerft biefe bagu. 

Söcnn je|t bie Arbeit für einen SDfonat aber rußte, }o ßattc bieS 
nießt ctma, mic früher, feinen ©runb in einer ^f)t)fifcf;cu Crfcßöpfung, 
bie eine CrßolungSpaufe gur 9?otmenbigfeit madjte — obgleich, mie 
bereits ermäljnt, nid)t nur im 9?oöcmbcr 1848, fonbern auch int 
y 3anuar 1849 gelegentlich tiefe f)t)pod^onbrtfch)e Verftimmungcn roohl 
gur Vorficßt mahnen mod)ten; fie maren aber, fo fdjien eS 
roenigftenS, gerabe burd) bie Arbeit übermuuben — fonbern in Cr* 
eigniffen, bie won außen famen; guncidjft beitt am 9. April gang 
plößließ erfolgten lob ooit Schumanns Vrubcr Start, ber ißn bei 
feinem fo ungemein ftarf ausgeprägten gamilicnfiitn aufs tieffte er» 
feßüttern mußte. „2)?it tieffter SSeßmut", feßreibt Clara, „füfjle id), 
baß ich un & Äinbcr nun nod) fein einziges ©ut finb, unb möge 
ber fpimmel geben, baß eS mir nod) redjt lange oergönnt fei, if)m 
in Siebe gur ©eite gu fteßen nnb für Verlorenes gu entfcf>äbigen." 

tiefer aber als bie ßierbureß gemedten trüben Stimmungen, bie 
Clara übrigens erfolgreich burd) fofortige Cinftubierung beS 
fpattifchen SieberfpieleS, baS bann in einer SDiatinee am 29. gu» 
fammen mit bent F»bur=1rio gur Aufführung fam, abgulenfen unb 
gu gerftreuen öerftanb, erfeßütterten bie innere unb äußere 9tuße bie 
potitifefjen Creigniffe: ber SreSbener SDiaianfftanb, ber mie ein 
Vliß aus ßeitenn §immel fie aus tiefftem grieben auffc^encßte. SaS 
Sagcbud) berichtet bariiber: 

„Sonnerftag, ben 3., gingen mir gu Sifcß auf bie Villa im 
ißlauenfd)en ©runbe unb fcßroelgten fo reeßt in ber ßerrlicßeu Dtatur 
— mie eS unterbcS in ber Stabt auSfaß, aßnten mir freilich nießt. 
Kaum maren mir eine halbe Stunbe gu $auS, als ©eucralmarfcß 
gefcßlagen unb Oou allen Sürmcn Sturm geläutet mürbe, halb aud) 
ßörten mir Sd)üffe. Ser König ßatte bie VeicßSöerfaffung nid)t 
anerleniten moüen, beöor eS nießt Preußen getan, unb ba hatte man 
benn bie Stränge feines SBagenS, in bem er fließen mollte, ger» 



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1844 - 1850 . 



fdjnittcn, ißn fomit gezwungen, ju bleiben, unb »erfucßt, ficß beS 
.ßeugßaufeS ju bemächtigen, »oit mo auS aber unter baS ©oll 
gefeuert mürbe. 2)aß bieS bie größte Erbitterung ßeroorrief, 
läßt ficf) benlen. ®ie 9tacßt »erlief fo giemlid) rußig, bodj am 
Freitag, ben4., fanben mir, als mir in bie ©tabt gingen, alle 
©traßen »erbarrifabiert, auf ben ©arrifaben ftanben ©enfenmänner 
unb Siepiiblifaucr, bie bie ©arrifaben immer ßößer bauen ließen, 
überall ßcrrfdjte bie größte öcfeßlofigfeit, bie ©cßleußcn unb ba« 
©traßenpflaftcr fomie bie ©teilte auf ben ©traßcit mürben aufge* 
riffen unb ju ben ©arrifaben »ermenbet; auf bem StatßauS faßen 
bie ©emofraten beifammen unb mäßlten eine prooiforifcße iHcgierung 
(ba ber Stönig beS 9tad)tS auf ben Stönigftein geflogen mar), bie 
aud) alsbalb fßrollamationen aller 2lrt erließen, alle ben Stampf 
gegen bie ©olbaten betreffend bie mit Äanoncn »or bem ©djloß 
unb in Steuftabt lagerten. Stuf uitfrer ißromcitabe burdß bie ©tabt 
mürbe uns aud) ber fcßrecfticße Slnblicf »on 14 Üoten, bie tags »or» 
fjer gefallen unb fdßretflidß jugeridjtet jur ©cßau beS fßublifutnS im 
£>ofe beS StlinifutnS lagen. 3cß fonnte biefen Slnbtid lange nicßt 
»ergeffcn, unb nur bie »icle Slufreguitg, bie noch folgen foHte, »er* 
mifdjte ben fcßredlicßen Eiitbrud. ®er Sag unb bie fotgenbe 
Dtadjt »ergingen oßne Stampf, bie ©arrifaben fticgen ju förmlichen 
geftungen auf, bie ©pannuitg mar furchtbar, mie füllte baS 
enbett, unter meinem ©lutoergießen! 

©onnabenb, ben 5., fcßrecflichcr ©ormittag! cS bilbete ficß 
auf unfrer ©traße eine ©idjcrßcitsmadje, unb man toollte Stöbert 
baju hoben; naeßbem idj ißn jmeimal »erleugnet, bie fieute aber 
broßten, ißn fueßen ju mollen, flüchteten mir mit SJJarien jur 
©artentür ßinauS auf ben bößmifdjeit ©aßnßof. fj>icr trafen mir 
u. a. Dbertänbcr, ber auf ben Stönigftein jum Sönig moQte, um 
uodj einen ©erfudj jur SZacßgiebigfeit ju machen. £>ier ftanben 
©enfenmänner, metdje achtgaben, baß niemanb mit ©erneßr ab* 
faßreu füllte. Um 1 Ußr fußren mir nad) 2Rügetn — c$i 



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1844 — 1850 . 



187 



fefjr Betrübt, bafs mir nicht @lifen lucnigftcnö noch mitgenommen 
hatten, hoch maren mir fort, mie mir gingen uitb ftanben, bitten 
atfo auch nic^t geit, liocfj bie föinber mitgunehmen, uitb Stöbert bacfjte, 
mir mürben fcfjott am ülbeitb gurüdteljren, bodj idj glaubte baran 
nicht, befonberS, als turg »or unfrer Slbfaljrt baS (Stürmen unb 
ber Äampf in bcr Stabt begann. 

► Sßon 2JtügeIn auS gingen mir gu gufj nadj ®oljna, aßen bort, 

roarteten noch Stach rtdjten mit bem nächften $ug ab, bie eben nichts 
'EroftlidjeS enthielten, unb fuhren um 7 Uhr nach fDtajen*, mo mir 
jiemlich »iel SBefudj »orfanbeit .... 

ÜJteinc Stngft ben gangen lag über mar fürchterlich, beim fort« 
r mährenb hörte man ben ftanoncitbonner, unb bagu bie Sinber in 
ber Stabt. Schon am Slbenb moüte ich in bie Stabt, um fie gu 
holen, boch mürbe es gu fpät, unb ich fanb niemanb, ber mich 1° 
fpät noch begleiten molltc. Stöbert fonnte nicht mit mir, bemt man 
hatte auSgefprengt, bie gnfurgenten fugten alle maffenfähigen 
SJtänner in ben nädjftcn Umgebungen auf unb gmängen fie, am 
Ätampfe teilgunehmen. $dj machte mich uun am 

SJtontag, ben 7., morgens BUfjr nadj ber Stabt auf, begleitet 
»oit ber Xochter bcS SSermalterS auf bem ©ute. grau öon 23erg fuhr 
auch mit. ®aS war eine fcfjredtichc gafjrt, biefe Slngft, ob ich auch 
mieber aus ber Stabt herauSfommen mürbe! ich bachtc nicht, bah 
ich h £Ute Öen SSeg mieber guriidmadjen mürbe. — S33ir fuhren bis 
Strehlen, unb bort ging grau üon 23erg ihren SS?eg unb mir ben 
unfern überS gelb nadj ber Steitbahngaffe. Unter fortmäbrenbem 
Jtanonenbonner gingen mir bal)in, unb plöfclid) fahen mir, uns an 
bie 40 Senfeitmänner entgegenfommen. 21' ir muhten erft nicht, maS 
f beginnen, bodj faßten mir uns ein §erg unb gingen (mit uns nodj 
ein SJtann, ben mir auf bem gelbe getroffen) ruhig burch- 

©liicflidh tarnen mir in bie Steitbahngaffe, mo noch alle ipauS« 

* Sem @ute beS SDlajorS Serie. 



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188 



1844— 18öO. 



türert 311 Maren — e« Mar graufig, fjicr biefe flotenftifle unb in 
ber ©tabt ba« unaufhörliche ©djiefjcn! — 25ie Äinbcr fattb id| nodj 
fdjtafcnb, rif; fie g(etd) au« ben Setten, ließ fie anjiefyen, padte 
einige Mistige Sachen jufamnten, unb itt einer ©tunbe Maren Mir 
3 ufammeu Mieber braunen auf bem gelbe. Henriette, bie ich fdjon 
frau! oerlaffen, fanb ich noch immer fo, fie tag auf einer ©teile 
unb nat)m an nidjt3 teil. ®a« beunruhigte midj auch fct)r, gerabe 
jefct, Mo fie mir fo nötig Mar. — 3n ©treljta festen Mir un« 
Mieber in ben Söageu, unb nod) üor Itifch Maren Mir Mieber in 
SDtajren, Mo Mir un« enblidj alle Micberljatten; mein armer Stöbert 
batte auch angftoollc ©tuitben ocrbrad)t unb Mar baljer jcfct hoppelt 
glüdlicb- — Stuf ben Dörfern b attc n Mir überall Flüchtlinge ge« 
troffen, bie un« ©djredlichc« au« ber ©tabt erzählten. £a« Soll 
hält fidj beMunbern«mürbig, unb nie hätte ich & en ©o<hfen folgen 
fötut jugctraut. £ie gujiige nad) ber ©tabt bauern unaufhörlich, 
unb befonber« finb oiel Grjgebirger gefommen. Slber aud) ba« 
SJtilitär erhält fortMäbrenb gumadj« oon Sßreujjen, Ma« bie Gr* 
bitterung bc« Sollet auf« böd)f te fteigert. 

$ien«tag, ber 8 ., oergiitg ohne Gntfdjcibung. ®erÄampf in 
ber ©tabt bauert ununterbrochen fort. 35ie Stmmc unb 3 fiinber 
habe idj gttm SDoftor gebradjt, Mo Mir üor 3 fahren Mobnteit, 
bamit Mir nicht alle fDtajor« betäftigten. Unter anbern Maren bort 
ein §err oon Sllbcbing mit grau unb $od)ter, grau oon fmnit, 
bie neben un« in ber ©tabt Mobilen, fo auch Mar bie gamitie 
oon ©tepbanib bort. ®ie« Maren alle« Slriftofraten, bie üom Solle 
nur en Canaille unb ©efinbel fprachen, fo bafj e« einem ganj un« 
behaglich Mürbe — ber ÜJtajor ift ber einzige liberale fütenfch im 
gan 3 en .fpaufe unb fagte einige fötale tüdjtig ben 21 riftotraten feine« 
.fpe^cit« SDteinung! — 

Slbenb« 11 Uhr tarn ÜDtatbilbc (unfre Köchin) au« ber ©tabt, 
ein gute«, höchft brauchbare« ÜDtäbdjen, bie mir Mirfliche £iettfte in 
biefer gait 3 en $eit geleiftet hot. 



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1844 - 1850 . 



189 



2RittWocß, beit 9., faßen wir ben ganzen ©Jorgen oon ber 
JHäctni^er ^öße SRaucßwolfeit aufflcigert unb bilbeten un« ein, man 
bombarbiere bie ©tabt oon ba au«. 2ßir ängftigten un« um bie 
arme ^cnriette, bie, wie un« bie Äödjin fagte, bie orbcntlicßen 
©lattem bcfommen batte. 3 U SRittag aber erfaßten wir, baß am 

©Jorgen bie ©tabt Dom ©olf geräumt worben war, nadjbem ba« 

©Jilitär mit ©ombarbement gebroßt ^atte, ba e« bie ^auptbarrifaben 
nicßt einnebmen fonnte. Sie prot>iforifd)e 'Regierung war fd^on in ber 
Racßt um 2 Uhr geflohen mit einer großen ©ebar nadb ffreiberg. 

Sonnerftag, ben 10., hörten wir oon frf;recflidben ©reueltaten, 
bie ba« ©Jilitär oerübte; alle« feboffen fic nicber, wa« fie an Sn* 
furgenten fanben, unfre Sirtiit in ber ©tabt erjagte un« fpäter, 
baß ihr ©ruber, ©efißer be« golbnen fjirfeße« in ber Scbcffclgaffe, 
jufeben mußte, wie bie ©olbaten 26 ©tubenten, einen nach bem 
anbern, erfefjoffen, bie fie bort in einem Zimmer gefunben bitten. 
Sann follen fie bie ©Jenfcßcn z« Sufeenben oon ben britten unb 
oierten ©toefwerfen ^crab auf bie ©traße geworfen haben. @« ift 

ju fc^recflid), folcbe Singe erleben ju miiffen! ©o miiffen ficb bie 

©Jcnfcßen ba« bißeßen ffreißeit erfämpfen! Wann wirb einmal bie 
3cit fommeit, wo bie ©Jenfcßcn alle gleiche Recßte haben Werben? 
wie ift e« möglich, baß ber ©laube unter ben Slbligen, al« feien 
fie anbre ©ienfeßen al« wir ©ärgerlichen, fo eingewurzelt bureß fo 
lange 3« ten ßinbureß fein fonnte! 

Racßmittag fußren wir in bie ©tabt, Robert blieb jeboeß in 
©treßla, weil wir hörten, ba« ©Jilitär ließe ttiemanb oßne ©afficr- 
feßein jur ©tabt ßinau«, unb benfelbeit beute noeß zu ßolen, war 
e« zu fpät, ba wir noeß naeß ©Jajen zuriief wollten, fiubwig üer= 
ließen Wir reeßt untooßl, loa« un« beunruhigte. — Sn meinem 
2ogi« angelangt, maeßte icß mieß bariiber ßer, meine ©aeßen, bie 
©Jatßitbe erft alle wieber au« bem Seiler geßolt batte, wo fie 
fic einige Sage oorßer wegen geuer«gefaßr berftccft, wieber in 
Drbnuug zn bringen, ©alb fam ber Softor unb wiberrict mir, 



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190 



1844-1860. 



Henrietten fortfehaffen ju taffen, (was id; eigentlich in Sltific^t ge» 
habt hatte) ba eS ihr Stäben ju^iegen tonne, er toiberriet aber 
aud), baf? wir mit ben Äinbcrn in§ SogiS fönten, unb fo mugte 
id) mich benn entfegtiegen, noch einiges jufammenjupaden, um 
14 läge bis 3 Söodjett nodj bei SRajorS in SDJajen ju bleiben. 

83alb fant ber SSater, ber üon aßen ©reueln, oon betten ich 9 e * 
hört, nichts ruiffett wollte. SRacgbem er fort war, fatn Stöbert, bem 
eS braunen feine Stulje mehr gclaffen hatte. SBir gingen nun ju» 
fammen burch bie £>auptftragen ber ©tabt, um uttS bie ^auptfampf* 
ptäfje anjufegen. ßs ift faimt möglich, cnx ®if& 3U geben oon biefer 
SBerwüftung. Jaufenbe oon Söcgcra oon bett Äugeln fietjt matt an ben 
fpäu)'ern, gattje ©tiide SBanb gerauSgebrotfjen, baS alte Opernhaus 
total nicbergebramtt, bcSgl. 3 fc^öne Käufer in ber 3wingerftrage, 
auch * n t)er fleinen 23rübergaffc, fur^, eS ift fdgredlidj anjufegen, unb 
wie mögen bie Raufer erft im Innern auSfchen! SDic SBänbe burch« 
gebrodjen, fo bah bie Snfurgentett burch oiele Käufer ginbureg mit» 
einanber forrefponbiertett. SBie oiele nnfchulbige Opfer finb ge» 
fallen, in ihren $immern oon Äugeln getroffen worben ufto. ufw. 
2)ie grauenfirege ftedt ooU oon ©efangenett, unb bie 3agl beläuft 
fid) fefjott auf 500. ÄapeQmeifter SBagtter foll auch c * nc 'Holle bei 
ben Siepublifanern gefpielt haben, Sieben oom SRatgauS herunter 
gehalten, 93arrifabett nad; feiner Slngabe haben bauen laffett unb 
manches anbre noch! — $ie ©tragen finb meift noch aufgeriffen, 
bie IrottoirS liegen nod) umher, nur bie Sarrifaben finb hinweg* 
geräumt. 35ie ©tabt ift in SelagerungSjuftanb erflärt — eS 
wimmelt oon Sßreugen — auf bem Slltmarft liegen fic auf ©troh 
umher. ßS ift eilt cntfeglicgeS, aber intercffanteS 23ilb, bie ©tragen 
jefct! SBir fuhren abenbS noch wieber nach lötafcn, Stöbert gatte 
aber unterwegs ben fegr gliidlidjcn ©ebanfen, nidjt in ÜRajen ju 
bleiben, lieber in baS nage liegenbe Äreifdja, baS oiel lieblicher ge« 
legen unb ein milbereS Älinta hat, ju jiefjen, unb fuhren wir bann 
ffreitag, beit 11., früh mit ©ad unb ißad bagin ab." 



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1844—1850. 



191 



©o fef)t fie eigentlich ©rtmb fjabcn mußten, in betn gtiicfticf; 

> erreichten jufriebeit ju fein, fo wenig wollte ihnen beibcn, 

namentlich aber Clara, „biefe plü^tic^e gänjlirfje politifche 9?uf)e nadj 
fo gewaltiger Aufregung" behagen. „Ser Äontraft ift ju groß auf 
einmal." Crft bie fchleunigft abonnierte SlngSburger Slllgemeine 
Leitung, bie »on ihnen beibcn Oerfchlungen würbe, „»orjiiglidj »oit 
' Stöbert, bcr gar nicht anfhört ju lefen", nnb ihren Heißhunger iwcf) 

Stacfjrichten auSgiebigft befricbigte, fteflte allmählich ba« innere 
©leichgewicht h^ unb föhnte fie mit ihrer ibhllifcfjen Umgebung 
au§. Slbcr bie Grregung jittert bod) noch fcfjr lange nad), bie 
Stadjricht »on SSagnerä ftcdbrieflidjer Verfolgung, ber 2ln!lage 
f gegen ©emper u. a. bringt immer wieber aufs neue bie ©emiiter 

in SBatlung. 

„Ser SBirrwarr in ber SBelt ift je^t furchtbar", fdjreibt Clara 
am 18. SDtai. „@ott weiß, wie fich alles abwicfcln wirb". SagS ju» 
»or aber hatte fie „auf bcS ßaittorS Qnftrument" StobertS eben bc> 

1 enbeteS „Sieberalbum" probiert*. 

„ÜDterfmiirbig erfdfjeint eS mir, wie bie ©c^recfniffe »on außen, 
feine innern poetifdjen ©efiihle in fo ganj entgegengefc^ter SBeife 
erweeft. Über ben ga^eit Siebern fdjWcbt ein Hauet) ber hödjfteit 
grieblidhfeit, mir fommt alles barin wie grühliitg »or, ladjeitb wie bie 
Slüten." 3a, wunberbar, als ob „lein Älang ber aufgeregten 
in feiner ©eele ein Gdfo geweeft hätte, ift bcr Äünftler wieber am 
SBerf, unb ber ©trom ber SMobien flutet aufs neue in bem flcinen 
börflidjcn ßimmer, baS nicht einmal ein noch fo befdjeibencS Äla»ier~ 
birgt. 

91m 23. SDtai melbet baS Xagebudj : „Stöbert hat in ben lebten Sa« 

„ gen 5 Sagblieber für ÜJtänHerdjor mit ^Begleitung »on 4 Römern** 

* Sieber für bie ftugenb. £p. 79. (Titelblatt Bon Subroig Siebter.) 9Jacf) 
bem ftanbejemjjlar: „Treiben unb Jfreifcba oom 21. Stpril— 13. OTai 1849". 

** 3ur t)of)cn 3agb. fcabet aefjt ! .gagbroagen. grübe. S3ei bcr glafdie. 
günf ®efänge au? £>. Saube« gagbbreoier für Bierftimmigcn Stännerdjor. (2Jiit 



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192 



1844—1850. 



(ad libitum) gefdjrieben, bie wir eljefteu^ im 33erein ju probieren 
hoffen." Slot 25. SJiai: „Stöbert fomponiert immer fleißig, er 
fdjreibt jefjt an einem religiöfctt ©cfange; wie unb in Welcher Strt, 
hat er mir nod) nicht gejagt." Unb am 29. 3)tai: „Stöbert beenbete 
heute feinen religiösen ©efaitg für hoppelten SKännerdhor* unb war 
jefjr befriebigt baooit." 

SBcnn man ben Xcjrt lieft „SSerjweifle nicht im ©djincrjenStaf, 
äSo manches Soffer quillt au§ Qual, Cft brauft ber ©turnt, unb 
hinter ihm ein Saufdjcn ©otteä allzumal" ufw., bann möchte man 
atlerbingä wohl glauben, baff e3 bod; ber SBiberllang ber ftünnifcfjen 
SBeltbegebenljeiten ba braufjcit war, ber in ber Sßertonung biefer 
griebenä* unb Xrofteswortc feinen fünftlerifdEjen StuSbrud fud^tc 
unb fanb. Unb bah tatfädjlidj auch ^ie ftiirniifdje 3eit einen 
unmittelbaren Slnteil an feinem mufifalifdjen ©chaffen ju erobern 
oerftanben hatte, baä bewiefett bie „4 9)tärfd;c auf ba£ Safjr 1849", 
ooit bereit SSollenbung Clara am 15. SJtai berichtet, „äufjerft brillant 
unb originell. finb Sotlämärfdje unb oott pompöfer Sirlung. 
®r wirb fie gleid) brudeit laffeit**." 

Xiefe entftanben aber erft nad; ber Stüdfelfr nach ®re3ben, bie 
wenige Xage ttad) Stöberte ©eburtätag ju Glaraä großem Shtmmer 
erfolgt war. Schumann hatte — wohl infolge ber Überarbeitung — 
plöfclid) crflärt, eä braujjcn nicht mehr auehaltett ju lönnen. 

Sßorl)er war noch in Äreifdja in ben erften üttaitagen ba§ SDtinne» 
fpiel auö Stüdertö SicbcSfrühling *** entftanben. 

♦ „Serjloeifle nicht im Sehmerjettftal", nun g. 'Jiücfcrt. SDtotette für hoppelten 
jeidjnet: „18—21. SPlai." 

* „SSetitoeifle nidjt im Sthmerjenätal", oon 5 . SRüdert. SDiotette für hoppelten 
äSlännerdjot mit Begleitung ber Orgel (ad libitum) Dp. 93. ,'panbejemplar: 
„Slijjiert: Streijdja hei 3?re$bctt, toont 25. — 31. 9Jtai(?) 1849. ftfür Crcfjcftcr in> 
l'trnmentiert Süffclborf im SDtai 1852. 3'»» erftenmal aufgeführt Seipjig in 
Oer ißaulinertird)e b. 4. Quli 1850 unter meiner Jüreftion." 

** ,®icr SRärfehe für $ianofortc 1849." Dp. 76. §anbejcmplar: „$re6ben 
12.- 16. 3nni 1849." 

*** aJtinnefpiel au-3 fjr. SHüdertS Sicbe«friil)Iing für ein unb mehrere Sing« 



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1844— 1850. 



193 



So uttfreunblich aucf) baS in ein Heerlager öermanbelte 2)rc§ben 
bie Flüchtlinge empfing, unb fo oerbricjilich namentlich Klara in 
biefent ftugettblicf bie fefjon an fidfj Derbapte preuffifclje Kinquar» 
tienmg mar — „erft fommen fie, um nnfre 93iirger, bie ihnen 
nichts getan, niebergufdjiefjen, unb bann muffen mir ihnen noch 
untfonft gu effeit unb gu trinten geben — baS ift eine Schmach! — 
TreSben mimmelt oon ^reujscn, mo man geht unb fteht, ftöpt man 
auf fie, baff eS einem gang unerträglich mirb", ffagt fie — auf 
Schumanns probuftioe Saune Dermocfjten biefe Störungen feinen 
Kinflufj gu geminnen; ja fie fchienen fie gerabegu gu fteigern, als 
fuche er burch immer innigeres ©erfenfen in feine Stunft, fich Don 
ben SMffonaugen ber Slupenmelt, in benen ja auch feine Seele mit 
fchmang, gu befreien. 

9?och in ftrcifcha hotte er bie Sieber SDJignonS auS „SBitljclm 
SlReifter" gu fontponieren begonnen, in ben erften Sulitagen mnehs 
barauS baS fRequiem*, beffeit üftufif Klara, als er fie ihr am 
3. 3uli tmrfpielte, „aufs tieffte erfchutterte." 9?od) h e fi'9 et ergriff 
fie — bie ihrer ferneren Stunbe entgegenfah — bie tiefe 2Man» 
cholie ber ffarfnerlicber, Don benen er ihr am 6. Suli gmei eben 
eutftanbenc Dorfpielte. 

Slber eS mar, als hätte er biefe Siefen unb Schatten ©oethe* 
fdjer Sragif erft burchmanbcrn mfiffen, um gu ben tiefften Slbgrünbcu 
menfchlicheu SeibenS hinabgubriugen, auS benen OiretcIjenS Seelen- 
qual im „^auft" aufftöfjnt. Slnt 14. Fuli fpielte er Klara bie eben 
bcenbete Sgenc „im Som", bie „Sgene im ©arten“ unb „Sich 
neige bu S<hmergenrcicf)e" oor. „Sange ergriff mich nichts fo als 
biefer herein oon Sorten unb SÜlufif, eS macht einem ben Sinbrucf, 



ftimmen mit Begleitung beb ^ianoforte. Cp. 101. $a.ibejcmptar: „ffreijcf)a bei 
Srebbcn öom 1.— 5. 3)tai 1849. “ 

* Sieber unb ®efänge unb SHequient aus ©octfjcS SBilljelnt fflleifter für ®e- 
fang unb ißianoforte. Dp. 98. 9tacf) bem ^lanbeicmptar: „Sieber in fiteifdja 
im SRai 1849. SRequiem ffijjiert b. 2. u. 3. 3 11 *' 1849 in Grebben." 

$t$mann, (2(ara Stfjumann. 11. 13 



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194 



1844 - 1850 . 



alä wäre BcibcS einer Seele entfprungeu. 3<h fann feinen AuS= 
bruef finbett für ba$ wonnigliche <5Jefüf)t, was mich wieber bei 
biefer ^errtirfjcn SRufif förmlich übermannt. SBcnn Robert etwa* 
gcfdjrieben hot was mich fo ganz mit Snt^ücfen erfüllt, fo macht 
fidj bie greube barüber in tränen Suft", fd^reibt Glara. 

3»ei läge brauf warb ihnen ber britte Shiabe — gerbinanb — 
geboren. 

Stuf bie SBaljl ber Sftignonlieber toar Schumann wohl burch 
bie innere Scfdjäftigung mit ©oethe überhaupt, bie ja ber beöor» 
ftchenbe hiwbertjährigc ©eburtStag — am 28. Auguft — itahclegte, 
gebracht worben. $iefe3 ©reigniS hatte wol)t auch wieber zu er» 
neutcr Serfenfung in beit „Sauft" Anlaß gegeben, zumal im 3uli 
im Gh or 9 e f an 9 oere * n groben für bie am 29. Auguft ftatt* 
fiitbenbe Stufführung ber Sdjlußfzcnen be8 2. Seiles begonnen 
hatten. SBäßrenb ba$ offizielle 2)re$ben fich mit ber Aufführung 
ber oon ©ujjfow eingerichteten ^elena'Sjenett aus bem zweiten £eil 
mit ber 2Jiufif üott Sieiffiger begnügte, famcit aus SScimar unb 
Seipzig ffift gleichzeitig oon Sifzt unb gärtet bie Sitten um Über« 
laffung ber Scßlußfzenen auS bem „Sauft", fo baß tatsächlich in brei 
Drten ^ugteie^ zur ©oethefeicr bie Schumannfche SDhifif ben mufi« 
falifchen Scgleitafforb zu ©oetljeS großer Dichtung gab. 3)ie 
©reSbener Aufführung am 29. Auguft nachmittags im ©roßen 
©arten, in ber außer ber Sdjlußfzene beS „Sauft" SJienbelSfohnS 
„SBftlpurgiänacfjt" gefungen würbe, machte fidjtUdj tiefen Gittbrucf auf 
bie 3 u b>örerfchaft. ®ie Sotiften, SKitterwurzer an ber Spifce, 
ftanben burdjauS auf ber £jöf)e, unb ber Gl) 0 * »fang mit großer 
Siebe, betttt alle waren begeiftert bafür." Auch ouS Sßeimar brachte 
in ber erften Septemberwoche „ber junge Sitlow", ber ben „Sauft" 
bort getjört hatte nnb „ganz entziieft babon war", gute Huitbe. 
2Bcniger aber fdjien nach ben ßcitungSberidjtcn iit Scipzig bie S e * er 
gelungen; oor allem befrembete bie 9iad;rid)t, baß bort ber Schluß* 
djor, ber bodj unftreitig beit .^öhepunft beS ©anzeti bilbet, am 



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1844-1850. 



195 



toenigften angefprodjett l)abe, wie ßlara meinte, „oiet(eicf)t rueif feine 
SlttfangSperiobe nitfjt in rechtem ßinflaitg mit ben Sßorten ftänbc unb 
et bei allen einzelnen ©djönheiten bod) etwas materiellere garbe 
trage als bie gaitje übrige üühtfil". „IHobert wirb Woi)I", fdjlicßt 
fie, „bei Verausgabe beS SöerfeS ben fpäter tamponierten ©djluß« 
cfjor*), ber an mufifalifdjem Söert wo()( über bem erften ftetjt, bei« 
begatten. Sflei allebem gebe irf; ben erften mit ©tfjmer^en auf, unb 
ginge eS nadj mir, fo würben beibe ßfjöre gebrueft." 3m übrigen 
fefcte fie iljre Hoffnung auf eine batbige 2Sieber£|olung ber Stuf* 
füfjrung unter Roberts eigner Seitung, ba '.Hieß offenbar baS Xempo 
uöllig »ergriffen ^abe. „SHobert ift fo gleidjgültig bariiber, baß id) 
cS nicht begreifen fann." 

Roberts ©ebanfen wanberten eben fdjon auf neuen ißfaben, bie 
ifjn weit weg entführten aus jenen fyotyn Legionen, unb auf benen 
er ben ©einigen hoch näher war als je. ßt war einmal wieber 
im Äinbcrlanb, an feiner V a nb ging fein Xödjtcrdjen Üttaric unb 
bemühte fich, Schritt ju halten, fo große Schritte auch ber Sßater 
machte. Slm 13 . ©eptember würbe ßlara oou ihm burch einen ,,®e« 
burtStagSmarfd)" iiberrafdjt, ben er ihr mit ber Keinen SDiarie oier« 
Ijänbig oorfpielte. Unb außerbem lagen auf ihrem ©etmrtStagStifd) 
3 ,mei anbre oierhänbige ©tiiefe „Särentanj" unb „©artenlieb"**. 3h r£ 
Hoffnung, eS würbe biefen noch eine 3ieilje anbrer folgen, fo baß 
eS „wieber ein 3111mm*** gibt", erfüllte fich frfjnell. ©djon am 
20. ©eptember feßreibt fie: „ben oiert)änbigen ©tüden finb nod) brei 
gefolgt: „3lm ©pringbrunnen", „Zeigen" unb „Xurniermarfch". 
®aS erfte ift hödjft originell licblid), träumerifd) ; mau wirb felbft 
an ben ©pringbrunnen oerfefct, ficht allerlei furiofe SDinge barin 



* ®gl. oben ©. 166 9(nnt. 

** 21(3 „Qiartenmelobie" gebrudt. 

*** 12 Bierfjänbige filamerftfide für deine unb große ffinber. Cp. 85. 9?acß 
bem ftatibejemplar : „10.— 15. ®ept. 1849 unb 27. Scpt.— 1. Oftober." 

13* 



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196 



1844-1850. 



bie $ugel, bie gang fomifdje SSeubungen madjt unb gulefct bodj 
mieber ifjre crfte Stellung einnimmt, furg, man träumt mit, opne 
baf? man e! weif}, bi! gunt Sd)lujj be! Stüde!, mo man ^öcfjft »er 
gniigt cinanber anlädjett. So getjt e! un!, mettn mir (Robert unb 
idj) es gufammen fpielen." Stm 28. September tarnen bann noef? 
bagu „Seim Ärängeminben" unb „©efpenftermärdjen". 

3mifd)en biefen latfjenbeu Äinbergefidjtern aber patte mittlertoeile 
and) fepon micbcr ein ernfter Jon gelungen. Äm 20. September 
fdjreibt Gtara: „Stöbert f»at peute bie Sfigge gu einem föongert«2lllegro 
mit Ginteitung* beenbet unb fängt nun an e! gu inftrumentieren. 3dj 
freue rnidj feljr barauf, es gu fpielen — fepr leibenfdjaftlicp ift es, 
unb gemijj merbe icp e! aud) fo fpielen. ®ie Sntrobuftion, bie 
mir gang ftar gcmorbeit (Stöbert fpielte mir cs erft einmal oor), 
ift fepr fdjön, bie ÜMobie eine tief empfunbenc, — ba! Stltegro muff 
idj erft nod) genauer fennen, um einen nollfontmenen Ginbrud baoon 
gu pabett." 

55er „oicr boppetdpörigen ©efänge"**, bie im Dftober entftan« 
ben, gebenft ba! Jagebud) niept, mopt aber au! bem Stoocmber 
(5. Stooember) eines Siebe! für Gpor unb Crcpefter, Jcjt oon 
fpebbel***; unb gu 2Beif;nacf)ten überrafepte er fie burd) „fein 
punbertfte! Opuseulum, brei Stomangen für bie Oboe mit ^Begleitung 
be! ftfaoiersf, momit alfo jene Serfud;e au! bem Anfang be! Saures 
mieber aufgenommen unb abgefdjtoffen mürben. 

Gin neue! Gjperimcnt nadj anbrer Stiftung fteUten bagegen bie 
„Jrei ©efänge au! Sorb Spron! pebräifdjeti ©efängen“ mit 

* Sntrobuftion unb Allegro apassionato. Gongcrtftüd für baß ißiaitoforte 
mit Slegleitung beß Drdjcftcrß. Op. 92. .ynnbejremptar: „©fixiert $reßben 
18.-20. ©ept. 1849." 

** Op. 141. 'Jtacf) bern ftompofitionßbcr^cidjmß bie brei erften ooirt 11.— 
16. Cttober, baß tepte Cfnbc Cftobcr. 

*** Sladjtlieb Don 0. $>ebbcl für (Spor unb Crdjcfter. Op. 108. .panbejemplar: 
„“Dreßbcn, ftijjiert ben 4. 'Jtobcmbcr 1849, inftrumeniiert Dom 8. biß 11." 

t 35rei Siomangen für Oboe ad libitum Violine ober ftlarinette mit SSe* 
glcitung beß Ißianofortc. Cp. 94. Jpanbejcmplar : „3?reßben im ®egember 1849." 



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1844—1850. 



197 



^ Begleitung ber §arfe* bar, bie Anfang Sk^ember entftanben, nnb 
TO - ebenfalls einen neuen Bcrfucß — fprec^eube ÜDtcnfcßcnftimme junt 
filauier — bie Äompofition öon .§ebbelS „Scßött §ebmig"** @nbe 
'te'- 2 )cjcm 6 cr. 

Unter bem übermältigcnben Sinbrutf biefer SßrobuftionSfraft 
eines ÜJtenfcßen, bie bem Sefer fdjon iimuiüfiirtid) ben Atem be» 
nimmt, muß man fieß mir fließ erft mieber mit ©eroalt barauf be* 
finnen, baß neben biefem 3Jtann in biefer $eit aueß eine grau ftefjt, 
bie nießt bloß mit ju lieben unb mit ju trauem, fonbern aueß mit 
- 311 ßanbeln, als SUinftlerin 31t feßaffen, berufen ift. Unb feßmer mar 

eS ißr beim aueß gemorben in ber 3 roeiten Saßrcsßälfte, fieß immer 
ißrer ißflicßten gegen fieß felber bemußt 3 U bleiben. Citt fie boeß 
als reprobuftiue Äünftlerin üiel meßr als Scßumann unter ben 
„großen beS lagcS" — mit ©oetße 3 U fpreeßen — , bie ißr iticßt 
nur bie borgen beS Alltagslebens fonbern aueß bie 9Zot ber 3eit 
in ben 3Beg fiißrten. „£>ier ßabe icß noeß gar feine Suft", feßreibt 
fie SOJitte SUfai naeß ber Stücffeßr naeß Bresben, „ 3 U irgenb einer 
Arbeit, itnb maS mieß am mciften betrübt, icß finbe nießt einmal 
greube an ber SDJufif." Söe^eicßnenb ift aueß eine gelegentliche 23c> 
merfung im Auguft über ben Befucß eines mufifalifeßen greunbeS: 
„unfer ©cfpräcß breßte fieß mcit meßr um ißolitif benn um 2 Jtufif." 
3üie mufifalifeßen Anregungen unb bainit ntufifalifcße greuben ge» 
roäßrte ißr in biefeit ÜRonaten, abgefeßen natürlich 001 t bem Anteil, 
bett fie als grau Stöbert ScßumannS an feinem Scßaffcn iitnerßalb 
ber öier SBänbe beS Kaufes naßm, ber (Sßorgefangocrein, an beffen 
Übungen 3 um „gauft" im Auguft fie fieß mit großem (Sifer beteiligte. 
(Sbenfo mären im September bie SJtitmirfung bei ÜJtignonS Stequiem 



* $ie Xocfjter ^epIjtaS. 9ln ben 2Ronb. Ben gelben. Brei ©cjänge au« 
2orb Bpron« §ebräifdjen ©efängen für eine Singftimmc mit Begleitung ber 
.parfe ober be« Bianoforte. Dp. 95. .panberemplar: „ben 4. u. 6. $ej. 1849." 

** Sd)ön fjebtoig. Bailabe Bon £>ebbel für Betlamation mit Begleitung 
be« B' an °f° rte - Cp. 106. .fjanbejemplar: „Breeben, ben 22. Bfj. 1849." 



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198 



1844-1850. 



unb bie Gnbe beä SRoitatä beginncnben groben gur „Sßeri" für fic 
allemal geft« unb Arbeitstage jugleidfj. Seiber warb bann aber bie 
baburdEj fdjliefjltdj gemecfte Suft für bie eigne Arbeit, gerabe im 
Segintt bes SBinterS, burdfj eine heftige Grlältung, bie if)r modjen« 
lang jebcä SRufijieren unmöglid) machte, empfinblidj miebcr ge« 
fjcmmt. Grft SDiitte 9Jooember tonnten bafjer ifjrc Soireen mieber 
beginnen, bie aber andj in ber golgc nodfj öfter, nidjt ju ifjrer unb 
nodj weniger beä^ßublifumSgreube, Abänberungen unb SSerfcfjiebungen 
erfuhren. 3a Gtara mar geneigt, gcrabcju eine gemiffc Äälte bes 
fßubtifumS, bie fie biefen Sinter ju fpüren glaubte, barauf gurüd« 
jufüljren. 2>ie $auptfacfje war aber bodj raofjt, bafj für öffentliche 
Äunftübung unb ifjren ©enufj fomoljt Äünftler wie fßubtifum oer« 
fjältniämäfjig nodj ju fefjr unter bem Sinbrud ber potitifdjcn Sr« 
reguitgen ftanben. Sä brauchte 3cit auf bciben Seiten, bie recfjte 
Stimmung wieber$ufinben. 

Um bie Senbe beä Satjrcä* 1849/50 entftanb bie Sfijje eines 
neuen SßerfeS für Gf)or unb Drdjefter, bes „9Jeujaf)r3(iebcS" oon 
9liidcrt**, bcffen £ejt, offenbar aus ber Stimmung ber bebrängten 
gärenben 3 e ü« ifyn locfte: 

„ffltit etjerner gunge, ba ruft eS: gebt adfjt ! 
gin galjr ift im Schwünge ju Silbe gebraut. 
g$r freubigeit gcdjer, bebt tönenbe Söf cf)er, 

Segrüjjct baS junge, baS gabt, ba$ ermaßt." 

®ie 5 ra 9 c: 

„gm Tuntel geboren, im nächtigen Scfiofe, 

®a tritt’? aus ben loren be3 Sebenä »ie grofj! 

28a3 fübrft bu im 2cf)ilbe? S Sa« jeigft bu im Silbe, 

3Bas riiften bie §orcn für mccbfelnbeä SoS?" 

fdjmcbte auf aller Sippen, bieSmat mefjr als je beim AuSblid in 
bie 3ufunft. giir Schumann unb bie Seinen aber hatte bie eherne 

* SRacb bem Sf ompofitionäoer jeicijniS : am 27. iPejembcr 1849—3. ganuar 
1850. 

** 'Jieujafjrelieb oon griebrict) SRüdert für Gl)or mit Segleitung beS Crdjeftcrs*. 
Op. 144. 



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1844-1850. 



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gütige nocf) einen bcfonbern Slang. SS Hang faft wie eine SBar« 
itung: „®ebt adjt!" 

Söidjtige mtb ernftc ßufunftsforgen bröngten jnr Sntfcheibung. 

3e länger befto meßr empfanb (Schumann feine (Stellung in 
35reSben als unhaltbar; zweifellos als SRufifer bie größte geiftige 
Kapazität EreSbcnS, ftanb er immer noch, nocf; fünf 3af)ren größter 
ftfjöpferifcher Xätigfeit auf biefem Sobcit, betn offiziellen $reSben, 
beit füßrenbcn mufilalifcßett Streifen fo fremb gegenüber, wie am 
erften läge. 9M;t nur, baß man feine güfjlung mit il)tn fud)tc, 
mnn ging ifjm auS bem SBege unb gab ifjm bei jeber fid; bieteitbcn 
<iJelegenl)eit ju oerftetjen, baß feine ülnwefcnfjeit nicfjt gern gcfcfjen 
würbe. S)er Sntenbant oon üüttidjau hielt eS j. S. nicht nur für 
überflüffig, ficß unb feinem Sßeater bie Gßre ju erweifen, Stöbert 
Sdjumann unb Clara Schumann einen ißlaß freiwillig zur $Ber« 
fügung ju ftellen, fonbern er fdjlng ein fdjließlid) tion Sdjumattn 
an ißtt gerichtetes @cfud;, weit baoon entfernt, wenigftenS jefjt 
feinen geßtgriff gutzumachen, ab mit ber Segrünbung, freier @in« 
tritt föntie nur foldjen 2JZufifcrn gewährt werben, bie „für bie ßiefige 
Siißne fcßreiben!" Unb als bem gegenüber in einer zweiten Sin« 
gäbe biefer „noch nicßt für bie ßicfige Süßne gefdjrieben V&enbe" 
Stöbert Schumann zur Sntfcßulbigung unb Grflärung feiner Sitte 
fid) z tl bemerfen erlaubte, baß er fid) eben jcßt mit ber Sontpofition 
einet Oper befdjäftige unb ißm gerabe bcSßalb oiet baran gelegen 
fei, bie Oper oft zu befucßen, erfolgte eine nocf) gröbere Slbweifung. 
Unb ebenfo Ijatte ißm noch nnlängft bie fflcl)örbe für eine oon ifjm 
beabfidjtigte Xrauerfcier für Cßopitt bie grauenfircfje abgefdjtagen *. 

Um l;ier etwas zu gelten, genügte eben ein berühmter Sfame nidjt, 
bafür beburfte eS einer amtlichen ^Beglaubigung burd) ein ftaatlicheS 
Slmt ober minbeftenS einen ftaatlidjen Sitel. Ob eS aber bei 
«Schumanns Snbioibualität gerabe eine Serbefferung bebeutet hätte, 



* SBricfe 9t. g. 2. Stuft. 9tr. 365. 93rief an filier oom 3. ®ej. 1849. ®. 323. 



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wenn ntan iljm bie burdj äßagiterS SBerwicflung in ben SDlaiauf* 
ftanb erlebigte gweite Äapellmcifterftetle an bei Cpcr übertragen 
batte, baS war eine grage, bie alte, bie ifjn unb bie Sßerhältniffe 
am SreSbener Ipofttjeater genauer faitnten, unmöglich bejahen fonnten, 
unb bie Bemühungen guter greunbe barum waren, wie felbft Clara 
fidj im ftiUen jagte, in 2Sal)rl)eit ein fcf)lccf)ter grcunbeSbicnft; er« 
tannte jie bocf) gaitj richtig, baß er nicht nur für bie ©teile, fon« 
bem „felbft auch Zünftler nicht nach ®re3ben paffe", „warum", 
fefct fie fjinju (Tagebuch tiom 22. Januar 1850), „will ich nicht 
fdjwarj auf weifj auSfprcchen." Sttfofent war eS alfo auch oon 
ihrer ©eite nicht ganj logifch, wenn fie ben wirtlichen guten jyreun« 
ben einen Borwurf barauS glaubte machen ju bürfen, baß fie nichts 
für Robert täten, unb fi<h entrüftete, bajj namentlich CaruS feinen 
©influfj beim £önig nicht für Stöbert in bie Sßagfcljale geworfen hätte. 

Sn biefer Sltmofphäre öon unbeftimmten ©rwartungen , Heine» 
^Reibungen unb Bestimmungen gerabe mit ben Ül Hernach ften war 
nun im Stooember plöhlid) aus Süffelborf burch £>iHer bie oertrau« 
liehe Anfrage ergangen, ob ©chumanti wohl geneigt fei, bort fein 
Nachfolger ju werben. 

©chumaitn liebte ben 9it)cin, liebte ihn als Siomantifer. „SBir 
freuen uns oor allem auf ben N^ein, auf ben fchöiten lieben Sihein", 
hatte er 1845 oor einer geplanten (nicht ausgeführten) Stljcinreife 
getrieben*. Slber ooit SDienbelSfohn war ihm gerabe über bie 
Süfjelborfer SOtufifer ein SluSbrucf in ©rinnerung geblieben, ber 
„fchlimm genug Hang"**. Slnberfeit» h atte öor einigen Safjren ber 
Süffelborfer 9Raler .§ilbebranb, 3Jtenbelsfol)nS greunb, ßlara baüon 
erjählt, bafs man in Süfjclborf für feine SJtufit BerftänbniS h a ^ e 
unb bie „ffkri" fleißig ftubiere. Smmermann, ber Oon ihm fo oerehrte 
dichter bcS „SDtcrlin" unb oon „Sri [tan unb Sfolbe“, hatte bort 

* SBriefe 51. g. 2. Stuft. 91r. 276. 6. 247. 

** 33rief an Ritter bom 19. 9loö. 1849. ©riefe 91. g. 2. Stuft. 91r. 359. 
S. 318. 



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gelebt unb üiel getestet. 3?on ber Stabt felbft, ihrer ©röfje unb 
öage, patte er nur eine jiemlid) unbentlidje 33orftcllung, unb als er 
in einer alten ©eograpljie feinen ftenntniffen aufhelfen ruotlte, fanb 
er, wie er an Ritter fdjrieb, „ba unter bcn fDierfwürbigfeiten ange» 
fii^rt: 3 9?onnenflöfter unb eine 3rrenanftalt. ®ie erftern taffe idj 
mir gefallen, allenfalls, aber baS ledere war mir ganj unangenehm 
ju lefen." (Sine fReminiSjenj aus bunfeln lagen taucht auf: bie 
Erinnerung an ben Sommeraufenthalt 1845 in SOiajen, wo bie 
StuSficht auf ben Sonnenftein ihn fo beunruhigt hotte. 

Unb ju all biefen tocfenben unb warnenben Stimmen fam nun 
noch ein 2 » waS ©d)umann, wenn nid)t baS Sdjeiben an fich, fo bod) 
bie ©ntfchlufjfaffung im Augeublict fcf)toer machte. 3h m War jumute 
wie einem ßanbmann, ber im Augenblick wo bie grudjt auf bent 
mit faurem Sdjweig beftetlten 33 oben fchuittreif ift, auSwaubern foll. 

©nblich, nadh langem Ipin* unb Jperreben, Ärgcrniffeit unb ÜJlifj« 
oerftänbniffen glaubte er bie Aufführung feiner „©cnooeoa" in Seipjig 
im gebruar gefiebert; auch in granffurt fd)ien fie nahe bcoorju« 
fteheit. (Sin burchfchlagenber ©rfolg auch nur in ficip^ig tonnte feine 
gan^e Stellung mit einem Sdjlage oöllig oeränbern. Sollte er fich 
ba binben, ehe ber Sßürfel gefallen? Unb nun bie guten greunbe 
in $reSben baju, bie warnten, nichts $u übereilen, eS müffe in 
Bresben etwas geftf)ef)eu, wobei immer nod) im .fpintergruub »iidjarb 
SöagncrS OerlaffeneS 2)irigeutenpult als Socfung wintte*. 

„ 93 o n allen Seiten", fdjreibt (ilara am 13. Sanuar, „werben wir 
jefct beftürmt, bodj nicht oon ®reSben fortjugehen, anberfeitS fefeen 
bie SDüffelborfer wieber ftart $u, baff fid) Robert jur Annahme ber 
bortigen ÜJi.»3X«SteIIe eutfchlieffc — turj, wir leben in einer fatalen 
Unfdflüffigteit. S)er Umjug ift bod) gar müheooll, bie Stellung hat 
aber oiet Annehmlichtcitcu — 10 Äon^erte unb 4 &ird)emnufifen im 



* S3gt. Scf)umann3 SSrief an fjitler Dom 15. Januar 1850. Briefe 9?. fy 
2. Sufi. 3h. 370. S. 326. 



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gaf)r, roödjentticfj eine ©ingübuttg mit einem aus 130 ÜJtitgliebern 
Beftetjenben Screin. Die SÖSafjt ber ©tücfe hängt lebiglid) üom 
Dirigenten ab. Dag ©efjalt ift 700 Daler, wenn aud) nicf)t Diel, 
jo bodj als fixere Ginnafjme nid^t gtt beradjten. 9)tan miß Robert 
bom 1. Stprit an fd)on feinen boßen ©chalt geben, uttb er joß erft 
(Snbc Stuguft antrctcn, eine fef)r annehmbare 33ebinguttg, bie unS 
fd)oit faft beit Umjug becft. Unb bod) mirb if)m ^icr fo fef)r ju= 
gerebet, fid) um bie zweite Stapeßmeifterfteße ju bctoerben; bas fann 
er aber nicht, fein Stattg als Stünftler läßt eS nicht ju." 

Sic hatte boßfommen recht, unb auch barin, baß fte tn biefem 
gaflc nur an ißn bachte. Stöbert hatte in einem Söriefe an .^ifler 
auSbrütflid) bie grage geftcßt: SSürbe fid) für meine grau irgenb 
ein SßirfungSfrciS finben laßen? Du fcitnft fie, fie fann nidjt um 
tätig fein." gür fie fam in biefem Slugenblicfe aber nur baS, mal 
Stöbert ©d)untann feinem Stauten fdfulbig mar, in SBetradjt. 

Unb menn jefct im DreSbner Sinniger plö^Hd) eine Stimme fid) 
erhob, bie Schumann baS größte jefct Icbettbe ©ettic nannte uttb cS 
als eine ©djanbe für DreSben bejcidjnetc, menn man einen folgen 
SJtann jießen ließe, fo forgte tagS barauf ein jmeiter, „feßr malitiöfer" 
Slrtifet als Srmiberuug bafür, baß fie fid) über bie SBanblung beS 
aßgemeinen ©efdjmadgnibcauS in DreSben nicht etma täufd)enben 
gßufionett hingaben. $u einer cubgültigen, gefdjmcigc benn offt^ießen 
Gittfd)ließung fam eS aber aud) jept noch aidjt. Der engere unb 
meitere grettnbeSfreiS nahm gleichmoljl bie Sache als abgetan an. 

Unb fo fam eS, baß fie Slnfang gebruar in Seipjig fefjon mit 
einer oon griebrid) SrodljauS, beffen ©äfte fie bieStnal maren, Oer* 
anftalteten Slbfdjiebsfcier — lebenbe Söilber auS ber „ißeri", mit SDtufif 
barauS, unter ber ÜJtitmirfuitg ber itächftett Stetiger greunbe — 
überrafdjt murbett. 

gm übrigen bereitete if)tten auch Scipßg bicSmal oßerlei Gut* 
täufchungen. Die fd)liminfte, bie fie gleich am erften Dage etnp* 
fing, mar bie Stachricfjt, baß bie Slufführung ber „©ettooeoa", beren 



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groben je$t beginnen füllten, jugunften ooit 2Ret;crbcer$ „ißropheten" 
bis nach ber 9fteffe oerfd;oben fei. 

®ie jtoeite ©nttäufdjung braute bie 2lufnal;me oon Sdjumann8 
Sntrobuftion unb SlHegro apaffionato (Cp. 92), baS Slara am 14. ge» 
bntar im ©emanbijauSfoi^ert zum erftcumal fid) fetbet nidjt zu Jaule 
fpielte, „ba mir bie 9tngft fürcfjterlid; mitgefpiclt hatte". Süfan naljm 
Ztoar bie Spielerin feijr mann unb tjerjlidj unb bie Sfompofition auch 
nicht eigentlich !alt auf. „3lbcr im ganzen genommen", fd^reibt Glara, 
„mar id; heute fchr unglüdlidj, unb ber ©rutib lag erftenS in bem 
?irgcr ober oielmehr SetrübniS barüber, bafj ich mich *>on ber Slngft 
fo beherrfdjen taffen fonnte, jmeitenS in bem ®cfüf)le, bafi baä 
Sublifum baS fchöne Sonjertftücf nicht mürbigte, mie es baSfelbe 
oerbiente, unb id; immer badjte, am (Snbe trüge ich ©cfjulb baran; 
furz, ich mar tiefbefümmert", unb biefe Stimmung mürbe erneut, als 
fie menige Jage barauf in eitler Soiree bei 9Jfofd}eleö mit biefem 
oierhänbig Schumanns „Silber auS Cften" fpiclte unb baburd) mirflich 
ben Äomponiften „fehr erzürnte", meil fie „immer getrieben hotte.“ 
„®S ift aber", fügt fie zur ©rflärung hinzu» „mit SDiofrfjeleö uttauS» 
fteljlid; fpielen, ba er alle ftugenblicfe ein furd;tbareS Sütarbanbo 
macht." Unb fo gelang eS ihr bemt aud;, noch an bemfclben Slbenb 
burch bie mit Jaoib gefpiclte, fehr gut geglüdte C»inoll»Sonate oon 
Seethooen ben ©rgürnten „ganz mieber auSjuföhnen." 

äftan fühlt aber aus allen Slufeeidjnungen unb Slufjerungen 
biefer $eit, aus ber halb grellen halb trüben Seleudjtung, in ber 
ßljaraftere unb Segebenljeiten erfd;einen, auS ben ungetoöfjn» 
lieh fchorfeit unb bittem Urteilen, bie aud; über greunbe fallen, 
nur ju bcutlich eine neroöfe Überreizung bei beiben h er °u3, bie fich 
moI;l einmal aus ben ©emütSerregungen, bie ber Sanuar gebracht, 
bann aber oor allem aus ber tiefen Serftimntung über ben aber« 
maligen Süuffdjub ber „©enooeoa" erflärt. 

Unb fo oermochte benn auch &ie enthufiaftifche Aufnahme, 
bie bei ihrem erften Ätonjert am 22. gebruar baS F«bur«Jrio 



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(Dp. 80), baS fie mit 9ttef> uttb Sabib fpictte, fanb unb ber SBcifatf, ben 
bie Variationen für jmei Älabiere (Dp. 46) ernteten, fie nidjt ganj über 
bic Vcrftimniung f)inmeg^ubringen, ba)l ihre beibeu SRitfpieler iljr tags 
jnoor auf ber ißrobe nidjt ein SSort über baS „herrliche“ ©tüd gefagt 
Ratten, dagegen cmpfatiben eS beibe als eine reine große un p gro§e 
(Genugtuung, bafj bie ®eitoüeoa=Dubertüre, bie am 25. in einem Sondert 
pm Veften beS DrdjefterpenfionSfonbS unter ©djumamtS perföntidjer 
Seitung oont ©emanbhauSordjcfter gefpiett mürbe, gröjjtc Vegeifterung 
atljeitig erregte. Senn fie belebte um fo mehr bie fmffitung auf 
einen glänjenben ©rfolg beS ganzen SBcrfcS, als meitige Sage ju- 
oor bie Vorlefung beS SejtcS auf einen f (einen §ürerfreiS, in bem 
fid) u. a. SDiofcheleS, ©cfjleini^, Dr. §ärtc( befaitben, anfdjeinenb 
ben tiefften ©inbruef gemalt (jatte, unb aujjerbem Meters fiefj, unb 
,poar „einen Sag üor bem Sonjert", erboten hatte, bie gange Dpcr 
ju brutfen, „ein Anerbieten", fdjrcibt Clara, „toie eS mof)l nid)t 
fo teirfjt einem ßomponiften für feine erfte Dper gemadjt mürbe." 
©o fdjlofj mit einem am 26. gebruar ihnen gebrauten ©tänbd)cn, 
in bem u. a. bic VitorneHe gefungen mürben, unb einem fröhlichen 
Abcnb bei VrodhauS, an bem SRobert unb Clara jufammen auS 
ben oiertjänbigen Sinberftütfen jum grollen ©ntjiicfen ber Anmefcnben 
fpielten, ber Seipjiger Aufenthalt, bem AbfdjiebSftimmung Sidjt roie 
©chatten gegeben hatte, nodj ganj tjarmonifd). Abfdjieb aber nafjm 
man nodj nidjt, benn im 9Jiai molltcn fie micbcr (ommen, bieSmal 
mirJ(icf) jur Aufführung ber „©cnoüeOa". 

Sie unenoartete §inauSfchicbung ber Dper aber, junädjft als bittere 
©nttäufdjung empfunben, foßte bodj fchliefjlidEj auch ih r ©uteS haben. 

„Von Hamburg hatten mir", fdjreibt Clara, „Anfang biefeS 
SSinterS eine Cinlabung erhalten, Vobert, um einige feiner Äompo« 
fitionen aufjuführen, ich, um 3 U fpieten; mir hatten eS abgejdjlagcn, 
meil fief) megen ber Dper in Seipgig nichts beftimmen ließ, SRobert 
auch ^ine 2uft ju aitbcrn Unternehmungen hatte. Sepi nun, mo 
mit ber Dper nidjts mar, unb mir uns botfj einmal auf 6 VJochen 



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Ülbwcfenheit eingerichtet Rotten, fdjrieb id) wieber nach Hamburg 
unb erhielt gleich eine freubige Slntwort unb erneute Ginlabung für 
baS Philharmonie Äonzert. desgleichen hatten mir nadj Sremen 
geschrieben, baS wir fo mitncf)ineu wollten, ba wir nod) geit unb 
in Seipjig bodj nichts mehr 3 U tun hatten." 

9?ach einem ungemein herzlichen Slbfchicb oon grau SrodßauS 
unb ihren Jöcfjtem, „bie unS im wahren Sinne beS SßorteS auf 
Rauben getragen . . . furz unS haS Seben fo angenehm gemacht, 
baß wir unS immer wicbcr auf unfer behagliches Zimmer freuten 
unb unS zu £>aufe am wohlfteit befanben" — ein 2 (bfcfjieb um fo 
ichwerer, als SfrocfhauS im öegriff ftanb, oon Seipzig fortzuziehen — 
würbe am 3. ÜJiärz bie Steife angetreten. 

GS wäre aber »ielleicht fliiger gewefen, fie hätten 93rcmcn nicht 
„mitgenommen", denn bort war ihnen bei ihrem lebten dafein 
oor 8 fahren in bem einflußreichen, ja in mufifalifdjen dingen in 
Srcmcn auSfchlaggcbenbcn 9Hitbircftor ber f. g. „ißrioatfonzerte" 
(jggerS ein ©egner entftanben, wie es feßeint, infolge einer groben 
daftlofigfeit oon GggerS’ Seite, bie zu einer ziemlich gereizten unb 
fcharfen SluSeinanbcrfejjung zwifeßen bem Ghepaar Schumann einer« 
unb §errn GggerS anberfeits geführt hatte. Sie mochten glau« 
ben, eS fei inzwifcheit ©raS bariiber gewachfen, unb ihre anbent 
greunbe bort würben, im Sßerein mit bem feit furzem bort weilenbcn 
6 arl 'Jieinecfc, wol)l alles in bie richtigen Sßege leiten. Um fo 
peinlicher fühlten fie fieß berührt, als gleich hei ihrer Slnfunft 
greunb döpfen, ÜJiarie ©artidjS, GlaraS 9icifcbegleiterin oom Saljre 
1842, eine Siichtc oon GggerS unb anbere als erfte Sorbcbingung 
einen GntfdtulbigungSbefud) bei fpernt GggerS unerläßlich erflärten. 
„UnS fiel baS nicht ein", fdjreibt Glara, „unb als nun gar döpfen 
äußerte, wie traurig es für bie Srenter fei, baß fie unter biefeit 
Umftänbcn feine Drdjefterwcrfe 9?obertS zu hären befämen, weil 
GggerS eS hintertriebe, ba riß bem Robert DollcitbS bie ©ebulb — icfi 
glaube, nichts in ber Söclt hätte ihn jejjt bewegen fönnen, fold) einem 



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. . . . ©roßtuer eilten ©djritt entgegengufommcn. Säre biefer 
9D?enfc^ nicfjt gar fo eingebitbet ... jo t)ätte er ein paar on 

Robert gefdjrieben, nnb mir Ratten ba? Vergangene tempi passati 
fein taffen unb mären fjingegangen. 5Dod) genug non biefen 
Sappatien, bie idj gar nicfjt ermähnt fjätte, fjätten fie mt? nidjt ben 
Slufcntßalt infofern unangenehm gemalt, at? Sgger? in Bremen 
at? Sunftautorität gilt unb bie 3öpf e gnr nidjt barüber fpntueg 
fomtten, baß biefe Slutorität einntat feine fein fotfte." 

@o begnügte fidf) Stara am 7. 9JJärg, mit Veinecfe? §i(fe, ein 
eigne? Songert in ber Union gu geben „nor einem Meinen, aber 
tjödjft entfjufiaftifcfjen ißubtifum", ba? nor allem audj ba? groeite 
'Srio (0p. 80, mit $önig?löm unb Sabifiu?) unb bie Variationen 
für gtnei Slaniere, bie Stara mit Sieinecfe nortrug, gu fdjäßeit mußte. 

'Xrofcbem maren fie frot), Sremen batb ben SMicfen gu feeren, 
unb mieber empfanben fie ben ßontraft gmtfdjen ben beiben fjanfa» 
ftäbten burdjau? gugunften Hamburg?: „Hamburg gefiel un? außer» 
orbenttid) mieber, mie gang anbei? großftäbtifdj ift ba? at? Vremen! 
Sie fjerrtidj ber Sungfernftieg, ba? Seben, bie Soßttjabenßeit unb 
alte unfre Vefanntcn, mie notier grcunbtidjfeit unb Stufmerffamfeit.“ 
3u ben atten greunbett Sine, ©djuberth, |>arriet Sßarift), „ber 
lieben atten greunbin", gefeilte ficfj bie?mat au? Slltona bie 
treffliche fßianiftin grau Stnnctte ißeterfen, bie nor einigen 
3at)ren nadj ®re?ben gefommen mar, um ©djumannfdje SDiufif bei 
Stara gu ftubieren, unb beiben ©djumann? freunbfdjafttid) natje 
getreten mar. 3a SJiabame ißeterfen unb ißr mufifatifdjer ?lttonaer 
$rei? imponierten ißr bie?mat in jeber Vegietjung mefjr at? bie 
tonattgebenbeit Hamburger, nor altem fiel ein Vergleich gmifdjen 
ben Hamburger Duartettftüfcen — ^offner (erfte ©eige) unb See 
(Violoncelt) mit ben Stttonaern Vöic unb Supfer cittfdjteben gugunften 
ber festem au?, ©räbener? originale?, aber unau?gegtidjene? 
latent fdjien ißnen burdj Vrotermerb?tätigfeit empfinbtief) gehemmt: 
„er geht hier im Stunbcngeben unter." Viel 3ntereffe erregte in 



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boppefter Hinficf)t eine neue Vefanntfdjaft, bie fie in einer ©efeß« 
fdjaft bei ®o& machten, SJJarianne Sßolf, bie Sßittroc 3mmermann8, 
jefct mit bem ©ifcnbahnbireftor SBoIf oerfjeivatct. gmmermann mar 
für beibe Schumann? oon jeher ein ©egenftanb befonberer Ver» 
efjrung, unb nun fant nod) bagu, mie oiel ihnen biefe grau oon 
ihrer neuen Heimat Jüffelborf gu ergäben batte. 

Slurf) bie Vefriebigung über bie Stuf nähme beffen, ma§ fie ben 
Hamburgern mufifalifd) Sßeue? brauten, bemegte fidj in auffteigenber 
fiinie. 3m p^itfiarmonifc^en Bongert, in bem Robert bie ©ettoocoa* 
Cuoertüre felbft birigierte unb ©tara u. a. fein A«motl* Äongert 
fpielte, befrembete fie gunäcbft mieber einmal bie Hamburgifdje Äiihle. 
„ Jte Hamburger halten eg nicht für fehr anftänbig, oiel gu Hat« 
fchen, aber tun fie e8, bann {omrnt’g mie ein Schauer unb ift gleich 
torbei." — 

Sehr Diel märmer fchon mürben gmei Jage barauf in ßlara? 
eignem Äongert bag Cuintett, bie Variationen für gmei Älaoiere (gu< 
fammen mit ihrem ehemaligen J)re?bener Schüler Otto ©olbfdjnribt) 
unb bie C«bur Sonate oon Veetljoöen aufgenommen. „Äurg cs 
mar eine fehr animierte Soiree", berichtet bag Jagebuch, nur follte 
fie ein tragifomifdhe? Sindjfpiel haben, baS im Slugenblicf bie 
Stimmung etrnaS oerbarb, aber fpäter bodj mieber in humoriftifchcr 
^Beleuchtung erfchien. J)a? Jagebuch ergählt: „SWadj ber Soiree 
gingen mir mit Schubert!), ©räbener unb einigen anbern mieber 
in einen Slnfterfetler unb maren erft fehr luftig, mos aber fehr un« 
luftig enbete! IRobert hatte fid) befonnen, bah h eute ; grühtingg» 
anfang, Vach unb 3ean ißaul geboren maren, unb ftiefj in feiner 
greube barauf an." ©räbener, heifil e* nun meitcr, habe barauf 
in ber Sßeiitlaune erflärt, Vach ja, aber auf 3cau ißaul !önne er 
nicht mittrinfen, unb fich bann meiter über biefe? Jhcma oerbreitet, 
fo „bah Robert aufftanb unb, nachbem er ihm gefagt, bah er c ' n 
unoerfchämter SDicnfch fei, fort ging. Schuberth mit un8. 9Kir 
mar ber Sdjrecf in äße ©lieber gefahren." J >a ©räbener tag? 



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1844-1850. 



bcmtuf fid; bei Sdiumann entfcfeulbigte, batte ber gwifdjenfaß feine 
weitern unliebfamen folgen. Über bie (Srlebniffe ber folgenben 
Jage aber mag Glara felbft berichten: 

„©orgeftern fdjrieb Stöbert au 3ennt) 2inb n ad) ©erlin, baf; wir halb 
über ©erlin nad) Bresben jurüdfebren würben unb un# )cf;t freuen, 
fönnten wir einen Sag in ©erlitt mit itjr »erleben. Stöbert l;at il;r ge* 
fcfjriebeit, baff wir bis 3 itm 23. feicr bleiben — »ielleid;t fommt fie auch 
nod) feierl;er, elje wir abrcijeit. 23ir erwarten mit Ungebulb Slntwort 
SJtittwocb, ben 20., früh gingen wir mit Sdjubertb jum Sa* 
guerreotppiften, wo er geroife ein ^afbeS Sufeenb ©ilber »on un# 
machen liefe, beren fdjonfte er jum Sritd benufeen wiß. Sin# »on 
Stöbert ift ganj feerrlicfe geworben.* grüfe batten wir and) ißrobe 
mit ©öie unb Tupfer. 

Stad) Sifcb Ijatte iefe miefe eben ein wenig feingelcgt mtb la# in 
einem ©riefe »on (Smilie über 3ennp Sinb# Sluftreten in Sre#bcu, 
ba fam fie felbft, eben erft »on ©erlin angefommen. 

3d; war fjoef) erfreut, niefet weniger Stöbert, ber jebod) ben 
ganzen Sag fo etwa# wie Slfjitung »on ihrem kommen gehabt featte. 
Sie war f)i3d)ft Iicben#würbig unb fagte, fie fei fo fdjnefl »on ©erlin 
gefommen, weil fie in Hamburg in meinem Sonderte fingen woße; 
nidjt wenig erftauut war fie $u hören, bafe c# »orbei, inbem fie 
geglaubt batte, e# fei ben 22., weil Stöbert gefdjriebcn batte, bafe 
Wir am 23. abreifen Wüßten. Sie erbot fidj gleich, in Altona in 
meinem morgenben ßonjerte $u fingen, wa# icb natürlich mit greuben 
annabm. Sch hätte f* £ mögen erbrüden »oß greube unb Sanf- 
barfeit! na<febem fie fort war, fuhr id; glcid; nach Slltona, um es 
bort noefe befamtt ju mad;en, nur ift ber Saal febr flcin unb faft 
ganj »ou Subffribenten gefiiflt, fo bafe nur wenige nod; eingelaffen 
werben fönuen. Sie Überrafcbung ber Slltonaer war groß ! — 
Somterftag, ben 21., »ormittag# befudjte un# bie Sinb $u 
einer flcinen £ieber«ißrobe, au# ber aber nod; mehr würbe, bcnii 

* $icS «ilb rourbe bie SSortage für SöenbemannJ geidjnung 223. 



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1844-1850. 



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fie fang eine gange SJfcnge üon Siobcrtg Siebern, unb »nie fang fie 
fie, mit welcher STBafjr^eit, mit melier §erginnigfeit unb Sinfadj* 
beit, roie fang fie „ÜJtarienroürmdjen" „griihlinggglaube" aug bem 
Sttbum, bag fie nid;t fannte, oom Statt — bag bleibt einem un« 
uergejjlith; nietet; ein t;crrticf;e8 gottbegabteg Sßcfen ift bag, welch 
eine reine echt fiinftterifetje Seele, roie erfrifd;t einen alleg, wag fie 
fagt, roie trifft fie immer bag Siechte, fpridjt eg aug mit roeuig 
Porten, furg nie rootjt tiebte unb oeretjrtc ict; ein roeiblidjcg Söefen 
me^r alg fte. £)iefe Sieber roerben croig in meiner Seele Hingen, unb 
wäre eg nicht ein Unrecht, fo möd;te icfj fagen, nie roitt ich metjr 
bic Sieber non anberu t;örcn alg üon ihr. $afj Stöbert nicht 
weniger begeiftert für fie ift, brauch ich nwfjl fautn gu fagen. Jiir 
ben Äomponiften ift cg nun gar eine SBonne, feine Sieber fich fo 
aug tieffter Seele (; eräug gelingen gu hören. Sie ging, unb jebeg« 
mal wenn fie ging, bticb id; in einer gewaltigen Stufregung gurücf, 
roo if;rc Xötte unb SBorte fid; unaufhattfam in meinem Ämtern 
freugten! — SBa» roirft 2)u, mein lieber Stöbert, fagen oon biefen 
leibenfchaftlichen Slusbrüd;en? 2>od; nid;t id; allein, auch ®n emp* 
fanbeft ja ebenfo, nur lafj id; alteg mel;r fjeraug aug bem §ergen! — 
®ie Soiree am Slbenb in Slltona roar herrlich! feiten oereinte 
fich nrofjl fooiel atg t;cutc ! ooflcr Saal, ungeheuer enthufiaftifdjeg 
Sublifum, ber l;errlid;e Scfaitg, mein Spiel and; nid;t fdjlecht, 
Stobertg rouuberoolleg 2rio mit Söie unb Siupfer, fnrg eg fet;lte 
nidjtg gu einem fdjönen Sangen! id; roar fc^r gliidtich, auch baburdj, 
bafj ich öem ißublifum gegenüber alg Stünftlerin nicht gegen bie 
Sinb gurüdftanb, fonbern gleicheg Sntcreffe nnb gleid;eit entl)u* 
fiaftifd;en fflcifalt fanb alg fie. ®ag begeifterte mich aber and; gur 
höchften Slnfpannung meiner geiftigen nnb förpcrlichett Strafte. 3d; 
hatte mich f e h r 0or öem bemiitigenben ©efiifjle einer gurüdfebung 
gefürchtet, unb bah & nun nicht fo roar, freute mich H’h r ! nun 
aber gu ihr! Wie fang fie! roie bag „rheinifd;c Solfglieb“ üon 
SJtenbclgfohn, roie ben „Sonnenfchcin" oom Stöbert — nein, bag ift 

¥i$mann, Stara €<Smn<iiin. II. 14 



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210 



1844 — 1850 . 



nidjt gu befdjreibeu, Sfo&crt jagte il)r, „ba fdjeint einem roafjrfjaftig 
bie Sonne auf ben ©ucfel", fold^ eine griffe unb fotc^ eine finb* 
lidjc Unjdjulb unb Siaioität — bas ntufj man hören unb immer 
wieber hören, mie benit auch ba! ißublifum nicht nadjliejj, bajj fie 
e! micberfjolte. Unb mie fang fie ba! „bcr ^immel f)at eine (Eräne 
gemeint", mit toeldjer feelijdjen unb geiftigen ©ebcutung! el lögt ficg 
nicgt in Sorten fagen, meid) tjimmlifc^en (Sittbrucf biefer QJefang 
f old) er ßieber mad)t! 9Jur (Sinei möchten mir ber £inb nocfj bei= 
bringen, baß fie nur 0ute! fange, unb all ba! geug (wa! 011 
anbcrn Orten gefungen) oon ÜJietjerbccr, öellini, $5onigetti u. a. 
meg oon fid) miirfe, für ba» fie gu gut ift. 

greitag, ben 22., oormittag ^jkobe oon Dfobert! erftcm £rio gu 
einer Soiree, abcnb! bei Satlemant (91oi). gur $robe fam and) 
Sennt) fiinb. ©orf)er toav Dtten bagemefen unb gatte fegr gugercbct, 
mir möchten fie bemegen, nodj morgen in einer gu gcbenben 9J?atinec 
gu fingen, bod), fo fegr id) c! geroünfdjt, fo mochte ich e! menigften! 
nicgt für niidj tun! id) fpracfj mit iljr baoon, ob fie nicfjt Äoitgert geben 
mollte, mo id) bann gefpielt gälte, ober ob mir gufammen eine SDiatince 
für bie Sinnen geben mollten, bod) alle! bie! mollte fie nidjt, nur 
meint id) für mich noch eine ©iatinee geben mollte, bann mollte fie 
fingen unb, ftatt friig, nachmittag! erft nach Sübecf abreifen, mo fie 
burdjau! Soitnabenb noch H'i" wollte. Sie brang fegr in midj, unb 
(mer gatte mol)l folcg einer Socfung mibevftehen tonnen) ich nahm 
e! an. Offenbar fpraeg fieg bei igr ber SSunfd) an!, uni einen 
pefuniären Hälfen aud) gu fdjaffen, mie fie bann aud) fpäter igre 
grojjc Sefriebigung offen aulfprad), all fie hörte baff bie ÜJfatinee 
fegr öoO fein mürbe. Sie mollte aud) burdjau! goge greife haben, 
bod) ba! mollte mir nidjt gefallen, unb fie fag e! bann and; ein. 
9fwt fjreg c! aber tätig fein, beim erften! mar in Hamburg nie 
eine Sftatincc gemefen, unb bann hatten mir feine 24 Stunben mehr 
bi! bahin. §icr bemie! fidj Sd)ubert! ungeheure Jätigfeit, bcr fdjoit 
eine Staube barauf Bettel, ^lafate fertig hotte, abcnb! fdjon in ben 



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1844 - 1860 . 



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3eitungen belannt gemacht fjatte ufw. Sluch Ctten unb §lü£ be* 
müßten ftch mit. 

©egen Slbenb Jam fie, bie liebe freunblidje Senntj gu uns, unb 
ba machten mir wieber Sieberprobe, woraus aber wieber nie! mcfyr 
entftanb. Sie fang Nufjbaum, SBibmung, grühtingSnadjt, ftille 
Siebe unb noch eine SDienge, audj aus NobertS Oper bie Strie im 
lebten ?lltc. Saufenbmal lieber fjätte idEj noch fo ben gangen 
2lbenb mit il)r oerbradjt, als nun nodj in ©efeUfdjaft gu geljett, 
bodj baS bjalf nichts, wir mufften. Sentit) Siub foltte auch gu 2lmS 
Jommen, bodj wollte fie gern ihren SßirtSlcuten (2Kabame Srunton 
unb grl. Semenoff, bcibeS fefjt liebenStoürbige, gemütliche $amen, 
roo ich mir ein bcljaglidjeS töefinben benfen fattn) ben lebten Slbenb 
noch wibmett, wie fie beim überhaupt ©efellfdjafteu gar uidjt liebt, 
ebenfo audj im .fjaufe fdjwer gugängig ift, für Neugierige gar nicht. 
3 h** Stimme pflegt fie aufjerorbenttich, fie tangt nicht (früher wohl 
fehr leibenfchaftlich), fie trinft Weber SBein noch ^ ee noch Ä'affcc — 
in jeber Jfjinficfjt ein ätfjcrifdjeS SBefen! — Slujjer ihrer grofjen 
greunblidjJeit, baff fie in gwei meiner Äongerte fang, beSwcgen ba 
blieb ufw.: war fie auch nod) in anbertt Gingen äufjerft aufmerffam! 
fie liefj mich b- 93- nie gut ißrobe gu fich Jommen, felber hotte fie 
uns jebeSmal gum Äongert ab, unb fo manches nodj ! — SBeldje 
21nfptüche machen ba anbre Sängerinnen. 3 U grl. Söagner muffte 
idj noch am üDtittag beS erftett Äongert eS brci Ircppen hinauf* 
fteigen, um gu probieren, bann hotte fie fein eittgigeS Sieb gelernt, 
nicht einmal ben Jejt. So ift es hoch immer, je großer ber 
Siinftler, befto befrei bener ber üJienfdj! — 

Sonnabenb, ben 23., SKatinee. Ungeheuer ooß, großer 3ubcl! 
Sentttj Sinb hotte fich hinter ben £edel beS ißianoforte gefegt, wo* 
bei eine allgemeine ^Bewegung entftanb, benn wenige nur tonnten 
fie nun fehen, unb hoch hotte fie gern jeber gefeljen. Sie fang 
wieber wunbertwll, 2JtogartS Slrie auS gigaro mit einer hinreiffenben 
Sinfachheit (ba hotte grl. Sßagner lernen Jönnen fJiefpclt oor betn 

14 * 



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1844 - 1850 . 



$omponiften), bcSgt. Sieber »on 3Renbel«foßn unb bier Sieber 
bom iRobert, natürlich toiebcr ben ©onnenfcßein jurn ©d)luß j»ei= 
ntat. ©in {Beweis, wie fie afle«, wa« fie fingt, in fid) aufgenommen, 
gab fie ßeute wieber, inbem fie, al« beim Umblättern ber grüßling«- 
itadjt bie {Blätter bcrlegt waren, biefetbe ausweitbig ju ©nbe fang. 
Sie Sieber bon {Robert fang fie alle fo, wie idj fie mir immer 
in meinem Sfbeale gebaeßt, aber 311 ßüren nie geglaubt batte. Äeine 
gcinßeit, an ber anbre fpurlo« boriibergleiten, bleibt ißr «erborgen, 
fo auch Wenn fie anbre SRufif ßürt, ift e« ein waßre« {Bergnügen, 
ißr jujufeßen, wie auch meßt«, nicht bie jartefte, feinfte betrntonifebe 
Senbung if)r eittgcbt. — 3d) fpiette auch beute lieber gut, wie 
feiten, wa« bei foldß einer {Begeiferung, wie bie« Sefen in einen 
bringt, wobl lein Suttber! — Sind; ßier »ob 111 wtd) ba« {ßublifunt 
mit gleichem ©ittßufia«mu« auf, unb ein Sieb bon äRenbetefoßn 
mußte idj wieberbolen. 

{Rad) ber SRatinee wollte un« bie Sinb burdjau« nidjt erlauben, 
fie nach £>au« ju bringen, fonbern nal)m bei un« Slbfcßieb, ber mir 
febr webe tat. Ser weiß, wann man fie wieber fielet, ba fie nach 
Änterifa geßt, unb wie fdjnell waren bie wenigen Stunben mit ißr 
«erflogen! fo ift’« nun immer in ber Seit, baß man gerabe mit 
benen, bie einen Oerfteßcn, bie man liebt unb berebrt, nießt ju« 
fammenleben fann! Senig Stunben waren’« mit üjr, unbergeßlicb 
aber für un«." ©0 weit ßlara« Sagebncß. — 

{Robert aber fdjreibt in feinen {Rotten über biefe {Begegnung 
unter ber Übcrfdjrift: „Sin grüßling 1850": 

„Sir ßoben un« wieber mit Sennß Siitb begegnet in Hamburg. 
© ie bat fieß tief in meine SRufif berfenft. 3cß miß meßt oergeffcn, 
wa« Siebe« nnb ©rßebenbe« fie mir äße« fagte. $lucß fonft fpraeßen 
mir über maneße«. ©lara war glüdlicß in biefen Sagen. Sief 
betrübt nabmen Wir öoit ißr 2 lbfd)ieb." 

2tber aiicß ber materieße ©ewinn War nießt ju öeraeßten. „Sir 
ßaben noeß nie eine fo ergiebige Steife in ®cutfd)Ianb gemacht", 



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1844 — 1850 . 



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fcßreibt Stara, „jefct möcßte icß fagen: gut, baß bie Dpet nießt jur 
§luffüßrung (am!" SRacß ittbjug ber Soften ergab fidj ein Reingewinn 
oon 800 latent. 

3n ©erlin toarb nocß furje Raft gemacht. „Unfer crfter ©ang 
war ju 2Jienbet3foßn8 ©rab, wo Robert ein ©latt ata Stnbenten 
mitnaßm oon einem bort tiegenben Sorbeerfranje." ©inen Slbenb 
brachten fie bei ©äcitie äJienbetSfoßn ju. „3cß mußte ofet oott 
9J?enbetSjoßn fpieten: C-motbXrio, ©ariationö ferieufeö ufw. 9Jfa« 
bame SDtaibetSjoßn lieb unb freunblicß, eS erfüllte einen aber reeßt 
mit SSeßmut, wenn man bie fdjönen Mi über fießt, bie fo früßjeitig 
einen fotzen ©ater öertoren — wir tonnten uns beibe nidjt reeßt 
au§ biefer Stimmung ßerauSfinben." ©in 3)aguerrotßp oon äJJeit-- 
betsfoßn, naeß bem ©itbe üon SRagnuS gemacht, ba3 ißr 2Wagnu8 
fetber braute, bereitete ißr eine große greube: „e§ fdjeint mir ba3 
äßntidjfte oon atten ©itbern." 

Stm 29. Sttärj trafen fie wieber in 3) reiben ein, unb am 
31. SDtärj „feßrieb", ßeißt es im Sagebucß, „Robert nadj ÜDüffetborf 
unb fagte ju, ßinjufomraen, troßbem aber meint er immer, cs fei 
nocß fefjr sweifetßaft, ob er ßingeße — er ßofft immer nocß, e3 
foll fieß un8 näßer eine Stellung finben. ipier bleiben wir jebodj 
feinesfatla. SBir ßaben fdjretfticße Sangweite, eö tommt einem alles 
fo jopfig ßier oor. Seinen gefdjeiten StRenfcßen fießt man auf ber 
Straße, alte feßen fie fo fpießbürgertieß au8! — Rfufifer befommt 
man gar feinen ju feßen." 

§tber ba ber ©tief eben ßoffenb oorwärtS gerießtet war, würbe 
aueß ba8 mit gutem fmmor ertragen: e8 bauerte ja nidjt lange 
meßr. „©eftern", fdjreibt ©tara am 8. ÜJfai, erßiett „Robert fein 
erfteS ©iertetjaßrögeßalt au3 $üfjetborf. SSirb er fieß nießt boeß 
juweiten naeß ber gotbenen f^reißeit feßnen? Run ber SJfenfdj 
muß atteS burdjmacßen. . . . 3cß freue ntidj oor atteni, oiete oon 
Roberts neuen Sadjen, bie wir nodj nießt mit Crdjefter geßört, 
bort 31t ßören. ©r muß burcßauS einmal ein Crdjefter unter fieß 



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1844 — 1850 . 



betommen. . . . §ier fifct matt jahrelang mit feinen Sd)äfeen »er* 
graben." 

Unb fo warb aud) freubiger Hoffnungen »ott am 18. üflai bie 
fJteife nach Seipjtg angetreten, roo nun enbtid) nach langem Harren 
unb nieten Snttäufdiungen bie fßrobeit 3 Ut ©cnoöeöa beginnen 
füllten. 9lur ein Unwohlfein 9iobert», baS fie im testen Augen* 
btid nötigte, bie fdjon auf bett 17. Stfai angefcfetc Abreife nach 
Seipjig nodj um einige Sage 31t Derfdjieben, marf einen teifen 
Sd)atten auf ifjrc (Stimmung, ber fidj bei ben mancherlei untier* 
mcibbaren Aufregungen ber folgenben 2 öodjen freitief) noch vertiefen 
follte. Speichen einer ftärfern neroöfen Überredung traten mehr* 
fach h crüDr ' ojjne jebodj, loie eS fdjeint, weitere Seforgniffe 31t er- 
regen. Sie wohnten biesmat im ißrcußerfdjen Haufe, baS reijenb 
im ©arten gelegen unb burd; bie H^tidjtcit, Aufmerffamfeit unb 
ben feinen Satt ihrer ©aftgeber ihnen ebenfo 3 ur bet)agtidjftcn Haus* 
lid)!eit warb Wie im gebruar bas 23rodf)nuSfd)e. „So tjübfd) ift eS 
aber bodh nirgenbS h' er '\ fdjreibt Stara im Tagebuch, „als bei 
fßreufjerS, wo wir wohnen ! Sir fittb wie im ißarabicS, rings um 
unä nur baS h ertliche ©riin, bie wohttuenbfte 9tuf)e, nur Sögel» 
geswitfeher. grub unfer griiljftüd im ©arten, babei nun unfre lieben»* 
Wiirbigen SirtSteute, bie unS altes an ben Augen abfeben, lurj, 
fchöner tonnten wir uns feinen Aufenthalt wiinfehen." 

Am 22. 9D?ai War bie erftc $immerprobc. ri 3)ie Sänger fingen 
fo weit fdjon aus ben Stimmen, bah jiemlidj ohne Stoden geht“, 
berichtet Stara. „@S madjte uns großes Vergnügen, nun cnbtidj 
einmal etwas barauS 3 U hören. gd) begleitete am Staüier. 35er 
Shor get)t fchon ans AuSwenbigternen." Auch bic erfte fforreftur* 
probe mit Drdjcftcr am 29., bei ber Stara bie Singftimme auf 
bem Älaöier fpiette, hinterließ nur günftige Sinbriide: „Seid) 
einen ©enufj mir biefe fßrobe oerurfadjte, tann ich nicht befchreibeit! 
®ie f) err ti c h e Snftrumentation burdjgärtgig bc 3 aubcrte mid) Waf)r* 
haftig, unb bann, wie tritt uod) fo gan 3 anberS alles f)crOor, .... 



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1844 - 1850 . 



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unenblidj freue id) micf) auf bie nädjftfotgenben groben. $ie SDiufifer 
wunberten fic^ übrigen« aud) fel)r, wie leicht bie SDiufif 311 fpielcn 
fei — e« ging faft alle« glatt fort." Unb cbenfo war bie erfte 
'fkobe mit Solofängem unb Gf)or am 7 . Simi, wie Clara fdjreibt, 
nur „große« SSergniigen für mich-" Sit biefc gehobene Stimmung 
fiel Diobert« ®eburt«tag, 311 bem bie beibeit äfteften Kinbcr au« 
®re«ben al« Überraftfjung l)eriiberget)olt waren. $cr ißauliiierdjot 
bradjte in ber 3 rriil)e, 3ufammen mit einem Seil be« 0 rd;efter«, ein 
Stänbd)en: ein Gfjoral, 3Wei Sdjumannfche Sieber unb ber 4 . üDiarfd) 
au« bett Klaticrmärfchen 1849 ( 0 p. 76 ), inftrumentiert. 

Sc näher aber bie Aufführung riiefte, befto mehr gefeilten fidj 31t 
ben greuben auch bie Seiben. 3mar nu f b fI1 groben ging ’« trof) 
einiger Kämpfe wegen be« Slbgefjeit« unb Kommen« sweier (itjöre, troff 
gelegentlidjcn Ausbleiben« einiger Soliften immer uodj gans leiblid), 
beun fie hatten bodj ben Siubrucf, bafj „alle« am Ifjcater" il)tu mit 
beftem üöillen entgegcnfomine. SBeuiger fcf)ien ihr ba« ber $all 311 
fein bei manchen anbern Seliger SJiufifoerftäitbigen. @0 empfanb 
fie bie Kälte, mit ber man bei IRobert« (Geburtstagsfeier in einer 
(Gefeltfdjaft bei )ßreußer« fein t>on toier Sängern gefungene« SOiiunc« 
fpiel unb bie üoit ihr mit (Grabau gefpietten Stiicfe im SSolfSton für 
Klaoier unb ißioloncelto (0p. 102) aufgenommen, faft beleibigcnb. 
„SBa« wollen nur eigentlich bie Seute! 3 )iir fdjeiitt überhaupt eben 
hier unter ben ÜRufifoerftäubigen fo ein eigner bummer Son 3U 
Ijerrfchen, fie wollen nicht« fd)ön finben, wa« nicht 001t SRcnbelS» 
fohu ift, unb erft wenn ba« ißublifum e« anerfannt, bann fomnten 
fie nach unb finben e« aud) fchön — Taoib fteljt unter biefen mit 
oben att. — Sch wag ben Seuten hie* gar nicht« wehr borfpielen, 
fte finb 3U !alt unb unbanlbar, einige natiirlid) ausgenommen, unb 
ba« ißublifum. Sd; rebc hier nur eben 001t ber 9 }?enbel«fohnfd)CH 
Clique." 

Sttoa« fpridjt au« biefer geregten Stimmung wohl bie neroen* 
irritierenbe SBirfung ber $h ca terprobcu , bie niemanb ungeftraft 



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1844 - 1850 . 



mitniacfjt. Bejeidjuenb frf;reibt fie am 21. Sunt, nach einer Stuf* 
füfjrung oott „Stabate ttnb Siebe" am oorangehenben Abcnb: „£>eute 
mar icf) nod) fe^r angegriffen, teilmeife oon bem geftrigen ©tiicf, 
baS immer einen erfdjiitternbcn Sinbrucf auf einen macht; «nb 
auch Q a W übrige aufgeregte Qe\t übt ihre SEBirhtng an mir, 
je^t nun gar, roo bie Aufführung ber Dpcr näher rücft!" Am felben 
Sage berichtet baS $agebud): „Beftid) oon ©potjr, ber geftern fixer 
augetommen ift. Auch bie SDiutter tarn h eu t e ooit Berlin gur 
Dpcr, beSgteidjen Bcincrfe aus Bremen, mehrere Hamburger, ©cfju* 

bert an ber ©pifee, finb auch gefommen “ 

©onntag, beit 23 ., Drehefterprobe im 'Jheater. Biet (Säfte atS 
guljörer — ©poljr, (Sabe, §ilter, SJtofdjeteS, §auptinann — fotch 
eine Bereinigung oon Stünftlera finbet man nidjt gleich mieber, auch 
ein Duartctt mie geftern [in einer (Sefcdfc^aft bei ißreußerS] bei bem 
©poßrfdjcn ©e^tett (©pohr, 5 >aoib, Soadjim unb ©abe) nicht fo 

leidjt. ®ie Sßrobe bauerte big itadj 2 Uljr 

SJiontag, bett 24 ., ©eneratprobe jur Dper. AbenbS eine 9 Wufif 
im ©etoanbljaug, ©pohr $u ©Ören. 3 d; fpiette jum Anfang ÜiobertS 
A*molt>Äon3ert, baS oortrefflich ging, mie fetten, unb baS ohne 
probet 3ch fpiette 311 meiner eignen gufriebenheit unb mar außer» 
orbentlidj animiert. ... öS eteftrifierte allgemein, ift aber aud) 
mirftidj ein prächtiges ©tüd. 9 fad) biefem fpiette ©pohr 3 Heine 
©atonftücfc für fötnoier unb Biotine, bie (einige Heine Sängen ab» 
gerechnet) reijettb Hangen — er fpiette fie fo mcich unb jdjön, baß 
fie einem gefallen mußten, ßulefct birigierte er eine neue ©hmphonie, 
„ 3 )ie SahreSjeiteit", bie, mie alles bon ©pofjr, ben ©tempet ber 
2J?eifterfchaft trug, audj itidjt ohne ißh nn t a fi e war, ober ©pohr bleibt 
fidh fo fetjr gleich in Sßarafter, §armonifierung, Snftrnmcittatioit, baß 
tnatt’S nicht lange anshatten faitn. . . . SDferfroürbig mar eS mir, an 
mir fetbft 51t empfinben, mie bie 3eit ben ÜDtenfdjen änbert! f5 ril f)er 
atS junges SDiäbdjett fdjmärntte idj in ©potjr unb fanb gerabe baS 
SBeidjtidje fo himmtifch, unb jefct mürbe mir’S fetjr halb fdjoit ju oiet... 



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1844 — 1850 . 



217 



(Eiienltag, beit 25., ging ’8 fefjr febenbig ßer bei utiä. • grüß 
tarnen [namentfid) genannt] greunbe aul Srelben jur Oper unb 
befugten un 8 natürlich. Vormittag machte icß nodj einen $tb* 
fcßieblbefucß bei Spoßr, ber leiber ßeute fort mußte. ... (Sr fagte 
mir noch oiefel Sdjöite über fRobertl ©eitoöeoa — er meinte, in 
biefer Dper fei ein Scßaß oon fßßantafie unb ein ßerrfidjel bra« 
matifdjel Seben!" — 

„Stadjmittagl tarn aucß Routine Scßumamt au3 Scßnceberg, bei* 
gleichen Äunßfd) (Jiobertl alter ßcßrer) unb ßfißfcß [aul 3 w icfou]f 
außerbem mehrere Hamburger (©räbener, ©iermirtß u.a.), £>err (Sßferl 
aul ®öniglberg, Sifjt aul SBeimar, §ifler oon 2 >relbcn, furj el mar 
ein merfmiirbiger 3ufammenfluß oon gremben oort alten Seiten ßer." 

Slbenbl fanb enblid) bie erftc üluffüßrung ftatt. „®ie Säuger 
gaben ficfj affe große ÜJiüße, bie erften gmci Sffte gingen feßr gut, 
aber im britten ßatte Sßiebemann (®ofo) bal SfJfalßeur, ben ©rief 
für Sicgfrieb $u ocrgeffen. ©eibe rannten oerjmeiffunglüofl umßer, 
unb biefe Sjene ging gänjficß oerforeit, bie Sänger fefbft toaren ba* 
burd) fonfterniert, fo baß bie beiben festen Slfte meniget gut gingen, 
baju !am bie feßr ärmficße Sfulftattung bei 3 au t ,er 3 i mmerg - ®ocß 
bal ißubfifum mar feßr aufnterffam unb rief am Scßfuß unter 
fautem ©eifaff bie Sänger unb fRobcrt , 5 m ei SOiaf, unb ein Sorbeer* 
franj ffog ßerab, unb grau ©üntßer fefcte ißn bcm Stöbert auf." 

®al bebeutete, bei Sicßt befeßen, menig meßr all einen Sfcßtungl* 
erfofg, ben aucß bie fofgenben Sfuffüßrungen, bie, burd) feinen 
3 mifdjenfaII geftört, einßeitticßer unb unmittefbar braraatifcßer mirften, 
nicßt in einen Dollen Xriumpß meßr oerroaubefn unb fteigern fonnten, 
obmoßl Sfara unb fRobert entfcßieben ben (Sinbrud mit fortnaßmen, 
baß ein großer Sieg errungen unb eine meite ©aßn für bie 3wfnnft 
eröffnet fei. 

Über bie jmeitc Stuffüßrung fcßreibt ßlara, bie in bcr erften 
burd) bal Ungfüd mit bem ©rief affe Raffung unb Stimmung oer* 
foren ßatte: „$al $aul mar jum ©recßen ooff, fein ülpfef fonute 



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218 



1844 - 1850 . 



gur CErbe fallen, baS fßublifum war weit lebhafter als baS erftemal, 
bie (Sänger fangen unb fpiclten nod) öiel beffer unb würben mit 
reifem Scifall unb ficrtwrruf, Robert mit iijnen, belohnt. . . . 
Tie SJiufif fjat mid; ganj mit 23onne erfüllt, welcf) ein bramatifdjes 
Scben, meid; eine Snftrumentation, Weid) eine (Sfjarafterifierimg in 

ber äJtufif! TaS ift einmal wieber edjtc beutfdjc fd;öne 

SOiufif, ba wirb einem wof)t umS .^erj, ba ift fein Särm, unb bod) 
foldje Straft ber Cntpfinbung in ber Snftrumcntation Dom ©c* 
waltigften bis jurn 3 ar teften ! — TaS ift ber wal;re ©eniuS, wie 
if)n ber glimmet nur 3luScrwäl;lten oerleiljt. SDiödjtcft Tu, mein 
geliebter ^Robert, ba§ bod) immer redjt empfinben unb immer fo 
gliidlid; im Smterftcn fein, wie Tu eS oerbienft. . . . 233eld)c 
©cfütjte ber SBonne itf; in biefcit Tagen burdjgelebt, fann id; nid;t 
betreiben, aber gewiß fönnten fic ein ganzes Seben auSfüUen!" 

„Sei ber brittcu 9luffüljrung (30. 9Rai), bicSmal unter 9iic^, uor 
gebrängt toollcm fpaufe, würben itad; jebent ?lft bie Sänger fyerauS* 
gerufen, enblicf) am Sd;lufj Sichert fo ftiirutifd;, baft er baS £abp* 
rintl) oon ©ängen burdjcilen muffte, um auf bie Süfjne ju fomnten; 
bieS bauerte natürlidj etwas lange, je länger eS aber bauerte, befto 
met;r baS Schreien; etiblid) erfdjicn er im SRotf (er Ijatte itidjt ein* 
mal einen fffrad an) unb würbe wafjrfjaft ftfirmifdj applaubiert. 3d; 
fjätte mögen weinen öor greube, wie er ba Ijeroorfam, fo an* 
fprudjSloS unb einfad;; Jam er mir je licbenswiirbig oor, fo war 
eS in biefem Slugenblitf, wie ein red;ter Stünftler unb SJieiifdj!" 

Seiber follten halb bie über ben bleibenbett Söert bcS SSerfeS 
als eines bauernben Seftanbteils beS beutfdjen Opernrepertoires unb 
über Schumanns Segabung für bie Oper überhaupt fidj äufjertibeu 
fritifeßen Stimmen, bie nadj beitfelben Sluffüfjrungen fieß ifjr Urteil ge* 
bilbet l)atten, Clara feljr unfanft aus ißren Sllufionen reifen. Sie war 
junädjft geneigt, nur Tiidc unb SoSfjeit neibifdjer greunbe unb 
offener unb »erftetfter fjetnbe gu wittern unb fid) über bie Scßlecßtig* 
feit ber SRenfdjen ju entrüften. 3l;r ftanb cS wofjl an, fid; fo für 



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1844—1850. 



219 



ben geliebten Sftattn, ber if)t audj in biefem SBerf als üoßenbeter 
ÜJteifter erfdjienen war, ju ereifern; aber redjt hatte fie bodj nidjt. 
®ieSmal füllte auch Robert nidjt redjt befjaften, wenn er im ©egen* 
föfc ju it>r rutjig blieb unb meinte: „laß fie fdjreiben, bie Scute 
fommen auch fdjon hinter baS ©ute." 

21m 10. Snli waren fie naefj ®reSben juriidgefefjrt, baS aber 
nach ben ftürmifdj bewegten Seipjigcr SBodjen in ber fjwdjfommcr* 
ftitle ihnen nun oollcttbs gar nic^t behagen wollte: „eS ift wirflidj, 
alö ob bie Seute hier gar fein ©tut hätten, für nichts ©ntljufiaä* 
muS", fdjricb (ilara. 

„3dj mufj eS fagen", fcfjreibt fie am 31. 3uti, „mit Vergnügen 
gehe ich öon hier unb bin froh, bafj Robert hier bnreh nidjts ge» 
feffelt ift. SBeldj eine Stellung miifjte baS für ihn hier fein. ®icfe 
flatfdjhaften, falfdien 2Jienfdjen in ber Kapelle, bie um alles nur ben 
Schienbrian erhalten mögen. ®aS ift überhaupt eine fdjötte wiirbige 
©efellfdjaft jefjt .... bie mit „lieber College", „mein Sdjah“ um 
fich werfen unb fid; bann bie Slugcn ausfraheit mödjten." 

„Songert int großen ©arten", heißt eS am 14. Sluguft, „für bie 
8dE)teSwig*,f)olfteiner; jur Schanbe ®reSbenS War eS bei weitem 
nicht fo befudjt, wie man es hätte erwarten füllen. SRilitärS fal) 
man nur hier, Slbclige gar nicht, furj, ®reSbcn jeigte fich flaute 
wieber einmal glänjenb in feinem Siefibenj^opf! 2UIcS redt unb 
beugt fid; nach bem |>ofe, oh, ift baS erbärmlich! äftan finbet nicht 
©orte bafür! — Unb nun felje man hier fo ein ^ßublifunt bei einer 
Spmphonie oon SDienbclSfofjn ! wie bie Älöße fißen fie ba, in ihren 
öerjcf) rumpelten ©efichtent jeigt fich auch fein fiebensfünfdjen — mit 
fjänbett unb ffüjjen möchte ich brein fjineinfprittgen unb rufen: 
„$abt ihr benn feinen ^Blutstropfen in euch?" 

®ie ungemeine Schärfe unb bie braftifchc Sttergie, mit ber hier 
bie Schale beS ßorneS über baS gan$e mufifalifdje ®reSben aus* 
flegoffen wirb, ertlärt fich junt £eil barauS, bafj gcrabe 
auch bie Heine engere mufifalifdje ©emeinbe, bie Schumann im 



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220 



1844 - 1850 , 



Sßorgefangöerein um fid) gebitbet fjatte, unb bie fomoßl in ben 
Übungen mie auf frofjen Sßalbfeften burrfj frcubige SBegeifterung ifpten 
für bie Anregung, bie fie non ifjtieit empfangen, oft Srfrijdjutig 
unb Anregung miebergegebett ßatte, gerabe in ben leßtcn üJtonaten 
burdj fdjledjten Sejud) ber Übungen Oielfad) Slnlaß ju Älagen ge< 
geben unb bie unüberminblidje SOtacßt be3 Drcäbcner mufifalifcßen 
ScßlenbriattS aueß an fid) bemiefen ßatte. §atte boeß Stöbert im 
Slpril fdjon erf färt, wenn bie Herren nidjt regelmäßig fämen, mürbe 
er fortgeßen. Unb bie lebten Übungen ßatten jum ^Ceit gar nießt ober 
nur „faft oßite Herren" abgeßalten merben fönnen. „Z5a§ ift Dre8bner 
Äunftfinn", fdjreibt Clara bitter, „jeßt, mo fie miffen, e3 finb nur 
nod) einige SJtittmotfje, mo mir fjier finb. Da taufen fie aber lieber 
jur SUumination auf bie SBogelmicfe." „Äunftfinn", ßeißt e£ im 
Sluguft naeß einer Übung „faft oßne Herren", „treibt bie Seute fjier 
nidjt jum ÜRufijieren, fonberit ßöcßftenß ein perfünlidjeS Sntereffe 
ober Steugier." 

Sicßer mar baß Urteil, oor allem fomeit e3 fid) auf ben meib* 
lidjen ‘Zeit be$ CßorgefangoereincS bejog, ju fdjarf unb ungerecht, 
audj für bie lebten SJtonate; fjatte ber Cßor boeß noeß am 8. SDtai 
für SQenbemannß unb §übnerß bie Domfjene aus bem Sauft 
oorgetragen, mie Clara felbft feßrieb, „man merfte, fie maren in» 
fpiriert." 

Slber eß ift begreif ließ, baß unter biefer Stimmung unb 93er* 
ftimmung bie Slbfcßiebßfeier, bie am 30. Sluguft ber 93erein feinem 
fdjeibenben Dirigenten auf ber Zerraffe gab, etmaß (eiben mußte. 
„SEie fo ßäufig in Dreßben", fdjreibt Clara, „mar cß erft feßr 
langmeilig, baju tarn, baß man baß Streiken ber Söäffe üom Stonjert 
unten bis ßerauf immer ßörte, maß einen feßr ftörte, befonberß alß 
Steinicf einen feßr ßübfißen Zoaft auf unß außbraeßte, ben mir fo gern 
in Stuße geßört ßätten. Stöbert mar erft feßr oerftimmt, julcßt aber 
taute er etmaß auf. Sein Sieb für Cßor „SSenn jmcie außeinanber« 
geßen", madjte einen reijenben Ginbrucf, außerbem fangen fie bie 



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1844—1850. 



221 



alten befannten Siebet. . . . 25a3 Drdjefter non Äuttße fpielte aueß 
noeß einige Stüde ^Robert zu Gßren, nur mar, wenn aueß bet SSiUe 
gut, bie 23aßl ber Stüde furio8 — ba§ fam mir nun aueß wieber 
rec^t ®re3bnerifcß zopfig Oor." 

offizielle ®re§ben unb bie eittfjeimifc^en beamteten SJtufifer 
nahmen oon bem ©Reiben Stöbert Sd)umann§ au§ Jreäben feine 
Stotiz- dagegen fjatte wenige Jage juöor am 25. Sluguft bet 
SenbemannS im greuitbe&freife eine Slbfd;ieb3feicr ftattgefunben, wo 
(Elara noeß einmal fpielte, unb gräulein Sacobi au§ ben neuen eben 
tamponierten Senaufcßen Siebern »on Robert, „bie alle feßr melan* 
eßotijeß finb," fang. „2Bie eigen", ftfjreibt (Slara, „bie Sieber befdjließcn 
mit einem Stequient, oon ber £>eloifc, ba3 Robert gefugt ßatte, um 
boeß einigermaßen milbentb abzttfcßließen .... unb in ber Meinung 
Zugteieß, Settau fei tot. SeßtereS war nießt ber galt, aber, wie 
wunberbar, gerabe ßeute la§ Stöbert, baß er oerfeßieben, unb fo 
würbe tßm woßl ba§ erftc Stequiem oon Stöbert gefungen. ®ie§ 
fowie bie Slompofition ber Sieber brachte eine eigne wehmütige 
Stimmung in alle, bie ieß jum Sdjluß jebod) bureß Stobertä ßerr« 
ließet frtjcßeS Sagblieb wieber oerbannte. 2Bir waren jicmlicß lange 
beifammen — reeßt feßr leib tat e8 mir, baß icß ßier jum leßten* 
mal fein follte. fflenbentannä finb aber aueß bie einzigen (|>übnerS 
natürlich inbegriffen), oon betten mir ber Slbfdjicb feßmerwirb!" 

Ungern trennte man fitß aueß oon bent ftet§ hilfsbereiten, felbft* 
unb anfprucßslofen greunbe all biefer Saßre, oom Slboofaten OJünjj, 
ber fo lebenbig oor einem fteßt, wie Glara ißtt feßilbert: „(Sä war 
gut umgeßen mit ißm, befonberä alä Spaziergänger war er unä feßr 
lieb, er maeßte alle« mit, mar gefpraeßig unb aueß wieber feßmeig« 
fam, wie’8 gerabe bie Stimmung mit fid; bradjte, fo gerabe reeßt 
paffenb für Stöbert!" 

Siete waren woßt, bie ißr Scßeiben feßmerzlid; empfattben, baS 
War ißnett .in ben leßten SüSocßett unb SKonatcn bod; zum Scmußt* 
fein gefontmen, aber biefe aud; nur, weil fte bie (Smpfangenben 



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222 



1844 - 1850 . 



geroefen marett. SBentt aber bie Sdjeibetibcn, bie in bcr 9D?orgen« 
friifje beg 1. (September Bresben ben 9tüden manbten, öiellcidjt 
nod) einmal bei fidj überfdjlugen, mag il)nen felbft bieje Stabt mit 
ifjrcn Semofjnern für all bag, mag fic in ben 6 Safjrcn an uner» 
fdjöpflidjer fünftlerifdjer Slttregung nacf) allen Seiten mie Könige 
gefpenbet, alg (Gegengabe gemährt, fo marb baburd) ifjr SReifegcpäcf 
nidjt fonberlicf) befdjmert: Ser gantilie ein Cbbadj, ben Ijcran» 
macfjienben Äinbent ben erften Sdjulunterridjt, ben ßiinftlern fo gut 
mie nidjtg. 



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©ritteS Kapitel. 

£ erb ftf ab cn. 

1850—1854. 

„SMontag, ben 2. September, abenb» 7 Uf)r fönten mir in Büffet« 
borf, ba3 miber unfer ©rroarten frcunblich liegt, fogar and) non 
einem Meinen ©ergriidett umgeben ift, an nnb mürben bott Ritter 
tmb bent Sonjert«®ire!torium empfangen. üetjtercS empfing Kobcrt 
mit einer Slitrebe in fetjr freunblid)er Söeife. Ritter begleitete uns in3 
§otel ©reibenbad), mo mir gimmer für uttä borgeridjtet unb feftlic^ 
mit ©turnen, am Eingänge ämei fiorbeerbäume, berjiert fanben. 

Ubenbä brachte bie ^iefige Siebertafet bem Robert ein Stäubchen 
unb grau Sßidjmann (au§gejcidjnete Täterin), grau Sofjn (grau 
be§ ißrofeffor Sohn — ÜJtater — ), gräutein ©enfinger unb noefj 
jmei ®amen, bereu Kamen id; bergeffen, begrüßten midj, ma3 id) 
fet>r tiebensmiirbig fanb. 

®ien§tag, ben 3., malten mir mit §itter ©efud)e bei ißrofeffor 
Sol)n, ißrofeffor 2Bicf)mann, EDireMor Sdjabom, Dr. ^afenclcber unb 
Dr. ÜJlüller (bon $i3nig3mintcr). Kadjmittag begannen mir, Sogiä ju 
fuc^en, fanben aber bie fmufer alle unfomfortabel, ungemütlich große 
genfter, ganj fladje SJtaucrn, bie §ofe burrfj garftige große SEBänbc 
(SBafdjfüchen ßier genannt) berbaut, für bie £)auäfrau auch 3 Qr feine 
©equemlidjfeiten, furj, mir maren feßr enttäufdjt, beim ba EDüffelborf 
fo im ©rünen liegt, tonnten mir nidjt benfett, baß e3 fdjmcr halten 
mürbe, ein fiogis im ©rünen unb mit ©arten ju befontmeit. ®ie 
meiften Seute haben hier ganje $äu3d)cu unb immer in jeber ©tage 



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224 



1850 - 1854 . 



nur 3 — 4 genfter gront. Sie Käufer finb teuer unb uns ber ©ebanfe, 
oben Gin§, unten Ging, Ging in ber SDritte ju moljnen, fc^recftic^. 

SDrittmocfj, ben 4., SogiS-Sauferei. 9?ad;mittag tränten mir auf 
bem SlnanaSbcrg, ein ©ergnügungsort im $ofgarten, Saffee unb 
malten ba bie ©efanntfdfjaft beS SirettorS ©djabom, ©ruber bet 
grau ©enbemann in SreSben. Ser SOtaun gefiel uns fef)r, er ift 
ein gciftooller 5D?anu unb erinnerte mief) fef)r lebhaft an ben alten 
im »ergangenen 3afjr »erftorbenen ©djabom in ©erlin. 

ÜlbettbS mnrbe uns eine grofje Überrafdjung. Sßir fajjen im 
§otcl unten am Üifd) unb aßen; auf einmal begann neben unS im 
3immer bie Sott 3uan«Cu»ertiire. S55ir tonnten baS gar nid)t be* 
greifen, uttb aud) ber SRotar Guter, ben mir zufällig aud) bort trafeu, 
»erriet unS nidjtS; eS mar aber ein ©tänbdtjen, baS baS Ijiefige 
Crcfjcfter bem fRobert bradjtc. Robert mar auf baS greubigftc über« 
rafdjt. . . . ©ic fpieltcn altes fetjr gut, unb idj beitfe, '.Robert mirb 
mit bem SDrcfjcftcr fdjon ctrnaS anfangen fönnen. 

SonnerStag, ben 5. SSieber SogiSgefudj, abermals of)ne Grfolg. 

SaS Komitee ber Stotterte tarn im fjracf ufm., um uns ju 
einem ftonjert, ©ouper mit ©all am ©onnabenb eiit^ulaben, maS 
Üiobert ju GIjrcn »eranftaltet morben ift. Sie Herren beS Komitees 
finb (§.) »oit ^eifter, ißrofeffor |>ilbebranb, SRotar Gulcr*. 

Freitag, ben 6., tarnen unfre SRöbel, unb nun t)iefj eS, einen 
Gutfdjlufj faffen; mir mieteten ein SogiS, baS uns fetjr mettig ju* 
fagte, in bem §aufe beS gräulein ©cf)ön, Slllee« unb ©rabenftrafien« 
Gdte, nur um bie ÜRbbel gleich unterjubringeu. 

©onnabenb, ben 7., mürben bie SRöbet abgepaeft unb an 0rt 
unb ©teile gefegt. SaS mar ein fdjredtidjcr Sag! »oit früp bis 
abeubs 6 Ul)r mar id) im SogiS unb fjatte taum Seit, ntid) ju bem 



• SDie übrigen Kamen, bie ber Scbreiberin norf) nie&t geläufig waren, füllten 
offenbar nadjgetragen werben; cS ift Kaum bafür gelaffcn, aber bann nicht auS* 
gefüllt. SS waren bie Herren o. Sejaal, (Scf)legcr , .^icrp, 91. Sticlo, Dr. ©mp 
Oon Reiftet II, SBIoem. 



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1850 — 1864 . 



225 



bettorfteßenben gefte umgufleiben, wo tt)tr bann aud) nidjt wenig er« 
miibet ßiitfamen. Seim ©intritt in beit ©aal nmrbc Siobert mit einem 
breimaligen ®ufcße empfangen, unb halb begann bie ©enooeoa* 
ounertüre (laufet), Slattiertcßrer unb Spieler, früher non SDtenbelS* 
foßn ßierßer empfohlen), bie in Setradjt einer einzigen Sßrobe gang 
leiblich ging. $iefem folgten „®u meine Seele", „SDie Sotosblume“ 
unb „SBanberfctjaft", .... baS erfte tton fffräulein fpartmamt (mit 
fc^öner Stimme, aber gu wenig wann), baS groeite tton gräulein 
Slltgelb (für eine ^Dilettantin fetjr ßübfcß), baS britte tton ,£>emt SWielo 
(auch ßübfcß) gefungen. ®en Sefcßluß beS Songerts machte ber gweite 
®eil ber ißeri. ?tucß biefer würbe gang ßübfcß auSgefüfjrt, einige 
nidE)t gang richtige ®empi abgerechnet. ... 6« machte uns Ser« 
gniigen, einmal gußören gu fönnen, ohne felbft altitt gn fein. |»err 
Xaufcß btrigierte gang gut, wäre ber SDiamt nur fonft perfönlicß an* 
genehmer ; er hat etwas ... in feinem ©efidfjte, an baS ich mich 
burcßauS nicht gewöhnen tann. 

9iacß bem Songerte ging’S gutn Souper, wo eS fehr tebenbig 
guging. 3Bir faßen mit Schabows, |>ilIerS, (bie beibe oon Söln 
gefommen waren) Dr. ÜKüflerS, .'pafencteoerS unb anbern gnfammen. 
3u effen gab eS aber blutwenig, baher würbe auch jebeS ©eridjt 
allemal mit einem §urra empfangen, WaS unS fef)r lontifdj oorfam. 

.fperr SSortmann, Seigeorbncter, (als Ser tretet beS abwefenben 
SürgermeifterS) hielt bie erfte Siebe, bie aber, ba fie bei (Srfdjaffutig 
ber Sßelt begann, fo lang war, baß er faum ttor Särmen gu Silbe 
fam; eS war für uns feßr fatal, benn ber Xoaft galt bem Siobert, 
unb ich War froß, als er gliicflich gu ©ttbe war. ®em folgten noch 
tterfeßiebene Xoaftc auf Ritter, mich u >ib Xaufcfj , als Direttor ber 
heutigen Söiufif. Suler (überhaupt baS mufifalifche $a!totum hier) 
brachte auf mich einen feßr ßübfcßen Xoaft auS. 9iadj bem Souper 
begann ber Sali, wir waren aber gu mfibe, gingen baßer fort. 

Sonntag, ben 8., hatte Ritter eine Partie mit mehreren arran« 
giert, um uns bie Umgegenb gu geigen, boeß Siobert fühlte fich fo 

SiDmann. Clara Sdiumann. II. 15 



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226 



1860—1854. 



unwohl, baß wir fjier Bleiben mußten unb bie anbem allein gingen. 
©S war uns fe^r fatal, bodj eS ging nun einmal nicf)t! 

SÜiontag, bcn 9., räumten wir im SogiS unb gogeu SienStag, 
ben 10., bafelbft ein, nac^bem wir im Sreibenbadjer £ofe eine tüdj* 
tige 9?edjnung erhalten Ratten. 

Sie nädjftfolgenben Sage waren fd^recflic^! Set Srubel, bie 
frembcn 2eute um einen, bie $anbwerfer, bie einen in nichts piinft* 
lidj bebienen, baS große SogtS, wo eigentlich fein behagliches ißtäj}» 
d)en barin ift, genfter jo groß, baß man auf ber Straße gu fifceit 
glaubt, eine Äödjin bagu, bie lieber noch «ne SBebienung für fid) 
hätte, furg, alles ocreinigte fich gu unfrer SDfißftimmung. 

greitag, ben 13. Ser heutige ©eburtStag oon mir war, wenn 
auch feilt trauriger, fo hoch ein Ijödjft fataler. 3d) ftaf im fehreef« 
lichftcn Srubel. . . . SicS unb fo manches anbre foftete mir ber 
Sränen heute nicht wenige, befonberS aber befümmerte mich ber ©c* 
banfe an bie fchrecflicßen Unfoften, bie biefer Umgug bem Siobcrt 
oerurfadjt Ijat, bie bei weitem baS überfteigen, was wir uns gebacht 
hatten. 9Jodj nie hüben mich bie materiellen Sorgen fo gequält als je|t, 
bagu ber Umftanb, baß ich uichts oerbiene . . . furg, wir haben eine 
fchlimme 3eit burdjgumadjeu, bis wir alles hinter utiS haben. . . . 

SienStag, ben 17., hielt Robert ben erfteit Singoerein. Sßir 
fangen ßomala (oon ©abej unb einiges auS gofua oon $änbel. 
3?obert war feljr gufrieben mit bem herein ; er ift fehr gaßlreidj, 
unb befonberS flingen bie Soprane recht fdjöti frifch- . . . 

üflittwod), ben 18., befudjten wir ©ulerS ttt gtingern, wo fie ein 
nettes £>auS mit fdjöttem ©arten im Sommer bewohnen. @S War 

eine hubfdfje luftige ©efcllfdjaft braußen SlbenbS 9 Uhr 

gingen wir mit SNiilterS unb s $rofeffot Stilfe unb grau nach $auS 
bei herrlid)ent SDloubenfchcin. 

Sie nädjftfolgenben Sage oergingen wicber in großem f)äuS« 
liehen Sorgen. Sdj mußte meiner Södjin auffagen, weil fie gar gu 
prätentiös war; bie §auptforge aber war, baß SRobert burch baS 



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1850 - 1854 . 



227 



f orimäfjrcnbe ©eräufd; auf ber Strafe, Scierfaftcn, fdfjreienbe 93ubcn, 
SSagett ufm. in eine {jöcfjft nerböfe, gereifte, aufgeregte Stimmung 
geriet, bic non läge ju Hage junafjnt; arbeiten tonnte er faft gar 

nichts unb baS menige mit boppelter Slnftrengung 3dj mar 

aufjer mir, bafj idf) meinen armen SRobert nach alt ben Opfern . . . 
nun nid)t einmal im Sefifc eines befjaglidjen Stübdjens fefjen follte. 
@3 ift llngtüd, maS mir f)aben! Äonnte uns niemanb »on biefem 
SogiS abraten? SBarurn fagte eS uns niemanb «orljer? 9?adjljer 
miffen bie Seute immer alles ! 

Sonntag, ben 29., fuhren mir ju unfrer gerftreuung nad; S?öln, 
baS uns gleich beim erfteu Slnblidf »oit Heu{} auS cnt-pidtc, tmr 
allem aber ber SInblicf beS granbiofen HonteS, ber aud; bei näherer 
Seficbtigitng unfcre ©rmartungen übertraf .... 9Zad; Hifd; . . . 
gingen mir auf baS Seloebcre, mo mir eine fjerrlicfje 2lu3fid;t auf 
ben Stljein Ratten, aud) bie fiebeit Serge, mo mir eigentlich noch 
hin motlten, liegen fal;en .... 

1. Cftober. 91ud; biefer 90?onat begann mieber mit Sorgen aller« 
lei 2lrt. Robert lann »or Särm nichts arbeiten, ich nicht fpielen 
»or allerlei häuslichen Sefdjäftigungen ; ferner !ann ich mid; burch« 
aus niefjt in bie untere filaffe »on Seuten fu^ finben, bie faft 
burchgängig grob, übermütig unb prätentiös .... finb; fie betrad;ten 
fich gang unferSgleidjen, uid;t guten Hag geben fie einem — es ift, 
als miiffte man eS für eine ©nabe anfeheit, menti fie einem etmaS 
machen, unb »on 3B ort halten miffen fie alle nichts .... Hen 
ganjen Hag möchte id; meinen! fein Hag »ergeht, mo nid;t baS 
©elb in Summen fortgeht! 

Sreitag, ben 4., ntadjten mir eine Partie auf ben ©rafenberg, 
unterbeffen räumte Sri. .partmann (ein liebes freunblicheS ÜJiäbdjcn) 
Roberts Stube »on »orn nadh hi n t en « u»b als mir jurüdfamen, 

fanben mir alles fij unb fertig, nod; obenbrein mit gmei 

l'd)önen Säumten gefchmiicft. Hie Hamen finb f)i« überhaupt . . . 
Boiler greunblid;fcit unb Hienftfertigfeit für mich • • • 

15* 



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228 



1850 - 1854 . 



Wontag, ben 7., SBefnd) non fpilbcbianb unb feiner grau, 
f). ift ein prächtiger Wann, ein ßiinftler burd; unb burd) unb ein 
gemütooEer Wann, babei großer Wufifentljufiaft .... 

3)icnftag, ben 15. fpeute !am fperr o. SBafielewsfi (SBiolinfpieler 
au3 ficipzig), beffcit Sngagement bei ben Konzerten Stöbert bewirft 
hat, hier an. 3dj freue mich feljr, baß er hier ift . . . 

Sonntag, ben 20., waren wir abenbS mit SBafielewgfi unb kaufet) 
bei Suter, wo wir mutierten. Saufd) ift ()icr ber befte filauier* 

leerer alö Wufifer ift er gewiß nicht ungefdjidt, boctj 

als Spieler oft fefjr roh unb a(8 Wettfd) auch Wenig anjie^enb. 
Wontag, ben 21., waren wir bei Dr. Wüller (au§ ÄönigSwinter); 
ihn unb feine grau fjabc idj fet)r gern, faft am tiebften oon alten 
meinen ©efannten. 3dj fpielte ben testen Sah au£ ber F*moE= 
Sonate oon Seetßooen . . . SBir waren bei einem fteinen Souper 
nodj fct)r heiter, überhaupt finb bie Seute hier immer luftig, wenn 
fie bcicinanber finb, was idj feljr gern höbe, befonberS fällt einem 
ba§ h e i tere - ungezwungene Sfikfen ber 35amen auf, Wa8 wofjt freilich 
auch juweiten bie (Grenzen ber Söeiblidjfeit unb be§ Slnftanbeä 
iiberfchrciten mag; fo erzählte mir wenigftenä . . . ., bas eheliche 

Seben fott hier mct)r franzöfifcher, leichter Strt fein ®ie 

Dr. Wütter fott oon biefen alten eine rühmliche Stugnatjme machen, 
ihr werbe ich wich wol)l am meiften anfdjlicßen. — 

3)ienftag, ben 22., hielt Stöbert bie erfte 0rchefterprobe. 35 as 
Drdjefter ift für bie fleinc Stabt ganz vortrefflich, wa8 Stöbert fehl' 
Zufrieben ftimmt .... 

35icnftag, ben 24., fanb baS erfte HbonnementSfonjert ftatt. ®s 
war ber Saat fo ooE wie nie in ben Konzerten; oiele grembe au§ 
Glbcrfelb, Srefetb, au§ Wiinfter fogar, waren gefommen. Stöbert 
würbe beim Sluftreten mit einem breimaligen Xufd; empfangen. 
®ie Duoertüre oon SBcetljoöcn (0p. 124) ging fehr fchön, unb war e3 
mir ein befonberer ©enuß, Stöbert heute birigieren zu feljen mit ber 
fdjöneit Stulje unb bodj fo großen Snergie babei. ®er 0uoertiire 



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1850 - 1854 . 



229 



folgte SDJenbetefofjnä immer oott neuem begaubernbeg G»ntoH«Äongert. 
9luch idj mürbe mit einem Sufd; empfangen unb ebenfo itacfj meinem 
©pielen entlaßen. @g gelang mir alleg uortreff lief;, unb nie fann 
id; mid; eineg fo allgemeinen iöeifatlg entfinnen, alg id) ^eute fanb. 
©eit öielen Sohren mar eg bag erftemal mieber, bafs id; ein 
Drchefterftiicf öffentlich augmenbig fpiette. ©otlte bie Sugcnblraft 
unb Srifdje roohl noch einmal mieber!el;ren ? id; glaube eg trofs 
beg guten ©etingeng nicht. Siefe Sreiftigleit, bie gum Slugmcnbig* 
fpiclen gehört, bringt hoch nur bie Sugenb mit fid;. — Sem Äongert 
folgte SRobertg Stboentlieb; mie fd;ön bag ift, höbe ich auch er f* jebt 
erfannt, eg ging auch redjt gut für bie menigen groben, bie mir ge» 

macht hotten. Sen $efd;lufj machte bie Somala (öon ©abe) 

grt. §artmann fang heute gang begeiftert, unb eg mar eine Stimmung, 
bafs feit ÜDlenbetgfohng SBcggange leine foldjc allgemeine Segeifterung 

mie h e «te im Drchcfter unb ©h ot empfunben mürbe 9?ach 

bem Bongert blieben mir mit noch einigen, ©djabomg, fpafenclcoerg, 
©ohn§, ©ulerg, fpilterg, (bie non ftöln herübergefommen maren), u.a. 
gufammen. Sie ©efellfchaft mar fet)r luftig, auch tD i r , bis filier 
einen fo ungcfchidten Sooft* auf ung augbrachte, bafj nicht oiel 
fehlte, Robert ftanb auf unb ging; eg mar mir l;öchft unangenehm 
unb oerftimmte ung beibe total .... 

SJtontag, ben 28., hotten mir eine Heine SJlufif bei ung . . . . 
Sch fpielte Siobertg DmtolbSrio, grl. ^artmann fang einige Sieber 
SJobertg fomie mit ^riberife Slltgelt einige Suette feljr hübfch, unb 
SBafietemgfi fpiette 33ad;g ßiaconne auch f c h r gut. Sie gange ©e« 
fellfchaft mar fehr teilnehmenb, nur meint Siobert, bah menige ober 
oielmehr niemanb f)iet ift, ber in eine tiefere ÜJlufil leicht cingugehen 
imftanbe ift; ich meine aber, fooiel Scute mie in Sresbett fittb hier 
auch, menigfteng haben bie Scute hier mehr ©ntljufiagmus unb guten 
SBitten, bag ©chöne herauggufinben." 



* Ritter tie| flatt SRobert Slara leben! 



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230 



1850—1864. 



®iefer oergteidjcnbe Siütfbtid bcr E£agcbudjfd)reiberin oerantafjt 
aucf) unwittfürlid) beit Sefer, §alt ju machen uttb auS bcn Stugen« 
bticfSftimmungSbitbern bcr beiben erften 2 J?onate in bem neuem 
fiebensfrciS fidj foitbcrnb, prüfenb unb nergtcidjenb ein Urteil 311 
bitben, was bei bem 2 aufd; bet 5D?atcrftabt an ber ©tbe mit ber 
ÜDtatcrftabt am SRtjein an ©etotnn ober SSerluft fidj fidjer fdjon jcjjt 
fjerauSftcltt, unb jugteidj fidj ein S3itb non bem neuen §intergrunbe 
31 t madjen, üon bem fortan bie beiben ©eftalten Sichert unb Clara 
©djumann fidj abtjeben. 

©iueS ift fidjer, man farn itjnen beiben fjier in ben mafjgcbenbcn 
Steifen mit einer ^icr^Iidjfeit unb greunbtid)feit entgegen, bie nid)! 
nur in fdjroffftem unb wotjltuenbftem ©cgenfafc ju bem (Sinfiebter= 
bafein in Sresbeit ftanb, fonbern wie fic itjuen überhaupt in ®eutfd)= 
lanb bi^tjer nod) an feinem Crte ^uteif getoorbcn war. 2 )ic ganje Strt 
beS Smpfangc» von ber Eöegrüjjung am Safjnfteig bi» ju ber Stuf« 
nafjme beä SünftterpaareS im erften Sondert bewies beutlid), bag bie 
mafjgebcnben ißerföntidjfeiten fi<^ botlfommen flar bariiber Waren, baff, 
einen fdjöpferifdjen ©eniuS Wie Siobert Schumann in feinen SDtauern 
311 bergen, eine Gtjre unb einen bcneibenSwerten Sßorjug bebeutete, 
ben ®iiffclborf nunmehr oor großem unb gtänjenbern 2JJufifftäbten 
oorauStjattc. 

SUIe bie gefetligen fjäßigfeiten, über bie ber Sttjeintänbcr }o 
reidjtidj oerfügt unb auf beren 93efif} er fo ftotj ift, alle jene 
garbenfreubigfeit, aud; im übertragenen ©inne, bie bem ganjen 
rfjeinifdjen Beben baS ©epräge unb ben Steij gibt, bie in ber ©mp« 
fängtidjfeit für ben fdjönen Slang ebenfo junt SluSbrucf fommt wie 
in bem SßerftänbniS für ben $uft unb bie garbe beS SBeineS, ber 
ifjnen am Sßege reift, alt jene bcljagtidje geiertagSlaune, bie aucf) 
unter bem StrbeitSrod unb unter bem ©atafrad bort if)r ißtätydjen 
unb einen fo teifen Sdjtaf t)at, bajj ein SBort, ein Slang genügt, 
um bie ©djetlenfappc Hingen 311 taffen fetbft in fciertidjfter Um« 
gebung, alles baS, wae ber Sitjeintänber mit einem SBort als feine 



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18Ö0— 1854. 



231 



eigenfte 35omnne, al§ rt|cinifcf)en groljftntt fjegt mtb pflegt, alle« 
ba$ mar bereit, in ber luftigen SDfalerftabt am Schein ein ebenfo 
luftiges, jaudjgcnbcS SJhififleben aufblüljen 31 t laffen. Hub alles 
martete nur auf ben 9J?cifter, ber fie Stimmen unb Snftrumcnte 
rerfjt brauchen fcfjrcn unb if>nen au$ ber Julie feiner fdjöpfcrifdjen 
^fjantafic immer neue Aufgaben fteflen, babei aber unter ber Arbeit 
unb itadj ber Slrbeit mit ihnen ebenfo frötjlid^ fein füllte rcie fie fclber. 

Die (Erfüllung biefer ©orauSfehung mar minbeftenS ebenfo midjtig 
unb ebenfo felbftoerftänblid) in ihren Slugen mie bic ber anbern. 
Denn für ben 9Jl)cinlänber ift nun einmal ^eitere ©efclligfeit ber 
©runbalforb beS IafeinS überhaupt, unb wer mit ihnen leben unb 
bei ihnen fidj mol)l füllen foll, ber muh bie ^ä^igteit unb bie 
Neigung f)aben, fein Scben and) auf biefeit Ion gu ftimmen. Sann 
ober will einer baS nidjt, fo mirb er nie bie in biefem ©oben 
|'d)(ummernbni Sräfte ermeden, regieren unb gur »ollen ©lütc ent* 
falten fönnen; ja er muh barauf gefaxt fein, bajj bic fc^einbar fo 
rounbernoll Ijarmonifdje Stimmung fid^ über SRadjt in eine fjerbe 
liffonang »ermanbclt. 

35er Stljeinlänbcr ift oon §auS auS liebenämürbig unb »or allem 
im ©egenfafc gu bem tppifc^en 9Jorbbeutfd;en fo leicht lein Spaß* 
Derberber. (Sr faitn Sßiberfprudj unb ©egnerfdjaft audj in fdjroffcr 
Jorrn fetjr gut oertragen, ohne bie gute Saune gu Derlieren, menn 
nur irgenbmo unb irgenbmie ein noch fo Icifer Unterton Don Junior 
mitflingt. Sluch in ber heftigften 35ebatte um fehr emfte Dinge mirb 
ein gur rechten angefc^lagener jooialer Ion feiten bie SBirfung 
Derfeljlen. Slber biefe SicbenSmürbigfeit, bic, nie^t nur im gafdjing, 
auf einen berben ißritfchenfdjiag mit einem behaglichen »erftänbniS* 
innigen Sachen reagiert unb gleich barauf mit ebenfo forbialer 
2 Riene in berfetben SJlüitge heimgahlt, fchlägt leidjt in bemfetben 
Slugenbticf in baS (Siegenteil um, mo man gu merlen glaubt, bah 
ber anbre feinen Späh toerfteht. Sn einem folgen Jatl faitn ber 
«fröhliche" SRheinlänbcr fef)r nugemütlich merben. 9luS bem Slrgmohn 



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1 



232 1850 - 1864 . 

ßerauS, baß in bem SRicßteingeßen auf bcn forbialen Son ficß £>ocß« 
mut ober ©eringfcßäßung befunbet, üerfätlt er bann leidjt feinerfeitä 
in einen ßocßmütig gereiften Son, ber, in ber SSaßt ber 23orte unb 
ÜJiittel liicfjt Wäßlerifcß, garter organifierte 9?aturen, bie geiftig ober 
materictt bieferSampfart nicßt gewacßfen finb, auf eineSBeifc ücrwunben 
nnb »erleben fann, bie feßwertieß in ber 9lbfid;t beS UrßebcrS lag. 

Siefe Gigentiimlidjteit beS fRßeintänberS auf ber einen unb 
©cßumannS Sigenart auf ber anbeni ©eite inuf; man üon üornßcrein 
ficß Har machen, um bie ffintwieftung ber ©crßättniffe in Süffetborf 
gu üerfteßen unb um Weber bem einen noeß bem anbern Seit Unredjt 
gu tun. Sie üorfteßenben Sagebucßaufgeidfnungen ber erften beiben 
üRonate geigen fdjoit beuttid^ bie SeimgeHen ber SKißüerftän&niffe 
unb 3)?ißßelligfciten, bie, üon 3aßr gu 3aßr toaeßfenb, nad) feßeinbar 
fo üerßeißungSüolten Anfängen eine Verbitterung ßiibeit wie briiben 
erzeugen füllten, beren 9?acßwirhingen nodj ßeute in bcn §ergcn 
berjenigen, bie bie $cit mit burdjtebtcn, nid)t gang oerwunben finb. 

9tn unb für ficß, üon außen gefeßeit, bot Süffetborf für ©dju* 
mannS eilten gerabegn ibeaten ©oben fünftterifeßen SBirtenS; benit 
aud) (StaraS ©orgen, baß bie „Heine ©tabt" ißr bie ©iüglicßfeit, 
bureß Unterricht gu bcn Äoften beS £au3ßattS einen eittfprecßenben 
ülnteit beigufteuent, auf einen üerfdjwinbenben ©rueßteil rebugiereit 
würbe, erwiefen fidj batb atS unbegrünbet. 92ic^t nur fanben ficß 
in Süffetborf fetbft halb ©djüterimten, fottbem aueß bie benaeß* 
barten rßeinifeßen ©täbte Gtberfelb, ©armen, Kiefctb u. a. ftclt« 
ten im Saufe ber Saßre ein wadjfenbcS Kontingent, Vor altem 
aber erwies fid) bie 3 u 9^ ra ft if)re§ SKamenS fo ftarf, baß in noeß 
ftärferm Orabe als bisßer ißr Sßoßnort üon werbenben ißianiftinnen, 
bie eine 3eittang iß« Unterweifung genießen wollten, aufgefueßt 
würbe. Sie Überfiebetung üon SreSben naeß Süffetborf ßatte 
barauf nur gang üorübergeßenb in ber erften 3eit ungünftigen öinftuß. 

Sie £>auptfacße aber war bodj, baß enbtieß ßier ©cßumaitn bie 
©etegenßcit fieß bot, atS ©eßerrfdjer eines gutgefeßutten CrcßefterS 



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1850 — 1854 . 



233 



unb eineä nießt minber gutgefcßuften, in guten Irabitionen gcbilbeten 
(SßorS in einer ntufitfreunblic^en ©tabt, inmitten einer mufiffreunb* 
ließen ißroüing, getragen, wie ber ©mpfang bewies, non bem freu* 
bigften Vertrauen aller ^Beteiligten, feine mufifalifcßeit Intentionen 
in großem, im fpiitblicf auf bie rßeinifeßen Süiufiffeftc in größtem 
<Stif fogar, gu »erwirfließen. ®ettn wenn aueß fein Drt ber 3Belt 
ißm ba§ Seipgiger ©ewanbßauSorcßefter unb ©ewanbßauSpublifum 
erfeßen fonnte, fo wog ßier bie SBeite beS möglichen SBirfungS* unb 
SlttrcgungSfreifeS einigermaßen bie etwas feicßtere Qualität ber 9luS* 
iibenben unb ©enießenben auf. SBäßrenb in ber .ftcimat Seipgig aUc 
mufifalijcße SebenSfraft auffog, unb baneben ®reSben mufifalifcß nur 
ben 9?ang einer etwas rücfftänbigen ^Srooinjiatftabt behauptete, 
puffierte hier in aß Öen rßeinifeßen ©täbten, bie ifjnen faft oor ben 
®oren lagen, in Söfn, Slberfelb, Sannen, ?(acßen fräftigftcS Beben 
unb ©treben. Unb bie SDiufiffefte forgten bafür, baß aueß in bie f feinen, 
mit ßöcßft befeßeibenen SKittefn ßauSßaftenben ©täbte, wie Sonn, in 
regelmäßigen 3nteröallen fließenbeS Sßaffer aus bem großen ©trom 
geleitet würbe. 9lußerbem war baS ntufiffreunbficße §oHanb in 
wenig ©tunben gu erreichen, unb aus näcßfter 9?äßc winfte aueß 
Sngfanb, baS, ebenfo wie *ßaris, fieß grabe in biefen Saßrett für 
©eßumannfeße SÖZufif gu erwärmen unb gu begeiftent begann. 

®üffelborf fcfbft aber feßien ebenfofeßr bureß feine natürliche 
Sage wie bureß ben ©eniuS loci woßf geeignet, troß ber „feßreef* 
ließen großen fünfter" unb ber ®reiftocfwerfwoßnungen, ben an ben 
ßeimifeßen ©eftaben ber (Slbe nießt Scrwößntcn eine gweitc unb 
beffere .^eimat gu werben. ®enn in biefer St'ünftferftabt war eben 
nießt wie bort iß re Äunft baS Slfcßenbröbef, unb nießt beburfte eS 
ßier, um ißre ißerfönlicßfeiten menjeßlidß unb fünftferifcß gur ®el» 
tung gu bringen, befonberer Slnftrengungen unb Kämpfe. 3m 
©egenteif, eS ftanb ißnen oorn erften Sfugenbfid an, in wcfcßeS 
£auS fie aueß eintreten moeßten, nießt nur ein freunb ließe« Söitb 
fommen fonbent ein Gßretiplaß an ber ®afef bereit. Unb an 



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234 



1850 — 1854 . 



biefen tafeln aff unb trän! man nicht nur gut, fonbern es fafjen 
and; fröf)lidje, unb maS mehr jagen null, fluge unb fünftlcrifcfj emp* 
finbenbe ÜJtenfdjeit baran. ®ic Slnfömmlinge entpfaitben bicje grob« 
lidjfeit als eine Sereidjcrung ifjreS SebenS, tmr allem bc3 gejelli* 
gen, gucrft in l)ol)cm @rabe. ®ie ßmanglofigfeit unb fmnnlofigfcit 
heitern £cbeu$genuffc3, bie überall aud) in ber offiziellen ©efcllig* 
feit immer micber il)r 9ted)t »erlangte unb feiten Sangemeite auf* 
fomnten lieg, mar ihnen beiben neu unb, menn fie aud) beibe ifjrer 
Diatur uadj fid) babei paffiö »erhielten, nicht unmiHlommen. 3ljrcn 
eigentlichen ©erlcl)r juchten unb fanben fie freilich, non bem fchon 
ermähnten Stotar (Silier unb 9)?üllcr ». Königgminter, ber in ber 
golgc aud) il)r §au3arzt mürbe, abgefehen, nicht eigentlich in imn 
cinf)eiinijd)cn Greifen, fonbern, mag ja aud) ganz natürlich mar, »or 
allem in bem rocfentlid) itorbbeutfd)en KiinftlerfreiS ber ©djüler bes 
jüugern ©djabom, ber aber, fdjon feit 3al)rzel)iiten in $>üffelborf 
anfäjfig unb geimifch, fid) mit menigen Slu3nal)men bem rheinifcheit 
Siefen oollfommen atflimatifiert hatte. ©or allem maren c§ $ilbe* 
branb unb Karl ©ol)n, in zmeitcr fiinie ©djabom felbft unb ber 
immer zu luftigen ©therjen aufgelegte Köhler, bie ihnen al3 tiinftlerifche 
3nbioibualitäten imponierten unb mit benen fie auch halb in intimen 
gcfclligen ©crfchr traten, in bent auch SKufif, unb zmar nicht nur 
im ßinzclfpiel unb Ginzclgcfang, fonbern auch im Ouartett* unb 
(£f)orgefang, mit anfänglich grofjcr Segeifterung oon allen ©eiten 
gepflegt mürbe. 

ülbcr menn fie nach ben erften Sinbrüden geglaubt hatten, in 
biefer tempcramentoollen unb fiinftlerifd) angeregten @efe(lfd)aft für 
eine intenfioere Kunftiibung im Meinen Streife ©erftänbnig unb 
©oben zn finben, fo mußten fie fidj balb überzeugen, bafj fie hoch 
il)re lieben fröl)lid)en greunbe in biefer §inficht ftar! überfd)ä£t hatten, 
©chou im Februar 1851 Mögt ßlara, bafj im Kränzchen, zn bem 
u. a. SJtüUer ö. KönigSminter, £>ilbebranb, Köl)ler, ©of)n, fieffing 
gehörten, bas ^ufpätfommen fo überl)anbnäl)me, „bag eS ganz un* 



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1850 — 1854 . 



235 



auSftefjlid) wirb. 3.1? it bem 2)?ufigieren wirb begonnen, wenn einem 
oor 2)?übigfeit fdjon bie Gingen gufallcn." llnb ein „langet, fcßr 
langet Souper", bas ficf) baran fdjloß, warb bann fdjließtidj ntcfjr 
Strapaze als (Erholung. 9?odj peinlichere (Erfahrungen füllten fie 
mit einem im |>erbft 1851 ooit 9?obert ins Sebcn gerufenen Singe« 
frängdjcn madjen, baS, woljI angeregt burd) eine Aufführung »on „ber 
9?ofe Pilgerfahrt", fidj aUt- 14 Sage unter Schumanns Seitung in 
ben Käufern ber — etwa 30 — 3J?itglicber gufammenfinben unb 
„fj'tuptjädjlich Sachen, bie in ben großem Vereinen nidjt oor« 
fommeit, als Sieber, Dpernfadjen, Stüde für ^Begleitung ufw." 
fingen füllte, aber, wie es fdjeint, fdjon nad) einem falben 3af;re 
an ber Deilnahmlofigleit gerabc aud) ber guten greunbe gugrunbe 
ging. Sd)on im 9?ooembcr !(agt Glara: „Ärängdjeit bei §ilbe« 
branbs, Stöbert war feßr bös, weil foüiel gefdjwafct würbe. Der 
gute §itbebranb an ber Spifje. DaS ift eigen hier, gum Sdpoafsen 
haben fie immer Sieben genug, gum Singen aber nicht." Unb im 
gebruar ßeifjt eS gar: „Stöbert war wieber einmal recht böfc unb lief 
fort, tarn aber wieber, was mir hoch feßr lieb war, obgleich bie 
Seutc fich manchmal betragen, baß fie wirflidß oerbienen, wie Scfjul* 
linber beßanbclt gu werben. Das ift ein Sdjwafcen unb £ad;en, 
baß oft faum bie Stimme bes Dirigenten burdjgubringen oermag, 
oft bebarf es ber SJtinuten, elje man imftanbe ift, mit Singen gu 
beginnen. . . . 9J?an fann nicht jagen, baß eS an (Eifer fehlte, 
aber eS ift nidjt ber rechte cmftc (Eifer, ber fid; auf alles erftrcdt, 
es ift (Eifer für baS, was ihnen befoubcrS gefällt, aber nicht (Eifer, 
etwas Schweres gu lernen." 9?od) fdjlitnmere (Erfahrungen als 
mit biefer wefentlicp aus guten greunben beftefjenben Dilettanten« 
oereinigung madjtcn fie mit einem ebenfaßs im §erbft 1851 ins 
Seben gerufenen Guartettfrängdjen, baS nach ©djumamtS Sbee alle 
14 Doge gnfammenfonunen uttb „Streichquartette, (Quintette unb 
DrioS ufw. mit filaoier" fpielen foUte. (ES ging fdjon nad) ben 
beiben erften Übungen ein, ba bie Seiftungen ber ÜDtitwirlenben, in« 



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236 



18ö0— 1854. 



folge ungeniigenben ®inselftubium8, ju feljr hinter billigen ®twar» 
tuitgen suriicfblicben. Diefc SJiitwirfcnben toarett aber mit einer 
Ausnahme SerufSmufifer, b. b- fßerfönlichfeiten, auf bie Schumann 
üor allem auch in feiner öffentlichen amtlichen Dätigleit an erfter 
Stelle als feine SDlitarbeiter unb als tßorbilber für ben weitern 
Kreis ber SJtitwirfenben gählen muhte! 

28it ho^n oben gehört, bah Schumann junächft mit ben 
Seiftungen bcS GljorS wie beS DrdjefterS fefjr jufrieben unb narnent« 
lid) öon bem (e(jtent angenehm enttäufdjt war. SBemt auch bie ein» 
jelncn Spieler nichts $eröorragenbe8 leifteten, ber Klang ber burch» 
weg mittelmähigen Snftrumente manches ju Wünfcheit übrig lieh, 
war hoch bie ununterbrochene Schulung unter ber feften .fpaitb an»» 
gesegneter Dirigenten feit SJtenbelSjohnS Dagen beutli<h ju fpüren 
unb üerfprad), jttntal Sdhumann für bie erfte Sioline fich inSBaficlewSfi 
noch eine tüchtige frifd^e Kraft ansu werben gelungen war, auch für 
bie $u!unft bei ber ^Bewältigung fchwicriger Aufgaben gutes. 3?on 
beit einseinen SOtitgliebern freilich War für nicht pflidjtmähige Sei« 
ftungen wenig ober nichts su erwarten. @S waren geplagte Seute, 
biefc Süiitgliebcr beS ftäbtifchen DrdjefterS, bie froh waten, wenn 
fie nach gtücflich beenbigten Dienftftunben baS Snftrument in ben 
Kaften legen foitnten. So fam s- ein rcgelmäfjigcS Driofpiel 
erft suftanbe, als ber junge DteimerS attS $l(tona im SDlärs 1851 
fid) in Diiffelborf als Klaöierleljrer nieberlieh, ber fich mit ber 
3eit su einem trefflichen Gelliften entwicfelte. Reimers unb SSafie« 
IcwSfi, unb nach **es Ie|jtem SScggang öon Düffelborf im Sommer 
1852 bet im fierbft an feine Stelle getretene Dtuppert Secfer, ber 
Soljn ooit Schumanns altem greuitbe, waren bie Stüjjen ber 
namentlich in ben lejjten fahren cifrigft gepflegten $auSmufif. 3 U 
ihnen gefeilte fich feit Dftobcr 1851 Sllbcrt Dietrich, ^ er [ich wegen 
feiner fjeroorragenben Gigenfdjaften als SRenfcf) unb als Künftlcr, 
bie fofort baS befonbere 3ntereffe beiber Schumanns erregten, feljr 
halb, gans ab g cf eljen Don feiner SJiitwirfung in ben häuslichen 



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1850 — 1834 . 



237 



Sonjerteit, eine SonbcrfteUung als greunb uitb Vertrauter beS ftaujeS 
erwarb, unb beffen (Empfehlung aucf) feinem ^rauibe üon Satyr freunb* 
lidje Slufnahme üerfdjaffte. SuliuS Ctto QJrimm bagegen warb erft 
nad) Schumanns (Erfranfuitg ©euofje biefcs engem SBertrautenfreifeS, 
nac^bem Schumanns iljn im Sanuar 1854 in Vrat)mS’ ©efeflfdjaft 
in |>annot)er fcitnen gelernt Ijatten. Stufifalifd) Ralfen aus nach 
9teimerS gortgang bet SeHift Vorfmüf)! unb am glügcl gelegent- 
lich, Wenn auch nur in ben erften Sauren, SuliuS Daufdj auS 
Deffau, ber, unter ben angefeffenen Stufifern jmeifetloS ber be» 
beutenbfte, feit 1846 fdjon in Düffelborf tätig, jugteidj als Direftor 
ber Sünftlcrliebertafcl unb beS SiämtergefnugüereinS eine im breiten 
iüiirgertum DüffelborfS wurjelnbe mufifalifdje SÜiacfjtftcüung ein» 
nahm, bie er tooljl ebenfofeljr feiner wirtlichen Düdjtigfeit raie feiner 
gefdjidten Slnpaffung an rfjeinifdjen SebcnSton ju banfen Ijatte. 
33ei aller Stnerfennung aber feiner mufifalifdjen Vilbuitg wollte fid) 
bodj jwifchen itim unb Schumanns fein innertidjcS Verhältnis her« 
ftellen. ßS waren nidjt nur gewiffe äUtfjerlidjfeitcn, fonbern üor 
allem tuoljl ein Stange! an Übereinftimmung in ber Stellung ju 
ben feinften Problemen fiinftlerifdjer Arbeit überhaupt, bie baS »er« 
hinbetten. Smmerhin war er ein Stufifer, ber ftrebfam unb eifrig 
immer bereit war, mitjutun, unb ber aud) feiten mit feinem etwas 
trodnen materiellen Spiel etwas gerabeju öerbarb. SlitS feinen 
.fpänben ^atte Schumann gewiffermafjen ben Dirigentcnftab emp* 
fangen, benn er war eS ja gewefen, ber bie SDiufit für ben Ve» 
grüjjungSabenb einftubiert unb geleitet fjatte, unb ihm füllte audj 
wenige 3<>h re fpäter berfelbe Sommanboftab, ber bett müben Rauben 
beS franfen SteifterS entglitten, wie eine reife grud)t in ben Schofj 
fallen. 

Stber fdjon lange ßeit, ef)e bieS (Ereignis eintrat, war nicht nur 
bie anfängliche Harmonie jwifdjen bem ftäbtifdjen Stufifbireftor unb 
bem Äonjertfomitee, fonbern auch bie Stellung beS Dirigenten bem 
Ordjefter unb ben Sängern gegenüber crfd)üttert, unb eine Sette 



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238 



1850 — 1854 . 



»ott Setbrief? Mjf eiten, Serftimmungen ja Sßiberfcßlidjfeiten gietft 
fid) feit bem Schluß be$ erften ÄongertwinterS burd) bie weitere 
Direftionäfütjrung ©djumannS in Diiffelborf. Sie gu entwirren, ift 
nid)t leidet, benn e£ tjanbett fid) babei nidft fo fefjr um Datfad)cn 
a(§ um 2tuffaffungen, unb an festem f)ä(t ber ÜRenfd) befamttlidj 
faft ttodj gätjcr feft at§ an Dogmen. Drobbem muß ber Serfudj 
gemacht werben, bie ©ntwicftung ber ©reigniffe in einer SSeife gu 
fd)itbern, bie fid) forgfrittig bemüht, nid)t aus ber StugenbticfSftim* 
mtmg ber ^Beteiligten tjcraug ÜJfenfdjett unb Dinge gu beurteilen, 
wof)l aber beit aus biefer Stimmung fjerauSgewacfjfcnen ^anblungen 
unb Seweggrüitben tjiiben wie brübeit gerecht gu werben. 

Der erfte an bie Öffcnttidjfeit gebrungcne SRifjton, ber auf eine 
Trübung ber Harmonie gwifdjcn bem Dirigenten unb feinem ißubli* 
!um beutet, Hingt an nadj bem 8. non ©djumattn geleiteten Äborate* 
mentSfongert, ba$ am 13. SKärg 1851 ftattgefunben fjatte, alfo 
gegen Sd)tuf 3 ber erften Äongertfaifon, in einem in ber Diiffetborfer 
Leitung erfdjieneneit, an ber bisherigen Äongertleitung Äritif üben* 
ben Stuffafc, ber non ©dfumannS als eine Sctcibigung unb Unoer* 
fdjämttjeit empfunben würbe, um fo mefjr als fie mit Scftimmtfjeit 
in bent ©Treiber ein SKitglieb beS ÄongertbircftoriumS gu erfennen 
glaubten. „DaS taffen nun bie fogeitanntcn ©uttfufiaften, als Suter, 
fDJiitter u. a., rutjig gefd;ef)cn", fdjreibt ßtara entriiftet im Dagebutf), 
„eine ©djanbe ift’S, baf? fic baS rutjig fifcen taffen auf Düffelborf, 
bie attc fjmnbe über fRobert breiten fottten, um ihn gu feffetn!" — 
?ltfo jebenfatts ift feit bem erften Äongert im Saufe bcS SBinterS 
bie Stimmung utngefdjtagen. Unb man muf? nach beit ©riinben 
fragen. @3 ift fein ^weifet, baf? ©dfumannS Seitung weite Ärcife 
beS fßublifumS, ob mit SRedjt ober Unrecht bteibe einftweiten ba^in* 
geftettt, enttäufdjt batte unb baß biefe Gnttäufdjung fid) guttädjft in 
einer öietXeidt)t ungehörigen SBeife öffentlich Soft machte. Unb Dat* 
fache ift — nach StaraS Sttufgeidjnungen — , baß nach ’b rcm eignen 
unb oor altem ©djumannS Urteil ber Gf)° r in gwei Äongerten bie 



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1850-1854. 



239 



roünfchenSmerte Sicherheit fjattc oermiffen taffen*; unb ferner, baff 
frijon öor bem Grfc^cincn jener Sefpredfjnttg beibe Zünftler über bie 
!üt)(e Gattung beS SEüffelborfer ißublifumS glaubten ttagen ju bürfen. 
9tament(id) tjatte fie fd)r oerftimmt, baft ©djuntannS neue Duner tiire 
jur „SSraut non 2J2effina" in bem Sondert am 13. SDtärj otjne jcbcS 
3eidjen nott 93eifall aufgenommen nmrbe. 

SSenn tro^bem unter bem einbrud ber Sluffüfjrung ber SohanniS* 
paffton (am 13. Slpril), in ber bie Gfjüre nach Claras Urteil „burdf* 
roeg gelungen“ maren, unb beS lebten SlbonncmentSfon^ertS (am 
18. SDtai), in bem, mit 2luSnaf)me einer oom ßomponiften „etmaS 
unfidjer" birigierten Duoertüre öon Stcinede, „alles gut ging“, unb 
bie ben ©djlujj bilbenbe ißaftoralftjmp^onie fo „herrlich“, baf? „äße 
eine ©timme mären, bafj man fie tjier nirfjt mieber fo gcljört feit 
SUtenbelSfolptS Fortgang", beibe glaubten mit bem Ergebnis beS 
erften SBinterS ^ufrieben fein ju tonnen — „Stöbert luftig mic feiten“, 
notiert baS Tagebuch — , fo mar biefer Cinbrad bodj mof)l nicht 
bei allen beteiligten ber gleiche. Namentlich ^atte jmifc^cn Cl)or 
unb Dirigent fidj fein redjtcS Verhältnis fjerftelleu mollcn. gür 
erftern, ein gutes Snftrument in ber §anb eines ftarfen nnb tem* 
peramento ollen SeiterS unb baran geroöfjnt, feft im $ügel gehalten 
jit merben, mar bie uomcljme Stuhe unb Sinbigfeit beS meljt nad) 
innen als naefj aufjen laufcfjenben föteifterS eilt Verberb. ®ie 
$iS$iplin begann fidj ju lodern, unb mit ben barauS mieber 
fich ergebenben Stonfliften in ben groben erlahmte and) bie 
Suft. (SS mar ein böfeS geidjen, bie er f te b r °bc nach ber 
©ommerpaufe erbärmlich befudjt mar, „bie ©oprane hören ganjf 
unb gar auf", tlagt baS Sagebud). CS ift be$eidjnenb auch, Öa§ 



• „9fm 11. Januar 4. StbonncmentSf entert, 3to6ertS SReujahrStieb, wegen 
ungeniigenber groben nicht fo gut, wie SR. wünfdjte. 3t. infolge beffen fefjr »er* 
ftimmt"; ant 13. 9Rarj: SRobertä SRadjtlieb, „baS Ieibcr ooni Sljor nicht fidjer 
genug auSgeführt würbe unb baher auch "’djt entfehieben Wirten tonnte." 



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240 



1850 — 1864 . 



Schumann fcfjott um biefe geit crnfttid] erwog, bie fieitung bes 
CborS überhaupt gang aufgugeben. 

„Stm 6. September", berietet baS Tagebuch, „fanb bie erfte 
Äonfereng wegen ber SBiuterfongerte [1851/52] ftatt, Stöbert fam 
attcriert nach §auS*. ®ie Seute finb oft recht unoerfdjämt hier, unb 
ba ift wahrhaftig fein langes V leiben; e§ [teilen fidj ferner auch allerlei 
große ÜJtänget jefet heraus. 3)er ©efanguerein ift gang im Untergeben, 
fein (Sifcr, feine Siebe gur Sache ba, unb baS Crdjeftcr ift oor ber §anb 
noch nid^t einmal gur Stot oottftänbig, ba jefjt fein SJtititärmufifforpS 
hier ift. 2)aS fiefjt alfo jdjlimm auS. Stöbert gebt tuet bamit unt, 
beit ©efangoerein gang abgugeben, bodb wirb eS wobt fautn geben, 
Witt er nid)t einen großen Sntd] berbeifübreti, bei bem ber ÜJtufif* 
oereitt bann fdjtimm fahren würbe, benn ber ©efangoerein befifct bie 
ÜDtufifalien." Unb aus berfetben Stimmung am 23. September: 
„SBieber einmal Srger im herein. @S fotlen einige Säf>e auS ber 
H*moth9Jteffe ooit öadj gefutigen werben, boeß bie Herren unb 2)amen 
fommen ja nicf>t in ben herein, um etwas gu lernen, nein, fie wollen 
fieß eben nur amitfieren, unb ba geigt fidj benn ifjre Unluft obite 
Stüifbalt — SDie Seute fyaben bi« Weber Stefpeft oor ber Äunft 
nodj oor bem ^Dirigenten! Unb fo folt eS immer gewefen fein!" SDtag 
bem fein, wie iljm wolle, jebenfaüS waren baS feine üerbeißungS« 
öoHen Slusficbten für bie 3 u ^ un ft- Unb fo madjte benn, trofj« 
bem bie Äongerte biefeS SSinterS unb ißre Vorbereitung gunäcbft 
feine, wenigftenS feine an bie Oberfläche fommenben SKißhettig feiten 
brauten, unb Clara fogar bei ißrem erften öffentlichen Stuftreten nach 
ihrem SBodjcnbctt am 4. SJfärg 1852 im 6. Stbonnementsfongert mit 
oftenfibtem Veifatt empfangen unb „mit ® turnen iiberfebüttet" würbe, 
bie ©ntfrembung gwifdjen bem Äünftterpaar unb ben ®üffetborfern 
auch in biefern SBiuter weitere gortfebritte. SJamenttidj im ©efang« 



* 3fn feinen JagcSnolijen bezeichnet Sdjumann jurn 6. ©ept. : „Äonferenj. 
©türm mit SBortmann. Üirofjc Gebeuten wegen ber 3ufunft." 



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1850-1854. 



241 



tierein würben bic öerljältniffe immer unerträglicher, bte SMSjiplin» 
lofigfeit nahm reigeitb ju. „3m herein", fchreibt Slarn am 30. SDZärj 
1852 nach einer ißio&e pr 9D?attf)äuSpaffion, „fehlt jefct wahrhaft 
jebe ©pur non Sifer! ®ie SDamen tun ben 2 Jhtnb faum auf, unb 
fte benehmen fich (einige Sebilbete natürlich ausgenommen) fo un« 
artig, fefcen fich teirn ©iitgen, werfen bie güfje unb fpänbe um fich, 
wie fo red)t ungepgene 3ungen, bafj eS mir immer im §er$en focht, 
unb wahrhaft fönnte mir nichts lieber fein, als wenn Robert fich 
ganj tion bem SSercin prücfpge, beim es ift eine feinem Stange 
nicht wiirbige Stellung. Singe eS nur fogleich- $odt) eS hängt 
nielerlei batan unb baruin, unb manches Schlimme würbe barans 
entftehen, täte Stöbert bieS; benn bann würbe ber herein ft orderte 
für fich geben wollen unb fomit bie fträfte jerfplittern.'' 

(äS ift natürlich unb felbfttierftänblich, bafj bei einer folgen Srunb« 
ftimmung auch freunbtichere einbriiefe, wie j. 10 . bie enthufiaftifcf>e 
Slufnahme tion Schumanns B*bur«Sgmphonic am 6 . SJfai 1852 u. a., 
nur üorübergehenbe öefferung fchaffen fonnten, unb bajj bie fleinfte 
beabfichtigte ober nicht beabfichtigte Steibung in fachlichen unb for- 
malen grageit fofort wieber hüben wie brüben ben Segenfafc pm 
Sewufjtfein brachte unb an unb für fich t>ielleid)t gar nicht fo wich« 
tige föteinungStierfchiebenheiten p herben ®iffonanjen tierfchärfte. 

2Jtijjtrauen auf beibeit Seiten ift ein fdjlechter 2Bäd)ter für bie 21uf* 
reihterhaltung eines in gegenfeitigem tiollften Vertrauen begrünbeten 
58ertragSoerhältniffeS. Schumanns empfanben ober glaubten in bem 
Verhalten bcS ftonprtfomiteeS bei jeber (Gelegenheit einen 9)?angcl 
an fchulbigcr Stücfficht gegen bic Sßebeutung SfobertS als ftünftler 
311 empfinbett, ber fie ntn fo oer(e|jenber berührte, als eS im Slnfang 
anberS gewefen war. Unb baS ftonjertfomitee wieber, aus bem 
übrigens im Saufe ber geit gerabe einige non ben ÜDtitg liebem aus* 
gefchiebeit waren, bie feinerpit Schumanns ^Berufung am eifrigften 
betrieben hatten, befanb fich infofern in einer peinlichen Sage, als 

Sitmann, Stara Srfiuinann. II. Iß 



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242 



1850—1854 



ein großer STeit be# ißublifum# »on Sag jn läge unuerfyoljlen feiner 
Sftihftinnmutg über bie Verufung eines SKanneS StuSbrucf gab, ber, 
unbefdjabet feiner öebeutung al# Äomponift, nad) Diiffetborf als 
Dirigent nicht paffe, ruie benn bie wadjfettbe Di#ziplinlofigfeit im 
ߣ)or unb im Drdjefter j ebenfalls barauf hinwieS, baß irgenb etwa# 
nidjt in Drbitung fei. 3n einem folgen Äonflift in jebem Stugen« 
blicf unb in jeber Äußerung ben STaft ju wahren unb einen an 
unb für fich begreiflichen lofalen $rger nidjt einen groben (Genius 
entgelten ju taffen, beffen ©genart, auch lu0 fte unbequem ift, 
refpeftiert »erben muh, ift eine faft übermenfdjliche Slufgabe, bie 
»on einem au# fe^r »erfdjiebenartigen VilbungSelententen jufammeit* 
gefegten Son^ertfomitee !aum »erlangt ober auch nur erwartet werben 
fann. 2lljnte boch feiner bantal#, ba§ eine gewiffe Stpatfjie unb 
Verträumtheit, bie ben Dirigenten an feinem ißult »or ber Partitur 
für Sugcnblicfe manchmal ganz »ergeffen lieft, bah er feine# Slmte# 
Zu walten tjabe, wie eine eigentümliche, zeitweilig fich bemerfbar 
madjenbe Sdjwerfälligfeit feine# miinblichen SluSbrucf#, fchon Spot» 
ptome ber zerftörenben Ztranflteit feien; felbft bann nicht, al# im 
Sommer 1852 Schumann fo ernftlicf) erfranfte, bah hie ©nftubierung 
unb SeiUtng ber beiben erften SlbonnementSfonzerte be# SBinter# in 
feiner Vertretung 3utiu# Daufch übernehmen muhte. Vielmehr trug 
gerabe bie# Intermezzo bazu bei, bie Verftimmung auf beiben Seiten 
wefcntlid) z u fteigern unb fchliehlich ben bi# bahin noch immer »er= 
ntiebenen Sflat herbeizuführen. Jg>atte Clara e# fchon al# eine Äränfung 
empfunben, bah ha# fßublitum fie bei ihrem Stuftreten im erften 
SlbonnementSfonzert be# SBinter# 1852, ba# für fie, ba e# nicht »on 
ihrem ÜRanne geleitet würbe, ein grohe# Opfer bebeutete, nicht ein-- 
mal freuitblich empfangen hotte, fo wirfte bie Äätte, mit ber ba# 
Vublifum ben genefenen Schumann felbft am 3. Dezember in bem erften 
wicber »on ihm birigierten Äonzert aufnahm, gerabezu bemonftrati». 

Dah fjier jebenfatl# bei einem Dcil in ber Dat eine Slbfidjt 
Zugrunbe lag, follte fich in hen nächften Dagen fdfon h erQug= 



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1850-1854. 



243 



fteUcn *. $rei Herren beS ©efangoereinSfomiteeS richteten an Schu- 
mann in Ijöchfter Uuoerfrorcnheit bie Slufforberung, er möge hoch 
non feinem Slmte gurücf treten, baS er au&gufütten nicfjt imftanbe 
fei. SBar bieS auch wohl gwcifcUoS eine ©ntgleifung einiger beuor« 
gugter $aft(ofen, bie burch Vermittelung ber bomehmen ©(erneute, 
wie 9?otar ©ulet unb Dr. §afencleüer, burcfj ©ingreifen bes 9?e« 
gienmgSpräfibenten non ÜDiaffenbacf; unb, wie es fcfjeint, aucfj ber gu 
bem .ßwecf berufenen ©eneraloerfantmlung notbürftig mieber gut- 
gemacht würbe, unb beren Urheber fchließfid) in bemiitigfter gönn 
fich entfchulbigten; baff fo etwa« borfommen formte, war wieber ein 
böfeS Reichen. $er ©ebanfe ift wohl nicf;t non ber §anb gu weifen, 
baß bie interimiftifche Seitung beS Vereins burdf) laufd) bagu beit 
2(n(aß gegeben, unb baß feitbem in beftimmten Greifen ber lebhafte 
ÜBunftf) beftanb, Schumann burch Saufcf) gu erfe^en. ©ine lofal- 
fanreoaliftifchc Färbung nahm biefe Dppofition burch bie Vcgrün« 
bung eines „SlntimufifoereinS gegen fdjtec^te unb fdjtecht auSgcführte 
2)iufif" an, währenb gleichzeitig burch $eröorhebung ber Jaufch- 
fchen fieiftungen in ber treffe bafiir geforgt würbe, für ihn a(S ben 
berufenen mufifaUfdjen gührer ®üffe(borfs Stimmung gu machen. 

®ie Vorbereitungen für baS rheinifdje SKufiffeft, bie im griihling 
1853 begannen, brachten nur öoriibergchenb einen SBaffenftiKftanb. 
Unb biefeS felbft, an bem, wie wir noch hören werben, Schumann als 
Sfomponift ber D-moII-Stjmphonie größte Triumphe erntete, würbe 
in ber Iofalett wie in ber auswärtigen gacßpreffe gu 6(araS großer 
©ntrüftung bafür auSgebeutet, mit mehr ober minber großer ®eut- 



* 3 cf) faffe gut grgängung Don triaraö 8lufgeicf)nungen bie furgen Nötigen 
©djumann? in feinem 9Iu§gabentmcf)e folgen: „11. $ejcmbct Stfirmifdje Äon- 
fereng. 14. gredjer ©rief be? fperrit SB. k. 15. Slgitation wegen be? ©riefe?, 
©ejucf) o. §afenclencr, @uler unb $>ietri<p. 16. ©türmif<f)e ffionfcreng. 17. ©icl 
Äorrefponbeng. 18. (rrftärung Bon §errn oon Reiftet, ©ebanfen an (frortgug. 
19. ©efutf) Bon Jpcrrn oon OTaffenbad). 21. ©efucf) Bon §ernt Wielo, ©ob ic. 
mit Sntfdjeibung bet ©eneralBcrfamntlung. 22. Äonfereng bei ©eifjter. 23. 8e< 
fudj bei UJielo unb Xaufd). Dr. ^afencleocr mit ©rief Bom SB.“ 

16 * 



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244 



1850—1854. 



lidjfeit 311 betonen, baß ber ÜBJeifter als Dirigent nicht auf ber 
£jöf)e ftche unb in biefer ^)inficf)t 3 . 93. mit feinem 93orgänger Ritter 
nidjt 31 t Dergleichen fei SBenn man ber greunbeSftimmen auch au» 
guten lagen über Schumanns 93egabung als Drchefterleiter fich er* 
innert unb außerbem bebcnft, baß h‘ er tatfächlich f<f»on ein trauter 
3Jiann beit Üaftftocf fchtoang, fo wirb matt woßl GtaraS leiben* 
fchaftlichc 93itterteit, baß bie guten Jreunbe, wie ^Dietrich unb .fpafen- 
deDer, ba^u fcfpoiegen — „warum beweifen fie ihre §lnb)änglic^fcit 
unb 93erehrung nicht burcß bie 2 at? warum laffcn fie ihrem „»er* 
ehrten SJieiftcr" biefe Ungeredjtigfeit ungerügt antun? ift ba» rechte 
greunbjchaft? ich fage nein!" — wohl aus ihrer Seele heraus Der 
fteßen, aber nicht als fachlich berechtigt anerlcnnen tonnen. $aß 
aber itt ber Xat bie .guftänbe auch im SDrcßcfter unhaltbar waren, 
erhellt atn fchlagenbfteu ans ben Vorgängen bei einer ^robe Don 
SoacfjimS $amtct=DuDertüre am 27. Cttober 1853. Glara felbft 
fcfjrcibt: „Schlimme ißrobe Don Joachims §amlet*DuDertüre, bie feßr 
fdjwer ift unb gar nicht gehen wollte, wobei auch allerlei Sntrigen 
inS Spiel tarnen. g° l 'berg (Gellift) lief fort, tarn fpäter wieber, 
uttb nietnanb fagte ihm barüber ein SSort! SJiatt hätte if)ii gleich 
wieber hinauSweifen muffen, tur 3 es ift hier feine “SDiS^iplitt, unb 
ba ift auch fein gufammenwirten Don 3)ireftor unb Crcfjeftcr möglich!“ 

Unter biefen SScrhältniffcn famt eS ben Derantwortlichen SDfännern 
fchließlich nicht Derbacht werben, wenn fie, felbft auf bie ©efahr 
hin, einem fo großen unb eblen ÜJteiftcr weß 3 U tun, ben 9$erfucf) 
machten, einen neuen SluSweg 3 U finben unb, um Schlimmeres unb 
Schrofferes 31 t Derbiiten, eine 2lrt Kompromiß t^erbei^uf ö^ren *. 

„9lttt 7. SfoDetuber", feßreibt Gtara, „tarnen bie ^errett SUing 



* Sdjumannä Stotzen bantber lauten: „7. 'Jiooember (£ntfd)eibenber lag. 
Unberid)ämtl)citcn. 8. Sdjroanfeit jttrifd)en ©erlin unb SIMcn. ©rief an Dr. 
§crj unb Jauid). 9. ©urgermeifter §ammer§’ ©rief an baS Komitee. 10. Gut* 
fdjeibuitg für ©}ien. 17. Siel Sorrcfponbenj. 18. SJtijerable SRenfdjen l)ier. 
19. Ultimatum, ©riefe an ben Screin unb $>crrn Jaufd).* 



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1850—1854. 



245 



unb $erj oom Komitee unb teilten mir mit, baß fie wüufdjten, 9t. 
birigiere in gufunft nur feine ©adjen, baS anbre habe $err $auf<h 
oerfprodjen übernehmen ju wollen. $)a3 war eine infame Intrige 
unb eine Seleibigung für Stöbert, bie ifjn jwingt, feine ©teile gänj* 
lieh nieberjulegen, wa£ ich ben Herren auefj f ogieich antwortete, oljne 
Stöbert gefprodjen gu haben. Abgefeljen üon ber grcdjhcit, bie jn 
folch einem ©djritte einem SDtanne wie 9tobert gegenüber gehörte, 
fo war eS auch eine SBerlefcung beS 5?ontrafteS, bie Stöbert fich in 
feinem Jall gefallen läßt. 3 d) fann nicht jagen, wie fehr idj ent« 
rüftet war, unb wie bitter eS mir war, Stöbert biefe förfinfung nicht 
erfparen ju füttnen. 0 , eS ift ein nieberträdjtigeS Soll h' cr - £>e 
©emeinheit hertfeht hier, unb bie ©utgefinnten, 5 . S. Herren öon 
$eifter unb Sejaaf, gießen fich jutfid, mifjbilligenb aber tatlos. üBas 
hätte ich barum gegeben, hätte id) mit Stöbert gleidj auf unb baoott 
gehen fönnen, bodj wenn man 6 Stinber hat, ift baS fo leicht nicht. 

9. Stoöember: Stöbert hat bem Komitee feinen @ntfcßluß, nidjt 
mehr ju birigiereit, mitgeteilt. Sanfch benimmt fich nue ein roher 
ungebilbcter SOtenfcß . . . benn er bürfte unter ben jefct obwaltenben 
Umftänben nicht birigiereit unb tat eS hoch, obgleich ihm Stöbert 
gefchrieben, baß, wenn er e3 bemtoch täte, er (Stöbert) ihn für feinen 
woljlmeincnben SJtenfdjen halten fönne. ®ie ©ache ftetlt fieß über* 
haupt immer flarer heraus, bafj Sdufdj, fdjeinbar ganj paffi», bie 
.pauptintrige gefponnen. pammerS (Siirgermeifter) benimmt fidj fehr 
freunblich in ber ©ache unb mödjte gern »ermitteln, wettn’S anginge. 

10 . Stoöember: „ft'onjertabenb — wir 511 £auS. Jaufcfj biri* 
giert. Stöbert fchricb ihm heute einen ^weiten ©rief, ben er nidjt 
hinter ben ©piegel fteden wirb .... 

£a§ ift baS Söilb ber SSorgänge, wie eS fich in ©djumannS 
■Singen barftellte. ®ie Auffaffung aber unb bie SJtotiüe, bie baS 
Komitee 311 einem folgen, unter allen Umftänben hödjfteS Auffeljen 
erregenben ©chritte üeranlafjten, finb niebergelegt in einem Scricht 
bcS SBerwaltimgSauSfchuffeS bc» Allgemeinen SDtufifoereinS, ben 



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246 



1850 — 1854 . 



biefer unter bem 25. 9?otiember 1853 bem Sürgermeifter Jammer# 
crftattete. Siefet fjatte nämlich, tote fdjott ouä GlaraS Äußerungen 
IjerDorgcht, unb jmar in amtlicher (Eigenfcfjaft, JBerantaffung ge- 
nommen, in ba$ jroifdjen bem ftäbtifdjen 9Kufifbireftor unb bem 
Komitee beS Slllgemeinen SDhififoereittS eingetretene äerwftrfniS ein= 
jugreifen. 3 11 liefern 3mecfc fjatte er junädjft baS Komitee um eine 
auttjentifetje SarfteHung ber Vorgänge erfuc^t unb fanbte biefe 
unter bem 5. Sejentber an Schumann mit einem mir im Original 
toorliegeitbett ©egleitjdjreibcn fotgenben 3nf)att3: 

„3} er Gemeinberat Fjat in feiner amtlichen Stellung unb bei bem 
großen 3ntereffe, welches bie Stabt mit Stecht an ben mufifalifdjen 
Stiftungen nimmt, rneldje unter 3ßrer Sireftion bisher ftattgefunben 
haben, oon ben 3 crtt> örfniffen Kenntnis nehmen miiffen, welche 
jroifdjen Seiten unb bem Komitee beS allgern. SDtufifoereinS ju 
feinem Schauern eingetreten finb, unb meldje maßrfcßeinlicß bie 
golge gehabt, baß Sie in ben lebten Konjerten bie Sireftion nicht 
geführt haben. 

Ser Gemein berat (jat ein Komitee aus feiner SJiitte jur Stuf« 
flärung beS wahren SacfjoerhältniffeS unb (Einleitung ber etwa 
nötigen Maßregeln erwählt, unb biefeS ßat gunäeßft befdjloffen, auch 
non 3tjnen fid) eine SarfteUung ber Sntfteßung jenes gerWürfniffeS 
ju erbitten, nadjbem bas Komitee beS 21. eine Darlegung 

beS SacßoerßalteS in ber Einlage gegeben hat." 

3n bem fraglichen Seridjt beS SerwattungSauSfchuffeS ift nun 
junäd)ft ber Wortlaut beS ifkotofolls ber entfeßeibenben Sifeung mit« 
geteilt. 

„^ßrotoloH Dom 6. Stoöembcr 1853. 

Sie augenblicflicßen Sßerßältniffe ber mufifalifdjen Sireftion 
unfrer Konzerte hatten bei mehreren fDtitgliebern beS SerwaltungS- 
ausjdjuffeS ben Sßunfdj l)croorgerufen, ben SBerfudj ju madjen, baß 
ber £>err ÜJtufifbireftor Dr. Schumann fich bemegeti taffe, fich bei 



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1860 — 1864 . 



247 



ber Direltion unsrer Sonderte, mit Slugttahme bcr Sluäfüffrung 
feiner eignen Äompofitionen, burch £>ernt Daufdj toertreten 3U 
taffen. 

§err Dr. fpcrj fjatte e§ unternommen, jubor |jerrn Daufch über 
bie 9 lrt unb Sßeife biefer Vertretung bertrau(id) 311 fragen, unb 
referierte, bafj §err D. erflärt tjabe, bei feiner fjofjen Sichtung gegen 
.fjerrtt Dr. Schumann fei er bereit, als Stellvertreter beöfelbert bie 
9tbonnementSfon3erte 3U birigierett, ma 3 er unter einem attbern 
ÜJtufifbireftor nicf;t tun mürbe, hierauf mürbe, nad^bem man fid) 
einftimmig für bie Stet 3 bertretmtg beä .gerrn Dr. Schumann burch 
|>erm Daufch erftärt batte, burch Slbftimmung feftgeftettt, bafj bie 
hierüber mit |jerrn Dr. Sch- ein3uleitettben Verhanbluttgen münb* 
lieb geführt merben füllen, unb befcfjloß matt, burch eine augfd^tiejBti«^ 
aug Stomitecmitgliebern befteljcnbe Deputation bie Sache mit fperrn 
Dr. Sch. regulieren 3U taffen. $u biefer Deputation mürben ge« 
mäfflt fpert 5 Borfi|enber SRegierungsrat Sttittg unb Dr. $er3, meldje 
biefeS Äommifforium übernahmen." 

„infolge beS oorftebeuben SSefcfjtuffeö", heißt e8 nun rneiter 
im Vericf)t, „üerfügte ich (& er SSorfi^enbe) mich mit §errn Dr. ^>erj 
311 grau Dr. Schumann. Sßir gaben ihr in möglidhft fdfonenber 
SBeife Kenntnis oon ber Sage ber Sache, uttb ba ca unä in aß« 
feitigent Sfntereffe münfdjenämcrt fchiett, bafj §crr Dr. Sch- nicht 
fofort eine entfe^eibenbe Srfläruitg birelt an bett SluSfchuß richte, 
fonbern mit mtS fonfibentieß bie meitertt Schritte befpräche, fo 
äußerten mir uns in biefetn Sinne gegen grau Dr. Sch- unb er* 
Härten gleich3eitig, baß mir jeben Slugenblicf 5U einer folchen ®c* 
fprechung bereit feien. 

Unfre Vermittelung mürbe nicht in Slnfprucfj genommen, tticl« 
mehr ging bent VermaltungSauäfdjuffe unterm 9 . b. SR. ein Schreiben 
3U, in meinem £>err Dr. Scfj. erllärte, baß er itt jebem gatte Don 
betn ißm guftehenbeu Stecht, 3a rechter $eit 31t fiinbigen, nämlich üom 
l- Dftobcr 1854 an, Gebrauch machen merbe." 



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248 



1850—1854. 



3)aS bem Sericf)t in Stbfc^rift beigefügte Schreiben aber lautet: 

„Süffelborf, ben 9. Sioüember 1853. 

Sin ben öeref)rlicf)en ®ermaltung3au$fdjufj be£ allgemeinen SRufif« 

öereins. 

£>err 9tegierung§rat Sttittg unb Jg»err Dr. $erj hoben mir — 
mittelbar burch meine ®attin — folgenbe SJtitteilung gemacht, ob ich 
bamit cinöerftanbeit märe, bafj §err Saufd) in ben Äon^erten alle 
ftompofitionen anbrer SDteifter birigiere aujjcr bic meinigen, bie felbft 
ju birigicren mir iibcrlaffen bliebe, mie fie fid) benn barüber fdjon 
mit fpcrrn Saufd) benommen unb biefer fid), mie fie fidj auSbrüdten, 
„auä ißereljrung gegen mich" ba$u geneigt gegeigt habe, unb bas 
ift offenbar feljr anerfcnnungöroert, ba c3 Diel fernerer ift, frembe 
Äompofitionen als eigne 3 U birigieren. 35a nun bie genannten 
.perreit noch anbeuteten, baß fie im Sinne ber übrigen 2)?itglieber 
bes StuSfdjuffeS fprädjen , }o richte icfj meine Srmiberung an ben« 
felben. Sie ift biefe: @3 befteljt ein Sontraft gmtfe^en mir unb 
bem früljern Slusfdjufj , bem inbcS noch Diele ber bamals unter* 
fdjriebencn üftitglieber angeboren. 

35ic mefentlidjften fünfte jenes itontrafteS finb biefe: 

1. 35ie «tätigfeit bes ÜJtufifbireftorS erftredt fid) a) auf bie Sei* 
tungen ber Übungen beS SingoereinS, b) auf bie Seitung ber Son* 
gerte unb ber Äirdjenmufif, melcfje ber allgemeine 9Jtufifoerein unter 
ber SJfitmirfung bes SingoereinS oeranftaltet. 

2. Unfer Sontraft beginnt mit bem fomntenben 1. Slpril. 35er* 
felbe mirb non 3 al)r gu Safjr oont 1 . Dftober ab in bet SIrt ab* 
gefdjloffen, bafj er Don einen ober bem anbern Seile menigftenS brei 
Sftonate oor jebem 1. Cftobcr gefünbigt merbeit muß, um ben 93er* 
trag mit bem 1. Cftober ju löfen. . . . 35a mid) nun ber jefcige 
Slusfdjujj an ber SluSiibung meiner übernommenen unb immer ge* 
roiffenfjaft erfüllten Slmtspflidjtcn fjinbert unb gaitj oergeffen ju 
haben fd)cint, bafj ein fotdjer Üontraft aud) iljm gemiffe Sßcrbinb* 
lidjfeiten aufcrlegt, fo nötigt er mid) baburdj, burd) einen mora* 
lifdjen gmang, bofj idj in feinem Jolle irgenbmie eine 35ireftion 
ober SKitmirfung übernehmen merbe, folaitge nicht ber ^ontraft, 
mie er ftefjt, aufredjt gehalten mirb, b. h- baß i d) bic 35ireftion au«* 
jd)liefj(id) allein oertrete, — bafj ich ober in jebem Jolle Don bem 



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1850 - 1854 . 



249 



mir gufteßenbcn 9tecßt, gur regten $eit gu fünbigen, nöntlid) oom 
1. Cftober 1854 an, (Sebraucß matten werbe. 

Stuf biefe meine (Snberftärung bitte i cß um eine gleiche. 

SeS öereßrlicßen VerwattungSauSfcßuffeS 

ergebener 

9t. ©cßumann.'' 

Sie wir fd^ort aus SlaraS Sagebutß wiffen, ßatte Schumann 
bereits am folgenbett Sage bie praftifefje Sottfequeng auS biefer tluf* 
faffung gezogen, ittbem er in bem am 10. Stooember ftattfinbenbeit 
SlbonnementSfongert nidjt erftfjien , baS nun Saufcß als 9?ot^etfer 
woßt ober übet leiten mußte. 

Seine 3rage, in bem auch nur als Vorfcßtag ober Anfrage 
an Schumann ßerangetretenen 9lnfinnen beS SomiteeS tag für ißu 
fubjeftiu feßon an fid; eine Sränfung. Ob biefe Sränfung burd) 
bie gorm, in ber bie münbtießen Vcrßanbtungen mit Stara geführt 
würben, nodj öerfcßärft würbe, muß baßingeftettt bleiben. (Sang 
auSgefcßtojfen feßeint eS mir nadfj Sage ber Singe nießt, troß ber 
gegenteiligen Verfiißerung ber Seputierten, an beren gutem Sitten 
unb (Stauben, „mögtießft feßonenb“ oorgugeßen, beSßatb nießt ge* 
gweifelt werben fott. SaS aber ift fießer, baß, modjte baS Komitee 
bureß bie tatfäcßlicß unßaltbaren guftänbe aud) in eine 3wangStage 
üerfcfct fein, ber oon ißm eingefeßtagene Seg, ßinter ©cßumannS 
iUiicfen erft mit Saujcß gu Oerßanbetu unb ben StJteifter fo oor bie 
oottcubetc Satfacße einer mit einem Sritten getroffenen' Vereinbarung 
gu fteüeit, auf eine VrüSfierung ©cßumannS ßinauSlief, bie burd; feine 
noeß fo tiebeuSwiirbigen SefcßönigungSöerfucße auS ber Seit gefeßafft 
werben foitute, unb ber gegenüber ©djumann nicßtS anbreS übrig 
blieb, atS mit ber fofortigen Sünbigung gu antworten. 

Vottfommen begreiftieß ift aueß, baß er unter biefen Verßätt* 
niffen fieß für gu gut ßiett, bie Sireftioit überßaupt weitergu* 
füßren. Sagegen war er ebcufo gweifettoS formell im Unredjt, 
wenn er biefen Vorfdjtag beS SomiteeS, beim in feiner atibern 



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250 



1860 — 1864 . 



gönn war e« bi«fjer an if)ii herangetreten, al« einen Äontraft» 
brucfj auffafcte unb ficf) baraufhin für berechtigt erflärte, feiner» 
feit« feine SEätigfeit mit bemfelben läge ein^ufteUen. Satfächlicf) 
erwie« er baburd) bem Komitee auch ber Slufjenwelt gegenüber 
einen 3)icnft, auf beit e« in biefer Jorm fchwcrlich gerechnet ^attc, 
bcntt c« war baburch mit einem Schlage tion allen Schwierigfeiten 
befreit, bie fidj jWeifeüo« ergeben hoben würben, wenn Sdju» 
mann in irgenb einer SBeife auf ben Äompromifj eingegangen wäre. 
®afj e« bie Herren non oontherein barauf abgesehen hotten, burch 
eine unannehmbare Scbingung ben SJieifter ju brii«fieren unb au« 
feiner Sieijbarfeit 9iu|en ju jiehen, möchte ich ober, wenn auch in 
einigen Seelen biefer SBunfdj in ber liefe fchfummern mochte, be«> 
wegen nicht annehmen. ®enn fetbft, wenn bie 93efriebigung, burch 
Schumann« fc^roffe Slbfage au« einer uitenblicf) fdjwrerigett Sage befreit 
ju fein, ficher bem Äomitec e« oerhältntemäfjig leicht machte, nicht 
felber fd;roff ju werben, fo ift boch in bem unter bem 14. 9fooember 
an Schumann gerichteten Slntwortfchrciben ba« SBeftreben an^uer« 
fennen, bei aller SBafjrung ihrer, tatfächlich jo nicht bloß bem ®iri» 
getiten fonbern auch bem ißublifum gegenüber übernommenen unb ju 
wabrenben Siechte unb Pflichten, bem Oeniu« be« großen Äomponiften 
all bie fRücffidjt unb öhrfurdjt ju Rollen, bie fie ihm al« technifchem 
©irigeittcn oerfagt hotten. 

®« ift batiert üom 14. Siooember. 

„©eehrter §err ®oftor! 

®ie öerebrliche .gufdjrift öom 9. b. 9Ji. beeilen wir un« bem 
au«gefprochenen SBunfdje gemäß ju beantworten. SSir finb un« 
bewußt, nicht nur in feinem Slugenblicf uitfre« fontraftlidjen 23er» 
hältniffe« uneingebenf gewefeit ju fein, fonbern auch bei all unfern 
Schritten ber fjo^ett Sichtung gemäfc gehanbelt $u hoben, welche 
Shrein GSeniu« überall gebührt; unb wir werben auch nicht« tun, 
wa« bem wiberfprädje. 

S3ei ben h'fr obwaltenben S5ert)ältniffen würben wir $u ber Sin« 



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1850—1854. 



251 



frage gebräitgt, welche Sfjrer non mtS gleichfalls hochgefchäfcten uttb 
Dereljrteu Eemaljlin burcfe bie t>on uns baju fommitticrten SDiit* 
gtieber mitgeteilt unb oon biefer Sljtien übermittelt würbe. 

Söenit wir nun auch baS jwijdjett bcn ftiinftlertt, welche bie 
Seitung unfrer mufifalifcfjen Aufführungen übernommen Ratten, unb 
gan$ befottberS baS gwifc^eit 31)itcn, geehrter .'perr Doftor, unb uns 
beftehenbe Sßer^ättniS ftets für ein partes unb für ein Junta! uitfer* 
feitS auf bie riicffichtßöoUfte SBeife ju behanbelnbeS erachtet haben 
unb nodj erachten, bei welchem felbft baS Auäfprcchen eines biofeen 
SBunfdjeS oon nicht geringer Vebeututtg fein fann, fo glauben wir 
bennodj nicht, bafe in einer einfachen Anfrage, fpridjt ficfe gleich ' n 
berfelben auch ein äSunfdj auS, ober in einem biofeen Sßunfchc eine 
ftontraftwibrigfeit , ja nur eine Verlegung fcfeulbiger Hochachtung 
gefunben werben fann, juntal wenn biefer Hochachtung wegen bie 
5orm ber Anfrage gewählt worben ift, unb wenn fogar baS 
wünfchte felbft eine Verlegung bes Vertrages nicht enthält. 

Aufecr unferm Sßerfjältniffe ju unferm technifchcn Dirigenten 
haben wir auch unfern ftommittenten fowie bem gcfamtctt ißublifum, 
welches fidj an unfern mufifalifdjen Aufführungen beteiligt, gerecht 
ju werben unb nach allen Seiten fein Pflichten im Auge ju be» 
halten, bereit Erfüllung oft fürwahr nicht angenehm ift, noch leicht 
gemacht wirb, ©o mifelid) eS fein mag, gu einer Erörterung über 
fontraf tlidje Verhältitiffe genötigt ju werben, fo wenig haben wir 
eine folc^e ju freuen. Verpflichtungen finb auf beibeit ©eiten, wir 
werben, folange ber Vertrag jwifdjen Sfetten lt »b uuS beftefet, nicht 
unterlaffen, unferfeits baSjcnige ju leiften, rooju ber Vertrag nnS 
öerbinbet, wie wir nicht anberS als erwarten fönnen, bafe ©ie 
ebenfo bebacht fein werben, beit unS gegenüber eingegangenen Ver* 
pflichtungen nadföufomtnen, wo wir barum ju erfudjen uns erlauben 
Werben. 3n biefer feftett Erwartung wieberfeolen wir nochmals bie 
Versicherung ber oollften unb aufridjtigftcn Hahathtung unb Ver= 
efjrung unb oerljarren 

Sfer ergebender 

VerwaltungSauSfchufe beS allgemeinen SDfufifoereinS 
gej. 3Uiug als Vorfifcenber 
„ SBortmann, ©efretär." 



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252 



1850-1854. 



©leidjjcitig fjatte ber SBerwaltungäauafdjujj befdjloffcn, ,,.V)crm 
Saufdj 31 t öeraitlaffen, wäf)renb bet bie§jät>rigen Saifon bie $on< 
jertc rcfp. bcn Seit berfetben ju leiten, welche §err SJJufifbircftor 
Schumann nicht birigicrt, unb in ber fünftigjäfirigen Äonjertfaifon 
1854/55 bent ,'perrn Saujdj bie ntufifalifche Sireftiott bet 5fonjertc 
ju übertragen*". 

SDiatt ficljt, bafj auch jcfct noch trofc Sd)untann§ Steigerung 
formet! if>m ber in jener Anfrage abgegrenjte Stnteit an ber Scitung 
ber Stongerte gewahrt ift, jefct natürlich aber in ber fidjern S 8 orau»= 
fefcung , bafj er nicf;t mefjr baöon ©cbraudi madjert werbe. Sie 
fcfjon am 24. SRooember angetretene SHeife bcä ©djumannfdjcn She • 
paareä nach fwtlanb, ifjr baburtfi bebingteä gernfein öon 3>üffet» 
borf bi§ 2 Beif)nad)ten unb ber batb barauf erfotgenbe SliiSbrucf) 
feiner föranfljeit machte allen weitern Sßcrfjanbtungen unb Äonfliften 
ein Sube. 

S4 würbe aber beit tatfäcf)[icfjen 95erfjättniffen nicf»t eittfprerfjen, 
wenn man fid) bie Süffelborfcr Safjrc als beftäitbig üon bicfen 
Sonfliften unb Siberwärtigfeiten befdjattet unb bie beiben Äünfttcr 
wie unter einem immcrwät)renben gemütlichen Srucf ftet)enb oorftetten 
wollte. 3 m ©egenteil, tro^bem gerabe ba§, wa3 fie nach Süffelborf 
gelocft, fidj fchr halb als eine Säuftfjung erwies, unb infolgebcffen 
ber ©ebanfe, wieber fortpgehen, wie ein ungebulbigeS $inb, faft » 011 t 
erftcn SJltigcnblicf an, halb laut, halb leife, an ber Sür rüttelte, in 
anbrer ^infidjt boten ihnen bicfe lebten 3 al)re *b rcg 3 u i ammen f e < n ^ 
hoch fooiel an freubigen unb erbebenbeit Sinbrücfcn öerfchiebcnfter?(rt, 
baft crft bie immer tiefer fallenben Schatten bet Äranfl)cit baS ftarfe 
©lücfägefüljl, ba§ in ihnen beiben lebte, trüben unb erjdjüttem foitnten. 

* 33ei Mitteilung bicfeS ®cicf)luffc^ roar aber, roie in bem betreffenben ®c< 
riebt an ben SJürgermeiftei betont tourbe, „.yerr lau(cf) auäbrücflid) barauf 
aufmerffam gemadjt", baß bie SiSpofition übet ba$ (bemalt ber Mufifbiref- 
tion ber ©tabt juftefje, nnb bafj ber SPerroattung^auäfcbuB „nur bie Ster» 
pflid)tung übernehmen tönnte, §errn %. alä ben einzigen Sfrmbibaten be$ Ser- 
roaltungSauSfdjuffeS in 9?orfd)lag ju bringen." 



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1850 - 1854 . 



253 



Sor allem War cS ein ©lütf, baß Glara faft bi§ ^um Gintritt 
ber Sataftropße bocß ganj aßnungSloS über bett Gruft ber Sage 
War, unb wäßrenb ^ernerfteßcube, unb namentlich gelegentlich oor* 
[preeßenbe alte greunbe, mit Sorge SBeränbcrungen unb franfßafte 
Störungen, befonberS im Sprechen, feßon oerßältniSmäßig früt) 
beobachteten, fclbft biefen Grfcheinungen, an bie fie als foinmenbe 
unb geßenbe gewöhnt war, um fo weniger ©ewitfjt beifegte, als 
baS fubjeftipe ÄranfßeitSgefüßl — in gorttt tion ÜMattdjolie unb 
$Ingft;$uftänben — in biefen fahren bei Schumann junächft oief weniger 
ftarf heröortrat als früher, unb als gleichzeitig feine fdjöpferifcße 
'lätigfeit, ftatt $u erfahrnen, fid) immer noch fteigerte. Such barin’ 
befanb Gfara fid) in einer Sefbfttäufdjung, baß fie baS in ber 
Dualität biefer Seiftungen jutage tretenbe STCadjfaffen unb aUmaßlidje 
SBerfiegen ber ©eftaltungSfraft nicht erfannte, jebenfaHS cS oor fid) 
fefbft unb anbern nicht Söort ßaben wollte. Sie faß mit ben 
Sugen beS (Miebten, unb wenn biefc freubig auffeudjteten über etwas 
©elungetieS, fo war es gut, unb wer aitberS urteifte, hatte unrecht. 
®aS ©efiißl beS GinSfeinS mit ißm unb baS leibenfcßaftlicße 93c« 
ftreben, biefe Sofibarität gegenüber affer SSelt immer wieber jum 
fdjärfften SuSbrucf ju bringen, würbe oon Saßr ju 3 af)r ftärfer, 
oielleidjt gerabe in bem bunfefn ©efiißl, baß bas 9lbweßren aller 
unb jeber Äritif, bie fid) gegen feine ißerfon richtete, ber einzige 
Sdjuß fei gegen fritifdfe ober ffeptifdje Biegungen im eignen Sintern. 
GS maeßt für ben Slußcnfteßenben einen faft beflcmmcnbcn Ginbrurf, 
jit feßen, wie fie 3 . 93. fritif* unb bebingitngSfoS in feiner efftatifeßen 
Schwärmerei für bie ©ebidjtc Gfifabetß ShtlmattnS cbenfo mitgeßt 
wie in bem affej 93efutßer beS .'paufeS gerabeju unheimlich berüßrenben 
fanatifeßen ©lauben an bie SBimber beS XifdjriicfenS, ber feßon im 
grüßlittg 1853 bei Scßumann entjeßieben franfßafte formen an* 
nimmt; wenn fte gaitj harmlos oon einem wäßreub beS SRufiffefteS 
in ißrem ,'paufe oeranftalteten ^ifcßrticfen erjäßlt: „Siobert würbe 
gang luftig baoon, wie immer, wenn er fid) nießt gan^ woßl füßtt, 



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254 



1850 — 1864 . 



unb fängt et feine SRanöoer mit ben Sifcfjcn an, fo wirb er gan$ 
wof)l unb angenehm aufgeregt“, ober ein anbermat ernftljaft be» 
rietet: „9t. ift ganj entjücft oon biefer SSunberfraft unb f)at orbent» 
lief) baS Sifcfjdjen lieb gewonnen unb ifjm ein neues ftleib (b. f). 
eine neue Scde) oetjprodjen" (?lpril 1853). 

gur fie war unb würbe eben jebe Äußerung feines SSefenS eine 
9lrt Offenbarung unb feine Stnfidjt aud) in ben fragen, in benen 
fie fcfbft ein Urteil fjatte, bie allein mafjgcbenbe. Sie einzige Srü« 
bung oerurfadjte eS, wenn biefe Ie|te unb ljöcfjfte Snftaiy in allen 
Singen mit ifjreit eignen fünftleriftfjen fieiftungen fiefj mijufrieben er« 
Härte. Senn wie ein Sob oon ifjirt il)r einen gaitjen fonft oer« 
lorenen Stongertabenb aufwog, ebenfo fdjmetterte eine abfällige 
Äußerung ober aud; nur ÜJtiene oon if)m fie mitten im tofenben 
©eifall beS ©ublifumS in tieffte Serjweiflung. Unb er fjatte ge» 
legentlid) eine fef)r oerlefcenbe unb fdjroffe Slrt, bie jugeiten itjr 
Selbftoertraiien ooUfommen läfjmtc, oljne bafj er fid) offenbar 
über bie Tragweite feines ©erljaltenS flar gewefen wäre. Äuf 
biefe ©Seife warb ifjr jum Seifpiel baS erfte eigne Äon^ert , baS 
fie am 9. ©ooember 1850 in Süffelborf gab, unb baS ifjr ben 
größten ©eifall beS ©ublifumS einbrad)te, ein Sag tiefen SfummerS. 
SaS entgegen ber urfprüngtidEjen Slbfidjt an Stelle beS Quintetts 
im lebten Slugenblid ins Programm aufgenommene D«moH»Srio 
oerfefjlte feine ©Sirfung auf baS ©ublifum, nad) StaraS Meinung, 
weil eS für baS ©ublifunt beim erftenmal f)ören ju fdjwer War, wäljreub 
Sdpimann bie Sdjulb auf SlaraS fdjledjteS Spiel fefjob, „waS 
mid) entfeftlicf) betrübte, benn id) fjatte eS mit all meiner Straft unb 
all meinem beften ©Sillen gefpielt, unb bad)te für midj, fo gut ift 
es bod) no dj nicfjt gelungen, befto bitterer war eS baf)er für mid), 
ftatt eines freunblidjett ©SorteS bie bitterften, entmutigenbften ©or* 
würfe ju fjören." Slud) ifjr Sortrag ber F«moll«Sonate oon ©eet* 
Ijoocit fanb an jenem 5lbenb feine ©nabe oor feinen ftugen, obgleich 
baS Sßublifum fie entfiufiaftifdj aufnafim! ,,3d) weift faum mef)r, 



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18öO— 1854. 



255 



wie idj nod) fpielen foK," flagt fie in oolliger Bergweifluttg, „waf)> 
renb idj mid) bemühe, ben Sänger möglidjft gart unb nacfjgcbcnb 
gu begleiten, fpricfjt Robert, meine Begleitung ift ifjm fdjrecflidj! 
SDfüfjte icf) nidjt mein Spiet beitufjen, um audj etwa« gu oerbienen, 
idj fpielte waljrljaftig feinen Jon mef)r üffentlid), benn was Jjifft 
mir ber Beifall ber Seute, wenn idj ifpt nidjt befriebigen fann." 

5lber trofjbem fie in biefen Satiren unter ftrenger unb fidier oft 
überftrenger Sfritif bcS ©eliebten gu leiben fjntte, unb trofebem in ben 
Jiiffelborfer tofalen ÜKufifüertiältniffen attd) nidjt gerabe ein befon« 
berer Slnfpom gu einer fie audj innerlich felbft befriebigenben öffent- 
lichen mufifalifdjen Jätigfeit geboten war, fo füllte bodj gerabe in 
biefem 3 e ' traum , biefen unb anbern oor allem aus ben mit ber 
gunetjmenben Scfjar ber größer werbenben ftinber erwac^feiten tjäuS* 
liehen Öcöten unb Sorgen unb Stbljaltungen gum Jrof 5 , ifjrc fiinftlerifdje 
ißerfönlicfifeit eine Sertiefung unb gugleidj ifjr ffinftterifdjer 9Juf eine 
Erweiterung erfahren, bie wieber $reube ünb Sidjt audj in bunfle 
Stunben, jefct unb fpätcr, tjineinbradjte. freilich bie lang erfefjntc 
unb oft geplante SReife itadj Englanb, gu ber ber oon Safjr gu Satjr 
bort wadjfenbe SRufjm SdjumannS glcidjerweife locfte wie birefte Gin* 
labungen ooit üerfdjiebenett Seiten, mußte einftweilen ißrojeft bleiben, 
ba immer im entfdjeibenbcn Slugenblid SRutterpflidjten Glara bie 2luS* 
fütjrung unmöglich machten. Slber baüon abgefeljen, erwies fidj bod) 
bie Sage JiiffetborfS als feljr giinftig, um neuen Boben gu gewinnen, 
gunädjft baS Stfjeintanb felbft, baS Glara ja bisher nod) nicht be« 
treten fjatte. ßöln, Barmen, Gtbcrfelb unb Bonn. Sn Äöln war 
es oor allen Jingen baS ©örgenicßordjefter, baS fidj in biefen 
Sauren unter .'pillerS Seitung iiberrafdjenb fdjncll gu einem, Ijödjften 
Aufgaben gewadjfcnen, burdj feine Sluffaffung, Jemperament unb 
Älangfdjönfjcit, im gangen wie in ben Gingetftimmen, fidj«auSgeidjnenben 
©runbpfeiler für baS gefamte mufifalifdje Scben bcS SitjeinlanbS 
entwidelte, baS ifjr als ^örenbe unb SMitwirfcnbe immer wieber 
Anregung unb Jrcube bereitete. Sn Glberfelb unb Bannen be* 



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256 



1850 — 1854 . 



rührte fie befonberS wofjltuenb ber twritehme ©eift, in bcm baS 
reiche Siirgertum jener Stabte befte SJiufif als einen felbftoer- 
ftänblich notwenbigen Segteitafforb beS fonft gan^ in materiellen 
3ntereffett aufgefjenben '-Berufslebens pflegte, nnb bic ßiebenSmürbig« 
feit uttb ber laft, mit bem man ifjr perfönlid) entgegenfam unb 
©aftfreunbfehaft erwies. 2)aS Heine Sonn, baS bamalS wefent- 
lief) nod) mit bilcttantifdjen fträften feine mufifalifdfjen Aufführungen 
beftreiten muffte, fonntc natürlich mit ben großen Sd)Wcfterftäbten 
nicht rioalifieren, entjiidte aber immer toicbcr bei wicbcrholtcn 
Sefudjett burdj feinen lanbfdjaftlidjeit 5Heij wie burdj bie meljr ocr- 
geiftigten 9luSbrudSformett rljeinifcher ©efelligfeit, wie fie ber Ser- 
fchr mit bem .heimfoethfehen §aufe, mit Simrod, mit bem Siirger* 
meifter Kaufmann ifjnen erfdfloff. 

So würben in biefen Saljren fdjon bic Seime gelegt ju bem ganj 
perföitlidjcn ScrljältuiS, in bcm Clara bis ju ihrem SebenSenbe jum 
9U)einlanb geftanben, bie aber eigentlich ffruefjt erft in ben ferneren 
Sauren, bie folgten, tragen foHteit. Söäfjrcnb Schumanns amtlicher 
Hätigfeit in 2>üffelborf mar baS infofern erschwert, als fchtiefflidj bod) 
bie nnliebfamen Crfafjrungen bort, mefjr als öielleid)t beiben ^um Se- 
wufftfein fam, bie pflege fjerjtitfjer Schiebungen in ber SRadjbarfchaft 
nnb ein Jyeftmachfett in bemSoben überhaupt erfdjwerteit. SRamentlidj 
litten baruntcr entfdjieben bie Sejieljungen ju manchen rheinifdjen 
Stollegen, oor allem jn filier, ben beibe in all biefen fahren mit 
einem gewiffen Sftifitraucn betrachteten, baS fidler, wie bie golgejeit 
bewies, in bem ©rabc nicht berechtigt war. CS erflärt fidj aber, 
ganj abgefehen üon Differenzen in rein mufifalifchen ©cjdjmadsfragen, 
oor allem auS ber Seobadftung, wie fdjitell unb fcheinbar fpiclenb 
bem weltgcwanbten granffurter auf biefetn Soben alles glüdtc, ber 
für bie Snncrlidjfcit Schumanns fein ScrftänbniS ^u haben fdjien. 
ÜRaturgentäff mufften folcfje Sergleidje unb barauS ^Reibungen fich 
bei faft jeber Serührung auf bem gemeinfamen SSirfungSgebiet i)ex> 
auSftellcu, unb bei Sobcrt unb Clara baS @cfül)l, bodj cigcnt* 



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1850—1864. 



257 



lidj in biefe SBelt nidjt jo recfjt fjineinsupaffen, oerftärfen. Sor 
allem machte ftdfj baö bemerlbar an mufifatifdjen gefttagen, 
wie bem ©äitgerfeft im Sluguft 1852, bei bem ©djumann trofc 
ferneren UnwofjljeinS f(^üe§ttcf) am 3. Stuguft feine Duoertiire ju 
©fjatefpeareä „3uliu3 Gäfat" birigierte, oJjne baß ba§ SBerf auf ba§ 
atlerbings fefjt gemifcfjte ißublifum, unb uod) baju bei fef>r un« 
giinftiger Sttufftettung beä ju fdjwadjen DrcfjefterS, einen nennend 
wetten ßinbrud gemadjt fjättc. ©djwerer wogen aber au8 naf)e= 
liegenben ©riinben bie ©rfafjrungen beö folgeitben SatjreS, bei bem 
31. niebcrrfjeinijdjen Sföufiffcft, ipfittgften 1853, wo al§ Dirigent 
filier jwcifelloä mit bet neunten ©pmpf)onie ben Sogcl abfe^og, 
wäfjrenb ©djutnann ^war mit ber D-motl-Spmpfjonie eine begeifterte 
9tufnaf)nw fanb, wie ifjm noef) nie in ben Stljeinlanbcn guteit ge* 
worben, aber mit feiner für baä geft tamponierten unb, wie er 
fjoffte unb glaubte, fo redjt au« rfjeinijdjem ßmpfinben IjerauS* 
geraffenen „geftouoertüre mit ©djlufjdjor über baS Sftjeinweinlieb", 
baS ben Scjdjlufj be§ 3. Äonjertg bitbete, feine redjte Siefonaitj 
ju Weden oermodjte. Um fo meljr fonnten iljn biefe unb ä^ttlidje 
ßrfafjrungcn oerftimnten, al§ er gerabe in feinem mufifalifdjen 
ßmpfinbungSleben ooit Slnfang an nidjt ungern, unb mit ©orliebe 
fogar, fiel) öon ßinbrüden, bie ifjm feine Umgebung jutrug, 
ju eignen ©djöpfungen anregen lieg unb als SDiufifer feineäwcgg 
fo ejdlufiö fidj bem rf)einijdjen ßeben gegenüber üerfjielt, wie er eä 
alä SDienfdj ä u tun fc^ien. gür bie erfte grofjc in $iiffelborf ent* 
ftanbene Sompofition, bie Es=bur*©ijmpl)ouie, gab ber Slnblid bc3 
•Kötner 2)onte3 bie erfte Slnregung, unb audj fonft „fdjimmern in 
ifjr woljt Silber be£ rfjcinifdjcn 2eben§ burdj" (Spitta), wie benn 
überhaupt audj, oon befonbern Sejiefjungen — j. S. ber SOteffe — 
abgefefjen, bie fdjöpferifdje SCätigfeit ©djumann8 in biefeit Safjrcn, 
trojj ber fefjt gewiffengaft unb ernft genommenen amtlichen Serufä* 
pflidjten, troj} mancher Störungen burdj Sratiffjeit unb längere 
Steifen, quantitativ gegen früher womöglich nodj eine Steigerung 

eifcmann . ölara Scfiumanr. II 17 



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258 



1850-1854. 



geigt, uttb gwar gleidjmäßig auf allen tii-gfjer bott i£jm futtibierten 
©cbieten. $afj fie qualitatib aber nur gum leit auf ber atten 
4)öfje ftetjen, ift leiber niefjt gu berfentten. Sn biefem {Rahmen ift 
e§ nidjt Aufgabe, biefen fmtftlerifdjen 3 cr f c ^ u,t S^P r0 S e & * n a ^ cn 
feinen iß^afen nadjpriifcnb fritifierenb gu üerfofgeit, würbe eg auch 
bann nidjt fein, wenn bem SSerfaffcr bie gadjfenntnig gu ©ebote 
ftänbe, über bte er nidjt berfügt. STudfj eine djrotwlogifdjc 9?cr« 
geidjnuttg ber einzelnen fiompofitionen, wie fie frühere Angaben er« 
gängenb nnb beridjtigenb fidj Woijt aug @djumann8 Zotigen geben 
ließen, fcfjeint mir nidjt angebracht. Sßofjl aber wirb cg willfommen 
fein, bie {Reflexe feiner fdjöpferifdjen Xätigfeit gu berfotgen, wie fie 
ung attß Glaraß Xagebudjaufgeidjnungen entgegentreten, bie feineg« 
wegg atleg, wag in biefen Satiren entftauben war, feftljntten, bie aber 
bag für uug in biefem ßufammenljang Sßcfcntlidje gewähren: ben 
Gittblicf in bie Stimmungen, aug betten bie bcbeutenbften bon ihnen 
erwachsen, unb gugfeich eine SJorfteßung ber {Refottang, bie fie un- 
mittelbar im engften unb Weitern Greife wedten. 

Sßott bett ftemmniffen ber fdjöpferifdjen Jätigfcit, bie aug ber 
unglittflidjen Sage ber erften SSoljnung erwudjfen, hoben wir fdjon 
gehört. Gg ift bcghalb fein Söunber, wenn erft feit bem {Robember 
1850 bag {lagebudj wieber regelmäßig über Slrbeitcn {Robertg gu 
berieten weif}*. 

9(m 16. SRobember fdjreibt Glara: „{Robert arbeitet fegt an 
etwag, bag idj nidjt weiß, ba er eg mir nidjt fagt. Sm borigett 
ÜRoitat Ijat er ein ißioloncellfougert** fomponiert, bag mir fehr ge- 
fällt unb mir befouberg fo red)t int Gellodjaraftcr gefchrieben er« 
fdjeittt" ***. 



* Sie erfte Sfrbeit in Eüffetborf mar übrigen« fdjon im September 1850 bie 
Snftrumeutßtion be« SHüdertfdjcn 9teujatjrSliebe« gewefen. SJgl oben S. 198. 

** 0p. 129. 

*** ?tnt 11. Oftober 1851 fdireibt fie barüber eingefjetiber: fpielte {Robert« 

Stiotonceflfonjcrt einmal wieber unb fdjaffte mir baburcf) eine redjt mufifaliidj 



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1850 — 1854 . 



259 



$aS „Unbelannte" ober war bie Es>bur«@bmpbonie gewefen, 
mit ber er fie am 9. Jegcmber überrafdjte. „8cb ftaunc immer", 
fdjreibt fie nacß ber erftcit Stuffüßrung in Jüffelborf am 6. Februar 
1851, „über bie Scßüpfcrfraft Roberts, — immer loieber ift er 
neu in üMobien, Harmonien, wie in ber gönn . . . Sßelcßer ber 
5 ©äße mir ber liebfte, fann icß nicfjt fagcn . . . J)er öierte jebod) 
ift berjenige, welker mir nodj am rocnigften Har ift; er ift äußerft 
lunftooll, baS f)öre id), bod) faitn icß nid)t fo rcdjt folgen, mal)« 
renb mir an ben anbern ©äßen Woßl !aum ein Jalt unllar blieb, 
überhaupt audj für ben Saictt ift bie ©ijmpßonie, oorgügticß ber 
gweite unb britte @aß feßr leidet gugänglicß." 

„<5cßöneS", beißt eS am ©ilocfterabcnb 1850, ,,ßat SKobcrt in 
biefem Saßr gefcfjaffen, noch beute baS Saßr mit einer neuen 
Cuücrtiire gut „©raut uon äWcjfina" befdjloffen." 

Senem imterit ®efeß entfprec^enb, beffen SBalten mir fd^on oft 
bei ©djumann beobachteten, bent @cfep beS gruppettroeifen SoSlöfenS 
unb ÜluSreifettS lünftlerifdjer SO?otioe in einer bfftimmten gorm, 
folgten ber neuen 0uoertiire im felbcn Saßre nod) jtoei. Jen 
17. Sanuar fdjreibt Clara: „Robert arbeitet unaufbaltfant fort. 
8eßt bot er loieber eine Duoertürc gu „SulittS Cäfar" in Slrbeit. Jic 
8bec, gu mehreren ber frfjönften Jraucrfpiele Duoertürett gu feßreiben, 
bat ißn fo begeiftert, baß fein @eniuS loieber oonüJtufil iibcrfprubelt." 
SBaren biefe — am 2. gebruar »odenbete — unb bie Duoertiire gu 
„^»ermann unb Jorotßea", bie 1851 als Überrafcbung, in gwei Jagen 
lornponiert unb inftrumentiert, auf Claras SBeißnadjtStifcß lag, — 
„was icb fo auS ber ©artitur feßen lann", febreibt fie, „fo ift fie ßödjft 
eigentümlich, friegerifdj unb anmutig gugteieß", — Wobl mit auS bem 
SEBunfcße anS Siebt gerufen, für bie Jüffelborfer 0r<ßefterauffüßrungen 



glü<flid)e Stunbe. $ic JRomantif, ber Sdjiuung, bie fgrifcfie unb ber Junior, bobei 
bie böebf 1 intereffante SBertoebung gtoifetjen C£et!o unb Ordjefter ift mirflid) gong 
binreißenb, unb bann Don föelcfjcm SBotflflang unb tiefer Smpfinbung finb alle 
bie ®cfangftetlen barin! " 

17 * 



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260 



1860 - 1854 . 



fiirgere wirfung#öolte Soweit gu fcfjaffen, fo würbe bem Sf)or in 
biefem 3:af)r mit „bcr Stofe ißitgcrfabrt" eine bantbare Stufgabe ge* 
ftettt, bei ber bem Sinter wie bent Slomponiften wobt bie ißeri 
at§ tßorbitb oorfcbwebte, bie freilich Weber poetijdj itodj mufifalifcb 
erreicht würbe. 

„Sr ob be# faft unerträglicfj ftörcnben ©affcntärm# ber unglütf- 
liefert 2Bofjnung'', fc^reibt ßtara Gnbe SJtai 1851, „tropem fcfjaffl 
er bod) foüiet be# $errlid)en! — Siefen SJtonat f)at et ein ©ebidjt 
„bcr tRofe ißitgerfatjrt" uon einem ß^emni^cr, namen# §orn, für 
Sopran, Sttt, Senor, Saft unb tteinen ß^or mit Staoicrbegtcitung 
tomponiert." 

2tnt 6. Suti würbe ber fdjöne, etwa 60—70 ißerfonen faffenbe 
fDiufiffaton ber wenige Sage guoor bezogenen neuen Sßobnung mit 
einer SJiorgenauffütjrung be# SBerfe» burdj einen ßtjor twn 24 iß er« 
fonen eingeweitjt. „Sen fienten aßen fdjieit bie Äompofition", fdjreibt 
ßtara, „fetjr gefallen gu haben. Sod) werben fie fie nodj aitber# be» 
greifen, wenn fie fie öfter hören unb ba# ©ebidjt genauer fennen* . . . 
ißräfibent uon ÜDtaffenbadj meinte, Wenn man ein SogiS mit fo fjerr« 
lieber, frommer SJtufit einweilje, miiffe e# einem bod) gut barin 
geben." Sa# fotltc ficb bewabrbeiteit, jebeitfallS übte bie Stifte 
unb ©cbaglidjfeit ber neuen Stimme auf bie Sd^öpferlnft Schumann# 
einen fidjtlidj betebenben Ginftufi an#, benn ber .fperbft biefe# 
Sabre# bradjte noch einen reidjen Gmtcfegcn, ber in ber llner« 
jcböpflidjfeit unb ber fleidjtigfeit ber ißrobultion an bie beften 
3al)re erinnerte. 

Sod) war ba# Süffelborfer 2trbcit#gimmer nur bie Stätte, in 
ber bie grudjt gefeltert Würbe; im ftillen gereift war fie unter 
anbrer Sonne, auf einer gemeinfamen Steife bureb Sübbeutfdjlanb 
unb bie Schweig, bie fie in ber gweiten £>älftc be# Suti (1851) unter« 



* mar nodj lein Srjt&ud) gebrudt, unb bie 2>id|tung infolgebeffen ben 
©äfien Oor bcr Wuffüfjrung nur einmal Borgelcfcn tuorben. 



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1850-1854. 



261 



nahmen unb bereit ffiinbrüde beiben mtöergefjlicb blieben, „ßs 
war bie fünfte Steije", fdjreibt ßlara am Schluffe, „bie Siobcrt 
mit mir gemadjt." Die ßrinnernng an fie leudjtete auch, wie mir 
nocfj hören werben, in bie graue Dämmerung beS ßubenidjer Kranfcn* 
^immerS Ejiitettt. „©djon in Sonn, als wir aufs Sdjiff fameit, bort, 
wo es »oit luftigen ©tubenten wimmelte, bcr ,f)immel fo freuublicb 
fab, ber ^fjein fo fcfjön grün, babei luftige ÜJtufif, ba würbe aud) 
er bfiter unb blieb eS." Urfprünglid) war nur eine Stbeinreife ge* 
plant, aber in 2 tfjmannSbaufen würbe bie „fübne Sbee" gefaxt, bie 
Steife bis jur franjüfifdjen ©djweij auSjubebnen. 3 Jtnn fii^lt aus 
ben Dagebudjblättern beit ißulSfdjlag einer geftcigerten SebenSfreubig» 
feit, je weiter bie galjrt nach ©üben gebt. Sin wunbcrooller 
©ommertag in öcibelberg, „baS 511 erbliden id; feljr ungebulbig 
war, b“tt e wir bodj Stöbert fo oft »on ber fdjönen $eit, bie er 
bort »erlebte, gefprodjen." Das Sieb »on ber alten Surfdjen* 
berrlicbfeit Hingt aus ber gerne: „Stöbert fanb alles wie »or alters, 
biefelben alten Käufer, noch angeftridjen wie »or 22 fahren, ben* 
fclben woblfdjinecfenben weijjen SSein, baSfelbe 93 ier am SBolfS* 
brunnen, nur bie ÜJtenfdjen nicht meljr wie bantalS! fein alter SBirt 
lebt noch, jebod^ auf bem £anbe, feine Kollegen waren alle fort, jer* 
ftreut in bie Sßelt, nur eine alte ßnglänberin, SJtabante SJticbel, bie 
bamals baS erfte §auS in ^eibelberg gemacht, befuebten wir — 
Stöbert fanb fie aber wieber mit weifjent £>aar unb recht alt ge* 
worben. SBarum fann eS nidjt mit ben üJtenfdjen fein wie mit ber 
Statur, wo alles immer wieber frifdj grünt unb prangt." Dann 
gebt’S über SabewSaben — beffeit „Kultur" mit ber föcibelbergcr Sto* 
mantif feltfam fontraftiert, „bodj gewifj auch feinen grofjen Steij bat“, 
— unb Safel in bie Schweif 3n ©enf, „fdjön aber elegant", wanbert 
man auf StouffeauS ißfabeit unb erlabt fid) an „merfwiirbig billigem 
ßbampagner — 1 */* gtcä. bie glafdjc!" Dann mit ber Diligence 
im ©ounenfebein nad; ßljamounp. Seim Gintritt in ©aüancbeS jum 
erftenmal ber SJtontblanc in »oller Sradjt, nnb in ßbantount) im 



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262 



1850 — 1854 . 



£jotel Siotjal liegt er »or itjrem gimmer, „gerabe als t)ötte if)n ber 
liebe ©ott für unS baf)in geftellt." 3fröl)licf) tauften fie bein ©eläut 
ber £>erbengloden. Seit ©lattjpunlt bilbet aber auf ber SRüdreife, 
tiari) regnerifdjer gafjrt über ben ©enfer See, ©eoetj bei burd)- 
bredjenber Sonne, „man glaubt fid) ber Grbe entriicft in eine 3auber< 
melt, fjcrrlidjcr fal) id) nie eine Statur!" Ser ©lan, über ^reiburg 
mit ben fd)mebettben ©rüdett uub im Some mit ber berrlidiften aller 
Crgeln, aber einem erbärmlid)cn Crgaitiftcn, unb Sern ttadj Sljutt 
unb Snterlalcn ju geljen, mürbe leiber burdj anljalteitbcn, ftrömcnben 
Siegen oercitclt. So fallen bie Sieifenben nur fur^ oor ©ern für 
einen ülugcttblid auS ber perlte bie Sungfrau unb traten oon ©ent 
bie Stüdrcife, bie megen ber überall ausgetretenen Jliiffe ltocfj »iel» 
fad) geljemtnt unb erfdjmert mürbe, ferneren aber banfbaren ^jer^enS 
an; am 5. Sluguft mareit fie mieber in Süffelborf. 

Slje fie fid) aber mieber bcljaglidj in ifjren oier SSänbcn jured)t* 
fanben, brad)te nodj eine am 16. Sluguft angetretene Sieife nad) 
Slntmerpen unb ©riiffet ein eigenartiges Süadjfpicl, baS feiiteSmegS 
unbebingt moIjCIfingenb genannt merben fattn. Siad) Slntmerpen rief 
Sd)umann bie übernommene ©flid)t, als ©reiSridjter in betn großen 
äliännergefangSmcttftreit feines SltuteS ju malten. „Ser ftfjredlidjfte 
oller Sage füllte l)eutc für fRobert anbredjett", fd)reibt ßlara am 
17. Sluguft. SJiit Siecht. Senn ba bie Herren fid) in ber 3 e d* 
bered)iiung »erfeljeii Ijatteu, mufften bie unglüd(id)Cit ©reiSrid)ttT 
»ott 11 Uf)r »ormittagS, ftatt bis 7 Uljr, bis 11 Uljr abenbS fifcett, 
mit nur einer Stunbe Unterbred)nng — „unb maS für fiompofitionen! 
Sie fran 3 öfifd)en ©ereitte fangen ade nur baS fdjledftefte 3eug." Sie 
Ginbritde beS folgenben SageS aber, bie fdjöne, alte Stabt, bie 
miirbige, glanjoode geiet ber ©reisoerteilung, aus ber ber Kölner 
SRännergefaitgüerein als Sieger l)er»orging, bie SiebeitSmürbigfeit 
if»rcr beutfd)cn SBirte, ber gamilie beS Kaufmanns gefter, bie 
.fiuttftfdjäfce, »or adern SiubcnS, gestreuten fdjliefjlid) bodj bie 
©Jollen, unb am folgenben Sage mürbe ©riiffel in guter Stimmung 



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1850—1854. 



263 



befugt unb alte SetjenSwürbigf eiten, aud) „baS fpa^fjafte SJitännchcn", 
gebüf)renb bewunbert. (Sin Sefud; bei Gamiüa flehet* bereitete 
Gtara eine angenehme (Snttäui'djung. „3d) freute midj fet)r, fie fennen 
$u lernen, bon ber id) fooiet gehört, unb fanb ntidj feljr iiberrafcht 
burdj itjre grojje fiiebenSwürbigfeit, in ber fie mir fo gan$ natiirlicf) 
erfdjien.“ 

9tod) ein jtoeiteS 9fad)fpiet bereitete ben am 22. Stuguft gliicf* 
tid) ^eimge!el)rten, elje fie nod) Wieber fidj redjt befonnen Ratten, 
ein SBefudj oon fiifjt mit ber gflrftin SBittgcnftein, ber, am SBorabenb 
oon ÜDfarienS ©eburtstag gelommen, eine für biefen Sag geplante 
Jftinbergejetlfchaft in alle SBinbc jerftreutc. Senn „wo ber fiifjt pin* 
fommt", fdjrcibt Gtara am 1. September, „ba ift gleich «He hö> 1§ ’ 
liehe Drbnung umgcftofjen, man mirb burd) ifjn in eine fortwäprcube 
Stufregung oerfept. . . . KadjinittagS 5 Upr fam fiifjt mit feiner (ju* 
fünftig fein fottenben ©cmaptin) ^ürftinSBittgenftein, bereit 14jäprigen 
Sachter unb ©ouücrnaitte. Sßir waren überrafdjt, in ber gürftin 
eine jiemtid; matronenartige 3 rau i lt finben, bie nur burd) ihre 
fiiebenSwürbigfeit unb ihren ©eift unb feine SMtbung, was fie alles 
im wahren Sinn beS 2Borte§ befifct, ihn feffetn fann. Sie oerehrt 
unb liebt ihn leibcnfchafttich, unb er fclbft fagte bem SRobert, bah 
bie grau eine unbefchreibtiche Grgebenpeit für ihn jeige. 9?ur bie 
Sochter, ein liebes SSefcn, tnadjt einem einen wehmütigen Ginbrucf, 
fie hat etwas ©ebriidteS, 2Mampolifd)eS in ihrem SluSfehen. . . . 
SBir mufijierten fehr Diel, zweite Shmphottie oom Robert (8hänbig), 
au§ bem Sttbum Springbrunnen unb Äroatemnarfdj, bann ben ganzen 
Äinberbaß, unb jurn Sefchlufi fpiette er ein neues iion^crtftücf unb 
einige feiner „Harmonien". Gr fpiette, Wie immer, mit einer wahr« 
haft bämottifchen Sraoour, er beperrfept baS Ätaoier wahrhaft wie 
ein Seufet (icp fann mich ni<pt anberS auSbrücfen . . .), aber ad;, 
bie .tompofitionen, baS war boep ju fdjredlicpeS $eug! Schreibt 



* «flt. ®b. I 377 f. 



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264 



1850—1854. 



einer jung fotdj geug, f° etttfdjulbigt man eg mit feiner Sugenb, 
aber wag foü man fagen, wenn ein 9Jtann nodj fo oerbtenbet ift. . . . 
2Sir waren beibe gang traurig geftimmt bariiber, eg ift bocfj gar gu 
betrübt, fiifgt fefbft fcfjien betroffen, baß wir nidjtg fagten, bocß 
bag tann man nicfjt, wenn man fo big inS 3nnerfte inbigniert ift." 

Unmittelbar aber nad) biefen, in mehr als einer ©egießung gerben 
mufifatifdjen Siffonangen forberte bie burdj bie §öf)entuft ber 
SdjWeiger ©ergriefen neu geftärfte Sdjöpferfraft ißr Siecht. Unb 
wenn bie erfte §ätfte beä SatjreS ber Strbeit für 6^or unb Drdjefter 
gewibmet gewefen war, foHte jefet auch ßtarag eigner föunftübiutg 
ißr 9iedjt werben. 

„Robert arbeitet", fdjreibt ßtara am 15. September 1851, „feßr 
fleißig eiwag 9teueg*; idj tarnt itjm aber nidjt enttoden, wag; oermute 
. jebod), eg fei ein Stiid für Staoier unb ©iotine, ßab idj red)t?" — 
18. September. „3dj batte recht oermutet, 9t. bat eine neue Sonate 
für Ätaoicr unb ©iotine** fomponiert, bod) lernte idb fie noch nicht 
fettncn, ba fie jefct beim 9totenfchreiber ift." 25. September. „Dtobertg 
neue Sonate . . . habe idj nun fennen gelernt unb bin febr ent« 
güdt baoott. 35er gange ßtjarafter ber ©onate gefällt mir außer« 
orbcnttidj, unb idj tann gar nicfjt erwarten, big Sßafietewgfi fomrnt, 
baß i<h fie mit ißm fpieten tann." 

9tm 5(benb beg 15. Cttober tarn SGBafietewgfi gurücf, am 16. 
fdjreibt ßtara: „@g ließ mir feine Üiuße, ich wußte gleich ^eute 
9iobertg neue Sonate probieren. SBir fpietten fie unb fühlten ung 
gang befonberg burch ben erften fetjr etegijdjeit, fowie ben gwciten 



* Unter bemfelben Datum ermähnt fie: „SR. bat brei (sflabierftücfe tjon febr 
ernftem Icibenfdpaftlicpen Gparafter fomponiert, bie mir aufjerorbentlicp gefallen.“ 
©emeint finb bie „®rei Spbantafieftütfe für panoforte". Cp. 111, bie nacfi 
ScpumannS Stufjeicpnungcn, unmittelbar nadp ber SRüdfepr auS ber Scptoeij not 
ber SReife naep Antwerpen entjtanben ftnb. 

** Sonate in A*mott für panoforte unb Poline. Dp. 105. 'Jiacp bem $anb« 
ejemplar: ®iiffeIborf 12.— 16. Sept. 1861. gum erftcnmal öffentlich gefpieltoon 
Slara unb Daöib in Seipjig im SRärj 1852. 



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1850—1864. 



265 



lieblichen Saß ergriffen, nur bcr britte, etwas weniger anmutige, 
mehr ftörrifdje Sa$ wollte noch nicht fo recht gehen." 

©effon am 11. Dftober aber hotte fie gefdjrieben : „Stöbert arbeitet 
fehr fleißig an einem STrio für Planier, Sßioline uitb Siolonceß, boeb 
läßt er mich burdjauS nichts baoon hören, als bis er gan^ fertig 
ift — ich nieiji nur, baß eS aus G*moß geht-'' 9lm 27. Dltobcr 
warb eS jum erftenntal probiert unb machte auf Clara „einen ge* 
waltigcn Ciubrucf". „®S ift originell, burch unb burd) ooller 
Seibenfdjaft, befonberS baS Sdjerjo, bas eilten bis in bic wilbcftcit 
Siefen mit fortreißt. 2BaS ift cS hoch .fjcrtlidjeS um einen fo 
rafttoS fdjaffenben gewaltigen ©eift, wie preife ich mid) glücflidj, 
baß mir ber .fpimmcl Sßerftanb unb §erj genug gegeben hot, biefen 
©eift unb bieS ©emüt fo ganj ju erfoffen. Oft befällt midj eine 
heiße Slngft, wenn ich Öoran benle, welch glücflidjeS SDBeib ich &in 
oot ÜJtißionen attbern, unb bann frage icß oft ben tpimmcl, ob 
eS aud; ttidjt juüiel beS ©lüdeS ift. 2öaS finb alle Sdjatten* 
feiten, bie baS materielle Sehen mit fich bringt, gegen bie greuben 
unb bie SSonneftunben, bie ich burch bie Siebe unb bie Sßerfe 

meines Stöbert genieße " 

Schon am 4. Stotiember ift neues jit berichten: „Stöbert arbeitet 
fleißig an einer jweiten Sonate für Älaoier unb SBioline**. 3d) 
brenne oor Ungebulb banadj." Stm 15. Stooentber aber Fjci^t eS: 
„heute hatten wir einmal wieber einen feiten genußreichen Slbcub bei 
uns. SBafielewSli, SteimerS, fEaufd), Sietridj, grl. Sefer, ^artmann 
unb ißrof. tpilbebranb waren bei uns, unb ba fpielte idj mit beit erften 
beibeit baS Srio in G*ntoß üom Stöbert, unb wahrhaft begeiftert 
waren wir äße. Vorher aber hotte ich m 't SSafielewsfi Stoberts 
eben ooßenbete jweite Sonate in D*moß probiert ... fie ift wieber 



* drittes Xrio (G-molI) für ^ianoforte, SJioline unb S?io(onceII. Cp. 110. 
9la(ß bem Sanbejemplar: 3)üffclborf Dom 2.-9. Cftober 1851. 

** 3toeite große Sonate für SSioline unb SManofortc D-ntod;. Cp. 121. Stach 
bem foanbcremplar: Xüffetborf oom 26. Cttober— 2. 9too. 1851. 



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266 



1850—1864. 



»on einer wunberbaren Originalität unb einer Xtefe unb <Sro^ 
artigfeit, toie idj faum eine anbrc fenne, — bag ift Wirflidj eine 
ganj übeiloältigenbe SDtufif*." 

®er Snftntmentierung »on „ber Stofe Sßitgerfahrt" galt bie§anpt< 
arbeit beg Stotiember, unb bie beg Dezember ber Steuinftrumentierung 
ber DmwlbStjmphonic**. $en 93ejc^Iu§ machte, wie fd)on er* 
nmljnt, bie Cuüertüre ju „^ermann unb Xorotljca", „mit großer Saft 
in Wenig ©tunben gefdjricben''. 

Sind) bag neue Saljr fefjicit unter günftigen Aufpizien für ben 
komponiften ju beginnen. „Stöbert", fdjreibt Klara am 1. Januar 
1852, „begann bag neue Sol)» mit einem Sßerfe „$eg Sängerg glud)" 
»on llfjlanb ... wie er eg begonnen mit pdjftcr Söcgeifterung, fo 
beenbete er eg am 6. Januar unb Spielte eg mir nodj benfelben 
Abeitb »or. Sange war idj nidjt »on einer SDiufif fo ergriffen . . . 
weit!) einen Ginbrud tnufj bieg SBcrf machen inftrumentiert!" 3?iefe 
S^affcngfreubigfcit blieb aud) in ben erften SDionaten beg Saures 
lebenbig. Am 22. gebruar fdjreibt Klara wieber: „Stöbert ift 
jejjt wieber aufjerorbcntlidj fleijjig! er ift am komponieren einer 
SDieffe unb beenbete Ijcute, nadjbcm er faum 8 Sage baran ge* 
arbeitet, bie Anlage beg Ganzen.“ 

2)ie Arbeit erfuhr aber junädjft eine Unterbredjung burdj eine 
am 5. SDiärj geineinfam angetretene Steife nadj Seipzig, wof)in eine 
Ginlabung zur Aufführung »on „ber Stofe Sßitgerfafjrt", ihn unb 
Klara jnr SDiitwirfung in einem Gewanbljangfon^ert gog; ein Sßlan, 
bamit gleichzeitig einen Abftedjcr nach SBeimar jur erften Aufführung 
beg SDianfreb ju »erbiitben, jcrfdjlug fich- 

* Spitta (Stöbert Schumann, ®tn üebenäbilb ©. 85) fonftatiert foroot)! für bai 
britte 2rio wie bor allem für bie beiben »iolinjonaten, „bie man taum ofjne 
pcinlidjc ©mpfinbung tjören lann", bie beutlidjcn Reichen ber <Srjd)öpfung. Clara 
Schumann pat baju am Stanbe ifjrcg ©jempIarS bemerft: „3)a£ !ann man bod) 
nid)t Bon ber A*mo[(--®onate unb bem 2., 3. unb 4. Safe ber Dmiott-Sonate 
jagen ? Stur ber erftc Safe ber D*moII*Sonate bat etwa« rf)t)tbmij<b Sßeinlicfeeä.'' 

** »gl. oben S. 31. 



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1850 - 1854 . 



267 



KS war baS erfte ÜM, bafj fie wiebcr ben |>eimatboben nadj 
gwcijäljrigcr ißaufe betraten, imb bic alte SDJufen«, SDiufiler« unb 
58ndjf)änblerftabt grüßte fie wieber mit bern ganzen Räuber ber 
Öeimat. „SEßir Ratten unfre ©tübdjen wie friifjer (bei fßreujjerS), 
nur bie SftactjtigaUen fehlen. Slm 93al>nfjof erwarteten unS Scnjel 
unb ©rabau, wclcfj legerer ben Dfamen „ber Quartettoatcr" (er f)at 
fic| jefct wieber ein neues Quartett fyerangejogen) befommen |at. 
Kr ift immer ber alte Kntfjufiaft unb unermüblicfj, gilt eS SOiufif. 
Söei ißreufterS Jauin angelangt, befucfjte unS gleidj Dr. gärtet 
er bleibt auefj ber alte überaus bienftfertige fjreunb! Sföandjmal fäfjrt 
er fid) wol)l gar gewaltig in bie £>aare, bod) baS tut nichts, eS ift 
nidft fo fdjlimm." ©d)öne Sage folgten. ®a würbe bei ©rabau mit 
Sabib ba£ D'-molMrio probiert, unb ber Stbftanb gwifefjon feiner 
•Siunft unb bem guten SSiflcu ber Süffclborfcr ©enoffeit wohltätig 
etnpfunbcn. Unb Dor allem, als er nad) einem „trefflidjen Siner" beim 
Surften SReufj mit Klara bie A*moll*©onatc oom Sölatt fpiclte mit „bem 
ifjm eignen oollen großen Son" unb „linrcijjeubcr ©enialität", ba 
meinte Klara, nun erft fei i|r ber eigentiimlidjc Kljaraftcr beS lebten 

©ajjeS auf gegangen, „hirj er |at un§ ent^iieft. " ?tm 14. SJiär^ 

fanb baS „Äonjert oon Diobcrt unb Klara ©djumann" ftatt, in beffen 
^weitem Seil „ber 9tofe ißitgerfaljrt" jur Sluffüfjrung fam, unb baS 
bie SDlanfrebQuocrtüre cröffnete, bie ben tiefften Kinbrucf machte — 
SOtofdieleS erflärte nad; ber ifkobe, eS fei „ ba» §errtidjfte, was IRobcrt 
gefdjaffen" — wäljrcnb bie „Diofe" etwas burdj bic Un^ulänglidifeit 
ber ©olifteit bceinträdjtigt würbe. Surd) alles aber Hang ein fo 
Warmer |erjlidjer Son, bag beiben ftiinftlern unenblid) wol)t 311 
©inne würbe. Sind) oon auswärts Ijatten fid) wieber greunbe 
eingefunben, Sifjt unb Soadjim aus SBeitnar, ißofjl ans SreSben, 
33ieinarbuS auS U3cr(in u. a. Unb fo gab’S bann am fotgenbcit 
Sage ^auSmufif im ©djumannfdjen Quartier: ,,id) fpieltc Sifjt 
Roberts G»moH*Srio tior, unb bann fpielten wir SOfenbelSfoljitS 
ficrt)änbigeS Slllegro unb auS bem üllbum einiges. 3)aS 5Ulegro 



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268 



1850— 1864. 



war furchtbar anjuhören; bie jungen Seute aber, bereu biete ba 
waren, waren ganj entlieft! fiifjt am Slabier, Wenn er animiert 
ift, ift wof)l ein genialer Anblid, aber eben nur ein Anblid war'S. 
9Jhtfif nidjt mefjr, foubern wie bämonifdjeS Saufen unb 23 raufen." 
Unb jwifchcn bett groben jutn Stbonnementgfonjert jagten fid) bie 
mnfifalifdjen Seranftaltungen in ben greunbeStjänfern, fo baß fte 
manchmal ba§ ©efü^t Ratten, „faft tot gemacht ju Werben mitSJhifif", 
befonberS beim atten SKofdjelcS. Glara jpiette bent alten §erm 
jur greube feine Sonate für SiolonceK mit ©rabau jufammen. 
„9J?an erjäfjlt f)ier bott biefer Sonate, baß fie 9RofdjeteS an 60mat 
mit ©rüjjmadjer, lOmal mit ©rabau, Wohl 20mal mit ®abib ge* 
fpielt habe, unb tönne er niemanb tjaben, fo fpiele er fie oier* 
ßänbig mit feinen Jöd)tern", berietet ba§ Jagebuch , unb auch 
biefer Jon gemütlicher SDicbifance barf in bem Stimmen* unb Ion* 
gewirr jener fieip^iger Jage nidjt fehlen. J)a8 ©ewanbljauSfonjert 
am 18., in bem Clara SRofdjeleS’ G*moH*Sonjert fpiette, „ein fdjöneS 
Stiid, ba§ feineSwcgS fo balbigeS SScrgeffen berbient", würbe getränt 
burdj eine wohtgetuugene Aufführung ber Es=bur*St)mphonie — „ba£ 
ttang boch anbcrS als in Jiiffelborf — fdjon ber Slang ber 3n> 
ftrumentc" — , bie mit „wahrem (SnthufiaSmuS* aufgenommen würbe, 
dagegen fchien in einer SSohttätigfeitSmatinee am 21. ba§ ^ublifum 
weber recht für bie A<moü*Sonate nocfj für baS G*motl*Jrio ju er* 
wärmen. Alles in allem aber waren eS freubig bewegte Jage, bie 
in einem Stänbcf)en, ba§ bie Sonferbatoriften bem Siinftlerpaar am 
Abenb bcS 21. brachten, fjartitonifcfj auSflangen. Am fotgenben 
30?orgeit warb bie ^eimreife angetreten mit fdjwerem ^erjen; bor 
allem warb ihnen ber Abfdjieb bon bem treuen Dr. SRcuter fchwer, 
fie wußten, eS war ber leßtc, feine Jage waren gewählt. Seiner 
aber boit all ben jungen unb alten 5 re “nben, bie fich in biefen 
Jagen ju ben 9Jiorgenmufifeit im $ßrcußcrfd)en $aufe cinfanben, 
ahnte, baß bieS aud) SdjumannS lefjtcr Abfdjieb bon feiner alten 
Heimat war. 



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18ö0 — 1864. 



269 



@tn ©lief in Seßumanng ÄompofitionSberaeidjniS lefjrt, baß nadj 
ber Siütffeßr öott Seipjig bie fdjöpfertfdjc Sätigleit nidjt iit bem« 
felben Scittpo unb Umfange aufgenommen mürbe. 2) er ©ollcttbung 
ber üDfeffe mürben bie testen Sage be 8 SDlärj gemibmet. 3 m Stprit 
roarb au§ tiermanbten Stimmungen fjcrauä baä lateinifdje Requiem 
(Cp. 148) gefdfjaffeit (beffen baä Sagebudj merfmürbigermeife nicf)t ge» 
benft) ; im 3 uni ber ©aüabenjpfluä oom ißagen unb ber ÄonigStodjtcr 
begonnen, jebod) in ber Snftrumentation erft 6 itbe 2 luguft bcenbigt. 
3u äBeüjnadjten 1852 melbet baä Sagebudj: „Slobert befdjenfte 
midj mit Siebern naef) Sejten ber iöiaria Stuart*, fein erfter Storn« 
pofitionSöerfudj feit tanger Q eit mieber." 

S)ie ©riinbe für biefeä SRadjlaffen lagen junt Seil in Ijäuslidjeu 
©erljältniffen. 3m Stprit Ratten fie ifjre freunblidje unb befjagtidje 
29ol)nung megen ©erlauf be§ .fpaujeä räumen miiffen unb maren 
bann in ber SSal)l ber neuen, in ber £>erjogftrafje, ganj braußen, 
gelegenen, fefjr unglüdlid) gemefen; auf ber einen Seite üBanb an 
SSanb eine engtifdjc gamilie, beren Sprößlinge ben gangen Sag 
ba§ Älaoier mißßanbelten. Sille Sitten, auf bie 9iufje beä 9Jlcifter§ 
fliücfficfit ju nehmen unb baä Snftrument in einem aitbern 9iaum 
aufguftellen, fließen auf fdjroffen SBiberftanb biefer mufilatifdjen 
gantilie. Stuf ber anbern Seite ein Neubau, in bem »on friil) biä 
fpät .fjanbmerfer lärmten, unb bagu bor bem .'paufe bie ißflafterarbeiten 
ber nenangclegten Strafe. maren gerabegu üergmeifelte ßuftänbe, 
unb e§ marb baßer al§ eine grlöfung begrüßt, als es mit großen 
Opfern fdjließlidj gelang, ben Äontraft gu löfen unb für ben SBintcr 
menigftcnS eine ißnen in jeber Segießung gufagenbe Sßoßnutig in 
ber Sillerftraße gu fiuben. 

S)ie §aupturfadje aber mar 9iobert§ ®efunbßeit 8 guftanb, ber 
feit bem Slnfaitg Slpril 1852 anbauemb oiel 31 t münfeßen übrig ließ. 



* ®cbid)te ber Äßnigttt 9Jtaria Stuart für eine ©ingftimme mit Begleitung 
be8 $ianoforte. Op. 135. 



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270 



1830—1854. 



3undcf)ft f^icn eS ein r^emnatifcfjeö ßeiben ju fein, bas ifjm nament« 
lief; nacfjtä beit Sd)(af raubte unb offenbar and) auf feinen ©emiitS» 
gnftanb ftarf einroirfte. (Rad) oorübergefjenber (Befferung im 2Rai 
trat Stnfattg Suni eine neue (Berfdjlimnterung ein, bie cS if)m uit« 
mögtiefj machte, ber erften Sluffüfjrung bcS SRanfreb in Seimar bei» 
jumoljnen, rnaS aber oietteidjt ganj gut mar, benn fdjmertid) mürbe 
er an ber ßifjtfdjeit Stuorbnung, im 3tt>if(f)enaft (Ridjarb SagnerS 
gaufbDuoertüre fpiefeu ^u (affen, ©efdjitiaif gefunben f)abett. Sitt 
Srf)oIung3aufentf)a(t am (Rfjcitt (oont 26. 3uni bi? gum 6. 3u(i) 
in ©obeSberg, mit Dielen (ttuSflügeit in? ßlfjrtat unb Dor allem 
in? Siebengebirge, fdjicn bei einem roanbetfoä frönen Sonirnermetter 
anfangs Stärfung unb griffe bringen ju foKeit. 2(ber gerabe biefe 
beftänbig über bem (Rf)einta( brüteitbe blenbenbe §ifce, baju offenbar 
fefjr unoerftänbige SebenSmeife ((äuge Säuberungen in ber Sonnen» 
glitt) fteigerten baS fürpertidje unb feetifefje Unbehagen Schumanns 
fo fef>r, bafj er am 2. 3uli auf einem 2Ibenbfpa$iergattg am (Rljein» 
ufer nad) (ßlitterSborf eilten neroiifen Ätampfattfatt befant, ber fie 
gmit frfjleunigcn 2tufbrud) unb jttr (Rucffef)r nad) Jüffelborf Deran« 
(afete. Jrübe Jage folgten. 3 roar (ragten (Rfyeinbäber, auf 
Dr. S^iitterS (Rat, mic in früherer ßeit Dorübcrgcfjcnb Sefferung, aber 
Silbe beS üRonatö Derfdjtedjtcrte fic^ fein 3 u ft a itb mieber. „(Robert 
ift fdjrccflidj I)cimgcfudjt ooit f)t)pod)onbrifd)en ©ebanfen", fcfjrcibt 
Slara ant 21. 3u(i, „Dr. ÜRiitter bendjigt ttticfi übrigen? gan^ über 
ifjit, benn e? fei nur ein Unmoljtfein in Jolge großer 2(nftrcitgungen, 
ba? fid) aber nad) unb nad; mieber Derlicrcit merbe. 3e^t ift c3 
aber int Steigen, benn e§ mirb faft täglich fd;(immcr." 

3n biefe 3^ fiel ba§ früfjer ermähnte Sängcrfeft, unb eS er« 
fdjien au3gcfd)(offen, baß Sdjiimann, mie er oerfprodjett, in betn einen 
Äon^ert mürbe birigiereit foulten. 2(m 30. 3u(i mar bie (ßrobe, in 
ber nad; Sßcrabrebung Jaufd) Schumann oertreten foflte. „Sir 
gingen aber bud) am ßlbenb f)in, um menigften? bie Scifar-Cuüertiire 
jU (jörcit. 2((§ aber (Robert f)örte, ba ergriff i()n ber Äomponiften» 



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1850-1854. 



271 



entßufta8mu8, uttb er birigierte fie fclbft." ftnfolgebeffen öerfcßlim» 
inerte fidj aber fein Sefinben wieber fo, baß er bie auä Slnlaß beä 
$cfte$ jaßlreicß Oorfprcdjenben SBefudjer tiidjt feßen unb fpreeßen 
formte, Sroßbem ließ er fid) für baö So tigert aut 3. Sluguft ben 
Sommanboftab nidjt au§ ber ftanb roinbert. „Stöbert naßm beute 
alle feine Kräfte gufamnten, aber mit größter Slnftrengung"*, fdjreibt 
Clara, „birigierte bie beiben Duüertüren oon Sectßooen unb feine 
eigne." 

„Sie näcßfte 3eit war eine reefjt traurige für un§, benn mein 
geliebter Stöbert litt oiel unb id| mit ißm. Dr. SJtüHer will un§ 
in ein ©eebab ober Saltwafferanftalt feßiefen. ÜJteine ©djwefter 
(SJtarie SEBiecf) fönnen wir gar nicht unterhalten, benn idj »erlaffe 
Stöbert nicht, unb ihn greift jebe Unterhaltung an**. Sie näcbften 
Sage oerließ id) Stöbert wenig, enblich am 12. Sluguft faßten wir 
ben SBefchluß, nach ©eßeoeningen in§ ©eebab gu gehen. 3d) paefte 
unter mancherlei Sümpfen, beim Stöbert behauptete, bie Steife nidjt 
rnadjen gu tonnen." 

Sie ©cebäber taten ihm entfeßieben gut; ba§ Sagebuch weiß 
oon fortgefefster ©efferung gu berichten, auch oon Strbeitäfuft unb 
ffreubigteit. „Stöbert arbeitet mit |>eiterfeit an ber Sallabe", feßreibt 
Clara am 5. ©eptember. SEBenige Sage fpäter füllte fie freilich ißm 
eine großen ©eßreef bereiten burdj eine oorgeitige Stiebertunft, bie 
offenbar bureß bie auf Slnratcn eines bortigen SlrgteS genommenen 
©eebaber oeranlaßt war. Stoßbein fdjritt bie Sefferung oorwärts, 
unb auch &iara erholte fieß fdjitell unb ftanb fdßon nach wenigen 
Sagen wieber mit bewuttberungSwürbiger ffrifeße unb Sapfcrleit auf 
ißrem fßoften. 

Slber wenn fie audj erßcblicß leichtem fpergenS SJtitte ©eptember 
wieber ßcimteßrten unb bantbar bie ©eßaglicßfeit ber tn ißrer 

* „traurige {Ermattung meiner firäftc", notiert Sdutmann felbft am Morgen 
bc3 JageS. 

** „Saniere fieibenSgeit", notiert Sdjumann am 9. Sluguft. 



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272 



1850—1864. 



^tbroefenljeit eingerichteten neuen SSoIjnung empfanben, — „Stöbert* 
gintmer ift fef)r freunblidj unb ftiß gelegen, fo bajj er tüte in einem 
Stäftdjcn fifct ... bie größte Slnneljmlichfeit ift nod) bie, baj? ich 
mein ©tubier$iinmer im jmeiten Stocf ljabe, too Stöbert nidjtS bören 
fann. ßiutt erften SJtale nach unfrer Sßerfjeiratung treffen mir es 
fo glüdlidj!" — fo füllten bodj bie Sorgen, gerabe aud) um Stöbert* 
©cfunbljeit, junädjft itodj nidjt auffjoren. „®iefer SJtonat enbete 
noch immer in 2eib, beim Stöbert befanb fidj gmar toiel beffer, ober 
hoch nod) fel)r angegriffen." Sind) SDtitte Oftober medte ein 
©chminbclaufatl neue öefürdjtungen, bie aber, mie eS fdjeint, bet 
Slr^t als nidjt bcrcdjtigt gelten taffen mollte. So nahm benn and 
Schumann ©nbe Stooember feine Xätigfeit als Dirigent mieber 
auf, unb für bie nädjften ÜJtonate befferte fich fein öefinben 
fehenbS, menn aud) fdjott um biefe $eit gelegentlich jene ©ef)örS» 
täufdjungen aufgetreten fein muffen, bie nachmals fo qualooll 
tuurben*. 

ßlara hatte an ber neuen SBoljnung als befonberS erfreulich bie 
Sage ifjreS Stubier^immerS in einem anbern ©todmerfe herüorgehobeit, 
bie iljr baS SDtufijieren ermögliche, ohne ihren SOtann ju ftören. 
latfächlich hatten in biefen ®üffelborfer Saljreit unter ben uugünftigen 
häuslichen sycrljältniffen ihre eignen SJtufifftubien , üom ©tunben« 
geben abgefehen, cntfdjieben mcljr als früher gurüdfteljen muffen, 
freilich ber fidj üergröfjernbe ^auSljalt, bie heranmadjjenbcu Minder, 
ein neuer Slnföntmling, bie üierte Tochter — ©ugenie, am 1. 2>e< 
jember 1851 geboren — hatten auch ih ren oft mit Seufzen unb ftillen 
Iränenfonftatierteu Slnteil an biefen unmittfürlidjen (Einengungen ihrer 
fünftlerifdjen Xätigfeit gebradjt, aber cs mar hoch mol)t fein gtifalh 
bafj ttadjbem fie bie Stadjmirfungen jener ©djeoeninger Mataftrophe, bie 
ihr im Stooentber unb SJejcmber eine abfolute ©djonung auferlegten, 



* Schumann notiert am 21. Stooentber: ,,93cjucf) oon Ritter. SKerfttmrbige 
®et)ßrSafjeftioncn." 



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1850—1854. 



273 



glücflicf) überwunden, mit bcm Seginn beS neuen 3af)reS in iE) rem 
neuen Stubiergimmer eine ungteid) intettfioere mufifatifd^e Xätigfeit 
begann als in bcn Sauren guoor. „.jpeute", heißt eS am 9. Sanuar 
1853, „fing id| auch endlich wieder an, gu ftubicren. SSenn ich 
fo redjt regelmäßig ftubieren fann, füEjle icf; mid) bod) eigentlich erft 
wieber fo gang in meinem Gtemente; es ift, als ob eine gang an« 
bre Stimmung über mid) tarne, oiel leichter unb freier, unb alles 
erjdjeint mir Weiterer unb erfreulicher. ®ie ÜDtufif ift bocf) ein gutes 
Stücf oou meinem Sehen, feljlt fie mir, fo ift eS, als märe alle 
förderliche unb geiftige Glaftigität Bon mir gewichen." 9lud) in ben 
folgenben SJtonaten ift wieberholt Bon eifrigftem Stubium unb Bon 
bcr greube barait bie Stebe, bie gelegentlich wol)l burch eine tabelnbe 
Venterfung beS geliebten SJianneS gedämpft wirb, aber immer wieber 
Bon neuem auflobert. 3ft eS bie StuSficfjt auf bie fd)on fo oft ge« 
plante unb ebenfo oft, weil fie nicht bagu fäljig ift, Berfchobene Steife 
nach ©nglanb, bie fie fo anfeuert, finb eS Bieöeid)t bie Grfolge ber 
jungen SSilljelmiue GlauS, bie mit Schumanns Quintett in ißariS 
Triumphe feiert? „Stöbert fchrieb heute einen liebenSwürbigen 58 rief 
an SBilhclmine Claus", melbet baS Sagebudj Bom 9. Slprif 1853, „nad) 
'fkriS; ich war aber betrübt, baß fie eS fein muß, bie guerft in 
EjkriS unb Sonboit StobertS Sachen Borführt, wäßrenb hoch gewiß 
oor allen anbern mir baS gugefommen wäre!" 

Sicher fpradjcit auch biefe Stimmungen unb Stimmen mit; aber 
cS ift hoch nicht bloß bie Virtuofin, bie fich nad) neuen Aufgaben 
unb neuer Üätigfeit fcfjnt, eS ift audj ein Stiid innerer SJtufif, was 
ba plöfclid) im 3nnem wieber gu fingen unb gu fliugeu anfängt nad) 
langet fßaufe. 

„fieute fing ich fett Saßren gum erftenüJtale wieber . . an, etwas gu 
fompoitieren; b. h- ich tuiH bem Stöbert gum OeburtStag ein ühema 
auS ben bunten Vlättern Bon ißm mit Variationen bearbeiten ; eS wirb 
mir aber feßr fdpuer, — id) habe gu lange paufiert", melbet am 29. SDtai 
baS Tagebuch unb am 3. 3uni bie Vollendung: „wie mir fdjeint, 

Sifcmann, Slara ®<$umann. II. 18 



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274 



850—1854. 



nidjt mißlungen" *, mtb nun finb auf cinmat aße Singoögel >»ieber 
lebenbig unb fingen ben gangen Sommer lang. „2 Sieber »on 
Hermann Stoßett au§ „Sucunbe" fomponiert", melbet fie am 10. 3uni. 
„(Sä macßt mir grofjcä Sßergnügen baä komponieren. Sötern tefcteä 
Sieb ßab id) 1846 gemadjt, atfo oor 7 Saßren!" unb am 22.: „i(ß 
ßabe ßcute baä fedjfte Sieb non Stoßett fomponiert unb fomit ein £eft 
Sieber beifammen, bie mir gnmbe machen unb feßiine Stunben »er« 
fdjafft ßabett. ... (Sä geßt boeß nießtä über baä Setbft probugieren, 
unb märe eä nur, bafj man eä täte, um biefe Stunbcn beä Sclbft* 
»ergeffenä, roo man nur nod) in hinten atmet" unb am 29. 3funi: 
,,id) ßabe nun 3 ktaüierftücfe beenbet unb miß jeßt einige au ^ ! 
rußen." Stber feßon am 8. 3uli melbet fie bie kontpofition eines 
neuen Siebeä „öoetfjes SBeitcfien", oßnc Stßnung »on Sötogartä kom* 
pofition, fie muß fidj bafür »on Stöbert auäfadjen taffen, bemerft 
aber »ergnügt: ,,bod) meine kontpofition gefiel iß nt". Unb im 3uli 
entfielen nod) brei Stomangen für ktaoier unb SSioline. 

Unb eine kreppe tiefer ift audj Stöbert toicber in »oßfter feßöp* 
ferifefjer Arbeit, ebenfaßä feit ^Beginn beä Saßreä (1853). 2)er Arbeit 
an ber ktaoierbegteitung gu beit S3acßfdjen Stiotinfonaten folgt im SDfärg 
bie kompofition beä »on §afeitcfe»er bearbeiteten „@tüdä »on (Iben* 
ßaß", bie 6 tarn im Slpril mit 3ubet begrübt. „$aä @ange atmet 
«lieber einmal eine fließe, bie ßinrcifjcnb ift" ; boeß niemanb fömte 
eä fo empfinben wie fie, „bie icf) mid) »or aflem bureßbrungen füßle 
»on ber Oeniatität unb ber Söteifterfdjaft Stobcrtä unb get»iß be* 
Raupten fann, bafj gum roenigften niemanb ißn beffer »erfteßen 
fann atä icß." Stn bie „9tßeinIieb*Duttertüre" im Stprit reißt fieß 
im 3uni bie Arbeit an „6 ktaoierftücfen, in gugenform** ge* 
feßrieben. (Sigentlicß finb eä orbentlitße trugen, aße gang eigen* 
tümlicß! Stiere feßr melandjolifcß, gtoeie aufjerorbcntlicß energifdj." 

* Taö Wamijfript trägt bie Sufidjrift: „Weinem geliebten Wonne jum 
8. 3mt' 1853 bie(er fdjttmdjc Siebcrccrjud) »on feiner alten Klara." 

** gugtjetten für ifjianoforte. Op. 126. 



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1860 - 1854 . 



275 



ißerfelbe Sunt geitigt nod) eine ©abe für bie Stinber „$?inberfonatcn", 
„für fpiefenbe Äinber, tote e3 too^t feine gibt", bcmerft ßlara, bie 
bafjer audj in „SKaoierfonaten für bie Sugenb" umgetauft mürben, 
bcn brei Södjtern gemibmet. 

SDtitten in biefent fingenben unb Hingcnben (Sommer marb am 
8. Suiti SdjuntannS ©eburtStag — ber lefjte mit beit Seinen — 
gefeiert. SJtan fuf)r mit bcn Sitnbern natfj Sknratf) im Sagen unb 
roanberte non ba nacf) ©Her in bcn parfartigen Salb, „mo es 
mirftidj mar, als ob ber liebe ©ott bem Robert aud) nodj ein 
Stänbdjen bringen mollte,* benn eS mar ein magres Sßalbfongert 
non allen möglichen Keinen Sängern. 3tf) fjätte mögen ftnnbentang 
f)ier o erweitert! StbenbS oerbracf)ten mir nodj gattg gemüttid) gu 
§auS unb roaren redjt freubigen $ergen3, bafj Stöbert fo mofjt unb 
nergnügt ben Sag oerlebt, ma§ norm 3af)r leiber nidjt ber galt 
mar .... SDtufi man ©ott immer banfen, menn man Reiter an 
Körper unb ©eift fein fann, fo füfjlt man fic^ an folgen gefttagen 

boctj hoppelt battfbar bafür SßaS bie $ufunft bringen fann, 

nun baS müffen mir bem Ipimmel anfjeimftetten ! £>eute miß id) 
nur battfbar fein für baS ©ute, maS uns gemorben ift", fdjreibt 
ßtara am Slbenb beS SageS, unb feilt Sölfcfjen erfpäljt it)r Stuge 
am ^pinttncU 

Slud) in bett fotgenben Soeben ftingt, troftbem eS an 
einzelnen Sarttungen — am 30. 3uli bei einem ®efucf) in 
Sonn ein 3(nf alt, ben Sdjumann gunädjft für einen Seemen* 
fcf)tag f)ielt, ben ber Slrgt aber bentfjigenb als ^ejenfcf)it§ 
beutete; am 30. Sluguft nadj fefjr angeregten, aber aud) fef)t 
anftrengeitben mufifalifdjen Sagen abenbS plöfclid; eine „fonber* 
bare Sprad)organfd)mäd)e" — nidjt fehlte, biefer fjeitere, jautfi- 
gettbe Son burdj ben gangen Sommer fjinburd), niefjt nur in 
Klaras Slufgeidjnuttgen, fonbern aud) in SdjumannS furgen Stetigen, 



* 8m SSorabenö Ijatten greunbe ein ©tfinbdjen gebradjt. 

18 * 



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276 



1850-1854. 



bie namentlich im Sluguft immer mieber „heiter", „greube" als 
Stimmung beS SageS üertnerfcn. 

„Robert ift fo Reiter, baß ich mich wahrhaft an ißm erheitere", 
fcßreibt Clara am 10. September, jroei Sage oor ihrem 14. fwd^eitS« 
tag. Saß biefer unb ißr barauf folgenber ©eburtstag unter biefen 
fdjeinbar fo glfidlidjen Slufpijieit erft recht als grcubentage gefeiert 
mürben, mar nur ju natürlich- „Sann ein hodjjeitstag rnoßl fcfjoner 
fein", fdjreibt Clara, „als mit einem geliebten unb liebcnben ÜDtaun 
jur Seite unb fecßs muntern, mohlgeftalteten Sinbern um uns! 
Sanierfüllt ift mein §erj für all bcn reichen Segen — möge uns 
ber §immel noch lauge bieS ©litd erhalten!" Ser eigentliche geft* 
glait^ fiel aber auf ben folgenben Sag. Schon oorher hatte ißr 
Nobcrt mitgeteilt, baß er eine fjiobSpoft belommen habe, ein ©cfdjenf 
fei auSgebtieben unb lomrne erft am nächften Nachmittag, fie müffe 
ficß bahcr folaitge gebulben. „SaS mar", fchreibt Clara, „infofern 
eine ©ebulbSprobe, als ich barauf brannte, bie „beroußtcn ©eburtstags« 
nüffe enblich fnacfen $u bürfen" (b. h- feine neuen Sompofitioncn 
cnblich ju feßcn unb $u empfangen). „Nun, ich ftetlte mich 9 an i 9 «* 
bulbig." $Bom Sage felbft berichtet baS Sagebuch : „herrlicher 
Niorgen, bas munberöollfte SBetter unb Noberts heileres ©efidjt 
leucßtete orbentlidj! ich konnte mir bodj gar nicht benfen, wa» er 
oorhabc. Sas mar ein ©eflüfter mit Sietricß, bann tief er fort, 
fam toieber, lurj cS märe ein SSuttber geroefen, ba nicht neugierig 
5 U werben." .... Um 12 Ußr fuhr man nad; bem geliebten SBenrath- 

„9ltIcS war reeßt innerlich jufrieben, nur auf Noberts Stirn 

fpielteu zuweilen S chatten, wenn idj j. ©. etwas äußerte, woraus er 
glaubte, entnehmen ^umüffen, ich aßne etwas oott feiner Übertafdjung.“ 
Siefe aber mar ooUftänbig, benn als fie um 5 Ußr mieber in ber 
93ittcrftraße anlangten, fanb fie „in ber SNitte ber Stube einen mit 
©turnen oerjierten glügel, batjinter jroei Samen unb gwei herren, am 
glügel felbft grl. Sßen (auS Slugsburg, Schülerin oon Clara), unb 
im Slugcnblid meines CintretenS ßngen fie an gu fingen, unb was 



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1850—1864. 



277 



fangen fie ? baSfelbe ©ebicßt, wetdjeS mir Robert oor 13 Saßren*, 
als er mir ben |>ärtelfcßen glüget fcf;enfte, gebietet, jefot non il;m 
fomponiert. Unb bei allebem af)xtte icß rtocfj immer nichts t>on feinem 
großen ©efeßenfe! icß glaubte, ber gliigel fei nur 311 m Singen t»on 
ÄlemS ßergefcßicft. Äurg unb gut, mar je eine überrafeßung gelungen, 
fo war cS biefe. greube unb Streif überwältigten midi ganj, als 
eS mir Stöbert fagte, baß ber glüget mein fein follte — ©eßreef, 
weit cS mir ein ju großes ©efeßenf war ... für unfre SBerßältniffe 
ju loftbat .... boiß baß icß ißn braucßeit fomtte, ift waßr, unb 
Stöbert maeßte mir baS ©efcßenl mit fo glücffeligem ©efießte, baß 
enbtieß bod) bie greube ben Scßrecfett befiegte. 2 öaß icß nun aber 
auf bem glügcl liegenb fanb, baS erfüllte mieß waßrßaft mit 2 Beß= 
mut, beim eS war boeß beS ©liicfcS gar ju oiel! S)ie grüeßte feines 
raftlofen gleißcS waren eS. Sin fionjerbSltlegro mit Begleitung beS 
OrdjefterS, für mieß fomponiert**, beSgleicßen eine ^ßßantafie für 
Violine mit Drcßefter*** (für goadjun fomponiert) unb Duoertüre $u 

„gauft", Partitur, ^wei* unb oierßänbiger ftlaoierauSjug icß 

tann eS nießt fo auSbriicfen, wie icß füßlte, aber mein .fperg war er« 
füllt oon Siebe unb Bereßrung für Stöbert, unb 35anf bem fpimmel 
für baS ßoße ©liicf, womit er mieß überfefjüttet. SS . Hingt oielleicßt 
übermütig, wenn icß eS fage, bod) ift eS benn nießt waßr, bin icß 
nießt baS glüdticßfte SBcib auf ber Srbe?" .... 

SlbeitbS, als bie ©äfte fort waren, faßen bie beiben noeß lange 
gufammen unb mufijierten, „alle bie neuen Sacßen" würben auf 
bem neuen Flügel burcßgefpielt. 

„Sßerner giiße Staufcßen oerneßm icß!" 

Stber fie »etnaßmen eS nießt! 

* 9lm 4. 3uti 1840, togl. S3b. I ©. 425 f. 

** Jtonjerb'XlIcgro mit gutrobultiou für baS panoforte mit ^Begleitung 
b«S CrdjcfttrS. Op. 134. 

*** Dp. 131. 



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278 



1850—1854. 



„gür Soadjim fomponiert“ mar eine ber ©eburtStagSgaben. 

JaS war ein freunblicfjer 9?acf)flang beS ÜJiufiffefteS 1853, bae 
mit nieten erfjebenben unb begeifternben Ginbrücfen als größtes, alten 
Jeilnehmem unoergeßtich, am 3. Jage, am 17. 9Jiai, baS Scethoüenjcfie 
SSiotintonjcrt, non Soadjim gefpiett, gebraut hatte. „Soadjim mar 
bie Srone beS 2tbenbS", fdjrieb bamatS Glara im Jagebud). 
„fpaben wir attbem auch mot}l Seifall gehabt, würbe auch mir non 
feiten beS CrdjefterS nach ^Roberts Steigert ein Sorbeerfraitj unb 
großer Scifatt non fßubtifumS Seite, fo errang bodj Soadjim mit bem 
t8eetf)o»enfd)en Sondert beit Sieg über unS alte — er fpiette aber audj 
mit einer SoHenbung unb einer fo tiefen tßoefie, fo gan$ Seele in 
jebem Jöndjen, mirKid) ibeatifd), baß i<h nie foldj SBiotinfpiet ge> 
hört, unb ich !ann wobt fagen, nie oon einem IBirtuofen fotcb einen 
unvergeßlichen ©inöruef empfangen habe. Unb wie würbe baS 
geniale SBerf begleitet, mit Welcher SSollenbnng! ©3 war, als be> 
berrfebe baS gange Drdjefter eine heilige ?lnbacht." 2lm folgettben 
Jage hatte er in Keinem Streife nodj mit Glara jufanuneit 
Schumanns A=moll=Sonate gefpielt, „fo wunbernoU, baß mir baS 
gange SBerf nun erft rcdjt bett Ginbrucf gemacht hat» wie ich eS 

immer gebadet hotte Sch mag jefd an feine anbre SSioline 

benfen." „3ebocb nicht allein als Stiinftler haben wir Soadjim er» 
fannt, fonbent auch als liebenSWürbigen, eiht bcfcheibenen ÜKenfchen. 
©r hat eine 9?atur, bie, um genau gelaunt gu fein, eines nähern 
unb langem Umgangs bebarf, wie baS ja eigentlich woljt bei allen 
auSgegcidjneteu SKenfdjen ber galt ift!" 

SBon biefen Jagen an batiert jene greunbfehaft, bie Sdjumann 
bis in bie festen lichten $D?omcnte feines ScbcnS ein ungetrübter Duell 
ber Jreubc fein follte unb bie Glara in nie öerfagenber, im großen 
Wie im Keinen ftets fidj gtcidjblcibcnber Jreue burch mehr als 
tuergig Safjre begleitet hat- 

2US ob fie eine Slljnung hätten, baß jebe üliinute foftbar fei, 
warb in ben folgeuben ÜKonatctt jebe GJelegenfjeit wahrgenommen, 



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1850 - 1854 . 



279 



int persönlichen SBerfefjr bie ©egenwart auSjunufcen. 91m 4. 3uni 
hatte Joachim feine fpamletCuoertüre gefanbt, bie bnrch bcn „tiefen 
KompofitionSernft" bie ^reunbe zugleich iiberrafcfjte itnb erfreute. 
2tm 28. Stuguft war er felber gefommen, um bie testen Sage 
feinet Urlaubs mit ihnen ju oerbringen, unb „Soadjint wunber« 
ooll" „Soachint alles bcjaubernb" „5rül) unb abenbs mit 3oad)im 
mufijiert. Sdjöite Stunben" notiert Schumann in feinen Sagebuch» 
notigen oon bicfem 3ufammenfem (oom 28.— 31. 3luguft); unb Clara: 
„Stöbert war aujjerorbentlid; h e iter." »Äm 23. September fd)rieb 
ich morgens einen Mahnbrief (um Antwort auf eine an ihn er» 
gattgene Ginlabung) an Soadjim, hoch faum hatte ich ih n öoHenbet, 
fo trat er felbft, feine Antwort bringenb, ins 3 immer (auf bem Söege 
jum Karlsruher ÜDtufitfeft) unb blieb beit ganzen Sag fjier. SBir 
mutierten oiel, üor allem war eS ein herrlicher ©enufj, StobertS . . . 
ißhatttafie für Sßioline oon ihm ju hören, unb er muhte fie unS 
breimal fpielcn . . 3 um ©djh'fi Spielte er nod) einmal bie A«moll» 
Sonate, „fo tief ergreifenb, baff eS einem an bie intterfteit Saiten 
beS .fjerjcnS fdjlug; fo hatte ich eS mir wohl immer gebacht, bah 
«S Hingen muffte, aber nie gehört." 

giir Clara ging fonft biefer SDtonat, ber unter fo glütflidjen 
3tufpijien begonnen, in trüben ^Betrachtungen $u Gnbe. SBieber fah 
fie bie für biefett SSinter fidjer in SluSfidjt genommene Steife nach 
Gnglanb burdj neue SJhitterfjoffnungen oereitelt. „SDteiite lebten guten 
Oahre gehen hin, weine Kräfte auch — gewifj ©runb genug, mid; ju 
betrüben. ... 3d) bin fo entmutigt, bah i<h cS 9 a r nidjt fagen fanit." 

Sie ahnte nicht, bah biefer Kummer oon allem Sdjmctett, baS 
ihr baS Seben noch befcheren füllte, ber am leichteften ju tragenbe 
war, bah fie erft an ber SdjWetle ihrer eigentlidjen Kiinftlerlauf» 
bahn ftanb; ebenfowenig freilich, bah biefe Schwelle über ein ge» 
liebteS ©rab gehen füllte. 

8ber noch etwas anbreS ahnte fie nicht, unb bieSmal etwas 
greubigeS. Stets hatte fie eS als ein gutes Dmcit betrachtet, wenn 



280 



1850—1854. 



Anfang uttb @nbe eines Sülonats burd) irgenb ein mufifatifdjeS 
SrcigttiS, wenn aucf) nur ein STrio ober Ouartett im f)äuS(id)cn 
Äreife, bejeicfjnct würbe. Sin bemfelben 30. September aber, wo 
fie bie eben erwähnten mutlofen 93etracf;tungen ifjrem ^lageburf) an» 
oertraute, trug Robert in feine XageSnoti^en ein: „§r. 83raf)mS 
aus Hamburg." 

Um fo ntefjr weifj baS Xagebutf) beS folgenben SDlonatS* oon 
bcm Stnfömmling ju berichten. „35iefer SDlonat brachte uns eine 

* Sdjumann« SKottjen im ftauSfjattSbucfi bringen auf ®ra!)ni5' unb 3oadiimä 
Wntoejentjeit bcjüglid) folgenbe«: 

30. Scpt. §r. ®raf)tn« a. Hamburg. 

1. Cct. $a« Soncert für Violine bcenbigt. ®raljmS jum ®ejud) (ein ©eniue;. 

2. Cct. Viel mit ®ral;m«. Sonate in Fis*moll. 

4. Cct. 9tad;mittag« um 6. SDlufif bei und. ^fjantafie bon Sraf|m«. 

5. Cct. Sieber oon Sraljmä unb Sonate für Violine unb ^ianoforte. 

7. Cct Viel mit Srafjm«. Ouartett oon iljm. 

8. Cct. Suftiger Srief an 3oad)>m- F«moH‘Sonate Oon mir, oon ©lara ©ralpn« 

oorgefpiett. 

9. Cct. 2tuffa& über ©raljm« angefangen, aucf) 9Jtäf)rcf)en Icfe \ä), Stuf.Stüfircben. 

10. Cct. (Jleifeig. Wbenb« ©ral)m« bei uit«. 3^m ©ebidjte Oorgetefen. 

11. Cct. 2)ic ffiäfircfjenpljantafien beenbigt. 9lbenb« bei Spinner. §err Sauren« 

a. Slontpellier. 

12. Cct. ftleifng- 'Jtadjmittog Stuft! bei un«. F«mofI*Sonate. — ©raljm« fpielt 

bcfonber« fcfjön. 

13. Cct. Siuffaf überVraljmä. Stfierenberg unbX. lltricf) tljm u.$ietrirf) oorgelefen. 

14. Cct. 8®t Überrafdjung 3oadjim. Sauren« junt gcicfjuen gefeffen. 

Stacfimittag SJlufif, tounberf^ön. gufammen bei $if<f) [©reibcnbadjcr 
$of]. Seljr fröplid), aber trübe« ©nbe. 

15. Cct. Sauren« j. jtoeiten Stal gefeffen, fef)r fjübjcbc« ©ilb. 3bee ju einer 

Sonate für 3oad)im $iotima [©efänge ber Jrüfje 91 n Siotimal. 

16. Cct. fSiotima. Um 5 Uljr Sötufif. 3 u,n lefcten Stal Sauren«, ©cfdjenf 

an ifjn unb ©raljmä an Stanufcripten. 

17. Cct. Slcijjig. Vcrjudj mit ©eiftcrflopfen nicfjt gelungen. 

18. Cct. fDie ©efänge ber grü^e beenbigt. 

19. Cct. ©onfcrcnj. Unoerjdjäntte Stenjdjcn. Sefwf) oon fjcrrn o. $eifter unb 

§errn 3 ding. 

21. Cct. £>armonifirung ber Variationen Oon fßaganini. 

22. Cct. 3»tfrmejäo f. b. 3oacf)im*Sonate. 

23. Cct. finale ber Sonate fertig. Um 5 Uljr Sßrobc ber Stät)rd|enerjäl}lungen. 

®r. Jreube baran. 



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1850—1854. 



281 



tmmherbare Grfdjcinuitg in bcm 20 jäfjrigcit JJomponiften JBraßmS 
aus Hamburg. 2)aS ift wieber einmal einer, ber fommt mie eigene 
oon ®ott gejanbt! — Gr fpiette unS ©oitatcn, ©djcr^aS etc. oon ficf>, 
alle« Doll überjdjwänglidjer ißßantafie, Qnnigfeit ber Gmpfinbung 
unb meifterßaft in ber ffornt. Stöbert meint, er wüßte ißm nidjts ju 
jagen, baS er ßinweg* ober ßinjutun fotle. GS ijt wirflidj riißrenb, 
wenn man biejeit Ü)?enfd;cit am .St taoier fiefjt mit jeinem intcrejjant 
jugcnblidjeit ©efidjtc, baS fid) beim ©piclett ganj' öerflärt, jeine 
fdjöne $anb, bic mit ber größten ficidjtigfeit bie größten ©djwierig* 
feiten befiegt (jeine ©adjeu jinb feßr fdjwcr), unb ba^u nun bieje 
merfroiirbigen ftontpofitionen. Gr ßat bei SRarjfcn in Hamburg 
jtubiert, bodj baS, waS er unS gejpielt, ift jo meifterßaft, baß man 
meinen müßte, ben ßätte ber liebe ©ott gleicß jo fertig auf bie SBclt 
gejeßt. Gine jeßöne 3ufunft fteßt $ctn beoor, benn wenn er erft 
für Drcfjefter fdjreiben wirb, bann wirb er erft baS redjte $elb für 
jeine Sßßantafie gefunben ßaben! — Stöbert jagt, man fann nid)tS 

roünjdjen, als baß ißit ber .jpimmel gejunb crßaltc! 

2. Cftober. SfadjmittagS fant SraßntS, 

jpielte uns oon jeinen ©adjen unb ergriff uns alle (idj ßatte eS 

einigen ©cßülerinnen unb ffrl. fiejer gejagt) aufs liefftc 

'JlbenbS aßen 23raljmS unb $ietricß bei unS. öraßniS jpielte unS 



26. 0ct. 3 Utjr 3 oatf )' m i“ unjerer greube. 9tbenbS er, 93rat)m$ u. 3)ietricb 

bei unS. Sein (Spiel ber ißljantafie unb ber ißaganinijMcfe. 

27. 0ct. grüt> $robe ber ißtjantafie. $>amletouocrtürc. SfbenbS Gonccri. S'aiin 

ßujammenlein. 

28. 0ct. grau o. 21 mini (Scttina; unb iljre Xodjter ©ijel. Sic D-moII-Sonate. 

£>r. (JornetiuS. ©egen Slbenb bie F=, A«, E*Sonatcnüberra[cf)ung. 
[SJgt. ftalbed, SSraljmS I ©. 135]. Sann ©cfcllfdjaft. 

29. Cct. ©d)öne Sage. 2tm 1. Safcc ber Sonate. Slbcnbs ©oiree Oon Slara 

unb 3oarf)im. SBunberjdiön. Samt jujammen. 9Ibjd)ieb oon 9lrnimS. 

30. Cct. Sie 3 ju Sijcf). ©egen 9tbenb 3Jiujif. Sann 9tb(djicb Oon ^oaefjim 

auch oon 93ratjm$. 

31. Dct. gertig mit ber Sonate f. Siotine. 

2. 9?oo. SRomanje f. Skflo. unb $fte. 9tbfd)ieb oon SörafjtnS, Sorljer b. 
F«molI»©onate. 



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282 



1850-1854. 



nad; £ifd) nodj oerfdjicbene fcl;r eigentümlid;e ungarifdfe 33otfS« 

lieber 4. Cftobcr. iSraljmS fpielte eine ißl;antafie für 

Slaoier, Violine unb SBioIoncell* unb fein fd;iineS ©djcrjo in 
Es»moll **. SBrafjmS’ 'Sßfjantafie ift tnieber ein merfteürbigeS jugenblicf) 
wilbeS ©tiicf, aber twller ißfjantafie unb ßerrlidjer ©ebanfen; ber 
Slang ber Snftrmnente war f)ier unb ba nidft immer ganj ißrcm 
Sßarafter angemeffen, bod) baS finb eben Sleinigfeiten im SBergleicfj 

ju feiner reidjcit Sßfjantafie unb ©emüt 5. Cftober. 

Stöbert fjatte einen fpafdjaften 58riefwed;fel mit Soadjim, ber il;m 
bctt 33raffmS fefjr mann empfohlen fjatte. Stöbert fdfrieb an 3oacf)im: 
„2>aS ift ber, ber fommen mußte. " 3oad;im antwortete: ,,3d) liebe 
ÖraljutS ju fefjr, um ifjit ju benciben." 7. Cftober. Stöbert ßat ein 
ffödfft intereffanteS $ioIinfoit 3 ert*** bcenbct, er fpielte eS mir ein 
wenig oor; bod; wage id) mid; nid;t cf) er bariiber näßer auäjufpredjen, 
als bis id) es erft einmal gehört. ®aS Slbagio unb ber leßte ©aß 
waren mir glcid; ganj flar, nicßt fo ganj ber erfte. $eute abenb 
fpielte id; bem 23ral;ntS StobertS BACH gugen unb bann mit Stöbert 
ben neuen Sinberbatlf ... 8. Cftober fpielte id; bem Stöbert 

unb 33ral;mS StobertS F»moll«©onateft (früher Sondert ol;ne Cr« 
d;cfter). ... 10. Cftober. SlbenbS war SrafpnS (id; nenne ißn 
nur bem Stöbert feinen SoljanneS) bei uns. 11. Cftober. Stöbert 
fjat einen f)öd;ft l;umoriftifdjcu SBrief an 3oad;im über SrafjmS ge» 
fd;rieben. §eutc »oUcnbete Stöbert 4 ©tücfe für Slatücr, Slarinette 
unb SSiolaftt unb war felbft fef;r beglütft bariiber. Sr meint, biefe 
^ufammenftellung werbe fid; l;öd;ft romantifd; auSnefpnen. — 3dj 
faitn eS mir aud) beiden. Sin unerfd;öpflid;er ©eniuS! — 12. Cftober 



* Sgt. Salbecf, 93ral)m§ I ®. 136. 

** Dp. 4. 

*** A*ntoD. SRanuffript. Sgl. Srief 3oad)ini8 bei SJtojer ©. 128 jf. 

+ Dp. 130. Üagebud) „24. September. JKobert fjat einen reijenben öicrbän« 
bigen SftnberbaH bodenbet.“ 

++ Dp- 14. 

+i+ „®iät)rd)ciier}äf)(ungcn“. Dp. 132. 



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1850—1854. 



283 



machten wir nadjmittagS bei uns SRufif. 3d) fpiette erft fRobertS 
F»moll»©onate, bann tBraßinS’ ©djcrgo, bann td; ^Roberts britteS 
Xtio mit ©ecfer * unb Sodmüfjl. $err SaurenS** mit Familie 
waren ba. fierr SaurenS ift ein großer warmer Sßerefjrer fHobertS 
unb war fcßr frenbig erregt Don altem, was er tjörte. Gr fennt 
wot)t bie meiften ©ad;cn Stöberte, I;at fie aber nie gut getjürt. Gr 
intereffiert fid; ebenfo für QJfaterei als für 9Rufif; er geidjnet fetbft 
fcßr fdjöne Porträts mit Äreibe." 

14. Oftober. Soacßim iiberrafdfte tjeute wieber einmal — er 
fam öon SarlSruße guriicf — wie War id; froß, baß er nidjt gcftem 
gefotnmen***. 9fad;mittag baten wir SaurenS wieber gu un§ unb 
mufigiertcn nie! mit 3oad)im. Grft Roberts D--moE=Sonate, bann 
baS erfte Srio. 23raf)tnS fpielte aud;. . . . Um 9 Ut;r gingen wir 
nodfj mit 3oad)im in ben Sreibettbadjer .fpof unb aßen ba mit 
©raßmS unb Sietrid) gu Stbenb. Sir waren fct;r oergiiiigt! 
15. Dftober reifte Soadjim wieber ab. §err SaurenS geid;nete ein 
gweiteS wunberfdjöneS SBitb SHobertS, meldjeS er mir gu meiner 
großen greube fdjenfte. 16. Dftober. SRadjmittag gum lefctenmal 
SKufif für §erm SaurenS (Es>bur»Duartett unb baS gweite Srio), 
iRobert t;at ißn mit ber ©figge feinet DuintettS befdjenft. . . . Sem 

öraßntS t;at '.Robert auefj bie ©figgeit feiner Ouartette gefdjenft 

18. Oftober. 9f. fjat 5 grüßgefänge fomponiert, — gang originelle 
©tüdc wieber, aber fcfiwer aufgufaffen, eS ift fo eine gang eigne 
©timmung barin.“ 

Saffelbe — bie eigne ©timmung — gilt Don biefen Sagen, 
beren 3nl>alt aus ben fitappen Iagebud)aufgeid;nungen uns fo lebenbig, 
man möcßte fagen, entgegenflingt. Gin fo reiner toller tiefer Soit 
burdjweljt baS 3ufammenfein biefer torneßmen, großen unb guten 



* SBafielcwStil SJadjfotger als 'Jßrimgeiger. 

** StnS SRontpeüier. Über (einen 9tufentf)a(t in Tüficlborf, feine 3etdj* 
nungen sc. ogt. ,3an(en, Briefe, 9?cue golge. 2. Stuft. ©. 630. 

*** ©lara tiatte am 13. in Sarmen fonjertiert. 



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284 



1850 - 1864 . 



SDfenfdjen, baß jcbe anclbotifdje $utat auS ^Beobachtungen unb 
fflericfjtcn gefabener unb gebulbeter gufchauer nnb Teilnehmer wie 
eine Gutweihung erfdfjeint. 

Tie le^te Dttoberttoche aber erhielt burch SoadjimS SKitwirfung 
im AbonnementSfonzert, in bem auch jeine .£mmlet=Duoertüre zur 
Aufführung fam, burd) eine oon Slara gemeinfam mit Soadjint am 
29. gegebene Soiree unb burd) bie gleichzeitige Anwcfcnheit 
©eltiita oon ArnimS unb ihrer Tochter ©ifela ein etwas anbreS, 
unruhigeres, aber barum nicht weniger oornehmeS ©epräge. Slara 
war »or allem freubig überrafcht burch bie herzliche Art, in ber 
il)r Settina jeht entgegentrat. Sie berichtet: „am 26. Dftobcr fam 
Soadjim hier an unb ftieg bei unS ab. AbenbS fpieltc er uns $aga= 
ninis Stuben unb IRobcrtS fßhantafie. ... Am 28. Dftobcr früh 

©efud) oon ber ©ettina oon Arnim mit ihrer jüngften Tochter 

©ifela. Sine intereffante Sefanntßhaft. Ten 3oadjim feheint fte 
feßr in ihr fierz gefchloffen zu haben. SSir fpicltcn ihr öerfdjiebeneS 
Zufammen oor. AbenbS ©efellfchaft bei uns, Soadjim zu Shren. 
©ettina, SdjabowS, ^afencleüerS, fiammerS, fieifterS unb noch einige 
anbere. SSir malten oiel SJiufif, auch bie 9Jfär<henerzählungen 
wieber. 29. Dftobcr gab ich mit Joachim eine Soiree im Äürten-- 
fdjen Saale, fie war fefjr Doll, unb baS ©ublifmn für hier fehr 

enthufiaftifch- . . . ©ettina war noch Z um Konzert geblieben, reifte 

aber tagS barauf ab. 3dj fchiett ihr nicht zu mißfallen, wenigftenS 
fagte fie mir fo, nachbcin fie mich lange angefehen unb meine §anb 
in ber ihrigen gehalten hatte. 

Am 30. Dftober unifizierten wir nod) oiel früh unb nachmittag«. 
AbenbS reifte Soadjim ab. So zog bemt einer biejen SRonat bei 
unS ein — ©raljmS — unb einer ging wieber. Aud; ©raf)mS wirb 
unS halb wieber ocrlaffen, was unS wahrhaft leib tut, 9?obert liebt 
ihn unb finbet feine große fjreube an ihm, bem üDfenfdjcn unb 
• Äünftler. — Robert hat einen fchönen Aufiah „9ieue ©ahnen" über 
ihn gefhricben, ber in ber ©renbelfdjcn Leitung erfchienen ift . . . 



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1850 — 1854 . 



285 



2. Süouember fpieltc un« 23rabnt« abenb« feine F*moß*Sonate jum 
Hbfcfiieb. @« t£)at un« recht innig leib, bajj er ging! — @r will 
ju Soadjint nach £annoöer, ber fid) bort fefjr oerein^elt füjjlt." 

„$ra()m« ift geftern nad)t« an mein genfter gefommen wie 
eine örjdjeinung, bie ©liicE für ben SSinter prophezeit", berietet tag« 
barauf Soßdjim an (Slara. 

Jaft frfjiett e« aber, al« f)ätte bamit ben in ®iiffelborf jurücf* 
gelaffencn gfteunben ba« ©lüd ben dürfen gelehrt. SBenige Sage 
fpäter erfolgte jene« Slnfinnen be« Äonjertfomitee« an Sdjumattn, 
bie 2>ireftion an kaufet) abzutreten, bem ber enbgültige Sntdj auf 
bem Jufje folgte, ber wenn aud) unuenneibbar unb frfjließtid; un» 
erträglichen äufißß^n ein (Snbe mad)enb, bod) zugleid) Sdjumann8 
oor bie ernfte $rage einer Verlegung itjre« SBoljnortc« fteUte, beim 
in SJüffelborf fonnte unter biefen Serljältniffen ihre« 93leiben« md)t 
fein. ®ie ßntfdjeibung fiel nad) lurjem Scbwanfen für SBien, ba« 
trop ber Ijöcbft unerquicfltdjen ^Erfahrungen be« Safjre« 1846 immer 
noch ihnen beiben al« ba« Sbcal eine« fünftlerifdjen 2Bir!ung«!reife« 
im großen erjcfiicn, um fo meljr, ba grabe in beit lebten SDfonaten 
unäweibeutigfte Symptome zutage getreten waren, baff aud) SBien 
enbtid) für ©djumannfdje ßJhtfif SSerftäitbni« z u gewinnen begann. 

Stber eine fofortige Überfieblung war au« ben oerfebiebenften 
©rünben ausgeftf)loffen, unb ba anberfeit« ber Stnfentfjatt in Süffel» 
borf ihnen im Slugcnblicf grünblidj oerleibet war, fo begrüßten fie 
at§ eine Hrt (Srlöfung bie au« einigen ^oßänbifdjen Stabten 
ergebenben Sinlabungen, bie gleidjerweife bem ßomponiften wie 
feiner mufifalifdjen Interpretin galten. Sdjon im Sommer 1852 
Ijatten fie in Sdjeoeningen au« ©efpriidjen ben Sinbrud ge» 
Wonnen, bajj Schumann ficb gerabe in §oflanb einet Beliebtheit er« 
freue, wie faum irgeubwo in Seutjcfjlanb; ihre (Erwartungen waren 
banacb atfo ziemlich hoch gefpannt. Sie foßten aber noch bei 
weitem übertroffen werben. 



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286 



1850 — 1854 . 



Jie Steife, bie am 24. Stobember angetreten würbe, unb bie fie 
nach Utredjt, bem £aag, SRotterbaut unb Slmfterbam führte, gticfj 
einem förmlichen Jriumphjitg, wie er ihnen in ber Sinmütigfeit 
unb SluSbaucr bisher nod) nidjt belieben gewefen war, unb beffen 
^erjlid^feit unb Stufridjtigfeit fie bie nicht geringen Strapazen ber 
Steife, oor allem bie entfefctidje Stätte, unter ber fie im ©egenfaf} ju 
ben (Sinljeinüfcfjen — „biefe §oHänbcr frieren nie!" flagt Stara — 
fetjr litten, berhättniSmäfjig leicht berfchmerjen tiefj. 

Sine unrühmliche StuSnatnne machte nur ber §of, tro£ eines 
bireften SntpfehfungSjchreibenS an bie Königin, baS bie ffürftin 
bon ^ohenjollern, beren Xocf;ter Stefanie StaraS Schülerin mar, 
Stara mitgegeben hotte. Stuf einer Soiree beim fßrinjen fffriebridj 
hatten fte fitfj, bom §ofmarfdjatl bis jum Safaien im tBorjimmer, 
einer fo auSgefudjt unartigen 33etjanbtung ju erfreuen, bafj fie fo* 
fort nach ben non einer tärmenben @c|'etljchaft ohne Stufmerffamfeit 
aufgenommenen 9Jtufifborträgen StaraS ben Saat unb baS fßalais 
berliefjcn — Stara burdj ben Schnee mit feibenen Schuhen watenb — 
ba bie .fjerrett Sebicittcn eS für überftiiffig hatten, fich um bie 
„ÜKitfifanten" ju befümmern. Jie Strone oott allem aber war hoch 
bie S ra 9e beS fürfttirijen ©aftgeberS, beS fßrinjen griebrich, an 
Schumann: „Sinb Sie auch mufifatifdj?", unb atS bieS ftitt tächetnb 
bejaht warb, bie zweite: „?tuf wetchem Snftrument?" 

3n frühem fahren würbe Schumann bermuttich burch eine fotcf>c 
Jafttofigfeit fi<h tief berieft gcfütjtt haben. JicSntat aber lächelte 
er nur, unb mit 9tedjt. 35eitn wenn bie fönigtiche Roheit nicht wufjte, 
Wetchcr ^ßerföntichfeit fie gegenüber ftanb, fo bewies baS nur, baß 
fie feine Leitungen taS, in beneit tagtäglich ber 9?ame biefeS Dr. 
Schumann atS eines ber größten ßomponiften ber ©egenwart in 
allen Jonarten gepriefeu würbe. 3a, eS war ein Jriumphjug bom 
erften Jage bis junt testen für beibe. 

©leid) am erften ?tbcnb (26. Sfobember) in Utrecht, wo mit einem 
bon Kufferath bortrefflich einftubierten Jitettantenordjefter bie Es* 



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1850 — 1854 . 



287 



bur Spmpfjonie mit Gnttjufia«mu« aufgeitommen rourbe, ebenfo rote 
Gtara« Seiftungcn (C*bur «Sonate oon Veetfjooen unb ba§ Songert* 
Slöegro eon Sdjumann). Stadfjbem Glara nodj eine $ugabe gefpiett, 
bauert ba« Stufen an, oljne bafj fie roiffcn, roa« ber unoerftänblidjc 
Stuf bebeutet. Gnbtid) bie Slufflärung : „Doltor, Doftor!" unb Stöbert 
niufj gu Glara« größter greube Ijerau«. „3dj roar fetjr überrafdjt, ba« 
fjoüänbifdje Sßublifutn fo enifjufiaftifcfj unb lebcnbig gu finben, unb 
babei gcbilbeter, mödjte idj fagett, al« ba« rtjeinifdje ißublifum. 2Bir 
waren fefjr öergnügt über ben guten muftfalifdjen Slnfang in £>ollanb." 
Unb biefer Ginbrurf blieb nidjt nur, fonbertt oerftärfte fidj üon Stabt 
gu Stabt. 3m |>aag itt ber „Diligentia" birigiertc Sdjumann am 
30. Stooember feine oon Sübecf gut einftubierte groeite Stjmptjonie, 
oon einem felbft begcifterten Crdjefter gut oorgetragen, unb ebenfo 
erntete Glara mit 5Dtenbel«fof)n« Variationen (fericufeS) unb Stöberte 
Songert-SIllegro ftürmifcfjen Vcifall. 3n Stotterbam aber, roo am 
fotgenbcn Jage in ber „Grubitio ÜJtufica" Sdjumann feine britte 
Stjmpljonie birigierte unb Glara ba« Amtoll Songert fpielte, be» 
fdjränlten ficf) bie jubelnben Düationen für ba« Sünftlerpaar nidjt 
blojj auf bett Songertfaal. Stad) bem Sondert — ba« erft um 
11 Uljr fein Gnbe erreicht fjatte — fanben fie oor ifjrem §otcl fdjon 
eine grofje SJtenfdjenmenge oerfammelt. Gin Sängcrdjor oon 100 
Sängern mit Radeln unb ein Drdjefter begrübt fie mit bem Sßatb« 
djor au« „ber Stofe Pilgerfahrt" unb bem @eburt«tag«marfd). 9tn ber 
Spifje ^reuitb Vertjulft, ber trofc eifiger Satte faft eine Stuitbe lang 
gu Giften be« geliebten greunbe« unb »creljrteu ÜJteifter« ben Da!t* 
ftocf fdjroingt. StadEjbem Sdjumann t)inau§getreten unb ein paar 
Danfe«roorte gefprocljcn, erfdjeint eine Deputation ber ^ottänbifdjen 
SOZufügefeflfd^aft, bereu ißräfibent oatt Routen tjerglidjften SBilI= 
fomntenSgrufj entbietet, ber — „man fonnte e« roof)t fjörcn", fcfjreibt 
Gtara, — „ihm recht au« ber Secte tarn." „3dEj roar fetjr ergriffen oon 
ber gangen Sadje." 3 U G^ C ^ ober ftiegen — nur gu begreiflich — 
audj bittere Gmpfinbungen in itjr auf, in Grinnerung an bie füngften 



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288 



1850 - 1854 . 



Jüffelborfer (Erfahrungen: „jeber Jon Bon Robert ift gu gut für 
bie . . . unb int ©runbe genommen tut eg mir orbenttid) woljl, 
bafj ich il)n nidjt ntefjr in Jüffclborf am Jirigentenpult fielen 
felje . . . 3dj glaube gwar nicht, baff bag Publifum in §ollanb 
tief mefjr Bon ernfter SKufif oerftefjt; bod) aber ift eg gebiCbeter 
unb I)at wenigfteng beit Kefpeft Bor bem fc^affenben Zünftler, ben 
er beanfprudjen fann." Sein SBunber aber auch, baß fie felbft, oon 
biefen Segeifterunggwellen emporgetragen, fcfjöner fpiette benn je. 
3n Stmfterbam, wo tagg barauf in „geltj SKeritig" Schumann bie 
gweite @tjmpf)onie birigiert, fie felbft bag Es»bur Sondert Bon 
93eetf)OBcn gcfpielt Ijattc, fdjreibt fie: „Stöbert fagt Bon mir in feinen 
Kotigen: id) fpiele hier itt ^ollanb rounberfd)ün. ©old; eine Jeil* 
nähme Born Sßublifum, bie muff einen aber auef) begeiftem. ®er 
(Entljufiagmug beg fßublitumg unb beg Crdjefterg (obgleich bieg bem 
Siotterbamcr nidjt ebenbürtig war) nadj bem erften Sectl)OBen)c^en 
©ajsc hob mich über midj felbft." 

@g war aber nidjt nur bag fßublifum alg ©angeg, bag ifjneu in 
biefen SBodjen, in benen fie wieberljolt im .jpaag, in Ulmfterbam, Kotter = 
bam unb Utrecht erfdjieneti unb, halb in ben Songertuereinigungen, 
halb in felbftänbigen Songerten, bei wccbfelnben Seiftungen ber 9J?it= 
wirfenben, immer bie gleidje freubige Jeilnaljme unb 8cgciftcrung 
erwedten, fo wohl tat, foubern minbeftenS ebenfofefjr bie gabt* 
reichen gang perjönlidjen Seweife oon Verehrung unb neiblofer 
SSewunberung, bie bie Ijotlänbifchcn ÜDiufifer, Crdjeftermitglieber 
wie bie Jireltorcn in ben eingelnen ©täbten — Sufferatfj in Utrecht, 
fiiibecf im .fjaag, ^utfdjenrepter in Kottcrbam, 53all in Slmftcrbam — 
an ber ©pifje natürtidj ber getreue unermüblidjc Perfjulft, ihnen in 
ÜBort unb Jat begeugten. Unb babei nicht gu Bergeffen bag feine 
SBerftänbnig unb bie herglidje ©aftfreunbfdjaft eiitgelncr SJtufiffrennbe, 
wie beg ül'itteringfdjeu ^aufeg in Slmfterbam. 

(Einen befonberg freunblicheit ©nbrudt aber ljinterlief? bie Stuf« 
fiiljrung non „ber Kofe Pilgerfahrt" im ©ingoercin im £>aag am 6. 



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1850—1854. 



289 



35ejember unter Sübecf« 3)ireftion unb mit Klara am Älaoicr; ber 
Slbenb mürbe eröffnet burcß ba« Quintett — nid^t feßr fd^ön begleitet. 
„Stöbert", fcßreibt Klara barüber, „jagt mieber in feinen Stotijen: 
„ Klaras munberfcßöncS Spiet!" 35a« freut ittid) feßr, baß Stöbert 
immer fo teilneßmenb für mein Spiel ift, unb er meiß aucß, baf? 
wenn er jufrieben, mir bie« lieber ift, al« läge mir ein ganzes 
Sßublifum $u 3füßen." Slnt Scßluß ber tortrefflicß einftubierten unb 
in ben Klären feßr fcßön mirfenben „Stoje" „rief ba« ©ublifum fo 
lange, bi« Stöbert au« feiner KcEe, bie er mäßrenb ber Huffüßrung 
eingenommen, ßeroorfam unb banfte. 35ie Sängerin Qfferman« 
betränke ißn, — er bemerfte c« gar nidßt, moßl aber mir anbem, 
unb idß badjte für tnieß: „fo muß e§ fein!" 

3)ie« ©ilb möchte man feftbjatten, e« ift mie ein oerffärenbe« 
Stjmbol biefer unoergleidjlidjen, ßödfjften unb reinften menfeßtießen 
unb Kinftlerifcßen ©emeinfeßaft unb jugleicß be« Siege« oorneßmer 
felbftlofer Äunftübung über Heine« SJtenfdjentum. 2Ba« beibe in 
ftißen unb ernften SlrbeitSjaßren erfeßnt, erftrebt unb ertämpft, 
ba« Sbeal, ju bem Klara, nidßt gang oßne innere Kämpfe al« Stöbert 
Scßumanit« grau ßerangereift mar, — ißre ganje fßerfönlidjfeit in ben 
35ienft feine« Schaffen« ju ftellen unb burcß ba« »öUige Siufgeßen 
in feinen fdjöpferifdfjen ©eniu« etma« ©efjere« unb ©rößere« ju 
roerben als je juoor — , erfdjien fjier reine SBirllicßfeit gemorben, in 
bemfelben Slugenblid, mo ber Staate, ben fie trug, ber Stame Stöbert 
Scßumann«, für bie gattje mufifatifeße 2Bclt ben 3onmert be« ÜJteiftcr«, 
be« ©ollenber«, erßielt. 

35er Stbfdjieb oon ben ßollänbifdjen ftreunben mürbe feßmer, aber 
man ßoffte auf ein SBieberfeßeu im näcßften SBiuter! 

35er SßeißnadjtSabenb fattb bie gamilie mieber oereint, unb trofc 
mantßer ©erbrießlicßfeiten, bie fie baßeim empfingen, maren fie 
frößließen unb banfbaren £erjcnS. Klara« ©ilb, oon Soßn gemalt, 
mar ißre Überrafcßung für ben ©eliebten. Kr fdjien nießt reißt be« 
friebigt baoon. „3cß glaube, e« mar ba« Ungemoßnte!" ftfjreibt fie, 

£i$manit. Staia ©djumann. IL 19 



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290 



1850—1854 



„man muß fich bodj in jebeö öilb, unb ift eg auch nodj fo frappant, 
fjinetnftnbcn, eg oft anfetjen, bann gewinnt ntan eg auch immer lieber! 
cg ift wie mit einer frönen Sompofition, in bie man fich auch erft 
hineinleben muß!" — Sie ahnte nidjt, wie furg bie grift für ihn 
bemeffen war, fich „hinein gu leben." 

Unb Wenn am Saßregfchluß ifjr aud) mancherlei gu wünfdjen 
unb gu forgen übrig blieb, bag Srgebnig War bodj: „wir hatten 
alte Urfadje, mit Tan! gu ©ott auf bag »ergangene Safjr guriidgu« 
bliden: e§ h fl t mir Sföann unb Sinber gefunb erhalten . . . unb 
wäre man eben nicht SDienfdj, fo müßte man über bie großen SBohl* 
taten ber Meinen Übel gar nicht gebettfen!" 

Sludj bag neue Saßr begann unter freunblidjen Slufpigien. 3fn 
§annooer hatte §iüe eine Sluffüßrung ber ijkri oorbereitet unb lub 
Schumann gur Tireltion ein.* Tiefe Stufführung gerfdjlitg fich gwar 
im lebten Stugenblid, aber trofebem würbe SOtitte Januar bie Steife 
borthin angetreten, Glara follte im britten Slbonnementgfongcrt bag 
93eethooenfd)e Es*bur Songert fpielett, unb bie 4. ©pmphonie 
follte unter Soadjimg Seitung, ber am felben Slbeitb auch bk 5ßh Q n* 
tafic für SSioline fpielte, aufgefüljrt werben. Sine Sougertfahrt nach 
granlfurt follte fich anfdjließen. Seicht gang leichten §ergeng ent« 
fd;toß fich ßiara gu bcn neuen Steifeftrapageu, ba ihr bag öffentliche 
Spielen boch fdjon fchwer gn werben begann, aber ber SBunfch, bem 
SDiiffelborfcr SDtilieu wieber für eine SBeile entrüdt gu werben, bie 
©ebnfucfjt, bie greunbe SSrafjmg unb Soachim wiebergufeßen, über* 
wogen alle Sebcnfen. Unb fie hatten eg nicht gu bereuen. Seicht 
nur baß bag Äongert wotjt gelang, Sondern bie ißhantafie „wunber« 
ootl" fpielte unb bag Drdjefter burdj feinen SBol)tflang unb fein 
Temperament Stara entgüdte — „eg machte eine greube, öon feiten 
beg Crdjcfters eine Teilnahme gu f elfen, wie man in Teutfdilanb 
feiten finbet" — bie ^auptfaeße war bie reine wohltuenbe menfchüche 



* »riefe. 9teue gotge. 2. «tufl. ©. 533. 



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1850-1854 



291 



unb ftinftlcrifche Sttmofpljäre, in ber fie fid) ^ier bewegten, unb bie, 
im ©egenfab ju ben hoßänbifdjen Erfahrungen, [ich nicht auf bie 
bürgerliche ©efeflfchaft befdjränfte. 

„«fpeute früh ®efudj öon ©raf ißlaten", fchreibt Clara am 22., 
„ein angenehmer SRann! — 2 Jtan fann hier mit Stecht fagen: „wie 
bie ^errfcfjaft fo bie Wiener", benn hier finb fie afle bei §of fo 
üebenSnmrbig unb leutfelig, wie fte eg am ÄönigSpaar feilen." ©(eich 
im Äongert, hatte „ber amte König, ber fo feelenggut augfieht", 
Schumann wieberhott auggefprodjen, „wie fehr er ficfj freue, ihn gu 
hören unb gu feljen (!), unb wie fehr er feine Kontpofitionen liebe 
unb ihn ehre." Unb an ben beiben Slbenben, an benen Clara bei 
^>ofc fpiette, würben biefe fbmpathifdjen Einbrüde noch berftärft, 
namentlich am gweitcn Slbenb, wo auf SBuitfd) beg Königg faft nur 
Schumann gefpielt würbe, „ffion manchen ber Stüde falj man bem 
König bag Ergriffenfein an, 3 . 89. am Scfjlujj „33er SDicfjter fpricht" 
ber Äinberfgenen." 

3)a§ SBefte aber gab hoch bag gufammenfein mit beit greunben 
Soacfjim unb S3rahmg. „S9rahmg faßt ung burch feine Sd)weig« 
famteit auf", fchreibt Clara „er fpricht faft gar nicht, ober tut er 
eg guweilcn, fo gefdjiefjt eg fo leife, ba§ ich e§ nid^t oerftehen fann. 
Sr hat gewiß feine geheime innere SBelt — er nimmt aßeg Schöne 
in ficfj auf unb gehrt nun innerlich baoon." Sludj 3oadjim fanben 
fie im aßgemcinen crnfter; troßbem fehlte eg nicht an heitern, über» 
mütigen Stunben; befonberg eines Slbenb» bei Joachim mit Srahmg 
unb Suliug 0 tto ©rimm gufamntcn, ooti bem bag Tagebuch augbriid* 
lieh berichtet, wir waren „fehr fröhlich, öiel Sljampagner getrunfen" *. 
SJiufigiert würbe halb bei Sdjumanng, halb in Soacfjimg 3nng» 
gefeßenwohnung. Slnt lebten Slbenb — am 29. — waren noch ein» 
mal bie greunbe bei Sdjumanng oerfammelt. Clara fpielte mit 
Soadjim Stobertg Stomangett für Planier unb Sßiolonceß (beren lebte 
im Stooembcr 1853 entftanben mar), bann aßein bie brei erften Säße 



* Sgl. auch SRofer, Soadjim S. 133 f. 




292 



1850 — 1854 . 



ber ©raßmSfcßen Sonate unb gum Scßluß mit goacßim SRobertS 
D*motl Sonate. „Schönet Scßluß war biefe Sonate für uns alle!“ 
fcßreibt ßlara. 

Stm folgenben Sage teßrten fic nad) ®üffelborf guriid, am ©aßn= 
ßof winftcn ©raßmS, Soadjim, @rimm, §iüe ißnen ben SbfcßiebS* 
gruß. deiner aßnte, baß eä baS leßte SD?cit gewefen. 

$eimatlidje ©efüßle »erbanbeit fie ja uidjt mit 35üjfelborf, unb 
beibcit wäre es nidjt gu oerbenfeit gewesen, wenn fie mit alles eßer 
als freubiger Stimmung bie ©läfce unb Strafen ber ®üffelftabt 
wieber begrüßt ßätten, bie fieß ißnen fo wenig gaftlicß erwiefen. 

SSent außer ben Äinbent, bem getreuen 3>ietricß unb bem Heinen 
ÄreiS »on SlaraS Sdjülerinnen war an itjrer SRiicHeßr etwas ge* 
legen, weffen (Seficßt leueßtete auf, wenn ber Älang ißrer dritte unb 
Stimmen auf bem @ang ober ber %teppt ein ©cßo wedtc! 

Slber Wenn bie beiben SReifenben in ber Stille ber abenblicßen $eim* 
faßrt fieß biefe grage »orlegten unb maneße SZamen fogenannter guter 
greunbe babei mit refigniertem Äopffcßütteln auSfcßieben, bei einem 
9?amen taten fie eS fidjer nießt, fonbern Wenn fie an ben badeten, 
bann fam bod) ein @efüßt wie »on fpeimat über fie, wenn fie fieß 
»orfteltten, „wie wirb gräutein Sefer fieß freuen, uns wieber ba 
gu ßaben!" itidßt gu feßen, benn eS war eine arme ©linbe, bie aber 
alles Süßt unb alle greubc, bie ißr mit Slugen gu feßen nidjt »er* 
gönnt war, in ißr §erg gerettet gu ßabeit feßien unb »on ba aus 
benen, bie fie lieb ßatte, in unerfeßöpf ließet greubigfeit unb <3ütc, 
mitleibenb unb mitfreuenb, fpenbete. Seit im 9?o»ember 1850 ßtara 
gum erften 9ftale bei ber einfamen, in beßaglicßem SEBoßtftanb 
lebenben, fein gebilbeten ©liitbcn eingefeßrt war, ßatte fieß gwijcßen 
ißnen beiben, mit ben gaßren immer fefter wacßjenb, ein fflanb 
innigfter greunbfdjaft gewoben, bie, alle SebenS* unb Sunftintereffen 
umfpanneitb, in Scäße unb gerne, in Heinen ^auSforgen unb tiefften 
Seetenerregungen immer biefelbe gartßeit unb geftigfeit unb fiebenS« 
traft bewäßrte. gaft auf jeber Seite beS SagebudjeS ift feit bem 



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18Ö0 — 1854. 



293 



Slnfange bcr f iinfgiget 3af;re KofalieSeferä Kante gu finben, unb immer 
wirb er erwähnt als ein Sicfjtpunft. ©ic ift bei feftlicfjen Sßeran« 
ftaltungen im eignen §attfe ober in bent ber grcunbe immer bie 
witlfommenfte ®rfdjeinung, üott frößlidjer Snitiatiöe; nnb wenn e§ 
gilt gu f) elfen, wenn ©orgen fommen, immer ift ber erfte ©ebattfe 
an fie. 

SBcnrt trofjbetn ßier erft jept gu bem fcfjon oft ermähnten Kamen 
baä SBitb ber iperfönlidjfeit gegeben wirb, fo möge man ba8 nidjt für 
SBiUfür Ratten, benn oon nun an wirb feine Xragcritt erft für Glara, 
man fann fagen gu bem Inbegriff ber greunbfdjaft, unb als tjätte 
fie eine 2U)nuttg baüon, wie fepr fie biefer bebürfe, ift auf bem 
Xagebudjblatt, ba§ beit SKottal Januar 1854 fdjließt, ben lepteu, beit 
fte ungetrübt an Kobert§ ©eite »erleben burfte, auägcfprocßen unb 
gufammcngefaßt, wa§ ifjr biefe greunbfdjaft bisher gewefen: „Kofalie, 
meine treue unb einzige g reun bi n f)ier, war feljr frol), uns eßer 
wiebergufeßett, als fie gehofft ßatte. 3tf) geße faft nur mit ißr um 
unb »erlange and) nidjt nadj meßr Umgang; fie »erfteßt nticß gang 
unb fießt gu Kobert mit größter Sßereßruttg auf. XieS fcffelt mid) 
bann hoppelt an fie. ©ie weiß aud; ber greunbfdjaft Opfer gu 
bringen, ober »ielnteEjr fie etnpfinbet eben fo waßr für uns, baß es ifjr 
g. SB. troß ißrer großen ÜJhififliebe gar itidjt fdjwer wirb, aller 
SKufit gu entfagen, Wobei wir itidjt beteiligt finb. . . , ©olange icß 
fie nun lernte, ßing fie mir immer mit gleicßer SSärtne an, unb baS 
tut einem fo woßl!" 



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SSierteS Äapttel. 

9?<uht. 

1864. 

©eit bem $ erb ft tjatte ficfj ©djumann aitbauernb in Weiterer, fafl 
gehobener ©timmung befunbcit, bie aucfj burcf) bie miöermärtigen 
$miSdjenfäHe im Sßoüember nicfjt entftlid) getrübt morben mar. 9Iuf 
ber Steife nad; §oHanb tjatte er aüetbingS im erften 9?adjtquartiei 
in Cmmcridj mieber einen Dlnfaü üon „unnatürlichen ©ehörgaffef« 
tionen" gehabt, „fo bafj er", mie Clara Schreibt, „nicht fdjlafen 
fonnte unb ich auch weh 4 » beim eS beängftigte ihn." ®ie§ fcheint 
fich aber halb üerloreit gu haben, benn in all ben folgenben 
SBodjen ift nicht mieber bie Diebe baüon. Sn .fjamtoüer fanben ihn 
bie greunbe heiterer unb gesprächiger alö je*. 

©eit bem Dioüember hatte bie mufifalifche fchöpfcrifche Sätigfeit 
gang geruht. Um jo eifriger mar er feit Slnfang beö Sahreä mit 
?lu§gügen für feinen „Sidjtergarten" befchäftigt, b. h- ber ©ammlung 
Don Filterungen bebeuteuber dichter unb ©djriftfteüer über DJiufif, 
ein 2hema, ba£ ihn ja fdjon feit langen Sahren intereffierte unb lodte. 

„Diobert", Schreibt Clara am 13. Sannar, „ift fefjr fleißig 

er hat fdjon herrliche ©djäjje in SeanSßaul, ©hatefpeare, SRüdert u.a. 
gefammelt unb ift unermübet baran, immer mehr üon ben älteften 
(bei ber SSibel angefangen) big gu ben neueften Sichtern gu ent» 
beden." ©o notiert er felbft am 7. Sanuat „®oetl)e für SJiufif", 



* Sgl. auch 9J?ojer, 3oad)im S. 134. $ie bort gefilterte ©jene lann aber 
nicht nach ber Aufführung ber ißeri (ffiatbed, S3ral)mg I S. 167) ff abgejpielt 
haben, ba eine Speri=Äufführung überhaupt nicht ftattfanb. 



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1854. 



295 



ant 9. ganuar „©cßillerS ©ebicßte für SERuftf. 10. Siele ßlaffifer für 
baS ©ueß bureßgegangen. 13. §itbegarb oon §oßentßal (t>. §etnfe). 
14. ÄrciSleriana." 

gn §annoüer war biefe ©efcßäftigung fortgefeßt worben. „Robert 
War fotiiel mit feinem Wintergarten befcßäftigt, baß er c§ (bie fetjlcnbe 
regelmäßige Wätigfeit) nießt entpfanb", notiert Clara. 

Wie erften gebruartage oerftrießen in ©efueßen ber 2ttetier8 ber 
befreunbeten Äünftler §>afenclebcr, £ilbebranb, Süßler, unb ©efueßen 
ber ©ibliotßel. „Robert ift feßr fleißig an feinem Wicßtergartcn", 
ßeißt eS im Wagcbucß nom 4. gebruar, „menn er fieß nur nießt ju 
feßr anftrengt". 2tm 6. gebruar ift ber leßte ©rief an goaeßim 
gefeßrieben; „ein präeßtiger ©rief", feßreibt Clara, „wie er e$ ja fo 
gut öerfteßt." 

28er aber beit ©rief lieft in bem ©ebanlen, baß baS Unßeil üor 
ber Wür fteßt, feßon bie $anb erßoben, fie auf bie Älinfe fallen ju 
laffen, ben überläuft eS wie ein ©cßauber 6ei 28 orten, wie „mit 
fpmpatßetifeßer Winte, ßabe icß Ciuß oft gefdßrieben, unb aueß 
^wifeßen biefen feilen fteßt eine ©eßeimfeßrift, bie fpäter ßeroor* 
breeßen wirb." „Wie SERufiC feßweigt jeßt, wenigftens äußer ließ." 
unb ber ©eßluß: c^ un ro tH icß feßließen. Cs bunlelt feßon." 

21m 7. gebruar befueßten beibe noeß einen ©all bei bem fßräfi* 
benten non SJJaffenbacß, allcrbingä nur für eine ©tunbe. WagS barauf 
war er wieber auf ber ©tabtbibliotße! ; oieHeicßt bureß geießen 
großer fReijbarleit erfeßredt, feßreibt Clara: „mit ©orge erfüllt e£ 
mieß, feße icß ißn naeß fo langer 3 e it Satein unb ©rieeßifcß Icfen. 
WaS muß ißn ja angreifen." 

3wei Wage fpäter trat ber fureßtbare ©aft über bie ©cßweHe. 

WaS Wagebucß berießtet : 

„greitag, ben 10.*, in ber SJiadfjt auf ©onnabenb, ben 11., belam 

* Sdjumannä eigenfjänbtge Sintragungen in fein Ausgabenbuch tauten: 

10. AbenbS fefjr jiarfe unb peinliche ®eljöraffection. 

11. Iraurige Statut (®et)ör= unb ftopfletbcn). SRii SJictricft auf ber 23ib(iotfjef. 



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296 



1854. 



{Robert eine fo ßeftige ©eßorSaffeftion bie gange SRadjt fjinburdj, 
baß er fein Sluge fcf)fo§. Gr fjörte immer ein unb benfefben {Jon 
mtb bagu guweilen nod) ein anbreS SnteroaH. Sen Sag über 
fegte e§ fid). Sie 9?acF»t auf Sonntag, ben 12, mar wiebet eben 
fo fdjtimm unb ber Jag and), benn ba§ Seibeit blieb nur gwei 
Stunben am ÜRorgen au8 unb fteßte fic^ fdjon um 10 Ußr wieber 
ein. 2Rein armer {Robert leibet fdjredlidj ! alles! (Seräufdj flingt if}m 
wie 2Rufif! er fagt, eä fei 9Rufif fo fjerrfidj mit fo wunberttoU 
ffingenben Snftrumenten, wie man auf ber Grbe nie ßörte! aber e§ 
greift ifjn natürlich furchtbar an. Set Slrgt fagt, er fönne gar 
nichts tun. 

Sie näcbftfolgenben {Rächte waren fefjr fdjlimm — wir fdjliefen 
faft gar nidjt. . . . Sen lag über ocrfudjte er gu arbeiten, bod) e§ 
gelang ifjm nur mit entfeßfidjcr Sfnftrengmtg. Gr äußerte mehrmals, 
wenn ba§ nidjt auffjöre, muffe eg feinen @eift gerftören. . . . Sie 
©efjörSaffeftionen Ratten fid) fo weit gefteigert, baß er gange Stüde 
wie oon einem »offen Drdjefter fjörte, oon SInfang bis gum Gnbe, 
unb auf bcm lebten $tftorbe blieb ber Äfang, bis {Robert bie ®e< 
bauten auf ein anbreS Stiicf fenfte. 2Id), unb nicfjtS tonnte man 
tun gu feiner Grfeidjterung ! 

Sie ©cßörStäufcfjungen fteigerten fic^ oom 10.— 17. Februar* in 



12. Koch fcfilimmer, aber aud) tuutiberbar . . ? . . jcigt ftdf> ©in fept Surg. 

13. SBunberbare Seiben. 

14. Stm Sage Jtemlidj »erfcf|ont. ©egen Slbenb (ef)r ftart, muficiren ;3Bunbet- 

fdjöne Sßufif). 

15. SeibenSjeit Dr. §afencIeocr. 

16. Sicht beffer. Stile ©ebicfjte jufammengetragen. 

17. Seffer. 

18. u. 19. fehlt jebe (Eintragung. Stm 20. ift noch baS „SSodjengetb“ gebucht. 

Slm 21. eine ganje Seihe Bott StuSgaben. Stm 22. nichts: am 
23. noch einmal StuSgaben. 24., 25., 26. noch »orgejeichnet, aber 
nicht mehr auSgcfflUt. 

* Sie fotgcnben (Eintragungen ftnb — auf ®runb ber turjen Kotijen, bie 
(Eiara täglich ju machen pflegte — erft im Slprit erfolgt; fte tragen bie Über* 
ftbrift „Sadjtrag ber »ergangenen 5 SBochen". 



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i 




1854. 



297 



Tjofjem ©rabe. 28ir normen einen anbem Strgt, SRegimentsargt 
Dr. 93öger, an, unb and) fpafeuclcoer lant täglich, jeboef) nur als 
ratenber greunb. 

greitag, ben 17., na<f)tS, als wir nidjt lange gu Seit waren, 
ftanb 9iobert wieber auf unb f^rieb ein Xfjema auf, welkes, wie 
er fagte, if»m bie Engel oorfangen; nadjbctn et eS beenbet, legte er 
fid) nieber unb pfjantafiertc nun bie gange tftadjt, immer mit offenen, 
gum fpimmel aufgefdjlageneu 33 liefen; er war bcS feften ©laubenS, 
Engel umfdjweben if)n unb madjen il)m bie Ijerrlicbften Offen» 
barungen, alles baS in wunberooller SJfuftf; fie riefen uns üöill» 
fomm gu, unb wir würben beibe oereint, itod) ef)e baS galjr oer« 
floffen, bei ihnen fein. . . . 2>cr borgen fam unb mit il)m eine 
furdjtbare &itberung! ®ie Engelftimmen oerwanbeltcn fid) in ®ä» 
monenftimmen mit gräßlicher 9)tufif; fie fagten ihm, er fei ein 
©ünber, unb fie wollcu ihn in bie fpölle werfen, fürs, fein guftanö 
wuchs bis gu einem förmlichen SReroenparojhSmuS; er fchrie üor 
Schmergen (benn wie er mir nachher fagte, waren fie in ©eftalten 
üon ligern unb Spanen auf ißn loSgcftürgt, um ihn gu paden), 
unb gwei Ärgte, bie gliidlichcrweife fchnell genug fameit, fonnteit 
ihn faum halten. 9äe will id) biefen Slnblid oergeffen, ich litt mit 
ihm wahre golterqualen. Sfadj etwa einet halben ©tunbe würbe 
er ruhiger unb meinte, eS taffen fid) wieber freunblidjere Stimmen 
hören, bie ißm 9Rut gufprecf)en. 2)ie $rgte brachten ihn gu 93ett, 
unb einige Stunben ließ er eS fich auch gefallen, bann ftanb er 
aber wieber auf unb machte Sorrefturen oon feinem SiotonceQfongert, 
er meinte baburd) etwas erleichtert gu Werben oon bem ewigen 
Stange ber Stimmen. Sonntag, ben 19., brachte er im 33ett gu unter 
großen Qualen ber böfen ©eifter! baß wirflich überirbifdje unb unter» 
irbifeße SRenfdjen ißn umfchwebeit, ließ er fich burchauS nicht aus* 
reben ; wohl glaubte er, wenn ich *h m fagte, er fei feljr fratif, feine 
Sopfnerocn furchtbar überreigt, aber oon bem ©lauben an bie 
©eifter brachte ich ihn fönen Slugenbtid ab, im ©egenteil fagte er 



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298 



1854. 



mir meßrmalS mit mcßmütiger Stimme, bu mirft mit bod) glauben, 
liebe Slara, baß icß bir feine Unmaßrßeiten fagc! SS blieb mir nicßts 
übrig, als ißm rußig ^ujugeben, bcttn id) regte ißn burcß $ureben 
nur nocß meßr auf. SlbeitbS 11 Ußr mürbe et plößlicß rußiger, 
bie Sngel oerfpracßen ißm Scßlaf. . . . 2JJontag, ben 20., oerbracßte 
SJobert ben ganjcn lag an feinem Scßreibpult, Rapier, gcber unb 
Sinte üor ficß, unb ßorcßte auf bie Sngclftimmen, fcßrieb bann moßl 
öfter einige SBorte, aber menig, unb ßordjte immer mieber. Sr 
ßatte babei einen ©lief ooll Seligfeit, ben icß nie oergeffen fann; 
unb bocß jerfcßnitt mir biefe unnatürliche Scligfeit baS §er$ ebenfo, 
als menn er unter böfen ©eiftem litt. 2lcß eS erfüllte ja bieS 
alles mein $er$ mit ber furcßtbarften Sorge, melcß ein Snbe baS 
neßmen folle; icß faß feinen ©cift immer meßr geftört unb ßatte 
bocß nocß nicßt bie 3bee non bem, maS ißm unb mir nocß benot« 
ftanb. S5ienStag, ben 21. gcbruar, fcßliefen mir mieber bie ganje 
9?acßt nicßt; er fpracß immer banon, er fei ein SSetbrecßer unb foße 
eigcntlicß immer in ber Söibel lefen ufro. 3cß merfte überßaupt, 
baß fein ßuftanb i mmer Q U fgeregter mürbe, menn er in ber SBibel 
las, unb fam baburcß auf bie 3bee, baß er ficß beim Sefen ber« 
felben, als er für feinen $icßtcrgarten fammette, oießeicßt ju feßt 
in ®inge ßineinocrticft, bie feinen ©eift nermirrten, mie benn fein 
Seibcn faft burcßgängig religiöfcr 2lrt, förmlicße Überfpannung, mar. 

2>ie nacßftfolgenben Xage blieb eS immer baSfelbe, immer ab« 
mecßfelnb gute unb böfe ©eifter um ißn, aber nicßt meßr immer in 
SDfufif, fonbern oft nur fprecßenb. Sabei aber ßatte er fo niel 
Ülarßeit beS ©eiftcS, baß er ju bem munberooll rüßrenben, mirflicß 
frommen Ißema*, melcßeS er in ber Dcacßt beS 10. itiebergefcßrieben, 
ebenfo rüßrettbe, ergreifenbe SSariationen macßte, aucß fcßrieb er nocß 
jmci ©riefe, einen ©efcßäftSbrief an Slrnolb nacß Slbcrfelb unb einen 
an £>oll in 2lmfterbam. 

* ©ebrudt im Supptementbanb ber fritijdjcn 9tn?gabe unter 9?r.9 „Xfyema 
(Es»bur) für tßianoforte". 



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1854. 



299 



Sfn ben Statuten hatte er oft SJiomente, wo er mich Bat, oon ihm 
ju gefeit, »eil er mir ein £eib antun lönnte! icfj ging bann wohl 
auf Slugenblicfe, um ihn ju Beruhigen; !am idf) bann mieber $u ihm, 

fo toar eg mieber gut. . . . Dft flagte er, baß eg in feinem ©efjirn 

fjcrumtuü^te, unb bann Behauptete er, cg fei in fur^er ßeit aug mit 
ihm, nahm bann SlBfdfjieb oon mir, traf allerlei S3erorbnungen über 
fein ©elb unb Sompofitionen ufw. . . . ©onntag, ben 26., mar bie 
©timmung etrnag Beffer, unb ba fpielte er bem §erttt ©ietrid) 
abenbg noch mit größtem Sntereffe eine ©onate »on einem jungen 
SJtufifer, SJiartin (Sohn, oor, geriet aber babei in eine fo freubige 
Gjaltation, baff ihm ber ©dpucijj nur fo herunterflojj oon ber ©tirn. 
darauf aff er mit furchtbarer §aft oiet ju Slbenb. 2)a plöhtidj 
9 Vj Uh r ftanb er oom ©opha auf unb wollte feine ftleiber hoben, 
benn er fagte, er miiffe in bie Srrenanftalt, ba er feiner ©inne nicht 

mehr mächtig fei unb nirfjt miffen fönne, mag er in ber Stacht am 

(Snbe täte. . . . £>err Slfchenberg, unfer §aug»irt, fam fogtcicf; herauf, 
ihn ju beruhigen, ich fanbte nach bem Dr. Sööger; Stöbert legte fich 
alle« juredjt, mag er mitnehmen motte, Uhr, ©elb, Stotenpapier, 
gcbem, Zigarren, turj, atleg mit ber Warften Überlegung; unb alg 
ich ih m fagte: „Stöbert millft bu beine grau unb ftinber oerlaffen?" 
ermibcrte er: „eg ift ja nicht auf lange, ich lamme halb genefen 
jurücf!“ 

Dr. 99öger bemog ihn aber, ju fflctt ju gehen, unb oertröftete 
ihn auf morgen. SOtir ertaubte er bie Stacht nicht, bei ihm $u 
bleiben, ich muhte einen SBärter holen laffen, blieb aber natürlich 
im Stebenjimmer. Slnfattgg unterhielt er fich ni >t bent §errn Bremer 
(ben ich hatte holen laffen) giemlidj unbefangen, bann lag er oiel 
in Journalen, unb julefct fchlummerte er moht minutenrceife. 

grl. 3unge* mar mir neben ber S9ertfja, bie fich wirtlich alä 



* ®Iije 3unge, ©efeHjcfjaftcrin unb Jyrcunbin »on gräulein fiefer. SSerttja, 
€tii$c im Sdjumannjctjen ipau(e. 



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300 



1864 . 



eine treue Seele geigte, eine redjt troftreidje Stöße; fie »erbrachte 
mehrere Stäcßte mitwaeßenb liier. . . . Sldj tueldi fe^redlic^er SJtorgen 
foUte ßeranbredjen. Stöbert ftanb auf, aber fo tief metaneßolifeß, 
baß eS ficfi nießt befefireiben täßtl SBemt idj ißit nur berührte, fagte 
er: „ad; (Eiara, idj bin beiner Siebe nidjt wert." JaS fagte @r, gu 
betn idj immer in größter, tieffter ©ereßrung aufbtitfte ... ad), unb 
alles 3 ureben fjalf nichts, ©r feßrieb bie SSariationen aufs Steine, 
nodj war er an ber festen, ba ptößtieß — icfj ßatte nur auf wenige 
Stugcnbtide baS 3 ' mmcr »ertaffen unb fDtariedjen ju ißm fißen 
taffen, um mit Dr. ^afencteoer etwas im anbern 3 intmer ju fpreeßen 
(überhaupt aber batte idj ifjit feßon feit 10 Jagen feinen Stugenbtid 
allein getaffen) — »erließ er fein 3i minet unb 9tng feufjcnb ins 
Scßtafjunmer. ÜJtarie glaubte, er werbe gteieß wieberfeßren, bodj 
er fam nidjt, fonbent tief, nur im Siocf, im feßreeftießften Stegen* 
Wetter, oßue ©tiefet, oßnc StBefte fort. Sertßa ftürgte ptößtieß ßerein 
unb fagte eS mir, baß er fort fei — was icfj empfanb, ift nidjt 311 
befeßreiben, nur fo »iel weiß icß, baß eS mir war, atS ßöre baS 
Jfjerj auf 3» feßtagen. J)ietricß, §afencte»er, fur3 alte, bie nur ba 
waren, tiefen fort, ißn 31t fueßen, fanbett ißn aber nießt, bis 3Wci 
grembc ißn naeß etwa einer Stunbe naeß tpauS gefüßrt bradjten; 
wo fie ißn gefunbeit unb wie, icß fonnte eS nießt erfaßten 

. . . aber idj Ungtütfticße faß ißn nidjt meßr! atS man ißn 3U 
$auS ins fflett gebraeßt, wollte man ißn nidßt aufregen burdj baS 
SBieberfeßen mit mir, unb fo eittfdjloß icß mieß, für biefen Jag 3U 
3 ?rt. Sefer mit3ugeßen, bemt im .fpnuS bteiben unb ißn nießt feßen, 
baS wäre mir guoiet gcWefen!" 

„ 2 Bo fie ißn gefunben unb wie, icß fonnte eS nießt erfaßten", 
feßreibt ©tara. 

©S war fetbftoerftänbticß , baß man ißr einftweiten wenigftenS 
bie Sßaßrßeit »erßeßtte, baß er, »on Stngft getrieben, bireft auf bie 
Stßeinbrücfe gegangen unb fidj »on bort in ben reißenben Strom 



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1854 . 



301 



geftür^t ßattc. Srft oiel fpäter, unmittelbar naeß feinem lobe, erfuhr 
fie baüon, als fein Trauring »ermißt würbe, ©ie fcßreibt bariibcr 
1856: „Stiles war woßl georbitet. Stber eins fonnten wir nicßt fiitben, 
waS nticß tief fcßmerjte, ben Trauring, unb icß »ermutc, baß er ißn, 
beoor er in ben SRßein f prang, felbft ßiitabgeworfett ßatte, in bem 
feligen SBaßn, er werbe ficß ba mit bem meinigen üereinigen. $amit 
eucß, meinen teuern ftinbera, nie ein 3toeife[ über biefe SEatfacße 
fomme, will icß fie eucß etjäßlen, wie fie war. ©3 war am 26. gebr. 
1854, ben $ag, als icß ißn junt testen ÜRal in ®üffe!borf faß, als 
er plöfelicß Oerfcßwunben war. ®a war er in ber Stngft im gieber« 
waßnfinn ht ben fRßeht gefprungen, glücflicßerweife aber fogleicß 
gerettet worben. 3cß aßnte eS bamals nur, erft jeßt ßabe icß es als 
gewiß erfaßten. SRacßbent fanb icß Rapiere, wo unter anbernt ftanb: 
„Siebe Slara, icfj werfe meinen Trauring in ben SRßetn, tue bu baS* 
felbe, beibe SRinge werben aisbann ficß oereinigen. $amalS gab icß 
bem weiter feine Vebeutung, boeß als man mir in Cnbenicß fagte, 
man ßabe nie ben Trauring an feiner §anb gefeßen, ba fiel mir 
baS gleidß ein unb ift mir jeßt jur fcßmer^licßen ©ewißßeit geworben." 

SS folgen nun weiter bie Jagebucßaufjeicßnungeu naeß bem 
26. gebruar 1854: 

„SBelcß feßreeftieße $age oerbraeßte icß nun wicber! icß burfte 
nidßt gu ißm, boeß befam icß jebe ©tunbe SRacßricßt oon ißm. Sr 
frug feiten naeß mir, unb als man ißm fagte, icß fei bei grl. Sefer, 

war er gan$ gufrieben 2)ienftag, ben 28. gebr., war er 

wieber ben ganzen Stag aus bem Sett unb immer feßreibenb an 
feinem ©eßreibtifeß. 3)ie Strgte ßatten ißm jwei SBärter beforgt, 
welcße er gleicß feßr gern um fieß ßatte, wie er benn überßaupt 
gegen anbre milb unb freuitblicß war. Sr feßiefte mir ßeute bureß 
grl. Sunge bie SReinfcßrift ber Variationen mit bem i]ufaß, icß 
möcßte fie boeß grl. Sefer oorfpielen . . . SRittwocß, ben 1. 9Rärg, 
fanbte icß ißm ein Veitcßentöpfcßen unb einige Slpfetfincn ; er ließ 
mir fruß fagen, eS geße ißm reeßt gut, boeß plößließ befam er 



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302 



1854. 



roieber eine heftige Stufregung, unb nun litten bie fcjte fein Stuf* 
bleiben nirfjt ntefjr, nieinanb non feiner frühem Umgebung mehr um 
it)n . . . wenn er bie Slr^te fat), fo brang er immer in fie, baff fic 
ifjn in eine Stnftatt bringen foüten, benn er fünne nur ba 
genefen." . . . Unb fo tarnen benn Säger unb fmfencleöer ju mir, 
baS ff-urdjtbarftc mir mitjuteiten, baß fie ifjn nämlid) in eine $ßrioat= 
tjcilnnftalt nad) (Snbciticf), eine ^atbe Stuitbe twn Sonn, bringen 
wollten . . . 3ffn, ben tjerrticfjen Stöbert, in eine Stnftatt! — wie 
war eS nur möglich, baß id) es trug! unb fetjen, nur nod) einmal 
itjn ans §erj briiden, baS oerfagte man mir ! icf) mußte bies größte 
alter Opfer ißnt, meinem Stöbert, fetbft bringen . . . Sie feß rieben 
nad) Snbenid) an ben ^errn Dr. Siicßarj, ben fwfencteoer perfönlid) 

als einen »ortrefftid)cn üttcnfdjen unb ausgezeichneten Strjt fannte 

greitag, ben 3. 9Jtar$, fam bie Slntwort beS StrjtcS, baß er bereit 
fei, ißn ju empfangen, unb .fpafeitcteocr wollte ißn nun fetbft borb 
ßin bringen. SrafpnS fam heute oon £>annoöer unb befud^te mich 
gleich; er fagte, er fei nur gefomnten, um mir, wenn ich eS irgenb 
Wiinfd)tc, in SDtufif Erheiterung gu üerfdjaffen, er wolle jeßt hier 
bleiben unb fpätcr fich bem Stöbert recht wibmeit, wenn er wieber 
fo weit genefen fei, baß er grembe um fich h a & £ n bfirfe. @S war 

wirtlich rüfjrenb biefe grcunbfdjaft 

©onttabenb, ber 4., brach on! ß ©ott, nun ftanb bet SBagen 
twr unfrer Xür, Stöbert jog fich mit großer Site an, ftieg mit 
.fjafencteoer unb feinen zwei SSärtern in ben SBagen, frug nicht nach 
mir, nießt nach feinen ftinbent, unb id) faß ba bei grl. fiefer in 
bumpfer Sctäubung unb bacfjte, nun tnüffe id) unterliegen! — . . . 

SDaS Söetter war herrlich, fo fd)ien benn bod) wenigftenS bie 
Sonne ju ißm ! ich f)atte bem Dr. fjafencleöer noch ein Sutett für 
ihn gegeben, bieS gab er ihm aud) unterwegs; er hotte eS lange 
in ber §anb gehalten, ohne batan ju benfen, bod) plößtid) roch er 
baran unb brüefte bem |»afencteöcr babei tiichetnb bie §anb! 
Später fchcitfte er jebem im SBagen eine Slume barauS. — 




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1854. 



303 



/pafeitcleber bradjte mir bie {einige — mit blutenbem §ergen bewahrte 
id) fiel 

®benb§ 6 Ufjr fuffr id) mit ber SDhitter* nad) fjaug — ber Sin« 
tritt in fein ,gi mmer ! icf) fann nicfjt barüber fdfjreiben . . . 

SRidjt lange, fo tarnen öraffntg unb Sietrid) unb blieben ben 
Stbenb ba; eg mar recfjt eine tfreunbfcfjaft non iljnen, fie motlten 
mid) gerabe biefen erften SIbcnb itidjt meinem Sd)metge gang allein 
übertaffen, unb bieg muffte id) bod) anerfemten, menti icfj gleicfj lieber 
in feinem gimnter meinem gangen unennefjticfjen Sdsmerge freien 
Sauf gelaffen fjätte. Sie gute fiefer fam aud) nod)! S Bag foll id) 
über fie fagen, über foldje aufopferabe greunbfcfjaft, mie fie mir in 
biefer gangen $eit bemiefen unb nod) immer täglid) tut, mie fie mit 
mir litt unb nod) immer leibet . . . mie fie mirflid) nur in meinem 
Seib unb ffreube lebt, bag läßt fid) nur füllen; icf) fiifjlc eg aber 
audj mit ganger Sraft unb merbe eg ifjr emig in innigfter S)anf« 
barleit gebenfen. Sie, felbft fo unglüdlidj, »ergibt fid) felbft faft 
über mein Seiben. Sag ift greunbfdjaft, mie nur ©ott fie bem 
bergen geben fann. Ski bem groffeu Ungliide, bag er mir fanbte, 
fegnete er mid) bodj aud) mieber in biefer ffreunbin unb iljrer ebenfo 
aufopfernben guten, teuren @life (Suuge), bie moljl auch iljren lebten 
Ötutgtropfen für mid) gäbe, fönnte fie itjn mir baburd) mieberfdjenfcn. 

Spät am Slbeitb fam ber eine SBärter, ein Siafon aug Suig* 
bürg, oon Snbenicf) guriitf unb brachte mir bie 9?ad)rid)t, baf; Stöbert 
glütflicf) angelangt fei, bort gleidj ein paar fel)r Ijübfdje gimtner 
parterre erhalten unb nod) am Slbenb ein Sab genommen tjabe. 
S3ig ßbln fei er rufjig gemefen, oon ba an aber unruhig geroorben; 
inbem er immer gefragt, ob man nidfjt halb anfommen merbe. @g 
mar aber audj feine ®leinigfeit für if)n, itadEj folgen Sagen ber 
furdjtbarften Seiben 8 Stunben im SBagert ruljig fifcen gu müffen, 
mo er beinahe 8 Sage nicfjt in bie Suft gefommen mar! — 

* EtaraS SHtittcr mar auf bie erfte 9)arf)ticf)t öon ScfjumannS (frfrattfung 
nacfj SEsilffelborf geeilt. 



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304 



1864. 



©onntag, ben 5. ÜJtärj, fam Soadjtm ton ^»amtooer, ntid) einige 
Sage ju befugen. Ser gute ÜDtenfdj! wie rührte midj bieS! ©r 
war am SJtorgen mehrere ©tunben bei mir, wo wir natürlich nur 
immer oon ihm, bem Seuerften, fprecfjen. Stadjmittag unb abenbs 
entfdjlofj idj midj, mit Soacfjim ju mutieren; wir malten SJiufif 
oon 3hm .... 

ÜDiontag, ben 6. SDtärj, fing idj wiebcr an, meine ©tunben ju 
geben! ad), es war andj ein fdjwerer Stampf ! aber einesteils füllte 
id), baff nur angeftrengte Sätigfeit mid) jejjt erhalten !önne, unb 
anbemteilS Ijatte idj ja hoppelte 33erpftid)tung, $u Oerbienen . . . . 

Um 11 Uf)r fam 3oad)im, unb ba gingen wir mit iljm, SraljmS 
unb Sietridj „SaS ©liitf oon ©benljall" unb „SeS ©ängerS glud)“ 
oon Robert burd). ©S ergriff uns alle tief! .... 

Um 6 Uhr fam ftafencleoer oon ©nbenid) gurütt, braute mir 
bas fd)on erwähnte ölümdjen unb erjäf)lte mir, wie fcljr ihm bie 
Stnftatt gefallen! man fielet baS gan$e ©iebengebirge oor fidj liegen. 
Stöbert fjat bie SDtorgenfonne in feinen genftern unb bie SluSficfjt 
itadj bem feeujberge. Ser Slrjt batte Stöbert fefjr liebeooll empfangen 
unb iljm einen SEärter für fid) allein gegeben, ben er gleich 
gewann. 

SlbenbS mutierten wir, Soadjim unb ich, Wteber bei fftl. Sefer 
(bei mir ju fjauS fonnte ich mich nicht baju entfdjtiefjen) bis 9 Ul>r, 
wo Soadjim abreifte. Ser gute, treue SJtenfcfj fjatte ©onnabenb 
abenb im fton^ert fpielen müffen, reifte gleich barauf bie Stacht burch 
hierher unb nun biefe Stacht wieber hinburcfj. Sßit fpielten 
Stoberts britte ©onate in A»molt*, unb heute hoben wir beibe fie 
erft fo recht mit bem SlnimuS gefpielt, wie es fein rnujj. 3d) 
hatte fie fefjon früher in mid) aufgenommen, aber Joachim fonnte 
fid) nod) baS lejjtemal in fjannooer gar nid)t recht hereinfinben. 



* Ungebrudt. komponiert am 21.— 31. Dftober 1863. Clara hatte fie mit 
9foad)im in £>annot>er $uerft am 20. Januar 1854 gefpielt 



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1854. 



305 



feilte war er begeistert unb icfj mit. — GS ift ba§ einige, wag 
mir Sinberung fdjaffett faiut — feine SOtufif! ba getje id) barin auf, 
fie ergreift mid) aufg tieffte, tinbert aber bod) auf ÜDtinuten meinen 
Sdjmcra, ber bann freilich um fo tautcr wirb, wenn id) fertig bin, 
bann fitste icb hoppelt bie 2Bud)t be£ barten ©d)idfatg, i^nt nidjt 
mef)r bie £>anb in Serebrung briiefen ju fönnen, nidjt met)r itjnt 
felbft e$ fagen 311 fönnen, wie fet)r feine SBerfc mich begeiftem. 

Sienftag, beit 7 . 2Jtär3, fam ber Dr. f$rege 001t SBicgbaben, nur 
11m mid) 3U fet)en unb mir feine £>ilfc unb ©tit^c an^nbieten, wenn 
id) ihrer irgenbwie bebürfen fönnte. < 5 $ rührte mid) biefe greunb* 

td)aft tief Briefe bie 2Rcnge fameit mir »01t aßen ©eiten! 

3 >ie Scute fd) einen burd) übertriebene 3eitungguad)rid)ten bie ftrattf» 
ßeit für feb limitier uod) anjunefiwen, ata fie ift. GS war fdjrcdtid) 
für mid), immer biefe ©riefe, bie äße Sunbeit wieber neu bluten 
madjten! aber muffte id) wot)l immer, bafs Stöbert bei ber £>od;t)attung 
atg Äünftter bie Serebrung aßer, bie it)n nätjer fannten, genofj, fo 
ßatte id) eg mir bodb fo nicht oorgefteßt, benu eine fotdjc $citnat)mc, 
wie fein Ungtüd finbet, fann wobt faum einem SDianne met)r ge* 
goßt werben. 3d) fagte oft gur SDiuttcr, wüfste er bag, er müfjte 
wabi'baftig baburd) oon feiner ©dbwermut gebeitt werben. 35 er 
©ebatife crfdjiittcrt mid) immer fo feßr, bafs biefer ÜJianti, ber fotdj 
eine Serebrung genickt, an ©cbwermut erfranfen fonnte unb fidj ein* 
bilben, er fei fein guter 9 Renfd)! • • . 

Sötittwod), beit 8. 9Rär3. 5cb b a & e fc^reeftidje 5 Räd)tc immer! 
fann gar nidjt fcfjtafen ober liege nur fo in §atbfcbtaf, wo mid) 
bann lauter fdjrerftidje Silber umfdjwcben — immer febe unb böte 

id) it)n 9 tod) habe id) feine 9 tad)rid)t, wie eg Stöbert gefjt. 

SBafietemöfi in Sonn üerfprad) mir bet feinem fnerfein, ficb täglid) 
in Snbenid) erfunbigen unb mich benad)rid)tigen 3U woßen, unb nun 



weiß id) fd)on feit ©onntag nid)tg oon ißm ,§err ©rimm 

fam beute oon .fjannoocr, um bist 3U bleiben. 

8 i? mann, Clara Sdiumann. II. 20 



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306 



1854. 



Donnerstag, bcn 9. ÜRärj. 9?ocb immer feine Stadjridjt! enblid), 
am ffreitag, beit 10 . 2 Wär$, fam fie, aber ad; jo meitig für mein 
§erj! fein .ßuftanb mar nod) jiemlid; berfetbe, nur ctroaS ruhiger 

im gait 3 en Siele SBefuc^e erlieft id) oon allen (Seiten ...... 

Sonnabenb, ben 11., Juliens Geburtstag! . . . bie Sinber, anftatt 
mir Xroft 3 U fein, regen mich nur noch immer mel)r auf, beim bann 
benfe id) immer: bie armen $inber fjatten foldE) einen Satcr, unb nun 
haben fie il;n oielleidjt auf immer oerloren .... SBicbcr 9?adjricf)t 
oom 9iobert, aber ebenfo roie bie oorige. — ©omitag, ben 12 . SRärj, 
mad;te id; allein einen Spajicrgang über 93ilf unb bie gelber! 
Die fiettte brangen alle fo fel;r in mich, idß müffe fpajieren 
geben, fo moUte id; benn menigftenS einen feiner SieblingSfpa^ier« 
gänge madfjen unb ging bcsfiatb allein — ich moUte ganj offne äße 
Störung allein bei if)m fein. Die Sonne fdjien fo f;errlid()! immer 
backte idf, ob er fie mobl aud; fiefjt, ob er bann gar nicht an mid; 
bäd;te — id; meinte immer, er müffe mid; füllen! diel gemeint bube 
id; auf bem Spajiergaitgc! id; l;atte ifjn nod; mit i^m gemacht, als 
er fdjon bie GebörSaffeftionen batte. 

9J?ontag, ben 13. SDiärj, fuhr bie Sßhitter naef) CSnbenid) — fie 
motlte bas Ganje bort einmal feben unb mit bem 9lrgtc felbft 
fpreeben, aud; il;n baruiit bitten, baß er felbft mir regelmäßig alle 
8 Sage 9?ad;rid;t gebe. 

Son Dublin erhielt ic^ bfide gedungen; bie ißeri mürbe bort 
jum jmeiten 9KaIc unb mit nod; meit größernt 93eifaH aufgefübrt 
als bas erftemal. Die Slätter fpreeben mit großer Screbrutig oon 
Siobcrt! — 9?ad;mittag fam Sral;titS unb fpielte mir bie Sonate 
oon Gof;n oor. Gr bot offenbar ein mufifalifcbeS Gemüt, große 
Sntentionen, aber er muß noch tüdjtig Harmonie ftubieren . . . 
ÜlbenbS fam bie SJiutter fcl;r beruhigt jurüd. Sie erzählte, ber 
Sbr^t fei ein lieber, beliebet SJtaiin, bie ülnftalt nid;t etma ein 
große! Gebäube . . . fonbern einige im Garten jerftreut liegenbe 
Räuschen, böcbft nett unb gemütlich eingerichtet, ein großer feböner 



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1854. 



307 



©arten unb baS gange ©iebengebirge baoor. — {Roberts 3 lt flanb 
war noch giemtid^ berfelbe ; er tag meift auf bem Söett, ging aber 
täglich glueimat fpagiert'n unb unterhielt ficfj rool)l frcuublid) mit 
beit Sitten, wenn er nicht bie SBeängftigungen hatte. 2>er ’älrgt 
»erfprach regelmäßige Nachrichten. JienStag, ben 14. 9J2ä rj. Sch 
uegetiere nur fo non einem Jage jum anberu; gehe je^t täglich 9 Cs 
jungen etwas fpagieren, aber mit welchem jperjen! SRittroodj, ben 
15. SDfärg. Sefuch »oit filier .... er meinte . . . id) falle nach 
Üötn gieheit, bort tänne ich mel)r aerbietten als h^r • • • id) lehnte 
natürlich entfdjieben ab, id) jagte filier, baß ich niir teuer 9 Cs 
worbeiten {Räume nicht »erließe ohne gewidjtigen ©ruttb, als einige 
Stuubeu mehr .... baß ich eS ferner meines guten 9Ranitc3 
unwürbig fänbe, einen ©djritt ju tun, ber ihn als gamilieuöatcr in 
ein falfcfjeS Sicht ber SSelt gegenüber (teilen würbe, betm man 
müßte ja glauben, er habe mich aller §abe entblößt juriidgelaffen, 
waS ja burdjauS nicht ber galt ift. Nein, läßt ißn ©ott halb 
wicber genefen, fo fotl er alles, wie er eS »erließ, mieberfinben, unb 
follte eS nicht fein, follte er bis jum jpcrbft nicht hergeftellt fein, fo 
gehe ich in i c ^ cm t$ Q lle oni aOerweuigften nach $öln . . . 

3)ounerStag, ben 16. . . . ^eute morgen fanb ich einige 23lätter 
in Roberts ©djreibtifd), bie er in ben lebten Jagen feines £>iep 
feitiS gefchriebeit! <Sic erfchütterten mid) furchtbar .... ich faß 
barauS, baß er, fragte er gleich nicht nad) mir, hoch immer meiner 
gebaut hatte. Sch hatte heute etwas beffere {Radjricfjten ■ • • Sd) 
fpieltc heute bem 93ral)mS — ©rimm unb ®ietridj fangen — ben 

erften unb jweiten Seit beS „gauft“ oom {Robert Sd) war 

wieber tief ergriffen — ber SDiann, ber baS gefd)affcn, war ja mein 
unb jeßt mir fo furchtbar entriffen. greitag, ben 17. SOfärg. 
SBieber gteutlich befriebigeube Nachrichten »on SöafielewSfi, b. h- bie 
ßuftänbe wechfeln immer .... 

Sd) habe nun fo lauge 3eit leinen Jon geübt, wenn ich aber »om 
{Robert fpiele, ift’S mir, als ob ein f)öl)ereS SSefeit meine ginger 

20 * 



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leitete; idj fie nidjt ntefjr, linb ift eg mir, alg mürbe mein 
ganzes Sein SLJlufif . . . 

grcitag, ben 18., erhielt idj einen 33rief non ißaul ÜJtenbelgjoljn, 
ber midj tief ergriffen fjat. @r fdjreibt, er füfjte fidj als 33 ruber 
bcg oercmigtcn gelif, ber ja unfer mariner grcunb mar, beredjtigt 
unb gebruitgeit, mir feine |>ilfc anjubieten, unb nidjt idj müffe 
ifjm bauten, fonbern er mürbe eg mir bauten, nätjine idj fie an, 
benn er tjanbte nur im Sinne feines fflruberg unb bäte midj bes= 
fjalb um mein Vertrauen ju ifjm als greunb. Xabei fdjidtc er in 
biSfretcfter SOBeife ein Ärebitio auf 4(X) Xater, nadj meinem 93clieben 
ju ergeben ober nidjt. — Sange überlegte idj* — jurütfmeijen 
mochte id) ein auf fo garte unb freuubjdjaftlidje SBeife gemaltes 
Slnerbieteit nidjt, audj füllte idj, bafj id) meinen Äinbern eg fdjutbig 
mar unb tmr allem iljm, bafj id) nidjt oorcilig eine §ilfe, in fo 
burdjauS nobler Söeifc geboten, non mir meife! idj tonnte ja unbe= 
fdjabet meiner ßfjre, bag Rapier liegen taffen, oljne eg 31 t benufcen, 
unb eg iljm fpäter einmal mieber ^urüdgeben, oor ber §anb mar 
eg bodj eine fjilfe. Stöbert fann länger jur ©enefung bebiirfen, 
alg mir alle jejjt fjoffen . . . märe nidjt audj ber galt benfbar, 
bafj Stöbert in 3—4 ÜWonaten fo roeit Ijergeftcllt märe, bann aber 
eine GrljoluitgSreife madjen ntüfjte . . . fur^, idj fdjrieb ... in 
tjerjlidjfter SBeife, bafj idj oor ber £>anb bag ißapier bemalte alg 
etmaigen Stotbeljelf, bafj idj aber je^t nidjt in ber Sage märe, es 
ju bebiirfen . . . 

Stadjinittag britten Xeil beg „gauft" oom Stöbert burdjgcgangen. 
Xer geliebte, teure SJtann, in feinen SSerfen fdjafft er mir felbft bie 
fdjönfte Sinberuitg meiner Sdjmerjen! Slbenbs fpicltc Sraljmg mir 
mit 33eder eine Sonate oon ©rimm oor, ber ein fcfjr talentooller 



* Sine Inrj juBor ifjr Bon anbrer, auch nalj Befreunbctcr Seite in befter 
Slbfidjt, aber für ifjr Sefütjl Berlcfjenber gornt jur Verfügung geftellte Summe, 
Ijatte fie, ebne fid) ju befinnen, freunblidj banfenb jiirüdgejdjiit. 



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Äomponift ift, ma« man befonber« bei feinen Siebern, bie mir 
Vraljm« neulich einmal geigte, IjerauSfüijtt .... 

föfontag, ben 20. 9Rärg. fftadjridjten tiott Dr. ißeter« (Slffiftent 
be« Dr. fRidjarg), baf; Roberts Vefinben im gangen mof)t beffer fei al« 
im Anfang, baff aber bie Veängftigungen uoef; oft micbcrfeljren, mo 
er bann unrufjig im gimmer auf unb ab gefje unb gumeilen and) 
nieberfniee unb bie £cinbc ringe. . . . 8d) meinte ben gangen Jag 
f)eute ! manchmal f)abc id) gar feine tränen meljr, bann mieber un* 
aufljaltfam. ' 

Sienstag, ben 21. 9?adjmittag fam Dr. .^afencleoer mit ben 
fungen ÜRufifem, unb ba gingen mir micber ben erften unb gmeiten 
Xeil bc« „5auft" burcf). ülbenb« St)mpl)onieprobe uon SRobert« gmeiter 

Stjmpfjonic alle gingen in bie fprobe, idj blieb allein mit 

meinem tiefen Sdjtncrge in fRobcrt« Zimmer; f e ' |,e Variationen er* 
labten ctma« mein frattte« §erg, nadjfjcr bradj aber ber Sdjnterg 
um fo fjeftiger f)eruor. Sie Variationen finb fo riifjrenb roef)mütig 
— ad), er litt ja fdjon fo fdjmer, al« er fie fdjrieb! — 

ÜJiittmod), ben 22. 30?ärg. greunblidje« Slucrbietcn tion 
Dr. Partei, für mid) unb bie ilinber in Seipgig ein Songcrt gu 
geben. 3d) leljnte e§ natürlich gleich entfliehen ab . . . Äongert 
laffe id) niemanb für mid) geben, ba« tue id) felbft, menit id) c« 
bebarf . . . ?lber rül)reitb finb roatjrfjaftig alle bie ^rcurtbfcfiaft^* 
bemeife, unb foldjc tJreunbjdjaft rniif; man rcdjt al« einen Segen 
betrauten . . . 

Sonner«tag, ben 23. 9Rcirg. SRadjmittag 9?eujal)r§lieb, 4*fjän* 
bige« fpanifdjc« Sicberfpiel unb Cuoertüre gu „.fjermann unb Soro* 
tf)ea" oom fRobert mit ben jungen Herren burc^gefpielt . . . 

Sonntag, ben 25., faitt ber gute Stoe Saitement au« Hamburg, 
nur unt mid) gu fefjen unb mir feine §itfe unb SRat angubieten, 
menn id) berfelben bebürfen folltc. Sa« mar bod) roirffidj redfit 
ein 5rcunbfd)aft«bemei« . . . @r fagte ber SRutter, er Ijabe eine 
'Summe gu meiner Verfügung bei fidj. 3 cf) ging natürlich cbenfo* 



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310 



1854. 



menig mie Bei ben anbent Anerbietungen barauf ein, obgleidfj er 
mir biefe ©adje Don einer ©eite barjuftellen fixeste, wie fie feljr 
fd^ön mtb nobel mar. Gr fagte, Robert Ijat fein ganzes Sebcn für 
unS SUfufifer gemirft, Ijat unS bie fdjönftcn ©tunben beS flebenS 
baburd) gefdjjaffen, Ijat fiefj burdj biefeS ftetc SSirfen franf gemalt; 
jefjt fjaben mir bie Ijcilige fßflidjt, für feine ©enefitng menigftenS 
äufjcrlidj alles ju tun, maS mir fönneit, unb für bie Grfjaltung 
feiner Familie ebenfo ju forgen .... 

©ountag, ben 26. AbenbS fpielte mir SrafjmS bei ber £efcr 
fein neues gaitj geniales Xrio* oor, Derftanbcn aber ffabe idj eS 
nodfj nidjt Doßfommen. 3dj !ann mid) nodj immer nidjt redjt mit 
bem Dielen Semporncdjfel in feinen ©adjen befreunben, unb ba$u 
fpielt er fie fo millfiirlidfj, bafj idj tjeutc 3 . 93., tro^bem, baß id) 
nadjlaS, iljm nidjt folgen foitnte, ebenfo mar eS für bie fDJitfpielcr 
feljr fdjmer, barin 51 t bleiben. GS finb aber Ijerrlidje ©adjen in 
biefem ©tiide! — fflrafjmS mar eben nidjt feljr licbenSmürbig 
gegen mid), mie er beim überhaupt, mie mir fdjeint, burdj bie furdjt« 
bare Anbetung Don ben aubern jungen Seuten Derborben mirb, benn 
er äufjert ficfj oft über Singe in einer SSeife, mie id) eS j. 33. Don 
meinem SRobert nie ä^itlicfj gehört. Sd) fiirdjte, er mirb fo nodj oft 
anfommen, mie mau fagt. SieS tut mir aber feljr leib, unb bod) 
{jeitte id) nidjt ben fühlt, eS iljm 311 fagen! — füfontag, ben 
27. füfär^, feine fo guten SRadjridjten Dom Ar$t — idj in ©djmerj 
aufgclöft! — AbenbS fpielten mir ber fühitter fHobertS 3 SrioS 
Dor . . . SienStag, ben 28. füfärj, reifte bie Süfuttcr nadj Serlin 
äurüd . . . 93rafjmS unb ©rinim gingen audj nadE) Söln fjeute ^ur 

9ten ©tjmpljonie, bie erftcrer nodfj nie gcljört Freitag, ben 

31. fUfärj, ©raljmS unb ©rimm toareit in Gnbenidj gemefen unb 
Ratten fidj felbft beim Dr. itadj Dfobert erfunbigt. Gr mar bebcutenb 
ruhiger unb Derlangte mofjl nadj ©lutnen, bie er in Süffelborf 



* H<bur. I 



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1854. 



311 



immer gehabt habe. 2t cf), id) mar micbcr fo aufgeregt baburch, beim 
idEj bacfjte, follte er, mcttit er ber ©turnen, bie er fjier hatte, gebeult, 
nicht auch meiner gebeuten? unb marum fragte er beim niematd 
nad) mir? marum tiertangte er nie itad) Siadjridjten Don mir? ober 
»erfdjto| er bie Sehnfucfjt in fiefj ? mie fdjredtid) bann? tuad litt 
er bann? Strf;, meint mir bie ©ebanfen alte fo fommen, bann ift’d 
fchredtidj- Stprit. Sin neuer Sötonat! mie Diele merbeit nod) an» 
brechen, beoor id) itjn mieberfefje? ad), ©ott, erbarme bid) meiner, 
id; fiirdjtc, id) gct)e unter im ©djuterj. 

©onuabenb, ben 1. 2lprit. Steimerd fam tjeute Don Soun unb 
brachte redjt berufjigenbe Stadjridjten. Stöbert fudjt oft ©eitdjen int 
©arten unb freut fid) bariiber. 35er 2trjt meint, er geminnc alb 
mäfjtidj 3ntereffe mieber für Stnbrcd. ... 3. reifte Steimerd jurütf, 
id) gab if)tn ein fd)öued ©ufett für Stöbert mit. . . . 5 lc ‘ ta 3» 
ben 7., fam SBafietcmdfi, feine fo gute 9tad)rid)t. . . . bod) id) beide, 
ba§ er 10 Sage ganj ruf)ig Derbradjt, ift bodj gemifj fd)on ein 
Stritt jur ©efferuug. — Stad) meinen ©turnen tjat er gar nid)t 
gefragt. 10. Slpril. Dr. §afencteDer ift in ©onn gemefcit unb 
brachte mir Stadjridjt, bie mich orbeiitticf) neu auftebeit lief). . . . ®cr 
Strjt fagt, mad in ber furjen $eit (ad)- toie fo taug für mid)} nur 
ju tjoffen gemcfeit märe, bad märe erreicht, — ber erfte ©djritt 3 ur 
©effenmg! D ©ott, mie baute ich bir für biefen fiicfjtbtid in mein 
Ungtiid! . . . 35er gute Örat)ind jeigt fid) immer rcd)t atd ein tief» 
füf)lenber f5 reun b! er fprid)t cd nicht Diel aud, aber man fict)t cd 
an feilten ©efichtdjiigcn , feinem fpredjenben 2tuge, mie er mit mir 
um ben ©etiebten, ben er ja fo hoch Deret)rt, trauert. Überhaupt ift 
er aud) barin fo tiebendmürbig, bafj er jebe @elegcitf)cit auffud)t, 
mid) burch irgenb ctroad 2Jiufifatifd)Cd aufjiiheitern. ©on einem fo 
jungen SJtann muf; id) bad Opfer hoppelt anerfemteit, cd ift gemifj 
eilt fotcfjcd Doit jebem, ber jefct Diet mit mir Derfefjrt ... 12. Stprit. 
2lbetibd tad ich alten ©riefe, bie mir, Stöbert unb id), und Don 
1831 — 1837, mo mir und einauber auf emig Derbaubeu, gcfd)ricbeit. 



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1854. 



2Bie fefjr regte mich baS auf! waS ^aben wir bodj um einanber 
gelitten! .... 14. Slpril. (Snbticfj heute fpiette idj einmal toieber 
für midj allein! oft Ijabe idj baS Älaoier geöffnet uub immer wieber 
gefdjloffen, eS war mir bann immer fo wef) umS §er$, bafj id) 
nidjt tonnte, SraljmS’ neues Irio , wctdjcS idj mit SBafielewSfi 
unb SicimerS, bie beibe ju ben Feiertagen [jertommen wollen, 
fpielcn will, jwang ntid) 311m ©tubieren. . . . ®eit 16. 3lpril. 3rf) 
füfjle midj rcdjt unwohl, fann gar nidjt fcfjtafen bie Städjte, fdjlafe 

icf), fo träume id) fo unanffjörtidj üom Stöbert liefe 9tad)t 

Ijörte id) iljn mehrmals feufjen, fo natürlidj, bafj idj nad) feinem 

Sette binfeljen muffte, midj 31t überjeugen, bafj er eS nidjt war 

17. Slprit. ler Slrjt fdjreibt . . . meine ifjnt gefanbten Slumen« 
ftöde ^abc er mit SSoljlgefatten betrachtet, getackelt unb mit bem 
Stopfe genidt, ofjtte aber eine Slufjetung 311 tim. SOtcin Stöbert, follteft 
bu nic^t au beinc Glara gebucht fw&en? ... — ©efteru morgen 
hat er fidj fel)r erfreut gezeigt, gan3 in ber Stalje feines SimmerS bie 

Nachtigallen fchlagcu 3U hören 23ic freue ich midj, bafj er 

bie Stadjtigallen tjört f>ier fotlen fie audj jd)on fein, idj tjörte 

aber noch feine Soadjint iiberrafdjte midj fjeute morgen [in 

^Begleitung oon Hermann ©rimm] .... 28ir fpielten fogteich bas 
SraljniSfdje Ino, baS Foadjim nodj nidjt fannte. 33 ic fpiclte er baS 
glcidj 00m Statt, ohne einmal 3U fefjlen! jefet hörte man baS Irio 
erft redjt orbcntlidj! .... 2(m 9lbcnb wicbcrtjolten wir baS Irio, unb 

nun ift mir alles gan^ ftar barin Slufjerbem fpiette Foadjim 

feine neuen 3 Gljarafterftiidc 23 ir fdjloffen uitfre SOtufif mir 

Stoberts rc^enbcn Iwmoriftifdjeu tpijantafieftüden mit Sioliite unb 

Getto 2tdj, ich badjtc immer habet au ihn unb frug midj immer, 

wie cS nur ntöglidj fei, baf; ein fo heiterer ©cift, ein fo nedifcher 
.fjuntov ber ©djwcrmut anljeimfalten fönne. — 18. 2lpril ... idj 
fpiette mit Foadjint Stoberts üDtanuffript A*motl ©onate — mit 
glcidjer Segeifternng als bamals »or 6 23odjen. SlbenbS 
[fpielten wir Stoberts] D=motl ©onate, bie uns alle aber fo ergriff. 



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baß tt»tr nichts weiter fpielen mochten 21. Slpril. ©rafjmg 

bradjte mir brei Stüde, worunter and) feine fefjr geiftoolle , Erinnerung 
an SJtenbelgfohn". — |>cutefam auch eine Sinlabuttg beg Stotterbamer 
fjreftfomitee jum SOtufiffeft an 9?obert! ad), ber Sirme, uidjt einmal 
fcfjicfen barf idj ihm biefclbc! .... 22 . Slpril. §cute finb c§ nun 
fdjon 7 SBodjett, bafj mein geliebter Stöbert abreifte .... mein Stöbert, 
i d) bädjte, bu müfcteft eg füllen, wie id) beiner gebenfe! SBie idj 

beiiten teuren Stamcn fo unzählige SDtale jebcit lag augfprcdje 

SClleg ooit bir ift mir ja fo ljeilig! SDtit wahrer Gfjrfurdjt gefje id) 
an beinen SDtufilfcfjranf! .... Jein Sdjreibtifd) ift immer mit frifdjen 

©lutnen gegiert, fo wie bu eg gern hatteft 23. Slpril .... heute 

nachmittag .... fpielte id) mit ©raljtng unt ©rimm bas Stequiem 
nom Stöbert, ach, wie ergreifenb ift baä! wie herrlid) unb fromm 
empfunben! .... (Später abettbg fpielte idj ben itarncDal unb — 
bie ©apitlong! Ja ging bie ganj alte 3eit tüieber an mir worüber! 
— . . . ©eftern fpielte bie SDtilanoHo hier — id; tonnte midj trof) 
allen 3 urebeng uidjt entfdjliefjen, fie ju hören — mein £)er$ ift tot 

jc§t für atleg anbre Stör 14 Jagen etwa erhielt id) einige 

3eilen Don meiner (Schweftcr SStarie, 25. Slpril. 

Jer Stachiaf) in bem ©riefe (beg Sietes) „eg laffe fich jebodj noch 
immer feine fixere Slugfidjt auf einen günftigen Stuggang ber Mranf* 
Ijeit eröffnen, wie ich 3 lt glauben fdjiene, auch fönne man uidjt efjcr 
einige Hoffnung ju einer SSiebcrljcrftetlung hegen, alö big Stöbert 
bie guten Stimmungen mehrere SBodjett bauernb gehabt," hat mid) 
ganj ju ©oben gefdjmettert . . . aller SOtut ift Don mir gewidjen, 
benn feinen Slugettblid hatte ich ernftlidj au einer Jöieberfjerftellnng 
gejweifelt, wohl hatte ich gefürchtet, eg mödjte lange bauern, aber 
an einen gänjlid) unglücflidjen Sluggang ber Sranfheit glaubte ich 
uidjt .... ich bin gelähmt, alle Jatfraft ift Don mir gewichen, 
wie foH idj mit fotefjer .... .fjoffnunggfofigfeit noch arbeiten! . . . 
27. Slpril. SBafielewgfi war am SJtontag hier — er war tjerjlog genug, 
beinahe ben ganzen Jag hier 31 t fein, che er ju mir fam; bann traf 



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1854. 



er ntid) iiidjt .... unb fo I)abe ich tljn gar nid^t gefeiten 

28. Slpril. 23ral)m« brachte mir Sieber non fiel). Ginige barunter 
feljr eigentümlich ! aber attcS , was er mir jeigt, finb fefjon früher 
fomponierte Sadjett, — ictj möchte wolfl wiffen, ob er tjier gar nichts 
tamponiert ober ob er etwa« GJrößereS Diellcidjt oor hat. 30. 31pril 
. . . ich betam fehr fdjlccfite Stacfjrichtcn burch Steimer«, mein armer 
Stöbert leibet feit mehreren Jagen toieber unau«gefef5t an ©efjör«« 

affettionen unb einem tiefen'Snfidjgctehrtfein J)er heutige Jag 

oerging i'efjr ftilt, ich nahm feinen SBcfucf), nicht einmal Don 93raf)m« 
an — ich tonnte nicht! — .... 7. 2Jtai. §eute abenb tarn SBraljmS, 
©rinim unb Jüctrid) unb aufjer grt. £efer auch Sri. 0011 StoDiHe unb 
SSittgenftcin. |>err ®raf)m« h a Ke mir Derfprodjcn, erfterer einige 

feiner Äotnpofitionen oorjufpiclcn Gr fpielte bief, unb mit immer 

neuer Sewunberung höre id) ifjm immer ju 5<h fef) c ihn auch 

fo gern beim Spielen! §at fein ©efidjt fchon an unb für fid) einen 
ebteu Äu«brucf, fo oerebelt cö fich beim Spielen hoch nod; oiel mehr! 

. . . . babei bleibt fein Spiel immer ruljig, b. h feine 93c- 

wegungen fittb immer fdjöit, nicht etwa wie bei Sifjt unb anbern 

Gin 3 u faH fiiljrte fyrau Seeburg unb $rl- Salomon* au« Seipjig 

biefeit §lbcnb hierher — fie blieben ein wenig 3d) habe feit 

einigen Jagen angefangen, Stöbert« $ud) über ÜWufi! unb ÜJtufifcr 
^u lefen, ganj oon Slufaitg an .... welch ein herrlicher SDtenfdj 
er bodj ift! ach, id) toeifj e« längft, muß c« aber immer wieber 

oon neuem empfinben unb au«fpred)en 8. SJtai. 33rahm« . . . 

fpielte mir wieber Diele« üor, oon Sdjubert A*moU<Sonate, Don SBcbcr 
Stonbo au« ber DmioH-Sonatc, Don Gletnenti einen Saß, unb ade« ba« 
au«wenbig! ich öin immer Doller Skwuttberung über ben großen ©eift 
in biefem Keinen 9Jtenfdjen ! .... 9. 2Jtai. §errn Öraljm« überfchiefte 



* Sie ßinbrüdc, bie jpebtoig Salomon bet biejem SBcfud) empfing, finb 
roiebergegeben in jenem „glicgcnbcit SJlatt" aus Süfjelborf Dom 7. ffliai 1854. 
Sgl. „®inc ©lüdlitfie. §ebroig oon §o!ftein in iljrcn SBriefcn unb Jagebudf- 
blättern.“ ©. 114 ff. 



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315 



id) Ijcutc jur Srinnerung an bett 7. (feinen ©eburtStag) SJobertS 
Schriften. — id) bacfjte, Robert nsürbe aud) fo getjanbett hoben! 
. ... 11. SJiai. £>err üon ©aljr, ber geftern Ijicr angefontmen, befugte 
mid) fjeute. Sr wirb luofjt einige SBodjen hier bleiben ... 13. 9Hai. 
. . . . 23ral)mS . . . fpiclte feine F*moll«©onate, üon ber id) ben 
lebten ©af) nod) nidjt !lar öerftelje, baS anbre aber herrlich finbe, 
b. 1). fyie unb ba barte ©teilen ausgenommen; bann Schuberts 
. . . tounberüolle B*2)ur«©onate, üon ber bcjoitbers ber erfte unb 
jmeitc ©ab ganj entjücfenb fcf^ön ift .... SBraljmS fpielt bie 
©djubertfcfjen ©acf)en aber aud) munberüoH, bcfonbcrS bie ©äf>e, 
bie er im Jempo nidjt übertreiben fann — fouft tut er baS mol)! 
gern! £>errn üon ©abr finbe id) aujjerorbentlid) ftifl, maS einem ganj 
befonberS 33raf)mS unb ©rimm gegenüber auffällt. Sefjtere beibett 
fönneu luftig wie bie Sinber fein! 14. 90?ai. ©ott fei £anf, loicber 
gute 9iad)rid)tcn üon meinem geliebten Spanne. 9Jun finb eS 14 2age, 

bie er ganj ruljig ol)ne ©törung üerbradjt 16. SJiai. 2lcf), 

meid) trauriger ÜJiorgcit bracb heute loicber für ntidj an. ®ie 9Jad)« 
richten üom Strjt maren mir in üicler üjinfidjt fo fdjmerjlidj! 9?odj 

immer geigen ficb bie ©ehörStäufd)ungen unb irre Sieben ®aS 

allcrfdbmerglicbfte aber ift mir, baff er felbft, wenn er üon ®üffcl« 
borf fpriebt, roofjl .‘pafencleoevS ermähnt, aber meiner mit feiner ©ilbe! 
©ottte er an meiner Siebe ju iljm jmeifcln, roeil id) midj bereben lieb, 
üon ihm ju geben? ach, Stöbert, meine Siebe ift ja fo unenblidj, baff 
bu fie ja fühlen mufft! .... Sich hätte ich nur erft baS SBochenbett 
hinter mir, bann mufj ich etmaS unternehmen — bieS Seben halte id) 
nidjt aus! — ich ntufj and) f e hen, etmaS ju üerbienen, baS Seben 
foftet boch gar ju üiel, unb SiobertS Saffe fdjmiljt babei immer mef)r. 
SDieiit §auptftreben geht je|t baf)in, baS ju üerbienen, maS SiobertS 
Sranfljcit foftet. ©c^enft il)m ber |)immet ©enefung, fo foll er 
aber auch bann burch nichts an biefe unfelige .ßeit erinnert merben. 
• . . . Sonnte ich & oc h nur jefct fe^ott etmaS tun! cS ift red)t traurig, 
toie nichtStuenb ich bie Sät üerbringeu mufj ®ral)inS fpielte 



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3 IG 



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mir fyeute wieber SRobertS Fis*molI«Sonate Bor, icfj war aber io rief 
betrübt, baß mid) fctbft nidjt bie ÜJtufif 311 jerftrcucn Benttodjte — 
eS war ein fdjlimmer 'lag ^cute! .... beit '19. 9D?ai. SrahmS 
fpielte mir bie A«moH« unb D»bur»Sottaten Bon Schubert, über bie 
icf; eben in 9?obertS Schriften* £>errlidjeS gclefen, unb bie B--bur» 
Sonate Bon ßlementi . . . 9?ad)bem fpielten wir noch eine ißhuntufie 
unb eine Sonnte Bon ÜDiojart uttb bie ewig geniale Cuoertüre 311m 
„Sommernachtstraum". ®aS war oiel SOhtfif auf einmal, aber fie ift 
mein einiges fiabfat, unb bann fittb eS ja nur $11, mein SJobert, unb 
beine fiieblittge, bie wir pflegen! — 20. 9Kat. 3dj leibe jefct fef;r 
Biel förperlidj! SDieine SJfemennbfpanuung ift fo grob, bab icf> immer 
liegen möchte .... id) fann wenig tun unb bin nur frob, wenn icb 

meine Stunben geben fann 3d) taS heute bie „Bier Stimmen 

über baS SöcethoöemSJionument"** unb über bie ÜDfelufinewDuoertüre 
Bott SDfenbelSfoljn*** fowie nochmals über bie Sdjubertfcben Sonaten. 

SSie herrlich [teilt Sfobcrt biefe brei . . . bod) immer bin 9)tein 

Diobcrt erridjtct [ich fctbft mit biefett Schriften ein ®enfmat, wie er 
es nicht fchöner auber feinen mufifalifdjen SBcrfen tun fönnte. 3d) 
bin gan3 gtiieflicf) über biefen Schaft, ben er ba ber Sßelt gefd)enft. 
2ld) wie mit fo tieffter Iraner erfüllt eS mich, bah biefer grobe 
feltene ©eift jeßt fo erliegen muffte! 0 Fimmel, lab ihn fiefj wieber 
erholen unb wieber 31W greubc uttb ^Belehrung ber SOtenfchen 
Wirten! ich nteine, feine Straft fann noch nicht erfeböpft fein! ... 
23. ü)?ai befatn id> wieber Nachricht Bottt ?lr3t, — teiber immer bie» 

fetbe 3lcfj, ich fange an ganj auf beffere 9?adjrichten 31t refig» 

nieren! idj Berbrachte ben heutigen gansen ®ag in ftummem 
Stf;mer3e. 24. 9J?ai. Sehr unwohl. SRadjmittag rib midj bie SRufif 
etwa» heraus. 3d; probierte mit 23ral)inS bei ÄlemS 3 Säfte einer 



* Schriften. 4. Stuft. I ©. 175 jf. 
** Schriften. 4. StufL I ©. 251 ff. 
*♦* 9t. 0 . C. I © 181 ff. 



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Sonate oon ifjtn für 2 Älaöiere*. Xiefe fameit mir wieber gan,f 
gewaltig oor, gan^ originell, großartig unb babei flarer als grüneres. 
2Bir fpicltcn fie jtoeintal, unb Sonntag miß idj fie iß nt mit 35ietridf> 
oorfpielcn, bamit er oon weitem ben gufammenftang ber Snftru» 
ntente beurteilen fanit. Gr unb ©rinim famcn bann nod) mit ju mir. 
SraßmS fpieltc mir nod) SdjunfcS an Stöbert bebfperte reijenb 
jarte, geiftreidjc Sonate oor . . . . unb bann fpieltc id) meine Sari» 
ationcn über Stöberte Xfjema, bie midj aber fdjretflitf) traurig 
ftimmten, benn gerabe ein 3afjr ift eS, baß id) fie fomponiertc unb 
fo glütflid) in bem ©ebanten war, ißn bamit gu iiberrafdjcn. XticS 
Saßr muß idj feinen ©eburtstag allein oerleben, unb er weiß ifjn 
nidjt einmal! .... SSir fpieltcn nod) oierßänbig bie Silber aus 
Dften unb Duocrtüre, Sdjerjo unb ginate öom Stöbert. GS fpielt 
fidj nidjt leidjt mit SraßmS; er fpielt ju wißfürlidj — auf ein 
Viertel meßr ober weniger fommt eS ißm gar uid)t an 
25. ßjtai. Sifet fanbtc Ijeute eilte an Stöbert bebijierte Sonate unb 
einige anbre Sadjen mit einem freunblitßen Sdjreibcn an mid). 
Xie Sadjen finb aber fdjaurig! SraljntS fpieltc fie mir, idj würbe 

aber ganj elenb XaS ift nur nod) blinber Särm — fein 

gefunber ©ebaufe meßr, aßeS nerwirrt, eine tlare fparntonicfolge 
ift ba nidjt ineßr ßerauäjufinben! Unb ba muß id) mid) nun nod) 

bebanfeit — eS ift wirflidj fdjredlid) 27. 2)tai Spajicrgang 

in ben reijenben SBalb (oon Gßer), wo id; oor einem 3aßr jum 
erften fötale mit meinem geliebten SOtanue war. 3dj bad)te feiner 
ad) fo oiel unb fprad) ben gattjen Sßeg mit SraßmS oon itjm ; 
überhaupt mit SraßmS fpredje id) am liebften oom Stöbert, erftlid) 
Weil Stöbert ißn oor aßen liebt, unb bann ßat er bei aßer Sugettb 
ein mir fo woßltuenbeS ßartgefüßl! ®er gan^e SJteitfd) ift eine 
gar bebeutenbe Grfdjeinung, einesteils weit über fein 2lltcr ßinauS 
in feiner ©Übung unb anbernteilS wieber fo ganj finblid) in feinen 



* 2)ie erfte ©eftalt beS D=niott>ßonjeril, Bg(. Salbei!, Sknfyme I ®. 172ff. 



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318 



1854. 



Csinpfinbungen 9Jian lernt ihn immer mehr fjorfjrjatten unb 

lieben! JRobert l)at ilpt glcidj fo recht erfamtt, mie er ift. 28. 9Jiai. 
9?acfjrid^t non 9JeimerS. Siobert mar geftern roieber etroaS befangen, 
bie Jage oorl;er aber auffaüenb Reiter, fjatte greube am Spargel, 
ben man itjm brachte, unb an Sträufjdjen, bie i(jm bie grau 
Dr. Üiicfjarj fc^enfte. 91d; mie beneibe id; fie, baß fie ifjnt Slumen 
geben fonntc! id; !aun ifjnt nicht baS fleinfte geben! .... ^cutc 
fpiette id) SBrahmS’ Sonate mit Jietrid; biefcin Dor unb bann mit 
®raf;tnS biefelbe nod) einmal. s Di it fjöchftem Sntereffe unb greube 
habe id; fie mieber gcfpiclt. — J>aS ift ein prächtiges SBerf! . . . . 3d; 
fpielte Roberts F molbSfi^e unb As>bur«$anon — beibcS gelang 
mir oortrefflid;, id; mar begeiftert im alleinigen Jen fett an il;n; er 
hörte ja beibc Sachen immer gern Don mir! .... 31. 2JJai reifte 
Jictrid; ttad; betn Siebcttgcbirge unb miß aud; nach (Snbenid) jum 
ilrjt gel;cn .... id; fönnte Jictrid; beneiben, bah er heute nachmittag, 
menn aud; nur auf Kugcnblicfc, ein unb biefelbe 2 uft mit ihm ein> 

atmet ©egen 91bettb fpielte mir SBraljmS einige munberfchöne 

ungarifd;e ®olf»liebcr Dor, non betten bcfonberS ber ungarifche 

Sfationalntarfd; gattj l;errlid) ift 3 d; Ijabe heute an gärtet 

megett beS 93ral;mSfd)ett Jrio gefc^rieben, benn ich fürchte, menn 
gärtet nid;t barattf aufmerffam gemacht mirb, bafj baS fein Sßkrf, 
melcheS breie fo glcid; Dom SBlattc fpielen, er eS Dielleicht nadt 
folch einer fprittta SBifta=9(uSfüf;rung beurteilt unb ihm juriicffchidt. 

. . . . 9D?öd;te id; bod; bem armen 93rahntS bamit einen Sht^en ge> 
fd;afft hüten! id; fage „antt", meil er mir gerabeju geftanben, bah er 
feinen Pfennig ©clb f;abe, fo bafj er uid;t einmal nach ?lncf;ett 311 m 
Ülfufiffeft gehen föntte, fo gern er einmal ein §änbelftf;eS Cratorium 
(SSracI) gef;ört fjätte. Sch fämpfe immer mit mir, ob ich »h m einen 

ficinett 3ufd)uf; 31 t leihen aitbieteit foll 5. Sutti. SraljmS 

fpielte mir iiad;ntittagS bcutfd;e SBolfSlieber oor 9fatf; 9(ad;cn 

ift er mirflid; nid;t gereift — er bauert mich — obgleich er mir 
geftaitb, baf; er nie luftiger fei, als menn er gar fein ©clb habe, 



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1854. 



319 



was mich nicht wenig oerwunberte. SlbeitbS fpiette mir IBrahmS bei 
3frl. £efcr wieber recht oiet oor, bic D*mofl*Sonate oon SScbcr 
unb eine SJienge ungarifdje uitb beutfdjc {VotfSlieber, woju er 
immer »lieber neue intereffantc Harmonien macht. 6. 3uni. 3 cf) er* 
hielt heute bie beften Nachrichten oont Slr^t, bie ich bis je^t über* 
haupt erhalten. {Robert war ruhig, ohne @chörStäufd;uugen, ohne 
öeängftigungen, rebete auch irre unb tat einige fragen, welche 

bewiefen, baß er anfängt, fid; ber {Vergangenheit ju erinnern 

Sich gäbe ber frimmel, bafj bieö ertblid) ein @d;ritt ber ©enefung 

wäre freute nachmittag befudjte mid; ber iVürgcrmcifter 

§ammer8, um mir mitjuteilen, bafj oor ber fratib ber ©emeinbe* 
rat bie Stellung {Roberts hier nod; nidjt als aufgelöft betrachte, 
fonbem il;n noch als ftäbtifdjcn 9Rufi!bireftor bcfolbe, folange bis 
oon ihm felbft eine förmliche ftünbigung auSgehe ober baS 3Rufif* 
oereinSfomitee aus eignen 9J2itteln einen anbern SRufifbireftor 

wähle 3d; h a ^ e jefct wenigftenS bie {Beruhigung, bafj fein 

©ehalt bis jum neuen Safjr unter allen Umftänben fort auSgcjahlt 
wirb. — Jammers benimmt fid) fefjr freunbfdjaftlid; gegen unS im 
allgemeinen. frafencleoer, er^nljlte er mir, hübe im ©emeinberat 

eine fefjr fdjöne {Rebe über {Robert gehalten 8. Suni .... 

SllS ich heute morgen in meinem tVette lag, nahm ich mir oor, 
ftanbljaft ben Xag ju ertragen, aber auch allein nur m ftetem Sin* 
benfeit an Xid), ba trat ich heraus in S>eirt 3iutmer, unb aller Sd;tner$ 
brad; toS! icf> fal; ben Sdjreibtifd) , ben ich ®ir 13 3af)re in 
treueftcr Siebe gefdjmüdt Tratte, leer unb burftc il;n heute »idjt 
fchmüden! .... id; battb ben Sorbeerfrans um Xciit geliebtes Silb, 
Xein Heiner Sdjreibtifd; ftanb »otl herrlicher ffllumcn — baS ganje 
ßimmer ift gefdjmiicft oon {Rofcn, hoch Xu, mein SlUeS, burcf; ben 



mit bieje {Räume fo lieb, fo heilig, Xu fei; Ift! .... .freute am frühen 
SRorgeit fcfron brachte mir SrahmS bie beutfdjcn unb ungarifchett 

IVolfSweifcn, welche er mir aufgefd;rieben Sd; fpraef; it)» 

nicht, ich möchte niemanb heute fpredjen. " 



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320 



1854. 



SCSenige Soge barauf, am 11. 3uni, fam enblich bie erfctjnte unb 
gefürchtete fdjiuere Stunbe, unb bie einfamc SDiuttcr fjiclt baS unter 
feelifdjen unb förderlichen Cualen mie nie juöor erfanfte Ic^tc ifjfanb 
ber Siebe in bcu Sinnen. GS mar ein fräftiger gefunber itnabc. 
S)en Seuten erlaubte fie, iljn 3 « nennen, mit bem Stamen, ber 
if)r unter ben brei auf bem Staubcsamt angegebenen 9?amen, in 
Grinnerung an SütenbelSfofm, ber liebftc mar. Slber bie Gntfdjeibung 
barüber unb bic "Saufe mürbe aufgejdjobcn bis Sioberts ,'r>eimfeljr. 

Sie empfanb eS banfbar, bafj gerabe in ben Sagen auch aus 
Gubcnidj bie Siadjrichten giinftiger lauteten, nicht minber banfbar 
aber bie öerboppellett Bemühungen ber treuen greunbe, bic in garten 
Slufmerffamfeiten unb unermiibtidjer .fpilfsbercitfdjaft ntiteinanber 
metteiferten. Sieben 9fofaIie Sefer unb Glife Sunge öor allem 
natürlich SrahmS, ber „getreue“, „er forgte für Sabung für mein 
.fperj, er tamponierte mir über bas innige fjerrlidje Shema, buä idj 
fo tief in midj aufgenommen, als ich öorm 3 «h re Bariationen 
für ben geliebten Siobcrt fomponierte, and; Variationen unb rührte 
tnidj tief burd; feine jarte Äufmerff amfeit." 

„So bin idj nun oon lauter Siebe umgeben unb hoch fo um 
glücflidj!" 

„Slber unbanfbar gemijj nicht", fefct fie hinju, nod) meniger 
verbittert, rcie ihr fromme unb unöerftänbige greunbinitcn brieflich 
meinten 311 m Vormurf matfjen gu biirfen. Senn nicht alle, bie in 
biefen Sagen baS greunbfdjaftSredjt ber Sröftung in Slnfprud) 
nahmen, erroiefen fitfj ju biefem Sic^eSbieitft berufen. „GS betrübt 
midj redjt fehr", fchrcibt Glara, „bafj faft alle meine greunbinnen* 
fromm reben, fie fcfjreiben oom fperrn 3cfu, unb bafj er baS Äreuj 
für uns ÜJtenfdjen getragen, beShalb mir audj allen Kummer mit 
Raffung bulbcn müffen ufm. ufm. giir mich fanit bie grömmigfeit 

* 9?itf)t in 2'üffclborf, eS tjanbclt fief) hier tebiglid), Wie auS ben Sage* 
buttern utijWeibcutig fjcrUorflefjt, um bie ©riefe beftimmter auswärtiger greun* 
binnen. $anad) ift bie Sarfteflung bei Äalbccf, ©rafjntS I ©. 169 ju berichtigen. 



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1854. 



321 



niefit, in biefer Strt gu benlen unb hm (ben ganzen Jag fettige Siitfjcr 
lefen), befteßen. 3cß fucße meine ißfließten gu erfüllen, fixere mein 
Unglücf gu hagen, fo gut icß e§ !ann, aber nießt burdj Seten unb Sefcn 
ßeiliger 23üdßer, fonbern burcf» Xätigfeit unb baä SBirlen für anbre! 
Jarin finbe icß bie Kraft unb ben 9Jlut, noeß gu leben, überhaupt." 

©o trat Slara wieber ins Seben ßinauä, fo itaßm fie baö „Kteug* 
auf fieß unb fo ben Kampf mit ben ÜDiäcßten, bie bas S3efte, wa§ 
fie ßatte, bie große ßeilige greubigfeit einer ftarlen Künftlcrnatur, 
ißr berfümment unb erftitfen tooUten. 

J)aß fie aber ©iegerin blieb, baß and) in ben bunlelften ©tunben, 
too auf baä Diufcn ißrer einfamen ©cele bureß bie 9?acßt leine 
Antwort bon ber ©timme fam, für bie alle anbern Klänge in ißrem 
Seben biäßer nur ber 6ßor getoefen, fie nie einen Slugenblicf fidj 
felbft unb bie Kraft berlor, bal ißeinticße unb Kteinlicße bcö 

gemeinen SebcnS bureß Japferfeit unb ©röße gu überwinben, ba§ 
ßatte fie, außer ißrem eignen, in ßarter ©cßule gereiften unb ge* 
ftäßlten lünftlerifdjen ©ewiffen, bor allem ben greunben gu banten, 
bie ißr gur ©eite ftanben, S3raßm§ unb Soacßim. 

ÜJiit lejjterm traf fie im 3uli in SJerlin gufammen, mol) in fie 
fieß (am 19.), um in anbrer Umgebung fidj etwas gu erßolen, bor 
allem aber um iljre britte Jocßter Sulcßen, für bie bei ben ber* 
änberten ßäuSlidjeit SSerfjältniffen neben ben beiben altern ©eßweftern 
in J)üffelborf lein redetet ©oben meßr war, ber SDlutter gur Dbßut 
angubertrauen. „Soadjim fdjafft mir bie feßönften ©tunben ßier", 
fdjreibt fie in jenen Jagen, „ebenfo burd; feine Kunft wie feine 
greunbeSgufpracße." „Slucß ift er mir", ßeißt e§ an einer anbern 
©teile, „ein ebenfo teurer ^reunb wie SraßmS, unb audj gu ißm 
füßle icß baS tieffte Vertrauen, fein ©emitt, fein (Smpfinbeit ift fo 
gart, baß er mein leifefteS, gartefteS ©mpfinben gleicß tierfteßt. Jiefe 
gwet greunbe, wie finb fie fo redßt wie für Siobert geraffen — er 
fennt fie noefj nießt, wie icß! erft im Ungliid lernt man feine greunbe 
femten." 

8ifcmann. Clara ©<f|itmanit. n. 21 



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322 



1854. 



i SBenn fie aber ohnehin fid) nur fehr ferneren ^ergenS non ben 
Sinbern unb bem ebenfalls in $üffctborf gurüdgebtiebenen ©rafjntS 
getrennt hatte unb ber ©ebanfe an bie oergröfjerte räumliche ©nt* 
fernung oon bem geliebten Sranfen ifjr faft unerträglich erfdjienen 
nmr, fo füllten bie 9?ad)rid)ten aus ber $eimat, bie fie fürs nadj 
ihrem ©intreffen in ©erlin erhielt, il)r nun oofteubs ben ©oben 
bort fjeifi machen. 

„®aS $erg ift mir 3 U oolt", fchrcibt fie am 21. Suti, „su bir, mein 
liebes Tagebuch, muff ich mich flüchten! ach, aber farat ich eS benn 
auSfpredfen, wie mir ift ! Sßelch ein ©lüd hat mir ber gütige ©ott 
gefdjidt. ®aS erfte SiebeSjeic^en (einige ©lumen) wieber, feit fünf 
Rtonaten Oon ihm, meinem Robert! er I)“t bem grl. Reumont in 
©nbenich bie ©lumen mit freunblichem Sölide gegeben, unb nadjbem 
fie ihn gefragt für wen? gefagt: fie wiffe eS fchon! . . . Sarg 
nach ben ©turnen Roberts fam mir ein rüfjrenb herglicfjer, freubiger 
©rief oon ©rahmS — ber SRenfd) hat ein fperg unb einen ©eift, 
an bem man fich immer erfrifdjt unb erlabt, ©eine Siebe unb ©er* 
chrung für Robert fann mich °ft beglüden, Wenn er fie mich f° xe fy 
unoerhohlen in ganger Snnigfcit im ©efpräch ober fonft fleinen 
3 artl)eiten erbliden täfjt." 

Sein Söunbcr, bah unter bem ©inbrud biefet ©otfehaften fie 
ben ©erliner Slufentljalt, trofebem er bttreh baS 3itfammenfein unb 
SRitfigieren mit Joachim unb bie täglich firf) freunbfdjaftlicher ge» 
ftaltenben ©egichungcn gu ©ettina einen eignen Reis erhielt, lange 
oor ber geplanten 3 £ it abbrach, unb fchon nach 4* Xagen ©lara 
ber faum oerlaffeneit fpcimat wieber suftrebte. „21 cf), wie War ich be= 
gliidt, als ich baS teure ßimtner wieber betrat, wieber feinen Schreib* 
tifdf), feine ©ücher unb alles fah; war es mir boch, als fei ich lange 
fort gewefen, unb als habe ich ein Unrecht wieber gutgemacht gegen 
ihn, ben ©eliebten, ber wieber an mich ba<hte unb mich mit feinem 



* SJiidjt 14 Sagen, wie bei Jfatbecf, 33rat)m» I <B. 178, ju Icjcn. 



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1854. 



323 



©eifte f)ier glaubte, wäfjrenb ich in Serlin! 9?ein idj mufjtc Wieber 
gurücf, nicht etjer fonnte ich wiebet ruhiger werben. . . . „2Bie bin 
idj", fjeifct eg tagg barauf, „fo gang anberg jejjt, wie bat bieg eine 
Keine geicfjen feiner Siebe mich neu belebt! . . . 2Jfat()i(be [§artmann] 
lam beute »on 23onn unb bot mir Slumen wiebet, helfen unb 
Stofen, bie er eigeng für mich gepftücEt unb bem grl- Steumont ge- 
geben, gebracht! 21 dj, fie waren fo gart auggewählt, wie er eg fonft 
immer tat ... . SJtatljilbe bat ibn aucfj gefeben ... fie ftanb bei 
Sri. Steumont hinter einer ©arbine, unb fo fonnte fie ihn fpted&en 
hören unb genau fefjen; fie fagte mir, fie habe ihn nie fo munter 
unb frifcb augfebenb gefunben, babei habe er gang fein milbeg Säbeln 
gehabt! — 2Bie beneibe ich 2J?atf)i(be, unb bocb ich ertrüge eg ja nicht, 
ihn fo gu feben! nein, an feinem bergen muff ich liegen fönncn, .... 
ihm fagen bürfen, wie unaugfprecfjlidj glücflidj idj bin; ad), Fimmel, 
fcbenfc mir bieg ©lüd, ich Witt gewifj recht bemütig bleiben." 

Sn gehobener Stimmung uerftrichen auch bie näcbften SBodjen, 
unb ^ufunftgpläne eilten einer möglichen Söirflidjfeit, ach, a b n t e 
nicht wie weit, ooraug. 5)a fafjt fie eineg Stbenbg auf bem Spagier- 
gang im ©efpräd; mit Vrahntg ben ©ntfdjlufj, „Crgel fo öiel gu 
lernen, bafj ich bem Stöbert, Wenn er gencfen, einige feiner Sachen 
barauf tiorfpieleit fann . . . ®er ©ebanfe machte mir folc^e greube, 
baß id) bie halbe Stacht nicht fchlafen fonnte; an attcg fdjon bachte 
ich, toag ich fpielen wollte, unb wie ich ben Stöbert in bie töirdje 
tocfen laffen wollte, unb wie er mich bann fpielenb an ber Drgcl 
finben fottte!" 

Seftüre — ®. %. 21. §offmann, aug bem Vrafjmg häufig oorlag, 
bot unerfdjöpf liehen unb anregenben Stoff — unb gemeinfameg 
SRufigieren halfen auch über Stunben ber 9Sergagtbeit unb beg 
©angeng leichter hinweg alg bisher. 

@ube Snli gab bie Slnwefenljeit beg SDtünfterer SRufifbireftorg 
SDtütter befonberc Anregung gu gefteigerter |>augntufif. „Vrahmg", 
ßeißt eg am 30. .Suli, „fpielte feine Variationen über Stobertg 

21 * 



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324 



1854. 



£f)ema, bie midj heute fo ergriffen wie notfi nid)t zuoor — S9eet* 
hooenfdjer (Seift weht über bem (Sanken." 21m 31. „nachmittags 
fpielte ©raljmS feine C»bur* unb Fis*moH* Sonate unb bie 

Variationen nod) einmal. Sch war noch nie fo ergriffen gewefen 
boit feinen Äompofitionen als heute. 2)ie Fis»moH*0onate war 
mir noch nie fo Har gewefen bis auf ben testen Schluß, ber mir 
fehr phantaftifch erfeßeint, aber meinen ^erjen nicht Wohltut Sr 
meint, er h Q be barnit eine unbefriebigte ©eßn jucht auSfprechen 

woüen — eS Iaht fich bagegen nichts fagen — er wußte fidjerlich, 

was er wollte, unb er hat eS fo empfunben Sin großer 

(SeniuS ift er, baS fagte Stöbert gleich baS erftc SDial, als er feine 

Sachen hörte, unb er bnrdjfcfjaute beim erften ©lid, was unS anbem 
ÜJtenfdjen erft nad) unb nach aufgeht." SSenn fie aber fortfährt: 
„2>ie SJhtfiler hat ber Srmfte freilid) faft ade gegen fich, benn fte 
fühlen feine Überlegenheit", fo mußte fie auch in ’h rcr nächften Um- 
gebung nid)t feiten ihrer Überzeugung nach Stiific^ten zurüefweifen, 
bie bem jungen greunbe ^mar nicht baS (Senie abfpradjen, wohl 
aber feine 21uSbrudS* unb UmgangSformen als unerträglich arrogant 
anfodjteu ; itjr felbft warf man oor, baß fie ißm gegenüber „zu wenig 
ihre Stünftlerwürbe behaupte." „Sie mag woßl recht haben", fchreibt 
fie nach einer eniften 2luSeinanberfefcung mit ihrer greunbin Sefer 
über biefen ißunft, „hoch ift eS mir unmöglich, eS ju oerbergen, 
wenn ich non feinen Äompofitioncn erfüllt bin, unb ebenfo !ann 
ich einem folgen ftiinftlcr gegenüber nicht oerhehlen, wie oiel höher 
ich ißrobultioität (wahre, geniale) als ©irtuofität fdjätjc . . . 
Sie meint, ich fefce mich °f t 3 U f e h r in feinen 2lugen herab, er fei 
bod; nod) fo jung, unb ba bürfe ich eS nicht tun. 3d) will mich 
etwas meßr 3 ufammennehnten, obgleidj ich überzeugt bin, baß 
©rahmS fo ober fo immer weiß, wieoiel oon mir zn halten ift. 
$aun aber fcheiitt mir beim Shinftter nicht baS 2llter fonbern, wie 
überhaupt bei allen SDtenfdjcn, ber (Seift maßgebenb, unb fo benle 
id) im ^nfammenfein mit ©raßmS nie an feine Sugenb, fonbern fühle 



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1854. 



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mieß burd) feinen (Seift immer in fcßönfter Sßeife angeregt unb oft 
fceteßrt." Sßie gur Seftätigung ßeißt cS ein paar Jage fpäter: ,,3d) 
ßatte ein langes ©efpräcß mit SöraßmS, roa§ mid) feßr intereffierte 
unb belehrte. @r meinte, eS gäbe öiete Jalcnte, bie, toenn eS ihnen 
gefagt morben, baß fie ©mpfinbung ober Originalität ßaben, an 
bem Semußtfein, baß fie es [!] ßaben, fcßeitern, weit fie bann banad) 
trachten, immer meßr in ber SBeife rnirfen ju motten unb bie eigetit* 
ließe urfpriingtidße Äraft unb Statur (ba§ unbemußte ©cßaffen) Her» 
tieren. 3 d) fanb baS fefjr maßr, bocß glaube id) bie» nur an» 
tueitbbar auf Jatente, nid;t auf baS ©enie, benn teueres geßt, 
unbefümmert um alles, feinen SBeg, folgt nur feinem ©otte! — 
Soleß ein ©enie ift aueß getoiß SraßmS; ein bemnnberuugSmürbiger 
SJtenfdj überhaupt ! — . . . 3 d) muff bod) rec^t bem §immet banfen, 
baß er mir jeßt in meinem großen Ungtüd folcßen fyreuttb gefcßidt, 
ber mieß geiftig nur ergebt, mit mir ben teuren geliebten SDZanit 
ocreßrt unb mit mir füßlt, maS idj leibe. ..." 

StCtein, toenn fie audj ben täglichen Serfeßr mit ißm, unb oor 
altem aud) baS 3Jhtfijieren mit ißm, als Jroft unb SSoßltat bantbar 
empfanb, fo mußte fie bod) in biefeit SBocßen bie ©rfaßrung madjen, 
baß ißre überreizten Steroen einer (Srßolung bringenb beburften. — 
„J5ie ÜJtufit tierfotgt mid) mie nie", feßreibt fie, „fie läßt mid) abertbS 
nicht einfeßtafen unb befcßäftigt mieß am Jage oft fo, baß id) mieß 
auf einer gerftreutßeit ertappe, mie fie mir fonft nießt eigen ift." — 
unb fo entfdjloß fie fieß, oor ber großen ernften Arbeit bcS SSitt» 
terS noeß in einem Seebabe Srfrifcßung 311 fudjen. Srleiditert 
mürbe ißr ber (Sntfcßluß babureß, baß nid)t nur ißre greunbin 
Henriette fReicßmann, bie, auf ber Stiicfrcife naeß (Sitglanb im Stuguft 
bei ißr jum Sefucß meitenb, fieß bereit erflärte, fie 31 t begleiten, 
fonbertt aud) bie treue Stofatie Sefer ißr batb nacß 3 ufommcn oerfpraeß. 

Jroßbent mürbe ber Stbfcßieb oon Jiiffetborf, oon ber ÜÖhtfif, 
oor ber fie floß, unb oon SBraßmS, ber bermeil auf ißr .gureben 
eine Steife in ben Scßmar 3 matb antreten mottte, ißr fureßtbar 



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1854. 



fdjjmer. 21m 10. Sluguft brach fxe nach Dftenbe auf. „fpätte ich rnicf) 
nicht getarnt, nid)t nur oor bcn anbern, fonbern aucf) Dor mir felbft, 
ich märe maljrijaftig auf Ijatbem SBege miebet umgcfef)rt." 

3hre gurcfjt Dor bcr grembe mar nicht grunblog gemefen. Ser 
SUfufif, tmn bcr fie augruhcn rooHte, entging fie audj bort nicht, nur 
baß fie bie gute, au bie fie geroöljnt mar, mit }cf)Ied)ter t>ertaufdE)te: 
©raljmg mit bent atternben, in ©irtuofenmäfjchen gänjlicf} auf* 
geljenbeu Sßieujrtentpg, beffen Spiel ber Scufelgfonate Don Sartini 
troßbem baS ©abepublifum ju I]öcf)fter ©egeifterung enteil efte, 
mäljrenb ein Don ßlara auf bringenbeg 3ureben eines äJiufif* 
entf>ufiaften oeranftalteteg Ködert, nur fpärlidf) befudjt, ben fo 
fetjr ermünfcf)ten gufchufi 3 U beit ©eifefoften nidjt einmal ein« 
brachte. Unb boef) blieb ifjr bie« Konzert in freunblidjer ©rinne« 
rung, benn biefer Slbenb fdEjaltete in ben Meinen Kreis ber freuen 
unb Sdjieit, ber aug gleicher ©efimtung unb in ebenbürtiger 
Kraft fich in ber golge um fie fc^aaren fottte, eine neue „mahrhaft 
erfreuliche Srjdjeinuug am Kunftljimmel" ein: SuliugStocf« 
Raufen*. @r fang 3 Sieber Don Sdjumann: „Stille", „SDZonbnacht* 
unb „grül)ting3nacfjt". 3m übrigen aber motlte ihr rneber bie @e« 
feüfchaft, bag lanneitbe ©abetreiben behagen, noch bas 2Reer, fo 
fehr fie fich feiner auf einfamett SSanbcruttgen freute, recht bc« 
fommen, fo baß fie bie ©abefur Dorjeitig abbrach u °b fchon am 
6. September nach ®üfjclborf juriicffeljrte, mo injmifchen auch 
©rahmg, ber nicht über Ulm hmau8ge!ommen mar, fich mieber 
eingefunben h a Ue- Slußer feinen ©riefen, bie ihr „bie fetjönfte 
(Erheiterung" gemefen, ^atte ihr Dor allem in biefer $eit e j n au §, 
fiihrlicher ©rief (Dom 13. Sluguft) bc« treuen jungen fJreunbeS ©rimrn 
über einen ©efudh in ©itbenid; eine grofje unb jum Seil auch freubige 
(Erregung gebracht, beffen mef entliehet 3nl>alt hier einen ©la| oerbient: 

* ©ic f|atte i^n am 21. Äuguft fennen gelernt: „SJefannifdjaft bc« £>etm 
©todfjauien. .'perrltdjcr ©änger. „grüt)ling3nad)t" , ,,©d)öne grembe“ unb 
»telrt Bom Stöbert fang er tief ergreifenb." 3)aä ffionjert fanb am 26. Sluguft ftatt. 



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„Sor etwa gwei Stunben war id> in Enbenicß mtb faß unb ßörct 
Streit ßodß oereßrungSwürbigen §errn ©etnaßt. 9iur burcß ein ßatb* 
geöffnetes Satoufiefenfter Oon ißm gerieben, tonnte icß jebeS feinet 
nod; fo teifc ßingeläcßcttcn 2Borte, jebcit 3ug, jeben 93ticf üerneßmen 
unb gewahren. £>err Sdßumann tarn oom (Spagiergange ßeim, in 
^Begleitung eines 2)iener8, beit er gern gu ßabeit ftf;cint unb meßr» 
rnatS freunbticß anrebete. Sei meinem Eintritt inS £or ging ißm 
ber Dr. fßcterS auf bem §ofc entgegen, führte ißtt an baS fßarterre* 
fenfter, hinter meinem id) mid; oerborgen ßielt. £>crr Schumann 
ßatte ben Sonnet griebßof befud)t gehabt, wo er megen ber 3tn* 
mut unb greunbtidjfcit bcS DrteS unb anS Sntcreffe für einige bort 
befinbtidje SRonumente feit einigen lagen gern weiten fott. — Auf 
bie grage beS Dr. ißcterS, wie er fid) befinbe, too er geirefen, wa8 
er gefeßen, erfolgten feßr ftare, freunbtidje Antworten; auS freien 
StüdEen ergäßtte er oon bett ©rabmätern 9?iebußr8 unb beS SoßneS 
oon SdßiUer. Verworrenes fpradß £>err Scß. gar nidßt, ber 2on 
feiner (Stimme war, wie fonft, gietntid; teife, nur bei einem Scßergc 
feines ^Begleiters er!) ob er ein etwas lauteres, aber audß batb oor« 
iibergeßeubeS Sachen; wenn er nicßt fpradj, fo ßiett er ftetS fein 
weißes Xafdßentucß mit ber regten |>anb oor bie Sippen. 3ti 
feinen Augen tonnte id; nicßtS SrreS entbeden — fein SticE war 
ftetS offen — gerabe auf Dr. fßeterS gerietet unb fo freunbticß 
fanft unb mitbe, burdjaue wie früher, — wie id) ißn guteßt in 
.fiannooer gefeßen. 3m übrigen faß .fperr Scß. woßt unb fräftig 
auS — nur fdßeint er mir etwas gugenommen gu ßaben — er trug 
(waS mir ber §iße wegen auffiel) buntte Judßftciber unb eine 
bunte SBefte .... ©eßörStäufdßungen unb Aufregungen finb, wie 
(Sie wiffen, feit tanger 3 e ‘t nidjt oorgetommen. Dr. fßeterS ttagt 
am meiften über $erm Scß’S Scßweigfamfeit, bie fein inneres 
Seben feßr fdjwierig ober gar nießt erforfeßeu läßt — woran er 
benft, bleibt ÜJätfet — baß er aber an Sie, oereßrte grau Sd)., 
oft benft, feßeint bem Dr. fßeterS burd;auS nießt gu begweifetn. 



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9?ur wedjfelit feine $tnfdjamingen oft unb ra)d), unb manche 
äRomente bringen SSerroorrenfjcit bidjt neben flarer Erinnerung. 
Sene [in einem frühem ©riefe be§ 9trjtc§ furz erwähnte] Slufjerung 
über ©eetho»en§ Jentmal ift »örtlich fo: fperr Scfj. fogt bem Dr. iß. 
bie Stabt, bie er bort »or fid) fä^e, fei bodj moljl nicht Sonn — 
worauf Dr. iß.: woher? baS feien ja bie Jiirme be3 Sonnet Jom§? 

— .fjerr S: eben barum, er wiffe fe^r gut, baß neben bem ©onner 
Jom ©eetljooenä ÜJZonument fei — JaS miifzte er aber fetjcn, 
wenn eö wirflidj ber ©onner Jom fei — Ja haben Sie eine ganz 
ftare Erinnerung bidjt neben einer wiberfinnigett golgerung. — So 
hat §err Sd). üor einigen Jagen behauptet, $üln muffe nad) ber 
Siibfeite fjin liegen, unb ift bei biefer ÜDieinung bcfjarrlidö ge* 
blieben . . . ©eftern abenb fjat er feinen Sßeiit getrunfen, bei ben 
lebten Jropfen aber plöfolidj inuegefjaltcn unb gefagt, eö fei ©ift 
im SSeine — unb barauf fjat er beit 9icft auf ben ©oben gegoffen. 

— Schreiben folt er mantfjeö, aber fo unleferlidj, bafj Weber 
Dr. Siicharz notf) Dr. ißetcrS meljr al§ einzelne SSorte entziffern 
tonnen* — auch foU er nodj an bem SÜatalogc feiner Sßcrfe fdjreiben. 

— komponiert Ijat er in biefer 3^* nidjt, — bie Sieber, bereu 
Jejte er in ber »origen SEßodje gelefen unb al§ »on fidj in iDhifif 
gefegt bezeichnet hatte**, müffen in früherer 3eit fomponiert fein . . . 

* Offenbar auf eine barauf hinzielenbe Jrage Claraß fchreibt ber fflrjt am 
21. Sluguft: „$eS tfjeurcn Fronten Schrift ift mir unleferlidj, nur bube ich fo-- 
Diel entjiffern fönnen, bafj eS fiep um SJtufif banbeit." Ginc Übcrfenbung beS 
öefdjricbenen fei unmöglich, ba ber Jtranfe „baS öorhin OSefcfiriebene faft täglich 
Bon Steuern burthfiefjt." 3Jteift fiitb eö nur abgebrochene Säfte. Ginmal „Stöbert 
Schumann, Gbrenmitglieb beö §immel8!" 

** bezieht fid) auf eine (mifjoerftanbene) Mitteilung beS StrztcS, Schumann 
habe aus bem beutfdjen Sieberroalb Don Scherer ocrfchiebene Sieber abgefchrieben, 
bie er fomponiert habe. Slug ben Berichten beS StrzteS aus biefer geit fei noch 
ermähnt; häufig roerbe ber Patient Dor fich hinfprecljenb unb lädjelnb angetroffen 
unb beachte oft ben abfichtlid) geräufdjDoDen Gintritt beS SlrztcS ober SSär» 
ter« in fein gimmer anfangs nicht. 2)cr SBunfd) nach Spaziergängen mar in 
ber zweiten Sluguftroodje jnerft Don Schumann laut geworben. So befuchtc er 
unt biefe Seit ben botanijehen ©arten zu iJJoppcISborf, ein anberma! baS naher* 



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1854. 



329 



3 cf) fragte ben Dr. 3ß. (oießeidjt etwa? inbiSfreterweife), in wie 
langer 3 e ü ec für bie ©enefung ^offe, unb erlieft gut Slntwort: auf 
©enefung fjoffe er guüerficbtlid) — ba§ Samt aber !önne er fetbft 
nicht öorauSabnen, e? fei augenfdfjetnlic^, baß bie ©enefung fang« 
fam oor ficß gebe." 

„Sa? empfinbe ich immer babei, wenn ich fjöre, baß attbre ißn 
gefeben — ad), e? ift ber ftecßenbfte ©djmerg, mein §erg blutet 
allemal oon neuem", b atte Slara unter bem Sinbrud bicfcr SJtit» 
teilung gefcbrieben. ©ie abnte nicht unb tonnte auch, ba gerabe 
bie lebten 9tad)ricf)ten tocuiger gut lauteten, nicht abnen, baß il)r 
gwar fein Sieberfeben, aber bocb bie 9)iöglid)feit eine? ©ebanfen« 
au?taufcbe? mit bem ©eliebtcn unmittelbar beoorftanb. 

9tn ihrem $od)jeit?tag, bem 12. September, fcßrcibt fie: „Selch 
ein lag! b eute waren e? 14 3abr, baß icß mit meinem Stöbert 
»ereint würbe. 3 uni erften SJtale Oerlebte id) feitbem biefen Sag 
oßne ißn. Sei ißm war aber bocb mein Seift, — ad), unb weldje? 
©lücf follte mir gerabe beute noch werben. 3d) befam einen Srief 
oom 9lrjt, welcßcr mir fdjrieb, Stöbert jweifle an meiner unb ber 
Äinber ßjiftenj, weil er fo lange feinen Srief erhalten. 3d) fann 
nicht fagen, wie mich bieS erfdfütterte! Ser Slrgt bat mid; nun, 
ißm einige 3eilen gu fd)reiben, — fie wünfebten ju fel)en, weldfcn ©in» 
bruef e? auf ib« madje. ?lcb, mir war e? erft, alä fönnte id) ei 
nicht — nur wenig follte ei fein. — Senig für ein §erj, ba? 
6 ÜJtonate fo unau?fprechlich gelitten! Sa? war bod) gar gu fdfwer, 
idj fcfirieb, aber unter wahren .£>ergen?qualen; fonnte id) bocb gar 
nicht ahnen, wie er c? aufnebmett würbe. ®? begliicftc mid) aber 
fo febr ber ©ebanfe, baß Stöbert meine erften 3cden wieber gerabe jum 



ßiftoriieße SKufeum bafelbft unb iprad) feine greube unb Senrnnberung über 
ba? ©efeljene au?. 9fm 14. Sluguft äußerte er ben SBunßß, nad) Sonn ju 
gt^en unb am ©aftßof jum Stern oorbeiäujpajieren. „Sein £iebling?au?flug 
ift nad) bem f. g. alten $otI". fluffattenb ift anbauemb feine große Unbcfinn- 
ließfeit; nad) einer Stunbe weiß er nid)t meßr, toa? er borßer getan. 



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330 



1854 . 



13. Ijaben follte! ad), jo mufjte icf) bod), er mufjte an mid) benfen. 
3dj ftanb trübe am SÖtorgen auf, bodj blieb id) eS nidfjt lange; 
SraljmS, ber liebe SDtcufd), ben id) mirflidj lieb l)aben fönnte tr»ie 
einen ©ol)n, überragte mid) fo, baf) id) gang ergriffen mar, uub 
gmar mit bcm 41)änbigen Slrrangement oon SiobertS Quintett unb 
bent 2f)änbigeit beS ©djergoS. 3d) f^atte if)m früher einmal ge* 
ciufjert, bafj Robert ein foldjeS Slrrangement immer gemünfdjt, unb 
nun f>atte er eS mäfjrenb meiner Slbreife gemalt. Sr erfreute ntid) 
ja hoppelt, eS mar ja guglcid) eine Überrajdjung, bie er ifjrn, meinem 
geliebten Robert, bereitet. . . . (Sine grofje Überrajdjung gemährte 
mir baS ©piet ber SUtarie unb Slife non oiet Silbern auS Qften, 
bie fie munbeniett fpiclten. SrafjmS fjattc fie ifjnert einftubiert. SS 
mar bie§ bie erfte greube am äJiorgen gcmefen. Sld), fjättc Sr bod£) 
all bie fjreuben mitfjaben fönnen. 3d) ntufjte ben ganzen Sag 
immer benfen, ob er nun mof)l meinen Srief erhalten. SBeldEje 
greube follte mir tiocf) merben, bie id) beute faum gu hoffen 
magte! ... 14. ©eptember. Sanges ©efprädj mit SraljmS — er 
fprac^ mir oicleS über fid), maS mid) teil« mit neuer Serounberung 
für ifjn erfüllte, teils auch betrübte. 0b moljl bie SDtenfdjen jemals 
biefe fdjöne Statur erfennen merben? mirb er nidjt oieHeitfjt fein 
ganges Seben f)inburcfj oerfannt hafteten? merben eS nidjt nur 
menige fein, bie iljn oerftefjen? idj glaube es, aber bie menigen 
merben iljn auef) redjt ocrftcljen unb lieben, mie mein teurer Stöbert 
eS ja fogleid) getan . . . ftorreftur meiner Variationen oon ^ärtel. 
SraljinS f)at eine fdjöne 3bcc gehabt — eine Überrajdjung für bidj, 
mein Stöbert! SJtein Sljema aus alter geit f>at er in bcineS mit 
Oerflodfjten — id) felje fdjon bein Üäc^elit! — 

Sen 15. ©eptember. Srief oon Stöbert! SBaS fotl id) jagen, 
bie §anb gittert mir, nun idj barüber fdjreiben foll; idj fann nur 
fagen, bajj icf) aufs tieffte erfdjiittert mar unb lange nidjt lefen 
fonnte. SaS mar mieber bie liebe §anb, ad), unb ber f)crrlidjc 
SJtenjcf), in jebem SBorte! fo milb, fo fjerglicf), mie er nad^ ben 



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Äinbern, nach mir fragt, Don meinem Spiel fo Schönes fagt! idj 
mußte mir immer fagen, folcß ein ©rief !ann bocß non feinem 
Traufen fein! ad), maS Raffte idj meßt gleidj alles. 3cß badete, nun 
müßte er gleich nach mir »erlangen, unb halb müffe alles gut fein. 
®ocß halb erfuhr id), baß eS meßt fo fcßnetl geßt! — @8 mar mir 
aber heute, als f»abe idj nichts gelitten, als fei baS ja alles nichts 
gegen baS ©liicf, baS mir beute burdj feinen ©rief mürbe." 

©ine feßmetternbe Sercße, bie bem Jtäfig entronnen, in ben blauen 
§frßer emporfliegt unb fingt unb jubelt, als gäbe es feine ©rben» 
fernere unb fein ©rbenleib! 

„91 cß, lieber Soadjim", feßreibt fie in biefett Sagen, „maS eS 
$errlicße8 ift, Äünftterin gu fein, glaubte idj immer gu miffen unb 
lucifj eS bodj erft jefct reißt eigentlich, mo id) bodj nur in ber gött- 
lichen Uftufif fieib unb greube fo recht ausßaudjen fann, baß e8 
mir bann oft gang moljl roirb." 

SaS 9luge aber, baS an ber ©rbe haftet unb bie jenes 

©riefeS lieft, ber biefen 3ubel meefte, fenft fid) gu ©oben, unb bie 
Sdjaucr ber ©ergänglicßfcit paefett einen an. Sßie eine Stimme aus 
bem ©rabe ift biefer ©rief, aber nicht bie eines Sluferftanbencn 
fonbent eines ©egrabenen, ber nicht meiß, baß er tot ift. fRüßrenb, 
finblicß gart, aber fein SebenSßaucß ift gu fpüren, baS eingige, 
maS bie miibe Sßßantafie umfpielt, ift bie ©ergangenßeit. Sie 
^ufunft ift tot. 

„O, fönnte idj ©u<ß einmal feßen unb fpredjen," heißt eS, „aber 
ber Sßcg ift bodj gu meit. So nie! rnödjte ich u °tt ®ir erfahren, 
mie Sein Seben überhaupt ift, mo 3ßr mol; nt, unb ob Su noch f° 
herrlich fpielft mie einft." ©r fragt, mo feine ©artiturcnfammlung 
unb bie SDfanuffripte (mie baS Requiem, beS Sängers ffludj) hin- 
gefommen, „mo unfer Sllbum, baS Slutograpßen Don ©oetße, Scan 
©aut, SJiogart, ©eetljoDen, Sßeber unb Diele an Sich unb mich ge- 
richtete ©riefe enthielt, mo bie neue ßeitfdjrift für SJJufif unb meine 
Äorrefponbeng. §aft Su noeß alle an Sich üon mir geschriebenen 



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332 



1854 . 



S3riefe unb bie Siebeg^eilen, bie idj 2)ir bon SBien nach 9ßarig 
fchidte? ... 0, wie gern möchte id) Sein wunberbareg (Spiel 
einmal hören. 23ar eg ein Sraum, baff wir im »origen SSintec in 
$oOanb waren?“ Unb bann refapitulierenb in grageform einzelne 
in feiner Grittiterung fjaftenbe ©rlebniffe jener 9ieife. 2Bie ein 
Äinb fdjreibt, bag au8 feinem ©ebanfenfreig f)erau§ fragt unb bag 
9?ibeau feineg tinblicfjen gaffunggoertnögeng and) bei anbcm öor» 
augfefct; SBidjtigeg unb Unwid)tigcg gleichwertig unb wahllog an* 
einanbergereiljt. 

9Jief)r nodj tritt biefer Gfjaratter in ben beiben folgenben, auch 
noch im (September an Glara gerichteten ^Briefen zutage, bie wieber 
in ber jarten, faft freuen Snnigfeit ifjreg Soneg etwag unenblid; 
SRiihrenbeg haben unb bie um begwiüen, ba fie jurn .fjetjcn fprachcn, 
in Glarag Seele freubigfte 9tefonanj wedten, bie aber alg Sofu* 
mente geiftigen Sebeng peinlichfte Gmpfiubungen erregen burd) bie 
9iebuftion aller SUia^ftäbe, fowoljl b)inficf)tlich ber Sluffaffung ber ÜDicn* 
fdjen unb Singe wie ber bafür ju ©cbote ftehenben Slu8brudafonn. 
Sic tief innerliche ©üte feiner 9?atur, im Geben burch ben Flügel* 
fchlag beg fd)öpferifd)en ©eniug nicht feiten, namentlich für bie 
grernerftehenben, befchattet unb Oerbuntelt, blüht rüljrcnb wieber auf 
in eitblofen fragen »adj greunbcn unb Setannten unb taufenb 
Äleinigfciten beg täglichen fiebeng ber Seinen, nicht minber in ber 
Sitte, man möge ilpn hoch etwag ©clb geben. „Oft bitten mich 
arme fieute, unb bann bauert’g mid)." 910er wenn fie eg freubig 
empfinbet, bah er unter ben brei 9? amen beg Qüngften, in Glarag 
Sinne, ben 9tamen „beg Unbergcfjlidjen" alg SRufnamen wählt, bah 
er an feinen eignen injwifdjen crfchienencn Äompofitionen lebhafteg 
Sntereffe betunbet unb fid) nach ©rah m ^’ unb Soadjimg Sätigteit 
eingehenb unb h erjlich erfunbigt, fo berührt eg bodj frembartig, bah 
bie brei 9iad|rid)tett : oon ber ©eburt feineg Siingften, oon Srahmg’ 
bauernbet Überfiebelung nach Siiffelborf unb oon bcm — gelungenen 
Spiel feiner beiben ätteften fiinber am ©eburtgtag ber ÜDZutter, alg 



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1854. 



333 



uollfommen gleichwertige greubenbotfdfjaften neberteinctrtber genannt 
werben. ?XuffaUenb ift bor allem bag immer wieber fjerbortretcnbe 
SSeftreben , ffirinnerungen aug ber Vergangenheit aufgufrifchen in 
wiHfürlichfter gufammenfteHung: „Stun möchte ich $ich an mandjeg 
erinnern", h«ßt eg g. V. am 18. (September, „an bergangene felige 
feiten, an unfre Steife nach ber ©chweig, an ©eibetberg, an Sau« 
fanne, an Vebet), an ßhamoimh, bann an unfre Steife in ben §aag, 
wo Tu bag Srftaunlichfte Icifteteft, bann an bie nach Antwerpen 
unb Vrüffel, bann an bag SJtufiffeft in Tüffetborf, wo meine bierte 
Spmphonie gum erftenmal unb am g weiten Sage bag A»$ongert 
bon mir, fo berrlic^ bon Tir gefpielt, mit glängenbem Veifatl, bie 
3thein»0ubertüre mit weniger glängenbem aufgeführt. ©rinnerft Tu 
Tich auch, wie in ber Schweig gnm erftenmal bie Sllpen in aller 
Fracht fidf geigten, ber &utfd)er in etwa« feharfen Trab geriet unb 
Tu etwag ängftlich wurbeft? Über alle meine Steifen, auch über 
bie, bie ich ©<hüler unb Stubent gemalt, habe ich farge 9iotig« 
buchet geführt — ober biel beffer — wiHft Tu mir bie gfreube 
machen, einen Vanb Teiner Tagebücher gu fenben unb bicHeicht 
eine Slbfc^rift bon ben Siebeggeilen, bie ich ®> r öon SSien nach 
tßarig fehlte?* §aft Tu noch öag Keine Toppeiporträt (bon 
Stietfchel in Tregben)? Tu würbeft mich baburefj fehr beglüefen. 
Tann fpreche ich 3M* beit SBunfdj aug, mir bie ©eburtgtage ber 
Äinber mitguteilen, fie ftanbeit im blauen Vüdfjlein." 

@g ift wahr, baß in fpätern Vriefen, unb befonberg in 
benen an Vrahmg unb So ad) int, bie geiftigen Sntereffen, unb bor 
allem auch eine intenfibere Sefcfjäftigung mit feinen eignen unb ben 
Ämnpofitionen ber greunbe, mehr unb mehr aufguteben fdjeinen. 
Slber eg ift hoch immer nur wie ein ©nabengefefjenf, wie ein flüch- 
tiger tefcter Sonitenftrahl, ber, burch bie SBolfen brechenb, noch an« 
mal trügerifch bon einem Tage Sunbe gibt, ber hinter ben Sollen 
auch fchon gur Stutjc geht. 

_ * SgTsöb. I ©. 255 f. 



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334 



1854. 



Sdjott aus ©rimmS ©riefe gärten mir, loefcf) eine SlngiefjuitgS« 
fraft auf ifjn baS ©eetf) 0 öem®enfmal auSübt, wie er fidj in feinen 
©ebanfen bantit befcf»äftigt, unb wie eS iljm gang fetbftöerftänblidj 
erfdjeint, bafj ber SHiefe ebenfo ineit ficfitbar fein müffe, wie baS 
5D?ünfter mit feinen türmen, neben bem baS lenfmat ftef)t. So 
berichtet audj ein ©rief an Stara: „@bcn fomnte id) öon Sonn 
guriicf, immer Seett)Oüen8 Statue befudjenb unb öon ifjr entgiicft. 
SBie idf) öor if)r ftanb, erftang bie Orgel in ber 2Jiünfterfird)e. " 

@S ift, als regte ficfj ba in ben liefen eine Sefjnfudjt, als 
miifjte auS ©ebanfen unb Ion in biefer bämntcrnben fierbftabenb« 
ftunbe wieber ettoaS blühen gu neuem fieben. Stber eS fittb nur bie 
Sinne, bie Ringen wie bie Saiten einer $olSfjarfe. 2)er ©eniuS 
in ber Seele beS einfamen SBanbrerS ift ebenfowenig fäfjig, mefjr 
in Ionen gu geftatten wie baS ©itb öon @rg, baS ifjn aus grofjen 
ernften Slugen traurig anfieljt. 



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fünftes Äafntel. 

SSerhattcitber ttoug. 

1854 — 1856 . 

Sin fturmburdjtobtcr ^erbftabenb, au» jerriffenem fdjwarjen ©e« 
Wölf ein lefcter ©onnetiftrafjl grell über ba« öbe ßanb ^ufdjcnb, 
weife« Saub auf fteinigem SSege üom SSinbe getrieben. $tm Sßege 
ein $au«, mit tjcKericudjtetcn genftern, ein Warmer §erb, tadjenbe 
ftinberftintmen, in allen Siäumen ein ocrflärenber Suft unb ,6aucf; 
üon (Erinnerungen fonniger Jage. 9lu« bem §aufe tritt eine jugenb» 
lirffe $rauengeftalt, jieht bie Pforte leife hinter fich ju, laufet noch 
einmal auf ben Sinberjubel unb gefjt allein in beit bunfelit Stbenb 
hinein, feft unb fidler, aufrechten Raupte« unb bocfj Wie einer, ber 
eine fdjwere Saft trägt, hinter il)t im £unfef oerfinft ba« $au«, 
»erhallen bie Sinberftimmen, fie ficht unb hört nicht« mehr baoon; 
fie fieht nur auf ben 2ßeg, ber oor ihr liegt, unb laufet auf bie 
Stimme in ber eignen Sruft, bie fagt: „®u muht." §lber einer 
anbcrtt Stimme Slang hört fie auch- SBic ein üerljallenber Warfen» 
ton fernher ber Slang einer wohlbefannten unb hoch fo fremb ge« 
Worbenen Stimme, cinfamc het^etreifjenbe Stage einer jcrbrocfjeneu 
SOicnfchenftimme, bie ruft unb ruft nach etwa«, Wa« ocrloreit ift, 
auf bie fie in Suft unb ©rauen laufcfjen muff, fie mag wollen ober 
nicht. Sie hört fie mitten im helfen Tageslicht im ©eräufch ber 
Straffe, fie hört fie ant fyliiget im Sonjertfaal, fie hört fie in ben 
emfanten Machten, wo fonft alle« fcfjweigt. Seiner oon allen benen, 
bie ihr begegnen, bie ihren Tönen laufdjen, oernimmt biefen Ton, 
aber jeher ahnt, glaubt ihn ju ahnen, wenn ihn ein Slicf ber 



336 



1854 — 1856 . 



bunfetn fdjwermütigen Slugen, bie auä bem fdjmerageftäfjtten unb 
fdjmcrjDerttärten Gefidjt wunberbar tjerüorteudjten, trifft. Seber 
fütjtt, baß biefe Slugcit bie langen 9?ädjtc fjinburcfj weinen, unb baß 
bie Seele biefcr $™u täglich auä tiefen Stbgrünben be§ Grauend 
namentofer Dual unb tjer^crnagenber ©etjnfudjt auftaudjt, weit bie 
Sßfticfjt bc§ £ebcn§ fic ruft. 

@o ift Gtara Schumann ben ^'itgenoffen erfdjicncn, at3 fie hn 
£crbft 1854 für beit geliebten 9J?ann unb für ifjre Sinber ben 
Äampf um§ Safein aufnafjm. 

Gnbe September waren ifjre ÜKittet erfdjöpft: „Sa§ Gelb ift 
alle", fdjreibt fie am 30. September, „unb id; !ann mid; nidjt ent* 
fdjticfjen, ein Rapier 3f obertö ju ö erlaufen. Gott weif;, wie eä 

wirb.“ 

Genau jwei 3atjre fpäter fonnte fie in ben Sagebudjaufjjeidj« 
nuitgen für i^re ßiitber mit fd)merjtid|cr Genugtuung, bcnn bcr, 
um beffcntwiHen fie bocf) üor altem ba§ Opfer auf ficf) genommen, 
weilte nidjt metjr unter ben Sebenben, feftftetten, bafj fie ifjreS ©ater! 
Kapital wäfjrenb feiner Äranftjeit um 5000 Sater nennet) rt fjabe, 
trofcbem in biefer Qeit bie ganje Saft ber Grfjattung be§ franfen 
ÜJtanneS unb ber Sfinber allein auf itjren Sdjuttem ruljte. 

Slber fo grofj unb fo tapfer fie, junädjft fröfjtitfjen ©ertraucrt« 
öotl, bann fdjWanfcnb jWifdjen gurdjt unb Hoffnung unb fdjtieftid) 
mit bem bumpfen ©ewufjtfein »ötliger |joffnung8lofigfeit biefen 
Stampf mit bem Sdjirfjat aufnatjm unb audj bie ifjr 9?äd)ftftel)en> 
ben burdj einen im beften Sinne ntannlidj fcfjticfjten §eroi3mu8 
überrafdjte, if)n ganj allein $u befielen, wäre fie bocfj wot)t farnn 
imftanbe gcwefen. 

„Gott fenbet jebem SDtenfdjen, unb fei er nodj fo unglütflid), 
immer einen Sroft, unb gewiß folten wir un8 beSfetben erfreuen 
unb ftärfcu baratt. SSofjt fjabc idj cud), bod) ifjr feib itodj fiinber, 
3?f)r tanntet ben teuren ©ater faunt, if)r feib nodj gu jung, um tiefen 
Sdjtnerj ju empfiubcn; iljr atfo tonntet mir in ben fdjredlidicn 



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1854 — 1856 . 



337 



Sauren feinen $roft gewähren, Hoffnungen Wohl, boc^ baS fonnte 
mich in fotd^em Sdjtner;; nicfjt aufrecht ermatten. 2)a fam 3of)onncS 
® rafjmS. Sfjn liebte mtb ocreijrte euer SSater, luie außer Soadjim 
feinen; er fam, um als treuer grcitnb alles Scib mit mir ju tragen; 
er fräftigte baS Hcrj, ba§ 3 U bredjen broljtc, er erhob meinen 
©eift, erweiterte, wo er nur fonnte, mein ©emüt, furj er war mein 
greunb botlftem Sinne bcS SorteS." 

2)iefe an ifjre Sitiber gerichteten Sorte, mit benen Glara in 
ihrem Tagebuch ben lebten Slbfdjnitt ber SeibenSjeit SRobert Sdju« 
mamtS einlcitet, fagen ja niemanb etwas 9ieucS. (Sbenfowettig 
wie bic folgenbeit „er unb Sondjim waren bie einjigen, welche euer 
teurer Später in ber föranlfjeit fah unb immer mit fitfjtbarer greube 
empfing, fo lange fein Seift noch lichter war. Unb er fannte 
SohaitneS nicht, wie idj ihn fenne, burdj Safjre hinbureß! Soht 
famt idj euch fagen, meine Äinber, baß ich nie einen greunb fo 
liebte wie ihn — eS ift baS feßönfte (SiuöerftanbniS uitfrer Seelen; 
nicht liebe idj an ihm bie Sugenb, nidjt ift eS öielleidjt gefdjmeidjeltc 
Gitelfeit, nein feine ©cifteSfrifdje, feine hcrrlid) begabte Sftatur, fein 
ebteS Herj ift eS, baS ich liehe, aber eben burdj bie Safjre tjinburdj 
fenneit lernte, wie anbre eS ja nicht fönnen. $uweilen ift er nach 
außen hin fchroff, wohl fühlen bie jungen SDhtfifer feine ©eifteS« 
Überlegenheit. — Selber gefteht fich unb bem anbern baS gern 
ein! $arum mögen fie ißn nicht, unb nur Soadjint fprießt feine 
Verehrung frei aus, weil er ihm als ftiinftler ebenbürtig. Scber 
biefer beibett fieljt an bem anbern bewunbemb auf, baS ift etwas 
fo GrrhcbcnbeS, wie man eS feiten in ber Seit finbet. Sludj 
Soachim, ihr wißt eS, war mir ein treuer geeunb, hoch mit ihm 
lebte ich nicht immer jufammen, fo war beim Johannes eS allein, 
ber mich aufrecht erhielt. Sßergeßt bieS, liebe Äiitber, nie, unb be« 
Wahrt bem geeunbe, ber eS gewiß audj euch immer fein wirb, ein 
banfenbeS §erj; glaubt eurer SKutter, was fie eudj gefagt, unb hört 
nießt fleiitlidjc unb neibifche Seelen, bie iljm meine Siebe unb gramb« 

£i(mann, CSIara Sdjumann. II. 22 



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338 



1864—1856. 



fcßaft nicßt gönnen, baßer ißn anjutaften fucßen ober gar unfet 
fcßöneS SSerßältniS, ba§ fie entweber wirf ließ nicßt begreifen ober 
nicßt begreifen wollen." 

SBic gejagt, biefeS SefenntniS beftätigt nicßtS Weiter, als was 
alle SBelt fcßon längft wußte unb weiß; aber eS befommt einen 
eigentümlich crgreifenbcn Klang unb eine perfönlicße SJZote, nicht nur 
bureß ben befoitberS itt beit leßtcit SS orten oibrierenben $on müßfam 
oerßaltener Gntrüftung, fonbern oot allem baburcß, baß biefcS $Be* 
fenntni« eine SKutter, gewiffenttaßen an ber 33aßre eines ßeißgelicbten 
SDtonneS für ißre Kinber ablegt. „3cß ßielt e§ für ißflicßt, eucß 
bieS $u fagcn", fcßließt fie, „oergeßt eS nie unb nie ben SDanf, ben 
ißr ißm fcßulbet für eure 9JJutter." 

@inb aber ßierburdß bem Siograpßcn wie jebcm, ber eS unter* 
nimmt, ficß unb anbern ein 93ilb biefer reinften unb innigften 
©eelengemeinfcßaft zweier im Älter fo ungleicher, in üomeßmer 
(Sefinnung ciitanbcr ebenbürtiger Slfenfcßen ju entwerfen, bie Umriß* 
littien feßarf unb beutltcß oorgezeießnet, bie ein Äbfcßweifcn in müßige 
Kombinationen oerbieten, fo geben jEagebucßaufzeicßnungeu unb brief* 
ließe Äußerungen boeß ttoeß eine ^iitle oon eßarafteriftifeßen ©njel* 
ßeiten mtb garbenfeßattierungen, bie in ißrer ©efamtßeit ein Silb 
aueß oon ßöcßftem tünftlcrifcßen Üieij geWäßreit. 

Gin 22jäßriger Süitgling, bureß feine Kirnft weit über feine 
Saßre gereift, aber itt ber Unmittelbarfeit feines GmpfinbungS* 
lebcitS, in ber fyäßigfeit, greubc unb Scßonßcit impulfio zu ge* 
nießen unb ju äußern, oietleicßt frifeßer noeß unb jugenblicßer als 
bie weiften feiner SllterSgenoffen , unb eine 34 jäßrige grau, bie 
in einer 14jäßrigen Gßc mit einem ißre ßöcßften menfcßlicßen unb 
fünftlerifcßen Sbeale erfüllenben ßeißgelicbten Spanne au§ einer 
inftinftio allem Unreinen unb allem Unechten abgeneigten, gefeierten 
Sßirtuofin mit bem üWamt unb bureß ben SWattu ju einer ®erinncr* 
licßung ißrer menfcßlicßen unb fünftlerifcßen ißerfönlicßfeit, ju einer 
aus tieffter Überzeugung unb Karfter Ginficßt gewonnenen SebenS* 



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1854 — 1856 . 



339 



anfcßauung gereift ift, treffen in bem Slugenblid jufamnten, wo 
geiftige Umnachtung bei SDianne! bic äußerliche unb innerliche 
Sebenlgenteinfdjaft mit bem Schöpfer ihre! ßößern ®afein! gelöft 
hat. ©eibe finben fid) in ber leibenßhaftticßen Siebe unb ©ereß* 
rung für ben 3ftann, ber für ben Jüngling ein wirllicher greunb 
unb in gewiffem Sinne auch Schöpfer feiner @£iftenj geworben ift. 
SMefe ®anfe!fdjulb bem Stteifter abjutragen, ift ber erfte fttnlaß, 
ber ihn ?u ber in tieffte Trauer öerfenften, an fid) unb ihrem 
Scßidjal »erjwcifelnben $rau, 31 t ber er mit fcfjruärmerifcfjer ©er* 
ehrung auffieht, äurüdfüßrt, bamit fie jemanb habe, ihr in äußern 
unb innern ÜJJöten bei^uftehen. ©! ift ein Cpfer ber greunbfdjaft, 
bal er bringt, freubig bringt, aber hoch ein Dpfer. So wirb el 
gebraut, fo wirb e! angenommen, für SSochcn unb SÄonatc ge* 
badjt, — man hofft ja auf balbigfte ©enefung, — auf Saßre au!* 
gebehnt. ßum Staunen, jum SRißbeßagen ju weiten , ber ferner* 
fteßenben, jum 3J?ipbefjageu aber auch ber greunbe. 23 a! tann 
biejer unreife, in feiner fünftlerifcßen ©egabung oielleidjt hoch feßr über* 
fcßäfcte junge SÖRenfcß i^» ber reifen, erfahrenen grau, ber großen 
Sfrinftlerin, bieten, baß fie nidjt nur ißtt all täglichen .pauSgenoffen 
aufnimmt, fonbent auch ißm in ©egenwart anbrer eine faft be* 
mütige ©ereßrung bezeigt, bie ihrer beiberfeitigen Stellung ebenfo* 
wenig ju entfpreeßen fdjeint wie bie mwerßohlenften ©efunbungen 
järtlidjer greunbfcßaft, bie in bem »ertraulidjen 35u, in bem 
„Johanne!" unb „Sfara“ miteinanber erft einfeitig, bann gegen* 
feitig tierlehren, jum ülulbrud fonnuen unb bie bei Glara! fonftiger 
ungewöhnlich jurüdßaltenber 2 Irt aud; ben greunben auffallen! 

2 Bal Srafjm! für 61ara bradjte, ift ja jum £eil feßott in ihren 
oben angeführten eignen SBorten aulgefprodjen ; el war oor allem 
zweierlei: einmal ein (Erfaß für ©ertorene! — Wie fie junäcßft 
meinte, nur für lurje 3 cit ©erlorene! — , ben geiftigen Äultaufcß 
mit einer oorneßmen, feinfühligen nnb gugleid; öon ißr all im 
ßödjften Sünftlerifcßen überlegen anerlanntcn 9Zatur, ber babureß für 

22* 



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340 



1854 - 1854 . 



fie einen eignen, in bcrn ©rabe biSfjer nidjt gefannten fReij erhielt, 
baß bet 2Renfdj , ju bem fie als Zünftler aufblidte, in ollen an- 
bern ©ejieljungen fidj unbebingt bienenb ißr unterorbnete unb audj 
bem, maS er auS feiner probuttiüen ÜbertegenEjeit fpenbete, ben 
Gßarafter einer iljm burd) bie Teilnahme ber oereljrtcn grau er* 
miefenen ©unft §u geben mußte. 

Siefe beftänbige geiftige Anregung, bie fidj übrigens nid)t 
allein auf SRufit, fonbent ebenfo, mie fie eS mit '.Robert ge* 
mofjnt gemefen mar, auf ifjre Settüre unb auf bie Stnregung 
311m 9?adjbenten über äftfjetifdje allgemeine fragen erftredte, mußte 
aber »oit iljr um fo ftärter als SEBofjltat unb ^Rettung bor innerer 
©erjmeiflung empfunben merben, als ber feit bem September 
1854 mieber eröffnete geiftige ÄuStaufdj mit jRobert bie öoff* 
nungen unb ©rmartungen, bie fie unb bie greunbe baran ge* 
tniipft batten, nidjt erfüllte, ja ifjr fdjließlidj ju einer Duelle bou 
fcfjmerälidjften , qualbotlften feelifdjeu (Erregungen mürbe. „3eber 
feiner ©riefe reißt meine SSitnbcn neu auf", fdjreibt fie fdjon 
im Jßoöember 1854 im Xagebud), unb im gebruar 1855: „$)ie 
läge, mo mir SRadjridjten unb ©riefe bou SRobert tommen, mer* 
ben mir immer bie fürdjtcrlidjften, bentt ba bridjt jebeSmal all 
mein Scßmerj aus." 2Rodjte fie audj bei foldjeit Äußerungen 
junäcfjft nur an ben baburdj gemcdteit ©djnterj ber Trennung 
unb beS ©ntbcljrenS beuten, fo tonnte bod) ber SRatur ber ©adje 
nadj audj ber Snljalt ber ©riefe SiobertS iljr nur fdjmerjlidje 
Smpfinbungen meden; ntodjte fie itodj fo oft, audj fpäter, ge* 
fliffentlidj bie ©djouljeit feiner ©riefe, bie gatiä mie auS feiner 
beften $eit feien , betonen, baß öoit einem eigentlichen geiftigen 
Sontatt jmifdjen ifjnen nidjt meßr bie IRebe mar, empfanb fie hoch, 
menn fie es audj nidjt jugeftanb. 

©ie lebte fort, mit bluteubem ^erjen, aber als ganzer SRenfdj, 
unb als ganzer äRenfdj baS Äuge auf bie ßufunft gerichtet. 
3n ©nbenidj ftanb bie Ufjr ftid. Stur bie Sergangenljeit in 



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1854 — 1856 . 



341 



abgeblafften Silbern War noch lebenbig. 9Zur was fie gemeinsam 
früher miteinanber burcf)(ebt, war ihm als Scfih geblieben, waS 
üjr baS Seben braunen mit jebem neuen burdjgcarbciteten Sage als 
görberung braute, berührte nidjt einmal rneijr bie fßeripherie feiner 
Seele. „Sntmer", fcfjreibt fie ant 1. 2)tär3 1855, „fprid)t er uoit 
feer Sergangenfjeit, warum nie Bon ber 3ufunft. £ 0 fft er n i^t? 
28ie betrübt mid) baS!" 

Unb jwei HKonate fpäter (5. SD?ai) Berftummte er ganj. (Sin 
3afjr beS troftlofen Schweigens folgte, fein 2Bort, feine 3eite mehr 
oon ifjm, fein @d)0 auf iljre Sriefe. 0?id)tS oon bem, waS fie 
unterlief) erlebte, WaS fie erfreute unb betrübte, fo leibenfdjaftlidj fie 
fiefj immer wieber bemühte, war imftanbe, ifjtt auS feiner Heitnaljm« 
fofigfeit jtt weefen. 9iur ihre Sefjnfitdjt freifte nocf) ruhelos wie 
ein einfamer Sogei, bem man ba§ Sfeft jerftört hat, um bie Stätte, 
in beren ÜDiauern ber ©eliebte noch atmete, nid)t mel)r lebte. 

2)ofj fie bieS überftauben, baff fie babei nicl)t sufammenbrad), 
bas f»atte fie, nacf)ft ber ftrengeu fünftterifc^en Slrbeit, bie fie fid) 
felbft auferlegt, bem greuttbe ju banfett, uttb Bor allem ber Oabe, 
bie er ifjr braute als ein neues ©efdjeitf, beffen 3auber unb beffeit 
fReij fie nie bisher geahnt: in feiner Sugeitb. 

Slata hatte ja eine eigentliche 3ugeub nie gehabt; nicht einmal 
auch rechten Serfchr mit ber Sugenb. 3h r auS ben &inberfd)uhen 
fie hernuSserrettber Seruf unb fpäter bie traurigen häuslichen Ser« 
hältniffe im Slternl)aufe hatten fie faunt ju bem (Senufj Ijarmlofer 
Sugenb unb Sugenbfreubigfeit fommen laffen. Uttb aud) im Sraut» 
ftanbe unb in ber @he war ein 9iadjfrüf)ling nicht gefolgt, tro^bem iljre 
Seele wohl bafür empfänglich gewefen wäre. 3lber ihnen beiben hatte 
bie graufame ^ßrüfungSjeit hoch fo bie baju Borhanbenen Triebe 
im Seime erftieft, bah fw auS fid) allein heraus fie 311 neuem Seben 
311 weden nicht mehr fähig waren. ®er ernfte Sinn bcS SDlanneS, 
ber auch in fröhlichen Stunben ben Xon unwiHfürlich bämpfte, unb 
ber Srnft ber $unft, ber alte Bon ben häuslichen Sorgen unberührte 



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342 



1854-1856. 



grifcße für fiel; in Hnfprudj naßm, Ratten mol)! ©tunben reinften, 
tiefften ©liicf-S, aber nicht meßr jaucfjgenber Sebensfreitbigfeit ißnen 
fefjaffen fönnen. 

llnb gerabe ba§, bofj ei fo etwas geben fönne, neben tiefftent 
Graft nirfjt als gelegentlicher 23eg leitaff orb, fonbern als immer burcf)- 
flingenber ©runbton, baö erfuhr fie im 3 lI f ammen ^ e ^ cn mit bem 
jungen ^reunbe wie eine Offenbarung, bie fie gunädjft als ein 
SBunber ftaunenb betrachtete , um fid) bann itjrem Räuber mit tief 
banfbarer ©eete hingugeben. „2Bir bacfjten foüiet' 1 , fd)reibt fie im 
Suti 1855 bei einer wuttberü ollen Sfaßrt burd) ben Xcutoburger 
SBalb auf ber Siiicfreife üon SDetmoIb, „an ben gu §auS Ijarrenben 
einfamen fyreunb, unb hätte er es mit genießen fönnen in feiner 
fo frifdjen Gmpfänglidffeit, eS toäre mir hoppelt wonnig ade« ge* 
»oefen! Steh, fooiel badjte ich aud) an beit geliebten fRobert — er fo 
traurig adein , immer in feinen öier 2Bänbcn leibettb — es ift hoch 
ein unbefdjreibtidj bitteres ©eftfjicf!“ llnb wenige Söocheti fpäter auf 
ber gemeinfanten 9?heinwanberung : „Sch famt nicht fagen . . . . 
weldjc SBonite eS mir ift, baS adeS mit SohamteS genießen gu 
fönnen, ber in ooden .gügeit bie herrliche SJatur einatmet; ba wirb 
man orbentlidj wieber jung mit. Oft bin ich freilich wohl traurig 
unb betrübe ihn baburefj, aber natürlich ift’S ja wohl, baß, je er* 
hebenber bie Ginbrücfe, befto wehmütiger mir umS |jerg, unb baß 
er, ber geliebte SJiann, adein unb oertaffen leibet, währenb ich baS 
Jpcrrlichftc in ber Sfatur unb ©efedidjaft beS teuerften grcunbeS 
genießen fann. Sltlein hätte icf) auch biefe 91ei)e nicht unternommen, 
um meinetwiden, fonbern tat eS nur, um SohaitneS eine greube unb 
Grljolung gu fefjaffen, wieber mir gur großen greube." 

llnb auf berfetben äßanberung ein SlugenblicfSbilb oom felben 
Hage, baS ben 3auber biefer ©tunbe unb biefer ©cmeinfdjaft aufs 
anmutigfte wicbergibt. „Sluf bem fRiicfweg (oon ber ©chönburg bei 
Dber*2Befet) rußten wir — BraßncS, Gtara unb ihre Begleiterin — 
uns giemtich nm 5 U I C biefeS Berge« unter einer Gieße, wo wir in 



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1854 — 1856 . 



843 



ßöcßfter (Uemütlicßfcit ba8 eben erhaltene Dbft oeraeßrtett. SUiic^ 
ntacßt’8 immer nur froß, 3oßantte8’ glüdlicß leucßtenbe 33ticfe ju 
feßen; überhaupt e8 gcßt boc^ nichts barüber, 2Befen, bie wirrecßt 
innig lieb ßaben, erfreuen ju Jönnen!" Dber einige Jage fpäter 
auf beit oier ©urgen bei Sledfarfteinacß : „2Bir llctterten tüchtig 
ßerunt. SoßamteS roieber felig ! gür ben müßten bie alten feiten 
wiebcrfeßren, ba paßte er beffer f»in mit feiner urfrifcßen fräftigen 
9?atur." 

(Sben um biefer ©genfcßaft willen ift er aber oon allen in ben 
bunf elften unb trübften ©tunben ber einzige, ber ifjr innerlich weiter 
Reifen fann, beffen bloße 9?äße ißr meßr .£>alt unb 2roft ift al8 
ber ßufprueß ber liebften unb älteften greunbe. 

Unb man öerfteßt bie bclebenbc Straft, bie oon ißm au8geßt, 
oollfommen , wenn man in ben an fie gerichteten ©riefen bie un* 
enblicße 3Äobnlation8fäßig!eit feine8 0cfüßl8leben8 unb ber 2lrt, fie 
ju äußern, bie Wunbcrbare geinfüßügleit, Slnpaffuitg8fäßiglcit unb 
jugleicß bod), wo e8 barauf anfommt, refolutc geftigleit, bie auch 
Dor einer $erbßeit nidjt juriidfeßredt, lernten lernt unb fieß babei 
oergegenwärtigt, wie feßr fie gcrabe in ben gtiicflicßften gaßren oft 
eine folcße ^arte unb bodj fefte §anb ßatte eittbeßren muffen. 

@8 war be8ßalb audj bei bem Opfer, ba8 fie bureß bie langen 
unb anftrengenben Stoigertreifen ber folgenbcn gaßre bem geliebten 
SDtann unb ben föinbern braeßte, bie babureß bebingte Trennung 
non bem greunbe uieUeicßt ba8 ©dpoerfte, unb bie8 aneß nur ba» 
bureß erträglich, baß in einer oon beiben Seiten regelmäßig unter* 
ßaltenen lebßaften Storrefponbenj atteß au8 ber gerne eine möglicßft 
innige güßlung Bewaßrt würbe. 

©Sie aber für ©raßttt8 au8 bem feltenen ©crtrauen8oerßältni8, 
ba8 ber Siatur ber ©aeße naeß aueß ©tunben feßwerer feelifeßer 
Kämpfe unb eine Saft oon äußern ©orgen bradjte, unb ba8 aueß 
bureß bie erllärlidße, aber nießt immer leießt ju ertragettbe Sieg» 
barleit SlaraS ftarle Slnforberungett an feine ©elbftlofigfeit unb 



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1854 — 1856 . 



Dpfermiltigfeit fteltte, eine unenbtidje ©ereicherung feixtet innern 
SJlenfchen unb eine Vertiefung and; feiner fünftterif^en ©erfönlid;* 
feit ^ernortnucf^, ba» ergibt ficf) au3 allen 3 e ugniffett, bie unö aus 
biefen Sagen ermatten finb. 

S» ift it;m nicht ganj leicfjt geworben, ficf) in bie Aufgabe, bie 
i{jm ba3 ©djitffat, richtiger er ficf; felber au§ freier 2 Baf)t, geftetlt 
hatte, fjineinjufinben. SXbcr baS tag nicfjt bloß an ifjnt, fonbern 
minbeften§ ebenfofefjt baran, baß bie Stufgabe ficf; ifjnt of)ne fein 
$utun unter ben §änben öeränberte unb ocrfcfjob, unb baß, at§ er 
fid) beffen bewußt nmrbe, er Weber innerlich noch äußerlich bie 
g-reifjeit beä SntfdjtuffeS fjatte, einen ißoften ju »erlaffen, auf ben 
ifjn bie Srcue gegen ben greunb unb SJteifter gcwiefen unb auf 
bem ihn bie Siebe fiir bie fjfreunbin fefttjiett. 

„Sd; träume unb benfe nur", fdjreibt er im Oftober 1854, „»on 
ber ^errtic^en 3 eit, wo icf; mit Offnen beibett leben faitn, icf; lebe 
bicfc ganje $eit au«, wie icf) einen SEBeg gcf;e jum fcf;öuften fianb" 
unb im Sejentber: „Sd; möchte Syrern lieben SJiaitn tiont »erlebten 
©ontmcr fdjreiben; icf) fönnte ftunbentang if;m baüon erjagten, ofjtte 
im geringften wef;e ju tun, ju betrüben. 3 cf; wottte nur »on Shncn 
fdjreiben, wie ©ie fo unbegreiflich fdjött unb groß Sfjrcn ©cfjmerj 
trugen; ba fottte bie ©eßnfudjt in ißm erwachen, frohe h^fie ©efjn« 
fucht, wieber ganj 3 f) netl 3 U gehören" unb im felbett ©rief: „wenn 
c3 gefcf;ef;en fottte, baß ich 3 h rem teuren 9)iann batb wieber 
fchreiben müßte, bann erfcf;recfen fie nicht über mein breifteS Sügen, 
wenn icf; ihm fchreibe, baß ich wieber gefefjen [trofjbein Clara 
nicf;t in Süffetborf ift]. Sch fehe fie hoch oft, fo gut wie 
förperlid;; 3 . ©. bei ber Srillerftefle im Stnbante ber Gbur« 
©tjtnpfjonie, bei ben ©chtußftetten, ben Drgelpunften in ber großen 
$uge, wo ©ie mir mit einem Sftale Wie bie fjeitigc Gäcilie er« 
f dheiiten. “ 

Unb weiter acht Sage fpäter: „Sch wollte, ber Str^t ftettte mich 
ju 2Beil;nacf)t als Sßärter unb ißflcger an. SBcnn baS ginge, ich 



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1854 — 1866 . 



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glaube, bann wäre baS Sdjlimmfte überftanben. Sch würbe Sfjnett 
täglich Bon Sh»t fdjreiben, unb Sh" 1 erzählte id; ben ganzen Jag 
Bon Sfmen." 

Slber biefe Sfufgabe jerrann ihnen eben unter ben §änbeit, weit 
bet, um ben eS galt, nidjt mehr bie Äraft hatte, bie §änbe, bie 
iljm ©attin unb greunb entgegenftreeften, tanger als einen Stugen« 
blid feftjuh alten, unb fangfam, fampfloS, aber unaufhattfam im SD2eer 
bei Schweigens Berfanf. Solange itocfj ein günfefjen oon fpoff» 
nung lebte, folange nodj eine mehr ober mittber bewußte Selbft* 
täufdhung bariiber möglich war, haben beibe, unb Bor altem SörahmS, 
ber ja gelegentlich hoch ben Ätanfen fal), fich immer wieber unb 
wieber in biefem 3ief, ben geliebten Sratifeit burdfj genteinfame 
Äraft wieber für baS Seben juriicfjucrobcrn, gefunben. ?lber wie 
fchon in bem SSorfah, bajj jweier febenSfrifchcr unb gefunber, ju 
©röfjtem berufener SRenfdjcit firaft fidh in bent Stnpaffcn an ben 
miiben glügelfchlag einer franfen Seele Berühren foHe, etwas Un« 
natürliches lag, fo forbertc aud), je länger ber 3 u f*anb bauerte, 
bie Statur unb baS Seben ihr Stecht. fonnten fie mit all 

ihrer Siebe nicht mehr helfen, aber einanber fonnten fie etwas fein, 
unb barum warb, offne bajj bariiber je auch nur eine Sefunbe ber 
SluSgangSpunft Bergeffen würbe, bicS gürcinanberbafeirt im fjödjften 
unb beften Sinne — für einanber ba fein, nidjt nur, um auf ber 
£>öf)e ju bleiben, auf ber ber ©eliebte unb fjreunb einft mit ihnen 
geftanben, foitbem aud; nach ben weitem Rolfen ju ftreben, auf bie 
fein SBeifpiel unb feine testen SB orte in lidjten Jagen fte mahnenb 
unb prophetifch hi n 3 e wiefcn — hoch mit Staturnotwcnbigfeit bie 
^auptfadje unb gab auch betn ©ebanfeuauStaiifch unb bem 3u» 
fammenleben ein neues ©epräge, einen neuen Jon, nicht auf 
einmal, aber langfam unb felbftucrftänblidj. 

„Sch fann Shnen & oc h nicht eine 3bce Bon bem fdjreiben, was 
ich 3h nen jagen unb tun fönnte. Sehen Sie hoch meine Sriefe 
als bie allerfleinften Siebfofungen meiner Seele an. Sch liebe Sie 



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346 



1854 — 1856 . 



3 U toiet, um es 3f)neit fd^rciben ju fömten", §ei|t es im SDiärj 1855. 
„Sßie ift eS h‘ er »üft unb leer, wenn ©ie fehlen; id) t>abe niid) 
gar 311 fefjr gewöhnt, ©ie immer als freunblidjften, beften ©enüiS 
um mich ju haben" (3uni 1855). „(Seftern mittag bacßte id) an 
©ic, baS braune id) nid)t ju fd)reiben. 3mmer benfe id) ja an 
©ie unb mit bcr Ijeißeften Siebe unb ©ereßtung" (3uni 1855). „3cß 
!ann bod; nid)t rußig jufcßen, »ie ©crtßa fo Diel einpadt unb Sßnen 
jcnbet oßne mit meinen järtlidjften ©rußen alles »arm äujuberfen. 
Siegeln muß id) aud). Äönnt id) Sßnen bocß redjt ©cßüncS fcfjitfen, 
baS Sfjnen meine Siebe redjt beutlicß jagen fönnte, unb »ie id) Sit 
»ieber ßerwünfdjc" (Suni 1855). 9Zad) Klagen über fcßlecßteS 
SBetter: ,,©ic füllen fcßen, finb ©ie erft »ieber ba, ba fcßeint bie 
©onne »ieber, ber ©oninter fomrnt aufs fdjöttfte »ieber, er ßat 
©ie nur aus ben Slugcn Derloreit in bent Keinen gürftentum 
[©etmolb], bcSßalb trauert er" 0uni 1855) ■ — „©ie fcßreiben mir, 
id) fülle nicf)t fommen [nacß SDetmoIb]. ÜDiit ©ctrübnis benfe 
id) an manches, baß 3[oad)im] ©ie 3 Sage früher fußt, »ir 
uns nid)t einmal halb allein, — baS ßabe id) fo gern; i<ß bin 
immer am ticbften allein mit Sßnen, id) fjabe ©ie überhaupt am 
liebften . . . §at benn 3 ßr §of einige Slßnlicßfeit mit bem im 
ftater ÜDiurr? Sine Sutia ift ba! unb ba§ Üieid) ift »oßl fo 
nieb(id), baß ber gürft Don feinem Salfon bie liier SSänbe feßen 
fann. Slber »ir »ollen oor allen bie 3 »ei, Sulien unb fircisler, 
nidjt »citer Dergleichen, fonft fommen noch merfroiirbige Unter« 
feßiebe!" (3uni 1855.) 

„Sßie unglüdlidß war ich Dielleicht, »enn ich nicht hätte! 
51 tt Sßnen t erne ith’S immerfort, baß man SebenSfraft (= lebenS« 
fräftigcS ©Raffen) nicht auS ©üeßern Ijolen fann, fonbern nur auS 
ber eignen ©eele. 2J?an muß nid)t herein, fonbern ßinauS emp« 
finben. ©ie müffen immer bei mir bleiben als mein guter Sngel; 
bann »irb gewiß auS mir, »aS »erben füll unb fann" (STuguft 1855). 

,, 3 d) »erbe immer freubiger unb inniger unb rußiger in meiner 



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1854—1856. 



347 



Siebe gu Seiten, idj entbehre Sie jebeSmat meljr, ober id) fehlte 
mid) faft freubig nad) 3f)nen, es ift einmal fo, unb idj tannte baS 
©efüfjt fefjon einmal, unb nie mar i dj jo marm . . . 9htn fdjreiben 
©ie mir nädjftenS, bafj idj ©ie lieb fjabe? unb lieber, Diel lieber 
als nor 2 Saljren ober 2 SRonaten? 3fn f)erglicf)fter Jrennb« 
fdjaft 3ljr 3of)anneS" (Sluguft 1855). ,,3cf) fdjreibe Sfjnen immer 
Bon taufenb anbent ©adjett, bie mir eigentlich fo fern liegen, menn 
id) an @ie bcnle. 3dj mödjte Simen immer nur Siebes jagen, nur 
bie fdjönften ©riifje fenben, aber idj fann bagu nicfjt SBortc finben. 
©ie ntüffeit meine Sriefe nur anfefjen unb ©idj alles 99efte eiitbilben, 
baS bariit ftetjen tonnte“ (S)ejember 1855). „3 cf) mödjte, idj tonnte 
®ir* fo gärttid) fdjreiben, mie idj $icfj liebe, unb fo Biel Siebes unb 
©uteS tljun, mie idj ®ir’S müufdje. ®u bift mir fo uncnblidj lieb, 
bafj idj eS gar nicfjt jagen tann. Sn einem fort fönnte idj $idj 
Siebting unb alles üötöglidje nennen, ofjne fatt gu merben SDir gu 
fdjnicidjeln. Söenn baS fo fort gefjt, mufj idj $idj fpäter unter 
©laS fe^en ober fparen unb in ©olb faffeit taffen" (31. 3Jiai 1856). 

©eben biefe meit Borgreifenben ©tiinntungSatforbe auS VrafjmS’ 
Söriefen innerhalb eines Zeitraumes Bon anbertfjalb Sauren ein eben« 
fo angieljenbeS mie anfdjaulicfjcS Vilb Bon ber 9iein(jeit, STiefe unb 
9?aioetät ber Smpfiubungen beS VriefjdjreiberS unb gugleicfj eine an» 
beutenbe Vorftellung Bon ben munbeibaren, im Innenleben biefer 
beiben großen unb eblen SJtenfdjen fdjmingenben Harmonien, fo mag, 
efje mir gur djronologifdjen S)arfteHung ber ©reigniffe in biefen 
Sauren unb bamit gu einer Vermittlung ber SHeflejre jener ©rlebniffc 
in SlaraS Uagcbtidjcrn übergeben, itodj grneier $ufjerungen VraljmS’ 
auS bem Slnfang gebadjt merben, meil fie baS eben gemonnene 
Vilb ergangen nnb BerBoltftänbigen; fie berühren bie ©jtteme feiner 
3?atur: bie männliche Veife feiner fiiinftlerfcfjaft unb bie unoer« 

* <£§ ift bie ?lntn>ort auf bie QJcroäljrung ber Sitte, fie audj ®u nennen gu 
bürfen. Clara fclbft nannte ifjn auf feine Sitte fefjon feit Snbe Kooember 
1854 35u. . 



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348 



1864 - 1856 . 



wüfttidje Sinbtidjfeit feiner Statur, bie beibe unter bem ©influfj 
SlaraS in eigentümlicher SBeife fid) oermifd;en unb oertiefen. 

Stm 20. Cftober 1854 fdjreibt er an Stara: „§err ÜDtarjfen ift 
äufjerft gliidlid; über mein beffereS ©piel, aud; baS banfe ich 3t)nen. 
®rft nadjbem ief) ©ie gehört, unb gar als idj fie erweitern unb er- 
freuen tonnte burdj mein ©piel, erft feitbem tarnt ich audj anbern 
fagcn, »aS ich füljte." 

Unb am 1. ©e^ember unter bem Sinbntd Glara fet;r bepri» 
mierenber Stacfjridjten auS Snbenidj: 

„SSerjeitien ©ie mir meine ^Briefe, glauben ©ie mir, toenn ich 
an ©ie bente, ift cS mir emfter umS §crj, als ©ie auS ben 
Briefen fefjen fönnen. 2 lber wenn idj Sorten fdj reibe, ift es mir 
immer, als fprädje idj ju S^nen. ©ie tragen 3h r Seib fo groß, 
bafj man allen ©djmerj oft oergeffen unb leidjt fdjerjen tann, id) 
bin nod; jung, oft jungenhaft, ©ie oerjeifjen eS mir. ©ie glauben 
unb »iffen, bafj ich emfter füfjte, bafj ber jugenblid^e Uebermut 
mich QnberS fdj einen, aber nie oergeffen taffen tarnt." 

2lnt 14. Ottober 1854 fd)lug bie ©tunbe beS StufbrudjS. S)ie 
greunbe SratjmS uub ©rimm begleiteten bie Steifenden, Glara unb 
ihre ®efät;rtin, $rl. Stgnes ©chönerftebt, bis tpannoüer. §icr mar man 
mit Soadjint beS SufammenfeinS im cngfteit Q'reixnbeStreife noch 
einmal froh, nadjbem am 16. Klara bei §ofe toieber, »ie oor 
SKonaten, fiinftlerifcheS SBerftänbniS unb menfdjlidje Zeitnahme »oIjl* 
tuenb empfunben, »arb am 17. nun ber eigentliche Slbfchieb ge- 
nommen. — ,,©dj»erer 2lbfcf)ieb — loSgeriffen üon allem, hinaus 
ins ©ewüht ber SJtenfdjcn, ad;, unb nicht einmal oon Sh*”» bem ©e« 
liebten, im ©cifte begleitet, ba er üon meiner Steife nichts »eifj. 
Sange bin ich mit mir 31 t State gegangen, ob id; eS 3h m fcfjreiben 
foßte ober nicht! id; fürchtete aber, 3 h” ju beunruhigen, oielleidjt 
tonnte er fid; um mich forgen, fönntc mich i” ©clbforgen glauben, 
utib baS »otlte ich bodj nic^t. Säjjt mid; ber ^immel. alles gtüd- 



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1854 — 1856 . 



349 



lief) überfteljen, fo ift eg benn bod) Diel fc^öner, »Denn id) jagen lann, 
id) £)abe bag getan unb gu feiner unb meiner $ufriebenl)eit über« 
ftanben. Seinetwegen tat id) cg ja, [fo] Wirb bet jputimel wolfl 
audj feinen Segen geben." 

Sie erfte Station warSeipgig; ein gugleid) leidjter unb fdjtoerer Sin« 
fang, leicht, weit greunbegfiänbe fid) ifjr tjier Don allen Seiten entgegen* 
ftreeften, weil fjier Dor allem im fßreufjerfdjen $aufe iljr ^eimatluft 
cntgegenwef)te, unb fd)wcr wegen ber ungeheuren glutwellc fdjmerg* 
tidjer unb freubiger Srinnerungen, bie gerabe Ijier iljr entgegenftrömte. 

Sag ©ewanbljaugpublitum, Dor bem fie gum erftenmal am 
19. Oltober im Slbonnementgfongert mit SBeetfjoDeng G*bur*$ongert 
bem As*bur*$anon aus ben Stubien für ißebalflügel, beit Sraumeg* 
wirren aug ben fß^antafieftiiden ifjreg fKanneg unb bem SRonbo 
Don SSeber erfdjien, bereitete ifjr ben Ijerglicfjftcn ©mpfang. Sie 
hielt fid) tapfer, aber wäfirenb beg gweiten Seileg (ber C«moH= 
St)tnpl)onie Don ©abe) übermannte fie bodj in ber Soge bag ©efüljt, 
bie ©rregung fam in einem Sßeinframpf gum Slugbrudj. 

Sine traumhaft befangene Sjifteng, in ber fid) freunblidje S3er* 
gangenfjeit, troftlofe ©egenwart unb tjoffenbe Slugblide in bie $u* 
fnnft feltfam utiteinanber oerfdjmelgen. SSie in Dergangeiteit Sagen 
bringen bie Sdjüler be» ÄonferDatoriumg ein Stcinbdjen mit gadel* 
glang, 2Bieberfefjen mit fflenbcmanng, bie Don Sresbcn Ijeriibcrge« 
lommen. Sagwifdjen ein 23rief Don 23raf)mg, wehmütig, fjutno» 
riftifch- „SBarum liabett Sie nidjt gelitten, baß id; glötc blafen 
lernte unb mit Sitten reifte. Senfeti Sie, idj fjätte bann bag Sin* 
bante aug ber F-moB*Sonate für fjlöte, ©nitarre unb ißanfe — 

9’ F ~m r "m . ' örrangiert unb Offnen mit $rl. Sdfönerftebt unb 

ißfunb ein Stäubten gebracht." 

Unb bann ihr eigneg, „brillant befucf)teg“ Bongert (am 23.): 
©enoDeDa*OuDertüre Don Schumann, bag Songertftüd für ßlaDier 



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350 



1854-1856. 



unb Crcfjefter in D-moH ton Schumann auS bem SRanuftript 
(0p. 134) aus bem lebten Sommer, fein lefcteS (MeburtStagSgefchent, 
unb ebenfalls jurn erftemnal baS ©liid ton öbeuhall*. 

Sie IjoEje Säule mufj ju galt, 

®la$ ift ber Srbc Stolj uitb ®lödf. 

3n Splitter fällt ber Grbenbatl 
©inft gleich beut Sliic! »on SbcuhaH! 

UH feine Söne Hingen, Hingen junt erftenmal, unb „er hörte 
eS nicht, unb idf) fförte es, tr»ie ein Unrecht fommt’S mir tor. 
©ebe ©ott 3f)m and) noch mieber bie greuben, feine Söerle ju hören." 

Slber aud) ein anbrer neuer Son Hingt an biefem Slbenb jum 
erftenmal; ben Sdjlujj bcS elften Seiles bilbete: „Slnbante unb 
Scfjerjo auS ber Sonate in F-ntoll ton 3- SBra^tnS, torgetragen 
ton Slara Sdptmann." 2lm lebten Slbettb notf) ein Stäubchen ber 
ißauliner — 3Salbcf)or aus „ber IRofe Pilgerfahrt" u. a. — „SltleS 
herrlich auSgcführt. 2ldp mein Robert, ttarum muh «h alle Siebe 
allein genießen." 

9lber eS itar hoch Siebe, toarb als foldje banfbar cmpfunben, 
unb trofc mancher Ijeifjen, in ber Stille gemeinten Sräneit Hang 
2Bort unb Son ber Seipjiget Sage Ijarmonifch aus. 

Sie öitterleit beS SlHeinfeinS brachte erft SEBeimar ihr jum 
tollen ffletoufjtfein. Srofcbem man es, Sif§t unb baS junge ©ro§< 
hcr, 5 ogpaar an ber Spiße, nicht an Slufmcrffamfeiten fehlen tief, 
troßbem in ihrem Sondert baS Publilum ft£ enthufiaftifch begrüßte 
unb bie 5Dianfreb=Dutertüre unb bie tierte Stjmphonic SiobertS unter 
SifjtS Seitung unb bas A«moH*Äonjert, ton Clara gcfpiett, freubigem 
S3erftänbni8 begegneten, fie mürbe nicht marm. Senn alte herjge* 
minnenbe utib ton Ufr immer rciebcr anerfannte SiebenSmürbigfeit 
SifjtS tonnte fie nidjt bariiber hinmegtäufchen, bafj jmifchen ihrem 
fünftlerifchen Smpfittbeit unb bem feinen eine unüberbriiefbare Äluft 



* Sgl. oben S. 274. 



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1854 - 1856 . 



351 



gönnte, uitb baß man fie fjter in ihrem Sigenften unb Seften ebenfo. 
wenig wirflidj gu Würbigctt üerftefje, wie fie eS über fidj gewinnen 
tonnte, Sifgt unb ber ©einen ©efdjmacf fdjön gu finben. Sin ©ofc 
auS Serliog’ ©hmphonie „Stomeo unb gulia", non ißohl für 8 §ättbe 
gefegt, bie fiifgt bei einer SRatinee mit brei feiner ©djüler öom 
Statt fpielte, flang ifjr „wie eine wafjrfjaft hötlifdje, teuflifdje 
ÜRufif“, wahren b bie übrigen Stnwefenben alle „Ijimntlifcfj, göttlich 
ädjjtcn." Sin Stbenb bei ber ©rojjfjcrgogimSBitWe 2Raria 
^autowna oor einer unruhigen, ©djarpie gupfenben §ofgefettfcfjaft 
an einem „fdjeufjlidjen" glüget trug natürlich nicht bagu bei, bie 
\d)on geweiften 35iffonan3cn aufgulöfen ober abgufchwäcfjen. 

Stber erft in granffurt a. ÜR. warb iljr gum erftenmat feit 
3afjren wieber baS SRartprium ber allem reifenben, oott ber ©nabe 
ber tofaten SRufifgröfjen abhängig ober auf freiwillige ipilfelei« 
ftnngen oft red)t ungefdjidter unb unftimpatf;ifcf)er SRufifenttjufiaften 
männlichen unb weiblichen ©efdjlccfjtö angewiefenen Äünftterin, 
jdjmerglich unb empfinblicfj gum Sewufjtfein gebracht unb ihr 
bamit ein Sorgefchmacf beffen, was ihrer an aitbern Crten noch 
harrte, gegeben. 35enn, fo unglaublich eS uns erfcheint, eS h at in 
jenen fahren, wie fich noch geigen wirb, nicht an ntufifalifchen unb 
unmufifalifchen Seuten gefehlt, bie felbft biefent Ungliicf gegenüber 
fleinliche ©iferfüchtcleien unb perjönlichc fficrftintmungeit gurücfgu» 
brängen nicht imftanbe waren. 3n biefer Segieljung erwies fich 
übrigen^ gcrabe fiifgt wirtlich gtojie, öorneljme SRatur. Cbgleid) 
er wohl Urfadje gehabt hätte» gu grollen unb gu fchmoüen, ift er 
ritterlich 6ei jeber fidj bietenbert ©elegeuheit für Stöbert ©djumannS 
grau in bie ©chranfett getreten. Unb mag uns baS Silb, baS er ba* 
matS im 61. fflanbe ber neuen 3e«tf^rift für ÜRufif oon ihr entwirft, 
„non ber fanften, leibeuben ©ibplle, bie, £>imnteSlüfte atmenb, mit 
ber Srbe nur noch burdj ihre Sräucn oerbunben bleibt“; bie, furg 
güüor „eine liebliche ©pielgcnoffin ber ÜRufcu“, jc^t als „weiljeoolle, 
pflichtgetreue unb ftrenge ißriefterin" erfcheint, „mit ftarrenbem, angft» 



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352 



1854 — 1856 . 



burdjfdjauertem $lict"; ber „ber fettige Keif“ „bie fengcnben Korben 
tief in bie (Stirn gcbriidt", efftatiftfj oergerrt erflehten, aus feiner 
Smpfinbung herauf war biefe §ulbigung oor ber ©röfje bc§ SeibeS 
wahr unb edjt empfunbcn. 

2ludj in granffurt Ijattc baö SIbogio unb Sdjergo au3 ber 
F«moU=3onatc be§ jungen greunbeg auf bcm Programm geftauben, 
beffen SSriefe ifjre „eingige greube waren“. „Sch f)abe ihm auch 
oft getrieben, aud) gu meiner Erheiterung immer, benn an Kobert 
fanit ich ja nichts oon bem fdjreiben, wa§ mich jefjt bewegt, 
nid)t begleitet fein ©eift mich, nic^t ift’3 mir, wenn id) iu<e 
Sondert fahre, als gäbe er mir feine SBünfdje mit, — jdjretftid) 
wehmütig ift’8 mir bann, unb nur ba§ Sine, bafj Sr, ber mir ber 
liebfte, treuefte greunb, 5o^anne§, an mid£) beuft, midj mit feinen 
SEBiinfdjen begleitet, bas erhebt midj, ftärtt midj immer wieber, 
wenn ber ÜDiut gu finfeu brotjt." 

Um fo größer war bie greube be$ SBieberfetjenS, ba§, nadjbein 
ein gufammenfeiit mit ©rimm unb Soadjint in §annooer auf ber 
Kiidreife üon granffurt fd)on wieber „heimatliche ©efühtc" geWecft 
hatte, am 7. Koüember in Marburg ftattfanb, oon wo fie gemein« 
fam bie Keife nach Hamburg fortfefcten. dorthin gog fie bas 
p^il^armonifc^e Äongert, in bem fie am 13. Koüember fpielen 
füllte, nicht miitber aber ber lebhafte SBunfdj, bie §eimatftabt beS 
greunbeä mit feinen Stugen neu fennen gu lernen unb oor allem 
bie SKenfdjen, bie iljm am nädjften ftanben. Unb fo fifct fie benn 
beljaglidj bei Sraljms’ Sltern, „einfadjen, aber ehrenwerten Seuten“ am 
Sifdj, „wo ich mich gerabe in biejer bürgerlichen Einfachheit fo wohl 
fühle"; fie läfjt fidj oon Sohanneg feine 93leifolbaten geigen, „mit 
beneit er a(3 Änabe gefpielt, unb noch immer fieht er fie mit 
greuben an!", wunbert fid) babei hoch immer wieber, „wie cä mög« 
lidj, ba§ Soh«nne§ fich unter foldjen Kerhältnifjen fo entwideüt 
tonnte, fo alteä auS fich fjeranS" ; bcfieljt fich SohanneS’ Selirer 
SKarjrfeit mit lebhaftem Sntereffe, lommt aber gu bem ©djluffe, 



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J 



1864—1856. 



353 



„3ßn üerfte^t er aber bocß nicßt". Unb immer toieber bridjt bie 
greube bitrcß, baß fie burd) if>n „orbctttlicß neu toieber auflebt": 
„2Bie oft, wie täglicß banfe icß ©ott für biefen greunb, ben er mir 
itt biefer 3 e ü ftßtoerften ©djidfals fanbte, red)t toie einen DrofteS* 
©ngel." Defto toeniger gefällt ißr bieSmal fonft Hamburg ; ift fte 
reizbarer als fonft, ift’S mirflid) nicßt meßr toie früher? ©enug, fie 
fießt aud) an ben alten 5}ieitnben manches, toaS ißr nicßt gefällt; 
am toenigften aber gefällt ißr baS Hamburger ißublifum als ©anjeS. 
©otooßl über bie Slufnaljme im pl)ilt)armonifef)en $onjert toie in bem 
3 Sage fpäter ftattfinbenben eignen Äonjert äußert ficß baS Dage* 
bud) mit einer Sntrüftung, bie in ißren fräftigen 2luSbrucf§formen 
oieüeicßt etroaS burcß beS jungen g reun beS Seifpiel beeinflußt ift, 
unb and? baS SKtonaer ißublifum befommt bieSmal bie in biefem 
ßufammenljang bebetif ließe 9?ote, eS fei „ben Hamburgern äf)n< 
ließ genug." Die Hamburger befamen u. a. im pßilßarmonifcßen 
Äonjert baS G-but>Äon^ert oon Seetßooen, ©cßumannS flioman^e 
in D<motl aus DpuS 32, „DeS Sbettbs" unb „DraumeStoirren" aus 
ben ißßantafieftüden (0p. 12), in bet ©oiree baS Quintett unb 
fgmpßonifcße Stuben, Dp. 13 oon ©cßumann, bie Slltonaer bie 
C«bur»©onate oon Seetfjooen, unb beibe baS Ülnbante unb baS 
©eßerjo aus ber F»motH@onate oon SoßanncS SBraßntS. Unb Slara 
fc^reibt nadj bem lebten ®onjert am 16.: 

„SEBaßrßaftig, folcße 0 finb mir noeß nid^t oorgefommen als 

ßier; eS ärgerte rnieß nur baS ©ute alles, toaS id) ißnen fpielte 

Dß, eS ift gum SSerjtoeifeln! müßte id) eS nicßt, icß täte eS loaßr« 
ßaftig nicßt meßr! mag eS ftolj Hingen, aber id) ßabe oor bem 
fßubtifum immer ein ©efüßl ber Demütigung, füßle uttaufßörlid) 
miiß unb meine fiieblinge oerleßt, mit raußen Hänben berüßrt." 
Dtten nennt fie in biefem 3ufammenßaug „boeß oon ben SDiufifern 
ßier ben gefeßeiteften", alfo früßere ffiinbrüde beftätigeub unb 
jugteieß ficß barin mit SraßmS jufammenßnbenb. 3 U beit gern 
gefeßenen 9Kenfcßen geßört natürlicß aud) ?(oe, ber ißr bieSmal nur 

£i$maitn. Slai« Sdjumann. II. 23 



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354 



1834—1856. 



etwas auf bie Stoben fällt mit feinem „bem (Srfjabenften wie bem 
Äteinften" unterfc^iebSloS gefpenbeten „unbänbig nett" unb „wunbcr* 
nett", unb aufeerbem ©räbener, ber toie aud) 3toe wegen feiner frei- 
mütigen Slnerfennmtg bon ©rahmS’ ©ebeutung itjr in günftigerm 
iüdjt erfdjeint als früher. 

Sine gweitägige Äongertfahrt nad) Sübed mit ©rimnt unb 
©raf)mS braute wof)l eine Unterbrechung, aber nidjt eigentlich im 
guten ©inn. Der fteife Jon im ©ribatoerlehr warb brüdenb emp^ 
funben unb baS ©ublifutn gwar beffer als in Hamburg, „aber bod] 
©ublifum!" 

DagS barauf, am 19. SRobember, fdjlug auch bie SlbfdjiebSftunbe 
bon Hamburg. Schweren £crgenS nahm fte Slbfchieb bon bem 
Drt, „wo idj bie behaglithften ©tunben berlebt! wehmütig machte 
midj ber Slbfdjieb bon ber $*ou, beren ©ohn meinem §ergen fo 
lieb unb teuer geworben; ich badjtc für mich, tber weife, wie lange 
bie gute fixem noch lebt — bieHeicf)t ift’S mir einmal belieben, 
SDlutterftelle an ihm gu bertreten." 

Das nächfte 9?eifegiel war ©remen. (Sin ©efpräch nad) bem 
Äongert, im fRatSleHer mit Roberts altem greunbe Jöplen übet 
Soadjim unb ©rahmS — fie hotte fein ©djergo auch fpet g e fpielt — 
bei bem fie, was in .gufunft nodj oft gefc^efjeit follte, fuffifanter 
©erftänbnislofiglcit begegnete, prefet ihr ben ©eufger ab: „ach, froS 
finb hoch bie SDtoifdjen bumm unb nun gar foldje Dilettanten, bie 
fich gleichen langes mit Äiinftlem bün!en!" 3m übrigen fonitte 
fte mit ber Slufitaljme gufrieben fein. Sigentlich wohl aber würbe 
ifer erft wieber tags barauf in ^annober, wo fie mit Soodjim auch 
©rahmS* wieber erwartete. Der ülbenb bereinigte bie fjreunbe unb 
baS ebenfalls aus Hamburg henibergefommene ®f)epaar ©räbener 
gu einem |>auSfongert bei Soadjim. Sin Quartett bon ©räbener 



* SScnn ffotbed, (©rnlimä I. S. 204} berietet, 33raf)inS fei in Hamburg ge* 
blieben, „weit eS ifjnt nm beften fcfjlte", fo nnberfpridjt bem GtoraS lageburf). 



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1854 — 1856 . 



355 



erwecfte ißr aüerbingS nur peinliche (Smpfinbungen, fo baß fie e§ 
and) nicht über fidj gewinnen tonnte — gu ifjrem eignen Äummer 
— bem Äomponiften unb feiner grau ein freunblidjeS SBort barüber 
gu fagen. dagegen berührte fie Roberts A-moO-Duartett „toie 
©ptjärenmufif", „wie würbe mir ba erft wieber fo wofjl unb warm 
umS fperg. Später fpiette SohanneS nod) fein Srio (H«bur), bem 
ich nichts wünftßte als einen anbern erften Sa$, benn ich tann 
mich mit biefem nicht befreunben, wofjl aber finbe id) ben Anfang 
herrlich! Ser jweite, brittc unb oierte Sa§ finb gang würbig be§ 
genialen ÄiinftlerS." 

SBiS^er war infolge ber wefentlich im Seften unb 9?orbweften 
ficß abfpiefenben Äongertfampagne, bie in furzen 3 tD M c ^ en P ail f ett 
am britten Drt SBieberfefjcn mit ben guten greunben ermöglichte, 
ba§ ©efüßl bei? Slfleiw unb ©etrenntfeinS immer fcßneü wieber auf» 
gelöfdjt worben. 

3efct ftanben härtere Prüfungen beoor; am 23. Sßoöember ging 
fie gu längerm Stufentfjalt nach ®crlirt , wäßrenb SrahmS wieber 
nach Hamburg gurücffehrte. Seim Slbfdjieb hatte fie ihnt gum 
Sroft für ißre fünftigen ©riefe bie Slnrebe mit „2)u" tierfprodfen, 
„er hatte mid) barum in Hamburg gebeten, unb ich konnte eS nicht 
abfchtagen, liebe ich ih n both wie einen Sohn, fo innig." 

3n Serlin harrten ihrer gunächft bie obligaten gefdjäftlidjen 
Sdjwierigleiten wegen ßinridjtmtg ber Äongerte, bie aber burch 
eine Vereinbarung mit ffrieblänber oerf)ältniSmäßig fcßnell uttb gu 
ißrer 3 u f r rcbeitf) e it befeitigt würben. Um nicmanb gur Saft gu 
fallen unb auch unabhängig gu fein, hatte fie fich eine eigne Süh- 
nung gemietet, ohne barum beS VerfeffrS mit ihren nädjften Ver* 
wanbten gu entbehren; immer unb überall aber fehlte „bie herr- 
liche grifche" beS greunbcS, beren fjetfcnber Ära ft fie fidf gerabe in 
biefer ißr fonft oertrauten unb fhnipathifdjen Umgebung bewußt 
würbe, ©ine befonbere ©enugtuung bereitete fie [ich gleich am 
erften Sag; aus ben (Srträgen ißrer bisherigen Äongerte fonnte fie 

23 * 



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356 



1854-1856. 



ißaut SJienbetSfohn baS tljr feiner^cit angebotene unb oon ifjr an- 
genommene 3)arlel)n gurücfgahlen. 

SBei bet VerlinS als geitweiligen Stuf entfjatts orteS war aber 
nicht bloß an eine Steife, in Verlin fetbft — gemeinfam mit Soadjim — 
gu oeranftaltenber Äongerte gebaut, fonbern oon oomtjerein bie 
preußifche fpauptftabt als DperationsbafiS für eine öftlich unb 
nörblicß gerichtete Äongertfampagne in Suifidjt genommen worben. 

@o mar e§ nicht unerwartet unb noch weniger unerwünfdjt, baß 
nodfi efje hier bie Vorbereitungen gu einem eignen Äongert mit 
Crcfjefter begonnen hatten- eine telegraphifcfje ©nlabung fie nach 
VreSlau entführte. Um bie hoppelten Veifefoften gu fparen, fuhr fie 
allein, bereute es aber fehr halb bitter, benn baS (Gefühl „furchtbarer 
Vereinsamung" lieg fie auf ber gangen gaßrt nicht loS, nur gu be- 
greiflich, ba wieber ber Äleinfram ber gefchäftlichen Vorbereitungen, 
oot allem bie Suche nach einem gtügel, fie bis unmittelbar oor Ve« 
ginn bcS ÄongerteS in Sltem hielt, fo baß fie fdhtießlid) „tobmübe" 
war, als fie fich an ben gliigel fefjte. freilich hatte fie bie (Genug- 
tuung, baß ihre SJtühe burch einen oollen Saat unb ein enthufiaftifdjeS 
ißublilum belohnt würbe, aber eine Votfchaft auS Gnbenich, bie fie 
gerabe an betn SRuhetag gwifcEjen ben beibett Äongerten in ihrer 
oöUigen Ginfamfeit erreichte, fchmetterte fie uöllig nieber. 3mar 
GtobertS eigne Sriefe an fie, an VrahmS *, an Soadjim Hangen ihr 
„herrlich" unb „wunberfdjön", um fo fchmerglicher aber enttäufchte fie 
ber begleitenbe Vrief beS SlrgteS mit ber Vemcrfung, baß „noch unter 
2JJonaten an fein SGBieberfeljen gu benfen fei." „Sch wußte gar nicht, 
wo nur SQtut hemehmett, weiter gu arbeiten! unb fo allein war ich 
nun hier! SohamteS, ber (Getreue, richtete mich burch einen lieben 
Vrief, ben ich gerabe heute auch erhielt, wieber etwas auf." Sin 
freunblicßcn SJienfchen fehlte es auch hier nicht, Verwanbte Oon grieb- 
länber, aber „fie haben auch wirtlich nur mein gleifdj unb Vlut, 



* 3anjcn, 39riefe, Dicuc Jolge 2. Slufl. ®. 402. 5Jt. 465 unb 466. 



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1864—1856. 



357 



aber nichts mehr!" . . . „trauriger XageSfc^tug — mein greunb, 
3ohamte3, ber Xröfter im ^erbften Seibe, fehlte mir. SBie ferner 
öermifjte ich feinen gufprueb!“ Süuch ber raufchenbe ©rfolg, ben fte 
in ihrem gweiten Äongert (am 1. 3)egember) fanb unb gerabe auch 
mit iRobertS Äongert erntete, fonnte fie nicht tröften. „2111er 9Jhtt 
ift wie gewichen oon mir." 

@8 war gut, bajj fofort nach ber SRücffehr bie Äongertpflicf)ten 

— gu benen im Weitem Sinne auefj öiele Sefuche bei ben ©etlbtet 
3Jiufifgewaltigen SMftab, $orn, Zaubert u. a. gehörten — fie gang 
in Shtfprudj nahmen unb fie gewaltfam ^erauäriffen. 

Stm 4. 3)egember fefjon gab fte mit bem fiiebigfe^en Drdjefter 

— beffen ®afein gegen bie frühem troftlofen © erlin er Drcfjefter« 
guftänbe einen — freilich für bösere fünftlerifche groeefe immer nod) 
befdjeibenen — gortfehritt bebeutete, ibr erfteS Äongert in ber Sing» 
afabemie. „Sdj b Qtte ttorber öiet Stngft barum unb machte bem 
armen SBolbemar (©argiet) recht baS Sieben fehwer." Stber bie Sftühe 
würbe belohnt, fjür ©erlitt war eä aujjerorbentlich befucht, unb 
ber materielle Ertrag, wenn auch nicht glangenb, hoch ermutigenb 
für bie Sufunft. 35ie fjauptfache war, bajj wieber güblung mit 
bem Sßublifunt gewonnen würbe, unb bieS gelang mit neuen unb 
alten Ißrogrammftücfen — mit bem G*bur*Äongert oon ©cetljooen, mit 
SRenbclSfohnS Variations serieuses — fofort unb gang. 

©eit fie gulefct in ©erlin gewefen, Ejatte fich auch bort oiele« 
geänbert, im ©Öfen wie im ©uten. ®ie alten ffreunbe waren gum 
größten Xeil geftorbett ober in ber 2Belt gerftreut. ®er ÜRcnbelg« 
fol)nfche ÄreiS war fleht unb ftiH geworben. 2lber 9?ame unb Sr« 
innerangen übten boih noch ben alten $auber gerabe bort aus wie 
öorbem, unb nirgenbwo lieft fie ficfj’3 fo gern wohl fein wie bei 
ben 9J?enbeIäfof)n3. „©<höner ?lbenb bei ’tfßaul SRenbelgfofjn", 
fdhreibt fie am Xage nach bem Äongert — DmtoH-Irio oon getif 
unb D.bur=£rio oon ©eethooen. ®ie beiben Söhne oon gelijr, 
ißaul unb Äarl, fchöne Änaben . . . ©eim 9?achbaufefommen fanb 



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358 



1854—1856. 



idj einen Sorbeerfrmtj auf meinem Vette — ruoljer weiß ich nicßt!‘‘ 
Ginen neuen SreiS erfdjtoffen ißr bie burcß 3oacßint oor allem 
oermittelten, mit betn Vefucß im §erbft 1853 in SDiiffelborf 
fefter gefnüpften Vejießungen ju SSettina; fie brauten bie perjönltcßc 
Verüßrung mit ben ©rimmS. „Irüb geftimmt!", ßeißt eS am 
11. ©e^ember, „leiber auch am Slbenb bei ©ebräbern ©rimm, fo 
baß idj midj gar mißt herausreißen fonnte. ©rimms prächtige 
Seute. 2)ie ©ebrüber ©rimm fiitb bie Verfaffer ber äRärcßen, unb 
bcr ©oßn beS einen, Hermann, ift auch ein bebeutenber Siebter, 
intimer greunb SoacßimS unb, mie man fagt, Vräutigam ber ©ifcla 
oon Strahn. ($3 ift eine Familie, wie’S menige gibt, man füßlt fid) fo 
frei unb beßaglid) bort — red)t fünftlerifd) ift ber ganze 2on bort." 

Unb boeß hatte fie an biefem Stbcnb eigentlich faum befonbern 
Slntaß ju trüben ©ebanlcn, beim tagS oorßer mar ihre erfte 
©oiree mit Soacßim gewefen unb hohe großes ©lüd gemacht, unb 
bie plagen, bie ihr aus ben Vorbereitungen erwachfen waren 
— ©ängerinnemtot — hohen fid) fo fdjließlidj als nicht oergeblid) 
erwiefen, benn ber GntßufiaSmuS war groß gewefen. goadjim 

unb Gtara hatten mit ber Vacßfdjen ViolimSonate (A»bur) unb ber 
Veetßooetifcßen ©onate (A«bur, 0p. 47) begonnen unb gejcßlofjen, 
bagwifeßen hatte Gtara Roberts ©tjmpßonifcße Stuben , wie fie 
fetbft fchreibt, mit großem VeifatI gefpiclt, außerbem Sraßme, 
©eßerzo unb Slnbantc, unb ebenfo hatte goaeßim bie G*bur« 
SRomanje oon Veetßooen mtb bie Giaconne oon Vach „herrlich 
gefpiett." $rofjbem war bie trübe ©timmung nidjt oon oßngefäßr. 
©ie fclbft war, troßbem ba§ Tagebuch nicßtS barüber fchreibt, 
mit fid) felbft im hofften ©rabe unjufrieben unb fpraeß ißre 
Verzweiflung barüber bem treuen SoßanncS aus. ®er aber er« 
wiberte nur am Vanbe!: „SBaS ©ie mir mir ba fdjrciben oon ber 
©djanbe, bie ©ie Soadjim maeßen, meßt meßr öffentlich fpielen 
lönneti", baS fann icß ßier an ber ©eite abfertigen: „GS ift reiner 
Un[finn). 0! ©ie befte ber grauen!" 



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1854-1856. 



359 



3)amit war bann bic Sache abgetan, unb bie gweite Soiree, am 
16. SDegember, bie bcn Vertinern unter anbern bie D*mo(t»Sonate 
öoit Schumann unb bie G*bur=Sonate üon Veetfjoüen (Dp. 30), 
aufjcrbem üon Soarfjim Vacf)l s ^rälubium unb gugc für Violine 
unb üon Stara SJienbetlfohnl Variationen in Bbur (Dp. 83) 
brachte, oertief bcnn auch nic^t nur gur Vegeifterung bei Sßublifuml, 
fonbern, Wal in biefem goto fcfpoerer war, gur ßufrieben^eit bcr 
Slünftter. 

3fn biefer Soiree batte auch ein leit bei Sternfdjen ©efang* 
üereinl mitgewirft, ber, 1847 begrünbet, für ßtara atfo etwal Sieuel 
war unb üon ihr atl eine wesentliche Vereiterung bei Vertiner 
^ongertwefenl begrübt würbe. 3f)r perfönlidj aber bereitete er noch 
einen gang befottbem, frei tief), wie alte greubc iit biefen Sauren, 
mit 2Bef)tnut gemachten ©enufj : „?Im 18. SJegember", berichtet bal 
lagebuch, „bei Stern — ,9tequiem für ÜKignon' üon Sichert, mir üor» 
gefungen, gweimat — bal gweite ÜJiat begleitete icb el. Sie fangen 
e! b^ticb, unb immer mußte icb mit SBefjmut bei ©eliebten ge* 
beuten, ber el nicht hören tonnte unb boefj ber Schöpfer fo h erra 
tiebfter SJinfif ift." £agl guüor hotte fie in ihrer 2Bof)nung gabt* 
reichen Vefudfern, unter ihnen §anl o. Viitow unb Siabecfe, Vrahml’ 
Variationen oorgefpiett. ®ie weiften aber wußten nicht recht, wal 
fagen, unb Vütow, „an beffen hocfjnafigel Sßefen ich mich burchaul 
nicht gewöhnen fann", fanb fie „nicht äfthetifch-" 

SDiit ber britten Soiree am 20. Segember — „feljr befugt — 
unerhört für biefe ungünftige 3 e 't (fo furg oor 28eihnachten)i 
herrtichel Programm, nur Vach, Vcethooen unb Stöbert*). Soachint 



* Don fflaef) : tßrälubium unb ^fuge für Orgel; 25ourd unb $ouf>te, Sara* 
banbe unb Souble für öioline. Stnbante unb Megro au« bcr 3. Sonate für 
Siotine; Bon SeetljoBen: Sonate (C*bur, Cp. 63; für ßlaBier, Kontante (C*bur) 
für SBtoline, Sonate in G*molI (Dp. 30) für fflantcr unb Sioltne; Bon Scfjumann : 
'ßfjantafieftücfe für ftfaBier unb SSioline (Dp. 73), SRomanjc au« Dp. 28, „Qn ber 
9tad)t" unb ,,'Ef« 2(bcnb«" au« Cp. 12. 



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360 



1854—1856. 



war fo innig beglücft, baß mir Robert mit biefen bciben auSfdjließ- 
li<h gufammengebracht ; ich war auch rcd^t felig babei. Sooc^im 
fpielte gattj fjerrlicf»“ — erreichte ifjre bieSjä^rige Serliner Äoitjert- 
reihe ihr ©nbe, bie übrigens jmifchenburch burch SluSflüge nach 
granffurt a. 0. unb ißotSbam unterbrochen morben, unb in ber 
außerbem bie obenbrein jehon abgetje^te Sünftlerin noch bie 2Bcif>* 
nachtSeinfäufe für ftinbcr unb greunbe beforgcn mußte. Senn als 
fie am 21. in ^Berlin in ben 3ug ftieg, trat fie noch feüteSmegS bie 
.^eimreife an: „grüh 8 Uhr nach ßetpjig", heißt eS im Sagebuch, 
„mit Soachim — Slnfunft 2 Uhr; ich fuhr gleich ins ©emanbljauS 
unb probierte baS 3nftrument. ©egen 4 Uhr fam ich enblich $u 
ißreußerS. SlbenbS ©oiree mit Joachim! großer SntfiufiaSmuö 
©in fdjöner Slbenb! 33 or ©egimt beS ÄonjerteS glaubte ich laum, 
baß ich noch fpielen fönnte, fo furchtbar ermübet mar ich, am Sbenb 
aber ging’S ganj oortrefflich, unb nach bem fionjert hielt ich fogar 
noch e *n ©ouper bei ißreußerS aus." Nun aber burfte fie fich enb« 
lieh Serien gönnen. „22., oormittag 12 Ußr, fuhren mir nach 
fpannoüer ab nnb moüten SohanncS unb SuliuS ©rimm über« 
rafchen, mie es aber fo oft geht mit Übcrrafchungen — eS mißlang 
gänzlich- Joachim fonnte bie beiben nicht mehr auffinben, mußte 
felbft bie Nacht im |mtet bleiben. . . . ©rft am SNorgen gelang eS. 
ber beiben habhaft ju merben. ©ie frühftücften bei mir mit Soadjim 
unb freuten fich feh r - 33on mir mill ich S ar nicht fprechen! ich hatte 
mich nach SofjanneS unenblich gefeint! nur mit 3hm lann ich f° 
recht über alles, maS mein $erj bemegt, fprechen! auch Soachim ift 
mir ein treuer, lieber greunb, aber 3ohanneS noch mehr. 

Nachmittag Slbreife nach Süffelborf mit 3of>anne8 unb Soadjitn. 
SBir trafen abenbs 10 Uhr, nachbem beibe altes getan, mich ju er« 
heitern, auf biefer traurigen fjaljrt jurn traurigen S e fte üt Siijjel- 
borf ein. Sille $inbcr fanb ich toohl — bie beiben Jreunbe mohnten 
bei mir. ©onntag, ben 24., reifte Soadjim nach ©nbenich unb fam 
abenbs unermartet jurütf; er hatte Nobert gefprochen unb mar felbft 



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1864 - 1856 . 



361 



fo beglücft, bafe er mir bie wonnige Kachridjt nicht langer atg nötig 
oorcnttjalten wollte. ®r braute an Qofjanncä einen ©rief*), unb 
wie merfwärbig, im traulichen liebenben „3)u", ohne bafe id^’S 3hm 
oon mir mitgeteitt. 3d) war oon allem furchtbar erregt, unb bag 

Sehnen faßte mein ganjeg H er 3 in tiefftem Schmerj unb SBehmut 

3oh<ntne3 unb 3oa^im Waren gar lieb gegen mich, mein fierj aber 
mar ganj bei 3h m - &em h e >Bgeliebten SKanne. . . . SRittwoch, ben 27., 
©rief oom Strjt, bafe 3oa<himg Vefudj (ber erfte, ben er überhaupt 
in $eit oon jehn SKonaten erhalten) Kobert recht heiter geftimmt 
habe. 2Bir Waren recht froh barüber, unb 3ofjanneg unb 3oachim 
wollten gleich binnen furjem oöltige ©enefung fehen, ich aber bin 
fehr oorfidjtig in meinem hoffen — eg geht hoch nur ganj Schritt 
für Schritt unb ift wahrhaftig oft in SBocfjen faum einer ju fehen! 
— ben 28. 3oachim reifte mieber ab. ©eftem, heute unb Freitag, 
ben 29., brachte ich faft augfchliefelich mit Drbnen unb Verbrennen 
»ieter ® riefe ju, wobei mir 3ohanne2 treulich h fl tf ! 3hm machte 
bag Verbrennen greube, bag „fid) frümmen“ fo mancher Kamen! . . . 
30. ÜDejember, Vrief oon Kobert, beglüdenb unb betrübenb zugleich- 
Siloefter, — allein mit 3of)amteg! ich fchweige über bie ©efühle, mit 
benen ich neue 3al)t antrat unb bieg alte fernere, unbefchreiblich 
unglückliche 3afjt hinter mir liefe- 2Bag wirb bag nächfte bringen? 
SBcrbe ich ntein ©lücf wieber erringen? Werbe ich eg jematg gan^ 
wieber befifjen? ©ebe ©ott eg! — " 

Hatte bag alte 3ahr mit ßmeifeln unb gragen gefchloffen, fo 
begann bag neue mit Hoffnungen unb Sorgen, Hoffnungen für 
anbre, Sorgen für fich- 2lm Keujafergtag würbe bag Schmerjeng* 
linb mit bem gliicfbringenben Kamen gelij enblid) boch, ohne ben 
Vater, getauft. Slufeer jwei jungen greunbinnen beg H au f eS » 
Sri. VöUing unb H nrt mann, war Vrafemg ißate. SDie Sfrmfeffion 
machte eg ju ßfarag Vebauern unmöglich, auch Soachim heranjujiet)en. 



* »tiefe, 9t. ft. 2. Stuft. 9tr. 467 (6. 403). 



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362 



1864—1856. 



Slber fdjon rüftete fic ficfj niicber gu neuer gafjrt. Sine Slnfang 
Segember an fie ergangene Sinlabung naef» SBien fjatte fie aller« 
bittg§, Wegen ber großen Sntfernung oon Robert, geglaubt ableljnen 
gu müffen, bagegen hatte fie eine gu gleicher 3«* atl fie gerichtete 
Slufforberung gum SubiläumSfongert ber Stotterbamer »Eruditio 
Musica« angenommen, mit ber Stebenabficfft, bamit eine ßongert« 
reife burrf) bie fjollänbifc^en ©täbte, wie hn borigen 3af)re, gu »er« 
binben. 

Unb ba fie einmal mit ÜteifegebanEen befefjäftigt war, fo machte fie, 
gwifdjen l)albgcpactten ßoffern, am 3. Satutar 1855 fich unb Soachim 
bie gratbe, mit SraljmS für 24 ©tunben nach ßannooer gu fahren, 
um bie ifkobe oon be3 erftent „$cinrid)S=Duttertüre" gu hören, 
©ie bereute e§ nicht, benn baS SBerE machte auf fie ben tiefften 
Sinbrucf; „e§ paeft einen gang gewaltig", faßt ba« Sagebuch ben 
©efamteinbruef ber fdhötten ©tunbe gufammen. 

Stoch eine $reube ftanb ihr oor ber Slbreife, bie fie, je näher 
fie rücEte, mit banger ©orge oor neuer Srennung unb neuem Stilein« 
fein erfüllte, beoor: „©onntag, ben 8. herrlicher ©rief oom Stöbert*); 
— öiet über 3ohanite£’ gauberifdje SaHaben. Sr fchreibt fo wunber« 
bar fchön, wie et c§ in ben gefünbeften Sagen nicht fdföner Eounte. 
SKait meint, er müffe gang gefunb fein. 3ohanne£ will gu ihm. 
Stm 11. fuhr Johannes nach 6nbeui<h, fam am Slbenb wieber unb 
war gang erfüllt oom ©eliebtcn, ben er wohl unb heiter angetroffen; 
Stöbert hat fich fehr gefreut, ihn gu fehen unb ihn beglich em P s 
fangen. 3ohanne8 hot il)tn feine Sallaben unb ÜBariationen oor« 
fpielen müffen.“ 

3m 3ricf)eu biefer, wie fich freilich nur gu balb ertoeifen füllte, 
trügerifchen ** ©crf)eifjung auf eine balbige entfdfiebene ©enefung 

* SBricfc, 9t. 5- 2. 9!ufl. 9tr. 468 (©. 404). 

** 2>a& BrahmS einen toefentlid) ungültigeren Sinbrucf, ben Sinbrucf, eä mit 
einem nod) ferner fitanfen ju tntt ju haben, Bon Cnbenid) mit fortgenommen 
unb Clara „ben fd)led)tern Seil feiner Beobachtungen“ fdjonenb Borenthalten 
habe, ergäbt Stalbcd a. a. 0. I. S. 208. 



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1854—1856. 



363 



trat fie am 15. ganuar bie Steife an; ber lag tjorfjer mar langen 
ernften ®efpräd)en mit ©rafjmS, ber in^mi|'cf)cn ht ®fiffetborf fein 
Duartier im ©cpumannhaufe auffcplageit füllte, gemibmet gemefen 
bie wie immer ifjr Hroft unb ©erupigung brauten. „Sin feinen 
eblen ©efinnungen, feiner ©eifteSltarpeit !ann man fid) maprpaft 
ergeben", peifjt es im Hagebudj. 

Her Slbfdjieb »narb beiben fernerer ttietleidjt nocp als ber erfte. 
Unb fo begab ficp’S, bafj ©rapmS, naepbem er ant 15. fiep am Stpeiu» 
bampffdjiff, baä Klara unb itjre ©egleiterin, grl. ©epönerftebt, 
nadj Kmmeriip bringen fällte, »on ben Steifenben getrennt patte, 
§mei Hage f pater in Stotterbam ptöfclidj »or ber faum »erlaffencn 
greunbin wieber auftauepte. „Krft mar id; reept fetjr erfeproden, 
bann aber überliefj ich midi) ber innigften greube“, fdjreibt fie, 
„benn mopl patte idj fefjon geftern unb »orgeftem reept fcpmerjlicp 
mein Slüeinfein, hoppelt im fremben Sanbe, empfunben.“ 

Stuf biefe SBeife tonnte er, ba er bis jum 23. ganuar blieb, nidjt 
nur baS fjefttonjert am 18., in bem ©djumannS erfte ©pmpljonie auf» 
geführt mürbe unb filara unter anbern bie fßpantafie für Kljor unb 
Drdjefter »on ©eetpooen fpielte, mit geniefjen, fonbern aud) perfön« 
lief) güptung mit einem Heil ifjrer poUäHbifcpen greunbe, ©erpulft 
an ber ©pipe, geminnen, ot)ue bafj jeboef) bei biefer erften Seriil)* 
rung beibe Heile greube baran gehabt patten, maS bann roieber 
auf Klaras Stimmung unb auep in ber golge biefer Steife auf ipr 
Urteil über bie UrteilSfäpigfeit unb mufifatifepe Steife ber .fpoüän* 
ber entfliehen nachteilig einmirfte. 

Überhaupt leuchtete ihr bieSmal in .fjollanb tein günftiger ©tent. 
Sticht bafj man fie nidjt überall, in Stotterbam, in Sepben, in Utredjt, 
Vlmfterbam, im fpaag freunblich, ja mit SntljufiaSmuS aufgenommen 
patte, mie »or einem gapre, aber fie felbft ftanb, jum Heit infolge 
gemütlicher Krregungcn, pm Heit infolge förperlidfjett UnmoplfeinS, 
beftänbig unter einem Hrud, ber fie auch für bie Sidjtfeiten beS 



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364 



1864 — 1856 , 



gegenwärtigen Aufenthalts wenn ntcfjt blinb, fo bocß weniger emp» 
fänglicß matzte unb Bor adern immer ju füllen ffiergleicßen mit ber 
©ergangenßeit reijte, bei benen bie ©egenwart woßl nicßt gaitj ju 
ifjrem Siebte farn. 3n Setjben unb im $aag, am 23. unb 24. 3a« 
nuar, litt fie Bor allein fdfjwer unter förderlichen ©efeßwerben, unb 
wenn fie auch i' n testen Drt auSbrücflicß feftftedt, „baß trojjbent ba§ 
Ea«bur«ßonjert Bon ©eetßooen ib)t feiten fo gut gelungen", fo emp« 
fanb fie am anbern Hage, wie bei bem feftfon^ert in Siotterbam 
unb Bor allem bem Sfonjert in Utrecht (am 27.}, hoch fcßmerjlich 
ihr UnBermögen, ber Schwäche $err ju werben. „Sä mißlang mir 
fehr, weil ich gättjlicß Bon Kräften war", fchreibt fie aus Utrecht. 
§ier famen aflerbingS noch feelifche Srfchütterungen h^u. 

Am Abenb oorher hatte fie einen ©rief Bon Stöbert erhalten, 
„ber", wie fie fchreibt, „mich f° betrübte, baß ich bie gange Stacht 
in tränen jubraeßte." Stur ju begreiflich, benn biefer an unb für 
fich leiblich unb ruhig flingenbe ©rief enthielt als Stacßfcßrift bie 
beängftigenbe unheimliche ©emerfung: „üJteine Slara, mir ift, als 
ftünbe mir etwas fürchterliches beoor. Sehe ich 2)i<h unb bie 
ftinber nicht meßr, wie weh!" 

„SS ift unglaublich fcfjtoer, mit jerriffenem §erjen oor baS 
ißublifum gu treten", heißt es nach bem Utrecßter Sondert. 

25aS ©efüßl beS AdeinfeinS fteigerte fich bis gur Unerträglichfeit, 
gumal auch bie ©riefe beS frcunbeS gerabe in biefer $eit weniger 
regelmäßig fich einfteUten. $agu aderlei fonftige ©erftimmungen, 
fo baS beftänbige 3 u f ammentreff en mit ©ieujtemps, ber, an 
fidf) Q l § SOtcnfdj unb als Äünftler ißr unfpinpathifcß, ißt bureß feine 
Shmftübung uncnblicß feßabete, weil er bem ©ubtifum ben ©efeßmaef 
Bcrbarb. ©raßmS muß feinen leichten Stanb gehabt haben, ber 
reizbaren, in fdjwargen ©ebanfen fieß Berlierenben freunbin ©tut 
gugufpreeßen. Unb boeß ift er mit ftetS gleicßbteibenber f rifeße unb 
unerfcßöpflichem Junior immer wiebet beftrebt, fie auf anbre ®e» 
banfen gu bringen, .fieute feßergt er ßarmloS-ironifcß über bie brief» 



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1854 — 1856 . 



365 



licken „Umarmungen", mit benett es freilidj Don Ämfterbam bi« 
Süffelborf gute 2öege habe: ,,S« ift redjt ungefährlich unb ßöcßft 
fittfam." Sin paar Sage fpäter ein freunbfcfjafttid^er Stat: „Stad) 
SSerlin werben Sie hoch nicht gehen? 3d) rebe nid;t gern herein, 
weil id) immer fürchte, egoiftifd; gu fchehien. Slber jeßt bin ich’« 
wirtlich meßt; ich meine, ba« ift gu Diel. Sa« fönnen ©ie nicht 
auößalten. ©ie miiffen fidj au«rußen unb auf bie englifcße Steife 
gefaxt machen. 3d) bitte ©ie bringenb, überlegen ©ie es noch feßr, 
minbeften« fchreiben ©ie noch nid)t feft gu!!" Sann wieber barm* 
lofe Siederei unb ©elbftperfiflage: „^jeute mittag fagte ich ben 
Änaben, ©ie hätten mir Suffe für fic mitgefefjidt, bie feien mir ent« 
gegengeftogen, baß ich nticfj orbentlich erfdhroefen. Sa tarnen 
fie benn unb hotten fie fid). Sch mußte fic aber improüifieren, 
benn fie waren gu wenig leibhaftig." Unb auch t>er große Sunge, 
ber Sinbsfopf, Derlangt fein Stecht. „3e|t finb ©ie hoffentlich im 
33ett, unb gräutein Slgnc« (©cßönerftebt) hat wieber bie Stachthaube 
mit bem riefig langen 3‘Pfel auf, ber gum 83ett heraushängt." Unb 
am anbern Süiorgen: „©uten SJiorgen ©ielliebcßen. Senfen ©ie, 
wa« ich bie Stacht träumte. Sch hätte meine oerungtücfte ©ßmpßome 
gu meinem Älaoierfongert benagt unb fpiette biefe«. ®om erften 
©afc unb ©chergo unb einem ginale, furchtbar fdjwer unb groß. 
Sch war gang begeiftert. Stiel hab idh auch Don Sßnett geträumt 
unb Schöne«, ©rüßen ©ie gräulein Slgne« .... fie möchte mir 
gut fein trojj meiner Siedereien. Sich, jefet fieht bie lange ßtunfer 
gerabe gum ®ett heran« unb fießt gu, ob’« feßon Sag ift, unb tut 
einen Slngftjdjrei, wenn ein Süngling gur Siir hereiutritt (ber 
Stlunfer). — 3eßt beißen ©ie woßl gerabe in ein .fpollänbifdpßäje* 
Sutterbrob? ©uten Slppetit. “ 

©erabe an bemfelben Sage hatte Klara ein feßr ernftc« ©c« 
fpräth mit Sterßulft über Soßanne«’ Sallaben, ba«, wie fie im 
Sagcbucß feßreibt, „mieß feßr traurig machte," benn wenn nun fo 
einer fagt, er fann Hießt wann babei werben, e« fei in ben ©adjeu 



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366 



1854-1856. 



nicßts, baS „mtbebingt fo fein miiffen", es jei „lein 3ufammenßang" 
ufw. ufw., was joH man bann »on Saien oerlangen." 

$ein SBunber, baß fie froß war, als fie am 8. ffebruar in 
Votteröam unter großem QcntßufiaSmuS ber 3 u ^)örer mit bem Es-bun 
ffonjert oon Veetßooen fcßließen unb tags barauf in ben Suft* unb 
©ebanfenfreis jurüdfeßren foitnte, in bem allein fie fidj woßl unb 
ßeintatlidß füllte. 

SKancßcrlei Überrafcßungen ßarrten ißrer bort; frößtidje unb 
traurige. 21m 12. gebruar (jwei 'Jage nacß ber Vücffeßr) metbet 
baS Xagcbucß: „fanbte uns Soacßim ganj wunberbare Variationen 
für Slaüier unb Viola, ©roß unb innig — ein ÜJJeifterwert, eines 
Veetßooen würbig! — SoßanneS fpiette mir ÄaitonS unb ©igueS 
oon ficß oor; er !ann bodj alles, was er witU“, aber am 13.: „Vrief 
oom 2trjt ! SRobert glaubt oft ÜJiufif ju ßören, wie entmutigenb ift baS, 
Wenn man immer wieber mit feinen Hoffnungen jurüdgeworfen wirb!" 

Sodß jum Vefinnen unb Xräumen ließ baS fiebeit feine 3 e ^ : 
„ßJiontag, ben 19., mußte icß fcßon wieber ßinauS in bie SBeite.“ 

Srofc ber Stbmaßnungen beS greunbeS glaubte fte fiefj feine 
SRuße gönnen ju bürfen, fonbern bie 3«t unb ©elegenßeit waßr* 
neßmen unb binbenbe 3 u f a G en - bie fie im Sejember fowoßl 
Soadjim wie ben Verliner greunben wegen einer gortfeßung ber 
erfolgreichen Äonjertfaßrt gegeben, ßalten ju müffen, galt es bodj, 
für SJiann unb SHnber ju forgen. 

SieSmal wußte Vobert oon ißrem Vorßaben, unb in ein oon 
VraßmS ju biefem 3«>f^ ißr gefdjenfteS „©ebäcßtniSbucß“ wollte 
fie bem ©eliebtett „aus jeber Stabt, in ber fie geweilt, eine Vlunte 
weißen.“ @S füllte ißm fpäter eine greube fein. @r ßat eS nie 
gefeßeit ! 

Sie erfte Station war natürlich / wenn aueß nidjt ju S?onjert« 
jweden, Hannooer, aber bieSmat naßm fie feinen ungetrübten 
(Sinbrucf oon bort mit fort, infolge eines SBieberfeßenS mit 3ennb 
Sinb, bei ber fie mit ißrer geliebten greunbin jiemlicß ßart anein* 



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1854-1S56. 



367 



unber geriet, weil biefe Don ©raljtu«’ ©ariationen nichts roiffen 
wollte unb oon „oertcßrter Stiftung" fpracfj. 

Sn ©erlin, wo fie bie«mal bei bem jung oerßciratetcn (Sfjepaar 
Jrieblänber iljr üuartier auffcfjlug , harrte iljrer fdjwere Arbeit. 
S« war eine große Journee mit Soacßim nad) Storboften geplant, 
bie nun, ba Soadjim im lejjten SlugenblidE fidj nicht für bie erfor* 
berlidfe lange frei machen tonnte, fo gut wie ganj in« SBaffer 
fiel; unb wenig erfreulief; fcfjien fid; auch ^unäcfjft bie erfte gaf)rt 
ju gcftalten, beren ßiel Sandig war. ©ei Steinid« Söitwe unb 
im ©efjrenbjcfjen Streife fanb fie jroar herjlidjfte Aufnahme, aber 
bie „glügelnöte“ oerlcibeten ifjr Ijier, wie fo oft, ben Stufentßatt. 
„9tie fpielte ich auf folgern Snftrument!" heißt es nacf; bcni erften 
Stonjert, „Soachint, wie er immer fo lieben«Würbig gegen mich ift, 
fo aud) al« StoHege, Stonjert»2eiben«4Sefäf|rte!" 

Sn ben fdjweren SrinnerungStagen — es warb ein Safjr, feit 
Stöbert nad) Snbenich gebracht war — empfanb fie überhaupt bie 
Stöße biefe« greunbe« uß einen befoitbern Iroft woßltuenb. 
„SBelch ein feltner SJienfd; biefer Soacßim, Doller Sbelfinn al« 
SJtenfd) wie al« Stünftler!" „Sin Saßt ßeutc“, ßeißt’« am 4. 9Jtär3, 
„baß Stöbert nacf; Snbenich abreifte. 3cß war am Sftorgen feßr 
traurig, al« ich aber ßinau« tarn unb bie (gönne fo ßerrlid) feßien, 
ba war mir’«, al« fpräcße 3oßanne« tröftenb ju mir." Überhaupt 
geftaltete fid) aucf; in S^anjig alle« fcßtießlicß Diel freunblicßer unb 
ließter, wenn ißr aud; bie SBolfe Don Irauer, bie über bem Ipaufe 
ißrer ©aftfreunbe lag, oft ba« Sltmen fdjwer machte. S)ie jwei 
Stonjerte fanben großen ©eifall, unb mit ßerrlidjen ©lurnen über* 
feßüttet naßm fie Don fcßnell gewonnenen greunben am ©aßnßof 
fcßließlicß am 7. SJtärj Slbfcßieb. 

Sn Serlin rief fie beibe fofort bie fßflidjt wieber in ben Sondert* 
faal, ba fie in bem Ston^crt be« Stcrnfdjen ©efangocrein« — 
ßlara mit ber ißßantafie für ©iano, Sßor unb ßreßefter Don 
©ectßooen — am 8. mitjuwirten ßatten. Sine eigentümliche Snt* 



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368 



1854-1856. 



becfung glaubte Slara übrigen# an tiefem Slbenb gu matten. SDten« 
bel#fof)n# SBiolinlongert, non 3oadjim gefpiett, übte auf fie gum 
erften 3Jiate nidjt inetjr ben alten ßauber au#, unb trauet er« 
füllte fie über bie# anfcfyeinenb fo fc^neüe Seralten. 3n tiefem 
galle aber tag bie geringere Sßirfung bod) woljt mcljr an einet 
momentanen ungünftigctt Stimmung unb aucfj baran, bafj Soac^im 
gufällig nicf)t fo mit £uft fpielte wie fonft. ®iefer Äongertabenb 
bebcutete guglcich bie Trennung ooit 3oad|im, ber nocfj am fetben 
llbenb nadj ^annooer gurücfmufjte, fo bafj ein bereit# breimal »er* 
fdjobene# Äongert, ba# fie mit if)m jufammen geben wollte, eben= 
fall# au#fiel. 3^r war’# nidjt unlieb, fie füllte boch bie Stra« 
pagen fetjr unb Ijatte unter bem Ginbrucf be# Sßadjlaffen# ber 
notwenbigen griffe fowoljl bie englifdje Steife für bie# 3at)r auf» 
gegeben wie ein ebenfalls noch geplante# Bongert in Seipgig. 

!$lber eigentliche Staft gönnte fie fidj bamit !eine#weg#, bietmehr 
rüftete fie, nadjbem fie in einem SBoljltätigfeit#fongert am 10. SJtärg 
fidj felbft barüber gefreut batte, wie gut ibr SSeetboben# Sonate 
0p. 101 gelungen, unb aujjerbent an ber Söiebergabe oon Stöbert# 
„Stequiem für SOtignon" burcb ben ©omdjor ficb erbaut butte, ficb un< 
mittelbar banadj gu einer Steife, bie al# eine ©rtjolungSreife jebem 
fad# nicht angefeben werben tonnte, einer Äongertreife nach ißontmern, 
unb gwar allein, — ein in jeber Segiebung berwegene# Untcrnebmen, 
ba# fie benn auch in bielen bergweiflungäboüen Stunben bitter be« 
reute, an manchen Stationen aUerbing# mit ber wunberbaren (Jlafti« 
gität ihrer Stablfebcrnatur wieber bumoriftifch aufgufaffen fähig war. 

®# war bodj eine anbre SCBelt, al# fie fte eigentlich gewöhnt 
war, bie# ißommern im SJtärgfdjnee bon 1855. 

Seltfame Äontrafte gwifcfjen fteifer, aufgepufcter Unnatur, Schale 
ohne Inhalt, wie bei ben „reichften Seuten in ißommern", bie ihr in 
©reif#walb ©aftfreunbfdjaft erwiefeit, „bafj mir’# gang ungemüt- 
lich würbe“, unb beljaglidjft gemütlichem, mufifatifch empfänglichen 
öürgerpublifum in Stralfunb, unb bor adern bem animierten 



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1854 — 1856 . 



369 



wefentfich aug ©utgbefifcern beftetjcnben ^SuSIifum in ©rimmen, 
wo im $aufe beg gaftfreunblidjcn Siirgermeifterg beim Slbcnbcffen 
ein Strauß mit fßomeranjen „mit fpaßigen Sfnbeutungeit" über« 
reicht wirb, unb Glara in ber fofgenben 9tad)t, im 3> m mer beg $aug* 
tjerrn, bas öoU Südjcrn, Statuen unb djemifcfjen Snftrumenten ftecft, 
ficf) mit ber SSorfteUung quält, „baß alle ScbriftfteHer au« ihren 
©iidßern ßeraugj’teigen fönntcn." 3)as Seltfamfte unb Suftigfte aber 
mar wolfl bie gaf)rt nad) ®e*gen, auf eine ©inlabung beg bortigen 
färeiggeridjtgbireftorg ©cfcnbrcdjer , wenn fie auch pcfuniär fo gut 
wie nicfjtg ergab, bodfj ein Stbenteuer nic^t offne fRey. 3 un ä<hft 
bie (?aßrt im ©dritten über bag @ig beg Sunbeg jwifdjen SRiigen 
unb bem geftlanb; „bann in einem waffren §ofjfaften nad) Sergen, 
too wir — treuer Begleiter auf biefer pommerfdjen Srrfaßrt war 
ißr ber ©tralfunber SDtufifbireftor mit bem auf bag äRilieu fo 
WunberöoH abgeftimmtcn tarnen Sratfifd) — um 6 Ufjr anfamen; 
ich gänjlich gerft^Iagen, bcnn ber 2Beg war furchtbar. $ie Soiree 
(man hatte mich nie^t mefjr erwartet) war im §aufe beg 3)r. ©den« 
bredjer, bei bem idj wofjnte, unb begann Vi® Uh r - 3d) fpielte 
faft allein, $r. ©deubredjer fang einige Sieber. ÜRadj ber Soiree 
waren noch »iete bei meinem SBirt jufammen, idj war aber fo an» 
gegriffen, baß mich ein förmlicher SSeinfrantpf überfiel unb idj $u 
®ett mußte, ©g tat mir leib für bie fo fiebengwürbigen Seute, 
bie mir gern ©uteg getan hätten. SRorgcng brachten mir einige 
ein Stänbdjen unb fangen fefjr ßübfdj, wir früfjftiicftcn bann noch 
jufammen, unb nadjbem fußr ich ntit ®ratfifcfj . . . nad) Stralfuub." 
3n Straffunb wirb nodj am felbeit Sormittag ein Snftrument 
gefucht, im Saal in oollfommen burchnäßteit Slleibern geprobt unb 
am Sfbcnb bag gweite Äonjert gegeben, wobei bie felbft fefjr animierte 
Äünftlerin bem banfbaren gfücflichcn fßublifum bie C<bur«Sonate 
®on Scetfjoüen afg 3ugabc fpielt! 

S'amit hatte biefe abenteuerliche Steife ihr ©itbe erreicht, über 
fltoftod lehrte fie am 20. nach ®erfin guriid unb fuhr mit furjcr 

eit mann, Clara Sdmmann. II. 24 




370 



1854 — 1856 . 



9?aft wettet rtadf) SDüffetborf, wo fte am 22. STiärj wieber eintraf. 
,,3d) fann’S gar nidjt fagen, wie gtücfticß id) war, ben geliebten 
grcuttb enbtidj wiebergufeßen. ... Sr ift ja mein fjalt, meine 
©tü§e, oßne ißn fcßwinbet mir bcr 9Kut immer mcßr. Stöbert, 
mein heißgeliebter SKattn, überrafdjte tnid) mit einem lieben 93 rief 
als SSillfonttn wieber ju §auS." 

„Stußetage!" metbct baS Tagebuch mit einem oielfagettben 9luS= 
rufungSjcicßcn ; wie eS fdjien, and) greubentage: „SJtit SoßamteS 
tßeoretifcße ©tubien begonnen, ein „ßerrlidjer 93rief" oon Stöbert an 
SoßanncS unb ein 93rief [an ÜBraßmS] tion Soadjittt: „miete!!!", 
b. ß. er fommt, um hier einige 3^it ju bleiben" ; aud) ber immer fo 
befonber» crfeßnte mufifalifcfje SftonatSfcßluß fet)tt nid)t: „31. 2Jtärj. 
SoßattncS fpiclt mir immer ,‘pertlidjeS wunbcrbar fdjött üor, fo beute 
bie H*bur4ßßantafic oon SBeethooen, bie id) gar mcßt fanntc. Sr 
felbft b«t mehrere ©arabanbett, ©aüotten unb ©igueS gemacbt, bie 
mich entlüden." Uttb nicht minber ein mufifalifcßer SJtonatSanfang : 
„©onntag, bctt 1. Stpril, fuhr ich mit SoßanneS nach ÄMn, baS 
riefigfte alter SBerfe, bie SDtiffa ©olemttiS oon 95eethoben ju hören. 
SS überwältigte uns gang unb gar, unb wahrhaftig, eS ift SJtufif, 
wie oon einem ©ott für teilte Sftenfcßen, fottbem ©ötter gefchrieben, 
bettn fattm faßt matt eS. SCRontag, ben 2., befaß ich mit 3oß. ben 
Tom, unb uns bcibett fiel gtt gleicher 3 e ‘i ein, wie bie SSteffe in 
ißrer Glröße unb Sunft woßt biefent Tome gu oergteicßen fei, ber 
einem aud) wie oott ©öttern gebaut erfcßeint." 

„Tocß uns ift gegeben, auf feiner (Stätte gu rufjn!" 

Sin SBefucß, ben 93raßmS atn felbett Tage in Sttbenicß abftattete, 
brachte nicßt nur burcß bie Srgäßlungcn, fottbem befottberS burcß 
bie erneute 93e[tätigmtg, baß ©cßumann barauf bringe, Snbenicß 
ju oertaffen, Uttruße unb ©djatten. ©ie felbft hatte ben einfamen 
Tag genügt, eine Siomange für ben näßen ©eburtStag bcS JreunbeS 
jtt tamponieren: „©ie ift aber redjt traurig in ber ©tintmung; icß 
war'S fo feßr, atS icß fic fdjrieb." 



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1854 — 1856 . 



371 



SJSar eS bie ©ehnfudjt, auf anbre ©ebanfen gu fomntert, ober 
fta! iljr bie Meifeunruhe boef) nod) gu fefjr im SBIute — fie ift geit 
ißreS SebenS, aud) wenn fie gelegentlich bariiber ftagte, gern auf 
SReifcn gemefen — genug, ber SRonat ging nicht gu (Snbe, ofjne 
baß miebet bie Koffer gepaeft mürben. (Sittmal freilich mürben bie 
fdjon Ijalbgepadten mieber auSgepadt, eS galt ber ©ettobeoa»2tuffüf)* 
rung in SBeimar, gu ber Sifjt Ijerglidj eingetaben hatte; im testen 
Sugenblicf gab tnan’S jebod) als „gu toftfpielig" auf. dagegen 
mürbe eine SSodje fpäter ein plöfctich gefaxter Meifcentfdjluß auch 
auSgefüf)rt: 3tt Hamburg führte Dtten beit „SRanfreb" auf, unb biefe 
StuSficht mar gu nerlocfenb, als baß bie Soften (allerbingS fußt 
man 3. Slaffe) babei Ratten eine Molle fpielen bürfen. 2lm 
19. Sprit fuhr fie mit 83ral)mS über Jfjannober nad) Hamburg unb 
mol) nte — gum erftenmal — bei SraljmS’ Sltern. Sie Suffiiljrung, 
bie am 21. ftattfanb unb ber bie Dubertüre gur „Sraut ooit 
SJteffina" üoraugiitg, ergriff fie aufs tieffte, auch bie SuSfüfjrung 
befriebigte. Unb um ben erhebenden (Sinbrud — „eS mar ein ©enuß, 
mie ich ilju feiten imficben gehabt", — nod; recht Ijarmonifd) auSflingen 
gu laffen, erhielt fie am folgenben Sag „ben fdjönften alter Briefe" 
bon Mobert. „(Sr fdjreibt gang erfreut bon 23ettinaS fflefud), ferner, 
baß et SoadjimS $einrid)4Dubertüre ä 4 m. fefcen molle, baß er 
biel arbeite ufm. ufm. 3d) mar rcdjt gliidlid) barüber, fobiel eS 
eben möglich ift 3 U fein, mo id) 3l)n nicht habe. ... 23ei SoljantteS’ 
(Sltern befattb ich mich bod) recht behaglich- — Sie 3rau ift fo 
prächtig ! @ie gibt'S, mie fie’S hat, fo einfach gemütlich, macht gar 
lein .'pin» unb $errebenS, unb fo fjab’ id)’S am liebften." Soppelt 
roof)ttuenb empfanb fie mof)l biefe echte jdjtidjte ©ollnatur im Ö5egcu= 
fa£ gu mannen aus ben fjodjgebilbcten mttfifalifdjen Steifen, unter 
betten namentlich eine Same mit ihrem „fjimmetn" unb „Jpin* 
fdjntelgen in SRufifmoniten" fie förmlich entrüftet : „Sßetut nur bie 
Seute nicht immer büchten, baß fie fpreeßen müßten. SBer nichts 
©efcßeiteS gu fagen meiß nach l) err lid)cr SRufif, ber halte doch 




372 



1854 — 1856 . 



lieber baä üJJaul!" ©efonberS em>ünfcf)t aber war itjr bei bieder 
©elegenpeit, bei SopamteS’ (Eitern mandpe falfcpe Snficpten unb 93or* 
urteile 3 erftreuen ju fönnen, bereu Urfprung fie wopl niept optie 
©runb auf feinen alten Seprer SRaryfen, „ber baS Äiinftlcrlebcn Don 
ber materietlften ©eite erfaßt," glaubte jurücffüfjrcn ju bürfen. „SBie 
!ann eS mir fo leib tun, SopanneS gerabe »on ben ©einigen am 
wenigften terftanben ju fepen! SWutter unb ©djwefter apnen nur 
bas Stufjerorbentlidpe in 3 pm, aber ©ater unb ©ruber fönnen nidpt 
einmal baS." 

(Der am 24. pöcpft befriebigt, nidpt jum wenigften audp burep 
einen mufifalifepen Slbenb bei Soadjim auf ber Stüdreife, f>eim* 
feprenben warb freilich fcpnetl wicber baS Sluge getrübt burep Sftacp* 
richten Dom Slrjt auS Snbenicp, ber bie fieberhaft gefteigerte Arbeite» 
luft als ein teineStoegS giinftigeS ©pmptorn gelten laffen wollte. 
„Sitte boep ber Slrjt einen greuitb um cpn", fdjreibt Klara, ©ie 
al;nte nicht, baf? Weber greunb nodp Slrjt mepr Sinberung ober gar 
Teilung ju bringen oertnocpten. 

3u ipren eignen ©orgen laut in biefen SSocpen befonberS au cp 
bie Sorge um bie gufunft bes greunbeS pinju. ©cpoit nadp ©erlin 
patte er ipr im gebruar gefeprieben: „SBenn Spnen etwas baran 
liegen füllte, fo püten ©ie bor allem, bafj icp nicht einmal plöplicp 
nadp Hamburg burepgepe, oft benfe icp ernftlid) baran, wenn icp miep 
311 fepr über meine ©erpältniffe ärgere. Slber wie pielt icp’S benn 
auep auS opne ©ie alle!! SS ift boep auep nicht bie geringfte SluS* 
fiept, bafj icp nod; irgenb welcpe ©tunbe pier befontme. . . . SBie 
foll’S werben!" 

Unb feitbent war eS fidper niept beffer geworben. 55>ie S)üffel« 
borfer 2JfufifbireftorftelIe, bie man bis bapin immer nodp für ©djii- 
mattn offen gepalten, unb für bie ©cpumann junäepft an ©rapmS 
gebaept patte, war injwifcpen, WaS feinen Kenner ber ©erpältniffe 
übrigens irgenbwie überrafdjeit fonnte, Saufcp jugefaHen, unb barnit 
biefe ftill unb peif} gepegte Hoffnung begraben. Unb Wäprcnb @cpu= 



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1854 - 1856 . 



373 



mamtS Kachfolger fo ©elegenßeit geboten war, in feinen Quartett» 
abenben ein Quartett feines Vorgängers, toie BrahmS eS auSbrücft, 
„benSnftrumenten ab jujwittgen — „Cs ift etwas SraurigeS", jcßreibt 
er bariiber an Clara, „foldje Quälereien anjufjören, toeber Snftru* 
mente nodj Koten wollen eS fidf) gefallen taffen; biefc wollen fdjon 
im erften Safj baoonlaufen, unb jene jaulen unb fdjreien oft 
jämmerlich" * — ging Johannes BrahmS in bemfelben Süfjelborf um* 
her, oergeblich bemüht, (Gelegenheit ju erhalten, „Dilettanten ab* 
Juristen", b. h- Älaoierftunbeu ju befomnten. 

Unb wie gejagt, auch baS grühjafjr hatte feine Befferung in 
biefer .'pinfiefjt gebracht. „Sie Heine Slrnolb aus Slberfelb", fchreibt 
Clara SKitte Slprit traurig, „nimmt je§t bei SohanneS Sßeorte* 
unterricht." könnte ich boch mehr Schülerinnen üerfdhaffen — 
ber $lrme hot boch rechtes Seiben, baß er trojj aller Bemühungen 
nichts oerbienen fann. Sch f uc h e ih 11 3 U tröften, fooiel ich foitn, 
eS fommt fcf)on auch lieber beffer! SJlit Verlegen oon SSerfen ift 
jefct gar fchlimme Sie Verleger hoben lein (Selb, burch beit 
unglücffeligen Ärieg mit Kußlanb ftoefen alle ©efchäfte; ein jeber 
flagt, unb felbft wir Hausfrauen empfinben bieS bitter burch bie 
furchtbare Scuerung, bie faft alle fßreife oerboppelt gegen fonft.“ 

Sro$ all biefer Sßolfen am Himmel würbe beS greunbeS 
22. (Geburtstag am 7. 3Rai im Sdfiumannhaufe als ein rechter 
gefttag gefeiert: „Cr genoß ißn reefjt mit Ijeiterftem Sinne", 
feßreibt Clara, „baß ich wir orbentlich mit jünger geworben er* 
fchien, bemt er jog mich mit in ben Strubel feines H^worS, unb 
feit KobertS Äranfßett oerlebte ich boch feinen fo heitern Sag, ob» 
gleich i$ °m ÜJlorgen einige geilen oon Kobert erhielt, bie mich 
feßr beunruhigten, ba er mich au f einen Brief bis übermorgen Oer* 
weift, aber oon unruhigen Sagen, bie er gehabt, fpricht. SoljanncS 

* Über eine Stuffüfjtung bet bierten ©tjnwtjonie Don Schumann im Uiärj 
Reifet eS: „{JrL liefer tjat [icfj bemüht, bei bet Stjnmtjonie begeiftett ju werben; 
ti wollte aber niefjt geben; icf) weiter gar niefit oerfud)t." 



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374 



1854 — 1856 . 



lieg rnidj meinet Unrußc nidjt nacfjfjängen! Sin iljn fc^irfte Stöbert 
bie Driginabißartitur bet ©raut t»on 9Jtcffina=Du»ertüre mit einigen 
fefjr lieben äöortcn. 3dj fdjenfte if»m außer einem Saute unb Strioft, 
Stöberte unb jeiiter SDiutter unb Gdjmefter <ßljotograpfjie. Soadjim 
!am am Stadjmittag, um 3ofjanne3’ ^reube nodj »oll ju machen." 

Slber aud) bieSmal folgte ber greube bie Gnttäuftfjung unb 
Grnüdjterung auf ber ©pur. 

©rfjon am folgenbcn Sag fam au§ Gttbenidj ein SBrief bcS 
SlrjteS, ber bie burdj Stöberte an Glara gerichtete ßcilen geioedten 
©efürdjtungen nur ju fefjr beftätigte: „Sdjlimntc Stadjridjten. Stöbert 
ßat unruljige Sage, SJtangel an ©djlaf unb fpridjt toieber »on 
Stimmen. Sich, cr f)<d ftdj juoiel mit Slrbeiten angcftrengt! idj 
habe audj bcn »erfprotfjcncn ©rief nicht erhalten!" 

©ie füllte ihn nie erhalten; bie an ©rafjnte’ ©cburtetag er« 
hafteneit feilen füllten bie lebten bleiben, bie er an fie richtete, 
©ie mögen hier ißlaß finben: 

Siebe Glara! 

Slm 1. 2Jtai fanbte idj Sir einen griiljlingSboten; bie folgenben 
Sage roaren aber fefjr unruljige; Su erfätjrft auS meinem ©rief, 
beit Su bis übermorgen erljältft, mefjr. GS luefjet ein ©Ratten 
barin; aber maS er fonft enthält, baS wirb Sidj, meine £>olbe, 
erfreuen. 

Sen ©eburtstag unfreS ©cliebten mußt’ icfj nicht; barum muß 
idj glügel Qntegen, baß bie ©enbung nodj morgen mit ber Sßarti« 
tut anlömmt. 

Sie geidjmtng »on gclij: SDfcnbelSfofjn fjab’ icfj beigetegt, baß 
Su [fie] hoch ins Sllburn legteft. Gin unfdjcißbareS Slnbcnfen! 

Seb moljl, Su Siebe! 

Sein 

Stöbert. 

5. SJtai 

Sie ©djriftjüge finb, mie überhaupt bie mciften ©riefe auS ber 
iTranlfjeit, gegen früher anffallenb Har unb beutlidj unb babei burdj* 




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1854-1856. 



375 



au3 im 6 f)ara!ter ber §anbfd;rift. Ilnb bodj gilt, wie öon bcrn 
nicht mehr abgefdjidten Söricfe, mm biefem Slatt utib allen ooran» 
gd)enbett ©rügen: ,,©S welket ein ©djatten barin." 2Ran !ann ifjn 
nicht faffen, nicfjt mit §änben greifen, aber er ift ba! 

Sn bicfeit ©orgen utib ©djmerjen braute ÜRittc 2Rai ein Vrief 
VettinaS, bie fcf)on feit einigen SBodjen in Sonn weilte, ein neues, 
bie ©cetcnpein cbettjo furdjtbar wie unnötig fteigernbeS uitb ber» 
fdiärfenbeS SKoment 

„Siebe greutibin", fdjrieb fie, „burdj 3b« Vermittelung höbe 
icb f>errn ©djumann 311 febcn bcrlangt. SSurdj einen oben §of 
unb ein öbeS §auS ohne SebenS^idjen tarnen wir in ein leeres 
ßimmer . . . £ier tjarrtcn wir beS SlrjtcS, ber enblidj erfdjicn unb 
eine SSeile mit Dieben unS aufbielt. 3cb brang barauf, 3b«n 
lieben 2 Ratm ju fetjen, fo führte er unS wieber burd) öbe ®änge 
in ein jweiteS «f)auS, worin eS fo ftiHe war, bag man eine SRauS 
hätte laufen hören Können. Jfjicr ftelltc er uns ein grl. SReumont 
bor unb lieg uns allein mit ihr, nach geraumer $eit tarn er, um 3 U 
melben, bag §err ©cf)umann ttidjt in feiner Söohnung, fonbern in 
©egenwart beS grl. SReumont uns 31 t fpredjen wiinfe^e. SRadjbem 
eine ©tunbe berfloffen war, tarn er, ich eilte ih m entgegen, bie 
greube erglän 3 te auf feinem Slntlifc, unS 3 U fehen; währenb ©ifela 
mit grl. ö - SReumont auf bem .fpofe fich unterhielt, fagte er mir mit 
SBorten, bie er nur mit SRüfjc auSfpredjen tonnte, baS ©predjen 
fei igm immer fchwer geworben, unb nun er feit länger als einem 
Saljr mit itiemanb mehr rebe, habe bies Übel nodj 3 ugenommen. @r 
unterhielt [ficf>] über afleS, was ihm 3ntereffanteS im Seben begeg* 
nete, über SBien, über Petersburg unb Sonbon, über S^itien, über 
VrahmS’ unb SSolbemarS SSerte, über 3oadjimS ©enius feiner Stom« 
pofitionen, weldjer ben feiner Virtuofität weit überflügele, fur 3 , er 
fpraef) über alles unauSgefegt, was ihn je freubig erregt hotte, unb 
obfdjon grl. SReumont unS ©elegenheit anbot 3 um 2lufbrechen, nahm 
ich bie $eit wir wieber, bie man mich hotte ocrlieren taffen, ©erccht 



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376 



1854 — 1866 . 



uttb gütig, Doll licbenbem geuer für feine Spüler, burd) fein Sn* 
erfenntuiä bcn Steig ber SBcgeifterung in ihnen erfjaltenb, ift er einzig 
angeftrengt, fidj feil) ft gu beljerrfchen, allein, toie ferner toirb iljm bies, 
luo er Don allem, was if)tn ^eilfam unb ernnmternb fein löimte, 
gef Rieben bleibt? SJlan erfennt beutlidj, baff fein überrafcheitbeS 
Übel nur ein neroöfer Unfall mar, ber fid; fdjiteHer hätte beenben 
taffen, hätte man ihn beffer Derftanben ober auch nur geahnt, was 
fein inneres berührt; allein bie§ ift bei tperrn SJichar^ nicht ber 
galt, er ift ein ^ppodjonber ... ber eher ©chumannS ©eelenabel 
nidjt fo wol;l oerftel;t, als ihn für ein 3eid;en feiner Äranlheit an» 
nimmt. 3<h höre mit greuben; bah Sie ihn recht halb toieber im 
ÄreiS feiner gamilie erwarten, hoch ©ie werben wohl auch ben SSunfd; 

I 

haben, ihn oor aller gu heftigen Srfdjüttcrung gu hüten, unb biefe 
fRücffehr gu ben ©einigen, bie feine gange ©ehnfud)t erfüllt, fönnte 
leicht gu ftarf auf ihn Wirten, ba er bisher ohne Zeitnahme war; 
ich h a & c bariiber nachgebacht, oieHcicht liehe fidj’S guoörbcrft Der* 
mittein, ihn mit einigen feiner föinber gufammen gu bringen, 
wo er auch SJtofif hören fönnte, ich werbe barüber bem 3oachim 
fchreiben." 

tiefer gut gemeinte, aber WenigftenS in feinen Urteilen über bie 
Stnftatt, ben Sl)arafter Doit Schumanns Seiben gerabegu unoerant* 
worttid;e ©rief — ber tppifdjc galt beS gebilbeten fiaien, ber nach 
oberftächlichften ©inbrüefen, bie gubem für ben objeftiDen £efcr 
gcrabe ba« ©egenteil Don bem beweifen, wa« fie foHen, fich ein 
Urteil anmaht — erregte natürlich in GlaraS Seele bie pcinlid;ften, 
quälenbften ©mpfinbungett. Stuf ihren SBunfd; fuhr 3oad)im fofort 
nad; Sonn unb berichtete ihr nach feinet Stüdfefjr, was gu erwarten 
war, bah Schumann fef;r erregt fei, unb bah bie Sfrgte burd)auS 
nid;t bafür feien, jefct einen StufentlfaltSwechfel eintreten gu taffen, 
©o war er, oor allem burch feine im ©egenfafc gu ®ettinaS ge» 
waltfamer Xonart befonberS wohltuenbe Stulje unb SBefomtenljeit, 
mit ber er aud; anbre, burch ben Srief geweefte ©efürdjtuugen 



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1854-1856. 



377 



uitb gweifel über & en ®ircftor ber Anftalt unb feine Stnfidjt ooit 
SRobertS 3 u f tan ^ ä“ gerftreuen mußte, oerfjättnipmäpig leicht im* 
ftanbe, biefen fveunbfcfjaftlic^en üftißgriff einigermaßen wenigftenS 
gu paralßfieren. Sine 3 u i am menfunft SlaraS mit Dr. ©icßarg in 
23rüßl wenige Sage fpäter, bei ber biefer ifjr rußig unb fachlich feine 
SJieinung fowoßl über beit bisherigen ©erlauf ber ftranfßcit wie 
feine ©ermutungen über bie 3 lI f ulI f t mitteilte, trug jur weitem 
oorlaufigen ©erußiguitg bei; namentlich baburcß, baß er auch jefet 
nocß an einer enblicheit ©enefung feftßielt unb ben augenblicflichen, 
weniger guten 3uftanb nicht als einen „SRücffchritt“, fonbern als 
einen „Aufenthalt in ber ©enefung" angefehett wiffen wollte, 
freilich fielen mit feiner (Sntfcßeibung, baß biefe „im günftigften 
gatle" nicßt oor bem Sinter erwartet werben bürfe, unb baß auch 
bann gunächft bie aUcrrufjigfte Umgebung für ißn geboten fei, ihre 
©läne für ben Sinter, ißrcn Aufenthalt nach Berlin gu oertegen 
unb ißm bort bie neue fpeimat aufgubauen, in fich gufammen. 

lie läge beS ©üffelborfcr ERufiffefteS, mit einer Aufführung 
ber „ißert" unb ber 2inb als ©cri, bie nicßt nur baS gange mufif* 
funbige unb mufüfreubigc Etßeinlanb, fonbern auS gang SDeutfcßlanb 
unb über feine ©rennen hinaus üftufiter unb 3)hifi!freunbe in ber 
Diiffelftabt oereinigten, waren unter biefen ©erßältniffen für 
Slara alles efjer als eine Auffrifcßuug. SDenn jebeS befannte ©e* 
ficht, baS auftauchte, jebe greube beS SieberfeßenS mit alten 
greunben — ©rimm unb ©räbener woßnten bei ißr — warb 
befcßattet burcß bie (Erinnerungen an bie ©ergangenßeit, unb oor 
allem bie ©ergleicße mit bem lebten SDiufiffefte oor brei Saßrett, wo 
ber ©eliebte fcßeinbar nocß in ooller fcßöpferifc^er Sfraft ben SDiittel* 
pmtt beS gangen feftlicßen Treibens gebilbet ßatte. Unb aucß fonft 
flangen liffonangen an. 

9Rit Senitß Sinb wollte fidß ber alte ßerglicße Ion nidßt wieber 
finben, ber ©egenfaß ißrer fünftlerifcßen Anfcßauungen, befonberS 
über SraßmS, oerfcßärfte ficß meßr unb meßr. Unb fiifgt, ber 



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1854-1856. 



tote immer igr ftraglenb liebcnSWürbig, ritterlich unb in jeber 
fflejiegung entgegenlommcnb gegenübertrat, gatte auch bieSmal 
mieber baS ©cgidfal, fie burcg feine beftgemcintcn Slufmertfamleiten 
gu öerftinunen unb gu erregen, ©o lieg er bei einer bott Klara 
am lag nach bem Üftufiffefte beranftalteten fiauSmttfif, bie fie 
felbft mit Soacgitn mit IRobertS D-moll*©onate eröffnet gatte, cs 
fidf) nitfjt negmen, mit ifjr bie ®cnobeba»Dubertüre ju fpielen. „S)a§ 
tuar aber fo fegaubergaft, bafj ich meinem §ergen nur in tränen 
Suft maegen lonnte. SSie fcglug er auf baS Snftrument, welcg ein 
Sempo nagm er; — ich mar auger mir, bag in biefen, burcg 3gn, 
beit teuren ftomponifteit, geheiligten Räumen fein 2Berf fo entweigt 
toerben bitrfte. Sifgt fpiclte barauf, tüiebcr ebenfo fegreeflieg, Söach^ 
egromatifege ißgaittafie; unb gatte er mir einesteils alle gnmbe am 
Siufigicren geute benommen, fo fügltc icg boeg fegt beit unwiber- 
fteglichften SDrang, einen gefunben Xon gu goren unb toürbiger mit 
9iobcrtS fgmpgonifcgen Stuben gu befcgliegcn, bie mir toic feiten 
gelangen; icg füglte mich megr bentt je baoon begeiftert." 

SBie fie fieg gier fo bureg igre Äuttft felbft bie innere grei» 
geit unb greubigfeit wicbcrcrläntpfte, fo braegte igr aueg baS 
SDiufitfeft felbft ©tunben tiefer, groger greubigfeit in ber Stuf* 
fügrung ber „ißeri". „®ie fiinb", geigt eS im Sagebttcg barüber, 
„wunberbar poetifeg — bie gerrlicgfte ißeri, bie man fieg benten 
fattn. SBelcger Räuber liegt fdjott in bem öerfegiebenen Kgarafter 
igrer ©timme. $aS ©egnfücgtige ber ißeri; bann am ©cglttg bie 
SBonne, eS fantt niegt fegöner gebaegt werben, als fie es gab! SBie 
fang fie bett ©cglafcgor, eS rügrte einen bis ittS Snnerftc; aeg, 
gätteft bu, mein 9?obert, baS gören föntten! . . . Unb ber ©cgöpfer 
biefeS SSerfeS unb fo bieler gerrlicger bift bu, mein 9iobert, mein 
über alles ©eliebter, uttb wie mugt bu eS bügen, bag bu fo ^err« 
licgeS fegufeft." 

Unter ben 9Jiufi!feftgäften gatten fieg aueg brei junge ißringeffimten 
bon Sippe aus SDctmolb befuuben, fie gatten Klara aufgefuegt unb 



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1854—1856. 



379 



babei beit Sßutifd) geäußert, fie möge auf einige SBodjett nad) Set» 
tnolb tommen, um bort ber Sßrinjeffm grieberife einige ©tunbcn 
31 t geben. 3 n ber jwcitcn Suniroodjc marb biefer Sßunfdj non 
Hetmolb aug, in ber gönn einer offijielten Anfrage unb mit ber 
Sitte, iljre Sebingungcit $u ftellen, wicberljolt. Stidjt teilten 
^erjeng ging Slara barauf ein. Her ©ebaitfe an bie Trennung »on 
bett greunben Sraljmg unb goadjim, mit benett fie gcrabe in ben 
testen SBotfjeit fid) auef) mufifalifd) fo redjt eingetebt fjattc, unb bie 
unbeftimmte gurcljt oor unbefannten Serljättniffen fpradjen bagegen; 
aber ba man in Hetmolb iljre Sebingungett ttt libcralftcr SScife 
bewilligte, tjieft fie eg bodj für ifire ^ßflidjt, bag Stncrbieten niefjt 
augjufc^Iagen, unb trat am 15. 3uni, biegntal in ^Begleitung non 

grt. SBittgcnftcin bie Steife an ben £>of an. „©djlitnmer Hag 

wie wirb mir bie Trennung uott gofjamteg fdjwer. 3Bie mit ganzer 
(Seele t)änge id; an bem greunbe! wie mächtig füfjle iclj bag immer, 
wenn idj mid; »on Sfjnt trennen muff." 

Slber fie fyatte ben Schritt nidjt ju bereuen, unb wenn audj in 
ben nun folgenbcn 14 Hagen bie ©eljnfudjt nad) bem mit goadjitn 
in Hüffelborf juriicfgebliebenen greunbe nid)t fdjlummerte, fie emp* 
fanb eg bodj jcbeit Hag, bafj fie cg gut getroffen, unb baff man 
eg Ijier fdjon eine SBeile augf)alten tönne. einmütige ©egenb, be« 
tjaglidjeg SBolpien nnb ber tägliche Scrfefyr mit »ornefjmen, liebeng* 
würbigen unb für Äunftgennfj empfänglichen uttb bantbaren 
ÜJienfdjen wirtten fjarmonifdj jufammen. 

gn ber Sßrinjcffin, iljrer Sdjülcriu, fanb fie „eine ^Dilettantin, 
wie man fie unter ^ßrin^effinnen fo leidjt ttoljl nidjt finbet, unb in 
beren SJiutter, ber SJtutter beg regierenbett dürften, „eine prächtige 
grau, »oller Jfjergenggiite unb redjt mufifalifd), fo bafj idj fie wirf» 
lid) gern über SOtufif fpredjcn Ijörte." Sor allem trug bag leben» 
bige gntcreffe beg rcgicrenben gtirften für SDtufif, bag fidj fowotjl 
im täglichen Serfe^r wie in ben ntufifalifcfien Seranftaltungen 
wäfjrenb if)rer SlnWefenljeit befunbete, bagu bei, ifjr über bag an* 



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1854 — 1856 , 



fänglidj faft unerträgliche ©efüfjt bet ©ereinfamung unb beö ©er* 
laffenfeiitä Ijinwegjuhetfen. „©Jan trägt mid) inafjrtjaft auf fjiänbeu 
unb jeigt mir eine Xeilnatjme mit meinem ©efdjid, bie mich oft ju 
Tränen rührt, bcfonberä bie fjürftin ©tutter." ,,3d) fpiete täglich 
am SJacfjmittag oor, ba tommen bann bie fpcrrfdjaften $u mir", be- 
richtet baS Tagebud). Sine mufifaüfdje Soiree im Schöffe, wenige 
Sage nact) i()rer Stntunft, bei bem fie ba« Es-bur «Sondert oou 83eet« 
f)ouen fpictte, ertoecfte it)r auch einen nicht ungfinftigen ©inbrucf oon 
ben Seiftungen ber Sapette. „Tie ©efellfdjaft war Hein." Sine ( $arte 
fRiidfidjt beä dürften, toeit fie ein Äon^ert im Theater geben woüte! 
3u biefem Äonjert felbft Warb ihr mit fürftticfjcr 2Jhmifijen$ 
Xheater, ©eteudjtung unb Drdjefter jur Verfügung geftetlt. Sine 
befonbere Überrafdjung aber bereitete ifjr ber giirft baburdj, baß er 
wäfjrenb biefer 3eit Soadjim ju jweimatigem Spiet eintub unb ba- 
burd) nicht nur ©etegenheit bot ju ein paar für §örer wie StuSübenbe 
gleich genußreichen mufifatifdjeit Slbenben, fonbern oor altem auch 
Stara burd) ben ©cbanfenauätaufdj mit bem treuen greunbe eine 
große greube bereitete. Tie te^tc Stunbe (am 1. Suti) enbete auf 
beiben Seiten unter Tränen. „3dj fann woßt fagen, baß id) mit 
SBefjmut oon ©Jenfdfjen fdjeibe, bie mir mit fotcfjcr ^erjlidjfeit ent« 
gegenfommeit.“ 

Stuf ber einfamcit, fdjönen gaßrt burd) ben Teutoburger SEBatb, 
beren fdjon früher gebacht Würbe, eilten tro^bem bie ©ebanfen in 
fefjnfüdjtiger greube bem in Tüffelborf ihrer f)artenben grcunbe 
entgegen. ©lit ihm oertiefte fie fid) nach ber SRüdtehr junächft mit 
ungeheurem Suftgefüht in ba3 Sifetfdje Strrangement ber 9. St)tn* 
phonie. „Tae ttang ganj tjerrtidj", heißt eS, „bie nächften Tage 
fpietten wir fie täglich unb mit wahrer SBonne." Sin ©efudj 
SBithetm ©rimmS mit feinem Sohn Hermann in ber ^weiten 
3utiwod)e gab Stntaß ^u einem fdjönen mufifalifdjen Slbenb, an 
bem ÜBtaljmS unb Joachim „prächtige TuoS" oon §at)bn unb 
Stara mit S3rat)m8 einige 4hänbige Sltbumftüde ben gern gefchenen 



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1854 - 1866 . 



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(Säften »orfefcten. dagegen braute ein 93rief Sennp Sittb« au« 
Sm«, tro^bem e« fidj nnt ein frf)on wäßrenb ber SDtufiffefttoge »er* 
abrebete«, non ifjnen beiben gemcinfom in ©m« ju »eranftattenbe« 
ftonjert banbette, einen leifen Sötißftang burd) bie Sitte, „Ware 
©adjen s u wägten, bie fdjönbeit«tiebenbe SJienfcfjen »erfteben 
tonnten." ©a« war ein ©tief» refp. eine SBarttung, au« bem ißro« 
gramtn bie „»erfebrte Stiftung" fernju^atten, ein ©tidj, ben 
©tara fortiori um berentmitten, »on bet er au«ging, wie um beffent* 
mißen, auf ben et sielte, febmerstidj empfanb. „®ie SSelt ift bodj 
bö«wißig", fdjreibt fie im ©agebudj, „immer bereit, ßteue«, Sebeu* 
tenbe« mit güfjen ju treten!" ©er f^reunbin aber erwiberte fie, fie 
gäbe nur fotdje SWufit, bie ihrer Überjcuguitg nadj fdjön, „ bem 
<ßublifum su ©efaßen nur fotefje, bie fidj eben mit meiner Über« 
Seugung »ertrüge", wa« auch einem ©ticb nidjt gans unäf)it(id) 
febien unb in äöabrbeit auch at« Weine Sergettung cmpfimben 
werben füllte unb tonnte. 

®ie« Äonsert in ©rn« foßte ibr überhaupt noch böfe ©tunben 
bereiten. 

2tm 12. Suli war ber aßgemeine 2tufbrucb gewefen, Soadjim« 
$iet war ©irol, (Itara, bie bieämat al« 9ieifebegteiterin bie getreue 
SBertba mitnabm, unb Sratjm« ftrebten gunäc^ft Sm« s u - 3iir 
war’« sum .gerfpringen um« .fjers, at« icb an Sonn ooriiber fuhr. 
Johanne« übte wie immer aud) tj'^ feinen ©inftujj; er sog rnidj 
batb ab »on meinen traurigen ©ebanfen." ®ie 3 fl l)rt burd)« 
ßtbeintat warb febr genoffen, auch ©nt«’ matcrifdje Umgebung 
wußten fie su Würbigen, weniger aber bie Sabcgefeßfcbaft, »or ber 
Srabm« am fotgenben ©age ßteißau« nahm. (Itara, aßein inmitten 
biefe« ©reiben«, auch an ber Sittb nidjt bie freunbfdjaftlidje ©tüße 
finbenb, auf bie fie geregnet batte, füllte fidb Ijöc^ft unbehaglich- 
®a« ©djtimmfte aber war ba« ftonsert felbft, ba« bred^cnb »oß 
war, s u bem bie ©etmotber ^errfdjaften eigen« beiübergefomnteit 
waren. „Unter welchen ©efübten gab id) e«! 2Bie fühlte ich mid) 



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1854 — 1856 . 



entwürbigt »or folgern Sßublifum, baS feines meiner ©tüde begriff, 
fid) aucfj gar nidEjt bie SJiiilje nahm, fonbcrn nur immer auf bie 
Sinb »artete. SBatjrfjaftig ber gange »ergangene SBinter mit aE ben 
grojjen ©trapagen mar mir fein jolcfjeS Dpfer als biefer Slbenb, 
mo id) mid) bemütigen mujjte aus ißflidjtgefühl ... 3dj fämpfte 
fdjwer mit meinen tränen unb war nur froh, bafj feinS meiner 
Sieben gugegen war, beim Mobert wie So^anneS ^ätte baS ^erg 
geblutet, fjätten fie micfj in fo entwürbigter ©teEung gefeljen . . . 
Qu $auje Weinte idf noch »iel — l)ätte idj bocfj SohanueS bei mir 
gehabt, er Ijcitte gewifj Xroft für mid) gehabt. — Xer Überfluß 
bicfeS ÄongerteS betrug 1340 Xaler, fjinreicfjenb, meine gamilie bie 
©omntermonate Ijinburdjgubringcn unb nodj etwas gurüdgulegcn. 
Sdj fanbte gu bcn fcfjon im »origen SBinter crfparteit 500 Xalem 
nod) 500 an ?ßaut SRenbelSjohn. Mun ^abe id) bei ihm 1000 Xaler 
ftehen, baS madjt mir fyreube, wenn idj’S meinem teuren Mobert 
einmal jagen fanit. ©o ^abe id) für bicS ©rlittene bodj wcnigftenS 
ben Xroft!" 

Xiefer Xroft foEte ihr ja »erjagt bleiben, aber einen anbem 
hatte il)t baS ©djidjal in ben aE bicje miberwärtigen Sinbrüde 
wegjpiilenben, erfrijcfjenben unb erquidenben SBanbertagen im 
Ml)eintal, bei benen SkafjmS, ber nod) in SmS wicber gu ihnen ge« 
ftofjcn war, für Slara unb ihre ^Begleiterin ben gührcr unb Meije« 
marfdjaE abgab. Sn ftobleug warb ber ftoffcr nacf) Sajjel gejdjicft, 
unb „SofjanneS nafjm fein Mängel auf ben Müden, mit aE bent, 
was wir braudjten.“ Xaim begann »on ©tolgenfelS aus bie Sfufj« 
wanberung, halb auf bem rechten, halb auf bem liitfeit Ufer, fünf 
Xage lang, bei f)errlid)ftem ©ommerwetter rheinaufwärts bis gunt 
Miebcrwalb. Slber wenn audj am 20. Suli abenbs bie gufj« 
wanberung in granffurt iljr (Silbe erreichte, bie gemeinjame Meije 
ging weiter. 

Slm 23. ftanbcn fie auf ber ,§eibelberger ©djlofjruine, Sr« 
inuerungeit an bie lidjtcften ©tunben iljrcS bisherigen SebenS hatten 



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1854 - 1856 . 



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fic hierher getocft unb hielten fie feft: „21dj eS ift un6efcf)reit>tirf) 
fcfjön hier, wie muß id) fo unaufhörlid) ait Sich, mein heißgeliebter 
9Rann, mein Robert, benfen. ®ei jebem ©djritte benfc idj: hier ift 
er wohl auch oft gewanbert, als er mid) noch !anm fannte . . . 
mid) erfüllt ber Stufentfjalt f)ier mit ewigen Bonnen unb ewigem 
9Q3e^ — idj wufjte eS im »orauS, unb hoch jog’S mich mit 2Wgc< 
malt tjierfjcr, unb hoppelt mit bem liebften ber greunbe, @r, ber 
Bonne unb Beh fo gaitj mit mir ju empfinben oermag." 

„BaS man an foldjem ‘tage bnrchlebt im Snnerften, baS läfjt 
fid) eben nidjt befc^reiben“, fdjrcibt ßlar« fünf Sage fpäter, als fie 
nod) einmal einen Sag in $eibclberg auf ber Slüdrcife jugebrac^t 
Ratten. 

3n ber 3 WJ M c ^ en ä e * t waten fte in Karlsruhe unb Slara auch in 
SBabewSabeit gewcfen, um bort mit ber ißrin^effin üon ißreufjett 
wegen eines geplanten fpätem Unterrichts ihrer Softer 9tiid= 
fprache ju nehmen unb eoentuell ein ßonjert bort ju geben. Soch 
biefc fiuft war ihr fehlten »ergangen bei bem Slnblid ber oielen 
„efelhaft blafierten ©cfidjter." 21m üorlefcten Sag beS ÜRonatS 
waren bie fReifcnben wieber baheim. 

©leid) bie erften Sage brachten Unruhe unb ©rregung. ©S galt, 
bie Bohnung ju räumen, an bie fich für fie bie testen ©rinnermtgen 
ihres 3 u i ftmm enlebeitS mit IRobert fnüpften, bie iRäutne, bie ihr 
burd) ihn geweiht waren, in benen fie alles bisher genau in bem 
ßuftanbe erhalten, wie er fie oerlaffen. 2lbcr nadjbem bieS 3er« 
ftorungSwerf überftanben unb man am 6. 2tuguft in ber neuen 
Bohnung im erften ©tod beS fpaufeS Ißoftftrafje 135 eingejogen 
war, empfanb fie eS hoch felbft als einen wohltätigen Saufch; öor 
allem bie Sage mit bem ®lid ins ©rüne im Sergleidj mit bem 
büftern §aufe in einer engen Straße mit h»h en ©cbäuben auf allen 
©eiten. 23rahmS jog mit unb befatn auch »ein reijenb gemütliches 
3 immer.“ 

Urfprünglich h atte ßtora bie 21bficht gehegt, im 2(uguft noch 3 U 



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384 



1854 - 1866 . 



ißrer Grßolung rtad^ fßprmont gu geßeu unb Sraßmg unb feine 
©cßwefter bagu eiiijitfaben, bann aber biefen ißlait fallen gelaffen 
— nidßt gum wcnigften ber Soften »egen. ®a eg aber fiir fte ficß 
als unbebingt notwcnbig erwieg, tor ben neuen Strapazen beg 
Sßinterg ctwag gur Kräftigung ißrer ©efuubfjeit gu tun, fo entfcßloß 
fie ficß auf bie Kunbe, baß ißre greunbin Sioia fffrcge in ®üftem» 
brocf bei Kiel im ©eebab fei, bortßin gu geßen, um »enigftenS 
nicßt an einem frembcn Ort allein gu feilt. 

iSreilicß traf fie eg ittfofem fdjlecßt, at« fie gleich am Slbenb 
ißrer Stnfunft in Kiel — fie ßattc in Hamburg einen lag bei 
Sraßmg’ eitern geraftet — erfahren mußte, baß bie greuubiit in» 
folge ber ferneren (Jrfranfung ißres ©djwiegeroaterg auf bem 
©prunge fteßc, ißrcn für mehrere SBocßen geplanten 9lufentßalt ab* 
gubrecßen. infolge befferer 9?nd]ricßtcn entfcßloß man ficß aller* 
bingg torläufig gu bleiben, bocß braute bie anbauernbe Unficßer» 
ßeit oon tontßerein ein (Element ber Unruße in bag 3ufammen* 
leben ßinein. Slucß bag „©eebab" enttäufcßte fie gunädjft feßr, 

„bag ift wie ein Sab für Kiitber unter einem ©cßirm, ein fo Heiner 

SRaum unb fo rußig, faft feine Bewegung im SBaffer, rußiger 

alg ber SRßein." Um fo mcßr genoß fie ben eigenften unb fcßön» 
ften 9feig ber Kieler Sudjt, ben Sitdienwalb , ber bie ton weit« 
fcßattenben alten Säumen beftanbene, oberßatb beg $afeng ficß ßin* 
gießenbe, ftetg (jebenfallg bamatg nodj) öugbtide auf ben SSaffer« 
fpicgel gewäßrenbe ®üfternbroder SlUee eine ©trede SBegs big 
SeHetue in wunbcrtoller ülbwccßjlung ton Scrg unb ®al be« 
gleitet. „@g ift ßier ein fcßöner Serein ton ©ce unb Sßalb", be< 
ricßtet bag ®agebucß, „immer fießt man bie ©ee burcßblinfen .... 

3m gangen bietet bag ütfecr wenig Sntereffe, aber eg ift bod) bag 
gemütlicßfte Iänblicßfte ©eebab, bag icß fenne. Son Sabegäften 
merft man faft gar nicßtg. ©tuubenlang fann man im SBalbe 
waitbeln unb fießt feine SKenfcßenfeele. ®ag tut fo woßl, barum 
geße icß audj nacß bem Sabe immer allein in ben Sßalb." 

9Kit ßioia grcge unb bem in Selletue in- ber ©ommerfrifcße 

1 

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1854—1856. 



385 



haufenben Steife bet Seipjiger §ärtetä warb üiel unifiziert, unb 
ßtnra ergriff cor allem bie ©elegenheit, burcfj ©orfpicleit ©rahmS» 
fcfjer Sachen, bejonberS ber ©a Haben, bie g rcu nbe für iljn jit in» 
tereffieren, namentlich auch gärtet als ©crleger.* Slber fic machte 
auch fjto wiebcr bie (Erfahrung, wie fchwer baS fei. Sie h a Hc 
zwar bie greube, bah Stoiu 3reg e , bet fit bie ©atfaben gleich 
mehrmals Ijinteretnanber oorgefpielt, „zulefct ganz wann warb bafiir", 
tro^bem fie anfcheinenb früher gegen ihn eingenommen worben war: 
„?lber", fügt fie hinzu, „bei il)r, bie borfj eine poetifche 9Jatur h«t 
uub ben beften SöiHen, fich in baS Sieue hineinzuleben, fe^e icfj hoch 
wieber, wie fchwer SoljanneS’ Sachen Singawg finben fönnen. . . . 
Sioia fagt fehr fein, eS fcheine einem oft, als ob er mit ben Sternen 
fpiete. SEBohl ift eS mit 9iobertS ÜRufif ja ebenfo, fie ift ja poetifdfj, 
wie leine bariiber, aber fie ift immer weich unb wohlflingenb unb 
milb in ber Grmpfinbung, was Johannes nicht immer ift, im ©egen» 
teil ift er zuweilen ^art in feinen Slängen, unb wohl fanit ich mir 
bettlen, bah baS manchen, ber nicht mit Siebe baran geht, ab floht- 
@S geht wie mit bem SLTfenfcfien felbft, bie rauhe Slufjcufeite oerbirgt 
oft ben füfjeften Sern, ben eben nicht ein jeber gewöhnliche 9Renf<h 
finbet." 

Sie felbft war in biefen SBochen, in einem 3uftanbe ber 
©rfdjöpfung unb Überreizung, gumat ihr bie Seebäber entfliehen 
fcfjlecht belamen, oon quälenben ©efichtSfchmerjen gepeinigt, auch 
nicht immer fähig, „ben fügen Sern" gu finben, tro^bem et iljr 
wirllidj ohne rauhe Schale in ber anmutigften unb zarteften gönn 
geboten würbe, unb quälte fich unb ben Qrteunb mit allerlei 
Zweifeln unb ©orwiirfen, bie objeftio nicht begrünbet waren, uub 
bie, wenn fie fich ber üngerechtigfeit bewuht würbe, fie felbft 
mit bitterer fReue erfüllten : „(inblicf) ein lieber ©rief oon 3ol)anneS, 



* 35er Wnfaiif ber „Saüabcit" burcf) §firtet im Oftober toar rao()I bie 
SBirfung. 

Si |;in an n, Clara Sdjimmitn, 11 . 25 



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386 



1854-1866. 



fdjreibt fic am 21. Sluguft, „ber tnicf) bocfj etwai aufrichtet. Hätte 
idj nur geftcrn ihm nidjt fo »orwurfiboß getrieben!" 

<Si würbe eben aflci jur Dual: fo fjatte fie ben — aßerbingi 
I)öd)ft mtglüdlitfjen — ©ebanfett gehabt, fiel; burd) SrafjmS SRoberti 
83riefe fcfjicfen ju Taffen, aber fie malten fie nur nod) trauriger. 
„2öeld)e Hoffnungen famen mir mit ihnen, wo finb fie jefct hin!" 

9lui biefer «Stimmung Ijcrauä war ei ganj fclbftüerftänblidj unb 
fidjer auch bai befte, baf; fie, ali am 24. Sluguft grau grege nun 
Wirflid) ptö^ticfj aufbrad), fid) fdjneß entfd;Tofj, mit abjureifen unb 
bie ®üffeIborfer mit ihrer Slitlunft am 9Ibcnb bei 25. ju überrafdjen. 
„gdj Hätte midj mögen redjt auiweinen fönnen bor Sonne, baß id) 
wieber ju H nu f e War." „Sonntag, ben 26., ocrbradjten wir red)t 
in ©emiitlichfeit — goadjint erjäfjUe fo manc^ei bon feiner liroter 
Steife, unb gohamtei unb id), wir freuten uni, baß wir wieber aße 
beifammen." gm geidjen Söacßi unb Skethobcni fdjlojj ber SRonat: 
„Srat)mi fpiclt uni jejjt red)t bict bor, ßerrtid) war bor aßem SBeet« 
hoben unb Stad) — fo ßerrlidj, baß ei mir Sonne unb Sei) be» 
reitete. @i finft mir immer ganj ber SRut. @r ßat goaeßimi 
Hcinrid)i»Dubertürc für Ätabier gefegt, wir haben fie mehrmals 
gefpiett unb finb aße entlieft, wie fjerrlid) fie Hingt." 

®er September brachte mit ber SttnWefenljeit ber ißrinjeffin 
grieberife, bie für einige Sollen ben in $etmolb begonnenen 
Unterricht weiter fortfefjeit woßte, mancherlei Slitregung unb greube, 
gcrabc aud) im IjäitSlidjeit Greife burdj fteißigei SRufi^ieren*), ju» 
gleich aber wieber fdjwere Sorgeitwolfcn. 

$lm 4. September hatte Clara, unter bem ®ritd bei anbauem« 
ben quälenben Schweigens bei ftranteit, wieber an fRobert gefeßrieben 
unb ihn „um ein Sort" gebeten. „Db er mir nun einmal wieber 



* gn biefe Scptcmbertnodjcu fallen, t»ic auS bem 2agebud) Ijerborgeljt, 
jette rcgclmä&igen Ouartettabenbe, bie ftatbeef, S3raf)m3 I S. 247 f., in ben 
griibfontmer »erlegt. «Sie felbft ftubierte für fidj 83eetf)o»en3 Sonate »Lea 
adieux« unb Sriiuntannö „Fi8*molI»Sonate" „mit großer Segeifierung". 



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1854 - 1856 . 



387 



ein SBort fcfjretbt? eS finb nun 4 äJZonate, bafj idj bie festen geilen 
bon if)m felbft errett." 33a traf am 10. September ein — im 
Original nidjt mcljt borfjanbener — Sörief beS Dr. fftidjarg ein, ber 
iljr, „alle Hoffnung auf eine gängtidje ©enefung Roberts benahm." 
„SEBeldj ein ©cbattfe, 3f)n, ben ftrebfamften aller Sfünftlcr, gcifteS» 
gefdjwädjt gu fefjen, bielleidjt, ober bielmefjr gang mafjrfdjeintidj, ber 
fdjretflidjften SDZelandjolie anfjeimgegebeit — fotl idj fo ifjn wieber 
bcfijjen? unb bodj follt’ idj nidjt wünfdjen, nur ben SRenfdjen erft 
wieber gu tjaben? 9ldj, idj weifj nicfjts mefjr gu bettfen, Ijabe icfj 
bodj alles taufenb unb abertaufenbmal burdjbadjt, unb immer 
bleibt’S fdjrecflidj." 

fjaft genau ein Safjr mar ber fl offen feit bem Sage, too bas 
erfte fiebenSgeidjen be§ ftraufeit einen foldjen Subelfturm, eine 
foldje fjlut bon Hoffnungen in iljr erregt (jatte. fiangfam loar in 
ben Sßodjen unb SÖJonaten, bie bagwifdjen lagen, biefe 5 lut gurüd* 
geebbt, nur wie in weiter, weiter $ ente flimmerte eS wie ein 
matter ©lang. Se^t war audj ber im grauen DZicfjtS berfdjrounben. 
Unb aus biefem SZidjtS taufte plöfclidj etwas biel ffjurdjtbarereS, 
©raufigereS als gufunftSbilb ou f» baS iljr Hcrg mit einer wortlos 
gitternben Slngft erfüllte: Hmnfafjr» SBicbetbcreinigung, aber nidjt 
mit bem SDZenfdjen, bem fie fid) einft auf ©liicf unb Unglüd, auf 
9Zot unb Sob gu eigen gegeben, fonbern einem gremben, ben fie 
nidjt fannte! 

„Heute 15 Satyr", fdjreibt fie am 12. September, „bafj ber 
Himmel midj mit Sir, mein Robert, bereinigte! Sdj litt biel ben 
gangen Sag — tiefes Söety!" 

SZidjt leidjt tyattcn cs bie grambe, iljr in foldjen Stunbett ©lütt 
gu wiiufdjcn für ben Slnbrudj eines neuen SebettSjatyreS. Srotybent 
taten fie cS, unb ityre Ijclfenbe Straft würbe wohltätig empfunbeit. 
„SotyantteS überrafdjte midj mit einem ißriilubium unb ülrie gu feiner 
A*motl‘ Suite, bie nun ooUftänbig — fdjon im Sluguft Hatte er 
eS ifjr angcliinbigt: „Sa idj midj auSgcfdjrieben Ijabe, ja ba idj 

25 * 



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388 



1854 — 1856. 



mofjt fdEjon »eraltet Bin, fo geht’g nidjt mit bem komponieren, aber 
idj fjabe bodj mag jum ©eburtgtag ober jur SBieberfe^r S^nen ge* 
fdjrieben" — bie kinber SDtarie unb ©life fpietten mir ©djubertg 
Suo in C*bur, oortrefflidj einftubiert, mag mir eine mahre greube 
»crurfadjte, Soac^im befc^enfte mich mit Seetho»eng Sonaten für 
klaüier unb Sßiotine, unb grl. Sefcr [bie blinbe!] mit einer Arbeit 
ton ihren fpänbeu, fflriefc erhielt idj bie üftenge. karg eg fehlte 
nichtg, mag ju einer ©eburtgtaggfeier gehört, unb bod) atleg in 
3 t) nt! Stadjmittag fuhren mir jufantmen auf ben ©rafenberg ber 
kinber megen. — Sen Stbenb »erbrachten mit bei grt. Sefer in 
Süiufit! Soadjim Stobertg kontert, Sotjanneg ©djubertg G*bur* 
ißbantafie unb id) 3t ober ts Fis*mott*©onate. Sdj mar begeiftert 
mie feiten, redjt mar eg, atg ob SRobertg ©eift über mir fcfjmebe." 

„Sie übrigen Sage beg SDtonatg »ergingen fetjr gleidjmäfjig. 3 d) 
ftubierte öictcrlei 9teueg, b. h- ?Utcg, bag id) aber noch nidjt ftubiert 
hatte." 

©g maren bie Vorbereitungen jur SHMntertnmpagne. Sludj 
Vrahmg rüftete baju, „Sofjanneg ftubiert auch fteifjig 3 U feiner 
Steife", berichtet bag Sagebuch SDtitte Dftober. „3ch freue mich, 
er jmei ©ngagementg fjcd, in Sremen unb Hamburg, unb nach 
Sandig miH 3oadjint mit ihm gehen, bag mirb ihm Sljre unb 
©etb einbringen. Sch bin fo frofj bariiber." ©ie fetbft eröffnete 
bie ©aifon mit einem am 18. Oftober in ©tberfetb gegebenen kon* 
jert, in bem fie u. a. mit Soadjint bie A*bur*@onate (0p. 47) »on 
Veetljooen fpiette unb in ber ÜDtathilbe §artmann, „Sieber »on Glara 
©chumann, Sohanneg Vrafjmg unb Stöbert ©<humann" fang. Slm 
27. erfolgte ber eigentliche Stufbrudj, junädjft — nach fdjmerem 
Slbfdjicb »on Vrafjmg in .pannoöer — 51 t einem konjert in ©öttingen, 
beffen Programm mie eigeng für ben Ort — h*e* lebte getij 
SDtenbctgfohng ©chmefter, grau Sirichtet — unb ben 3 e 'tP ll 'ift 
abgeftimmt erfcfjien. Stlteg unb ncueg, Vergangenheit unb gutunft, 
greunbfehaft unb Siebe Hingt mmtberbar jufammen. 3mifchcn ber 



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1854 - 1856 . 



389 



Hpaffionata unb bcn ftjntp^onifc^en Stuben bon Sdjumamt einge» 
fdjloffen: 3n>ei Sieber bon HKenbelöfofjn, ©abotte für ©iauoforte 
oon ©rafjm?, Notturno unb Smpromptu bon Sljopin. .gtvei ©“l* 
laben oon Schumann. Unb ben ©efd)lufj matten jwei Sieber bon 
ganng tpenfel, jtoei Sieber ofpte ©Sorte bon 2Hettbel?fof)n unb ba? 
9?onbo bon 2Bebcr. 

Sn ©erlitt, luo fie bie?tnal bei ber ÜJlutter toofjnte, darrte ifjrer 
wieber bie gewohnte Unruhe unb „bie taufenberlci fleinen Üonjert* 
beforgungeit, bie mir aud) niemanb abneljmen fann, baju bod) 
immer üben, probieren, fonftige Storrefponbenj, mit Sofjanne? nament» 
üdj, toa? mir aber fo ©ebürfni?, meiner Seele allein Anregung 
unb SJfut gibt ! ©ei allem ©Sibertoärtigen ©cfudjc madjett, empfangen, 
©efetlfdjaften befudjen, ad) unb getrennt bon meinen Siebfteit allen, 
bon iljm, bem tenerften, unb nun fdjon feit 2)?onaten fein SiebeStoort, 
— roa? foll ba wof)l mein fperj ftärfen, erweitern, toenit idj nidjt 
mmer ntidj freuen bürfte auf ruljige Stunben, too idj Solenne? 
fdjreiben fann, gan^ allein 3l)tn meine? .'perlen? fiümmentiffe unb 
Hoffnungen mitteilen, all mein ®enfett unb güfjleu ifjnt bertrauen 
unb micberunt feine ©riefe empfinge, bie mir eiujig unb allein gmibe 
unb 2roft getuäljrett." 

Slber bie? Seben botl Sftülie unb Slrbeit toar bod) aud), um 
ba? Sibelmort einmal umjufefjren, föftlid). 

©leid) ba? erfte Sonjert am 3. Slobember, micber mit Soadjim 
jufantmen unb mit Unterftübung be? Drcfjefterbcrein? unter Suliu? 
Stent, gab einen bofleit unb guten illang für Äünftler uttb ©ublifum. 
©Sieber gab e? ben ®reiflang ©ad)*©cetl)oben»Sd)umann. ®er 
jiingfte — ben „Sebenben" burftc man itjn ja faunt nod) nennen — 
eröffucte ben ©benb: ®ie 3Äanfreb*Dubertüre ; ba? Sondert in A«moll 
bon Slara gefpielt, folgte. ®ann ©ad) mit ber G<bunSonate für 
©ioline. ®en Sefdjlujj machte ©eetl)oben mit ben ©ariationen 
(Cbrnofl) für ißianoforte, bon ßlara jum erftemnat öffenttid) gefpielt, 
unb ba? ©iolinfott^ert bon 3oad)im? ©eige gefungen. 



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390 



1854-1856, 



„SSic fdjött muff ba§ gemefett fein", fcffrieb ©raffmS, „mir gelft’S 
gang gewijj nicfft fo gut als Spieler, Sie foßen fefjen, idf falle 
burdf!" Cr Ijatte fic^ in ber testen Dftoberwodfe ttaeff Hamburg 
aufgemadft, fajj nun lieber im Clternljaufe unb füllte bie SJhtfje 
bamit auS, Don Clara gu er^äfjlen unb fiel) erhielt gu laffen — 
„SBieoiel f;ab i d) ÜDtuttcm unb fie mir non Sfjncn ergäfflt. Sie 
beiben [ÜJJutter unb ©dfwefter] lieben ©ie aber! SDiuttern fteffen 
immer bie Sräneit in ben §lttgett (28. Cft.)" — unb wartete im übrigen 
ber Singe, bie ba fommeit füllten. Unb fie famen für ifjn unb 
bie greunbe gieitilid) überrafdjenb in ©eftalt einer genteinfamen 
Äongertreife naeff Sangig. 3wei Sage nadf jenem ©erliner Äongert, 
am 5. SRooetnber, erhielt Clara aus Sangig oon .fpeinrid) ©effrenb 
bie $luffotbcrung, mit ©ralfmS unb Sfoadfim bort gwei Äongerte gu 
geben. ,,3<f) ffattc nur SoffanneS unb 3oacf)im oorgcfdflagen", fdfreibt 
Clara im Xagebudj, „boefj wollen ©ie uns alle brei, icfj entfdjloff 
midf bagu, wir brei, bie wir fo redft eigeutlid) als Äiinftler 
gufammeitgclfören, baS madjt mir bod) greube, baff wir audf öffent* 
lief) einmal oereint gufammen mufigieren." 2lm 8. SZooember traf 
SralpnS in ©erlitt ein, fjörte am 11. 9?ooember baS gweite Äongert 
ber greunbe — wieber im gcidfcit ©ad)*©eetf)OOen«©dfumann — 
mit an unb machte fid; am 12. mit ifjnen ttacfj Sattgig auf ben 
SBeg. Sltn 14. unb 16. 9?ooember fattben bort im großen ©aale 
beS ©djii^ettljaufe» biefe ©oireett, „gegeben oon Clara ©dfumann 
mit beit ^errett Sofepf) 3oad)im unb SolfattneS ©raffmS" ftatt. * 
Cinen Surdffall gab’S gwar nidjt für ben Sritten im ©unbe, aber 
offne allerlei UJöte unb gwifdjettfälle ging’S audf nidjt ab, unb 
Clara fdfwebte infolgebeffen oorffer unb gwifdfenburdj itt $ngften, 
weniger um fid) , als eben um 3of)aiineS. „SoljamteS unb id) 
ftanben biel Dual aus mit bem ©tödlfarbt, unb idf noeff bie Slngft 
um SoffanneS." ©S ging aber bod) fo weit alles nodj gut offne 



* $ie näljcm Angaben über bie Programme bet fintbet? a. a. 0. I, S. 262. 



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1854-1856. 



391 



ernftlidjen Unfall ab; bagegen tjatte am gweiten Slbenb, wo ba« 
ißublifum — ber ©runb, warum, wirb nicht angegeben — „etwa« 
oerftimmt" war, „gohanne« mit einem gnftrument non einem §iefigen 
große Fatalität, mußte mitten im Spiel aufhören uttb auf bem 
©tödfjarbt fortfahren. 9Jtir ging’« feljr nahe unb ßat mir eigentlich 
biefe gange Steife ocrgäHt." Stud) eine Soiree am folgenben Slbcnb 
bei Heinrich ©eßrcnb, „bie fefjr animiert war", unb bei ber ©rahm« 
„wuitberfchön, innig unb gart ffieethoüen« E--bur«Sonate fpiette", 
fcfjeint bie leifett Xifjonangen nicht gang aufgetüft gu haben. Um fo 
fcfjwercr war tag« barauf in ©ertin ber Slbfdjieb, guinat ja fiir ©roßm« 
bie entfeßeibenben Äongerttage in ©remen unb Hamburg unmittelbar 
beöorftanben — er fuhr bireft nach ©reinen — unb biefer Anfang 
nicht gcrabe fefjr erinutigenb war. 9lm 20. fanb bie „britte unb 
leßtc" Soiree oon Slara Schumann, unb gofepß Soacßim ftatt, bei 
ber gur ?lbwechflung einmal goadjim« oergeffene ©rille, bie ben 
Slnfang be« Äongert« um eine halbe Stunbe oergögerte, einen 
STugenblicf für bie Stimmung bc« ißublifum« oerhängni«t)oIl gu 
werben broljte, aber eine „©erftimmung" glüdlich burdj bie ocr* 
einten Äräfte oon SDtogart (Sonate in A*bur für Älaüier unb ©io» 
line), ©ach (Slbagio unb guge für ©ioline), Schumann („gagblieb" 
au« ben „Salbfgenen", Schlummerlieb au« ben „Sllbumblättern") 
unb ©eetljooen (Sonate (les adieux, l’absence et le retour) für 
Älaüier unb bie Äreußerfonate) au« bem gelbe gefdjlagen würbe. 

Slm felben Slbenb beftanb ©rahm« in ©remen bie geuerprobe, 
unb am 22. melbete ein fröhlicher ©rief: „G8 ging alle« gut 
geftern, ich meine natürlich nur infofern, al« ich m ' r jefet bodj be* 
beutenbe Hoffnung machen fantt, einmal wirflicß gut unb fidler 
oorfpielen gu fönneit .... geh finbe e« gar nicht fo ftfjwer, mit 
Drtfjcfter gu fpielen, aber eine wahre Sonne ift’«." „Sie froh bin 
ich barüber", fdjrcibt Slara im Xagebuch- Sie felbft war feßon 
wieber in eignen Äongertforgen unb babei auch toicber gugteich 
in Sorgen um einen greunb, bie«mal um goadjim, beffen .fjeinrief)«« 



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392, 



1854—1856. 



Dubertüre in bem eierten Sionjert bcS ©ternfeßen DrcßefterbereinS 
am 22. SZobcmber jugleicß mit bem E8*bur«Äonjert (9fr. 5, Dp. 73) 
bon ©cetßooen — bon Slara gcfpielt — , ber ©iolitipßantafie bon 
©cßumann unb bem „Srautjug, ©ntreact unb ©rautlieb auS Soßen* 
grin bott SBagner" gut $luffüßrung gelangte, bom ißublifum aber 
„leiber gar nießt »erftanben mürbe." dagegen „fpieltc er ©ober iS 
^ßJ)antafie jo ßerrlicß, baß er jurn größten SntßuftaSmuS ßinriß. 
5D?ir gelang baSfelbe mit ©eetßobenS Es=bur=$ouäcrt." 

5lud; ©raßmS fonnte brei Sage barauf aus Hamburg gute» 
melbcn: „Scß ^atte bebcutcnben ©cifall, fiir Hamburg ganj entfju« 
fiaftifeßen. 3dj l)abe gan^ mit aßet ©cfonnenßcit feurig gefpielt. 
©3 ging fd;ort ungleid; beffer als in ©reinen." 

©o fdjloß alles in allem biefer arbeitsreiche fDfrnat boeß hör« 
monifd) unb für alle brei Zünftler ßoffnungSbotl ab, menit auch 
jebent bon ißnen bie ©orge, jebem in anbrer ©eftalt, auf bem guß 
folgte. SBnßrcnb bie nmfifalifc^cn Streife ©erlinS fieß eifrig mit 
ber grage befdjäftigten, mie fiifet am miirbigften ju empfangen fei, 
©tern baju ein großes Sonjert borbereitete, unb „$anS bon ©üloro 
alle Seinen fpringeit ließ", fußren am 27. Dc'obcmbcr bie beiben 
Äon^ertgcnoffen ftill itad) ficipjig, mo fie am 3. Scjembcr noch 
jufammen ein Äonjert gaben, baS Icßte in biefem Saßr, ©ach (&bagio 
unb guge für ©ioline allein, CSfjromotifdjc ißßantafie für baS Slabier), 
§at)bn (©onate G-bur für Silabier uttb ©ioline), üDio^art (©onatc 
A-bur für Slabier unb ©ioline), ©eethoben (©onate G-bur, Dp. 96 
für Sflabier unb ©ioline) unb ©cßumann (@t;inpl)onifd^c Stuben 
Dp. 13). 3mci Sage barauf reifte Soadjiin; in feßr ernfter ©tim« 
ntung trennten fie fieß, ßatte er boeß Slara gerabc in biefen leßten 
hagelt jnnt erftentnal unmittelbar an innerften ©orgen teilneßmcn 
taffen unb baburdj ißre lebßaftefte Seilnaßtne erregt, ©ie felbft 
blieb noeß ' n ^cipjig guriidf, um am 6. Segember im ©cmanbßauS» 
fonjevt unb am 8. im Duartettabenb im ©emanbßauS rnitgumirfeit. 
Sn erfterm cntjücfte fie bie jmeite ©tpnpßonic ißreS äRantieS, bie 



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1854 — 1856 . 



393 



9tiefc „fjerrticf)" einftubicrt hatte, fie fetber fpielte baä G-bur«$onzcrt» 
ftüd (3>ntrobuftion uitb Slllegro apaffionato 0p. 92), ba$ ißr „itad) 
langer Ißaufe tote! greube macfjte“, außerbent mit entf)u|iaftifcf;em 
Csrfofg ba§ Es-bur«$onzert bon Seethoben. 2(n bem Quartettabcnb 
aber, ber u. a. Sdfjumannä Quintett braute, magte fie baä SBage» 
ftücf, bem Äopffcfjüttcln ber SBefucfjer junt Sro^, bem ißublifunt 
bie große Sonate für ba£ §ammcr!labier bon Seethoben (B-bur, 
0p. 106) »orjufüßten, ititb hatte bie greubc, fogar hierfür @nt« 
fjuftaSntuS jU mcden. Somit mar eigentlich bie Äonjertfaßrt bie je» 
SaßreS becnbet, beim ein 3lbftedjer nacf) 9J?cd(enbitrg, mo fie in 
üRoftod ein etma$ flcinftäbtijdjeS unb für 6Iara§ SDiufif mcitig Ser« 
ftänbniS bcJuubetibeS, fdjließlidj aber bocfj für Schumanns D-motl» 
Spinphonie empfängliches ißublifutn fettneit lernte unb in Schmerin 
in einer Soiree bei fiofe — Seranlaffung bajit mar eine (Smpfef)imtg 
beS giirften 9ieitß — ungemütßchfte Ginbriicfe empfing, tonnte meber 
fünftterifdj noch petnniär, mit beit übrigen berglidjen, in Setradjt 
Jommen. 

Subtich, gerabe 8 Sage bor SBeihnadjten, langte fie roiebcr in 
Siiffelborf an, gleichzeitig mit SrafjmS, uitb eben noch rechtzeitig, 
um bie Sorbereitungen für ba§ fyeft ju treffen, Steinen beffern 
Reifer hätte fte fidj babei miinfchen lönnen, als gerabe ihn mit ber 
finblidjeit gäfjigfeit, fyreube unb tmr allem Sorfreube z« genießen, 
bie ja, unb nießt nur bei SSeihnadjtcn, baS fdjönfte ift. Sarin foiinte 
er fogar als ein raffinierter ©onrinanb gelten, mar er bod; f dient 
Slnfang 9?obember abenbs in Hamburg bor ben erleuchteten Sdjau« 
fenftem herumgeftridjen auf ber Sudjc nach allerlei hübfehent Spiel« 
Zeug für tlcine unb große Stinber, unter bcneit er felbft baS größte 
mar. Schon 3lnfang Diooember halle er Glara getrieben: „3<h 
taufe fdjon, fo lange id) hier bin, an einem fiaben oft borbei, mo 
icß munberfdjöne Solbaten entbedt hatte, ©eftern ging ich hinein 
mit bem Sorfafc, einen Sßurzelntann für ffctij z u taufen unb fie 
nebenbei z» befefjen. 3d) fanb einen prächtigen Stert, ber Sie auch 



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894 



18Ö4-1856. 



amüfieren wirb, unb ging mit einem Jf?erjen ooll ©eßnfucßt fort. 
3cß „anbetracßtete" wiebcr nnb fanb, baß icß ßöcßftenS nodß 
etwas um beit ßeißen Srei ßerumgeßen fönnte, gegeffen mußt 
er fein. 3 cß ßabe bie allerfcßönfte Sdjlacßt jeßt, wie icß fie nodj 
nicßt faß, fo fdjön, unb einen fteinen Sturm babci! Scß bin ganj 
gliitflicß barüber. 3 U SEBeißnacßten in ®üffelborf will icß alle meine 
Knippen fo fcßön auffteHen, baß Sie Sßre fjreube baran ßaben 
füllen!" 

2)ieS Silb unb bieje Stimmung muß man Dor Stugen ßaben, 
um fidj Dorjuftetlen, weldj ein SBeißnacßtSfeierglanj ins .ßimmer fiel, 
wenn fflraßmS jur SBeißnacßtSjeit in bie ©cßumannfcße Sinber» 
ftube trat, trojjbent er nicßt eigentlich baS war, was man gewöhn* 
lieh linberlieb nennt. SebenfaUS braute er für bie Mutter baS 
Sefte mit, waS fie an biefem traurigen SBeißnacßtSabenb braud;te. 
9?ach ©nbenidf gingen bie Silber Don SraßntS unb Soacßim. „SS3ie 
hoffte icß boeß oor einem Saßr auf SBiebcrDereinigung in biefem! 
ach, nun fteßt’S trauriger als bantalS, benn bamals erhielt icß 
wenigftenS Sriefe Don meinem ©eliebten!" Stile Sinber außer 
Sulie, bie noeß bei ber ©roßmuttcr in ©erlin weilte, waren bei ißr, 
alle, namentlich bie beiben älteften, ßatten fieß in biefem Saßt ju 
ißrer greube cntwidelt. Son greunbfdjaft unb Siebe fühlte fie fieß 
umgeben, „aber traurig war icß bodj." 

Unb ju allebem ftanb wiebcr eine lange fdjwere Trennung Dor 
ber Xür. SBieber würbe ber Soffer gepadt, wieber Stbfdjieb ge* 
nomnten; nicht einmal baS alte Saßt warb im ßäuSlicßen Steife 
befcßloffen; als bie ©iloeftergloden baS neue Saßr einläuteten, faß 
fie bereits, fern Don ber fpeimat, auf ber Steife naeß Bien, in einem 
unbeßagtidjen |»ote4immer in ißrag, „fdjreibenb an SoßanneS unb 
tiefinnig Stoberts unb feiner gebenlenb! Slcß, was wirb uns woßt 
baS näcßfte Saßr bringen 

Sdß feßlief unter tränen ein, um feßr halb wieber 31 t waeßen 
unb bis jum Morgen trüben ©ebanfeit nacßßängenb." 



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1864-1866. 



395 



3um brittenmal fam ftc itacß SBien, bag troß ber bittcrn uub 
Derleßenbeit ©rfaßrungen beg testen Slufentßalteg Dor 9 fahren, 
für fte tute für Stöbert, bodj immer eine geßeimnigootle, faft beimo* 
nifeße 2lnjießunggfraft beßaltcn fjatte, uub bag, »nie man fief» er« 
innem mirb, noeß unmittelbar nor bem 2tugbrucß ber Stranftjcit 
Don ißnen beiben • ernftließ alg fünftiger SSoßnort ing 2lugc gefaßt 
toorben mar. Sie liebten eg eben beibe, »nie man ein Der* 
gogeneg Äinb liebt, bem man, aueß tuenn eg launifcß unb unartig 
ift, nießt lange böfe fein fatut, weil eg bafür bei guter Saune fo 
ßinreißenb liebcugloürbig ift, baß man ifjin gut fein muß unb ißnt 
zuliebe uub mit ißm lacßen unb feßerjen muß, auefj wenn einem 
eigentlich felber gar nießt banaeß ju Sinne ift. 

25ag erfußr aueß Clara biegmal. Scßmeren .§eqeng, eine Dom 
Unglüef gefeßlagene, fam fie unb ßatte meßr Dielleicßt noeß alg in 
früßern Saßren Diel ju übertoinbeit an ber forglog nafcßenbeit 

2lrt, bag Scben ju neßrnen unb nur bie greube unb bie gäßig* 

feit, ffreube ju genießen, alg cigentlicßcn 3nßalt beg ®afeing att 

juerfennen. So üerleßte eg fie tief, alg bie Don ißr alg SDtenfcß 

tuie alg Äünftlerin fo Dereßrte unb geliebte Sutie Stetticß gutmütig, 
gebanfeutog, in bem S3eftreben, fie aug ißren trüben ©ebanfen ju 
reißen, ißr erflärte, fie begriffe nießt, baß eg ißr fo feßmer toerbe, 
öffentlicß jeßt aufautreten. „Cg fei boeß ein fo fcßöneg ©efiißt, 
SBeifaH §u ernten." 

Slber cbenfo erfußr fie aueß, baß greube unb Scßönßeit £»anb 
in §anb geßen, unb baß ber freubige SDJenfcß aueß feinere, emp* 
finblicßere Organe für bie Hufnaßme beg Scßönen befißt unb 
nießt nur meßr geneigt, fonberit aueß meßr befäßigt ift, bag Scßöite, 
bag ißm geboten toirb, in einer auf ben Urßeber belebenb jurücf« 
mirfenbett SBeife in einer fpontanen Stefonait^ wieberjugeben. 
$)iefe Suft unb biefe gäßigfeit mären ja freiließ aueß Dorßanbett 
getuefen Dor 9 3aßren, aber fie ßatten bamalg ber Sunft gegenüber, 
bie Siobcrt unb Clara Sdßuntann oerförperten, naßeju Döllig Der« 



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396 



1854-1856. 



fagt, Weil bie Stagnation bcS geiftigcn SebenS, bie bem gangen 
öormärglicßen öfterreicß baS ©epräge gab, barnalS auf mufifatifdjem 
©cbiet öiellcicßt ißren 4?ößepuuft erreicht ßatte. Sn ber gwifcßen» 
geit war aber bie große SBanblung üor ficß gegangen, unb bem 
©erftciubniS für ©eetßooen toar baS ©erftäubnis für bie SRomantif, 
an erfter Stelle ScßuntattnS, auf bem guße gefolgt. ®ie SESieiter 
Ratten entbecft, baß biefer ißnen anfangs fdjcinbar fo fernfteßenbe 
tterfdjf offene unb fcßwerftüffige SRenftf) in feinem mufifalifcßen 
Smpfinben über gewiffe iRcgiftcr üerfüge, bie ißrcr angeborenen 
ßeimticßen greube an pßantaftiftßer Traumwelt, an jenen ©cmütS» 
reguugeit, bie wie mit weidjen ©eifterßänbett über bie Saiten ber 
Seele ftreicßen unb fie in tnftootter Schwermut erfcßauent taffen, in 
einer Äraft unb .ßartßeit entgcgenfamett unb mit ißnen forrefpon» 
bierten, als fjabe er aus ißrern eignen Tunern bie Sötte empfangen. 
Unb beSßalb erfolgte nun aud; bie ©efonang t>on ißrer Seite mit 
einer beraufdjeubeit Sebßaftigfeit unb Snnigfeit, bie etwas Steinen» 
tareS ßatte. 

Sit fünf eignen Äongerten, bie fie im Saufe beS Sanuar unb 
gebruar gab, tjatte fie ©clegetißeit, ftaunenb unb freubig bicfen 
Umfcßwung ber Stimmung gu ertebeit unb waßre Stürme entßu» 
fiaftifc^er ©cgeifterung über ficß ßcrftuten gu fügten, ©leidj im 
erften — am 7. Januar — , 8 Sage nad) ißrer Stnfunft, warb fte 
15 mal gerufen. Unb biefer ©eifall unb bementfpredjenb ber 93e« 
fud) fteigerte ficß in ben fotgenbeit Äongerten, fo baß, als fie im 
SRärg, tiott ißeft guriidfeßreitb, itorf) einmal bureß SSieti fam, ttoeß 
ein ÜtbfcßiebSfongert tieranftaltet werben mußte, um all ben 
greuuben ißrer Äunftübung unb ißrer Äunftridjtuug noeß einmal 
©elcgenßeit gu geben, fie gu ßören unb ißr gu banfen. 

©or neun Satiren ßatte man fie als ©irtuofiit refpeftiert, als 
©ertreterin eines fünftlerifcfjen Programms aber, wenn nießt gerabe« 
gu abgeleßnt, fo boeß als quantite negligeable betraeßtet. Sefet 
Wat es feßwer gu unterfdjeiben, wem fidj baS größere Sntercffe 



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1854-18Ö6. 



397 



juwanbte, ber 5trt ober bem Sufjatt ifjreä Spielet, wa3 met)r 30 g, 
Robert ©djumannfdjc SRufif, üott (Stara ©djumann gefpiett, ober 
(Stara ©djumaim atö 3 nterpretin Robert ©tfjumannfdjer SDtufif. 
3 m britten ft o liiert — am 20 . Januar — in bem fie mit 3 - §ellmeö* 
berger imb Sor^aga baä erfte ürio Roberts fpiette, mußte baS 
©djer^o wiebertjott werben! 2 ln biefern Stbenb fpiette fie übrigens 
audj jum erftenmat fflratjmä in SBicit: „Sarabatibe ltnb ©abotte".* 
®a§ oicrte ftonjert brachte u. a. — aufjer ber Seetf)o»enfdjen 
Sonate Dp. 106! — 311 m erftenmat „unter grofjem SntljufiaSmuS“ 
ben ftarnaöat, ber benn audj im Slbfdjicbsfonjert wiebertjott werben 
mujjte. Sn lefjterm tonnte fie es( fid) nidjt öerfagen, ferne Ser* 
gangenfjeit uitb tebenbigfte ©egenwart miteinanber ju öerfdjtingen: 
fie fpiette oon 3 otjanneS SrafjmS „Än baute (nndj einem attbeutfdjen 
äRinneliebe) unb ©djer^o aus ber C*bur»@onate“ unb gab jutn 
Sdjtufj atS $ugabe ^cnfettS „SBcnn idj ein Sögteiit war": „(Sr* 
innernng aus alter ßeit (1836)!" — 

3 m übrigen erlieft if)r Repertoire, twn ©djumann abgefef;en — 
ooit bem aufjerbem bas Quintett, bie ftjmpljonijdjen Stuben (Dp. 13), 
bie Sattaben „©djött §ebwig", „®er §cibefitabe" (gefprodjen oon 
SJtarie ©eebad)) unb Heinere ©adjett, wie ftaiton H*mott aus ben 
©tubien für ben Sßebatffüget, „®e§ StbenbS" unb „SEraumeSwirren" 
au§ Dp. 12 , „Sagbtieb" aus? ben „SBatbfjenen", ©djlummerlieb 
auS Dp. 121 , gefpiett würben — feinen Gfjaratter burd) Seettjooen — 
A«bur*©onate, Dp. 101, D*moII*©onate, Dp. 31, Sariationen in C*mott, 



* $ic ©aootte Ijatte fie juerft in ©öttingen (f. oben S. 388) gefpiett unb 
baburcf) Srafintä felbft überrafcf)t. „$a& Sie meine ©aootte gefpiett tjaben!" 
fc^rcibt et ant 1. 9toö. 1856, „toie umnberte idj mid). $od) glaube idj 
bie öorljerget)enbe Sarabanbe roirb gut tun; eS ntadjt bann erft lebhaftem 
Ginbrutf. ISS ift toie mit Sonatenfäjjcn, bie auctj einzeln nie bie 2Birfuttg 
mailen, wie im 3ufammenf)ang." So fjatte et benn aud) fetbft in 2)anjig bie 
©aootte mit bet Sarabatibc jufammcngefpielt, unb feinem (öetjpicl folgte feitbem 
Clara. 



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398 



1864— 1856. 



B«bur>Sonate 0p. 106, Es«bur*$?onjcrt, Sonate (les adieux), — 
ba$wifchen gelegentlich SKenbelSfohn, Gljopin, SBcber. 

SBie fefjr übrigens aud) fonft bie Äunft, bie fie liebte unb für bie 
fie lebte, in SBien an Soben unb SerftänbniS gewonnen, baS geigten 
ihr nicht nur bie wunberoolle SÖBiebergabe beS F«bur*£liiartettS Don 
Schumann burch baS |iellmeSbergerfd)e Guartett — „nie hörte icfi 
eS fo fdjön" — foitbern auch gelegentliche intime mufifalifche 
Schiebungen; fo als fie bei Streicher, in beffcn .fpaitfe fie täglich, 
nicht nur um ju fpielen, fonbem als gern fontmenber unb gern 
gefehener gatniliengaft aus unb ein ging, eines lageS für einen 
fteinen fi'reiS Roberts Fis -moll ^Sonate, bie B A C H = gugen, 
bie Sfijjen für ben ißebalflügel unb einige ÄauonS Dorfpiclte. 
„Soldje Stimmungen heiligen gcuerS finb hoch bie glücHidjftcn — 
ba »ergibt man fid) unb alles um fidj, man lebt unb webt nur in 
Ionen." 

laß aber auch Don bem alten mufifalifchen SBiener Schlcnbrian 
noch manches übrig geblieben, muhte fie freilich ebenfalls gelegentlich, 
wenn gleich nicht fo unmittelbar peinlich wie bei ber lefcten Sin* 
wefenheit, erfahren; fo war fie förmlich entfett, wie man anlählich 
beS SDio^artf efteS bie Slnfgabe, SDiojart ju feiern, fahte. „9?id)tS 
ging gut", fchreibt fie über ben ^weiten lag. „Sautcr Sruchftücfe, 
finale aus bem „lott Suan" faft ganj umgeworfen . . . eS war 
ein Jammer, für SDfojart in SBien ein fo Id) uitwürbigeS ff-eft!" 

SbcnbiefeS geft toarb auch bie Seraitlaffung ju einer neuen 
Segegnung mit fiifjt unb ju einer Heilten bübfd)en Sjene jwifdjen 
bcibeit, bie djarafteriftifd) ben unüberbrüdbarett ©egcnfah jWifdjen bem 
mit ben SJienfchen überlegen fpielenben mufifalifchen SBeltmanit unb 
ber in Sadjen ber Sunft nicht ben leifeftcn Späh Derftehenben 
Äünftlerin üeraufdjaulidjt. 

SS war in einer „furchtbaren" Soiree bei fiifetS ungarifdjer 
greunbiu, ber ©räfin Sanft), „Keine 3 immer, mit ÜDtcnfrfjeit oollge* 
pfropft, eine ,£>if}e jum Srftidcn . . . fädjelitbe, Dor $ifce faft hiu* 



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1864 - 1856 . 



399 



jcfjnte^enbe ©amen mit ungeheuren SReifröcfen unb $aartoupeen, 
baß bie Stopfe nod) einmal fo groß, al« fie ber liebe Oott ge. 
fd^offen, crfdiicnen. . . . ©a« mar ba« SBilb eines Salon«, unb ba 
mußte ich fpielen. Sch hätte meinen mögen um meine frönen 
Stüde, mo ein jebeS ju gut mar für foldje ©cfetlfcfjaft. fiifjt 
fpielte ben ©oritehmen . ... Sr fagte jn mir, al« ich Wagte, bah 
meine Stüde gar nicht hierher paßten: „ja, marurn ipielcn Sic nicht 
fo ein paar fchlcdjte Stüde Dort ßifet, bie mären hier am Ißlajje!" 
ich ermiberte ihm ruhig: „Sie h Q &eit recht, boch ba« !ann iih 
nicht." 

®on ber eigentlichen SBiencr ©efelligfcit falj fie fonft oerfjältitis* 
mäßig menig. „2Bic fehlest paßte ich baljin", fdjreibt fie gelegent- 
lich einer Soiree bei ber giirftin Schömburg, „mit meinem Jperjen 
ooll Stummer« unb Sehnen«." ©agegen pflegte fie gern ben gentüt» 
liehen bürgerlichen ©erfeßr mit alten unb neuen greunben, um fo 
mehr, ba e« ißr in ihrer eignen SBoßnung, bei SBermanbten ihrer 
greunbin Gntilie fiift, fdjredlidj unbehaglich mar; „fie haben offene 
Salon«, fißen auf Samtmöbeln, aber fein geuer im Dfen unb 
fdjlafen in Söcherit", flogt fie. ©or allem mar e« ba« Dtettidjfdje 
hau«, ju bem c« fie immer mieber hiusog, unb in betn fie aud; 
am «heften bie fieute anjutreffen ficher mar, bie fie intereffierten. 
hier faß fie mit ©rillparjer an einem ©ijd) unb fanb fid) bei bem 
„lieben einfachen SJiann" recht behaglich, mäßrenb ^cbbelS ftarre 
Slüßle auf fie gerabeju lähmenb mirfte, „mir ift, al« ob mir jebe« 
SSort auf ber ßuugc erftürbc, memt er mir gegenüber fi^t." ©effer 
gefiel ißr bie grau. 

greilid) fonnte fie gelegentlich ein Säbeln nidjt unterbriiden, über 
bie feltfam befchcibcnen Slnfpritcße, bie ooit biefem Strei« bebeuten» 
ber Süfenfdjeit an ben geiftigen ©cfjalt eine« foldjen ßufammenfein« 
geftellt mürben. Sin ©eifpiel! SJJan gab bantal« ßaube« „Sffej" jum 
erftenmal, unb fie mar oor allem oou bem Spiel ber SRettid) al« 
Elifabetl) unb ber SDZarie Seebach al« Dtutlanb erfchüttert unb eut* 



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400 



1854 — 1856. 



giitft. $agS barauf feiert fie §errn SRetticfjS ©eburtötag mit im 
engen greunbeSfreife, unb man fpiclt ©lode uitb Jammer bi« Vjl U^r! 
„3cf) mußte unwitlfürlid) immer an bie Königin ©lifabetb benlen, 
bie nun I)icr gang paffioniert beim ©lode« unb §ammcrfpiel faß; 
£>alm mar auch babei unb itoc^ mehrere angenehme Seute, man 
tonnte fic aber alle nidjt genießen, weit baS Spiel mit wirtlich 
!omifd)er Stnbadjt betrieben würbe." 3mmerf)in War ifjr biefe 
£>armlofigfeit lieber als baS geiftreicßelnbe SBejen, wie eS fid) wotjl 
im Zünftler* unb Siteratengirtel breitmadjte, ben Saube um fid) »er* 
fammelte. Stamentlid) ©ettp ißaoli jagte ißt einen watjren 
Sdjauber ein burd) ben ©ortrag eines „wahrhaft wiberlidjen" ®e= 
bidjteS: „3ch füßle mich fdjredlidj in foldjer ©efellfc^aft, wo man 
jebem bie 2lbfid)t, geiftreieß gu fein, anmerft, icß atme bann orbentlidj 
frifd) auf, wenn icfj h'naustomme." 9SieI Jreubc matzte ißr bie 
©efaHntfcßaft mit ber jungen SDtarie Seebad), bie in ißren Sonderten 
bie ©d)umann)djen ©atlaben ergreifenb fpradj unb fie als Sättjrfjen 
oon ^eilbrontt tief erfdjiitterte. „Sd) Ijabe oiel geweint, i(ß war fo 
entgüdt wie feiten. Sange gitterten mir noch alle ©lieber, als idj 
feßon im ©ette lag", fcfjreibt fie nad) ber ©orftellung im Sagebud). 
2lud) ein anbrer, bantals noch junger, @mil $ufj, gefiel ibr gut, 
fie lernte ibn burdb feine ©raut ?tbele gerrari leitnen, bie in ihrem 
lebten Kongert (am 2. ÜDiiirg) gitm erftenmal auftrat. 

®ie güfjlung mit ben eigentlichen ©tufitern aber war unb blieb 
giemlicb locfer. gifdjßof warb aufgefueßt, aber fie empfanb bieS* 
mal feine Sitelfeit ftärfer als feine fiiebenSwiirbigfeit. dagegen fanb 
fie oiel freunbfcbaftlicbe, wenn aueß guweileu bureb ihr Übermaß 
iiberwältigenbe Ipilfe oon 5larl Sebrois oon ©rupf, ber feine leiben* 
fcbaftlicbe ©creßrung für Schumann, unb gwar oerftärlt, auf bie grau 
übertrug. 

Snnerlicß gaben ihr aus biefen Greifen wohl am meiften, außer 
Streichers, Selmar ©agge unb feine grau , wäbrenb fie bei ben 
©iareßefis Weber ntenfcßlicß nod) mitfifalifcb warm werben tonnte. 



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I by Cooglcj 



1864—1856. 



401 



Sie aber, bic ihrem mufifalifdjen Smpfinben in Sien am näcfjften 
waren, gehörten bem Seben nicht mefjr an. Zweimal ftanb fie an 
SeetljoüenS unb ©Huberts ©rab; baS erftemal flog habet ihr ©e* 
banfe gu bem, non bem fie wufjte, baß er ihr in biefem Slugenblid 
ber nädjfte war, gu ©rahmS. — „Sie wünfdjte id) iljn an meiner 
©eite, einige ©Icitter oon ben ©räbem fanbte icfj if)m w — ; baS 
zweite SUJal auf bcr Stütfreife, unmittelbar oor bem lebten Äongert, 
brarfj fie $weige aucl) für ben, ber einft twr Sfaljrett an biefer ©teile, 
ihrer gcbenfenb unb auf fie Ijoffcttb, geftanben. 

Senn Sieit ihre fünften (Erwartungen fowo^l nadj ber fünft* 
lerifdjen wie nach ber materiellen ©eite Ijiit erfüllt, ja übertroffen 
hatte, fo füllte bieS in nodj oiel fjöljerm ©rabe bie jweite £>aupt* 
ftabt ber Sortauinouardjie ©eft, woljin fie am 13. gebruar fid) 
auf ben Seg machte, tun. 

?WeS fam f)ier gufammen: bie fcfjöne Umgebung — oon ihrem 
®aftl)of |>otel be I’Surope ^atte fie bie „entgüdenbe SluSficht auf 
Ofen unb bie wunberbarfte Äettenbrüde, bie ich itod) je fat)," — 
bie tnufilalifdje Sltmofpljäre unb bie SiebenSwürbigfeit ber SKenfdjen; 
alles bieS Ejatte fie, in bem ©rabe wenigfteitS, nicht erwartet unb 
auch attbreS nidjt. 

3f)r mufifalifdjer ©erater, ber 9Jiufifalienf)änbler 9?oSgaoögti, 
war gunadjft in größter ©eforgnis über baS „für ©eft unerhört 
ernfte Programm (©eethooenS C«bur-- Sonate, Dfottumo unb Sm* 
promptu oon ßljopin, SDienbelSfohnS Variations s^rieuses, SraumeS» 
wirren unb „SeS SlbenbS" aus ben iß^antafieftüden, Sieb ohne Sorte 
oott ÜDienbelSfohn); aber nach bem erften Äongert (am 18. fyebruar) 
fagte er nichts mehr. Sie beiben folgenbett Äongerte am 23. unb 
27. gebruat, baS gweite mit bem (Quintett unb mit ber D=moH* 
Sonate oon ©eetfjoüen, baS britte mit ber F*moH<@onate oon ©ee« 
tfjooen unb bem „Äantaoal" als Äernpunften, mit ihrem, gu wahren 
©türmen anfcfjweHenbett ©ntfiufiaSmuS unb bem fdjticfjlid; gerabegu 
beängftigenben gubrang rechtfertigten ben äJiut unb ben ©ruft mehr 

Si (mann, Qtata €d|umann. II. 26 



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402 



1864- 1856. 



al« genug. 311« eine befonber« garte fpulbigttng empfanb fte e«, 
bah man ifjr nad) bem „Äarnattal", ber ben ©chluh bitbete, einen 
Sorbeerfrang mit einer ©Steife in ben ungarifdjen Farben für ben 
©cf)öpfer SRobert überreichte. 

Stber nicht nur auf ben Songertfaal blieben biefe freunbtic^en 
unb ertjebenben ©inbrüefe bcfc^ränft. £afj fie bei |)of — er refi* 
bierte gu ber 3eit ' u ^ßeft — fpielte, mar felbftüerftänblid), nicht fo, 
bah ber h°h e Äbel, ber Statthalter, ber mufifalifche @raf Slam 
an ber ©pifce, fie in ber licbensnmrbigften SSBeife bei jeber ®e» 
tegentjeit au«gciähnete. $o«h am atterbeften gefiel il;r ba« ©olf, 
ba« eigentliche, unb unter biefen mieber bie ßigeuner, „überwältigenb, 
rührenb, biefe ftinber ber SRatur mufigieren gu hören unb gu fehen 
babei, wie ihnen bie Äugen leuchten, alle 5Dlu«feln babei in ©ewegung 
finb, unb bann biefe« munberbare Smpromjieren unb immer 3«* 

fammenfinben!" Sßieüiel muhte ich an Solganne« babei benfen, 

wie hätte $en ba« entgücft!" 

©or altem aber Hang in biefen ©affen ihr ber Ston einer ©eige 
int 0l) r 'i fie wanberte ja auf Soadjim« §eimatboben. ©eine ßltem, 
feine ©efchwifter lernte fie lernten unb ging öfter« bei ben „bergen»« 
guten ©ienfehen" au« unb ein, wobei fie freilich gegenüber ber 
ÜDieinuttg ber gamilie, bah ber Sojepf) nicht genug Selb »erbiene, 
mit ihrer etwa« attberit Äuffaffung feinen gang leichten ©tanb hatte. 

äöie lieb man fie hier in ber furgen $eit gewonnen, geigte ihr 
„ber förmliche $ug bott ©efannten", ber fie am 28. gebruar auf 
ben ©aljnhof geleitete. @« war ein Äbfdjieb auf Söieberfehen, twit 
beibeti ©eiten gehofft unb gewünfdht. 

Über SS ien unb ©rag würbe bie .fjeimreife angetreten, unb 
©rag, ba« auf ber Hinfahrt nur eine 3lu«ruhftation abgegeben 
hatte, hielt fie jefct noch i u gtoei Äongerten am 6. unb am 9. Sföärg 
feft; audj hier hotte fie ba« ©efülgl, bah ntan ihr menfehlich unb 
fünftlerifch mit wirflidjem Slnteil uttb ©erftänbni« entgegenfam; 
namentlich Sofcf ftittl, ber ®ireftor be« Jlonferoatorium«, bot alle« 



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1854—1856. 



403 



ouf, ißr ben Stufentljatt fo behaglich wie möglich gu geftalten, unb 
ernfttid^ brängte man gum langem Verweilen. 

©ie aber, bie fcfjoit oor bent gweiten Bongert gefürchtet hatte, 
ihre Äräfte möchten nicht mehr auSreichen, gog eS nach §aufe. 9iid)t 
nur, weif fie baS SebürfniS hatte, nach *nef}r als gweimonatigen 
ftongertftrapagen einmal auSguruhett, fonbern weit fie »or allem neue 
Äräfte fammeln wollte für bie große Stufgabe, bie ihr bcoorftanb, 
bie Steife nach ®ngtanb. 

©nbe Januar hatte fie gang plöfälich ben ©ntfdjluß bagu gefaßt 
unb bei Sknnett angefragt, ob eS bort im grüßling günftig wäre. 
ÜKerfwürbigerweife hatte fidf ihr Srief mit einem ISennettS, ber fie 
bireft einlub, gefreugt „9?a<h einem Sage fcßweren ÄampfeS, ohne 
irgenb einen ratenben fffreunb", hatte fie fich entfchloffen, bie gwei 
für baS Philharmonie Äongert angebotenen GrngagententS angu* 
nehmen. Unb beShalb brannte ihr jefjt ber S3oben unter ben 
Süßen. 

9tur ein paar Sage gönnte fie fich SWaft in fieipgig unb genoß 
iwch einmal, gum tejjtenmal, im ißreußerfchen $aufe pflege, Sür* 
forge unb mit ihnen baS ^eimatögefühl, baS fie hier öom erften 
Sage an ftärfer empfunben als an irgenb einem anbem Ort. 3um 
lehtenmat, beim fßreußerS ftanben im Segriff, ßeipgig gu ocrlaffen 
unb nad) 2o<fwi& bei S)reSben gu giehen. ßlara, bie gwar eben 
erft eine ©inlabung, für ben plöhlid) öerljinberten Soacßim im ®e« 
wanbhauslongert eingutreten, abgelehnt hatte, freilich in erfter ßinie 
wohl auS Stüdficßt auf ihren Sater unb ihre ©djwefter — „ich 
Wußte, eS war bem Sater lieber, ich tat eS nicht, unb baS war 
mir genug, „nein" gu fagen“ — ließ es fich, f° fdjonungSbebürftig 
fie war, nicht nehmen, bei ber SlbfchiebSmatinee, bie im fpaitfe ber 
Sreunbe ftattfanb, mitguwirfen. „3ch hatte heimlich an ©torfhaufen 
nach SBeimar gefdjrieben, unb ber lam gu unfrer großen Über* 
rafdjung am Stbenb öorfjer an. 3ch War noch fch r matt, aber e§ 
ging boch alles gut öonftatten; ich fpiette gum Sefdjluß ben Äarnaöal, 

26 * 



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404 



1864 — 1866 . 



unb Stocfhaufen fang fjerrlidj niete Sieber Dom {Robert. Sldj, baß 
er bieS nie gehört f;at, wie würbe itjn bas erfreut haben!" 

Ifwei Jage barauf fdjlug bie SlbfdjicbSftunbe non ben fyreunben 
unb non ben {Räumen, in bencn in ihren glücftidjften Sauren „fo 
wandte tjerrlidje äRufif geflungen.“ 2lbfd;ieb nahm fie audj Don 
ben beiben ätteften Södjtem SDtarie unb Glife, bie feit furgem hier 
in einer {ßcnfion untergebradjt waren. Sltn 15. abenbS fpielte fte 
nodj in $amtooer mit Joachim bei {pofe, 24 Stunben fpäter war 
fie wieber batjeim: „Sßonncgefüfjl, bie häusliche ©emiitlidjfeit mit all 
bem Sieben, baS brinnen lebt unb webt, wieber gu genießen: 5Rur 
er, ber Siebfte, fcfjtt ja immer." 

2lud) Skaljms fjatte unrüt)ige unb ereignisreiche SSodjen hinter fidj, 
unb beibe hatten trofc ber ausführlichen regelmäßigen SJorrefponbeng fict» 
nie! 3 U erhöhten. §atte er bodj im 3anuar bie Seipgiger ntufifatifche Sit* 
mofphörc unb ihren Seliger greunbcSfreiS perfönlid) fennen gelernt 
unb fah SRenfdien unb Singe bort nun nicht bloß mit ihren 
Singen. $ort hatte er auch (Gelegenheit gehabt, Ginblid gu gewinnen 
in ben {ßlan einiger ffreunbe Schumanns nnb GlaraS, burch ßeich* 
nung einer jährlidjen Summe wenigftenS bie Soften für SdjitmannS 
Stufenthalt in ber Slnftalt Don GlaraS Schultern gu nehmen, unb 
fich in feinen Sriefen bemüht, ihr bie Sinnahme biefer ffpreunbcShilfe 
unter bem (GefidjtSpuuft „eines ®anf* unb Siebesopfers, baS man 
bem bereiten Sünftler bringe", nahe gu legen, ja gur Pflicht gu 
madjen. 

Gr felbft aber war — nacf> Stunben eigentümlicher Selbftfritif 
über bie (Grengeit feines fünft terifchen SchaffenSDermögenS — gu 
neuer Schaffenstuft erwadjt. §atte er noch am 12 . gebmar ge» 
flagt: „9Rich betrübt cS immer, baß ich bod) nodj nicht fo redjter 
SRufifante bin, aber idj habe latent bagu, mehr als wohl gewöhnlich 
bie jungen Seutc jeßt. GS wirb einem auSgetrieben. 3Ran füllte 
bie Knaben luftige SRufif machen taffen , baS Grüfte fontint bann 
fd)on Don felbft, nur baS Sdjmndjtlappige nicht. Söie gliicflidj ift 



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1854—1866. 



405 



bocß ber OJtenfd), ber fo wie 2Jio3art unb attbcre abenbg im 
Sßirtgßaug anfomntt unb neue Stoten fcßreibt, er lebt eben im 
©Raffen, er mad;t aber, wag er will", unb mit bem fomifcß« 
ne^weiflunggooll bewunbernben ©cßluß: „@o ein SJtenfcß!" un» 
wirjd; bie geber gerftampft, fo ßatte er bocß unter bem (Sinbrucf non 
3oacßimg „ßerrlüßen Variationen", in eßrlicßer Sewunberung unb 
in neibtofem Slufbticf ju ber Scgabung beg JreunbeS, bie er weit 
über bie feinige (teilte, bie „fd;önften Vorfciße" für feine Siücffeßr 
gefaßt: „ 2 Ser ein ißoet fein will, muß aucß bie ißoefie fornntanbieren; 
fagt ©oetße, glaube id;. 2Bie wenig !ann icß bag itocß, feße icß tag« 
ließ. 3d) geß noeß fo fcßücßtem unb jaßnt mit ißr um, als ob id; 
bocß fet;r zweifelte, baß fie mid; näßme.“ 

Slber auf biefe ißläne unb Hoffnungen legte ^unäcßft wicber 
bie ©orge um Stöbert bie läßmenbe §anb. Slngcficßtg beg an« 
bauernb troftlofen ^uftanbeg be» Oranten War Vraßmg feßon im 
SBinter auf beu feltfamen ©ebanfen oerfatlen, ißn in eine Äatt« 
wafferßcilanftalt 31t bringen, unb er ßatte mit bringlicßer Verebfam« 
feit Clara aueß wirfließ bafür 31t gewinnen gewußt. Stun berieten 
fie miteinanber, wie bag am beften unb fcßnetlften in bie Sßege 3U 
leiten fei, urtb Vraßmg übernaßnt eg, fid; nad; geeigneten Slnftatten 
um3ittun unb alleg Wäßrenb ißrer Slbwefenßeit in bie rießtigen 
SSege 31t leiten. Sßren SBunfcß aber, oor ißrer Steife ben Fronten 
noiß einmal 3U feßen, wußte er ißr gliidlicß auSsureben. 

©0 trat fie am 8. Slpril bie Steife nad; ©nglanb an, feßweren 
HersenS, alg ob fie eine Slßnuitg ßätte, wag ißr beoorftanb. „Slbfcßieb 
oon 3oßanncg fcßmcr3licß wie feiner 3itt>or", ßeißt eg im £agebucß 

am 8. Slprit, „nie oergeffe idß biefe troftlog einfame Steife! 

(non Dftenbe naeß ®ooer) . . . ®g war eine Stegennacßt fo traurig 
wie möglicß!" 

Unb nun fam Sonbon, fam (Snglanb, ein Gßaog non neuen, 
oerwirrenben betäubenben Cinbriideit, ein Cinblid in eine oöHig 
neue Sßelt, mit nießtg anberm aucß nur entfernt nerglcicßbnr, wag 



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406 



1854—1856. 



fie big^cr gefeiert uttb erfahren. „Sdj war mie betäubt, fonnte nur 
nad) Seutfdjlanb beuten, mein ganges §erg toar bort, ber tote 
Körper Ijier.“ Sllleg neu, alles fremb, alles unbeljaglid) unb unbe« 
quem, oon ber Verteilung iljrer 3 immer — baS ©djlafgimmer ^toet 
Sreppen tjöljer als baS 28of)ngimmer — angefangen, in allen 
SebenSgemofjnßeiten unb Hnfdjauungen, in ber 8 rt, SRufi! gu ge- 
nießen unb fD?ufil 51 t treiben, überall @egenfä$e, Gdeti unb 
fcßarfe kanten, mit benen jeber Sag, jebe ©tunbe Äoßifionen unb 
jebe Äoüifion ©djinergen braute. 

„$ier braudjt man gur Probe", fdjreibt fie nadj ber erften Probe 
gum pljilfjaroiomfdjen Äongert unter VennettS Leitung, „nidjt mefjr 
^cit a lg gur §Iuffüfjruttg, natiirlid; tarnt alleg audj nur mittelmäßig 
getjen." Vennett felbft, fßoberts alter gfrewtb, für fie in ber fremben 
Umgebung, gang abgefeljen oon feinem Veruf alg SDhifiter, ber ge- 
gebene Vertrauensmann unb Reifer, tommt djr licbeuSmiirbig ent- 
gegen, tut, mag er tann, entfpridjt aber meber alg 2 Renfcfj nodj 
alg Sirigent ben Vorftellungen, bie fie fidj in Seutjdjlanb oon 
Sflufitem feines IRangcS unb feiner Stellung gu machen gemöljnt ift. 
,,©r ift ein lieber SDtenfdj, aber fein Sirigent, frifdj unb cnergifdj, 
mie eg fein muß. @S ift ja audj nidjt möglich bei folgern fieben. 
Vennett gibt oon friilj 7 bis abenbS 9 Ufjr unauSgefeßt ©tunben, 
tomponieren ober fonft Partituren für bie Äongerte anfeljen, neue 
SKufit tennen lernen, bag tann er nur im SBagen, mäfjrenb er oon 
einer ©tunbe gur anbent fäfjrt. SBie bag ein SUienfdj auStjält, ift 
nidjt gu begreifen. " ©ruftlidj fragt fie fid), ob nidjt ifjre alte greunbin 
Pauline Viarbot, bie fie ljier gu iljrer großen greube miebertrifft, 
redjt tjat, menn fie behauptet, baß bei biefem Seben „bie Seljrer in 
£onbon alle oerbummen." Slber bag befdjränft fiefj nidjt allein auf 
Sonbon, überall roo fie tjinfommt, in äliandjefter, in Sioerpool, in 
Subliit baSfelbe Sagen nadj bem ©elbc, bie fiebembc SrmerbSlje&e, 
als ob für ben Äiinftler bie Äunft als ©etbftgmecf gar nidjt oor- 
Ijanben fei, nur ein Sföittel, um möglidjft oiel (Selb in möglidjft 



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1854 - 1856 . 



407 



furjer 3eit ju erwerben, wie ©eibe ober Zee ober 3uder. Unb 
jwar finb bas jum Seit bie präcfjtigften $D?enfdf)en non bcr 28ett. 
©o bie SRobinfonS in Sublin, bie mufifatifdjen Sonangeber in bet 
irifdjen |>auptftabt. Sr als Seljrer im ©efang, fie am fitaoier, fie 
„bie mufifalifd^fte ©pieterin, bie idj neben gönnt) fjenfel gehört". 
S^re ganje ißerfönlidjfeit oon aufjerorbenttidjer ©ra^ie unb „gart« 
gefügt im Umgänge Wie in ber SDtufif, bas midj aufjerorbenttich ju 
iljr tjin^og", fdjreibt Clara. „Studj als ©attin lernte idj fie lieben. 
SBeibe £eute leben äufjerft gliicftidj, freitid) aber eine f)äu§tidje 
©emüttidjteit fudjt man in Sngtanb bei Äünftlem oergcbtid), fie 
Oerbienen ©etb oon früh bis abenb, jeber ifjt ju Mittag, wenn 
er gerabe eine Sicrtetftunbe ertjafd^t .... Stur am SIbenb fpät 
ba finben fie fid) jufammen, tjalb tot, ermübct oon beS SageS 
Saften." „SBewunberungSroürbig aber", fc^t fie Ejin^u, „war mir 
bei ber grau bie grifdje, bie fie fid) bod; bei alte beut fürchter- 
lichen Arbeiten für bie SDiufi! bewahrt." 216er baS finb 2luS> 
nahmen, bie Majorität fann in biefer fpefcfagb als SJtenfdj unb als 
Äünftter baS 3?ioeau nicht halten. Unb babei finb Sente brunter, 
bie äum ©röfjten berufen finb. ©o ber Gellift ®iatti, „ber SJtenfd) 
fpiett mit einem Zon, einer Sraoour, einer «Sicherheit, wie idj’S 
nie gehört", aber ift babei „inbifferent in einem ©rabe, wie ich 
e§ nodj niemals bei einem Äünftler faf)." Unb banebeit eine 
©eftalt wie Dr. SBplbe, ber Seiter ber ßonjertc ber »New Phil- 
harmonie Society«, ber mit Clara am 12. 9)lai ©djumannS A«moH» 
Äonjert bringt. „Cs war eine fürchterliche $robe", fdjreibt Clara, 
„benn ber Dr. SBptbe ift eigentlich 9 ar fein orbentlidjer 3D7ufifer 
unb tonnte im testen ©af) ben SUjptfjmuS nicht begreifen. 3n ber 
Aufführung brachte er ganj allein baS Drdjefter ganj unb gar 
IjerauS, eS fanb fidj aber rmbegreiflicherweife wieber hinein." Unb 
auch an ben fidier oerbienftootlcn 3of)n Gila, ben Seiter ber 
„Musical Union", muh fid) ein an tontinentate Äonjertgebräudje ge* 
wöhnter SUlenjdj erft gewöhnen: „©ein fßublitum finb feine fiinber, 



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408 



1854-1856. 



fte gehorchen ifjnt aufs SBort, taut fpricfjt er mit ihnen, berweift fic 
^ur Slulje, Wenn fie taut fiub, fängt nicht eher an, at§ bis feiner 
mehr fpridjt, niemanb barf eS wagen, wäfjrettb ber Söhtfif ju 
gehen jc." 

^immerhin ift er bodj ein ©iann, bem eS ®mft ift, unb 
ber fid) unb bem ißublifum nichts fdjenft. Aber er ift eine AuS* 
nähme. „Sßrobcmadjen nennen fie f)ier ein Stiid einmal burdj s 
fpicten, aber an irgenb eine feinere Ausarbeitung ift ba gar nidjt 
gtt benfen, unb ba§ ©ublifutn tä§t ficf> baS gefallen! Sie ftünftter 
finb fdjulb baran, wenn fie im gefetligen ©erfeljt bon ben ®ng> 
länbem nidjt ats ihresgleichen angefehen werben, weit ihnen nichts 
ju niebrig ift ju erhüben, wenn fie nur @e(b üerbienen. SBie 
fchtecht paffe idj hierher! Sie tadjen mich gerabeju aus, wenn 
ich meinen Abfdjeu gegen fold)eS Sreiben auSfpredje" (11. SDiai). 

$atte fie recht bantit, mit bem „33ie fdjtedjt paffe ich h' er h er '"’ 

Sit bem Sinne, wie fie es meinte, fid)er! 

Aber audj noch in anbenn Sinne. 

SEßaS für ein (MjeimniS cS fei, mit biefer ftunft, bie bie ftittc 
emfte bcutfdje grau, mit ben melandjolifchen Augen unb bem 
fchwermiitigen Sädjetn, biefe „SRabame Schumann", bereit Sd)id* 
fat fo pityfull war, ihnen 2>/ 2 SDiottate tang in ßongerten ber> 
fchiebenfter Art, immer gleich grofj un & gtcidj bomefjm, in weldjer 
Umgebung fie auch Auftreten modjte, braute, baS ift, wenn überhaupt, 
bamatS nur ben alterwenigften in Sngtanb aufgegangen. Sah fie 
nicht fei wie bie anbern, bie jahraus, jafjrein oom geftlanb 
bcrfdjriebett würben, um Sonbon wätjrenb ber Saifon mufifatifch ju 
unterhalten, baS merfte man wohl halb, aber bafj biefeS „Anbere“ 
nidjt ber romantifdj=me(andjolifdje $auber war, ber bie grau beS 
unglüdtichen SRobcrt Schumann uinfchwebte, fonbern eine felbftänbige 
fünftterifche ißerfönlidjfeit, baS ju erfaffen, brauchte eS noch Saljre. 

ÜBätjrenb eines Aufenthaltes bon fnapp brei SKonaten trat fie 
in 26 Äonjerteu öffentlich auf, ohne, trofcbetn man eS an ©eifaß 



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1854 — 1856 . 



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ttttb äußern Sßntngen — fie fpiette oor ber Königin, unb bie 
„Reunion des artB" gab (am 18. 3uni) eine Soiree musicale »in 
honor of Madame Clara Schumann«, bei bet nur ©eßuntannfcße 
©tücfe gefpielt mürben — nießt festen ließ, baS ©efiißl ju ßabeit, beit 
2euten, SRufifent Wie ißublifum, innerlicß baburcß näßer ju fommcn. 

„Sie fiitb fureßtbar jurücf", Ragt fie, „ober oielmeßr einfeitig, oon 
teueren wollen fie feinen gelten taffen außer ÜJiettbelSfoßn, ber ißr 
©ott ift! $ie 2inteS geßt immer ßinten ßerum, toeitn eS etwa« ooit 
Stöbert ju bcfprecßeit gibt." 

3)aS ftingt oielleicßt ungeredjt, wenn man erroägt, mieniel ©cßu« 
mann unb Seetljooen fie in biefen SBocßen fpielte unb immer not 
öoHen Sälen; unb bocß ßatte fie reeßt. 23ic Kluft amifcßen beit ißr 
jnr jmeiten Statur geworbenen Änfcßauungen über Kunft uttb Kunft« 
Übung unb benen ber SDfcnge, für bie fie fpielte, mar einftwciten 
ttocß uniiberbrütft. 

®rei Vorfälle, oon benen jwei jufäUig in bie leßtc SBocße ißrer 
Slnwefenßeit fielen, beioeifen baS oielleicßt am feßlagetibfteit. 

Slm 23. Suni war eine Sluffiißrung ber „ißeri" unter Sennett unb 
mit 3ennp Siitb als i|3eri. „3eß fang mit", ßeißt eS im Xagebucß. 
$ieS für fie ©elbftoerftänblicße würbe üom ißublifum als etwas, wenn 
nießt gerabeju XaftlofeS, bodß feßr SRerfwürbigeS entpfunben unb be« 
lädjelt. Unb bie beutfeße Künftlerin wieber empfanb eS als min« 
bcftettS befrembenb, baß wegen ber Slnwefenßeit ber Königin bie 
Slufmerffamfeit beS fßublifumS faft auSfcßließlicß auf biefe oortreff» 
ließe, aber mit bem Kunftwerfe in gar feinem urfäeßließen gufant» 
menßang fteßcube ertaueßte grau foitgentriert war. Unb ebetifo emp« 
fanb eS bie beutfeße Künftleriit als nießt nur merfwürbig, fonbern 
ungebilbet, baß in einer ©oiree, bei ber Sabß Düerftone, bie ©efett« 
feßaft ungeniert wäßrenb ißreS ©pieleS Konoerfatioit maeßte. ©ie 
aber ließ fieß baS nießt gefallen, mitten im Spiel ßörte fie auf unb 
fagte ber ttunmeßr aufßorcßettben ©efeßfdßaft, fie fei nießt gewoßnt, 
iu fpielen, wenn man Konoerfatioit maeße. „3cß ließ bie Jfjänbe 



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410 



1864- 1866. 



im ©djoofje ruhen unb fing nid^t efjcr wieber an au fpielen, als bis 
alles ftiU war." „Xäten ba$ bie Äünftler alle", fügt fie ^inju, 
„wären fie mehr geachtet. Kachbem bieS gcjdjehen, wie anberS 
refpefttoQ waren bie Seute. $agS barauf erhielt ich nodj ein 
artiges Gnttjdjulbigung3fd)reiben ber jungen Sabp." 

Sßaren baS Saftlofigfeitcn, wie fie immerhin and) anberWärtS tor 
fontmen fömteit tmb bie, wie ber lefcte SSorfatl beweift, nur gerügt 
an werben brauchten, um fofort burdj bie formen feinfter SebenS» 
art wiebcr gutgcmadjt a« werben, fo bedte ein ©orfatl in intern 
lebten Stöbert am 2. 3uli mit fefjueibenber , faft fotntjd) wirfenber 
Süiffonana ben Unterfdjieb awifdjen beutfdjem unb engtifd^em ÜJlufif« 
gefdjtnacf auf. @3 War baS britte fßianofortefonaert ton §olme3 
in „The Queens Concert Rooms Hannover Square", aus 24 
Kümmern befteljenb unb an bie 5 ©tunben bauernb. „3>aS war 
aber bas non plus ultra", fcfjreibt fie, „ton einem fdjledjten Stonaert! 
xd) fdjjäntte ntief) unter all biefem fürdjtcrlidjen 3 eu 9-“ ®a§ ®efte 
ober tielmeljr ©d)limmfte aber war, ba| fogar in ber ©aufe 
awifc^en bem erften unb aweiten Seil feine ©djonaeit gewährt 
würbe, fie würbe auSgcfüüt burd) Drgel, „wo einer ben ©e* 
burtStagSmarfd) aus KobertS tierfyänbigem Sllbunt unb ben As*bur« 
Station au§ ben ©tubien fpielte! SaS festere flang nicht fchledjt, 
aber ber ©eburtStagSmarjd) gehört au Öen unbegreiflichen Singen, 
wie fie nur in Qntglanb torfommett fönnen!" 

Srojjbem würbe cS fein ridjtigeS ©ilb ber Gntpfinbungen geben, 
mit benen fie baS erftemal ©nglanb tcrliejj, wenn mit biefem mufi* 
falschen Kiifjgriff unb SD?if;flang bie ©djlufjnote über ihren 
bortigen Stnfentfjatt gegeben werben füllte. 

Kein, tro^bem fie in jeber ©eatefjung in unglüdElidjer ©tunbe 
nach Gnglnnb gefommett war, tro^bem fie in biefen SKonaten 
innerlich baS bitterfte fieib auSgeftanbcn unb tro^bem fie, wie 
gejagt, in fiinftlerifdjer ffleaiefjung fid) beim Scheiben l)iet ebenfo 
cinfam fühlte wie am erften Sage, fie hatte hoch ben ©oben unb 



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1854 — 1856 . 



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bie Seute lieb gewonnen, bie guten tm SJtufifunterrichtSfronbienft 
fiefj aufarbeitenben altjüngferlichen Sftiß 93uSbt)S, ihre SEBirtinnen, 
in beren ungcmiitlidjen Shnmern fie jo mand) ftiHe dräne »er« 
gojjen, bie downSenbS in GamberweU, beren ©aftfreunbtidjfeit fie 
in danfbarfeit jo mannen ftiUen Sonntag genojfen, bie SoudjatjS 
»or allem in SRandjefter (Verwanbte »on SRenbelSfohnJ, bie 
93enneteS mit il)rem beutje^en SreiS in GamberweU, bie [RobinfonS 
in Dublin, bie VennettS in Sonbon; es hatte if)r gefallen in ben 
ftiUen grünen ißarfs unb im Schatten ber eljrwürbigcn denfmäler 
großer Vergangenheit, beS Corner, ber 2Beftminfterabtci, ber Sirdjc 
»on St. ißaulS, gefallen auch * m ÄriftaUpalaft, tro^bem fie erft 
meinte, {ein ©lang paffe nur für frohe ÜRcnfdjcn. Unb jo heiß fie bie 
Stunbe beS SlbftfjiebS feit 2Bod)cn erfehnt, jo oft fie im Vcgriff gewefen, 
alles absubredjen unb nadj §aufe ju eilen, fie jdjieb hoch „trofc aU bem 
jdjrecflichen Summer, ben ich h* er burchgemacht", »nie fie fchreibt, 
„unter dränen." „GS ift bod) jonberbar, baß einem gerabe 
[Räume, wo man »iel Summet erlebt, »iel dränen »ergojfen, jo 
lieb Werben fönnen." Slbcr eS war, wie gejagt, nicht baS allein. 
„Übrigens", bas ift ihr Slbjdjiebswort beim Verlaffen beS cnglifdjeit 
VobenS, „liebe ich ben englijehen Gljarafter jehr. 3) er Gnglänber 
ift erft fall, fcfjwer zugänglich . . . aber einmal warm, ift er eS für 
immer, ju jeber $muibjd)aft fähig! Sch hatte einige SJicnjdjen rcdjt 
lieb gewonnen." 

die tränen beim ?lbfd)ieb aber galten auch bem, was ihrer 
baßeim wartete, denn in biejen SDtonatcn, in »öHiger Ginjamfeit 
in ber {frembc, hotte jie auch ben lefcten Schimmer ber immer nod) 
nicht ganz erftorbeneit Hoffnung erlöjdjcn jehen; acht Jage nach 
ihrer Slnfunft, am dage ihres erften öffentlichen SluftretenS in 
Sonbon, hatte fie ein 93 rief »on VraljmS erreicht, ber ihr als Gr« 
, gebnis feines VejudjeS in Gnbcnich mitteilte, baß ber guftanb 
[Roberts nicht nur jeben ©ebanfen an einen dranSport in eine 
anbre 9lnftalt auSfdjließe, jonbern baft auch ber Ärzt burdjauS zu 



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1854 - 1866 . 



einer oülligen ©enefung feine Hoffnung mefjr f»a6c. (Sr felbft Ijattc 
mit iljm gefprodjen, unb ber Äranfe fjatte gmat greube bei feinem 
Slnblicf gezeigt, mar aber nicht imftanbe gemefen, fidj auberg alg in 
einzelnen mirr burcheinanber hufdjenben, unartifutierten Sßorten »er* 
ftänblidj gu machen. Sä mar fein $meifel mehr möglich, bag mar 
ber 3litfang üom (Snbe, unb bag einzige, mag man münden fonntc, 
mar, baß bieg (Snbe nidjt mehr fange auf ficfj märten taffe. 

„Soldj ein 93rief", fjeifit eg im Sagebuch, „unb Ij eute abenb 
mußte idj gum erftenmaf öffenttief) fpiefen .... 3^ fonnte feinen 
Son ben gangen Sag fpiefen, taut meinen mußte idj non früh big 
abenb, unb fo nun, abgemattet, betrübt, fufjr idj ing ft o tigert. Ser 
Jfjimmel mar gnäbig, eg ging allcg feßr gut, idj reüffierte »oll« 
fommen, aber bag mußte idj, biefer Sag unb nodj Diele tränenreiche, 
bie folgten, foften midj einen großen Seif meiner ©ejunbljeit . . . 
SDJeine Sage maren auggefiifft mit Sränen", heißt eg ein paar Sage 
fpäter, „unb abenbg im fflett befällt midj gemöhnlidj ein foldjer 
SBeinframpf, baß idj immer üergefjeit gu müffen meine. fRicharg 
fdjreibt mir gang offen, baß er unrettbar oerforen ift." 

Ser eingige §alt unb Sroft maren rnieber unb mehr afg je, 
außer ber ftrcngften Pflichterfüllung in aufreibenber 3lrbeit, bie 
Sricfe beg greunbeg, ber nicht miibe mürbe, ihre ©ebanfen abgu* 
fenfen unb ihr burdj garte Slufmcrffamfeiten, ernften gufpruch unb 
heitern §umor über biefe quafooüen Stunben einfatnen ©rübefng 
hinmegguheffen. 3 U feinem eignen ©eburtgtag am 7. SDZai h atte 
er fie mit einer guge in Amtoll iiberrafdjt. „Sch fdjrieb ifjnt lang 
barüber", heißt cg im Sagebuch, „überhaupt fdjrieb ich ih m fiel, 
unb bag maren mir bie erträglidjften Stunben. " §tm Sage oor 
Ütobcrtg ©eburtgtag fanbte er ißr bie „munberbar fchöne, innige gtge 
in AsanoH. Sie mußte, baß er am „Sdjmergetigtage" felbft ben ©* j 
liebten auffueßen unb ihm ben großen 3ttlag »oit if)r bringen mierbe,^ 
ben jener fidj für feine neuefte Sefdjäftigung, bie alphabetifchc 3u* i 
fammenfteQung oon Stabte« unb Sänbernamcn, gemünfiht hotte. 



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1854— 1856. 



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„Sraurige 92ac§ric§ten bon 3ot)anneg über dotiert", tjeifjt eg 
3 Sage fpäter: „6r fjat ifjn wenig beamtet, fonbent immer im 
Slttag (wodjentang fefjon feine fiele Sefdjäftigung) ftubiert mtb 
SBorte Ijerauggefudfjt, bie fidj gut berfefcen liefen ic. ic. 3of)amte§ 
war einige ©tunben bei ifjm unb wußte mir uidjtg gu ersten. 
3dj war gang aufgetöft im ©djntcrg! — " 

Strn 4. 3uti fonnte fie enbtidj in Stntwerpen bag gefttanb wieber 
betreten, bon bent bort ifjrer tjarrenben Jreunbe aug tebenbiger 
@rgäf)tung beit lang erfefjnten Sroft fcfiöpfen, fidj aber gugteidj nur 
bie traurige 2Baf)rt)eit beftätigen taffen, baß atleg imwiberbringticf) 
bertoren fei. SIm 6. 3uti traf fie, nacfjbcm fie bon Antwerpen aug 
mit ißm nod; einen Stugftug naef» Dftenbe gemadjt, um bem greunbe 
bort bag SReer gu geigen, nad) breimonatiger Slbwefentjeit in Süffel« 
borf ein. ÜRur wenige SRufjetage, in benen fflratjmg ißr feine beibeit 
gugen borfpiette unb abcitbg ptattbeutfdje SRärcfjen bortag, folgten. 

(Sigenttidj war gu beiberfeitiger Srfiotung eine Öifjeinreifc, wie 
ein 3af)r borßer, in Stugfidjt genommen, aber ein Unwotjtfein bon 
Srafjntg madfjte bie Stugfüßrung einftweiten unmögtidj. 

£Rod) immer fjatte fie bodj feine Stimmig babon, wie naße bag 
Gnbe fei, trofcbem fie fdjon wätirenb ber testen SSodjc itjreg Slufent* 
tjatteg in Gngtanb erfahren tjatte, baß ber Stranfe wegen gefdjwoltener 
giiße bag Sett fjiitc unb, wenn irgenb mögtidj, auefj im S3ett gesotten 
werben folte, ba er in teßter geit fe^r bon Kräften gefommen fei. 3a 
fetbft, atg fie am 14. 3uti, bon Unruhe gepadt, mit grt- 3ung£ nad) 
Sonn fäßrt, um iRicßarg gu fpreefjcn unb ifjm gu fagen, baß fie ben 
itranfen fefjcn wolle, ift fie gwar wie oom Stijjftrafjt getroffen bei 
ber ÜRitteitung beg Slrgteg, baß er ifjm „fein 3aljr ßeben meljr 
berfprcdje", aber baß ber Sobegenget fdjon auf ber ©cfjwclle 
fi|e, fommt ißr nidjt in beit ©inn. Stm 16. 3uti beginnt fie 
mit Srafjtng gufammen bag SRibetungentieb gu tefen, am Sag 
barauf gibt fie gwei neuen ©djüterinnen (bie eine war itjre eng« 
tifdje SSirtin, 9Riß ©mmp tBugbp, bie für einige Söodjctt bei 



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414 



1854-1866. 



ifjr ftubieren wollte) bie crften ©tunben. fontmt am 23. 3uti 
bie ®epefche aus (Snbenid): wenn fie Stöbert nod) am 2 eben feljen 
wolle, folle fie fommen. 

©ie fäfjrt fofort mit S3rahmS unb grl. 3ung£ hinüber, finbet abet 
bei ihrer Slnfunft bie ©efahr für ben Slugenblicf ooriiber; „3ol)anne§ 
fab i£jn , bat mich aber mit bem Slrgte, ifjn nicfjt gu fefjen, fteHte ■ 
eS mir als fßflidjt für meine ffinber öor, id) bürfe mich liiert fo er« 
f (füttern jc. Äurg, id) reifte guriid unb ^atte 3l)n nidjt gefefjen. 
Stber id) hielt eS nicht lange aus, ber Sdjmcrg, baS ©ebnen nach ih m « 
ach, nur einen 93(id noch öon *h m 3 U erhalten, ihn meine Stäbe 
fühlen gu taffen — id) muhte hin unb reifte ©onntag beit 27. wieber 
mit 3ol)anne§. 3<h f a h 3h n « eS 113 ar abettbs gwifchen 6 unb 7 Uhr. 

(Sr lächelte mich an nnb fcfjlang mit großer Slnftrengung, beim er 
lonntc feine ©lieber nicht mehr regieren, feinen Slrm um mich — 
nie werbe ich öergeffen. Um alle ©chäfee gäbe ich ^ e fe Um- 
armung nicht wieber hm. UJtein Stöbert, fo mufften wir uns wieber« 
fehen, wie mühfam muhte i<h mir beine geliebten 3üge herüorfudjen; 
welch e * n ©«hntergenSanblicf! 

Stör 2'/ 2 fahren oon mir geriffen, ohne Slbfcf)ieb, was alles 
auf bem bergen, unb nun ftiK gu feinen güfjen lag ich, wagte lauw 
gu atmen, unb nur bann unb wann ein ©lief, gwar umnebelt, aber 
bod) fo unbefchreiblich mitb, würbe mir. 

Stiles um ihn mar mir fo heilig, bie 2uft, in ber er, ber eblc 
SJtann, mit atmete, ©r fpradj fiel immer mit ben ©eiftent, wie eS 
fdjien, litt aud) nicht lauge jemanb um fich, bann würbe er unruhig, 
üerfteljen aber tonnte man faft nichts mehr. Stur einmal oerftanb ich 
„meine", gewih wollte er „ßlara" fagen, benn er fah mid) freunbtich 
babei an; bann nod) einmal „ich fcnnc" — „SDid)" wahrfcheintich. 

SJtontag, ben 28., waren wir, 3of)anneS unb ich, &en gang en 
Xag braufjen, immer ab unb gu bei 3h m < oft aber auch llur burd) 
bn§ fleine ffenfterdjeit in ber SBanb nach 3h m btiefenb. (Sr litt 
fchredlich, obgleich ber Slrgt eS nicht meinte, ©eine ©lieber waren 



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1864-1856. 



415 



in forttt)flf)renbem $ucfen, fein Sprechen oft feljr heftig. 21 $), ich 
mußte ©ott bitten, ihn gu erlöfen, »eil icfj ifjn ja fo lieb hatte. 

Sr nahm fchön feit SSodfjen nichts als etwas SBein unb ©elee 
gu fid) — heute gab ich eS ihm, unb mit bet glücftidjften SDiiene unb 
wahrer Jpaft natjm er eS, ben SBein fdjlürfte er öon meinem 
Ringer — ach er wußte, baß icf) eS war . . . 

Dienstag, ben 29., follte er befreit werben öon feinen Seiben — 
nachmittag 4 Uhr entfcfjlief er fanft. ©eine testen ©tunben waren 
ru^ig, unb fo fdjlief er auch gang unbemerft ein, niemanb war in 
bein 2tugenblicf bei ihm*. Sch faf) ihn erft eine halbe ©tunbe 
fpäter, Soachim war auf eine SDepefdje oon uns aus ^eibelberg 
gefommen; bieS hatte mich länger in ber ©tobt guräcfgehatten als 
gewöhnlich nach lifcf). 

©ein Sbpf war fchön als Seiche, bie ©tirn fo fchön flar, fanft 
gewölbt. Sch ftanb an feiner fieiefje, beS heißgeliebten SRanncS, unb 
war ruhig; all mein ©mpfinben ging auf in ®anf gu ©ott, baß 
er citblich befreit, unb als ich an feinem ffiette nieberfniete, ba 
würbe mir fo heilig gumute, mir war, als fdjwebc fein herrlicher 

©eift über mir — ach, hätte er mich mit fich genommen. Sch 

fah ihn heute gütest — einige ©turnen legte ich ih m noch aufs 
§aupt — meine Siebe hat er mit fich genommen! 

Sfiittwoch, ben 30., übergab mir Jrl. Dieuntont SRobettS 

©adhen . . . SRir tat eS fo weh, wa S ich nuK berührte 

meine ©riefe, bie er mit einem rofa ©aitb gufatnmengebunben, unb 
bie ©ilber ton mir, ben Stinbern, SohanneS unb 3oadjim, an benen 
er fich f° °ft erfreut. ®aS meinige terlangtc er noch an bem 
2lbcnb gur fetben ©tunbe, als ich &en feften ©ntfchluß faßte, gu 
ihm gu eilen. 2111 feine ©apiere waren in befter Drbnung, feine 

Begleitung t)er 24 ©tüben ton ©aganini, öon ihm felbft fcljr 

fauber gcfchrieben . . . 

* Xanacf) tft bie SSorftctlung ber lebten Slugenblicfe Bei Salbecf a. a. O. I, 
©. 292 ju berichtigen. 



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1854 - 1856 . 



Donnerstag, ben 31., abenbS 7 Utjr SBegräbniS! ich mar ir. 
ber Keinen Kapelle auf bent fttrcf)f)of, ict) fjörte bie Drauermuftf, 
je^t mürbe er tjinabgetaffen in bie ©rbe, bod) batte id} ein Kares 
©efüf)!, bafj nicht et eS war, fonbem nur fein Körper — fein 
©eift mar über mir, — wobt nie inniger mar mein ©ebet als in 
biefer ©tunbe. ©ott gebe mir ßraft, ju leben ohne ifjn. 

SobanneS uitb Soachim gingen bcm ©arg üorait, bann trugen 
einige auS ber 5lonforbiagefelIfcf;aft, bie Ujm früher in Diiffetborf 
einmal ein ©tänbcben gebracht, feinen ©arg, eine ©brcnbejeitgung i 
Die Sürgermcifter gingen mit, Ritter mar auch non $ö(n gefommen, 
fonft aber feine greunbe. 3cf) b atte cg nicht befannt gemacht, meit 
ich nicht miinfchte, bafj niete $rembe fämeit. ©eine ticbften fjreunbe 
gingen ja noran, ich hinterher (unbemerft), unb fo mar eS am beften, 
gemifj in feinem ©inne! ©o mar benn mit feinem Eingang alt mein 
©lücf bahin! Sin neues ficben begann jefct für mich • • 






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